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Full text of "Die universitäten des mittelalters bis 1400"

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IHM liHBIIEIIi lllil 

CUBBERLEY LIBRARY 




STANFORD >^p/ UNn'ERSITY 
LIBRARIES 






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DIB 



UNIVERSITÄTEN 



DES 



MITTELALTERS BIS 1400. 



VON 



P. HEINRICH DENIFLE, 

AUS DSU PRBDIUKRORDBN 
DNTERARÜHIVAR DBS Uli. STUIILBS. 



ERSTER BAND. 

DIE ENTSTEHUNG DER UNIVERSITÄTEN DES MITTELALTERS 

BIS UOU. 



BERLIN. 

WRIDMANNSCHE Bli^HHANDLUNG. 



1885. 

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DIB ENTSTEHUNG 



DER 



UNIVERSITÄTEN 



DES 



MITTELALTERS BIS 1400. 



VON 



P. HEINRICH DENIFLE, 

AD8 DBM PREDIOBRORDKN 
UNTBRAROHIYAR DBS HL. 8TDHLB8. 



BERLIN, 

WEIDMANN8CHE BUCHHANDLUNG. 

1895. 



^ LIBRARY ^ 

I OF THE 

LELAND STANFORD JUNiUR 

l^ UNIVERSITY. ^ 



IMPRIMATUR 
Fr. Aognntinns Baum O. P., S. P. A. M»g. 



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'^ 



C 



SEINER EMINENZ 



DEM HOCHWÜRDIGSTEN HERRN 

JOSEPH CARDINAL HERGENRÖTHER 

PRAEFECTEN DES VATICANISCHEN ARCHIVS 



IN 



TIEFSTER VEREHRUNG UND DANKBARKEIT 



GEWIDMET. 



Vorwort und Einleitung. 



Ueber das Entstehen dieses Werkes fühle ich mich um so 
mehr veranlasst die Leser aufzuklären, als meine Freunde auf 
dem germanistischen Gebiete mit gutem Rechte eine Ausein- 
andersetzung von mir verlangen können. 

Während ich mit der Ausarbeitung einer Geschichte der 
deutschen Gottesfreunde im 14. Jh. beschäftigt war, wurde ich 
Herbst 1880 in Ordensangelegenheiten nach Rom berufen. Bei 
Durchmusterung der römischen Bibliotheken und Archive wurde 
es mir sofort klar, dass ich an eine Vollendung meiner Arbeit, 
fOr die in Rom fast alle Materialien fehlen, vorderhand nicht 
denken dürfe, wenngleich ich durchaus nicht gewillt bin auf 
diesem Gebiete einen Mann, dem ich gründliche Quellenkenntniss 
und wahres Verständniss für die Eigenart germanischer Mystik 
absprechen muss, nach Herzenslust schalten und walten zu 
lassen. Zunächst war ich nur bestrebt, den einen Punkt über 
die Prophezeiungen des 14. Jhs. bezüglich bevorstehender Kata- 
strophen aufzuhellen. Die genetische Entwickelung der Frage 
führte mich auf ähnliche Erscheinungen im 12. und 13. Jh. 
Meine Beschäftigung mit Abt Joachim und dem Evangelium 
aetemum sowie mit den Schicksalen des letzteren an der Uni- 
versität Paris um die Mitte des 13. Jhs. brachte mich zur 
Ueberzeugung, dass die Forschungen darüber ganz ungenügend 
sind. Beim weiteren Studium wurde mir klar, dass auch die 
bisher bekannten Resultate über den Streit der Universität mit 
den Bettelorden äusserst problematischer Natur seien. In 
Folge dessen dachte ich an eine Publication: Die Universität 
Paris und die Bettelorden in der ersten Hälfte des 13. Jhs. 



Vm Einleitung. 

mit einem Anhange über das Evangelium aeternum, machte aber 
im Verlaufe der Arbeit die Beobachtung, dass Du Boulay uns 
alle hinsichtlich des Entwickelungsganges der Universität Paris 
in die Irre geführt hat. Ich Hess es mich nicht verdriessen, 
noch einmal von vorne anzufangen, um eine Geschichte der 
Schulen und der Universität zu Paris bis zum Ende des 13. Jhs., 
in der naturgemäss meine bisherigen Forschungen verwertet und 
die bereits studierten Fragen ihre Stelle finden sollen, zu ver- 
fassen. Damit jedoch endlich einmal der Grund zu einer Ver- 
fassungsgeschichte der mittelalterlichen Universitäten gelegt werde, 
unternahm ich es um Paris die übrigen Hochschulen bis zum 
Ende des 14. Jhs. zu gruppieren. 

Die beiden ersten Bände beschäftigen sich überhaupt mit 
den mittelalterlichen Universitäten, drei weitere werden aus- 
schliesslich der Universität Paris gewidmet sein. 

Dass es an einer quellenmässigen und kritischen Forschung 
über die mittelalterlichen Universitäten mangle, ist die oft 
widerholte und berechtigte Klage. Diesem Umstände mag es 
wohl zum Theil zuzuschreiben sein, dass die genannten Univer- 
sitäten in unsern Handbüchern der Universal- und Kirchen- 
geschichte so stiefmütterlich behandelt werden. 

Die bisherige Universitätslitteratur bietet uns kein 
besonders erfreuliches Bild. Die älteren Arbeiten, die sich 
zugleich auf die spätere Zeit erstrecken, sind kaum nennens- 
werth, und kommen in der Regel über eine nackte Nomenclatur, 
die zuweilen mit einiger Litteraturangabe versehen ist, nicht 
hinaus^). Dies ist um so sonderbarer, als die Geschichte 



1) Ich erw&hne hier nor einzelne von denjenigen, die man noch bis jüngst 
hie und da benutzt hat, and sehe von den Abhandlangen in encyclop&dischen 
Werken ganz ab. Guolphgangas Jastas Francophordianas, Omniam acade- 
miaram et qaaramdam illastrium scholaram totius Europae erectiones, fan- 
dationes, confirmationes. Francoforti 1 554. Middendorpias, Academiarum 
orbis christiani libri dao. Coloniae 1572 (die späteren vermehrten Aasgaben 
kenne ich nicht). Panzirolus, De claris legum interpretibns. Lipsiae 1721 
(2. und 4. Buch c. 1— 8). Immanaelis Godofr. Goezii Geographia academica. 
Norimbergae 1789. Etwas mehr gibt Keaffel, Historia originis ac pro- 
gressas scholarum inter christianos. Hclrostadii 1743. Der Autor hatte 
Launoius, De scolis celebrioribus (Paris. 1672 in 12 ^ und Opp. omn. IV, 



Einleitung. IX 

einzelner Hochschulen bereits bearbeitet vorlag. Erst Mein er s 
schlug ein von seinen Vorgängern verschiedenes Verfahren ein ^). 
Doch unterschreibe ich vollends das Urtheil, welches Savigny 
über dessen Leistung fällte, es sei mit dieser Geschichte sehr 
wenig gethan. Ich vermag sie nur ein Durcheinander zu 
nennen. Ueber alles Mögliche wird gesprochen, jedoch ohne 
Methode und ohne dass es dem Verfasser gelungen wäre, das 
Material zu einem übersichtlichen Ganzen zu verarbeiten. Es 
ist nicht möglich sich über die Entstehung der einzelnen Hoch- 
schulen aus diesem Buche klar zu werden. Unbedeutend ist 
Fr. V. Raumers Abhandlung über die Universitäten'). Neue 
Bahnen brach Savigny durch seine Geschichte des römischen 
Rechts im Mittelalter*). Die Untersuchungen führten ihn auch 
auf die Darstellung der mittelalterlichen Universitäten, wenigstens 
insoferne sie mit dem römischen Rechte in Berührung standen. 
Das Hauptverdienst Savignys bleibt, dass er sich bestrebte, die Ge- 
schichte aus den Quellen zu studieren , dass er zuerst bestimmt auf 
den Unterschied in einzelnen Universitätsverfassungen aufmerksam 
machte, und durch seine Forschungen ungemein anregend wirkte. 
Indess genügt Savignys Arbeit keineswegs. Einzelnen Univer- 
sitäten, z. B. den spanischen, englischen, vorzüglich aber den 

1 p. IfT.) vor sich, der wie Joly, Traite historiqae des ^coles Spiscopales 
et ecd^siastiques (Paris 1678) seinen Werth beh&lt, die aber ebenso wenig 
als Landriot, Recherches historiqnes sur les ^coles litteraires da christia- 
nisme (Paris 1851) nnd Mai Ire, Les 6coles ^piscopales et monastiques de 
l'occident (Paris 1866) in diesen Kreis gehören. Kcu£fel behandelt von den 
Universitäten nur die Mtesten, and kommt dabei nicht Ober das Gewöhnliche 
hinaus. Nichts bietet Besolds Nomenclatur der Acadcmien (im Thesaurus 
practicns. Ratisbonae 1740). Dessen Dissertatio de jure academiarum (in 
Juridico-politicae dissertationes. Argentorati 1624 p. 64, 187 £f.) wird wie 
andere ähnliche z. B. Conringins, De antiquitatibus academicis (Qoettingae 
1739) im 2. Band berücksichtigt werden. Die dem Conring angehängte 
Bibliothera historica academica von Heumann ist nicht zu unterschätzen. 

S) Geschichte der Entstehung und Entwickelung der hohen Schulen 
UDsers Erdtheils. Göttingen 1802—1805. 4 Bde. S. dazu unten S. 220. 

^ Geschichte der Hohenstaufen VI, 437 ff. 

*) Im dritten Bande ^ S. 152 ff. An Savigny lehnt sich in den Haupt- 
punkten an (Kurtz) Die Entstehung und Ausbildung der mittelalterlichen 
Universitäten nach ihren Hauptmomenten in der Baltischen Monatsschrift 
1861 S. 81 ff. 



X Einleitnng. 

deutschen sammt den ungarischen und der polnischen widmete 
er nicht die geringste Aufmerksamkeit. Andere, namentlich die 
französischen, werden zu flüchtig behandelt, und hinsichtlich der 
Pariser stützt er sich fast durchgchends auf Du Boulay. Was 
die italienischen Universitäten anbelangt, so kam bei Savigny 
im Grunde nicht das 13. und 14. Jh. zur Darstellung, sondern, 
von manchen Einzelheiten abgerechnet, eine spätere Epoche. 
Dies betrifft besonders seine Auseinandersetzungen über die 
Organisation der Universitäten Bologna und Padua. Savignys 
Quellen waren hierin grossentheils die gedruckten Statuten des 
16. Jhs. Ueber die Entstehungs- und Gründungsgeschichte und 
über viele mit ihnen im Zusammenhange stehenden Fragen bleiben 
wir fast durchweg im Unklaren. Savignys Hauptaugenmerk war 
auf die Rcchtsgeschichte und die Biographie der einzelnen Rechts- 
lehrer sowie die Darstellung ihrer Werke gerichtet; was er hierin ge- 
leistet hat, behält ebenso wie Sartis epochemachende Arbeiten, die 
jedoch für Savignys Untersuchungen die unentbehrliche Grundlage 
waren, dauernden Wert, mag auch das Einzelne mit der Zeit noch 
so sehr ergänzt und berichtigt werden. Die Universitäten er- 
örterte indess Savigny nur nebenbei; seine auf sie bezügliche 
Abhandlung kann sich nicht im entferntesten mit seiner eben 
genannten Arbeit messen. 

Grässe will ich hier nur erwähnen, weil er noch häufig 
citiert wird*). Ueber die hieher gehörige Arbeit v. Steins*) 
hat Paulsen voll Schonung das richtige Urtheil ausgesprochen: 
'Dem Buche von Stein fehlt es an gründlichem Studium der 
Quellen, wofür die breiten allgemeinen Erwägungen nicht ent- 
schädigen' '^). V. Stein wollte nur philosophiereu, und es scheint, 

6) In seinem Lehrbuch einer allg. Literftrgeschichte II. 3. Abthlg. 
2. Il&lfte (Dresden 1843) geht er weitläutig auf die Universitäten ein. Das 
GrQndnngsjahr der einzelnen ist kaum einmal richtig angegeben, und der 
Verfasser unterscheidet sich überhaupt von den Autoren des 16. Jhs. fast nur 
dadurch, dass er eine Menge Litteratur anführt, die er aber, weil er sie kaum 
zu Gesicht bekam und wohl theilwcise dem Heumann nachschrieb, auch 
nicht kritisch sichten konnte. Zudem fehlen vielfach gerade die Hauptwerke. 

^) Die innere Verwaltung. Zweites Hanptgebiet. Das Bildungswesen. 
II. Das Bildungswesen des Mittelalters. 2. Aufl. Stuttgart 1883. 

7) Geschichte des gelehrten Unterrichts an den deutschen Schulen and 






V. \ -^ ^ f^ r-KM^ Cf.v-.'" 






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Einleitung. XI 

dass er mit Absicht seine Augen vor den Thatsachcn geschlossen 
hat, damit er durch letztere in seinen phantastischen Träu- 
mereien nicht gestört werde '). Kein Wunder, dass eben deshalb 
das nach einem einigermassen ähnlichen Plane gearbeitete Werk 
der geistreichen Augusta Theodosia Drane^) für viele Partien 
weit mehr nützt, als das des Nationalöconomen und Profes- 
sors zu Wien, obwohl begreiflicher Weise durch Dranos popu- 
läres Buch, für das nur ein beschränktes Material herangezogen 
wurde, der Wissenschaft kaum etwas gedient ist. 

Im Grossen und Ganzen schöpft man aus den Publicationen, 
welche sich mit den Universitäten einzelner Länder im All- 
gemeinen beschäftigen — die specicllc Litteratur werde ich 
soweit sie Interesse bietet bei jeder Universität verzeichnen — 
bedeutend mehr Gewinn. Auch hier will ich nur die haupt- 
sächlichsten erwähnen. 

Für Italien ist vor allem Muratori zu nennen, der in 
einer Dissertation über die Wissenschaft und Schulen in Italien 
nach 1100 manche wichtige Documente veröiTentlicht, den Gegen- 



UniTcrsitäten vom Aasgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Leipzig 1885 
S. 10 Anm. 1. 

®) Da ich gerade mit der Ausarbeitung einer Recension ?on Steins Arbeit 
beschäftigt bin und ich in meinem Werke öfters auf dieselbe zu sprechen 
komme, kann ich füglich eine weitere Auseinandersetzung hier umgehen. 
Nnr ein Beispiel möchte ich anführen, um zu zeigen, wie ferne dem 
Autor die Kritik lag. 8. 77 führt er ein Tagebuch' von VValahfrid Strabo 
an. Es 'beginnt mit dem J. 816 und endet mit dem J. 825. Herausgegeben 
in den Berichten der Erziehungsanstalt des Benedictinerstifts zu Maria-Ein- 
siedeln 1856/7 ('Wie man vor tausend Jahren lehrte und lernte') hat K. 
Schmidt einen Aaszug gegeben (Gesch. d. Pädagogik^ II, 199 ff.)' (sie!). Auch 
▼. Stein bringt die Grandzüge dieses 'Tagebuchs'. Nun ist aber dasselbe 
eine Dichtung des noch jetzt lebenden P. Martin Marty, nunmehr apost. 
Vicars von Dakota, worauf König schon im J. 1868 (Freiburger Diöcesan- 
Archiv III, 360 Anm., nad jüngst ibid. XV, lS5ff.) und dann Wattenbach, 
Deutichlmnds Geschichtsquellen^ I, 229 Anm. 3 aufmcrki^am gemacht haben. 
V. Stein Kheate auch vor ganz gewöhnlichen Plagiaten nicht zurück. Was 
er X. B. in dem 1884 erschienenen 3. Theil S. 93 f. über das Universit&ts- 
wesen seit dem 16. Jh. in Italien sagt, hat er nur, uhue die Quelle zu 
nennen, der Beilage zar Allgem. Ztg. 1883 n. 326, nachgeschrieben. 

^) Christian schools and scholars or Sketches of cducation from tho 
Christian era to the conncil of Trent. 2. edition. London 1881. 



XTT Einleitung. 

stand aber nicht zusammenhängend behandelt hat'^). Weit 
förderlicher sind Tiraboschis Forschungen, die man immer mit 
Nutzen gebrauchen wird**). Es ist unverzeihlich, dass Goppi 
aus denselben so wenig gelernt hat*^). Das Lob, welches 'l'impor- 
tante lavoro' Coppis sowie 4Mngegno, la dottrina e la pazienza' 
des Autors von Coppino, dem jetzigen italicn. Unterrichtsminister, 
erhalten hat, vermag ich nicht zu unterschreiben. Coppi war 
zunächst mit der italienischen Universitätslitteratur viel zu wenig 
vertraut. Dies ist ein Mangel, den vollends erst ein Ausländer 
empfindet, der sich mit demselben Gegenstand beschäftigt. Auf 
die Entwickelung der einzelnen Universitäten gieng der Verfasser 
fast gar nicht ein*^). In der Darstellung der Organisation der 
Universitäten werden alle Zeiten durch einander gemengt und 
Einzelheiten verallgemeinert. Im Wesentlichen erhebt sich dabei 
der Verfasser nicht über Savigny**). 

Die französischen Universitäten untersuchte zuerst zusammen- 
hängend Pasquier, wenngleich zunächst nur in Hinsicht auf 



^0) Antiquit. Italicac III, 884 ff., nämlich die 44. Dissertation, während 
die 43. den Stand der Wissenschaft in Italien vor 1100 behandelt. 

11) Storia deUa letteratura italiana. In den tom. 4-— 6 (in jedem lib. 
I. c. 3) wird das 13^15. Jh. behandelt. 

^) Le universitä italiane nel medio evo. Firenze 1880. 

13) Ich begreife nicht, dass Winkelmann (Ueber die ersten Staatsuni- 
versitäten. Festrede 1880 S. 38 n. 10) die von Goppi p. 88ff. gegebene 
Ucbersicht 'ganz nützlich' finden kann. Hätte Coppi doch wenigstens nur 
Tiraboschi ausgeschrieben! 

1^) Die unverständige BrochOre von Garpellini, Sulla origine nazio- 
nale e populäre delle uoiversitä di studj in Italia (Siena 1861) hat Banchi, 
Di un recente opusculo del D. G. F. Carpellini (Siena 1861) gehörig be- 
leuchtet. Monte fr edinis Schrift, Le piü celebri universitä antiche e mo- 
derne, Torino 1883, verdient fast noch weniger Erwähnung als Carpellinis 
Elaborat. S. meine Anzeige in Deutsche Litteraturzeitung 1883 n. 49 
Sp. 1734. Beut hat in The british Quarterly Review n. 159 (Juli 1884) 
p. 28 eine Abhandlung, *Italian university life in the middle ages', veröffent- 
licht. Sie hat mit unserer Aufgabe nur wenig zu thun, und der Autor be- 
rücksichtigt zumeist die spätere Zeit. Anhangsweise bemerke ich hier, dass 
im Giornale degli eruditi c dei curiosi n. 55. 58. 59—60. 63. 64. 66 
(Padova 1884) eine recht nützliche Rubrik Bibliografia delle universitä italiane 
zu dem Zwecke eröffnet wurde, um die gedruckte Litteratur über die italie- 
nischen Universitäten wo möglich vollständig aufzuführen. 



Bml0itang. XIH 

das römische Recht"). Dass er fQr seine Zeit viel geleistet hat, 
wird derjenige nicht bestreiten, der die damaligen Mittel im 
Auge behält. Heute ist das Werk allerdings veraltet. Noch 
immer brauchbar sind die Litteratumach weise , welche Lelong- 
Fevret de Fontette bringen"). Lebeuf arbeitete durch 
seine Schrift: L'6tat des sciences en France depuis la mort du 
Roy Robert jusqu'Ä celle de Philippe le Ber^) ähnlichen Ab- 
handlungen in der Histoire litt^raire de la France vor. 
Das 13. Jh. nahm sich in letzterer Daunou zum Vorwurf"); er be- 
schäftigte sich auch mit den französischen Universitäten "). Wer 
Daunous Arbeiten kennt, die von Haur6au , so oft sich Gelegenheit 
bietet, mit Grund berichtigt werden, wird hier nichts suchen. 
In der That bildet für den Abschnitt über die Universität Paris 
fast bloss Du Boulay die Quelle; Toulouse, Montpellier, Ori6ans 
und Angers gehen überhaupt nahezu leer aus. Ein weit ernsterer 
Forscher war V. le Clerc, welcher den Discours sur r6tat des 
lettres en France au 14. sifecle schrieb**^). Trotzdem kann ich 
nicht sagen, dass die in demselben den Universitäten geschenkte 
Aufmerksamkeit**) uns um einen Schritt weiter gebracht hätte. 
Vielfach werden die alten Irrthümer widerholt, neue Hypothesen 
mit der grössten Sicherheit ausgesprochen und Einzelheiten ver- 
allgemeinert Dabei wird alles nur obenhin gestreift. Dies 
gilt besonders von den Universitäten ausser Paris; sie erfahren 
lediglich eine stiefmütterliche Behandlung"). Vallet de Viri- 
le) Recherches de la France (Paris. 1665) liv. 9 (p. 76dff. 843ff.). Die 
Universitäten ausser Paris kommen sehr schlecht weg. Man erhält keinen 
genflgenden Begriff von ihnen. 

1«) Bihlioth^ne historiqae de la France tom. 1. (1. 5) n. 44548^45622. 

17) Paris 1741. Hauptsächlich herflcksichtigt der Verfasser die Uni- 
Terntftt Paris. 

18) Tome 16 p. 1. IMsconrs sur P^tat des lettres en France au 13. 
sidda 

i>) Ibid. p. 89—59. 

») Eist, litt^r. de U France t. 24. 

») Ibid. p. 239-278. 

^ Ich hätte es nicht fQr möglich gehalten, dass man Le Glercs 
Abhandlung auf guten Glauben hin als QueUe fär die Eenntniss der Pariser 
Universität gebrauchen würde, hätte mich DöHingers Vortrag, Die üni- 
Tersitäten sonst und jetat (Manchen 1867) nicht eines andern belehrt. 



XIV Einleitang. 

ville kam ebenfalls auf die Universitäten zu sprechen*'); doch 
ist seine Forschung nicht selbständig. Nur die Archaeologie und 
die Siegelkunde haben etwas gewonnen'*). 

Ueber die englischen Universitäten ist noch immer Hubers 
Werk**) das bekannteste. Geistvolle Auffassung und Darstellung 
wird in demselben kein Leser vermissen. Es leidet aber 
stark an jenen Gebrechen, die in historischen Arbeiten geist- 
reicher Männer so häufig zu Tage kommen: die Einzelheiten 
treten fast ganz zurück, Grund und Zusammenhang in den That- 
sachen werden fixiert, ehe letztere genügend eruiert worden 
sind, es wird mehr philosophiert als geforscht und ein System 
aufgebaut, ehe die nöthige Grundlage geschaffen wurde. Die 
Wahrheit meiner Behauptung wird vorzüglich in meinem zweiten 
Bande ihre Bestätigung finden. Für einen grösseren Leserkreis 



Was n&mlich dort S. 5. 6. über Paris angeführt wird, ist wörtlich dem Le 
Giere entlehnt (s. p. 248. 247), ohne dass jedoch dieser Gew&hrsmann ci- 
tiert worden wäre. Aus Le Giere schöpfte Döllinger auch die irrige Notis, 
in Bologna seien im J. 1262 gegen 20000 Studierende gewesen. Im ganzen 
13. Jh. gibt nur ein Autor die Anzahl der Studenten in Bologna an, nämlich 
Odofred. Dieser sagt jedoch, zur Zeit Azos (also Anfangs des 13. Jhs.) 
hätten sich 10000 Scholaren in Bologna aufgehalten (s. unten S. 138 Anm. 
322). Mullinger, The universitär of Gambridge from the earUest times p. 
129 ff. entnahm dieselben Stellen (in ihrer ganzen Ausdehnung) aus Le Giere; 
indess gab er doch seine Quelle an. 

^) Histoire de Pinstruction publique en Europe et principalement en 
France. Paris 1849. Literarhistorischen Werth beansprucht Stallaert et 
YanderHaeghen, De l'instruction publique an moyen äge in den M6- 
moires cour. de l'acad^mie roy. de Belgique (Brtlssel 1850) XXIIL 

^) Nichts möge man im Gatalogue de l'histoire de France 
(Biblioth^que imperiale. D6part. des imprim^s) tome 7 (Paris 1861), 2. part 
suchen. Die sect. 14 § 2 'Histoire de Tuniversit^ en g6n6ral' (p. 515) ent- 
hält die Titel von 12 Schriften, welche sich auf politische Fragen des Unter- 
richts im 19. Jh. beziehen. Eine Ausnahme macht nur A. Li^vyn^» De 
l'universit^ depuis sa fondation jusqu'ä ce jour etc. PariB 1831. Die sect 
15 § 4 *ffistoire de Puniversit^ en g6n6ral' (p. 518—520) bringt die Titel 
▼on 51 Büchern, die sich fast nur mit modernen Fragen beschäftigen. Als 
Ausnahme können die unbedeutenden Piecen: Un mot sur les unirersit^s, 
Paris, Kilian 1828; Halmagrand, Origine de roniversitö, Paris 1845, be- 
trachtet werden. 

2^) Die englischen UniYerntäten. Gassei 1839. 1840. 



Einleitiing. XV 

berechnet ist J. H. Newmans Rise and progress of univer- 
sities etc.'^). Das Buch beruht auf Quellen; aber leider wird 
nie eine citiert. Durchaus veraltet ist Maiden, On the 
origin of universities and academical degrees'^), in welcher 
Schrift ausser den englischen und schottischen Universitäten 
auch die von Paris, Bologna und Salerno kurz behandelt werden. 
Trotzdem, dass diese Publication so ziemlich nichtssagend ist, 
entlehnte ihr doch nicht wenig Mullinger, The university of 
Cambridge from the earliest times to the royal unjunctions of 
1535 '•). Der Autor geht in diesem Werke dem Beispiele des 
eben genannten Verfassers folgend ausser auf die Universitäten 
Cambridge und Oxford auch auf die Universitäten Paris, Bologna 
ein; es mangelt ihm aber an Methode, Selbständigkeit und 
Kritik; selbst fQr die Geschichte der Hochschule zu Cambridge 
ist in dem grossen Bande weit weniger geleistet, als man erwarten 
soUte"). 

Der erste, welcher in neuerer Zeit die Universitäten Spaniens 
zusammenhängend bearbeitet hat, war Zärate'^). Für die Wissen- 
schaft ist aber dessen Leistung unbrauchbar, da der Autor nie 
angibt, woraus er geschöpft hat '^). Er gieng auch von ganz irrigen 
Voraussetzungen aus, was besonders im Abschnitte Consideraciones 

^ In Historical Sketches yoL III (LoDdon 1S76). Der Autor spricht ?on 
Cambridge nur gelegentlich, dafOr aber ausführlicher von Paris, Oxford 
and Dnblin. Der erste Theil der Schrift (p. 1—251) erschien bereits 1S56 
(LcMidon) anter dem Titel: Office and work of aniversities. S. unten S. 65 Anm. 

>7) London 1835. 

») Cambridge 1873. 

^) Weit besser gearbeitet ist desselben Verfassers The aniversity of 
Cambridge from the rojal injanctions of 1535 to the accession of Charles 
the first. Cambridge 1884. Der Antor bleibt in diesem Werke mehr bei 
der Sache. Ich sage 'mehr', denn nach meinem Begriffe gef&Ut er sich auch 
hier la sehr darin, aUerlei bant durcheinander vorzufahren. 

M) De la instraceiön publica en Espaäa (Madrid 1855) II, 162—298. 

^) Der YerÜEUser erscheint Öfter wie ein gewöhnlicher Plagiator, in* 
dem er als seine Anrieht and als sein Urtheil die Worte Anderer ausgibt. 
So s. B p. 183: 6 mio juicio etc. Vgl. dazu Floranes in der unten zu ci* 
tierenden Abhandlung p. 201. Z&rate p. 196: opino etc. Vgl. damit Flo- 
ranes p. 62. Wie der Autor für Palencia und Yalladolid die erwähnte 
QneUe ohne rie zu nennen benützte, so fOr Salamanca in derselben Weise 
Meado, De jure aeademico üb. 1 qa. 7 n. 188. 



XVI Einleitimg. 

sobre la organizacion, gobierno y ensenanza de las antiguas univer- 
sidades") hervortritt. Alles ist unbestimmt und ungenau. Kein 
Wunder, dass Z&rates Arbeit auch in Spanien kein Ansehen 
geniesst. Derselben gegenüber bildet die Geschichte des be- 
kannten Vincente de la Fuente") einen sehr bedeutenden 
Fortschritt. Nicht bloss dass dieser Verfasser die Leser fast 
durchweg gewissenhaft auf seine Quellen verweist, hat er es 
auch verstanden aus einem viel reicheren, theilweise hand- 
schriftlichem Material zu schöpfen. Der Anhang von Docu- 
menten (40 Nummern) muss werthvoll genannt werden. Für die 
Entstehungsgeschichte der spanischen Universitäten hat De la 
Fuente immerhin unvergleichlich mehr geleistet, als Coppi für die 
der italienischen. Indess herrscht in diesem letzten Werke De la 
Fuentes nahezu eine noch grössere Unordnung, als in seiner Historia 
ecclesiästica de Espana. Der Autor arbeitete, wie es scheint, nicht 
nach einem praemeditierten Plane, weshalb ihm der Blick auf das 
Ganze fehlte. Zudem hatte der Verfasser keinen richtigen Begriff 
von der Organisation der Universitäten im Allgemeinen, jener der 
italienischen und spanischen im Besondern; es konnte ihm deshalb 
gar nicht in den Sinn kommen, zwischen den beiden letzteren 
einen Vergleich anzustellen und die Verfassung der spanischen 
Universitäten auf die der italienischen zurückzuführen. Im Ein- 
zelnen mangelt es zugleich dem Autor an kritischem Verständniss. 
Und so sehr man für den Quellenapparat dankbar sein muss, 
so kann ich doch nicht umhin zu gestehen, dasd De la Fuente 
noch mehr hätte leisten sollen "). War es doch mir bei einem ver- 

M) s. p. 253 flf. 

33) Historia de las tmiyersidades, colegioB y demas establecimientoB de 
ensenanza en Espana. I (Madrid 1884). Das Werk kam mir (dorch die 
Qflte des Herrn Prof. Eduarde de Hinojosa in Madrid) erst zu, als der 
Druck meiner Arbeit schon sehr weit vorgeschritten war. Der Band ver- 
breitet sich Aber die Uniyersit&ten bis zur Begierung der katholischen 
Könige 1475. 

^) lieber die Universitäten Lissabon-Goimbra, Palencia, Perpignan ver- 
mochte De la Fuente fast gar nichts beizubringen. Hinsichtlich der am 
10. September 1415 von Benedict Xni. gegründeten Univerait&t von Gala- 
tayud entgieng ihm die Stiftbulle (Reg. Vat. Avenion. Ben. XIII. t. 70 
Bl. 654 b) und sah ein anderes bei ihm mangelhaft datiertes Schreiben fOr 
dieselbe an (Historia p. 160 und 321 n. 23; vgl. dazu Beg. Tat. Avenion 



Einleitung. XVII 

hältDissmässig kurzen Aufenthalt in Spanien und Portugal möglich 
ein reicheres Material auszunützen. Allen Forschem über spa- 
nische Universitäten hat der wackere Floranes im vergangenen 
Jh. einigermassen vorgearbeitet"). Der Autor hat auf mehrere 
nicht unwichtige Quellen aufmerksam gemacht und einige Fabeln 
hinsichtlich des Ursprungs der Universitäten Salamanca, Palencia 
und Valladolid für immer widerlegt, wenngleich er selbst manche 
unhaltbare Ansichten aufgestellt hat''). 

Ueber die portugiesiselien Unterrichtsanstaltcn existiert ein 
bändereiches Werk von Ribeiro"). Die Abschnitte, welche 
in unsere Geschichte einschlagen, sind sehr verwirrt; es geht 
dem Verfasser genügendes Quellenstudium und Kritik ab. 

Als die verdienstvollste Arbeit hinsichtlich der mittelalter- 
lichen Universitäten Deutschlands muss die Paulsens'') ange- 
sehen werden, durch welche die ältere anders durchgeführte 
Schrift K. v. Raumers") überholt ist*"). Paulsen verstand es 

I.e. Bl. 584. Weitere Documente ibid. B1.595b; t.64B1.586b; t. 71B1.499). 
Ich kann mich nicht enthalten wenigstens auf einen Irrthnm bei De la 
Fnente hinsnweisen, da man aus ihm sonst leicht gegen mich ein Argument 
foimieren könnte. Der Autor lässt p. 187 bereits Innocenz IV. eine BuUe fQr 
Salamanca aasfertigen; thatsachlich ist aber dieses angebliche Schreiben die 
Baue Alexanders lY. vom 6. April 1255 (s. unten 8. 484). 

^) Origen de los estadios de Gastilla in Collecciön de docamentos 
inMitos para la historia de Espana XX (Madrid 1852). 

^) Auf die spanischen Universitäten kommt auch De los Bios im 
3. Bande seiner Historia critica de la literatura espanola (Madrid 1863) zu 
sprechen. Doch ist aus den gelegentlichen Bemerkungen nicht viel zu lernen. 
Noch mehr gilt dies von Don Modesto Lafuente, Historia g^neral de 
Espana (Barcelona 1877. 1879). Das Werk ist eben für das grosse Publicum 
berechnet Etwas mehr bietet Aber einige Universitäten Schäfers Qe- 
tchichte von Spanien III (Gotha 1861). 

^) Historia dos estabelecimentos scientificos literarios e artisticos de 
Portugal nos sncesivos reinados da monarchia. Lisboa 1871 u. ff. 

^) Die Gründung der deutschen Universitäten im Mittelalter. Organi- 
sation nnd Lebensordnungen der deutschen Universitäten im Mittelalter, in 
Sybels Histor. Zeitschrift Bd. 45 (1881) S. 251—311, 385—440. 
S9) Die deutschen Universitäten. Stuttgart 1854. 
*^) Zarncke, Die deutschen Universitäten im Mittelalter, Leipzig 1857, 
bietet nicht, was der Titel verspricht. — Unglaublich schlecht sind die 'Ge- 
scblchtJicben Notixen' und die 'Literatur' im Deutschen akademischen 
Jahrbuch (Leipzig 1875) bearbeitet. 

Dßuitlm, IM« UDtTaniUten L B 



XVm EinleituDg. 

in besonnener und anschaulicher Weise die Resultate einer ernsten 
und gediegenen Untersuchung vorzuführen, und er hat manche 
schiefe Aufstellungen neuerer Gelehrte mit Glück bekämpft. Aller- 
dings musste ich ihm in mehreren Hauptpunkten widersprechen. 
Ich bin jedoch der Meinung, dass, hätte er sich, um hier nur 
einen derselben zu erwähnen, bei Darstellung der Organisation 
der Universität Paris in grösserer Unabhängigkeit von den 
frühern Forschungen gehalten und handschriftliches Material 
ausgebeutet, er zu meinen Ergebnissen gelangt wäre**). 

Die Geschichte der ungarischen Universitäten des Mittel- 
alters fand einen sorgsamen Bearbeiter in Abel Jenö*'). Der 
Autor hat mit grossem Fleisse das auf dieselben bezügliche 
Material gesammelt und zumeist in extenso mitgetheilt. 

Hätte ich mich bei meinen Untersuchungen nur auf die 
genannten Autoren und überhaupt auf die gedruckte Literatur 
verlassen, so wäre ich wesentlich nicht weiter gekommen. Die 
Entstehungs- und Entwickelungsgeschichte wurde durch die bis- 
herigen Forscher nicht besonders aufgehellt. Lassen sie uns 
doch häufig über die einfachsten Dinge, z. B. das Gründungsjahr 
im Unsichem. Nicht viel Gewinn und kein bedeutender Fort- 
schritt war auch zu erwarten, wollte ich bloss die specielle 
Litteratur für die einzelnen Universitäten, die ich jedesmal am 
betreflfenden Orte angegeben habe, benützen und den bereits vor- 
handenen Vorrat methodisch sichten. Ich zog es schon meiner 
Natur nach vor, von vorne anzufangen und meine Forschung 
lediglich au f die Documente, die zum Theil gedruckt vorlagen, 

^^) In Paulsens bedeutendem Werk Qeschichtc des gelehrten Unterrichts 
aaf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgange des Mittelalters 
bis zur Gegenwart (Leipzig 1885) werden die Universitäten nebst den an- 
deren Gelehrtenschulen seit dem Ausgange des Mittelalters unter einem andern 
Gesichtspunkte als die mittelalterlichen in Sybels Zsch. behandelt. Wenige 
Notizen über letztere finden sich auch im genannten Werke S. 10 £P. Die 
Abhandlungen und Erörterungen Aber die deutschen Universitäten von 
Muther, Maurer, Kaemmel u. s. w. werde ich im Werke gelegentlich 
besprechen. Die soeben erschienene preisgekrönte Arbeit Spechts: Ge- 
schichte des Unterrichtswesens in Deutschland von den ältesten Zeiten bis 
zur Mitte des dreizehnten Jhs. (Stuttgart 1885) fällt natürlicher Weise 
grossentheils ausserhalb der Behandlung unseres Gegenstandes. 

^^) Egyetemeink a köz^pkorban. Budapest 1881. 



Einleitung. XIX 

zum Theil erst aus den Bibliotheken und Archiven hervorgesucht 
werden mussten, zu basieren. Die wissenschaftlichen Reisen, die 
ich seit fünf Jahren nach den verschiedenen Ländern Europas 
machen konnte, förderten natürlich durchweg meine Arbeit, 
wenngleich in Bezug auf einige Universitäten die Ausbeute gering 
war. Doch auch das Resultat, dass hinsichtlich etlicher wenige 
Nachrichten uns überliefert sind, ist ein Gewinn zu nennen **). 
Nehmen betreffs der Pariser Universität die Bibliotheken 
und Archive von Paris immerhin die erste Stelle ein, so bean- 

^3) Allerdings stünde es am unsere Eenntniss einer jeden mittelalter- 
lichen Universität schlimm, hätte es mit dem jüngst von Döllinger ausge- 
sprochenen Worte seine Richtigkeit, im ganzen Mittelalter habe niemand 
daran gedacht, auch nur Materialien für die Geschichte einer Universität zu 
compilieren. Bei Rudolf Heinze, Heidelberger Universität^'ubiläen. Acade- 
mische Rede. Heidelberg 1884 S. 26 n. 9. Döllinger hat, wie es scheint, 
nie etwas gehört von den Gompilationen der Actenstücke, Statuten, Privile- 
gien, Joramenta, die man seit dem 13. Jh. an verschiedenen Universitäten 
gemacht und chronologisch geordnet hat. Ich erwähne speciell die ältesten, 
nämlich jene von Paris, Oxford und Orleans. Ich erinnere hier hinsichtlich 
Paris nur an die handschriftlichen Gompendien, die ich widerholt citiert 
habe (vgl. dazu unten S. 811); in Bezug auf Orleans verweise ich auf 
die unten S. 257 Anm. 151 erwähnten Hss. Die Libri cancellarii et 
procuratorum von Oxford wurden in den Munimenta academ. Oxon. (Oxford 
1868) ediert Hätten die Alten nicht die Materialien in solcher Weise ge- 
sammelt, 80 blieben wir über vieles im Ungewissen. Es ist einerlei, ob sie 
diese Compiladonen zum Zwecke einer Geschichte der Universität ange- 
fertigt haben oder nicht. Jedesfalls sind sie ein Zeugniss dafür, dass das 
Mittelalter doch nicht so ganz ohne 'historischen Sinn' war, wie Döllinger 
träumt, dem zudem unbekannt blieb, dass z. B. der Ursprung der Universität 
Paris noch Hn katholischer Zeit', d. i. vor der Reformation beschrieben wurde 
und gedruckt erschien. Die äusserst seltene Publication, die ich unten 
mehrere Male angeführt habe und die sich in der Nationalbibliothek zu Paris 
befindet, rührt vonGoulet her, und trägt den Titel: Gompendium recenter 
editum de multiplici Parisiensis universitatis magnificentia , dignitate et ex- 
ceUentia, ejus fundatione mirificoque suorum suppositorum ac officiariorum 
et eollegiomm nomine . . Impressum in alma Parisiorum universitate pro 
Toossano Denis librario 1517 (stammt aus dem J. 1516). Der Autor hatte 
über die ursprflngliche Zusammensetzung der Universität resp. das Verhältniss 
der Faeultäten un den Nationen. die richtigere Ansicht, als sie heute in 
Deutschland Tcrtreten wird. Englische Autoren (z. B. Twyne, Antiqnit. acad. 
Oxon. apol. p. 12; Tanner, Bibliotheca brit. hibem. p. 643) eitleren auch 
die Schrift De antiquitate academiarum Britannicarum von Rossus (gest. 1491). 

B* 



XX Einleitung. 

sprucht doch das Vaticanische Archiv, in das ich am 1. December 
1883 ohne mein Zuthun durch die Huld seiner Heiligkeit Leos XHI. 
auf Vorschlag seiner Eminenz des Card. Hergenröther als Unter- 
archivar berufen wurde, rücksichtlich der gesammten mittel- 
alterlichen Universitäten den vorzüglichsten Platz. Trotzdem 
bin ich der erste, der es für diesen Zweck ausgebeutet hat. 
Nur Sarti und Fantuzzi haben es für die Viten der Bologneser 
Rechtslehrer, Renazzi für seine Geschichte der Hochschule zu 
Rom benützt. Die Entwickelungsphasen einzelner Lehranstalten 
und Universitäten, z. B. der zu Orleans, Lissabon -Coimbra, 
Palencia, Prag, Erfurt, um von denen Roms und der Römischen 
Curie zu schweigen, werden erst durch Acten des Vat. Archivs 
aufgehellt. Durch diese wird auch für immer das relativ hohe 
Alter der Schule zu Cambridge erwiesen. Neue Aufschlüsse 
erhält man fast über jede Hochschule. Nur hinsichtlich einiger, 
z. B. Wien, Heidelberg und der kleinem italienischen, zieht man 
aus dem Vat. Archiv für jene Epoche, die uns in diesem Bande 
beschäftigt, wenig Nutzen. 

Von eminenter Bedeutung sind ausser den Regesta buUarum 
und andern Documenten des Vat. Archivs die Regesta suppli- 
cationum et expeditionum^^). In ihnen sind uns nämlich eine 

^) Sie beginnen mit Clemens VI. Bereits zur Zeit des Cardinallegaten 
Octavius Aquaviya fanden sich im Archive des päpstlichen Palastes an 
Avignon ausser einem Fragmentum Regestri supplicationum anni primi Cle- 
mentis V. (von denen ich nichts mehr entdeckte) keine früheren, wie ans 
dem Index libroram manuscriptoram qui in archivio Palatii Avenionensis re- 
perti sunt tempore legationis 111™^ et Rev»i Dm Düi Octavii CardinaHs de 
Aquaviva anno domini 1594 (Archiv. Vat Arm. 56 n. 38) ersichtlich ist. Yen 
Clemens VI. existieren über alle 11 Jahre 22 B&nde (an. 1. — 2; an. 2.-3; an. 
3.-2; an. 4.— 2; an. 5.-3; an. 6.— 2; an. 7.-3; an. 8.-2; an. 9.— 1; an. 10.— 1; 
an. 11.— 1), von Innocenz VI. 13 B&nde (an. I.— 2; an. 2—1; an. 3.-3; 
an. 4 fehlt; an. 5.-2; an. 6.— 1; an. 7.— 1; an. 8. — 1; an. 9.-2). Das 
vierte Jahr fehlte ebenso zur Zeit des erwähnten Cardinallegaten. Von Urban 
V. sind 10 Bände erhalten (an. 1.^5; an. 2.-2; an. 3.-— 1; an 4.-2; ans 
zwei Serien). Auch im J. 1594 erstreckten sich die Register nur bis an. 4. 
inclusive. Wie schon damals, so fehlen auch jetzt die Supplikregister Gre- 
gors XI. Dagegen sind 31 von Clemens VII. erhalten (an. 1.— 9, darunter 
einer aus einer andern Serie; einmal waren im Ganzen 10; an. 2. — 4; an. 
3.— 1; an. 4.-2; an. 5 fehlt; an. 6.— 1; an. 7. 8.-2; an. 9.-4; an. 10.— 1; 
an. 11.— 2; an. 12.-2; an. 13. 14.— 2; an. 15. — 1; an. 16. — 1). Ausserdem 



Einleitung. XXI 

grosse Anzahl Rotuli und Suppliken aufbewahrt, welche theils 
verschiedene, namentlich französische, spanische und englische 
Universitäten, theils hochgestellte Persönlichkeiten, unter ihnen 
vorzüglich Kaiser Karl IV., für die Universitäten oder einzelne 
Mitglieder derselben an die päpstliche Curie eingesandt haben. 
Durch solche Rotuli und Suppliken wird zuweilen die Existenz 
einer Hochschule erwiesen, wir gewinnen einen annähernden 
Begriff von der Frequenz an den Universitäten, werden über die 
Namen vieler Professoren und Schüler, über manche unbekannte 
Ereignisse u. s. w. aufgeklärt. Der Zweck meiner Arbeit erlaubte 
es nicht aus den Supplikregistem mehr auszuziehen, als that- 
sichlich unten vorliegt und im zweiten Bande noch erscheinen 
wird. Ich behalte mir aber vor, später speciell die Pariser 
Rotali zu bearbeiten. 

Im Vat Archiv ist hinsichtlich unserer Zeit bloss das Ponti- 
ficat Urbans VI. schlecht vertreten. Es sind nur 3*^' Register- 
bände auf uns gekommen ^^). Zwar weisen auch die Ponti- 
ficate der nächstfolgenden römischen Päpste bis Sixtus IV. be- 
deutende Lücken auf; allein man wird überreich entschädigt durch 
das Archiv der Bullen im Lateran, welches mit Bonifaz IX. 
beginnt, und von Alters her der Dataria apostolica gehörte, 
wenngleich die Sammlung an sich einen Bestandtheil der Vati- 
canischen bildet, oder, wenn man will, umgekehrt^'). Doch darf 
ich nicht verschweigen, dass sich der Inhalt der Registerbände 
im Lateran grossentheils auf Provisionen bezieht. Sehr wichtig 

existieren Fragmente einzelner Jahre. Der 5. Band fehlte auch 1594; der 
6. wurde damals nicht verzeichnet Von Benedict XIII. besitzen wir 23 
Binde (an. l.~9 aus einer Serie; 3 aus einer andern; an. 2.-2; 8 erstrecken 
sich auf die Jahre 9—15, und 1 auf die Jahre 13—25). Im Ganzen sind im 
Yat. Archiv 99 Papierregisterb&nde von Suppliken in Grossfolio und mehrere 
Fragmente derselben. S. dazu noch die Notiz unten S. 387 Anm. 699. 

^) Die fOnf B&nde Oblig. sowie die Sammlung von ActenstQcken, welche 
*De schismate Urbani VI.' betitelt ist und sich auf den Anfang des Schismas 
bezieht (Arm. 54 n. 14—39), waren meinen Zwecken nicht dienlich. 

^) Ich werde ttber diese Collection später im Archiv für Litteratur- 
ond Kirchengeschichte des Mittelalters berichten. S. einstweilen unten 
8. 419 und überhaupt Aber die Schicksale der p&pstl. Archive anfangs 
dieses Jhs. Marinis Memorie storiche im Regestum Glementis Y. cura et 
stndio monachorum 0. S. B., Romae 1885, p. GCXXYIII sqq. 



XXII Einleitung. 

sind sie hinsichtlich der JBischofsernennungen , und sie bieten 
hierin selbst für jene Epoche grössere Ausbeute, in der das 
Vatic. Archiv wider reicher ist. 

Die GoUectoriae , unter ihnen namentlich die Introitus et 
exitus camerae apostolicae' ergaben mir wesentliches nur für das 
Studium an der römischen Curie. 

Nicht unbedeutende Schwierigkeiten stellten sich mir ent- 
gegen, um zur Kenntniss und Einsichtnahme der gedruckten 
Litteratur zu gelangen. Und doch musste ich vom Anfange an 
darnach streben, mich in Bezug auf die Universitäten aller Länder 
genau zu informieren. In Rom hält es schwer vorzüglich die 
neueren Publicationen aufzutreiben, was jeder zugeben wird, 
der einmal dort gearbeitet hat. Dies gilt sogar hinsichtlich der 
italienischen. Hätte ich es mir so leicht gemacht wie Coppi, 
um Montefredini gar nicht zu erwähnen, so wäre die Mühe 
nicht sehr gross gewesen. Allein mir lag daran, etwas mehr zu 
leisten als diese. 

Zunächst wollten die italien. Städte-Statuten, die in die 
Universitätsperiode fallen, durchgesehen sein. Wer sich mit den- 
selben beschäftigt hat, wird wissen, was es kostet, gerade die 
altem aufzufinden ^0. Die Drucke sind äusserst selten, und Hss. 
stehen nicht immer zu Gebote. Erst spät wurde mir meine 
Arbeit erleichtert, als ich auf die an italienischer Litteratur 
reiche Biblioteca del Senate del Regno zu Rom aufmerksam 
gemacht wurde und mir deren Bibliothecar Menozzi freundlichst 
Zutritt gewährte. So weit meine Kenntniss reicht, existiert keine 
Statutensammlung, welche mit der in der genannten Bibliothek 
einen Vergleich aushielte. Blätterte ich auch manche Bände 
umsonst durch und war der Ertrag für meinen Zweck verhältniss- 
mässig gering, so kann ich doch nicht umhin die Forscher, 
welche sich mit der italienischen Geschichte befassen, auf diese 
Bibliothek und deren Statutensammlung hinzuweisen. 

^7) Ich will jedoch nicht undankbar verschweigen, welchen Nutzen da- 
bei Bonainis Alcuni appunti per servire ad una bibliografia degli statuti 
italiani in den Annali delle universitä Toscane II (Pisa 1851), 141—234; 
III (1854), 5-42 bieten, Forschungen, die durch Manzoni, Bibliografia degli 
statuti, ordini e leggi dei municipii italiani (Bologna 1876. 1879) überholt 
wurden. 



Einleitung. XXIII 

Merkwürdig mag es scheinen, dass man die ältere italienische 
Universitätslitteratur leichter ausfindig macht, als die neuere. 
Der Grund liegt darin, dass eben die letztere vielfach gar nicht 
in den Buchhandel gekommen ist und zumeist auch in den 
grösseren Bibliotheken mangelt. Ist man dann endlich so glück- 
lich in ihren Besitz zu gelangen, so reut einen zumeist die 
Mühe, die man darauf verwendet hat, ihrer habhaft zu werden. 
Dies gilt namentlich von den Schriften, die für die Wiener 
Weltausstellung im J. 1873 verfasst wurden. Sehr richtig ist 
diesbezüglich Banchis Urtheil, sie seien in Eile geschrieben 
worden, 'e perciö senza alcun interesse di novitä'^*). Natürlich 
bezieht sich dies nicht auf alle neuem Arbeiten, am wenigsten 
aber auf die höchst verdienstvollen und wichtigen Documenten- 
sammlungen, wie jene für Florenz, Pavia, Perugia. 

Die von mir eingeschlagene Methode ist dieselbe, welcher 
ich bei meinen Untersuchungen über die deutschen Mystiker 
gefolgt bin, nämlich die analytische. Meiner Ueberzeugung nach 
gewinnt man mit der synthetischen auf einem Gebiete, wo es 
noch so viel zu thun gibt und die einzelnen Thatsachen erst 
eruiert werden müssen, keine unanfechtbaren Resultate. Man 
läuft Gefahr Einzelheiten zu Allgemeinheiten zu erheben, 
Schlüsse auf mangelhafte Induction zu bauen ^^), manchmal 
gerade umgekehrt überall vorkommende Erscheinungen als Eigen- 
thümlichkeiten zu betrachten und endlich die verschiedenen 
Zeiten durch einander zu mengen. Folgerungen, wie der: so 
war es an diesem Orte oder in diesem Jahrhundert, darum wird 
es wohl auch anderswo und in dem früheren und späteren 
Jahrhundert so gewesen sein, bin ich abhold. Es ist der histo- 
rischen Wissenschaft weit mehr gedient, wenn man sich ledig- 
lich auf den Boden der Thatsachen stellt und sich das Terrain 
Schritt für Schritt erobert und sichert, als wenn man 'den 
Standpunkt hoch genug nimmt, um in einer weit ausgreifenden 



^) Archiv, stör. ital. ser. 3 t. 21 p. 145. 

*9) Ein abschreckendes Beispiel bietet Ellingers Schrift: Das Yerhält- 
niss der öffentlichen Meinang zu Wahrheit und Lüge im 10, 11. und 12. Jh. 
(BerUn 1884), zudem darin die einzelnen Thatsachen oft nach Art des 
Flacius Illyricus aufgef&sst und dargelegt werden. 



XXIV Einleitung. 

Umschau die Blicke streifen zu lassen über Völker und über 
Jahrhunderte', und sich trotz alles Pochens auf den historischen 
Sinn keinen Scrupel macht, die Geschichte so darzustellen, wie 
man sie eben haben will und braucht, und nicht so, wie sie 
thatsächlich ist. Die Poesie ist Sache der Poeten und nicht der 
Historiker. 

Die analytische Methode ist der einzige Weg, der uns zu 
den wahren Gesetzen führt; sie bewahrt uns vor dem Missgriflfe, 
den man so häufig macht, für vorgefasste Ideen und Behaup- 
tungen Beweise zu suchen, wobei man in der Regel das richtige 
Sätzlein übersieht: Qui nimis probat, nihil probat. So ergieng 
es, um ein hieher gehöriges Beispiel zu bringen, jenen, welche 
die These erhärten wollten, die mittelalterliche Kirche sei dem 
römischen Rechte feindlich gegenüber gestanden, sie habe es 
unterdrücken wollen. Es ist gang und gäbe hiefür zunächst die 
Concilsbeschlüsse aus den Jahren 1131, 1139 (beide gleich- 
lautend) und 1163*°), sowie die Decretale Alexanders IIL vom 
J. 1180^^*) zu eitleren. Honorius IIL, sagt man dann weiter, 
habe das in den genannten Beschlüssen enthaltene Verbot im 
J. 1219 auf alle Priester ausgedehnt"). Beweisen jedoch die 
genannten Beschlüsse, dass, wie Schmidt will, ^die Kirche alles 
that, was in ihren Kräften stand, um das römische Recht zu 
unterdrücken'? Wenn ja, dann muss man auch zugeben, dass 
die Kirche alles gethan hat, um die Medicin zu unterdrücken, 
denn in den erwähnten Beschlüssen wird den Mönchen und 
Canonikem nicht weniger verboten, auswärts die Medicin zu 
studieren, als die leges temporales oder mundanae. Allein dies 
wagt doch niemand zu behaupten, weil der Wortlaut der Acten 
zu deutlich offenbart, dass die Kirche das Verbot nur für die 
Mönche, Honorius in. auch für die Priester, nicht aber an 
sich erlassen hat. Warum übersieht man nun dies, wenn es sich 



^) Mansi, Concil. coli. XXI, 459. 528. 1179. Aehnliche Bestimmungen 
wurden früher (z. B. 1130) und sp&ter erlassen. 

«) c. 3. X ne clerici 3,50. 

^) Ibid. c. 10. — C. A. Schmidt, Die Reception des römischen Rechts 
in Deutschland (Rostock 1868) S. 114 f. wurde bis heute recht eigentlich 
als der Gewährsmann für obige Ansicht betrachtet. 



Einleitung. XXV 

um das kirchliche Verbot des Studiums der leges saeculares 
handelt? Weil man eben für die These, die Kirche sei dem 
vom. Rechte feindlich gegenüber getreten, eines Argumentes 
bedarf. Nicht viel besser steht es mit dem Schlüsse, den man 
aus dem Verbote des Civilrechtes für Paris und Umgebung durch 
Honorius IIL zieht. Dass dasselbe rein local und in Rücksicht 
auf die Pariser Verhältnisse gegeben wurde, wird nunmehr un- 
zweifelhaft durch die bisher nicht bekannte von mir unten 
S. 252 f. verwertete BuUe Gregors IX., mittels welcher der Papst 
das Studium des Civilrechts in Orleans ohne weiteres erlaubte *'). 
Nur ein Schreiben Innocenzs IV. vom J. 1254 hat einige Beweis- 
kraft**). Inwiefern dies der Fall sei, wird im zweiten Bande 
untersucht werden, wo ich die Frage im Zusammenhange be- 
handele"). Das Angeführte genügt zum Erweise der Noth- 
wendigkeit, ohne vorgefasste Meinungen in seinen Forschungen 
vorzugehen und die einzelnen Facta in ihrem wahren Werthe 
abzuwägen, um dann erst wenn möglich Gesetze aufzustellen. 

Der Plan des Werkes tritt, täusche ich mich nicht, in 
demselben selbst zu Tage. Der vorliegende Band beschäftigt 
sich mit der Entstehungs- und Gründungsgeschichte der mittel- 
alterlichen Universitäten bis 1400, der zweite wird einen Grund- 
riss der Organisation und Verfassung der mittelalterlichen Univer- 
sitäten und CoUegien enthalten. In letzterem werden auch manche 
Fragen ihre Erörteiomg finden, die ich schon in dem gegenwärtigen 
Bande berühren musste, die aber zu innig mit der ganzen Orga- 
nisation verknüpft sind, als dass sie von der Besprechung der- 
selben losgelöst werden könnten. Dahin rechne ich namentlich 



^) NatOrlich galten bisher die Professoren von Orleans als 'aufgeklärte' 
M&nner, die sich dem Verbote Honorius 111. widersetzten, und Le Clcrc 
sagt geradezu: Les professeurs d'Orl^ans, pour acqu^rir ce renom, avaient 
dft r^sister aux buUes d^Honorius 111 (Le Giere wusste nicht einmal, dass es 
sich bloss um 6ine Bulle handelt), qui interdisaient en France les chaires de 
droit romain. Hist. litt, de la France XXIY, 254. Auch Schmidt, Die Re- 
ception des römischen Rechts S. 135, theilte, weil ihm der eigentliche Sach- 
Terhalt entgleug, eine irrige Auffassung. 

M) Bei Matth. Paris, Ghron. mtj. ed. Luard VI, 293. 

^J 8. einstweilen unten S. 696 f. und S. 754 ff. 



XXVI Einleitung. 

die Untersuchung über das eben gestreifte Verhältniss der Kirche 
zum römischen Rechte sowie über die Entwickelung des Kanzler- 
amtes und der Licentia docendi. 

Weshalb ich mir das Jahr 1400 als Gränze festgesetzt 
habe, über welche hinaus die Universitäten keine Besprechung 
erhalten, hat darin seinen Grund, dass eben das 15. Jh. überall 
neue Verhältnisse aufweist. Allerdings kommen diese nicht 
gerade mit dem J. 1400 zum Vorschein. Hätte ich z. B. bloss 
die deutschen Universitäten berücksichtigt, so würde ich ungefähr 
mit der Mitte des 15. Jhs. geschlossen haben, während ich die 
italienischen nicht weit über die Mitte des 14. Jhs. hinaus in 
Betracht gezogen hätte. Da sich jedoch meine Untersuchungen 
auf die Universitäten aller Länder erstrecken, so war ich genöthigt 
eine bestimmte Jahrzahl als terminus zu wählen, die so ziemlich in 
der Mitte liegt. Ich fand keine andere als eben 1400. Wer 
sich damit nicht einverstanden erklärt und mehr wünscht, möge 
die Forschungen weiterführen. 

Obwohl der Geschichte der Universität Paris mehrere Bände 
vorbehalten sind, so musste ich ihr doch schon in diesem meine 
Aufmerksamkeit schenken. Die Geschichte der andern Hoch- 
schulen ist unverständlich ohne jene der Pariser. Sowohl diese 
wie die zu Bologna haben sich am frühesten und ungefähr um 
dieselbe Zeit durch Bildung von Corporationen als Universitäten 
constituiert. Ich konnte eben deshalb schon jetzt die Darlegung 
des Gorporationswesens an beiden genannten Schulen nicht um- 
gehen. Was ich hier darüber gesagt habe, bildet eine Vorarbeit 
für die nächstfolgenden Bände. 

Hinsichtlich der übrigen Hochschulen beschränkte ich mich 
in diesem Bande darauf lediglich deren Entstehungs- und 
Gründungsgeschichte und den Zustand der Lehranstalt als solcher 
darzustellen. Ich verfolgte wo möglich die Entwickelung so 
weit, bis die Verfassung klar zu Tage tritt und erstere ohne 
letztere nicht behandelt werden kann. Daher kommt es, dass 
ich bei Beschreibung der grösseren Universitäten, wie Oxford, 
Padua, Toulouse, Montpellier, Orleans u. s. w. früher abbrechen 
musste als in der Regel bei den kleinern, von denen zudem 
einige sich nicht recht lebensfähig erwiesen, und deren Geschichte 



Einleitung. XXVII 

ich deshalb wenigstens in den Hauptzügen bis zu ihrer Auf- 
lösung fortsetzte. Wie verfehlt es ist, die Entstehungsgeschichte 
nicht von der der Verfassung zu trennen, zeigen uns besonders 
die einschlägigen Arbeiten von Meiners und Savigny, in denen 
wir über erstere fast nichts erfahren, während bei Behandlung 
der letztem in der Regel zu spät angesetzt wird, eben weil sich 
die beiden Autoren über die Anfänge nicht klar waren. 

Nicht umgehen durfte ich jene Momente, die für die ein- 
zelnen Schulen als solche von Bedeutung sind. Selbstverständ- 
lich gehören hieher zunächst die Fragen, welche Lehrfacher an 
ihnen und wann dieselben in Aufnahme kamen und wie stark 
die einzelnen vertreten waren. Letzteres Hess sich nicht immer 
eruieren, hie und da musste ich mich mit den mangelhaften 
Angaben der an den Papst geschickten oft späten Universitäts- 
rotuli begnügen. Nicht ohne Wichtigkeit schien mir in Erfahrung 
zu bringen, wann da und dort das erste CoUeg für arme Schüler 
gestiftet wurde. Welchen Werth man auf solche CoUegien im 
Mittelalter legte, hat uns am besten Heinrich v. Langenstein 
gesagt (s. unten S. 624 Anm. 1640). Die Pariser CoUegien 
musste ich natürlich noch ausschliessen. Auffallend ist, dass in 
Deutschland die eigentlichen CoUegien, wie sie in den romani- 
schen Ländern und in England bestanden, kaum in Aufnahme 
kamen. 

Ich habe unten S. 220 bemerkt, warum ich die Universi- 
täten nicht chronologisch oder nach den verschiedenen Ländern 
gruppiert habe. Das im zweiten Paragraph des fünften Haupt- 
abschnittes über die Entstehung der Universitäten Gesagte (s. be- 
sonders S. 772 ff.) bringt es durchaus mit sich, zwischen solchen 
Universitäten, welche gewissermassen aus sich selbst oder durch 
Auswanderung entstanden sind, und solchen, die Stiftbriefen 
ihre Existenz verdanken, zu unterscheiden. Die Sonderung in 
diese zwei Gruppen ist nichts weniger als äusserUch, im Gegen- 
theile gründet sie sich auf die historische Entwickelung des 
Generalstudiums, der man aber bisher kaum eine Auänerksamkeit 
geschenkt hat. War es nun nothwendig zwischen Universitäten 
ohne Gründungsurkunden und Universitäten mit solchen zu 
unterscheiden, so musste ich letztere, wollte ich consequent 



XXVm Einleitung. 

bleiben, nach der verschiedenen Art der Stiftbriefe, welche sie 
erhielten, classificieren , obgleich ich zugestehe, dass es sehr 
häufig ganz accidentell war, wenn dieser Hochschule ein päpst- 
licher, und nicht ein landesfürstlicher oder kaiserlicher zu Theil 
wurde, und umgekehrt. Meine Disposition erleichtert zugleich den 
Einblick in das Verhältniss der geistlichen und weltlichen Gewalt 
zur Errichtung der Universitäten des Mittelalters und macht 
manche Erörterungen darüber und eine weiter ausgesponnene 
Polemik gegen die herrschenden Ansichten überflüssig. Die 
bisher beliebte Eintheilung nach Ländern wäre am Platze, wenn 
die Gründung der Hochschulen mit dem Nationalbe wusstsein in 
den einzelnen Ländern einen directen Zusammenhang gehabt 
hätte. 

Es bedarf wohl nicht der Versicherung, dass ich mich, so 
weit es in meinen Kräften stand, der Genauigkeit befliss. Inso- 
ferne es mir möglich war, verglich ich auch die bereits ge- 
druckten Quellen mit den Originalen und Handschriften, nament- 
lich wenn es sich um Stellen handelte, die Beweiskraft haben 
sollten. Besonders den älteren Drucken ist nicht zu trauen. 
Den päpstlichen Schreiben fügte ich in der Regel auch dann die 
Nummer des betreffenden Briefes in den Vaticanischen Regesten 
bei, wenn erstere bereits publiciert waren. Ich halte es nicht für 
nothwendig, die Nützlichkeit dieses Verfahrens weiter darzulegen. 

Unzählige Male bot sich mir Gelegenheit, mich mit land- 
läufigen Behauptungen auseinanderzusetzen. Man sei aber über- 
zeugt, dass ich bemüht war, die Warnung des ersten Glossators 
der Sentenzen des Peter Lombardus, Peters von Poitiers, nie aus 
den Augen zu verlieren: Teritati non intellectae obloqui teme- 
raria praesumptio est; intellectae sed offenden ti contraire obsti- 
nata praesumptio est; et hoc vitio praecipue Magistri laborant, 
quos saepe veritas intellecta offendit, — offenditur autem unus, 
quando alius bene dicit. Unde licet reclamante conscientia 
statim ei contradicit' (Cod. Paris. 14423 Bl. 41b). Ich bin 
jedem dankbar, der mich auf Irrthümer, Fehler und Lücken 
au&nerksam macht und von mir übersehene Documente, welche 
in meine Zeit reichen, zu Tage fördert Soweit es möglich 
ist, werde ich allen Wünschen Rechnung tragen. Sollte aber 



Einleitung. XXIX 

ich keinen Nutzen mehr aus solchen Winken und Nachträgen 
ziehen können, so werden sie gewiss einem künftigen Bearbeiter 
der Universitätsgeschichte zu gute kommen, dem mein Werk 
doch immerhin manche schwere Mühe ersparen wird, der ich 
mich nothgedrungen unterziehen musste und von der ich nicht 
weiter reden will. 

Ein ausführliches Register folgt mit dem zweiten Bande, 
der mit dem ersten ein Ganzes bildet. 

Bei meinen Arbeiten wurde mir überall Unterstützung zu Theil. 
Namentlich muss ich meinen verbindlichsten Dank aussprechen 
der Direction der Nationalbibliothek, des Nationalarchives und 
der Universitätsbibliothek zu Paris, den Bibliotheksvorständen 
der Staatsbibliothek zu München, der Universitätsbibliotheken 
zu Leipzig und Erlangen, sowie speciell Mons. Ciccolini und 
P. Bollig an der Vaticanischen Bibliothek, meinen beiden Freunden 
P. Jeiler in Quaracchi bei Florenz und P. Ehrle in Rom, den 
Herren Omont und E. Chatelain in Paris, Herrn W. Meyer in 
München, Hofrath Ficker in Innsbruck, Herrn Sindaco und 
Archiworstand Banchi in Siena, Prof. A. Corradi in Pavia, Prof. 
Hinojosa in Madrid. Gute Aufnahme fand ich an allen Biblio- 
theken und Archiven, an denen ich arbeitete und deren es nicht 
wenige sind, und Auskunft gab mir jeder so gut er konnte, an 
den ich mich wandte. Schlimm ergieng es mir nur in Padua; 
ich würde jedoch darüber schweigen, müsste ich mich nicht 
deshalb rechtfertigen, dass ich das dortige Museo civico nicht 
benützt habe. Als ich mich im Juli vergangenen Jahres daselbst 
aufhielt, um meine Notizen über die Universität Padua zu er- 
gänzen, und ich mit A. Gloria, dem Vorstande des Museo civico, 
sprechen wollte, Hess er mir sagen, dass ich alle Documente, 
welche sich auf die Geschichte der Universität Padua bis 1318 
beziehen, in seinen demnächst erscheinenden Monumenti lesen 
könne. Dieses sonderbare Benehmen sticht sehr ab gegen das 
des Bibliothekars an der Bibliothek S. Antonio, P. Josa 0. Min., 
der mir bei Untersuchung der dortigen Hss. jedesmal treu zur 
Seite stand. Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als auf die 
Publication Glorias zu warten, die aber bis jetzt nicht erschienen 
ist und vor Juli oder August nicht ausgegeben werden wird. 



XXX Einleitung. 

Unter diesen Umständen wäre ich schon froh gewesen, hätte 
man mich am Museo civico wenigstens auf die gedruckte neuere 
Litteratur aufinerksam gemacht. 

Am meisten verflichtet ftthle ich mich meinem Freunde 
Herrn Prot E. Steinmeyer in Erlangen, der mit grösster Bereit- 
willigkeit und Aufopferung die Durchsicht der Correcturbogen 
übernahm. Die Fehler, welche stehen geblieben sind, fallen 
nicht ihm zur Last. 

Vielleicht ist es mir gelungen, eine neue richtigere Auf- 
fassung eines der wichtigsten Theile der Culturgeschichte des 
Mittelalters wenigstens vorzubereiten und die Ueberzeugung zu 
befestigen, dass wir es nicht mit einer finstem, sondern mit 
einer sehr lichten Periode zu thun haben, die sich vor unserer 
Zeit trotz alles Fortschrittes auf den verschiedenen Gebieten 
nicht zu schämen braucht. 

Rom, 10. Mai 1885. 

P. Heinrich Denlfle. 



Inhalt. 



Seite 

I. Beseietaniing und Begrrtir der mittelalterlichen UnlTersitftt. 

1. StadinnL Studium generale 1 

Alter des Ausdrockes Studium generale 2. — Anwendung der Be- 
zeichnung Studium 5. — Scholae 9. — Begriff des Ausdruckes 
Studium generale 11. — Landesschnle 12. — Lehranstalt fflr Alle 

U. — Unterricht für Alle 17. — Studium pririlegiatum 19. — 
mit der facultas nbique docendi 21. — Abweichende Ansichten 23. 

— Nicht Vertretung aller Wissenschaften 25. — Man strebte sie 
an 28. 

2. Universltas. Aoademia. Oynmaslnm 29 

üniversitas im Mittelalter 29. — Alma mater 33. — Academia 36. 

— Gymnasinm 37. 

n. Entstehung nnd Entwickelnng der beiden ältesten Unirer- 
siflten. 

1 Entwickelnng der Sohnlen in Paris nnd Bologna im All- 
gemeinen . . • 40 

Wie sind die ältesten Unirersitäten entstanden? 40. — Neue Me- 
thode in der Doctrin 45. — Privilegien 48. — Anthentica 
Uahita 48. — Friedrich I. Tor Bologna 49. — Auseinander- 
setzung mit Giesebrecht 50. -^ Die Hss. der Authentica 52. — 
Ob zu Roncalia erlassen? 54. — Wem kam die Authentica zu 
gute? 55. — Bedeutung des Privilegs fflr Bologna 59. — Privileg 
Philipp Augusts fflr Paris 60. — Uebergang zu den nächstfol- 
genden Paragraphen 62. 

2. IMe Bildung der Corporationen an der Hoolisohnle zn 

Paris 64 

Bidieriger Irrthum hinsichtlich der Bildung der Universität Paris 
64. — Stfltsen des Irrthums 65. 

a. Bildung der Universität und der Facnltäten 67 

Die Magister der verschiedenen Disciplinen constituierten die Uni- 
versität 67. — Der Ausdruck facultas 71. — Bildung der Facultäten 
72. — Handlungen der Vertreter der einzelnen Wissenschaften als 
Facultäten 73. — Die Universität nicht identisch mit den vier 



XXXn IiiliaU. 

Seita 

Nationen 77. — Die Artisten ursprfinglich kaum identisch mit den 
Tier Nationen 80. — Irriger Bericht des Johann von St. Victor 82. 

b. Alter nnd Character der Nationeneintheilung in 

Paris ^ 

Gemischte Scholarenrerbindung 84. — Im 12. Jh. bestand noch 
nicht die Eintheilong in Tier Nationen 85. ^ Nicht die Artisten 
bildeten die alte UniTersitftt 87. — Das PriTÜeg Philipp Augusts 
83. _ Wie entstanden die Tier Nationen ? 91. — Unterschied 
zwischen der früheren und sp&teren Zeit 92. — Interessante Rotuli 
93. — Die Eintheilnng in Tidr Nationen hat sich nicht spontan 
entwickelt, sondern ist geschaffen worden 94. — Grund der Ein- 
theilnng 95. — Procuratoren der Nationen 97. — Welche Ele- 
mente schlössen die Nationen in sich? 97. "— Stellung der Artisten 
Eor UniTersit&t 98, — zu den vier Nationen 102. — Kein Gegen- 
satz zwischen Nationen und Facult&ten 103. — Wann erfolgte 
die Nationeneintheilung? 105. 

c. Stellung des Rectors innerhalb der UniversitSt ... 106 
Bisherige Meinungen 106. — Die Rectoren in den p&pstlichen 
Schreiben 107. ^ Rector scholarum 108. — Es gab anfänglich 
noch nicht einen Rector an der Spitze der UniTersitftt 109. ^ Wann 

in den Universit&tsacten der Rector zuerst erw&hnt wird 114. — Der 
Rector in der ersten Periode 115. — Wahl des Rectors 118. — 
Wie der Rector nach und nach Haupt der ganzen UniTersitftt 
wurde 119. — Es geschah nur durch Vergewaltigung Ton Seite 
der Artisten. Unverhftltnissmftssige Uebenahl der Magistri ar- 
tium 123. — Es war unnatfirlich, dass der Rector der Artisten 
Vorstand der Universitftt wurde 125. — Lösung der Schwierig- 
keiten 127. — Theorien des Mittelalters Aber die Nothwendigkeit 
eines Corporationshanptes 128. — Uebersicht 130. 

3. Entwiokelnng der Ck>rporationen an den Sohnlen Bolo- 
gnas 132 

Reine und gemischte Scholarenverbindung 132. — Friedrichs I. 
Attth. Habita im Verhftltniss zu den Gorporationen 133. 

a.Das Wesen der ScholarenTorbindungen 135 

Sie waren freie Genossenschaften auf fremdem Boden 135. — Es 
gab anfftnglich mehr als zwei ScholareuTerbindungen zu Bolo- 
gna 186. — Gliederung der einzelnen Verbindungen 139. — Letztere 
entstanden nicht zu gleicher Zeit 140. — Von welcher Nation der 
Gedanke Verbindungen za schliessen herrtlhren mag 141. — MotiTO 
zur Eingehung Ton Genossenschaften 142. — Die ScholarenTerbin- 
dungen und die stftdtischen gewerblichen Zanfte Italiens 145. — 
Rector scholarum, Rector scholarium 147. — Wie die Scholaren 
zum Genossenschaftsrecht gelangten, da sie keine Profession aus- 



Inhalt. X XXUl 

Seite 

Übten 151. — Eigenart der Studierenden 152. — Schlussresoltat 
153. ^ Mehrere Corporationen, jede mit einem Rector 154. — 
Eigenthflmlichkeiten der Scholarenverbindongen Bolognas 156. — 
Irrige Ansichten 157. 

b. Zeit der Entstehung der Scholarenverbindungen . . 158 

c Yerhältniss der Scholarenverbindungen Bolognas zur 

Stadtgemeinde und zu den Professoren 160 

Wober kam die Missgunst der Stadt gegen die Scholarenverbin- 
dungen? 160. — Eintreten Honorius III. fOr die Scholaren 161.— 
Neue Differenzen 162. — Die Stadt war nicht an sich den Ver- 
bindungen feindlich 163. — Widerholtes Einschreiten des Papstes 
166. — Die Stadt will das Bectorat unterdrücken 168. — Die 
Professoren dabei im Spiele 169. — Grund dieser Erscheinung 
171. — Ausgang des Streites zu Gunsten der Scholaren 175. 

d. Der einheimische Rechtsschfller, und die Scholaren 
der Übrigen Wissenschaften 177 

e. Der Rector, und seine Stellung innerhalb der Corpo- 

rationen 181 

Sarignys irrige Methode. Die Juristen-Statuten 181. — Beschaf- 
fenheit der Rectoren 184. — Uebergang 191. 

f. Yerhältniss der ScholarenTorbindungen zur Lehran- 

anstalt und umgekehrt 192 

Yerhftltniss der Professoren zu den ScholareuTcrbindungen 192. 

— Die Professoren und die Stadt 193. — Erklärung des Ab- 
hängigkeitsTerhältnisses der Professoren von den Scholaren 196. 

— Es war Folge des EntwickelungsprocesseSi dass die Scholaren 
die Administration der Studienangelegenheiten in die Hände be- 
kamen 200. — Stellung der Lehranstalt zu den Scholarenyerbin- 
dungen 201. — Die Professoren waren die Regenten des Stu- 
diums 204. 

g. Kurser üeberblick Aber die Studien-Yerhäitnisse der 

Hochschule 205 

Die Lehrfächer in Bologna 205. — Zahl der Professoren im 14. Jh. 
208. — Pririlegien Ton Seite der Päpste 209. -- CoUegien 212. 

in. Entstehung und Entwickelnng der Übrigen Hochschulen Eu- 
ropas bis 1400. 

Bis 1400 entstanden 55 Hochschulen 219. — Methode bei der 
Darstellung 220. 

1. Die iSlsohlioh als Universltätexi bezeiolmeten Schalen . . 221 
Macerata 221. — Lyon 223. — Brescia, Messina, Palermo, Yienne 
224. — Palma, Reims 225. — Todi 227. — Die Particularstudien 
228. — Pistoja 229. — Mantua, Parma 230. 

DealfU, Die UniTenitilen I. C 



XXXIV I°l>alt. 

Seite 

2. Die Hoolisclialeii ohne Errlohtangsbrlefe 231 

Studienanstalten ex consuetadine and ex prWilegio 231. 

Salerno 282 

Ansichten über den Ursprung, ob laical oder clerical 232. — Wie 
weit die Nachrichten zurückreichen 234. — Salerno unter den 
Staufern 235. 

Oxford 237 

Die Fabel von der Alfredschen Stiftung 237. — Oxford wird erst 
912 urkundlich erw&hnt 238. — F&lschungen 239. — Die Schule 
bestand im 12. Jh. 241. — Irrthum derjenigen, die sie erst 1229 ge- 
gründet sein lassen 241. — Stand der Schule Ende des 12. und 
Anfang des 13. Jhs. 242. — Erlitt keine Unterbrechung mehr 244. — 
Der eigentliche Ursprung unklar 247. — War um die Mitte des 13. Jhs. 
consolidiert. Frequenz 248. — Das erste Colleg 249. — Paris 
theilweise Vorbild Oxfords 250. — Rotuli der Universität 251. 

Orleans 251 

Wurde nicht erst von Clemens V. gegründet 251. — Die frühesten 
Schulen. Die ersten Actenstücke für eine Rechtsschule im 13. Jh. 
Gregor IX. 252. — Clemens V. ertheilte nur das Corporations- 
recht 256. — Das juristische Studium hatte wahrscheinlich in 
Paris seinen Ursprung. Zusammenhang mit der Bulle Super spe- 
cula 258. — Philipp der Schöne und die Universität 260. — Un- 
geschick der französischen Könige 262. — Uebersiedelung der 
Universität nach Nevers 264. — Widerherstellung der Univer- 
sität in Orleans durch Johann XXII. 265. — Namen von Pro- 
fessoren. Stand der Universität Ende des 14. Jhs. 268—269 

Angers 270 

Wie weit die juristische Lehranstalt zurückreicht 270. — 
Blühend Mitte des 13. Jhs. Professoren 271. — Bischof Wilhelm 
le Maire 272. — Durch die päpstl. und fürstlichen Schreiben 
wurde die Schule und die Universität nur privilegiert, nicht ge- 
gründet 274. — Frequenz der Universität in der 2. Hälfte des 
14. Jhs. 276. — CoUegien 277. 

Padua 277 

Entstand 1222 durch Auswanderung aus Bologna 277. — Contrakt 
mit Vercelli im J. 1228 278. — Schlüsse aus diesem Contrakte 
auf Padua selbst 280. — Das dortige Studium existierte noch 
unmittelbar nach 1228 281. — Zur Zeit der Tyrannei Ezzelins 
(1237—1256) Stillstand des Studiums 284. — Reactivierung des- 
selben im J. 1260. Lehrfächer. Bischof v. Padua 285. — 
Schnelle Blüthe der Hochschule. Der Papst und die Scholaren 

286. — Kritischer Zustand im vorletzten Decennium des 13. Jhs. 

287. — Annähernde Angabe des Personalstandes bis 1318 

288. — Collegien 289. 



iDhalt XXXV 

Seite 

Vercelli 290 

Entstand 1228 durch Aaswandemng aus Padna 290. — Gater 
Anfang 291. — Ubertas de Bobio. Ubertos de Bonacurso 291. 
293. — Von der Mitte des 13. Jhs. ab beständiges Schwan- 
ken 293. 

Reggio 294 

Frühe Rechtsschale, die aber nur wenig ihrer schnell Torflber- 
gehenden Bltlthe zeigt 294. — Professoren. Doctordiplom 295. — 
YerfaU im 14. Jh. 295. 

Modena 296 

Ruf der Schule £nde des 12. Jhs. Filius 296. — Guido de Suza- 
ria. Die Lehranstalt ohne grosse Bedeutung 297. — Trauriger 
Znstand im 14. Jh. 298. 

Vicenaa 298 

Bedeutend Anfangs des 13. Jhs. und entstanden durch Auswan- 
derung aus Bologna, aber nur von kurzer Dauer 298. — In der 
2. Hälfte des 13. Jhs. ReactiTierung 299. — Im 14. and 15 Jh. 
Niedergang. Fortbestand von Schulen. Venedigs Verbot 300. 

3. HoolisoliTilen mit nur päpstlichen Erriohtnngsbrlefen . . 301 

Römische Curie 301 

Das Generalstudium an der röm. Curie von Innocenz IV. gegrün- 
det 301. -^ Honorius III. nicht der Stifter 302. ^ Nicht bloss 
Rechtsschule, sondern auch theologische Lehranstalt 302. — 
Eifrige Pflege des Civilrechts 304. ~ Widerholte Dispens vom 
Verbote Honorius III. 305. — Studium der orientalischen Sprachen 
306. — Mit dem Studium an der Curie nicht zu verwechseln 
die Schule in Trets 308. — Zur Zeit des Schismas besassen 
die römischen und die avignonesischen Päpste eine Lehranstalt 
309. — Päpstliche Palastschule und die Hofschule Karls des 
Grossen 310. 

Rom 310 

Karl I. Ton Aigou — Bonifaz VIII. 310. — Mattbaeus Romanus. 
Lehrfächer 311. — Das Studium in der Periode der Päpste zu 
Avignon 311. — Allmählicher Verfall. Restaurierung durch Eugen 
IV. 312. — Neue Bestimmungen Eugens IV. 313. — Wechsel- 
fälle der Hochschule. Mehr Professoren als Schüler unter 
Leo X. 315. — Das erste CoUeg 316. 

Pisa • 317 

Rechtskundige zu Pisa seit dem 12. Jh. 317. >- Erhält erst vor 
der Mitte des 14. Jhs. die nothwendigen Vorbedingungen zu 
einem Generalstudium. Clemens VI. 319. — Keine andauernde 
Blüthe 320. — Löste sich nach und nach auf. Restaurierung 

im J. 1473 321 . 

C* 



XXXVI Inhalt. 

Seite 

Ferrara 322 

Die früheren Schalen. Markgraf Alberto y. Este und Bonifaz IX. 
322. — WechselTolles Dasein der Schule 323. — Endliche Con- 
solidierung im 15. Jh. 324. 

Toulouse 325 

Stiftung der Schule durch den Cardinallegaten Boman im J. 1229 
325. — Das vom Grafen Raymund ausgeworfene Salarium 326. 

— Jean de Garlande und Roland Ton Cremona 327. — Schrei- 
ben der Universit&t an die ausw&rts Studierenden 327. — 
Stillstand 329. — Gregor IX. im J. 1233. — Der Papst und der 
Graf wegen des Salariums 331. — Innocenz IV. 333. — Sorge 
der P&pste für das Studium 334. — Lehrf&cher 334. — Schick- 
sale des theologischen Lehrfaches 336. — Enorme Frequenz 
der Universit&t im 14. Jh. Rotuli. Namen von Professoren 338. 

— Die Gollegien 339. 

Montpellier 340 

Alte medicinlsche Schule 340. — Kirchlicher Einfluss 342. — 
Die juristische Schule. Placentin 343. — Azo oder Bassianus? 

344. — Differenz zwischen Jacob I. von Aragon und Clemens IV. 

345. — Regelung der Promotionen im J. 1285 364. — Artisten 
in Montpellier 347. — Solempne Studium in Montpellier um die 
Mitte des 13. Jhs. 347. — Es war ein Generalstudium 348. 

— Trotzdem erliess Nicolaus IV. einen Stiftbrief 350. — Er- 
klärung dieser Thatsache 350. — Die theologische Facult&t 354. 

— Zustand des medicinischen und juristischen Studiums im 14. Jh. 
354. — Namen von Juristen im 14. Jh. 356. — Gollegien 356. 

Afignon 357 

Schulen im 13. Jh. 357. — Gutes Gedeihen des Studiums bei Be- 
ginn des 14. Jhs. 358. — Stiftbrief Bonifazs YIII. 358. — Ver- 
h&ltniss desselben zu den vorausgehenden Schreiben Karls 11. 
Irrige Anschauungen modemer Gelehrten 359. — WechselfUle 
der Anstalt im 14. Jh. 361. — Frequenz. Juristen. Golle- 
gien 362. 

Gabors 362 

Gegrtlndet von Johann XXII. 362. — Toulouse das Vorbild 363. 

— Schwierige Existenz 364. — Lehrpersonal Mitte des 14. Jhs. 
364. — Gollegien 365. 

Gr6noble 365 

BenedicU XIL Stiftbrief 365. — Guter Wille Humberts, trotz- 
dem schneller Verfall der Lehranstalt 366. 

Cambridge 867 

Cambridge und Oxford im Wettstreit hinsichtlich des hohen Alters. 
Die Schule reicht kaum ins 12. Jh. Fortsetzung der Ingulf- 



iniuit xxxvn 

Seite 

sehen Chronik 367. — Die erste sichere Nachricht aus dem 
J. 1209 368. — Wichtige Schreiben Heinrichs III. und Gre- 
gors IX. 369. — Ungeordneter Zustand der Universit&t bis ins 
U. Jh. 371. — Die theologische Facult&t 373. — Das erste Col- 
legium 374. — Veranlassung zum Stiftbriefe Johanns XXII. 375. 

Valladolid 376 

Die Schule des 13. Jhs. 376. — Das Generalstadium errichtet 
von Clemens VI. 377. — Wichtiges Privileg desselben Papstes 
bezfiglich des Salariums 378. — Rotulus der Universit&t 379. 

— Aufschwung des Studiums unter Martin V. 379. — Theolo- 
gische Facult&t 380. 

Heidelberg 380 

Nicht c. 1346 gegrflndet 380. — Bericht des Marsilius von Ing- 
hen 381. — Urbans VI. Stiftbrief 382. — Ohne kaiserliche 
Gründungsurkunde 383. — Die Diplome des EurfOrsten Ruprecht 
384. — Eröffnung der Schule. Kleiner Anfang; plötzlicher Zu- 
wachs 385. — LehrßU^her. Collegiom 386. 

Köln 387 

Die froheren Stifts- und Klosterschulen 387. — Sie bildeten kein 
Generalstudium; man bewarb sich an ihnen nicht um academische 
Grade 388. — Ungemein günstige Lage Kölns fOr ein General- 
studium. Wissenschaftliche Rahrigkeit in der Kölner Provinz 391. 

— Behauptung Paolsens hinsichtlich der Entstehung der Hoch- 
schule 394. — Die ersten Professoren kamen grossentheils erst 
kurz vor Gründung der Universität nach Köln 395. — Die Errich- 
tungsbulle Urbans VL 398. — Eröffnung der Hochschule. Ma- 
trikel 399. — Civilrecht 400. 401. — Pftpstliche Privilegien. 
Dotierung 400. 401. — Bursen 402. 

Erfurt 403 

Die blühenden Schulen der ersten H&lfte des 13. Jhs. Saty- 
risches Gedicht des Nicolaos de Bibera 403. — Weitere Nach- 
richten über die Schulen bis zur Mitte des 14. Jhs. 405. •— 
Heinrich von Oytha um die Mitte des Jhs. Rector in Erfurt 
406. -- Wichtige Supplik Kaiser Karls IV. Vor Gründung der Uni- 
versit&t war Erfurt im Besitze einer der besuchtesten Lehranstalten 
Deutschhinds. Vier Hauptschnlen 407. — Stiftbrief des Gegen- 
papstes Clemens VII. Bulle Urbans VI. 410. — Stand der 
Schule 411. — Collegien 412. — Dotierung 413. 

Fttnfkirchen 413 

Studienverh&ltnisse in Ungarn im 13. und 14. Jh. Veszprim 413. 

— Um die Mitte des 14. Jhs. nur ^in Doctor der Theologie in 
Ungarn 414. — Urbans V. Stiftbrief für Fünfkirchen 415. — 
Gal?anus de Bononia 417. — Baldiger Verfall der Hochschule 418. 



XXXVffl Inhalt 

Seit« 

Ofen 418 

Der Stiftbrief ßouifazs IX. Schwierigkeit das Datam desselben 
zu fixieren 418. — Schwaches Leben der Schule 420. — Reacti- 
vierung im 15. Jh. Kurzer Bestand 421. — Mathias Corvinus 
und die neuen Hochschulen 422. 

4. Hoohsohnlen mit kaiserUohen oder landesherrliolien Grün- 
dnngsurlninden 424 

Arezzo 424 

Auswanderung aus Bologna 1215. Roffridus Epiphanii 424. — 
Zustand der Schule Mitte des 13. Jhs. 425. — Rückgang in der 
folgenden Epoche. Notizen aus der 1. H&lfte des 14. Jhs. 425. 
- Karls IV. Stiftbrief 427. - Verfall der Schule. Friedrich III. 
Widereröffnung und völliger Niedergang 428. 

Siena 429 

Die Schulen um die Mitte des 13. Jhs. 429. — Innocenz IV. 
430. — Versuch der Commune 1275 ein Oeneralstudium zu er- 
richten. Scheitern desselben 431. — Die Schulen bis 1321. Jacob 
de Belviso, Jacob de Arena, Oldradus 434. — Der Mediciner Dinns 
435. — Riccardo Petroni 436. — Epochemachendes Ereigniss 
in Bologna 1321. Auswanderung von Professoren und Scholaren 
487. — Uebersiedlung nach Siena 438. — Professoren. Fede- 
rigo Petrucci. Salarium. 439. — Baldige Auflösung des Studiums 
zu Siena 440. — Wideraufnahme der Vorlesungen in Bologna 
441. — Cinus von Pistoja in Siena 443. — Neue Anstrengungen 
der Sienesen 444. — Privileg Karls IV. 446. — Trauriger Zu- 
stand des Studiums 448. — Neue Rührigkeit Ende des 14. Jhs. 
449. — Gregor XII. 450. — CoUegium 451. — Endliche Con- 
solidierung 451. 

Neapel 452 

Neapel nicht die erste von einem Landesfürsten gegründete Uni- 
versität 452. ~ Friedrichs II. Stiftbrief. Scheidung der Briefe 
bei Peter de Vineis 453. — Lehrstuhl der Theologie 455. — Unter- 
brechung und Wideraufnahme der Schule. Thomas von Aquin 

456. — Verlegung des Studiums nach Salemo unter Konrad II. 

457. — König Manfred als Restaurator der Schule in Neapel 457. — 
Th&tigk Bit Karls I. von A^jou. Clemens IV. 458. — Lehrfächer 460. 

Treviso '. 461 

Die Stadtschule des 13. Jhs. 461. — Bcschlnss der Commune im 
J. 1314 ein Generalstudium zu errichten 462. — Berufungen von 
Juristen 463. — Neue Anstrengungen im J. 1318 464. — Privi- 
leg Friedrichs des Schönen 465. — Plötzlicher Verfall der 
Schule 466. 

Orange 467 



Ißl^alt. XXXIX 

S«iu 

Die Lehranstalt im 13. Jh. Privileg Urbans V. im J. 1365 467. 

— Stiftbrief Karls IV. 468. — Gegenpapst Clemens VII. er- 
richtet den Lehrstuhl für das canonische Recht 470. — Geringe 
Bedeutung der Schule in der folgenden Periode 471. 

Palencia 471 

Irrige Anschauungen hinsichtlich der alten Schulen 471. — Die 
Lehranstalt zu Beginn des 13. Jhs. 472. — Errichtung des 
Generalstudiums durch Alonso VIII. 474. — Baldiger Rflck- 
gang. Reactivierung durch Fernando III. und Bischof Tello 475. 

— Stillstand seit Mitte des 13. Jhs. 476. — Wiederherstellung 
durch ürban IV. Verfall 478. 

Salamanca 478 

Alonsos IX. Thatigkeit 479. — Stiftbrief Fernandos III. 480. — 
Aufschwung unter Alfonso el Sabio 481. — Salarium der Pro- 
fessoren 483. — Alexanders IV. Privilegien 484. — Sorgfalt Al- 
fonsos el Sabio 486. — Kritische Lage des Studiums Ende des 
13. Jhs. 487. — Uebelstände betreffs der Besoldung 488. — 
Verdienst Clemens V. um die Widerherherstellung der Lehran- 
stalt 489. — Glücklicher Erfolg 491. ~ Errichtung der theolo- 
gischen Lehrkanzeln 492. — Zustand der Universität Mitte und 
Ende des 14. Jhs. 495. — Das erste grossere Colleg 494. 

Sevilla 495 

Eigenthümlichkeit dieser Schule 495. — Sie war vorbereitet 
durch die Lehranstalten der Dominicaner für die orientalischen 
Sprachen 495. — Raymund Martini 496. — Die Mauren Lehr- 
meister der Brüder 497. — Alfonsos el Sabio Stiftbrief 498. — 
Privileg Alexanders IV. 499. — Stillstand 499. 

L^rida 499 

Jacobs II. Stiftbrief. Bonifazs VIII. Antheil 509. — Die Magna 
Charta 501. — Verdienste Jacobs IL um die Lehranstalt 503. — 
Kurze Unterbrechung. Reactivierung 504. — Das erste Colleg 

505. — Die Lehrfächer. Gründung der theologischen Lehrstühle 

506. — Medicin 507. — Nationen 507. 

Huesca 508 

Pedros IV. Stellung zu den verschiedenen Lehranstalten 508. — 
Pedros Stiftbrief 509. — Das Salarium der Professoren 500. — 
Stocken des Studiums. Affaire mit den Juden 511. — Unter- 
brechung des Studiums bis Paul II. 513. — Reactivierung 514. 

5. HcohsoliTLlen mit päpstliolien und landesherrliolien oder 

kaiserliolien Stiftbriefen 515 

Perpignan 515 

Bisheriger Irrthum hinsichtlich des Ausstellers des päpstlichen 
Sliftbriefes 515. — Pedros IV. Gründung 516. — Misserfolg 517. — 



XL Inhalt. 

S«ite 

Stiftbrief des Oegenpapstes Clemens YII. 517. — Frequenz der 
neuen Hochschale 518. — Die theologische Facultät 519. 

Lissabon-Coimbra 519 

Merkwürdiges Geschick des Oeneralstudiums in Portugal 519. — 
Die früheren Schulen in Lissabon und Coimbra 520. — BemQ- 
hnngen geistlicher Würdenträger Portugals um eine Hochschule 
in Lissabon. König Diniz 522. — Nicolaus IV. Privilegienbrief 
523. — Clemens V. Verlegung des Studiums nach Coimbra Anf. 
des 14. Jhs. 524. — Die Magna Charta. Lehrf&cher 525. — Sa- 
larium 526. — Uebersiedelung nach Lissabon 527. — Verdienste 
Clemens VI. 528. — Rückverlegung nach Coimbra 529. — Ge- 
fährdeter Zustand der Schule. Abermalige Transferierung nach 
Lissabon 530. — Stiftbrief des Gegenpapstes Clemens VII. 531. 
— Rotulus 582. — Eifrige Pflege der Universität von Seite der 
Könige 533. — Endliche Fixierung der Universität in Coimbra 534. 

Perugia 534 

Die Rechtslehrer daselbst im 13. Jh. Sorge der Stadt für Schu- 
len 535. — Grosse Rührigkeit der Commune Anf. des 14. Jhs. 
Plan sich um ein Universitätsprivileg zu bewerben 536. — Corpo- 
rationen 537. — Jacob de Belviso 538. — Stiftbrief Clemens V. 
538. — Berufung von Juristen 539. — Mediciner 541. — Neue 
Periode. Jacob de Belviso 542. — Bewilligung der Promotionen 
durch Johann XXII. 543. — Bemühungen der Stadt, um das Stu- 
dium in gutem Stande zu erhalten 544. — Matrikel 546. — 
Lehrpersonal 547. — Die theologische Lehrkanzel 548. — Päpstl. 
Privilegien 549. — Stift- und Privilegienbrief Kaiser Karls IV. 
550. — Das erste Colleg 551. 

Florenz 552 

Vorgeschichte 552. — Beschluss der Republik im J. 1321, in den 
Besitz eines Generalstudiums zu gelangen 553. — Misserfolg zur 
Zeit, als in Florenz mehrere Professoren lehrten 554. — Ein- 
zelne Lehrer in der nächsten Periode 556. — Neuer Beschluss 
der Stadt 557. — Stiftbrief Clemens VL 558. — Wechselvolles 
Schicksal der Schule 559. — Neue Geldmittel. Berühmte Pro- 
fessoren 560. — Grossartige Thätigkeit der Stadt 561. — Stift- 
brief Karls IV. 562. — Lehrpersonal 563. — Neue Anstrengungen 
564. — Statuten 565. — Wechselvolles Schicksal. Colleg 565. — 
Verlegung des Studiums nach Pisa 566. 

Piacenza 566 

Das 12. Jh. Placentin. Carolus de Tocco 566. — Stiftbrief Inno- 
cenz IV. 567. — Schwache Wirkung desselben 567. — Stiftbrief 
Galeazzo Viscontis 569. — Verlegung des Studiums von Pavia 
nach Piacenza 570. — Plötzliche Blüthe und schneller Verfall 
der Universität 571. 



Inhalt XLI 

Seite 

PaTia 572 

Die Bechtsschule Pavias in früherer Zeit 472. — Ansichten der 
Fol*scher Aber die Schulen des 13. und 14. Jhs. 574. — Verfall 
derselben in der Epoche vor Grandung der Universität 577. — 
Stiftbrief Karls IV. Päpstlicher Stiftbrief 679. — Unterbrechung 
580. — Widerherstellung durch Filippo Maria Visconti. Qlack- 
licher Erfolg 581. — Erstes Golleg 582. 

Prag 582 

Die Schulen des 13. Jhs. Ihre Wechsel vollen Schicksale 582. — 
König Wenzels IL Bemühungen 585. — Stiftbrief Clemens VI. 
586. ~ Karls Stiftbrief 586. 587. — Motive Karls 588. — Fa- 
coltäten 589. — Das Studium kam alsbald in Aufnahme 590. — 
Doctordiplom aus dem J. 1359. Supplik Karls aus dem J. 1355 
für die Professoren und mehrere Schüler 591. — Heinrich von 
Oytha 592. — Supplik Karls aus dem J. 1362 595. — Karls Be- 
mühungen um die Schule 597. — Collegium Carolinum 598. — 
Haus für die Juristen 599. — Frequenz der Universität 600. — 
Päpstliche Privilegien 601. — Feindselige Gesinnung des Gegen- 
papstes Clemens VU. 602. — Schutz der Päpste Bonifazs IX. und 
Innocenzs VII. 603. 

Wien 604 

Die Bürgerschule bei St. Stephan im 13. Jh. 604. — Budolf der 
Stifter und ürban V. 605. — Stiftbrief Rudolfs 605. — Ur- 
bans V. Stiftbrief. Warum die theologische Facultät nicht er- 
laubt wurde 606. — Erste Statuten. Albert von Sachsen 607. 

— Schwaches Leben der Universität. Doch bestand nicht bloss 
die Bürgerschule 608. — Matrikel 610. — Thätigkeit Albrechts III. 
Günstiger Augenblick für Wien 612. — Das Schisma. Spaltung 
der Pariser Universität 613. — Verhalten der natio anglicana; 
sie stand Clemens VII. nicht schroff gegenüber. Rotulus. Un- 
entschiedenheit 614. — • Parteiischer Bericht des Marsilius von 
Inghen 615. — Die deutschen Theologen entschieden auf Seite 
Urbans VI. 616. — Heinrich von Langenstein 617. — Mehrere 
Deutsche kommen von Paris nach Wien 618. — Errichtung der 
theologischen Facultät zu Wien durch Urban VI. — Privilegien- 
brief Albrechts, nicht von Heinrich von Langenstein veranlasst 
620. — Bestimmungen Albrechts 622. — Collegium ducale 623. 

— Albrecht wird als Stifter der Hochschule betrachtet 624. 
Krakau 625 

Stiftungsbrief Kasimirs des Grossen 625. — Stiftbrief Urbans V. 
626. — Stand der Schule nach Kasimirs Tod 627. — Erneue- 
rung durch Wladislaus. Bonifaz IX. Bewilligung der theol. 
Facultät 628. ~ Incorporationen 629. ~ Erstes Colleg. Päpstl. 
Privilegien 629. 



XLH Inhalt. 

Seit« 

6. Hoohsolialen die nioht ins Leben traten 630 

Fermo 630 

Bisheriger Irrthum hinsichtlich der Gründung der Schule 630. 
— Nicht Bonifaz YIII., sondern Bonifaz IX. erliess den Stift- 
brief 631. — Er hatte keine Wirkung. Die Universität datiert 
erst seit Siztns Y. 633. 

Verona 634 

Schulen in früherer Zeit. Stiftbrief Benedicts XII. Die Uni- 
versität trat nicht ins Leben 634. 

Orvieto 635 

Nicht unbedeutende Schulen des 13. Jhs. 635. — Lehrfächer 
636. — Gregor XI. und Urban VI. 637. — Man hört seit Er- 
theilung des Stiftbriefes nur von Grammaticalschulen 638. 

Pamiers 638 

Gründungsbrief Bonifazs VIII. ohne Wirkung 638. — Die Rechts- 
schule von Alais 639. 

Dublin 639 

John Lech uud der Stiftbrief Clemens V. 640. — Alezanders de 
Bicknor Thätigkeit. Statuten 641. — In wieweit die Bemühungen 
von Erfolg gekrönt waren 642. 

Valencia 643 

König Jacob I. und Innocenz IV. Der Erfolg entsprach nicht 
der Intention 643. — Die Schulen des 14. Jhs. Anstrengungen 
des Stadtrathes 644. — Die Universität datiert erst seit Ale- 
xander VI. 645. 

Alcalä • • 646 

Sanchos IV. Absicht blieb unausgeführt. 646. — Zur berühm- 
ten Universität legte Jimenez de Cisneros den Grund. Ale- 
xander VI. 647. 

Genf 648 

Karls IV. Stiftbrief ohne Erfolg 648. — Zustand der Schulen um 
jene Zeit 649. 

Lucca 649 

Bemühungen der Commune im 14. Jh. 650. — Karls IV. und 
Urbans VI. Stiftbriefe 651. — Luccas Missgeschick 651. — Kein 
Erfolg auch im 15. Jh. 652. 

IV« Die Universitäten in ihrem Verhältnisse zn den früheren 
Schulen« 

Bisherige Ansichten 653. — Uebergang 654. 

1. St. Ghenevi^^e, Notre Dame, St. Victor , und die Hoch- 
schule zu Paria 655 

Die Behauptung von der Vereinigung der drei oben genannten 
Schulen 655. — Die Schulen in St. Geneviove vor und nach 



Inhalt. XLni 

Seite 

der Reform des Klosters 656. — Scholae intemae und ex- 
temae. St. Gallen. St. Hubert in den Ardennen 658. — St. Ge- 
nevi^Te hat sich nicht mit Notre Dame yereinigt 659. — Die 
Artisten in St. Geneviä?e zu Ab&lards Zeit 661. — Wo waren sie 
in der sp&teren Epoche ? 662. — Wann kamen sie auf das linke 
Seineufer? 664. — Glos de Garlande. Rue du Fouare 667. — 
Das Kanzleramt von St. Geneviöve 668. — Resultate 670. — Ur- 
sprung des lateinischen Viertels 671. — St. Victor konnte sich 
ebenfalls nicht mit Notre Dame vereinigen 672. — Besass seit 
dem Ende des 12. Jhs. keine Berühmtheit. Nach Beginn des 
13. Jhs. ohne einen Theologen 673. — Bedeutung von Notre 
Dame 674. — Wiege der üniversij&t. In welchem Sinne "^ 675. 
— Wie die irrige Ansicht entstand 677. — Du Boulays Luft- 
gebilde 678. — Die modernen Aufstellungen 681. 

2. Die gelelirten Corporationen zu Paris in ihrem Verhält- 

niss ziL Notre Dame und St. Geneviöve 683 

Stand der Frage 683. — Zusammenhang mit den Untersuchungen 

im 2. Hauptabschnitt 684. — Stellung des Kanzlers 685. — Als 
dieser die volle Macht besass, konnte sich die Universität nicht 
in der von Du Boulay vorgetragenen Weise auf der Insel ent- 
wickeln 687. — Consequenzen 692. — Schlussresultate 693. 

3. Die Dom-» Stifts- und Klostersohulen, und die ausserita- 

lienischen Universitäten 695 

Schwierigkeit hinsichtlich der Dom- und Stiftsschulen 695. — 

Der bei allen Hochschulen gleich bleibende Factor war die 
Rechtswissenschaft 696. — Diese nahmen die Universitäten 
nicht aus den Dom- und Stiftsschulen 698. — Bestimmungen 
der Orden 699. — - Das medicinische Fach entlehnten die 
Universitäten nicht von den genannten Schulen 703. — Das 
theologische Lehrfach mangelte an vielen Universitäten. Grund 
dieser Erscheinung 703. — Die Universitäten mit der theologi- 
schen Lehrkanzel 706. — Das vierte Lateranconcil und Hono- 
rius in. 707. — Deren Vorschriften wurden vielfach vernach- 
lässigt 708. — Die Universitäten lehnten sich hinsichtlich 
der Theologie nicht an die Dom- und Stiftsschulen an 709. — 
Ebenso wenig an die Klosterschulen 710. — Die artes liberales. 
Die Benedictinerschulen. Letztere waren in Verfall 711. — Die 
Studien bildeten kein wesentliches Element in der Gesetzgebung 
des Ordens. Die Consuetudines 715. — Die Chorherren. Die Cister- 
cienser 717. — Die Dominicaner 718. — Franciscaner, Augustiner, 
Carmeliter 720. — Die Universitäten giengen nicht aus den Kloster- 
schulen hervor 720. — Untersuchung hinsichtlich der Dom- und 
Stiftsschulen. Kirchliche Bestimmungen 721. — Lösung der Frage 



XLIV Inl^lt. 

Seite 

bezüglich des Anschlusses der Universitäten an frühere Schulen. 
Scheidung in ?ier Hauptgruppen 723. — Schlussresultat 728. 

4. Die Sohnlen Italiens und die Universitäten 729 

Irrige Behauptungen 729. — Die frühesten Schulen und jene 
die durch Auswanderungen entstanden 723 —731. — Die meisten ita- 
lienischen Universitäten hatten in den Stadtschulen ihre Wurzeln 73 1 . 
— Die Hauptfächer 732. — Die Thätigkeit der italienischen Com- 
munen 733. — Viele Hochschulen hatten ziemlich dasselbe Aus- 
sehen wie die sie vorbereitenden Lehranstalten 734. — Pflege 
der Hochschulen durch die Gommunen 735. — Gonsequenzen. 
Das Rectorat der Scholarenverbindungen 736. — Coppis Aus- 
spruch *rindependenza intellettuale dei popoli dall' influenza eccle- 
siastica' 738. — Die Universitäten und das italienische Städte- 
wesen 741. 

¥• Ursache der Entstehung der mittelalterlichen Hochschulen. 

Character der früheren Schulen und der Universitäten. Frage- 
punkt 743. 

1. Paris und Bologna, und die mittelalterliclie Hochsclmle 745 
Die Unterschiede zwischen der älteren und neueren Zeit konnte 
man zuerst an Paris und Bologna beobachten 745. — Diese beiden 
Schulen wurden seit dem 12. Jh. von Studierenden aller Länder 
aufgesucht 746. — Honorius III. leistete Vorschub 747. — Neue 
Wendung der Dinge. Nach und nach bestrebten sich die ein- 
zelnen Länder ähnliche Lehranstalten zu erhalten 747. — Zu- 
erst die romanischen, dann die übrigen Völker 748. — Ausnahme- 
stellung Englands 751. — Die Hochschulen verdanken Paris und 
Bologna ihren Ursprung 752. — Die Universitäten trugen einen 
fremdländischen Charakter 753. — Folgen davon hinsichtlich des 
Studiums der Landrechte 754 — des canonischen Rechts 757 — der 
Glassiker 758 — der Theologie 759. — Nur in Bezug auf die 
medicinische Wissenschaft waren Salemo und Montpellier die 
Ausgangspunkte 760. — Gleichförmigkeit 760. — Umwandlung 
der alten Schulen 761. 

2. Die geistliolie und weltliohe Macht in ihrem Verhältnisse 

zur Gründung des Gteneralstudiums 763 

Widerstreitende Ansichten der Forscher über das genannte Ver- 
hältniss 763. — Wittenberg 766. — Scheidung der Universitäten 
in solche ohne, und solche mit Stiftbriefen 771. — Entwicke- 
lung der Licentia docendi zur Licentia ubiquc docendi 772. — 
Neue Klasse von Schulen. Zusammenhang mit dem Begriffe 
eines Studium generale 775. — Seit der Fixierung dieses Be- 
griffes konnte kein Oeneralstudium mehr ohne Gründungs- 
urkunde ins Leben treten 776. — Ansicht des Mittelalters 



Inhalt. XLV 

Seite 

darQber 778. — Das Recht des Papstes 779 — des römischen 
Kaisers 781 — des Königs oder LandesfOrsten 784. — Seit der 
Mitte des 13. Jhs. war entweder ein p&pstlicher, oder ein kaiser- 
licher oder landesherrlicher Stiftbrief die Yorbedingung eines 
Generalstndinms 790. — Stellang der Commanen und des Bi- 
schofes zur Errichtung von Hochschulen 790. 

Rückblick 792 

Geistige Th&tigkeit des Mittelalters 792. — Das Verdienst der 
P&pste, des Clerus, der weltlichen Fürsten und der Commnnen 
792 — 794. — Die aragonesischen Könige in Sardinien und Sici- 
lien 794. — Harmonie zwischen Geistlichem und Weltlichem auf 
dem Uni?ersit&tsgebiete 795. — Die mittelalterliche Universität 
und die modernen Anschauungen 795. — Charakter der mittel- 
alterl. Universit&t. Yorzflge und Fehler 797. — Sie verdient 
unsere Achtung und unseren Dank 798. 
Bellagen. 

Beilage I. Die städtischen Statuten Paduas, für die Studierenden 
in den Jahren 1259—1275 erlassen 800 

Beilage II. Uebersichtstabelle der Universitäten nach der heutigen 
L&ndereintheilung 807 

Ergänzungen 811 



DIE ENTSTEHUNG 
DER 



UNIVERSITÄTEN 

DES 

MITTELALTERS BIS 1400. 



1. 

BEZEICHNUNG UND BEGRIFF DER MITTELALTERLICHEN 

UNIVERSITÄT. 



Ehe wir unsere Untersuchungen über die Universitäten ^) des 
Mittelalters beginnen, ist es durchaus nothwendig, darüber ins 
Reine zu kommen, mit welchen Ausdrücken sie bezeichnet wurden, 
welche Begriffe denselben zu Grunde lagen und wann die Ausdrücke 
in allgemeinen Gebrauch kamen. Dies ist um so nothwendiger, 
als einige derselben bis heute noch von Verschiedenen verschieden 
erklärt werden, davon zu schweigen, dass man noch nicht den 
Versuch gemacht hat nachzuweisen, wann gerade der haupt- 
sächlichste derselben zuerst in Aufnahme gekommen ist, wann er 
stereotyp wurde. Diese Untersuchung erhält um so grösseres 
Interesse, als wir aus den verschiedenen einander folgenden 
Benennungen der mittelalterlichen Universität auch ein Bild von 
dem Entwicklungsprocesse des mittelalterlichen Studienwesens 
gewinnen. 

1. Stadium. Studium generale. 

Keine Bezeichnung war für die Universität im Mittelalter 
gebräuchlicher als Studium generale. Wie alt ist aber dieser 
Ausdruck, und welchen Begriff verband man mit demselben? 

Was das Alter des Ausdruckes 'Studium generale' betrifft, 
so kann ich natürlich nicht nachweisen, wann man denselben 



*) * Universität' gebrauche ich hier in dem jetzt üblichen Sinne für 
Hochschale; weiter unten komme ich auf die mittelalterliche Bedeutung zu 
sprechen. 

Denifle, Die Unirertitlten I. 1 



2 I. Bezeichnang der mittelalterlichen Uni?er8it&t. 

zuerst anwendete, sondern nur, wann er zuerst in den Urkunden 
erscheint. Die Anwendung selbst ist immer früher als das Vor- 
kommen in den Documenten. 

Zum ersten Male finde ich die Schule von Vercelli mit dem 
Ausdrucke 'Studium generale' bezeichnet, und zwar in den 
Statuten gegen die Ketzer, welche hauptsächlich der Franciscaner 
Heinrich von Mailand in dem Jahre 1233 — 1234 aufgestellt 
hatte'). Aus früherer Zeit kann ich wenigstens kein Document 
nachweisen'). Nur dem synonymen Ausdruck: 'Studium universale' 
begegnen wir um einige Jahre früher, nämlich in dem von der 
Universität Toulouse im Jahre 1229 — 1230 erlassenen Sendschreiben 
'ad universalia studia alibi florentia'^), auf das ich im Absc&nitt 



') Eist, patriae mon. XYI, 1237 ; Statut! e monamenti storici del commune 
di VerceUi. Torino 1877, p. 272 § 387. Die Commane yon Vercelli beschliesst, 
quod remanente studio generali Vercellis et permanentibus condicionibus que 
sunt inter Commune YerceUarum et Scolares, cum aliorum doctorum fit 
electio, prima de Theologo uno fiat. 

') Dass auf viel früher gegründete Studienanstalten der Ausdruck von 
sp&teren Schriftstellern angewendet wurde, tut nichts zur Sache. So meinen 
z. B. Constantin von Orvieto in seiner Vita des hl. Dominicus (Paris Natio- 
nalbibl. n. 18324 Bl. 226 und bei Quetif-Echard, SS. Ord. Pr. I, 26) und dar- 
nach Humbert (Original im Besitze des Dominicanerordens; s. auch Quetif- 
£ch. 1. c), dass zur Zeit, als Dominicus in Palencia studiert habe (Ende des 
12. Jhs.)) dort * generale florebat Studium'. So bezeichnet auch Ant. Godi das 
Studium zu Vicenza (1204—1209) als Studium generale (Chron. bei Muratori, 
Script, rer. ital. VIU, 75). Allein dieser Ausdruck wurde nur von den ge- 
nannten Autoren selbst, weil zu ihrer Zeit gebräuchlich, jenen Studienanstalten 
beigelegt. Man könnte sich auch auf ein Schreiben Peters deyineis(Epp. 3, 13; 
HnilL-Br^holl. Eist diplom. II, 1. p. 453), das man bis in die letzte Zeit 
Friedrich II. zuschrieb und dem Jahre 1224 zuwies, berufen, worin der Aus- 
druck auf das Studium in Neapel angewendet wird. Allein sowohl dieser Brief, 
als zwei andere, die man in diese Zeit setzte (epp. 10 und 12; HuiU. L Ci 
447. 449), sind sp&teren Datums; der erste gehört König Manfred (s. Böhmers 
Begesta Imperii Y. ed. Ficker n. 1537. 4680), die zwei andern König Konrad 
(1. c. 4601. 4572). Den Nachweis findet man bündig bei Ficker a. a. 0. Noch 
Morelli fiel in den Statuti della universitä e studio Fiorentino (Firenze 1881) 
p. XXX in den alten Irrthum. 

^) Bei Jean de Oarlande, De triumphis ecclesie im cod. n. 1225 nouy. 
acquis. lat. zu Paris p. 75. Ed. Wright (1856) p. 96. Nach Edmund, Sketch 
of the life of Walter de Morton (Oxford 1859) p. 14 müsste man achliesseDi 



1. Studium. Stadium generale. 3 

über die Universität Toulouse zu sprechen komme. Dass der 
Ausdruck ^Studium generale' damals noch keineswegs allgemein 
gebräuchlich war, muss man auch daraus schliessen, dass man 
für jene Zeit geradezu nach ihm suchen muss« Erst 1242 taucht 
er wider auf, und zwar in den Statuten der Artisten von Mont- 
pellier^), während er in den medicinischen vom Jahre 1220, die 
jenen ziemlich ähnlich sind'), noch nicht erscheint. In den 
vom J. 1240 wird die Bezeichnung ^ locus famosus' gebraucht^). 
Im J. 1246 finden wir den Ausdruck 'Studium generale' zum 
ersten Male in den Acten der Generalkapitel der Dominicaner*), 
angewendet auf die Hauptordensstudien, und zugleich mit dem 
correlativen Ausdruck 'Studium solenne \ Letzteren gebraucht 
auch Card. Odo von Ghäteauroux im J. 1247^), und einige 
Jahre später Alexander IV. in Bezug auf Montpellier ^°). Die 
ersten päpstlichen Actenstücke, in denen sich der Ausdruck 'Stu- 
dium generale' findet, datieren aus dem J. 1244—1245, vom 
15. Mai 1247 und 6. Februar 1248, alle von Innocenz IV.'*). Die 



es w&re in England bereits circa 1175 'generale Studium' gesagt worden. 
Allein in Dugdales Monasticon Anglicanum II (Londini 1661), 854, worauf dort 
Bezug genommen wird, kommt natflrlich nichts derartiges vor. 

^) Bei Qariel, Series Praesulum Magalonensinm. Tolosae 1665, I, 357. 
Oermain, Hist. de la Commune de Montpellier. III, 450: incipientes incipient, 
. . . ot consuetnm est in locis ubi est Studium generale. 

6) Bei Oermain 1. c. p. 418. 

7) Ib. p. 425. 

^) Martine, Thes. noY. anecd. lY, 1690. Ich komme weiter unten darauf 
xurfick. Um dieselbe Zeit yerüasste Constantin von Orvieto die Legende des 
hl. Dominicus (s. Qu^tif-Echard, SS. Ord. Praed. I, 153), worin derselbe Aus- 
dmck vorkommt 8. oben S. 2 Anm. 3. 

9) Bei D'Argentr^, Coli. jud. I, 158: ubicunque solenne viget Studium. 

^0) Reg. Vat an. 2 ep. 113 Bl. 141b: ad Montem Pessulanum Studium 
sollempniter regitur. Schreiben vom 8. Februar 1256. 

^^) Mittelst des ersten Actenstflckes errichtet er das Studium an der 
Cmie: Volnmus et statuimus, ut studentes inscolis ipsis ... talibus privile- 
gÜB ... gandeant qnibns gandent studentes in scolis, ubi generale regitur 
Studium. In 6. de privil. tit. 7 c. 2. Bisher wusste man nicht, wann diese 
Bestimmosg statt hatte. Koch Friedberg setzt die Decretale in die Jahre 
1243—1253, gestützt auf Potthast. Allein der Begleiter des Papstes, Nicola 
da Corbio, sagt in der Tita Innocentii: et ut de plenitudine gratiae gaodeant 



4 I. Bezeichnung der mittelalterlichen Universit&t. 

Bezeichnung wird nunmehr allgemein.- 6. April 1255 wendet sie 
Alexander IV. auf Salamanca an *'), 15. Nov. 1256 auf die Uni- 
versität Paris"). König Alfonso el Sabio gebraucht sie in dem- 
selben Jahre von den von ihm in Sevilla errichteten Schulen'*), 
und nahm sie um dieselbe Zeit in sein Gesetzbuch auf*^). Es 
wäre ein höchst unnützes Unternehmen, nach dieser Periode noch 
den Ausdruck verfolgen zu wollen. Er begegnet uns überall, 
und es existiert von nun an keine Stiftungsurkunde irgend einer 
Universität, worin er nicht vorkäme. 

Der Ausdruck ^Studium generale' ist also verhältnissmässig 
jungen Datums, und es ist nichts als eine leere Behauptung, 
wenn Danou meint, gegen Ende des 12. Jhs. sei die Universität 
Paris 'Studium generale' genannt worden**'). Aber noch weit 
ferner von der Wahrheit ist Lorenz v. Stein mit seiner An- 
sicht, der Ausdruck finde sich zuerst in den Statuten der Uni- 
versität Pisa* Ol also erst im 14. — 15. Jahrhundert. 



universi, secando anno sui pontificatus apad Lugdunum in saa caria 
generale Studium ordinavit tarn de theologia, quam de decretis, decretalibus 
pariter et legibus. Bei Baluze, Miscell. ed. Mansi, I, 198. Muratori, Rer. 
ital. SS. V, 592 c. 16. Der Brief fehlt bei Berger, Registres dlnnocent IV. — 
Im 2. Briefe gew&hrt der Papst den Studierenden am Stadium zu Narbonne 
die Privilegien der Scholares 'in studiis generalibus.* Arch. Yat. an. 4 ep. 
719 Bl. 393 b. Berger l. c. n. 2717. Mittelst des dritten Briefes errichtete 
der Papst das Studium zu Piazenza. BulL Rom. ed. Taur. III, 356. 

^2) Original (Seidenschnur, Siegel fehlt) im Universit&tsarchi? zu Sa- 
lamanca. S. auch Bull Rom. III, 601. 

^3) Du Boulay Hist. univ. Paris. III, 332. Ebenso 28. März 1257. Bull. 
Ord. Praed. ed. RipoU. I, 333. Thurot, De Torganisation de l'enseignement 
dans l'universitd de Paris p. 11 konnte erst das Jahr 1259 nachweisen. Das 
2. Schreiben fehlt bei Du Boulay und Jourdain , Index chronologicus. 
Paris. 1862. 

^^) Im Memorial hist6rico espanol I, 54. Madrid 1851. Alfonso spricht 
darin von den 'estudios 6 escuelas generales*. 

1^) Las siete Partidas del sabio rey Don Alfonso el IX (es war jedoch 
derX.), Barcelona 1843. P. II. tit. 31, ley 1, wo er den Begriff vom 'estudio 
general' erörtert. 

16) Hist. litt, de la France XVI, 46. Vgl. auch Crevier, Hist. de l'uni- 
▼ersitz de Paris VU, 115 Anm. 

i7j Die innere Verwaltung. Zweites Hauptgeb. U. 2. Aufl. S. 107. 



I. Stadium. Stadium generale. 5 

Aber welche Bezeichnung hatte man früher? Man gebrauchte 
einmal den einfachen Ausdruck ^Studium'. Dieser wurde selbst 
dann, als die Benennung ^Studium generale' bereits in Anwen- 
dung war, viel häufiger gewählt. Peter de Vineis spricht vom 
Neapolitanum Studium'®), Friedrich n. im J. 1227 vom Studium 
Bononie*'), ebenso 1234 vom Studium, das er aput Neapolim 
gegründet"), und 1239 gebraucht er wie Peter den Ausdruck 
Neapolitanum Studium**). Der einfache Ausdruck wird ferner 
im Contrakte der Stadt Vercelli mit den Scholaren von Padua 
gewählt: Studium Vercellaruin, Studium Padue"), ihn wendet im 
selben Jahre das Provincialconcil von Valladolid auf Palencia 
an'*), wo 1212 — 1214 ein Studium generale im spätem Sinne 
von Atfonso Vin. gegründet wurde. Von demselben Studium sagt 
c. 1243 Don Bodrigo Jimenez de Rada: et licet hoc Studium 
fiierit aliquando interruptum, tamen per dei gratiam adhuc du- 
rat**). König Jacob el conquistador gebraucht denselben Aus- 
druck in Bezug auf die Schule von Valencia ' % Ebenso wenden Hono- 
rius ni. und Gregor IX. noch nicht, auch nicht in 6inem Schreiben, 
den Ausdruck *studium generale' an. Ersterer spricht vom 'stu- 



1») Epp. Petri de Vineis 1.. 4 ep. 8. 

19) Beg. Vat. Honor. III. an. 1 1 ep. 444 Bl. 157 and Winkelmann, Acta 
imperii inedita, p. 263. Ham.-Br6hoU. II, 712. 

«0) Haill.-BrehoU. IV, 497. 

») V^inkelmann 1. c. p, 649, and widerholt bei Haill.-Breholl. Y, 495 f. 
Aach Richard de S. Germano gebraucht die Phrase. Mon. Germ. SS. XIX, 
344. Vgl 372. 

^) Der Contrakt wurde neuerdings mit der alten Orthographie ediert 
Ton Balliano, Della universitä degli stadi di Vercelli. Vercem 1868 p. 38 ff. 

'') Item porqae qaeremos tomar en so estado el estadio de Palencia, 
ostorgamos etc. Espana sagrada ed. Bisco, XXXVI, 218. 

^) De rebus Hispaniae lib. 7 c. 34 in Hispania illustrata II, 128. Vom 
< estadio de Palencia' ohne das Epitheton general spricht auch die zur Zeit 
Alfonsos el Sabio verfasste Crönica general de Espana. Ed. Zamora 1541 
BL 394a. 

2^) Faeros de Valencia y su Beino lib. 9 tit De Metges, Apothecaris 6 
Speciers, rüb 32 n. 17: Atorgam que tot clergue 6 altre hom poxqae fran- 
cament 6 sens tot servi ^ tribat tenir Studi de gramdtica 6 de totes altres 
arts, 6 de fisica 6 de dret civil 6 canonich en tot loch per tota la ciutat 
(Valencia> Vgl auch ViUanaeva, Viage literario II, 96. 



6 I. Bezeichnung der mittelalterlichen üniversit&t. 

dium Bononie'"), Studium Palentie'O; letzterer vom Studium 
Parisiense''). In Bezug auf das Generalstudium von Toulouse 
sagt er 27. April 1233: (Apost. sedis legatus) duxit provide sta- 
tuendum, ut in Tolosana civitate cuiuslibet licite facultatis studia 
plantarentur *•), gleichwie Friedrich n. im J. 1224 wollte, dass 
'apud Neapolim . . . cuiuscunque professionis vigere studia"^. 
Hat zwar der Ausdruck ^Studium' an diesen beiden Stellen den 
alten Sinn, und nicht genau den von Lehranstalt, so gehören sie 
nichtsdestoweniger hieher, weil in der nächsten Zeit der Ausdruck 
^Studium' in dieser Phrase stets mit der Bezeichnung 'generale' 
erscheint. Die einfache Benennung gebraucht derselbe Papst 
auch später in Bezug auf dasselbe Studium''); sie wendet 
auch Innocenz IV. auf die Universität Paris") sowie auf jene 
von Valencia**), auf Oxford'*) u. s. w. an. Studium war über- 



^) In dem Schreiben Yom 5. Jan. 1227 an die Bectores Lombardiae. 
Mon. Germ. hist. Epistolae saec. XIII. I, 247. 

>7) Reg. Vat. an. 5 ep. 153 Bl. 32 a. 

>S) In der BoUe Parma sdenHarum Yom 13. Apr. 1231 bei Da 
Boolay III, 141 f. Und so in aUen Schreiben, die sich auf die Lehranstalt 
in Paris beziehen. 

^) Percin, Monumenta conv. Tolosani Ord. Praed. Tolosae 1693 III, 
152. Du Boulay III, 149. Der Delfin Hambert II. sagte später in Bezug 
auf Grenoble: studia generalia. S. weiter unten im 3. Paragraph. Innocenz IT. 
widerholte 11. September 1245 dieselbe Phrase Gregors. Berger 1. c. n. 1515. 

80) HuiU.-Br6holL II, 450. 

'1) So schrieb er 28. April 1236 an den Grafen von Toulouse: Card. 
Legatus ... ad heresim fortius confutandam Tolose sacre pagine et aliarum 
artium Studium ordinavit. Reg. Vat. an. 10 ep. 58 Bl. 150 b. Und 28. Apnl 
1233 an die Stadt: Tictualia tempore caristie de civitate per fluvium non 
extrahantur prefiita, ne pro ipsorum defectu quod absit Studium . . . dissohi 
contingat. Reg. Vat. an. 7 ep. 67 Bl. 14 b. Und so auch in Bezug auf 
Paris. 

8*) Histoire de Languedoc ed. Privat YII, 435 (in den Notes), 11. Sept. 
1245; YIII, 1188 ff. drei Schreiben vom 19. Sept. desselben Jahres. 

'8) Orti, Memorias historicas de l& fundacion y progressos de la insigna 
universidad de Valencia. Madrid 1730 p. 428. Das Breve ist vom 13. April 
1245 datiert. 

^) So im Schreiben an Bischof ▼. Lincoln v. 20. Mai 1246: apudOxo- 
niam, nbi Studium yigere dinoscitur. Wood, The history and antiquities of 
the uniy. of Oxford ed. Gutch I (1792) p. 236. Berger 1. c. n. 1859. 



1. Studiom. Stodium generale. 7 

hanpt die gewöhnliche Benennung und blieb es im ganzen 13. Jh. 
und noch später, um unter anderm die Lehranstalt einer Stadt 
oder alle Schulen derselben zusammengenommen unter einem 
Ausdruck kurzweg zu bezeichnen. Man sagte Studium Bono- 
niense, Parisiense, Oxoniense, Aurelianense etc., oder Studium in 
civitate . . . Studium apud . . . u. s. w. Beispiele finden sich 
überall, und werden gelegentlich von mir angeführt werden. Der 
Ausdruck wurde aber in dieser Bedeutung nicht bloss von Oene- 
ralstudien, sondern auch von Particularstudien gebraucht, die wie 
z. B. Erfurt erst später zu Generalstudien erhoben wurden. Das 
früheste Actenstück, in dem 'Studium' in obigem Sinne auf die 
Universität Paris angewendet erscheint, ist ein Schreiben Hono- 
riusm. vom 11. Mai 1219"). 

Doch kommt der einfache Ausdruck 'Studium' in der Bedeu- 
tung von Lehranstalt nicht vor dem 13. Jh. vor. Man könnte sich 
zwar auf das Privileg Philipp August vom J. 1200 berufen, da es 
dort nach Du Boulay heisst: Capitale Parisiensis Studii scola* 
rium. Allein im Originale steht: Capitale Parisiensium scola- 
rium *•). Auch mit einer Berufung auf das Schreiben Nicolaus I. 
an Karl den Kahlen stünde es nicht besser: sollte nämlich wirk- 
lich diese Bulle existieren, so wäre sie gefälscht, denn die Phrase: 
Tarisiis in studio cujus capital', erweist sich als ein späteres 
EinfQgsel, wie ich im Verlaufe nachweisen werde. Eine unan- 
fechtbare Stelle für den Ausdruck 'Studium' im Sinne von Lehr- 
anstalt vor dem 13. Jh. lässt sich nicht nachweisen*'). 



^) Bei Da Boulay III, 93: Stadium Parisiense, qaod doctrinae snae 
flaenta asqaeqaaqae diffundens etc. 

^ Original im Nat. Arch. zu Paris M. 66^ n. 1. Von mir nunmehr 
herausgegeben in den M^moires de la soci^t^ de l'histoire de Paris X, 247. 
Vgl. p. 250. So haben auch alle Yidimus der nächstfolgenden Könige, wie 
ich 1. c. angemerkt habe. Nur Du Boulay bietet III, 3 die falsche Leseart. 

37) Man könnte sich auf einen Brief Peters v. Blois berufen, nämlich 
ep. 174 bei Migne, Patrol. lat. 207 p. 468, wo es heisst 'Neapolitanum stu- 
dium\ Allein sowol dieser als der nächstfolgende Brief gehören dem Peter 
de Vineis (Epp. IIb. IV. ep. 8. 7) Ebenso könnte man desselben Peters 
Continuatio der Ingulfschen Eist. Groyland. (bei Fell, Her. Anglic. script. 
Tet. Ozoniae 1684 p. 108 ff.) heranziehen, wo er von der 'forma Aurelia- 
nensis studii' spricht. Allein die ganze Stelle ist nichts als eine spätere 



I 



3 I. Bezeichnung der mittelalterlichen Universität, 

Auch die grammatischen Glossatoren des 12. Jhs. kennen 
diese Bedeutung noch nicht. Papias erklärt ^Studium' einfach als 
'honestarum artium doctrina, littere, scientia, eruditio'"), nach 
dem Vorgange von Ansileubi glossarium *') und Isidor Ethymol. 
Huguccio nennt beim Worte 'studere, Studium' nur die klassische 
Bedeutung: operam dare, vacare discipline und ähnlich*^). Klarer 
jedoch ergibt sich aus seinem Artikel: gignas, gignasium**), dass 
er die oben entwickelte Bedeutung von 'Studium' nicht kenne. Nach- 

ümarbeltung. Es heisst unter Anderem darin, man habe Anfang des 12. Jhs. 
im Kloster Croyland neben Aristoteles auch des 'Averroes isagoge et com- 
menta' benützt. Wenn Huber (Die englischen Universitäten I, 103 Anm.) 
meint, Petrus Bles., als Zeitgenosse des Ruhmes des arabischen Philosophen, habe 
Averroes sehr unschuldig als sich von selbst verstehend mit aufführen können, 
so ist darauf zu erwidern, dass Peter Bles. früher starb, ehe der Ruhm des 
Averroes durch dessen Schriften zu den Christen und zu Petrus Blesensis 
gelangen konnte. Köstlich ist, wenn Hugonin, Essai sur la fondation de 
Tecole de S. Victor (bei Migne, PatroL lat. 17ö p. 4 XXIV) die ganze Stelle 
als Bericht des Orderich Vitalis ausgibt, der die Begebenheit (Hist. eccles. 
part. 2 lib. 4 p. 366 bei Migne Patr. lat. 188) doch ganz anders berichtet. — 
Bei Du Gange • Henschel VI, 395 wird aus ülgers Epitaph auf den Bischof 
Marbod (11—12 Jh.) die Stelle citiert: Gurans ut fieret virtutem quod 
redoleret, Transtulit huc Studium, transtulit ingenium. 'Studium' soU 
hier im Sinne von academia genommen sein. Allein dies beruht auf 
einem Missverständniss , wie sich jeder aus dem Zusammenhange des Epi- 
taphiums, das vollständig bei Launoius, Opp. IV, parte I p. 56; Rangeard, 
Histoire de l'universit6 d' Angers, publ. p. Lemarchand, Angers 1872 II, 166 f. 
vorliegt, überzeugen kann. 'Studium' wird hier, correlativ mit Ingenium', 
im klassischen Sinne von 'Streben' genommen. — In der Vita S. Norberti, 
Mon. Germ. XII, 678 heisst es: Florebat tunc Lauduni Studium magistrorum 
Anselmi et Rodolfi fratris ejus. Aber , Studium' hat hier wohl kaum die 
Bedeutung von Lehranstalt. Im Irrthum ist auch Luschin, Oesterreicher an 
italienischen Universitäten. Wien 1882 S. 93, wenn er meint, Bologna sei 
bereits 1158 (von Friedrich I.) mit dem Titel 'Studium' ausgezeichnet wor- 
den. Die Auth. Habita spricht nicht davon. 

»8) Rudimentum im Cod. Vat. Reg. 1448 Bl. 257. 

39) Cod. Vat. Pal. 1773 BL 310a. S. darüber Usener, Rhein. Mus. 
XXTV, 384. 

*0) Liber derivationum Cod. Vat. Pal. 1777 Bl. 277 b. So auch noch 
in der Summa Britonls aus der 1. Hälfte des 13. Jhs. (unter studere. God. 
Burghes. in Rom n. 349), was sich daraus erklärt, dass Brito vielfach nur 
Huguccio ausschrieb. 

*i) L. c. Bl. 131a. 



1. Studium. Studium generale. 9 

dem er dort die eigentliche Anwendung des Wortes gignas (pu- 
gna, luctus) und gignasium (locus in quo fiebat) erörtert hat, 
kommt er auf den übertragenen Sinn: Studium scolarium et ma- 
gistrorum dicitur gignas et locus studii dicitur gignasium et 
quandoque ipsum Studium, quia sicut in palestra corpus, ita in 
studio exercetur animus. Aber das eine, wie das andere Mal, 
nimmt er ^Studium' im Sinne von wissenschaftlicher Uebung, denn 
er fahrt fort: 'et hinc accidit, ut omnium proprio artium'exer- 
citium, vel locus exercitii gignasium dicitur ut scola', wobei er 
selbst 'scola' nicht im Sinne von Lehranstalt gebraucht^'). Os- 
bem V. Gloucester*'), der vor Huguccio und nach Papias schrieb, 
führt uns zu keinem andern Resultate^*). 

Noch Ende des 12. und im Anfange des 13. Jhs. gebrauchte 
man für Lehranstalt, wie für die Schullocalitäten und Hörsäle 
den Ausdruck 'scolae' und zwar fast stereotyp im Plural. So 
sagt Petrus Bles., um nur einige Beispiele zu bringen, von Gal- 
fridus Peronensis: 'quem in scolis Parisius vidi'**). Stephan von 
Tournay spricht von den 'Parisienses secularium scole'**), 
wie selbst noch Bobert de Couren im J. 1215 in seinem 
Statut für die Universität Paris: 'Status Parisiensium scola- 
ram'*'), und noch später Ferdinand der Heilige in Bezug auf 
das Generalstudium zu Salamanca*^), Lucas de Tuy für jenes 



^) Das Glossarium Ansileubi und Papias haben noch weniger darüber. 

*^) Card. Mai gab dessen Yocabul. als Thesaurus novus latinitatis 
heraus (Classic. Autor, tom. 8 Romae 1836). Vgl. nun darüber Wilmanns im 
Rhein. Museum XXIX, 179 ff. 

^) üeber 'Studium' findet sich gar nichts; zu gymnasium aber ledig- 
lich die Erklärung: id est Studium; unde gymnasiolum, id est parvum Stu- 
dium (1. c. p. 249), wobei gymnasium und Studium im Sinne von exercitatio 
und resp. pugna genommen wird. Vgl. auch p. 261. 

^d) Ep. 240 p. 546 (ed. Migne); vgl ep. 19 p. 69. Aehnliche Phrasen 
begegnen dem Leser fortwährend. 

^^j Ep. 80 ed. Du Molinet Paris 1682. Ich habe die Stelle nach 
Cod. Paris. 2923 BL 115 b corrigiert 

*7) Bei Du Boulay ÜI, 81. 

^^) Porque entiendo que es pro de myo regno e de ml tierra otorgo e 
mando que aya escuelas en Salamanca. So im Original (das Siegel fehlt) in 
der üniversit&tscapelle zu Salamanca auf der Epistelseite. Copie in der dor- 



10 I. Bezeichnung der mittelalterlichen Univernt&t. 

von Palencia^*) und Clemens IV. für das Generalstudium zu 
Toulouse'^). 

Wie kam man aber dann dazu, ^Studium' für ^scolae' im Sinne 
von Lehr- oder Unterrichtsanstalt zu gebrauchen? Die Erklärung 
ist nicht so schwierig. Neben ^scolas regere^ gebrauchte man 
im 12. Jh. auch die Ausdrucksweise 'Studium, studia litterarum 
regere', so sagt Abaelard 'scolas regere'") und 'Studium dialec- 
tice regere' "). Alexander EI. stellt in einer und derselben De- 
cretale beide Ausdrücke gegenüber: ut quicunque viri idonei et 
litterati regere voluerint studia litterarum, sine molestia . . . scho- 
las regere permittantur'^*). In der Eidesformel des Bologneser 
Bechtslehrers Lothar v. Cremona v. J. 1189 begegnet uns das- 
selbe: 'regere Studium in civitate Bononiensi', und 'regere scolas 
legum' "). 

'Studium' wird hier noch in der Bedeutung von Unterricht ge- 
nommen. Es ist aber begreiflich, dass nach und nach der Usus ent- 
stehen konnte, 'Studium' gerade wie Schule im Sinne von Unter- 
richts- oder Lehranstalt anzuwendend^). Gleichwie ja auch nach 

tigen Bibliothek Ms. I, 3, 24. Nunmehr correct publiciert in Memoria sobre 
el estado de la instmccion en esta Universidad. Salamanca 1882, p. 129 f. 
S. aach Alejandro Vidal y Diaz, Memoria historica de la oniTersidad de Si^ 
lamanca. Salamanca 1869, p. 15. 

^9) Eo tempore rex Adefonsus eTOcavit magistros telogichos et alianun 
arcinm liberalinm et palencie scolas constituit procurante reyerentissimo et 
nobilissimo oiro tellione eiosdem civitatis episcopo. Chron. (in Hispania il- 
lostrata lY, 109). Ich verglich die älteste Hs., nftmUch zu Leon, Capit. S. 
Isidori aus der Mitte des 13. Jhs. 

M) Bist, de Languedoc ed. Privat VIT, Notes 440, 8. J&nner 1266: 
rectores scolarum civitatis Tholosane etc. 

^1) Bist, calam. inter. Opp. Abaelardi ed. Cousin I, 18. 

^>) Ib. p. 6. Der Ausdruck 'scolas regere' war der im 12. Jh. ge- 
bräuchliche und findet sich überall. Im Verlaufe werden wir öfters darauf 
zurflckkommen. Bereits vor Abaelard findet sich auch: praepositus studii. 
So Balderich von Dol in seinem Gedichte an Godefrid. Romania I, 37. 

W) Epp. ed. Migne, Patrol. lat 200, ep. 807 p. 741. Decret V, 5 c. 3 

^) Sarti, De claris archigymnasii Bononiensis Professoribus. Bononiae 
1769, II, 64. 

^) Eine Glosse zu Johannes de Garlandia De misteriis ecclesie be- 
zeichnet 'Studium' als 'congregatio clericorum'. Ms. zu S. Genevidve in 
Paris Y. 1. 5. 40. 13 Jh. 



1. Stadium. Studiom generale. H 

Haguccio gignasium fQr 4ocus studif und /Studium' im Sinne von 
Unterricht oder wissenscbaftlicher Uebung gebraucht wurde, wo- 
raus sich dann naturgemäss ergeben musste, ^Studium' auch für 
4ocu8 studio zu nehmen. 

So fieng man im 13. Jh. an den Ausdruck 'Studium' in der 
Bedeutung von Lehranstalt zu gebrauchen. 

Wozu aber dann noch die nähere Bezeichnung 'generale'? 
Man sprach bis heute viel über die Bestimmung des Begriffes 
'Studium generale', und mancher verzweifelte fast zu einem sicheren 
Resultate gelangen zu können. So schrieb Delisle noch 1870: titre 
honorifique, dont il serait difficile de pr^ciser la signification 
legale *'). Und ich muss gestehen, dass Delisle viel richtiger 
urtheilte als viele andere, welche wähnten endlich den wahren 
Sinn gefunden zu haben. Um zur Klarheit zu gelangen ist es 
hier wie anderwärts nothwendig die Dinge zu scheiden, und nicht 
die Zeiten durch einander zu mengen. 

Man muss hier unterscheiden zwischen den Schulen, denen 
der Ausdruck schon seit langem xoir' i^ox^jy zukam, obwohl er 
thatsächlich noch nicht von ihnen gebraucht wurde, und den 
Schulen, die erst im 13. Jh. ins Leben gerufen wurden, die aber 
höchst wahrscheinlich die nächste Veranlassung zum Gebrauche 
jenes Ausdruckes boten. Wir beschäftigen uns hier zunächst mit 
den letztem. 

Wichtige Documente hiefür bieten die Schreiben Friedrichs IL 
in Bezug auf Neapel. Ln J. 1239 sagt er: in urbe nostra Nea- 
polis . . . ipsius (studii) sedem locavimus et cultum indiximus ge- 
neralem*'). Er gebraucht hier eine Phrase, die identisch ist mit 
der gewöhnlichen: Studium generale, oder mit dem Ausdruck 
'scholae generales', den er in demselben Jahre anwendet") 
und der, wie wir sehen werden, später öfters gebraucht wurde; 
uns ist obige Phrase Friedrichs viel bezeichnender. Was meinte 
er aber mit derselben? Das sagt uns der Gründungsbrief vom 



^) Biblioth^que de Pecole de chartes 1870 p. 52. 
97) Winkelmann, Acta imperii, p. 649. In einem andern Schreiben bei 
HaiU.-BrehoU. V, 496 spricht er ähnlich. 
M) HuiU.-Br6hoU. V, 495. 



12 I' Bezeichnung der mittelalterlichen Universität. 

J. 1224. Friedrich erklärt in demselben, er habe das Studium für 
alle Wissenschaften in Neapel gegründet, damit die Wissens- 
dürstenden 4n ipso regno inveniant, unde ipsorum aviditati satis- 
fiat, neque compellantur ad investigandas scientias peregrinas 
nationes expetere nee in alienis regionibus mendicare'. Sie 
könnten sich jetzt fast/unter den Augen ihrer Eltern aufhalten; 
er befreie sie a multis laboribus, a longis itineribus et quasi 
peregrinis. Dafür gebietet er aber auch, ut nuUus Scolaris le- 
gendi causa exire audeat alibi vel docere, et qui de regno sunt 
extra regnum in scolis, sub pena . . . usque ad festum S. Mi- 
chaelis nunc proximi revertantur **). Ausserdem dürfe innerhalb 
des Königreichs niemand sich unterstehen addiscere alibi vel do- 
cere ^°). Es ist nun klar, dass Friedrich mit der Phrase studii 
sedes et cultus generalis, d. h. Studium generale zunächst eine 
Reichs- oder Gentralschule bezeichnen wollte, an der allein 
für seine Unterthanen**) gelehrt werden durfte, und zu der alle 
Schüler des Reiches kommen mussten, wollten sie überhaupt un- 
terrichtet werden. Durch das Verbot, dass fortan nirgends sonst 
in seinem Reiche gelehrt und gelernt werden dürfe, hebt er 
gerade den Unterschied zwischen dieser Reichsschule und den 
übrigen, sogenannten Farticularstudien, recht hervor. Ähnlich 
stellt später auch Heinrich de Segusio (Hostiensis) das Studium 
generale dem ^Studium speciale alicuius castri vel ville' gegen- 
über^'). Auf dasselbe kommt eine Erklärung Alfonsos el Sabio 
hinaus"). So waren auch in der That viele der später gegrün- 
deten Generalstudien zunächst nur Reichsschulen, die in erster 
Linie den wissenschaftlichen Bedürfnissen der Unterthanen eines 
Reiches dienen sollten ^^). 

W) HuiU.-Br6hoU. II, 450 f., 452 f. 

60) Huillard-Br^hoües 1. c. 

61) Darum erwähnt er 1239 vor Allem die regnicolae, denen ad nomi- 
natam Studium licitus sit accessus et mora. HuiU. - Br6holl. 494. Winkel- 
mann 1. c. 

6>) Summa super tit. decret. De magistris. Hs. der üniTersit&tsbibl. 
in Barcelona. 

6^) Las siete Partidas L c. Wir kommen alsbald darauf zurflck. 

^) Im dritten Abschnitt wird sich dies bei den einzelnen Universi- 
täten zeigen. 



1. Stadiam. Studium generale. 13 

Dieser Begriff eines 'Studium generale' steht in der Ge- 
schichte nicht ohne jede Analogie da. Was waren denn die 
Rechtsschulen in Berytus und in andern königlichen Städten, von 
denen Kaiser Justinian in der Const. Omnem spricht, anders, als 
derartige Reichsschulen, an denen innerhalb des Reiches allein 
das Recht gelehrt werden und die Schüler studieren durften? 
Alle Schüler mussten an eine dieser Lehranstalten wandern um 
die *tria volumina' zu studieren ^^). Einige Analogie bietet auch 
eine Verordnung Kaisers Lothar I. für Italien vom J. 825, der 
zufolge in gewissen Städten Italiens Centralschulen errichtet 
werden sollten, zu denen die Schüler der umliegenden, ja oft 
der entfernten Städte und Distrikte kommen mussten ®®). 

Doch war auch bei Friedrich II. der Begriff einer Reichs- 
schule nicht der volle Begriff für den Ausdruck 'Studium gene- 
rale'. Er dachte auch an die Auswärtigen, die zum Studium 
kommen sollten. Bereits 1224 sagt er: Omnes igitur amodo qui 
studere voluerint in aliqua facultate vadant Neapolim^^). Noch 
deutlicher erhellt dies aus Kundgebungen der spätem Jahre. 
1226 versuchte er die in der Lombardei, besonders zu Bologna 
bestehenden Schulen aufzuheben und lud die Scholaren ein nach 
Neapel auf das Studium zu gehen ^*). Ebenso suchte er die 
Scholaren Bolognas im J. 1234 zum Besuche des Neapolitanischen 
Studiums zu bewegen •'). Dass es in seinem ursprünglichen Plane 
lag am Studium zu Neapel alle auswärtigen Schüler zuzulassen, 
erhellt endlich aus einem Schreiben vom J. 1239, womit er aus 



^^) S. besonders § 7 der genannten Constitution in Praef. in Digestum. 

^) Constit Olonnenses in Mon. Genn. Leg. I, 249. Solche Central- 
Bcbulen waren Pavia, Turin, Cremona, Florenz, Fermo, Verona, Vicenza, 
Ciyidale (Forom Jalii). Nach Pavia z. B. mnssten die Schüler de Mediolano, 
de Brixia, de Laude, de Bergamo, de NoTaria, de YerceUis, de Tertona, de 
Aqois, de Janna, de Aste, de Guma kommen, nach Florenz alle aus Toscana, 
u, 8. w. 

«7) Hum.-Br6holL ü, 452. 

«8) Hoill. - Br6hoU. II, 646. Math, de Qriffonibus bei Muratori, Her. 

itaL SS. xym, 109. 

^9) Hoill. - Br^holL lY, 497. S. dazu Reg. Imp. ed. Böhmer - Ficker 
n. 2044. 



14 !• Bezeichnung der mittelalterlichen üniversit&t 

Gründen und im ausdrücklichen Unterschiede von früher die un- 
bedingte Zulassung auswärtiger Scholaren aufhebt und ausser 
jenen seiner beiden Königreiche Sicilien und Jerusalem und jenen 
jenseits der Alpen nur solchen Italienern den Besuch gewährt, 
deren Mutterorte zu ihm hielten '°). (xewiss, war auch das Stu- 
dium zu Neapel in erster Linie eine Reichsschule und zunächst 
nur für die Bewohner des Königreiches, so sollte es doch anfang- 
lich alle Schüler, woher sie nun kamen, aufnehmen. Die Aus- 
drücke 'studii sedes ac cultus generalis' oder 'scolae generales' 
galten ihm als Lehranstalt für Alle. 

Diesen letztern Sinn hat der Ausdruck 'Studium generale' in 
den oben angeführten Actenstücken , er wurde eine der Grund- 
bedeutungen desselben. Klar tritt uns diese Bedeutung in einem 
bereits angezogenen Schreiben Innocenz IV. entgegen. Er meint, 
weil von den verschiedenen Theilen der Welt viele zum Aposto- 
lischen Stuhle kämen, habe er für sie dort ein Studium errichtet, 
und die Studierenden sollten alle Privilegien eines Generalstu- 
diums gemessen^')- Noch deutlicher spricht Alexander IV. in 
Bezug auf Paris: Ad id in civitate ipsa generalis studii fimda- 
menta . . . stabilita esse noscuntur, quod ex omnibus gentibus 
illuc pro acquirendis magnis scientie opibus confluat continue 
multitudo '*). In den Statuten der Universität Wien vom J. 1385, 
um ein Beispiel aus dem nächsten Jahrhundert zu nehmen, wird 
geradezu auf den concursus generalis scholarium hingewiesen^'), 
und Erfurt wurde lange, ehe es eine Hochschule erhielt, eben 
deshalb abusive Studium generale genannt^*). In ähnlicher Weise 
sprechen Clemens VI und VIL und Urban VI. sowie andere Päpste 
in ihren Stiftungsbriefen von den Generalstudien. 

Es ergibt sich nun von selbst, dass sich das Epitheton 'ge- 



70) HuiU.-Br6hoU. V, 493 ff. Winkehnann 1. c. 

") In 6 De privü. 7, 2. 

7«) Bei Du Boulay IH, 332. 

79) Eink, Gesch. der kais. Univers. zu Wien. U, 75. 

7^) S. unten unter Erfurt. 

7&) Fabroni, Historia academiae Pisanae. Pisis 1791 I, 404. Weis- 
senbom, Acten der Erfurter üniversit&t I, 2. 4. Aehnlich in frOhem und 
sp&tem p&pstlichen StiftungsbriefiBn. 



1. Stttdiam. Stadiam generale. 15 

nerale' nicht auf 'Studium', sondern auf die an dem Studium 
Studierenden beziehe. Analoga dazu bieten die Bezeichnungen 
concilium generale, capitulum generale etc., in denen das Epi- 
theton 'generale' dieselbe Stellung hat. Darauf hin zielt auch 
die mittelalterliche Eintheilung der Privilegien. 'Aliud est gene- 
rale', sagte man, 'aliud speciale. Generale est, quod est indul- 
tum toti coUegio clericorum'. Das speciale beziehe sich nur auf 
eine Person oder eine Kirche^*). Und so ist es gar nicht auf- 
fallig, wenn wir den Ausdruck Studium generale in obiger Be- 
deutung auch auf Schulen ausserhalb der Christenheit angewendet 
sehen. Der Dominicaner Ricoldus de Montecrucis schreibt an 
der Wende des 13. und 14. Jhs. in seinem Werke gegen den 
Alchoran, er sei zu den Sarazenen nach Bagdad gereist, 'ubi 
generale ipsorum sollempne habetur Studium'"). Wie im Occi- 
dent der Ausdruck Studium generale im Sinne von Liehranstalt 
für die Studierenden der ganzen Christenheit genommen wurde, 
so wendete der Dominicaner denselben für das Hauptstudium 
der Sarazenen an. 

Zutreffend gebrauchten damit identisch Heinrich de Segusio 
und Bemardus Parmensis den Ausdruck 'commune Studium'^'); 
Jean de Garlande wendet in demselben Sinne die Benennung 
'Studium universale' an^'), wie 1252 König Konrad in Bezug auf 
Salemo'^, das er auch mit 'commune Studium' bezeichnet'*). 

^^) So BaTmoiid Ton Penafort in einer noch nicht bekannten und edierten 
canonistischen Sdirift ans der Zeit Tor seinem Eintritt in den Orden (c. 1222). 
Bibl Borghes. n. 261 in Rom. 

^) Hs. in der EapitelsbibL zu Oriedo in Spanien. YgL auch Qa^tif- 
Echard, Script. Ord. Praed. I, 504. 

^^ Lectnra in Decret. Prooam. — Qlosae za Bez padßau. Der Papst 
habe die Decretalen nach Bologna gesandt, 'propter stadinm, qnod est Bo- 
BOfiie conmnniiis et generalins precipoe in atroqoe jore, et ibi qnasi de Om- 
nibus partibos mimdi sunt stodentes*. Cod. Borghes. 257. 

'^) De misterüs eeclesie. Hs. in 8. Oeneri^e zu Paris. T L 5 in 
A^. (13. Jh.): L e. stodiom uniTersale Parisin& 

Floret Alezaodro locus hie dedit Ab|^ florem. 
Im Cod. 543 an BrOgge BL 52b heisst diese lateriineargloMe: sliidii iim?er- 
saus sc. parisias. 8. oben 8. 2. 

SO) HmlL-Breh. n, 448. 

«1) nud. p. 449. 



16 I- Bezeichnang der mittelalterlichen üniversit&t. 

König Konrad ahmten nach in Bezug auf ^Studium universale" 
Peter IV. von Aragonien®*), und Andere"). Jeden Zweifel an 
obiger Grundbedeutung benimmt eine Phrase Gregors X. 'apud 
Neapolitan. civitatem vigebat Studium generaliter"*). Auch die 
öfters gebrauchte Bezeichnung 'scolae generales'®^) erklärt die 
genannte Bedeutung nicht weniger deutlich. 

Wenn ich oben sagte, dass manchen Schulen schon seit 
langem der Ausdruck ^Studium generale' xar' i^ox^jy zukam, ob- 
wohl er thatsächlich nicht auf sie angewendet wurde, so muss 
man den Ausdruck in dem zuletzt entwickelten Sinne von ^Lehr- 
anstalt für Alle' nehmen. In der That, längst als die Bezeich- 
nung ^Studium generale' in Anwendung war, hatten Bologna und 
Paris den Begriff derselben, sie waren an der Wende des 12. Jhs. 
die eigentlichen Generalstudien. Aber bereits vor diesen beiden 
besassen Lüttich, Reims, Laon und andere Lehranstalten diese 
Bedeutung, und ich zweifle keinen Augenblick, dass, wenn diese 
Schulen das 12. Jh. in ihrer einstigen Blüthe so wie Bologna und 
Paris überlebt hätten, ihnen ebenso auch der später entstandene 
Ausdruck 'Studium generale' wäre beigelegt worden. 

Gleichwie aber der einfache Ausdruck 'Studium' für sich 
allein genommen früher den Sinn von 'Unterricht' als den von 



^*) So sagt er in seinem Stiftnngsbriefe der Universität Perpignan von 
Saragossa aas im J. 1349. Hs. des Statutenbuches auf der Bibliothek zu 
Perpignan n. 6537. (Die Drucke und Hss^ sind in der Nummerirung durch- 
einandergemengt; daher die hohe Nummer der Hs.). 

^) Z. B. von Kaiser Karl lY. in Bezug auf die Hochschule von 
Lucca. Baluze Miscel. ed. Mansi lY, 184. Im 15. und 16. Jh. kommt 
dieser Ausdruck häufiger als früher vor, nimmt aber schon eine andere 
Bedeutung an. 

M) Bei Marino de Ebolo. Arch. Tat Arm. 31 n. 72 ep. 2344. In der 
Hs. 117 G. des Archivs zu S. Peter steht * Studium generale', wie auch bei 
Martöne-Durand, SS. ampl. coli. II, 1275. 

8») So Friedrich II. in einer Urkunde vom J. 1239 bei Huill.-BreholleB 
Y, 1 p. 495. Alfonso el Sabio verbindet beide Ausdrücke: estudios 6 escuelas 
generales. Im Memorial histörico espaniol, I, 54. Sancho lY sagt ebenfalls: 
estudio de escuelas generales. Bei Floranes, Origen de los estudios de Gar 
stilla (GoUeccion de documentos in6ditos para la historia de Espana. XX, 
76. Madrid 1852). 



1. Stadiam. Stadium generale. 17 

^ Unterrichtsanstalt' hatte, so blieb ihm auch später mit dem 
Epitheton ^generale' nicht selten diese Bedeutung, was man bis- 
her ganz ausser Acht gelassen hatte. Auch dieser Begriff findet 
sich in dem eben angezogenen Schreiben Innocenz IV., worin 
er das Studium an der Curie errichtet. Es heisst dort nämlich 
in Bezug auf die an demselben Studierenden, sie sollten alle 
Privilegien geniessen, 'quibus studentes in scholis ubi generale 
regitur Studium sunt munitr. An den Schulen oder an der Lehr- 
anstalt ist mithin ein Generalstudium. Letzterer Ausdruck kann 
hier nur soviel wie 'generalis disciplina', d. i. Unterricht für 
Alle bedeuten. In diesem Sinne finden wir den Ausdruck bei 
Paul de Liazariis in der 1. Hälfte des 14. Jhs. erklärt: Que stu- 
dia autem dicantur generalia relinquitur arbitrio iudicis, ut vi- 
deat si generaliter sacra pagina, iura et artes ibi docean- 
tur®*). Und so sagt auch Matthaeus Paris ad an. 1229, der 
grössere Theil der Pariser Magister habe Angers bei der Aus- 
wanderung gewählt 'ad doctrinam universalem' *'). Alexander IV. 
gebraucht 1257 den Ausdruck: 'ubi generalis in ea (sacra pagina) 
viget scolastici studii disciplina' "). In derselben Weise muss der 
Ausdruck: 'litterarum Studium generale' in einigen päpstlichen 
Privilegienbriefen *^) aufgefasst werden, denn wie im 12. Jh. die 
Phrase 'studia litterarum regere' nichts anderes besagt, als 
'den Unterricht in den Wissenschaften leiten', so hat auch hier 
'Studium' mit dem Epitheton 'generale' keine andere Bedeu- 
tung. Derselbe Begriff lag wohl ursprünglich der oft wider- 
kehrenden Formel der Errichtungsbriefe zu Grunde: ut sit Stu- 
dium generale in sacra pagina, in iure canonico etc., oder ein- 



^) In Clement. De septdtu/rU. Dudum. Hs. n. 62 der Bibliothek Ripoll 
im Archive de la Corona de Aragon zu Barcelona. 

87) Chron. maj. ed. Luard. III, 168. 

88) Reg. Vat. an. 3 ep. 225 Bl. 30 b. 

89) So z. B. im Schreiben Alexanders lY. v. 29. Juni 1260 für Sevilla 
(Memorial hist6rico espaSol. I, 163). Aehnlich Clemens Y. in Bezug auf Bo- 
logna 1310. Reg. Yat. an. 5 ep. 169, und sonst öfters. Ygl. auch das 
Schreiben der kirchl. Häupter Portugals vom 12. Nov. 1288 an Papst Nico- 
kiis lY. (Leitao, Noticias chronoL da universidade de Coimbra L Lisboa 
1729 p. 9). 

Dentflo, Di« UBironitiien L 2 



18 I. Bezeichnang der mittelalterlichen Universität. 

fach: in quavis licita facultate, und sie findet ihren Pendant in 
einer Wendung bei Friedrich n. : Disponimus apud Neapolim do- 
ceri artes cuiuscunque professionis et vigere studia (cuiuscun- 
que professionis ^^). Hat der Ausdruck 'Studium generale' in 
solchen Verbindungen nicht den Sinn von 'Unterricht für Alle', 
dann muss die ganze Phrase als Kürzung der vollständigen Formel, 
wie sie noch im 13. Jh. in päpstlichen Errichtungsbriefen vor- 
konmit, betrachtet werden : ut in dicto loco sit Studium generale 
(in quo magistri doceant et scholares libere studeant et audiant) 
in quavis licita facultate etc.^^). In den gewöhnlichen Formeln 
fehlen meist die hier eingeklammerten Worte. Allein andere 
Male kann die Phrase: ut sit Studium generale in sacra pagina 
etc. nicht als Kürzung der eben erwähnten aufgefasst werden, 
und dies führt uns einen Schritt weiter in der Erörterung über 
den Begrifif 'Studium generale'. 

Einige Male begegnet uns die Phrase: ut in civitate pre- 
fata Sit in iure canonico et civili etc. perpetuum Studium gene- 
rale, in quo magistri doceant et scolares libere studeant in fa- 
cultatibus prelibatis^^). Es ist doch klar, dass der Ausdruck 
'Studium generale' in Bezug auf das zweite Glied für Unterrichts- 
anstalt genommen wird, trotzdem dass diese Bedeutung für das 
erste Glied nicht wohl passend ist Einem ähnlichen Falle be- 
gegnen wir in einem Schreiben Clemens V. für Coimbra vom 
25. Febr. 1308: Nicolaus papa Uli ... ordinavit, ut in civitate 
Ulisbonensi . . . esse posset de cetero litterarum Studium gene- 
rale, tam eidem studio quam regentibus et studentibus . . . certa 



90) Bei Hum.-Br6holl. 1. c. ü, 450. 

91) So im ErrichtuDgsbriefe Nicolaus IV. vom 26. October 1289 für 
Montpellier bei d'Aigrefeaille, Hist. de la ville de Montpellier II, 340. Ger- 
main, Hist. de la commune de Montpellier III, 453. Dann in der Grandongs- 
buUe Bonifaz VIII. für Pamiers vom 18. Dec. 1295. Reg. Vat. an. 1 ep. 658 
BL 146b; im Stiftbriefe desselben Papstes für Avignon vom I.Juli 1303 im 
Cartulaire de l'universit^ d'Avignon par Laval I, 6. 

9') In den Errichtungsbriefen Benedicts XII. für Grenoble vom 12. Mai 
1339 (Reg. Vat. an. 5 ep. 420 Bl. 219 a) und vom 22. Sept. desselben Jahres 
f&r Verona (Bull. Rom. ed. Taur. IV, 459). Aehnlich Clemens V. 13. JuU 
1312 für Dublin (Reg. Vat. an. 7 ep. 934 Bl. 196 b). 



1. Studium. Studium generale. X9 

privilegia et indulgentias concedendo^*). An sich möchte man 
meinen, 'litterarum Studium generale' werde wie in früherer Zeit 
für 'Unterricht' genommen. Allein, die nähere Bestimmung 'tam 
eidem studio' schliesst diesen Sinn aus, und lässt nur jenen von 
'Lehranstalt' zu. Wir lernen daraus, dass sich die Bedeutung 
^Lehranstalt für Alle' allmählich vollständig in den Vordergrund 
drängte und die Formel 'Studium generale in sacra pagina, iure 
canonico' etc. stereotyp wurde, ohne dass man noch über die 
Bedeutung des Ausdruckes nachdachte. 

Lidessen die Bedeutung 'Lehranstalt', 'Unterricht für Alle' war 
nichts weniger als der letzte, volle Begriff des Ausdruckes 'Stu- 
dium generale'. Gerade die zwei ältesten und grössten General- 
studien, Bologna und Paris, waren privilegierte Studienanstalten. 
Keine neue Lehranstalt konnte neben ihnen aufkommen, wenn 
sie nicht etwa an den Privilegien derselben Theil hatte. Das 
Studium generale wurde ein Studium privilegiatum zum 
Unterschiede von Particularstudien , die die Privilegien an sich 
nicht besassen**). Die 'Lehranstalt für Alle' ist zugleich mit 
Privilegien für Lehrer und Schüler versehen. 



93) Reg. Vat. an. 3. ep. 384 Bl. 72 b. 

^) Heinrich de Segusio (Hostiensis) sagt z. B. in Bezug auf das Pri- 
TÜeg, die Benefizien ferne Ton der Kirche am Studium generale beziehen 
zu können, in der Summa sup. tit. decret.: Si cui indultum fuerit, ut in 
studio fructus suarum percipiat preben darum, de studio generali intelligen- 
dura est, non de studio speciali alicuius castri vel Tille, cum hoc in fraude 
fiat. Summa super tit. decret. De magistris. Barcelona, UniTersit&tsbibl. Doch 
ist dabei nicht ausgeschlossen, dass auch Particularstudien unter Umständen 
und ausnahmsweise ähnliche Privilegien erhalten konnten. So erlangten die 
am Studium in Narbonne Studierenden von Innocenz lY. am 13. Mai 1247 
alle Privilegien der Generalstudien (Reg. Vat. an. 4 ep. 719 Bl. 393 b), Der- 
selbe Papst gewährte auf Bitten der Herzogin von Dijon (Alix de Yergy) 
6. Februar 1245 den Klerikern der Provinz Lyon am theol. Studium der 
Domicaner in Dijon, das nicht einmal für den Orden ein Generalstudium 
war, den Genuss ihrer Benefizien (Archiv, d^part. in Dgon H. 932. Original. 
Vgl. auch Ripoll, BuU. Ord. Praed. I, 147 n. 81). Für die dortigen Schulen 
der Franciscaner bewilligte dasselbe der nämliche Papst 22. Juni 1246 (Sba- 
ralea, Bull. Ord. Min. I, 416 n. 137), 26. März 1249 aber für ihre theol. 
Schulen in der Provinz Bologna (Sbaralea I, 529 n. 300). So hatte auch das 
Studium in Yalladolid^ ehe es Generalstudium war, Privilegien, denn König 

2* 



20 ^ Bezeichnung der mittelalterliclien üniversit&t. 

So sehen wir auch, dass von jenem Zeitpunkte an, wo Ge- 
neralstudien sei es von den Päpsten, sei es von den Landes- 
fürsten gegründet wurden oder ex consuetudine bestanden, die 
neue Studienanstalt gleichzeitig in den Besitz der Privilegien 
bereits existierender Generalstudien gelangte. Die in den Er- 
richtungsbriefen hiefür gebrauchten Worte werden, mutatis mu- 
tandis, ebenso stereotyp, wie die Formel für die Errichtung selbst. 
Die erste päpstliche Bulle zu Gunsten eines eben gegründeten 
Generalstudiums ist jene Gregors IX. v. 27. April 1233 für Tou- 
louse, wo das Generalstudium 1229 von dem Gardinallegaten 
ins Leben gerufen wurde, und der Papst stellt sofort das neue 
Studium jenem zu Paris in den Privilegien gleich mittelst der 
Formel: ut eadem libertate gaudeant, qua gaudent Parisienses 
scolares . . . ut quicunque magister ibi examinatus et approbatus 
fiierit in qualibet facultate, ubique sine alia examinatione legendi 
liberam habeat facultatem'O- Diese Formel wird nunmehr in 
allen Stiftungsbriefen dem Wesen nach widerholt; fast durchweg 
begegnen wir ihr in dieser Fassung: ut studentes talibus privi- 
legiis, libertatibus et immunitatibus gaudeant, quibus gaudent 
studentes in scholis, ubi generale regitur Studium (so bereits In- 
nocenz IV. für das Studium an der Curie 1244—1245*®), oder 
einfach: quibus gaudent studentes in studio generali, u. s. w. Es 
wird hiemit das neue Studium den bereits existierenden General- 
studien gleichgestellt. 

Zur Zeit Gregors IX. war dies etwas Neues, und die Pariser 
Universität beschwerte sich beim Papste und klagte über Eingriff 
in ihre Rechte wegen des dem Studium zu Toulouse gewährten 
Privilegs, dass die dort creierten Magistri überall sollten aner- 
kannt werden, also auch in Paris. Der Papst antwortete 3. April 
1234, dass er durch das dem Tolosaner Studium gegebene Pri- 
vileg durchaus nicht den Gewohnheiten und Statuten des Pariser 



Sancho lY. wollte den von ihm projectierten 'escuelas generales' zu Alcal4 
im J. 1293 alle jene Freiheiten geben, 'que ha el estudio de Yalladolid.' 
(Bei Floranes, Origen de los estudios de Castilla in der GoUeccion de docu- 
mentos in^ditos para la historia de Espa&a XX, 76). 

9&) PeFcin und Du Boulay 1. c. 

ö«) S. oben S. 17. 



1. Stadium. Studium generale. 21 

Studiums Abbruch thun wolle; für dasselbe bleibe es wie bisher*'). 
Allerdings konnte auch Paris nicht allzu lange die Ausnahme 
bilden, nur einige Male noch wird Paris, Bologna oder auch Ox- 
ford ausgenommen. 

Fragen wir nun aber, worin vor allem die Privilegien eines 
Generalstudiums bestanden, so werden wir auf den letzten Be- 
griff eines Studium generale gewiesen, der im Wesen nur eine 
Ck)nsequenz aus den Grundbegriffen eines Generalstudiums ist. 
Zugleich wird der Unterschied desselben von einem Particular- 
studium vollends klar. 

Am Generalstudium konnte sich jeder*^ ohne Unterschied der 
Nation die Kenntnisse erwerben, welche ihn berechtigten die acade- 
mischen Grade an demselben zu erlangen. Nicht die an einem 
Particularstudium erworbenen Kenntnisse befähigten einen zur 
Ablegimg der Prüfung an einem Generalstudium und zur Erlan- 
gung der Grade. Kam dies manchmal vor, so geschah es nur 
nach ausdrücklicher Dispens von Seite des päpstlichen Stuhles'*). 
Und nur mit solcher Dispens oder in Folge hergebrachter Ge- 
wohnHeit, wie z. B. in Lyon, hatte hie und da ein Particular- 
studium das Promotionsrecht. 

Der Begriff des Generalstudiums brachte es aber auch mit 
sich, dass die Kenntnisse, welche man sich an einem General- 
studium erwarb, auch an jedem andern anerkannt werden mussten. 
Wenn dies Paris, Bologna und Oxford in der ersten Zeit nicht 
zugestanden, so geschah es in Folge hergebrachten Usus, der 
sich jedoch für immer nicht erhalten konnte. 

Aus dieser Vorbedingung ergab sich als Gonsequenz, dass 
auch die an einem Generalstudium erworbene Lehrbefähigung an 
allen Generalstudien ohne neues Examen anerkannt werden musste. 
Die facultas ubique docendi war schon im Keime im Be- 
griffe eines Generalstudiums enthalten. Es bedurfte nur, dass 



^) Das Actenstflck findet sich Reg. Yat. Greg. an. 8 ep. 13 Bl. 171b; 
nach einer Abschrift pabUciert bei Valois, Guillaume d'Auvergne. Paris 1880 
p. 363 n. 49. 

^) S. unten im Abschnitte über die Universität Orange. Dieser FaU 
ist höchst lehrreich und bestätigt die Regel. Im einzelnen erscheint er auch 
sonst noch öfter, allein immer als Ausnahme. 



22 !• Bezeichnung der mittelalterlichen Universität. 

dies auch förmlich ausgesprochen wurde, und Gregor IX. that 
das zuerst in Bezug auf Toulouse^'). Die dortige Hochschule 
macht hierin Epoche in der Geschichte der Universitäten. Die 
Ausnahme in Bezug auf Paris, Bologna und theilweise auch Ox- 
ford und später Orleans, welche lange Zeit nur jene bei ihnen 
vorgenommenen Promotionen in jenen Fächern, die sie vorzüglich 
pflegten, anerkannten, und die anderwärts Promovierten einem 
neuen Examen unterzogen, gründete sich auf den eigenthümlichen 
Entwicklungsgang dieser Hochschulen und auf spezielle Gesetze 
derselben, und bestätigt gerade dadurch die Begel, dass das 
Privileg der facultas ubique docendi eine characteristische Eigen- 
thümlichkeit der Generalstudien war. Wir finden sie deshalb 
fast in allen Stiftbriefen nebst jener eben besprochenen, dass die 
an diesem oder jenem Generalstudium Studierenden mit der Zeit 
sich an demselben der Prüfung unterziehen und die Grade d. i. 
die Lehrbefähigung in der betreffenden Wissenschaft erwerben 
könnten, erwähnt *®°). 

Gerade dieses Privileg der Generalstudien setzte aber vor- 
aus, dass das Generalstudium allgemein auch als solches an- 
erkannt war. Dies bedarf wohl keiner Erklärung. Wer sollte 
aber diese Bedingung setzen, wenn nicht der allgemeine Vater 
der Christenheit, nämlich der Papst, in zweiter Linie der römi- 
sche Kaiser, und bedingungsweise die Landesfürsten ? Hierin liegt 
nicht die letzte Bedeutung der päpstlichen und kaiserlichen Stift- 
briefe, auf die ich weiter unten ausführlich zu sprechen komme. 
Stiftbriefe fielen nur in der ersten Zeit bei jenen Generalstudien 
weg, die bereits allgemein als solche anerkannt waren sei es ex 
consuetudine sei es aus irgend einem andern Umstände. 

Es versteht sich von selbst, dass die an den Generalstudien 
Promovierten auch aller andern Privilegien, welche die Lehrer an 
einem Generalstudium besassen, theilhaftig wurden, wie ja über- 
haupt, sobald jemand an einem Generalstudium aufgenommen 



9») S. oben S. 20. 

100) Es ist deshalb nicht nothwendig, dass ich bei DarsteUung der ein- 
zelnen Hochschulen darauf wider zurückkomme. 



1. Studium. Studium generale. 23 

war, er alsbald an den Privilegien desselben Theil nahm, wie 
die Stiftbriefe fortwährend widerholen. 

Hiemit ist die Bedeuking des Ausdruckes Studium generale 
für unsere Zeit erschöpft. Das Erfordemiss, dass an einem 
Generalstudium eine grössere Anzahl Lehrer sein und wenigstens 
eines der höhern Fächer, nicht bloss die artes liberales, vorge- 
tragen werden musste, brachte wohl das Generalstudium mit sich, 
allein es war keine Eigenthümlichkeit, denn auch an Particular- 
studien kam dies nicht selten vor, ohne dass es dazu einer Dis- 
pens bedurft hätte. 

Im 16. Jh. hatte man die Bedeutung des mittelalterlichen 
Generalstudiums noch besser erkannt als vielfach heute. Petrus 
Gregorius sagt z. B. : Studia generalia hodie seu publica dicuntur 
scholae, in quibus publice ex privilegio pontificis summi vel prin- 
cipis vel antiqua consuetudine, cujus initium non exstat memoria, 
Studium est privilegiatum et permissa societas et concursus scho- 
lasticorum et docentium, continens pro contento^^^). Damals gehörte 
nur noch, wie schon theilweise seit der Mitte des 14. Jhs., zum 
Begriffe eines Studium generale oder einer Hochschule auch die 
Vereinigung der Lehrer und Schüler oder des einen Theiles zu 
einem Corpus, zu einer Universität, d. i. das Privileg des Uni- 
versitätsrechtes. Der Begriff, das Studium generale sei ein pri- 
vilegiertes Studium, tritt manchmal ganz in den Vordergrund, da 
die Grundbedeutung von 'Studienanstalt für Alle' sich von selbst 
ergab. So z. B. im 15. Jh. in einem Actenstücke Martins V.^°*). 

Von selbst erledigen sich nun die abweichenden Ansichten. 
Eine Entwicklung der Bedeutung vermisse ich bei allen. Ziem- 
lich nahe steht Savigny der Wahrheit '°'). Thurot hat ihn nicht 



>w) De republica lib. 18 c. 1 p. 1200 ed. Paltheniana 1597. 

1^) Er sagt in semer Constitution für die Umyersität Salamanca vom 
20. Febr. 1422, dass das Verbot der Mendicantenobem, ne fratres ipsorum 
ordinum ad Studium Salamantinom pro studendo et gradus lectoriatus, licen- 
tiae et magisterii in Theologia recipiendo accedere auderent, de directo est 
contra natoram generalium studiorum. Original im UniTersit&tsarchiv zu 
Salamanca. Gedruckt in Constitutiones apostolicas y estatutos de la muy 
iosigne uniyersidad de Salamanca. Salamanca 1625 p. 61. 

io3j Geschichte des Böm. Rechts, III, 414. Auf dessen verwirrende 



24 I- Bezeichnung der mittelalterlichen üniversit&t. 

verstanden, wenn er meint, Savigny zufolge beziehe sich das 
Epitheton 'generale' bei Studium nur auf das *docere hie et ubi- 
que'^°*). Thurot fällt aber selbst in den Irrthum, indem er sagt, 
der Ausdruck 'Studium generale' habe nur die Bedeutung wie 
bei den Dominicanern, und beziehe sich auf die verschiedenen 
Nationen, die in Paris vertreten waren. Die Dominicaner wendeten 
ja nur den bereits bestehenden Ausdruck auf jene Ordenslehran- 
stalten an, die vom Generalkapitel als die Centra für auserlesene 
Schüler der verschiedenen Provinzen bestimmt waren. Das Stu- 
dium generale der Dominicaner und anderer Orden erschöpft den 
Begrifif, wie sich aus Obigem ergibt, nicht im entferntesten. Es 
führt zu ganz falschen Anschauungen, mit Lorenz v. Stein den 
späten Ausdruck 'Studium sublimius' oder vielmehr 'sublimius 
Gynmasium' mit dem von 'Studium generale' zu identificieren*"*). 
Studium generale wurde damals noch nicht als 'Hochschule' be- 
zeichnet; 'hohe schuole' wurde in Deutschland bis zur Mitte des 
14. Jhs. wohl nur Paris genannt. Aber selbst darnach gebrauchte 
man den Ausdruck 'hohe schuole"°*) noch nicht im Sinne des spätem 
Ausdruckes 'sublimius Gymnasium'. Eine andere Ansicht vertritt 
Germain. Ihm ist die Vereinigung der drei Schulen in Montpel- 
lier: des Rechts, der Medicin und der Artes 'zur Universität' 
und deren Verbindung durch ein gemeinschaftliches Band gleich- 
bedeutend mit der Constituierung eines Studium generale'*""). 



Ansichten in Betreff der Stiftbriefe komme ich weiter unten zu sprechen. 
Was die Entwicklung der Bedeutung des Ausdrucks anhelangt, so kam 
Schulte im Archiv für kath. Kirchenrecht XIX, 24, viele Verstösse abge- 
rechnet, der Wahrheit am nächsten. 

^^) De Torganisation de Tuniversitd de Paris p. 11 n. 4. 

io5j j)|e innere Verwaltung IL 2, 107. 501. Nur Meiners und Hants- 
Reichlin waren seine QueUen. 

^^) Im Jahre 1365 erscheint zum widerholten Male in den deutschen 
Act enstücken die Wiener UniTersi tat betreffend 'hohe Schule'; aber wie sich 
aus einem Vergleiche derselben mit den lateinischen Originalien ergibt, nicht 
als eigentliche Widergabe von 'Studium generale'. So yiel ich urtheilen 
kann, entstand der deutsche Ausdruck ganz selbständig und unabhängig 
vom lat. 'Studium generale', wofür man 'gemeine schuol' sagte. 

107) jfitude historique sur l'^cole de droit de Montpellier (1877) p. 11. 
Vgl. auch dessen Bist, de la commune de Montpellier, III, 2. 159. 



1. Stadium. Studium generale. 25 

Allein durch Vereinigung mehrerer Schulen zu einer Schule er- 
halten wir noch keineswegs den vollen Begriff eines Studium ge- 
nerale. Zudem würde aus Germains Behauptung folgen, die Gon- 
stituierung einer (Korporation von Lehrern und Schülern mehrerer 
Schulen sei zugleich die Gonstituierung eines Studium generale, 
während wir besonders aus dem Beispiele von Orl6ans lernen, 
dass mit dem Begriffe eines Studium generale noch nicht der 
einer Gorporation gegeben war^®'). Die stets widerkehrenden 
Ausdrücke: universitas studii, Studium universitatis, auf die ich 
sogleich aufinerksam machen werde, erweisen dieselbe Thatsache. 
Einen bedeutend grossem Irrthum schliesst die Behauptung 
in sich, 'Studium generale' habe die Vertretung aller Wissen- 
schaften bezeichnet. Sie wurde noch bis in die neueste Zeit aus- 
gesprochen *°'), trotzdem schon Savigny gegen sie polemisierte. Man 
wäre nie auf sie verfallen, hätte man den Ausdruck genetisch 
entwickelt und darauf geachtet, dass wenigstens den Begriff schon 
die Rechtsschule zu Berytus verdiente und dass er in vollem 
Masse auf die Rechtsschule zu Bologna übergieng. Gleichviel, 
ob in dem Ausdrucke das Wort 'Studium' für 'Unterricht' oder 
für 'Lehranstalt' genommen wird: er war nicht von der Anzahl 
der wissenschaftlichen Fächer bedingt. So finden wir, dass Al- 
fonso el Sabio in seinen Siete Partidas als die Fächer eines 
Generalstudiums die artes (die er noch specialisiert) und das 
geistliche und weltliche Recht aufzählt ^^°); er übergeht aber die 

^^) So sagt z. B. Phüipp der Schöne in Bezug auf die Universität: 
nee placeat nobis . . . quod doctores et scolares studii Aurelian. universitatem 
habeant nee statu universitatis utantur, ymmo sicut ab olim ibidem extitit 
obserratum tamquam siogulares persone moribus et scientia laudabiliter im- 
buentur, nosque pro eorum utilitate et dicti studii reformatione gratias et 
privilegia etc. SUtutenbuch im Cod. Yat. Reg. 405 Bl. 31b (J. 1312). 
Nicht das Studium generale war ihm ein Dom im Auge, sondern die Uni- 
versität an demselben, diese wollte er aufgehoben wissen. 

109^ So vertritt sie noch Luschin, Oesterreicher an italienischen Uni- 
versitäten. Wien 1882 S. 93. Die allgemeine Quelle, woraus man diesen 
Irrthum schöpfte, war wie immer Meiners, Gesch. d. Entstehung etc. lY, 
389. Hartwig, Aschbach, Ennen und andere widerholen im Grunde nur den- 
selben Irrthum, worüber unten im Abschnitte über das Yerhältniss der Uni- 
versit&t zu den Elosterschulen. 

HO) Las siete Partidas, n. tit. 31 ley 1. 



26 I* Bezeichnung der mittelalterlichen Universität. 

Medicin und die Theologie. Dieselbe Beobachtung macht man 
in den Stiftungsbriefen der einzelnen Generalstudien. Dort be- 
gegnet uns fortwährend die Phrase in der einen oder andern 
Weise: ut in eadem villa sit Studium generale in jure cano- 
nico et civili, in artibus, et etiam medicina et qualibet alia lici- 
ta facultate, oft mit dem Zusatz: non tarnen theologia, d. h. in 
dieser Stadt soll ein Generalstudium in jeder Facultät, oder 
im Jus, in den Artes, in der Medicin u. s. w. sein*^^). Also für 
jede Facultät, für jede Wissenschaft konnte ein Generalstudium 
gegründet werden. Darum heisst es auch: et vigeat Studium ge- 
nerale in theologica facultate "*). Denselben Sinn haben die 
Worte in dem Schreiben Urbans IV. v. J. 1263, womit er der 
Universität Palencia zu Hilfe kommt: seien tiarum Studium gene- 
rale"'), d. i. ein Generalstudium für die Wissenschaften. Wer 
sich nur immer den Begriff eines Generalstudiums, wie wir ihn 



111) So in der Bulle für Montpellier t. J. 1289: indolgemus ut in 
dicto loco Bit deineeps Studium gener&le, in quo magistri doceant et scolares 
libere studeant et audiant in quavis licita facultate. 13. Nov. 1288 bitten 
die H&upter Portugals den hl. Stuhl um ein generale Studium literarum in 
qualibet facultate in Lissabon. Fr. Leitao, Noticias chronologicas da uniyer- 
sidade de Coimbra. Lisboa 1729 p. 9. So heisst es auch im Statutenbuch 
der Universität Lerida v. J. 1300: (Hex Jacobus) in utroque jure canonico 
et civili, medicina, philosophia et artibus ac aliis approbatis scientiis quibus- 
cumque Studium in dicta civitate Ilerdensi instituit generale. Yillanueva, 
Yiage literario a las Iglesias de Espaffa. XYI. Madrid 1851 p. 207 f. 
Pelfin Humbert II. sagt 25. Juli 1339, Benedict XII. habe erlaubt, dass 
zu Grenoble essent perpetno generalia studia in utriusque juris, medicinae 
et artium facultatibus. (Valbonnais) Eist, de Dauphin^. II. Gen^ve 1722 
p. 412. Clemens YIL sagt 28. Nov. 1379 in Bezug auf Perpignan, dass dort 
in juribus canonico et civili, in artibus et etiam medicina et qualibet alia 
licita non tamen theologia ein Studium generale sei. Aehnlich auch König 
Peter v. Aragonien in Bezug auf dasselbe Studium. Ms. 6537 zu Perpignan. 
Ich habe hier nur seltenere Actenstücke angeführt. Im dritten Abschnitte 
finden sich Beispiele bei jeder Universit&t 

112) So sagt Innocenz YI. 21. Juni 1360 in Bezug auf Bologna, UrbanY. 
14. April 1363 in Bezug auf Padua (Bullen im Bull. magn. Rom.), Martin Y. 
17. Dec. 1421 in Bezug auf Montpellier (bei Germain, Histoire de la com- 
mune etc. III, p. 416), Nicolaus Y. 1447 in Bezug auf Perpignan (Ms. 1. c.) 
u. s. w. 

113) Bull. Rom. ed. Taurin. UI, 296. 



1. Studinm. Stadium generale. 27 

oben entwickelt haben, gegenwärtig hält, wird dies begreiflich 
finden. 

Aus der gegentheiligen Ansicht würde übrigens folgen, dass 
es im Mittelalter bis zur zweiten Hälfte des 14. Jhs. nur wenige 
Generalstudien gab, und von den vier Weltstudien *^*), Paris, Bo- 
logna, Oxford und Salamanca höchstens Oxford diesen Namen 
verdiente. Bis zur 2. Hälfte des 14. Jhs. und noch länger war 
nämlich von den meisten Hochschulen die Theologie ausgeschlossen, 
wie sich im Verlaufe des Werkes ergeben wird. Bologna aber hatte 
bis 1360, Salamanca bis zum Ende des 14. Jhs. keine Theologie, 
Paris aber ermangelte von 1219 bis in das 17. Jh. des Studiums 
des weltlichen Rechts. Und trotzdem war jede jener Lehi-an- 
stalten ein Generalstudium im vollen Sinne des Mittelalters, und 
es fiel niemand bei daran zu zweifeln. Wenn daher DöUinger 
sagt: 'Und doch war auch Paris keine Universität im vollen, im 
jetzigen deutschen Sinne' ^^^), und die übrigen Schulen Frank- 
reichs nur Specialschulen nennt ^*^), so ist allerdings wahr, dass 
weder Paris noch die meisten der mittelalterlichen Generalstudien 
Universitäten nach jetzigem deutschem Begriffe waren, aber es ist 
falsch zu behaupten, sie seien keine Universitäten oder vielmehr 
Generalstudien im vollen Sinne gewesen, denn sie waren dies in 
jenem des Mittelalters. Später griff eine andere Auffassung Platz *'^). 



1^^) Aaf dem Concil von Yienne wurden für das Studium an der Curie 
(nicht für das Generalstudium in Rom, wie so häufig gesagt wird), in Paris, 
Oxford, Bologna und Salamanca Lehrkanzeln für die orientalischen Sprachen 
vorgeschrieben. Clem. V, 1. In Folge davon betrachtete man die vier zu- 
letzt genannten Studien als Weltstudien, wie aus Martins V. Constitution für 
Salamanca vom J. 1422 hervorgeht (nos ob id Studium Salamantinum, quod 
nnum de qnatuor orbis generalibus studiis ex dispositione apostolica in re- 
gione ispanica celebri fama resplendet etc.). Original im Uni vers. -Archiv zu 
Salamanca. 

11^) Die Universitäten sonst und jetzt. München 1867. S. 6. 

116) Ibid. 8. 11. 

117) Zwei Jahrhunderte vor uns urtheilte man viel richtiger. Bebuff z. B. 
sagt: Non minus dicitur universitas, etiamsi omnes facultates non sint con- 
cessae ibidem. Tract. varii in tract. Nominat. qu. 6 n. 13 p. 118 ed. Lugd. 
1600. Petrus Gregorius aber meint : Neque ideo minus studia generalia dlcentur 
aat Universitates, quod non omnes scientiae ibisedcertae taatum tractentur 



28 !• Bezeichnung der mittelalterlichen üniversit&t. 

Aufgabe des Forschers ist es daher, sich zuerst über die Begriffe 
klar zu werden***) und die Zeiten und Jahrhunderte zu scheiden. 
Ein Umstand darf jedoch hier nicht übersehen werden, dass 
man nämlich auch im Mittelalter häufig darnach strebte an einer 
Lehranstalt alle Wissenschaften vertreten zu sehen. Die Aeusse- 
rung Savignys, die Gesammtheit der Wissenschaften habe man 
im Mittelalter nicht als die Hauptsache bei einer Hochschule be- 
trachtet^'*), ist irreführend. Man hat sie allerdings nicht als 
die Hauptsache, wohl aber sehr oft als einen wünschenswerthen 
Factor angestrebt. Bereits Friedrich H. wollte 1224, dass am 
Studium in Neapel doctores et magistri in qualibet facultate 
seien, denn es sollten dort 'cuiuscunque professionis vigere stu- 
dia', damit die Wissbegierigen 'in ipso regno iuveniant, unde ip- 
sorum aviditati satisfiat neque compellantur ad investigandas 
scientias peregrinas nationes expetere' "°). Auch Alfonso el Sabio 
wünschte für das Generalstudium Lehrer in jeder Wissenschaft, 
trotzdem er dies nicht zum Begrifife derselben für nothwendig 
hält, wie wir gesehen haben, und nur für den Fall, als dies nicht 
geschehen könne, sollten immer wenigstens Lehrer der Gramma- 
tik, Logik, Rhetorik und der Rechtswissenschaft angestellt sein"*). 
Was offenbart femer die in den Stiftungsbriefen sich fortwährend 



et doceantor, namque generalitas ad üniversitatem non pertinet sed ad publi- 
cam causam docendi. L. c. Tomds Franco aber schreibt in der äusserst 
seltenen Schrift: Defensa por la universidad de santo Tom^s de Sevilla (nur 
20 Blätter) Bl. 16: Que hay muchas y muy graves universidad es, en que no 
se 16en todas las facultades referidas en la ley de Partida (des Alfonso el 
Sabio), und er zählt auf Alcal4 de Henares, Sigttenza, Ebora, Braga. Vom 
Studium zu Paris aber meint er: que es tan nombrado y universidad tan 
illustre no se l^en leyes. Die Schrift erschien Sevilla 1656. 

1^^) Und dass sich DöUinger über den Begriff eines 'Studium generale' 
nicht klar war, das beweist eine Phrase ib. S. 5: Die Pariser Hochschule 
wuchs anfangs als Studium generale, dann als üniversltas zu der mächtig- 
sten aller Corporationen empor. D. h. die Pariser Hochschule wuchs als 
Lehranstalt, später als Corporation zur mächtigsten Corporation empor. So 
geht es, wenn man über Dinge schreibt, deren Begriffe man nicht kennt. 

119) A. a. 0. S. 414. 

iw) Huill.-Br6hoU. II, 450. 

1») Las siete Partidas II, tit. 31 ley 3. 



2. üniveraitas. Oymnasiam. 29 

widerholende Phrase, das Studium generale sei erlaubt 'in qua- 
vis licita facultate""), anders, als die Erlaubniss ein Studium 
für jede Wissenschaft einrichten zu können? Dies war auch sehr 
häufig der Wunsch derjenigen, welche sich um Bewilligung eines 
Generalstudiums an den Papst oder an den Fürsten wandten. 
Von der Mitte des 14. Jhs. ab wird dies gang und gäbe. Den 
modernen Begriff einer Hochschule oder Universität hat also das 
Mittelalter eingeleitet. Hüten muss man sich jedoch, in dem 
mittelalterlichen Begriffe eines Studium generale die Vertretung 
aller Wissenschaften zu suchen^"). 

2. TTniversltas. Aoademia. Gynmasiuin. 

Der landläufige Ausdruck für Hochschule ist heutzutage 
'Universität'. Nicht weniger häufig begegnen wir demselben im 
Mittelalter. Und doch verband man damals mit ihm einen von 
dem heutigen ganz verschiedenen Begriff. Dem mittelalterlichen 
Begriffe liegt der des Corpus juris civilis zu Grunde, wonach 
'universitas' ähnlich wie 'corpus' im Sinne von corporativer Ver- 
bandseinheit gebraucht wurde***). Weiter ausgebildet wurde 
dieser Begriff durch die Glossatoren, die zumeist in demselben 
Sinne wie universitas und corpus die Ausdrücke coUegium und 
societas nahmen. Am bekanntesten wurde die Definition des 



^ Die 'illicita' facultas oder Wissenschaft, z. B. Magie, Astrologie 
0. s. w. wurde in p&pstlichen Stiftbriefen immer ausgeschlossen. 

^'^) Allerdings darf man sich hierin widerum nicht auf L. v. Stein ver- 
lassen, der aus Friedrichs II. Stiftungsbrief (!) der ersten Wiener Eathedral- 
schule vom J. 1237 die Worte anführt, er errichte nicht 'aliquod Studium 
generale omnium facultatnm' (1. c. S. 498), woraus folgen würde, dass be- 
reits in der 1. H&lfte des 18. Jhs. die Vertretung aller Wissenschaften in 
dem Begriffe 'Studium generale' eingeschlossen war. Die Worte kommen 
aber nicht im PriTilegienbriefe vor, sondern sie gebraucht im 17. Jh. 
LambeciuB, den Schlikenrieder, Chronologia Diplom, celeb. et antiquiss. Uni- 
▼ers. (Yindobon. Vienna 1753) p. 166 anführt. Stein verwechselte bloss 
Lambecios mit Kaiser Friedrich IL Dieser jedoch sagt nur: Volentes et 
commodo studio provideri , per quod prudentia docetur in populis . . . po- 
testatem damos etc. L. c. p. 4. S. Huill.-Br^holl. V, 57. 

IM) S. Oierke, Bas deutsche Genossenschaftsrecht III, 142. 



30 ^* Bezeichnung der mittelalterlichen UniTersität. 

Hugolinus: universitas est plurium corporum coUectio inter se 
distantium uno nomine specialiter eis deputato ^"). 

Nun ist es doch klar, dass der Ausdruck 'universitas' nichts 
weniger denn eine Lehranstalt oder Hochschule, sondern über- 
haupt jeden organisierten menschlichen Verband bezeichnete. Die 
universitas magistrorum oder scholarium , d. h. die corporative 
Verbandseinheit der Professoren und Scholaren ist nur eine Spe- 
cies des allgemeinen Gattungsbegriffes. 

So erklärt sich der durch das Mittelalter herrschende Sprach- 
gebrauch und die Ausdrucks weise 'universitas studii\ Die Uni- 
versität war an der Schule oder dem Generalstudium. Schon 
Alfonso el Sabio sagte: universidad del estudio de Salamanca^'^). 
Dieser Sprachgebrauch hatte sich an allen Hochschulen, wo Cor- 
porationen bestanden, eingebürgert. Beispiele bietet der Verlauf 
des Werkes in Menge*"). Daneben erscheint mehrere Male die 
Bezeichnung 'Studium universitatis', am frühesten bei Johann de 
Garlande ***), und noch spät bei König Ludwig v. Frankreich im 
J. 1369 für das Generalstudium zu Gabors und in einem Schreiben 
des Gegenpapstes Benedict XHI. für Salamanca "'). Mit der 
ersteren Bezeichnung fallt zusammen 'studium ac ejus universi- 
tas' *»°). 

1^^) Summa digest. 3, 4 in summa Azonis, Venetiis 1581 p. 1156. Diese 
Frage wird überhaupt von den Glossatoren und den spätem Legisten zu 
Dig. 3, 4 (Quod cuiiLsque universitatis) erörtert. S. auch Gierke 1. c. S. 193, 
wo die Materie grtlndlich erschöpft wird. Die Canonisten des 13. Jhs. hatten 
keine andere Auffassung. S. Gierke S. 247 f. 

^^^) In Memoria sobre el estado de la instruccion en esta (Salamanca) 
universidad 1882 p. 132. 

127) Um so aufifallender ist es, wenn Meiners, lY, 388, Hautz, Gesch. der 
Univ. Heidelberg, I, 101, Muther, Zur Gesch. der Rechtswissenschaft S. 280 
behaupten, erst seit Ende des 14. Jhs. sei obige Phrase entstanden und be- 
deute die universitas magistrorum. 

1^) De misteriis ecclesie. Im Cod. 546 zu Brügge findet sich der 

Text mit Glosse: 

universitatis 

conscripsere manus Studium quo tempore mortem. 

1*^) Ordonnances des roys de France, V, 329. Benedicts XIII. Schreiben 
vom 16. M&rz 1416 im Universitätsarchiy zu Salamanca. 

^^) Z. B. in Schreiben Johann XXII. fOr Gabors in den Statuta acade- 
miae Cadurcensis (s. a.) p. 6. " 



2. Üniveraitas. Gymnasiam. 31 

Gleichwie die Schulen von Paris und Bologna am frühesten 
Gorporationen erhielten, so begegnet man auch am frühesten in 
den Urkunden jener Schulen der Bezeichnung 'universitas', wie 
der zweite Paragraph lehren wird. Es ist gerechtfertigt den 
Bestand beider Hochschulen seit jener Zeit zu datieren, in welcher 
sie 'universitates' erhielten, wenngleich bereits vorher blühende 
Schulen dort existierten. 

üniversitas, corpus, coUegium, societas, communio, consor- 
tium begegnen uns in den Universitätsacten so ziemlich in dem- 
selben Sinne. Allein in Acten, welche sich auf die Universität 
Paris beziehen, findet sich nicht selten 'üniversitas' noch verstärkt 
oder näher präcisiert. So sagen die Professoren in der Littera 
vom J. 1254, ihre Vorfahren hätten ab utroque principe ein 'cor- 
pus coUegii sive universitatis' erlangt*'^). Das Moment der Ein- 
heit sollte dadurch mehr hervorgehoben werden. Andere Male 
finden sich die Bezeichnungen 'universitatis consortium' * "), 'uni- 
versitatis coUegium' *"). Der Ausdruck 'üniversitas' schien manch- 
mal abgeschwächt, und man verstärkte ihn auf die eben genannte 
Weise. Auch wurde dadurch der 'Universitätsverband' viel besser 
bezeichnet als durch den einfachen Ausdruck 'üniversitas'. Inno- 
cenz in. gebrauchte auch hiefür 'communionis vestrae consor- 
tium' "*). 'CoUegium' nahm daneben sehr häufig die Bedeutung einer 
Verbindung für sich innerhalb der Universität an, so z. B. in 
Bezug auf die CoUegia magistrorum an den verschiedenen Hoch- 
schulen, wenngleich der Ausdruck meist identisch mit 'üniversi- 
tas' gebraucht wurde. Die Bedeutung von 'simul cohabitantes' 
nahm er an bei den GoUegia pauperum scholarium, und bei den 



181) Bei Du Boulay m, 255. 

18») So widerholt in Schreiben Innocenz IV. S. die Schreiben von 
mir ediert in den M^moires de la societ^ de I'histoire de Paris X, 254 ff. 
Alexander IV. bei Du Boulay III, 283. 

188) Alexander IV. gebrauchte in der Streitfrage am die Wideraufnahme 
der Dominicaner in den Üniversit&tsverband fast durchgehends obige Phrase. 
Man vgl. hier nur M^moires etc. p. 266. Ebenso Humbert (Archives de 
D^jon. H. 221). Weitere Beispiele für beide Bezeichnungen folgen unten im 
Abschnitte über die Gorporationen. 

184) Bei Da Boalay lU, 61. 



32 ^' Bezeichnang der mittelalterlichen Universität. 

in einem Hause zusammenlebenden studierenden Ordensmitgliedern 
an einer Universität*"). 

Der Ausdruck 'universitas' wurde nicht bloss auf die Ge- 
sammtheit der Magister und Scholaren, oder auf die einen oder 
andern allein angewendet, sondern auch auf die Mitglieder einer 
einzigen Facultät. In Paris werden die Artisten so unter einem 
Gesichtspunkt aufgefasst, und nicht weniger auch die Theologen. 
Das eigentliche Moment im Begriffe von 'universitas' blieb aber 
immer das, die Gesammtheit der Magister und Scholaren an einer 
Hochschule zu bezeichnen, und darum wurde er ebenso in Bo- 
logna, wo anfänglich nur Scholarenverbindungen bestanden, wie 
in Paris, wo die Magistri die Verbindung eingiengen, gebraucht. 
Hier wie dort finden wir die Bezeichnung 'universitas magistro- 
rum et scholarium' * "). TreflFend bezeichnete dies Alexander IV. 
mit den Worten, er verstehe 'universitatis nomine . . . omnes ma- 
gistros et scholares commorantes Parisius, cuiuscunque societatis 
seu congregationis existant'*"). Die Phrase 'universitas magis- 
trorum et scholarium' für sich allein genommen erklärt uns eben- 
so wenig die Verfassung einer Hochschule wie die Bezeichnung 
'universitas scholarium' allein. Die erstere wurde auch dort an- 
gewendet, wo nur universitates scholarium bestanden, die letztere, 
wo die Macht bei den Magistri lag. Die Verfassung muss man 
aus andern Momenten erschliessen "®). 

Nach dem Gesagten bedarf es keines Beweises mehr dafür, 
dass der Ausdruck 'universitas' im Mittelalter niemals die Ge- 
sammtheit der Wissenschaften bezeichnete, wie manchmal behauptet 



13^) Gierke 1. c. S. 193 nennt freilich diese Unterscheidung willkürlich; 
allein es handelt sich hier um das Thatsächliche, nicht darum, ob man Recht 
hatte solche Unterscheidungen aufzustellen. 

is6^ In Bezug auf Paris begegnen wir fortwährend dieser Phrase; in 
Bezug auf Bologna bringe ich weiter unten Belege. 

137) Ripoll, BuU. Ord. Praed. I, 291. 

i38j Qsjiz irrig ist es deshalb mit Prantl, Gesch. der Ludwigs-Maximi- 
lians-Universität I, 26 zu behaupten, ursprünglich habe die ganze Richtung 
zur universitas doctorum et scholarium, d. h. zur Vereinigung der Nationen 
und Facult&ten hingedrängt; der Entwicklungsgang habe folgerichtig zur 
universitas doctorum, d. h. zum Facultätensystem geführt. Prantl war sich 
über die Begri£fe der einzelnen Ausdrücke und Bezeichnungen nicht klar. 



2. Univenitas. Gymnasiam. 33 

wurde"'). Diese Bedeutung wäre auch dann ausgeschlossen, wenn 
^universitas' die Lehranstalt bezeichnet hätte. Solche Deutungen 
sind nur bei gänzlicher Unkenntniss des mittelalterlichen Sprach- 
gebrauches möglich"**). 

Das Epitheton 'alma' bei Universitas (alma universitas) fand 
ich nicht vor dem 14. Jh. "^). Diese Ausdrucksweise stammt 
ebenfalls aus dem politischen Leben "'). Die Bezeichnung ^mater 
universitas' begegnet uns schon früher. Wenigstens findet sich 
circa 1300 in einer Ordinatio der Oxforder Magistri die Stelle: 
huiusmodi igitur damnis et gravaminibus volens mater Univer- 
sitas consultius ocurrere . . . ordinavit etc. *"). Ohne Zweifel 
wurde diese Bezeichnung schon früher angewendet. Abgesehen 
davon, dass sowohl in Oxford als in Cambridge das Buch, in das 
die Namen der Schüler eingeschrieben wurden, dem anderwärts 



^^) So sagt z. B. Dalaare in Histoire de Paris 1834 ÜI, 6, unter 
Ludwig XI. h&tten die Schulen zu Paris den Titel Uni? ersi tat erhalten, 'mot 
qui zignifiait l'universalit^ des sciences enseign^es dans ces 6coles.' Solche 
Aufstellungen bekämpfte bereits Savigny III, 413. 

1^0) Auf ähnlicher Unkenntniss des mittelalterlichen Sprachgebrauches 
beruht die Behauptung Hubers (Die engl. Univers. I, 24), die mittel- 
alterliche Universität sei in jener Zeit universitas lUeraria genannt worden, 
was ebenso irrig ist, als seine andere, sie habe den Namen Academia erhalten. 
Weit schlimmer steht es aber mit Zurate, der (De la instrucciön publica en 
Espana. Madrid 1855 ü, 184. Anm. 2) es aufifallend findet, dass Alexander IV. 
Air Salamanca zwar den Ausdruck < Studium generale', nicht aber <el nombre 
de universidad' gebrauche. 

1^1) 1337 findet es sich auf Orleans angewendet. Statutenb. Cod. Vat. 
Beg. 405 Bl. 45b. Ebenso in den Acten der Univers. Heidelberg i. J. 1386. 
Haatz-Reichlin 1. c. II, 330. In Oxford im J. 1407. Munimenta acad. Oxon. I, 
237. 239. In einem Actenstücke ▼. 27. Juni 1292 wird die Universität 
Paris 'venerabilis' genannt. Du Boul HI, 503. 

^^) So wird z. B. die Gemeinde Lubecensis widerholt: alma nostra 
aniversitas, genannt Ms. 260 Bodl. Laud. Mise. 14. Jh. ^Alma urbs' war 
schon längst von Justinian im Cod. De novo cod. fac,. De Justinianeo cod. 
fae. und Dig. vet. Const. Omnem § 10 u. s. w. gebraucht. Diese Anwen- 
dung des Epitheton ist die ursprflngliche, die Anwendung desselben auf die 
Corporationen und Gemeinden aber erst übertragen. 

i^) Munimenta academica 1. c. p. 77. Dieses Epitheton erhält 1369 
auch die Universität Paris von den Mönchen von S. Germain- des-Pr^s. Du 
Boolay, M6m. hist. sur le Pr6-auz-Clercs p. 136 f. 

DeaifU, IMa I7iiir«nittt«n L 3 



34 ^« Bezeichnung der mittelalterlichen üniTersit&t. 

herrschenden alten Usus zufolge bereits in der 2. Hälfte des 
13. Jhs. mit matricula bezeichnet wurde***), nannte Innocenz IV. 
schon früher die 'communio' der Magistri und Scholaren zu Ox- 
ford 'foecunda mater', die 'de utero suo filios producit ad justi- 
tiam eruditos' ***). Ein Jh. später, im J. 1342, betrachtete König 
Eduard DI. von England die Universitas Gantebrigiae als mater 
et propagatrix studentium peritorum^*'). So entstand nach und 
nach die Bezeichnung: Alma Mater. In den Statuten von Wien 
vom J. 1389 wird die Pariser Universität so genannt**'), und in 
jenen der Universität Köln v. J. 1392 heisst es: ut alma mater 
nostra Universitas studii Coloniensis suos veros filios ab adulte- 
rinis valeat discernere etc.^**). In einem Statute der Oxforder 
Artisten v. J. 1408: nostra mater Oxoniae Universitas et prae- 
cipue ipsa artium facultas^*'). Und in einem Statute v. J. 1411: 
coram D. Cancellario hujus almae Universitatis matris nostrae^'^"). 
Universitas wird an keiner dieser Stellen für Hochschule genommen, 
sondern für Lehrkörper, was besonders aus dem Kölner und dem 
nächstfolgenden Oxforder Statut erhellt, so dass also wie schon 
in dem oben angezogenen Schreiben Innocenz IV. die Corporation 



1^) In Bezug auf Oxford sagt dies Rishanger, De bellis Lewes et Eves- 
ham ed. HaUiwell. London 1840 p. 22 zum J. 1264, als die Universität nach 
Northampton auszog: Erat enim clericorum numerus quorum nomina scripta 
faerunt in matriculis rectorum excedens XYM. In Bezug auf Cambridge 
kommt dies in einem Schreiben des Bischofs Hugo von Ely v. J. 1276 vor. 
Füller, The history of the university of Cambridge ed. Wright. Cambridge 
1840 p. 50. 

1^^) Munimenta academica I, 27. Das Schreiben ist von 2. Non. Octo- 
bris anno 12, also vom 6. Oct. 1254. Komisch genug macht der Heraus- 
geber Anstey wie hier so auch bei andern Schreiben desselben Jahres ein 
Fragezeichen zu 1254. 

1*^) Dyer, The Privileges of the university of Cambridge. London 1824 
I, 74. Auch Kurfürst Ruprecht I. nannte 1386 die Universitas omnium fa- 
cultatum < mater'. Bei Hautz-Reichlin 1. c. II, 315. 

1*7) Bei Kink H, 93. 

1^) Bei Bianco, Die alte Universität Köln. 1856. I. Anlagen S. 8. 
Schmitz, Mittheilungen aus Akten der Universit&t Cöln. Programm des 
Kaiser Wilhelm-Gymnasiums 1879. S. 25. 

149) Munimenta academica I, 241. 

iw) L. c. 260. 



2. üniTersitas. Gymnasium. 35 

als mater bezeichnet wurde *^^). Dann scheint sich noch hie und 
da 'alma' nicht auf 'mater', sondern auf Universitas, z, B. im 
Kölner Statute (alma, mater nostra, Universitas), bezogen zu 
haben. Später verband man 'alma' durchaus mit 'mater', da ja 
der Ausdruck 'alma mater' aus der Liturgie und dem can. Recht 
bekannt war"'), und bezog ihn auf die Universität als Lehran- 
stalt. Dies der Ursprung unserer Bezeichnung 'alma mater'"'*). 
Fragt man nun, wie es kam, dass später 'universitas' im 
Sinne von Hochschule oder der Gesammtheit verschiedener Fa- 
cultäten genommen wurde, so ist es nicht so schwer darauf zu 
antworten. Bereits im 13. Jh. begegnet der Ausdruck 'universitas' 
öfters in einer Satzverbindung, in der man bisher nur 'Stu- 
dium' im Sinne von Lehranstalt gebrauchte, z. B. 'existens in 
universitate' "*). Dies hieng damit zusammen, dass man schon 
früher promiscue z. B. 'Universitas Oxoniensis' mit 'Studium 
Oxoniense' anwendete"*). Manchmal werden scheinbar beide 
Bezeichnungen geradezu identificiert"*), wenngleich sich ihre Be- 
gri£fe noch keineswegs deckten. Am auffälligsten ist dies in 
Phrasen wie 'delicta in universitate Oxoniae perpetrata' "'') oder 
'in universitate cursus legere', 'in universitate Oxoniae studere' "'). 
Es ist nicht zufällig, dass in Oxford 'universitas' ebenso wie 



^^) So sagte man aach : Matricula universitatis studii. Vgl. die Erfurter 
Matrikel bei Weissenbom 1. c. S. 32. Matricula scolarium et universitatis 
scolarium, in Perugia vom J. 1339, s. Padelletti, Archiv, giurid. Y, 501. 

i^*) Wer kannte nicht z. B. die Antiphon: Alma redemptoris mater? 
Oder den Hymnus: Ave maris Stella, Dei mater alma? Hieher gehört auch 
die 3. Antiph. snr Landes am Feste des hl. Thomas v. Aquin aus der 
1. Hftlfte des 14. Jhs. : Alma mater ecclesia. So beginnt aber auch eine De- 
cretale Bonifax YIII. (in YL 5, 11). 

^^) Der Ausdruck wird falsch entwickelt von Zamcke (Urkundliche 
Quellen S. 515), wenn er meint, die Artistenfacultät sei, weil fundamentum, 
'alma mater' gewesen. 

1^3) Z. B. Mun. acad. Oxon. I, 57. 

1«) Ibid. p. 25. 

1^) So sagt Clemens Y. am 13. Juli 1312 für Dublin, der Erzbischof 
habe berichtet, in jenen Gegenden sei keine 'scolarium universitas vel Stu- 
dium generale'. Beg. Yat. an. 7 ep. 934 Bl. 196 b. 

1^ Ans dem J. 1279 in Mun. acad. I, 39. 

1&7) Ans dem J. 1306 und 1311. Ibid. p. 87. 88 u. s. w. 

3* 



36 I* Bezeichnung der mittelalterlichen üniTersität. 

*studium' die Präcisierung 'generalis' erhielt"*). In Deutschland 
herrschte vom Anfange an dieser Gebrauch. Karl IV. gebrauchte 
1355 in einem und demselben Actenstücke 'in studio Pragensi 
actu legere' und 'in universitate Pragensi actu legere'"®), 
ja man findet bei ihm beide Ausdrücke schon identificiert"^). 
Man setzte also den einen Ausdruck für den andern, bis endlich 
in der Auffassung sich auch die Begriffe deckten, was Ende des 
14. und Anfangs des 15. Jhs. bereits vollendete Thatsache war. 
'Universitas' im heutigen Sinne von 'Studium generale' oder 'Ge- 
sammtheit der Facultäten' ist nicht romanischen, sondern ger- 
manischen Ursprungs. In Italien, Frankreich und Spanien war 
der ursprüngliche Begriff von 'universitas' inmier zu lebendig, 
wogegen nichts verschlägt, dass man sehr frühe z. B. 'universitas 
Parisiensis' sagte, wobei ja immer der ursprüngliche Sinn durch- 
leuchtete. 

Thurot meint ^*^), die Pariser Universität sei auch Acade- 
mia Parisiensis genannt worden, und zwar in einem Schreiben 
Alexanders IV. v. J. 1256. Diese Behauptung wurde schon früher 
aufgestellt"'), und bis in die neueste Zeit nachgeschrieben"'). 
Indess wurden alle durch Du Boulay irre geführt. Allerdings 
heisst es in der erwähnten Bulle bei ihm: convenit quidem, ut 
ad ipsius Universitatis conservationejn . . . totius diligentiae Stu- 
dium impendamus, quatenus Academia Parisiensis apostolica so- 



158) Reg. Suppl. Clem. VI. an. 1 p. 2 Bl. 164b in der Supplik der Aula 
Balioly heisst es, dass zu Oxford 'universitas scolarium yiget generalis'. 

159) Reg. Suppl. Clem. VI. an. 11. Bl. 15 b (im «weiten Theil, wo Sup- 
pliken aus dem 3. Jahre Innocenz VI.). 8. unten unter Üniversit&t Prag. 

160) In einem Schreiben an ein Gapitel sagt er: ... ut universitas 
nostra (Pragensis) eisdem snccessoribus gaudeat, quibus Parisiensis etOxo- 
niensis studia gloriantur, presertim cum idem nostrum Pragense s.tu- 
dium adeo . . . privilegiatum existat etc. Hoffmanns Sammlung ungedruckter 
Urkunden II, 222. 

161) De l'organisation de Puniversit^ de Paris 1. c. 

16«) So von Huber, Die englischen Universitäten I, 24. 

163) Paulsen, in Sybels Hist. Zsch. 1881. S. 386. Meiners und seine 
Copisten hatten hier die richtigere Ansicht, wohl nur deshalb, weil ihnen 
die Stelle bei Du Boulay entgieng. 



2. Universitas. Gymnasium. 37 

licitudine . . . solida permaneat "*). Doch der Ausdruck *aca- 
demia Parisiensis' wurde von Du Boulay selbst eigenmächtig zur 
Verdeutlichung von 'universitas' eingefügt^"). Es wäre doch 
auch merkwürdig genug, dass der Pariser Universität einmal diese 
Bezeichnung sollte beigelegt worden sein, um dann schnell wider 
nicht bloss in Bezug auf Paris, sondern auf alle übrigen Uni- 
versitäten des Mittelalters zu verschwinden, bis sie dann in der 
Humanisten-Zeit auftauchen konnte. Man kannte allerdings den 
Ausdruck 'academia', vorzüglich aus den Schriften des hl. Augus- 
tin, aus dem Prologe des hl. Hieronymus zur Genesis und aus 
den Glossatoren *••). Aber er kam für die damaligen Schulen 
nicht zur Anwendung ^•^). 

Anders verhält es sich mit der Bezeichnung Gymnasium. 
Alexander IV. nennt Paris in dem eben citierten Schreiben: po- 



1«) Hiat. üniv. Paris. III, 332. 

165) So fehlt der Ausdruck in dem Apograph des Schreibens im Ge- 
neralarchiv des Dominicanerordens (vgl. auch Bull. Ord. Praed. I, 322). Ebenso 
fehlte er in dem Originale, das im grossen Franciscanerconvente zu Paris 
aufbewahrt, und in den Firmamenta trium ordinum b. P. N. Francisci (Pa- 
risins 1512) parte 2 tr. 2 Bl. 63 a abgedruckt wurde. Vgl. auch Wadding, 
Ann. ed. 2. IV, 34 ; Sbaralea, BuUarium Francisc. II, 170. — Desgleichen hat 
auch nur Du Boulay selbst den Namen 'academicus' für die Pariser Magistri 
des 13. Jhs. eingeführt. Cfr. HI, 287. 

166) Von Brito wird er in dem Commentare zu Hieronymus erklärt (Hs. 
LI BL 8 a. 13. Jh. in der Marciana). Ebenso in einem Correct. Bibl. eben- 
das. n. L. Bl. 122 a. Allein schon vor Brito interpretieren den Ausdruck, ge- 
stützt auf Isidor, das Glossarium Ansileubi (Cod. Yat. Pal. 1773 Bl. 23 a), 
Papias (Cod. Yat. Reg. 1448 Bl. 2 a) und Huguccio (Cod. Yat. Palat. 1777 
Bl. 5b), und zwar übereinstimmend als 'villa Piatonis'. 

167) Ganz vereinzelt kommt der Ausdruck 'academia' auf die Schule 
zu Tours im 11. Jh. in dem Briefe Gozechins angewendet vor: Yide si placet, 
quam sanae doctrinae . . . theologi de Turonensi emergant academia, 'cui 
praesidet ille apostolus satanae Berengarius. Bei Mabillon, Yet Anal. Paris 
1723 p. 443. Yincentius Auria, La Sicilia inventrice, Palermo 1704 p. 30 f. 
und ihm folgend Mongitore, Divertimenti geniali, ibid. p. 149 f. Quadrio, 
Della storia e della ragione d'ogni poesia Bologna 1739 I, 87, und andere 
berichten, Friedrich II. habe c. 1233 eine <Academie der ital. Poesie' in 
Palermo errichtet AUein sie stützen sich nur auf eine vage Tradition, der 
im Wesen nur das eine Kömchen Wahrheit zu Grunde liegt, dass Friedrich 
in seiner Umgebung Dichter hatte und die Poesie förderte. 



38 ^' Bezeichuang der mittelalterlicheu Universität. 

tissimum gymnasium studiorum. Wilhelm de S. Amore wendet 
auf Paris denselben Ausdruck an"*), und das Schreiben der Uni- 
versität V. J. 1254, gerichtet an alle Bischöfe etc., beginnt: Ex- 
celsi dextera . . . olym plantavit parisius venerandum gignasium 
litterarum ^*'). Und später: Huic venerando et salubri gignasio 
quondam prefuere magistri nostri etc. "°). Diese Bezeichnung 
kam nicht mehr ausser Uebung. Um wenigstens 6in Beispiel 
aus der nächsten Zeit zu bringen, so schrieb Auf. des 14. Jhs. 
die Universitas magistrorum et scolarium dem Papste, der Vic- 
toriner Magister G. verweile unter ihnen regendo Parisius in 
sacre doctrine gimnasio a duodecim annis citra^'^).- Auf die 
Pariser Schulen wurde dieser durch das ganze Mittelalter be- 
kannte und auch von Friedrich II. gebrauchte^") Ausdruck schon 
längst angewendet. Philipp Harveng sagt in dieser Beziehung: 
scolare gymnasium'^'). Giraldus Cambrensis gebraucht bei Er- 
zählung seines Studienganges zu Paris die Worte: egressus ita- 
que tenore sub isto de scolarum tunc gymnasio*'*). Abaelard 
selbst wird noch früher in einem Epitaphium 'gymnasii fax' ge- 
nannt*"). Selbst die Erinnerung an die alte Bedeutung war im 



168) In De pericalis noviss. temp. ed. Constant 1632 p. 18. 

169) Du Boulay III, 255, verglichen mit Cod. Vat. 406 BI. 50 b. 

^'^^) Ibid. Um 80 bezeichnender ist es, wann in Ersch und Gruber Allg. 
Encydop&die, 1. Sect. 98. Tb. (Leipzig 1880) S. 305 behauptet wird, das 
Mittelalter habe nur den Namen schola gekannt und erst mit der Renaissance 
sei auch der Name gymnasium wider aufgetreten. S. dagegen die früheren 
und die nächsten Anmerkungen. 

171) Schreiben der Universität unter der Sammlung des Mag. Berardus 
de Neapoli im Archiv. Yat n. 29 A ep. 30. 

17^) Ad instituendum quarumlibet scientiarum gymnasia in civitate 
Neapol. So im J. 1234. Huill.-Br6hoU. IV, 497. 

1") Ep. 4 p. 34 (ed. Migne, Patrol. lat. 203). Vgl ep. 3 p. 27. 

174) Opp. ed. Brewer, I, 410. 

175) Ms. a. XI. 5 (12. Jh.) zu S. Peter in Salzburg. Das *Epytaphium 
Petri Abaelardi' befindet sich auf dem Vorderblatte eines Prachtexemplares 
der Sentenzen des Lombarden. Ediert von Pez, Thes. anecd. III, XXII. — 
Dass Huguccio und Brito in ihren Vocabularien ebenfalls auf den Begriff 
von Gymnasium eingehen, findet sich auch von Du Gange unter 'gignasium' 
erwähnt, obwohl man sonst sowohl bei diesem Artikel, als auch bei ' univer- 
sitas', besonders jedoch bei 'Studium' von ihm so gut wie im Stiche gelassen 



2. Universitas. Gymnasium. 39 

Mittelalter noch nicht verwischt, man sprach von jenen, 'qui in 
scolis militant'*'*). 

Von allen Bezeichnungen der mittelalterlichen Universität 
als Lehranstalt ist *studium generale' oder auch 'Studium' allein 
die eigentlich gebräuchliche und officielle. 



wird. VorzQgUcli beim letzten Artikel sind die Nachweise für jene Bedea- 
tung, die in unsere Untersuchung gebort, theils falsch, theils zu spät und 
zu spärlich; nur fOr die gebräuchlichere sind sie früher. 

176^ Hugo y. S. eher sagt, auf die Glossatoren des 12. Jhs. gestützt, in 
der Erklärung des Prologs des hl. Hieronymus zur Genesis c. ^ : Gymnasium 
dicitur a gymnas . . quod est lucta . . . inde dictum est Studium, quia ibi 
fit colluctatio mentalis. Die Bezeichnung kommt auch sonst noch öfter vor. 
Konrad IV. und Manfred von Sicilien gebrauchen sie z. B. für die Schulen 
zu Salemo and Neapel. Winkelmann, Acta Imperii inedita, p. 411. 414. 
Peter Damian wendet sie im 11. Jh. auf Kavenna an. De parentelae gra- 
dibos c. 8 (Opp. ed. Bassani 1783 III, 188), u. s. w. Durch obige Nachweise 
ist die Behauptung von Hautz-Reichlin , Gesch. der Univ. Heidelberg I, 102 
widerlegt, man habe erst gegen Ende des 15. Jhs. das Wort 'Gymnasium' 
von den Hochschulen gebraucht. Vgl. Paulsen 1. c. Wie immer so wurde 
auch hier nur Meiners, Gesch. der Entstehung etc. IV, 391 copiert. S. auch 
oben Anm. 170. 



n. 

ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER ZWEI 
ÄLTESTEN UNIVERSITÄTEN. 



Der Entwicklungsgang der Schulen zu Paris und Bologna 
verdient eine viel sorgsamere Behandlung als der der übrigen 
Hochschulen. Sie hatten im Mittelalter nicht bloss unvergleich- 
lich mehr Bedeutung als die späteren, sondern sie waren für 
deren Entstehung und Verfassimg geradezu eine nothwendige 
Voraussetzung. Dies ist der Grund, warum ich hier auch die 
Schule zu Paris, so weit nothwendig und in gedrängter Kürze, 
hereinziehen werde; ohnedem hebt sich Bologna nicht gehörig 
ab, und die übrigen Hochschulen sind zum grossen Theil und 
in mehrfacher Beziehung unverständlich. Die älteste Hochschule, 
jene von Salerno, bleibt hier ausgeschlossen, denn gerade zur 
Zeit ihrer höchsten Blüthe hat sie kaum einen Einfluss auf die 
Entstehung und Verfassung anderer Hochschulen ausgeübt; es 
lässt sich nicht einmal ein solcher auf die medicinische Schule zu 
Montpellier nachweisen. Die Schule zu Salerno findet eben des- 
halb ihre Behandlung mit den übrigen Hochschulen im 3. Ab- 
schnitte. 

Paris und Bologna haben in ihrer Entstehung einige gemein- 
same Factoren. Diese wollen wir zuerst ins Auge fassen, um 
dann auf die Verschiedenheiten überzugehen. 

1. Entwicklung der Schalen zu Paris und Bologna 

im Allgemeinen. 

Savigny schliesst dort, wo er die Entstehung der zwei 
ältesten Universitäten erörtert, jeden äussern Einfluss auf sie 
aus, und stellt sich die Sache also vor: 'Wenn ein Mann von 



1. Paris und Bologna im Allgemeinen. 41 

höherem Lehrtriebe erregt, eine Anzahl lernbegieriger Schüler 
um sich versammelt hatte, so entstand leicht eine Reihefolge von 
Lehrern, der Kreis der Zuhörer erweiterte sich, und so war ganz 
durch inneres Bedürfniss eine bleibende Schule gegründet. Später- 
hin, als das innere Leben abnahm, wurden ganze Universitäten 
durch freien Entschluss von Fürsten neu gestiftet. Aber, was 
damals auf diesem Wege entstand, war mit den aus innerem 
Trieb entstandenen Schulen nicht zu vergleichen' '). Diese ideale 
Anschauung ist der Hauptsache nach eine Modificierung eines 
Schleiermacherschen Gedankens, dem zufolge in dem Bedürfnisse 
der Wissenschaft auch das des wissenschaftlichen Vereines liegt. 
Der blosse Trieb nach Erkenntniss führe nothwendig auf Mit- 
theilung und Gemeinschaft aller Art, und alle öffentlichen An- 
stalten, welche dazu gehören, entständen aus freier Neigung. 
Erst in ihrer weiteren Ausbildung bedürften diese Anstalten des 
Staates, um von ihm geschützt und begünstigt zu werden '). Sa- 
vigny modificierte diesen Gedanken dahin, dass dies wohl in Be- 
zug auf die ersten Universitäten, nicht aber auf die spätem 
gelte *), und er ergänzte ihn noch überdies. Allein auch in Bezug 
auf die Ergänzung war Savigny nicht originell, sondern er ent- 
lehnte sie frei aus Meiners ^). 

Diese Ergänzung ist es, an welcher wir zuerst Kritik üben 
wollen, da sie bei den Forschem bis heute ihr Glück machte. 
Savigny, und theilweise schon Meiners, glaubten also, durch einen 
berühmten Lehrer, um den sich eine grosse Jüngerzahl sammle, 



1) Gesch. des B5m. Rechts. lU, 155. Diese Behauptong, die Savigny 
öfters widerholt, wurde fortwährend nachgeschrieben. Reines Plagiat ist die 
Darstellung bei Haatz-Reichlin, Gesch. d. Univ. Heidelberg I, 35. 

^) Gelegentliche Gedanken über üniTersit&ten in deutschem Sinn. 
Berlin 1808 S. 2 ff. 

9) In den Vermischten Schriften IV, 257. 259 aas den Heidelberger 
Jahrb. fOr Philologie. Jhg. I. 1808. 

^) Geschichte der hohen Schalen unseres Erdballs. Göttingen 1803. 
n, 208. — Auf die Ausföhrangen L. y. Steins (Die innere Verwaltang II. 2 
S. 201 ff. 205 ff.) einzugehen wird mir jeder erlassen, der dessen ungesundes 
Geistesprodact gelesen hat. üebrigens, so origineU er sich auch aasgeben 
nag, konnte er es doch nicht verbergen, dass er im Grande nur den oben 
aasgesprochenen Gedanken Savignys widerholt S. S. 206 f. 



42 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

entstände leicht eine gelehrte Nachkommenschaft, und schliesslich 
eine bleibende Schule*). Diese Ansicht hat insofern etwas Be- 
stechendes, als sie sich, weil auf der Oberfläche liegend, einem 
jeden von selbst beim ersten Nachdenken darbietet. Allein sie 
reicht als Erklärung nicht bloss nicht im entferntesten hin, son- 
dern sie ist mit den Thatsachen im Widerspruch. Dadurch allein, 
dass ein berühmter Lehrer eine Anzahl lernbegieriger Schüler 
um sich versammelt, entsteht keineswegs so leicht eine Beihefolge 
von Lehrern mit einem zahlreichen Schülerkreise, so dass dann 
das Endresultat eine bleibende Schule wäre. Ist kein anderer 
Factor im Spiele, so bildet sich höchstens eine vorübergehende 
Schule, die durch einige Zeit ihr Dasein fristet, aber nichts 
weniger als eine bleibende. Und gesetzt, es hätte sich eine blei- 
bende gebildet, ist diese schon identisch mit einem Generalstudium? 
Dass Savignys Erklärung ungenügend ist, dafür bietet die Ge- 
schichte Beispiele in Menge. Um die Mitte des 11. Jhs. war 
Lanfranc der berühmteste Lehrer Frankreichs. Durch ihn, meint 
Guitmund^), habe Gott die im Verfall gerathenen artes liberales 
wider hergestellt. Er war der Gründer der berühmten Schule 
im Kloster Bec, zu der, auch nachdem der hl. Anselm Vorsteher ge- 
worden war, zahlreiche Schüler aus allen Gegenden strömten'). Aber 
wie lange dauerte diese Schule? Einer der berühmtesten Schüler 
Lanfrancs war Anselm v. Laon. Er wurde der Mittelpunkt einer 
Schule der genannten Stadt, die ihn unter seinen Nachfolgern 
Radulf und Lodulf mehrere Jahre überlebte und eine Menge 
Schüler aller Nationen anzog *). Aber was ist aus dieser be- 



^) Noch mehr verallgemeinert wurde diese Behauptung 2. B. von Mon- 
tefredini, Le piü celebri universitä antiche e moderne. Torino 1883. Sa- 
yigny sagt wenigstens: 'es entstand leicht eine Reihefolge'. Nach Monte- 
fredini p. 5 war dies, wie sich aus dessen Redeweise ergiebt, jedes Mal der Fall. 

6) In Biblioth. max. Pat. XVIII, 441. 

7) Vita Lanfranci aact. Milone Crispino in AA. SS. Mai. VI, 834 n. 7. 
Ordericns Vital, bei Migne, Patr. lat. 188 p. 327. 

^) Rupert de Tay sagt, daäs sowohl zu ihm als zu Wilhelm y. Cham- 
peaux <de cunctis fere provinciis examina discipalorum festinabant'. In reg. 
8. Benedicti 1. 1. Opp. Venet. 1749. IV, 294. Damit stimmt das Epitaphium 
Marbods auf Anselm (bei Migne, Patrol. lat. 171 p. 1722). Weitere Belege 
folgen im 3. Bande. 



1. Paris und Bologna im Allgemeinen. 43 

rühmten Schule geworden ? Wohl den längsten Bestand hatte in 
jener Zeit die Schule zu Reims. Vom Erzbischof Fulco Ende des 
10. Jhs. hergestellt erhielt sie Remigius von Auxerre und Huc- 
bald von S. Amand zu ihren ersten Vorstehern % und wir finden 
die Schule noch anderthalb Jh. später in einer gewissen Blüthe 
dastehend*^). Aber in dem Masse als die Pariser Schulen an 
Glanz zunahmen, verblich der Ruhm der erstem, bis man end- 
lich kaum mehr von ihr sprach. Dies war auch das Schicksal 
der Schulen in Lüttich"), Tours"), Chartres'*) und so vieler 
anderer ^^), die alle einen schönen Anfang nahmen, um deren 
Gründer sich immer eine Anzahl lernbegieriger Schüler versam- 
melt hatte, welche Gründer sogar in einer Reihenfolge von Lehrern 
noch fortlebten; und doch hatten diese Schulen keinen bleibenden 
Bestand, sie giengen oft schon unter, ehe sie von den Schulen in 
Bologna und Paris erdrückt werden konnten. 

Und diese beiden Schulen selbst, wie sind sie entstanden? 
Ist es nur einem Zufall zuzuschreiben, dass die Reihefolge der 



9) Flodoardi Bist Rem. eccles. lib. 4 c. 9 in Mon. Germ. SS. XIII, 
574 und bei Migne^ PatroL lat. 135 p. 289. Ademari HiBtor. III, 5 in Mon. 
Oerm. lY, 119, wo gesagt wird, Heiricom Remigium et Ucbaldum caWum 
monachos haeredes philosophiae reliquit. 

^^) S. besonders die Vita Adelberti II. bei Ja£f6, Bibl. rer. germ. III, 
583 £ Dann ep. 815 Alexandri III. (geschrieben 1170—1172) Aber die 
Reimser Scholaren (Migne, Patr. lat. 200 p. 746). 

11) Darflber wird im 3. Bande aasfohrlicher die Rede sein. 

12) Das Zusammenströmen der Schüler aus aUen Weltgegenden zu der 
Schale Odos v. Orleans in Tours im 11. Jh. wird in ähnlicher Weise ge- 
schildert, wie ein halbes Jh. später von Foleo das Zusammenströmen zu 
Abaelards LehrstohL S. Abbates S. Martini Tomac. in D'Achery SpiciL^ 

II, 889. 

13) Die Schule von Ghartres, welche vorzüglich dem Bischof Falbert 
im 11. Jh. die Blüthe verdankte, stand noch in der Mitte des 12. Jhs. mit 
Rohm da. S. darüber Schaarschmidt, Joh. Saresberiensis , Leipzig 1862 
S. 73 ff. und Barach, Bemardi Silvestris De mundi universitate. Innsbruck 

1876 8. VIII ff. 

i**) S. L. Maitre, Les 6coles episcopales et monastiques de l'occident. 
Paris 1866. Bedarf dieses Werk auch in vielen einzelnen Punkten der Be- 
richtigaog and Erweiterung, so thut dies doch dem hier in Betracht kom- 
menden Gegenstand keinen Eintrag. 



44 U. Entstehung der ftltesten üni?enitftten. 

Lehrer nicht ins Stocken geriet, der Kreis der Zuhörer sich immer 
mehr erweiterte, und in Folge dessen eine bleibende Schule von 
selbst gegründet war? Nichts weniger als dies. Wir sehen viel- 
mehr, dass es in Bologna und Paris bis zu einem gewissen Zeit- 
punkte ebenso gieng wie überall. Seit dem 10. Jh. traten in Paris 
berühmte Lehrer auf, wie wir im 3. Bande sehen werden, und 
keinem einzigen von ihnen ist es gelungen eine bleibende Schule 
dort zu gründen. Diese datiert erst aus dem Anfange des 12. Jhs. 
Vor dieser Zeit waren fast alle übrigen Schulen Westeuropas 
glücklicher als die Pariser Schulen ''). Ebenso ist es sicher, dass 
bereits vor Imerius in Bologna theils Rechtskundige waren, theils 
der eine oder andere Rechtslehrer auftrat Odofred nennt na- 
mentlich einen Pepo"). Ja lange, ehe der Ruf der Schule 
von Bologna ein begründeter war, gab es in Italien an andern 
Orten Rechtsschulen, so in Pavia^'), Verona**), Nonantula *•), 
vorzüglich aber in Ravenna*®). Und doch wird mit dem Auftreten 



1^) Der 3. Band beschäftigt sich im 1. Theile ausschliesslich damit. 

1^) In Dig. vet IIb. 1. De jnstitia et jure Jw eivüe ert: Cum Studium 
esset destmctnm Romae, libri legales fnerunt deportati ad dvitatem Ravenne 
et de Ravenna ad civitatem istam (Bononiae): qnidam dominus Fepo cepit 
antoritate sna legere in legibus; tamen quicquid fuerit de scientia sna nul- 
lins nominis iüit; sed dominns Imerius etc. S. darQber auch Sarti, De claris 
Archigymn. Bonon. Frofess. I, 2 ff. 7. 13. 24. Savigny, Gesch. des Rom. 
Rechts lY, 6 ff. Del Vecchio, Di Imerio e della sua scuola. Pisa 1869 p. 13 f. 
Ficker, Forschnngen III, 133. Dass Pepos Thfttigkeit in das 11. Jh. falle, 
ist nunmehr erwiesen. — Rechtskundige sind für die Jahre 1067 und 1076 
sicher gestellt. S. Ficker a. a. 0. S. 136. 

17) S. Ficker a. a. 0. S. 44 ff. 

18) Ficker 8. 54 ff. 66 ff. 

id) Ficker S. 127 ff. Doch mnss hier bemerkt werden, dass in Bezug 
auf Nonantnla Ficker nur Rechtskundige, aber nicht eine Rechtsschule nach- 
zuweisen im Stande war. 

^) Sarti a. a. 0. S. 2. Savigny IV, 1 ff. Ficker S. 110 ff. Er bringt 
S. 112 ff. ausser dem stereotypen Nachweis aus Peter Damian nene Zeugnisse. — 
Für das Studium der Rechtswissenschaft in Italien im 11. Jh. zeugt auch 
Wippos Tetralogus, worin Heinrich III. der Rath gegeben wird, die Grossen 
anzuhalten ihre Söhne nach Italiens Sitte in die Schule zu schicken, damit 
sie Recht und Gesetze kennen lernten. S. Giesebrecht, De literarum studiis 
apud Italos. Berolini 1845, p. 19. 21. 



1. Paris and Bologna. Nene Methode. 45 

des Irnerios in Bologna die Sachlage verändert. Zwar knüpfen 
sich an seinen Namen nicht die Anfänge der Rechtsschule in 
Bologna, wie Savigny wilP^), aber die bleibende Rechtsschule, 
die zugleich jene von Ravenna, um von den übrigen zu schweigen, 
in Schatten stellte, und lange Zeit hindurch das Muster für die 
neuentstehenden Rechtsschulen inner- und ausserhalb Italien wurde, 
verdankt wohl nur Imerius ihren Ursprung"). 

Wie nun diese Thatsachen erklären? Es geht nicht mehr an 
zu sagen, bloss durch den Ruhm eines Lehrers imd durch die 
Lembegierde der Schüler seien bleibende Schulen entstanden. 
Es müssen hier vielmehr andere Factoren thätig gewesen sein. 

Neue Methode in der Doctrin. 

Um nicht fehl zu gehen, muss man hier zwischen dem ersten 
Aufblühen dieser Schulen imd der bleibenden Blüthe derselben 
unterscheiden. Paris und Bologna nahmen deshalb vor allen 
übrigen Schulen fast um dieselbe Zeit (Anf. des 12. Jhs.) einen 
so imgeahnten fast plötzlichen Aufschwung, weil allein dort 
gerade damals ein bestimmter Wissenszweig in einer «neuen^ den 
-•Bedürf hissen* der'Zeit »entsprechenden -aber « den -Zeitgenossen 4)iS9 
her -nicht =^odereungenügends.bekannten Methode von einem oder 
mehreren Lehrern behandelt und dadurch eine neue Aera der 
wissenschaftlichen Forschung eingeleitet wurde. Diese neue Me- 
thode besass die Zugkraft fllr Lehrer und Schüler verschiedener 
Länder, welch letztere oft halb Europa durchwandert hatten zu dem 
Zwecke, um sich einem ihnen zusagenden Lehrer anzuschliessen "). 



^) 'Als hier durch den Ruhm eines Lehrers and durch die Lembegierde 
der SchOler eine Rechtsschale entstand', Savigny III, 168. Mit Recht ge- 
nügt Ficker a. a. 0. S. 148 diese Erkl&rang nicht. 

^J Allerdings meint Ficker 8. 144, der Ruf der Schale von Bologna 
mOsse schon vor Irnerios ein fester begründeter gewesen sein; die Anf&nge 
der Bologneser Schale seien mehr in den longobardischen Gr&nzgegenden 
(er meint die eben aafgezfthlten Bechtsschulen) als in Bologna selbst zu 
soeben. Letzteres ist aoch meine Ansicht; ersteres wftre aber za beweisen. 
Fftr des Irnerios epochemachende Bedeotong sprechen die alten Zeugnisse, 
wie Ficker lelbst nicht umhin kann einzorftomen. 

^) Aoch hierüber wird der 8. Band Aufschloss geben. Savigny selbst 
gesteht dies III, 155 mit Anwendong auf Paris ond Bologna zo. 



48 n. Entstehong der ältesten Universitäten. 

als selbständige Disciplin entwickelte'^). Dass Bologna schon 
damals eine ziemliche Anzahl von Professoren besass, muss man 
aus einem Schreiben Alexanders in. vom J. 1159 schliessen'^). 

Dadurch, dass die neue Methode auch in andern Schulen 
Eingang fand, wurden die Grundlagen der Mutterschule nur immer 
stärker. Der Ruhm der letztern stieg indem er verbreitet wurde, 
und man beeilte sich umsomehr die Mutterschule aufzusuchen. 

Privilegien. 

Bald traten noch weitere Factoren hinzu, die der Blüthe 
dieser Schulen die Zukunft sicherten. Es waren einmal die Pri- 
vilegien. Savigny meint, Gunst und Ungunst der mächtigsten 
Herrscher jener Zeit hätten auf die Blüthe der Schulen wenig Ein- 
fluss gehabt ''). Ich kann diese Auffassung nur als ganz irrig 
ansehen, weil sie mit den Thatsachen selbst im Widerspruche 
ist. Sie beruht auf einer zu idealen Anschauung des Mittelalters, 
als hätten sich dort die gelehrten Schulen nicht allein von 
innen heraus entwickelt, sondern auch. Dank diesem innem Lebens- 
principe, ohne jede äussere Hilfe erhalten. Man bedachte nicht, 
dass gerade die mittelalterliche Hochschule mit der an ihr exis- 
tierenden freien selbständigen Körperschaft mehr des Schutzes 
durch Privilegien bedurfte, als die spätem vom Staate abhängigen 
Schulen. Weit entfernt, dass die Privilegien auf die Blüthe der 
Schulen wenig Einfluss ausgeübt haben, waren sie gerade mit 
die Grundlage für dieselben und förderten wesentlich die Freiheit 
des Unterrichts, sowohl des Lehrens als des Lernens. Auch hier 
treten die geschichtlichen Thatsachen beweisend ein. 

Von selbst werden wir zuerst auf das Privileg Friedrichs I., 
die sogenannte Authentica Habiia^ geführt. Man nennt es nicht 



^) S. daza Maassen, Pancapalea S. 7. 

s^) Es ist gerichtet ad Gerardum episcopum, canonicos et legis doc- 
tores caeterosque magistros Bononiae commorantes. Migne, Patrol. lat. 
tom. 200 ep. 2 p. 73. Der Papst, selbst früher als Rolandos Lehrer in Bo- 
logna, zeigt darin seine Wahl an. Dass viele Legisten von Imerius an bis zum 
Ende des 12. Jhs. sich in Bologna aufhielten, erhellt auch ans den verschie- 
denen Arbeiten über einzelne Theile des G. J. C, welche Savigny im 4. Bd. 
der Geschichte des Rom. Rechts ans jener Zeit nachweist 

3«) A. a. 0. S. 89. 



1. Paris and Bologna. PriTilegien. 49 

selten das erste Universitätsprivileg. Allein mit Unrecht. Da- 
mals als es erlassen wurde, gab es noch nicht Universitäten, d. h. 
Corporationen an Schulen, es gab nur Schulen. Es ist eines der 
wichtigsten Privilegien für dieselben, und wurde später allerdings 
ein Universitätsprivileg. Aber für welche Schulen wurde das Pri- 
vileg gegeben? Fast allgemein behauptete man, es sei nur der 
Schule in Bologna ertheilt worden"). Diese Ansicht scheint 
durch ein jüngst aufgefundenes historisches Gedicht auf Friedrich!, 
von einem Zeitgenossen verfasst^^), eine Stütze zu erhalten. Es 
wird nämlich darin erzählt, dass, als der Kaiser um Pfingsten 
1155 vor Bologna lagerte, nebst den Bürgern auch die Doctoren 
und Scholaren der Stadt hinauszogen um den Kaiser zu sehen. 
Dieser erkundigte sich, warum sie Bologna zum Studienorte ge- 
wählt hätten, und wie sie von den Bürgern behandelt würden. 
Ein Doctor antwortete auf die letztere Frage, dass sie im Ganzen 
zufrieden seien, nur müssten sie Klage erheben, dass die Bürger 
Schulden der Nachbarn von ihnen zurückforderten. Diese verkehrte 
Art möge er bessern, damit die Studierenden hier sicher sein 
könnten. Friedrich verkündete dann, nachdem er die Fürsten 
der Reihe nach um Rath gefragt hatte, das Gesetz, womit er die 
Studenten sowohl beim Kommen, als beim Verweilen und Zurück- 
kehren, in seinen Schutz nahm. 

Hätten wir es hier wirklich mit einer historischen Thatsache 
zu thun, dann würde das Privileg nicht bloss der Schule zu Bo- 
logna das Entstehen zu verdanken haben, sondern es wäre ge- 
radezu für dieselbe erlassen worden. Als historische Thatsache 



^) Savigny III, 168 f. Ihm schrieben es nach Coppi, Le universitä 
italiane, p. 75, Stobbe, Gesch. der dentschen RechtsqueUen I, 616; Laschin 
a. a. 0. S.9], Stein a. a. 0. S.257; Montefredini a. a. 0. S. 10 f., der übri- 
gens ans der ganzen Anth. nur die bei Savigny S. 170 angefahrten 3 Zeilen 
kennt, in der Meinung, sie seien Me parole del privilegio agli studenti'; 
Muther, Zur Gesch. d. Rechtswissenschaft S. 257 Anm. 1. 

^) Herausgegeben von Giesebrecht nach Cod. Ottob. 1463 in den 
Sitsungsber. d. bair. Akad. d. Wissensch. Pbil.-hist. Klasse 1879. Bd. U, 
285 1 Vgl. auch Giesebrecht, Gesch. der deutschen Eaiserzeit V, 1 S. 51 ff. 
Bezeichnend genug hat ausser Winkelmann (in seiner akadem. Rede, Ueber 
die ersten Staats-Uniyersit&ten. Heidelberg 1880 S. 7) sonst jeder, soviel 
ich sehe, das Gedicht übersehen. 

Dtnifl«, Die Unireniaien L 4 



50 n. Entstehung der Utesten Universit&ten. 

nehmen Giesebrecht ") und Winkelmann ^^) obige Erzählmig hin, 
und ersterer sieht in derselben eine sehr wichtige Bereicherung 
unserer historischen Litteratur und schreibt ihr eine grosse Be- 
deutung für die Geschichte des juristischen Studiums und des 
gesammten Universitätswesens zu'^). Nun, letzteres ist völlig 
übertrieben selbst im Falle, dass hier historische Thatsachen vor- 
ägen. Zudem hätte Giesebrecht wissen sollen, dass es sich zur 
Zeit Friedrichs I. noch nicht um 'Universitätswesen' handelte. 
Aber wie steht es mit dem Factum? Giesebrecht, und ihm folgend 
Winkelmann, nehmen an, das Privileg sei in der That 1155 für 
Bologna ertheilt, November 1158 auf dem Reichstag zu Roncalia 
aber in erweiterter Gestalt und für alle Schulen verallgemeinert 
aufs neue verbrieft und in Form eines Reichsgesetzes, der soge- 
nannten Authentica Habita ^ erlassen und auf Friedrichs Befehl 
in das Corpus J. C. aufgenommen worden'®). Sie konnten eben 
nicht läugnen, dass der Wortlaut der Auth., wie sie im Corpus 
juris civ. steht, keineswegs für Bologna allein, das ja gar nicht 
einmal genannt wird, spricht, sondern für alle Schulen. Und 
doch geht aus obiger Erzählung hervor, dass das Privileg nur 
füi' Bologna ertheilt wurde *'). Zweifelsohne müsste also im Ge- 



»5) S. a. a. 0. 8. 287. 

^) Ueber die ersten Staats -Universitäten S. 7 f. 

37) Auch Winkelmann meint, dass die Stelle yerschiedene Seiten des 
studentischen Lebens damaliger Zeit berühre. Allein ich finde nichts darin, 
was man nicht bisher auch sonst gewusst hätte, als den Passus 'Nocte die 
studiis intenta mente vacamus^ der in ähnlicher Weise noch einmal wider- 
holt wird. Aber gerade dies ist eine höchst unglaubwürdige Seite des stu- 
dentischen Lebens, wie sich aus der Geschichte Bolognas ergibt. 

3^) Cod. Ke filius pro patre (4, 13). Der Text in den gedruckten Aus- 
gaben, auch in dem von Pertz nach der Wienerhs. 2094 besorgtem Drucke 
in den Mon. Germ. Leges II, 114 ist sehr fehlerhaft. Am weitesten weicht 
von demselben die, soweit nach meiner Forschung ich schliessen kann, älteste 
Recension im Cod. Vat 1427 Bl. 68a ab. Der Text des Cod. gehört dem 
12. Jh. an, die Auth. aber, welche im 3. Buche des Cod. auf einem leeren 
Blatte steht, der 1. Hälfte des 13. Jhs. Andere Recensionen, von den 
Drucken und der erwähnten Hs. verschieden, aber dem Drucke sich mehr 
nähernd bieten Cod. 34 A im Archiv zu St. Peter aus dem 13. Jh. (im Texte 
von 4, 13), und die S. 52 Annu 42 citierten Hss. 

3^) Der Doctor sagt ja zum Kaiser: 



1. Paris und Bologna. PriTilegien. 51 

setze vom J. 1155 die Schule von Bologna genannt sein, was 
auch Giesebrecht nicht bestreiten wird. Nun ist es aber höchst 
auffallend, dass die Rechtslehrer Bolognas bei Anführung oder 
Erklärung des kaiserl. Privilegs kein anderes, früheres kennen, 
als das im Corpus J. C. enthaltene, d. h. 1158 für alle Schulen 
ertheilte. Dazu kommt noch, dass, waren die Rechtslehrer Bo- 
lognas im Wahne, ein Privileg sei Bologna ganz im besondem 
verliehen worden, sie nicht ermangeln dies zu erwähnen und da- 
rauf aufmerksam zu machen. Seit Joh. Bassianus und Azo be- 
riefen sie sich z. B. auf das vermeintliche Privileg eine Rechts- 
schule besitzen zu dürfen, da K. Theodosius die Stadt gegründet 
habe, wie dies in der Legende der hh. Ambrosius und Petronius 
erwähnt werde, unter ausdrücklicher Bemerkung, dass mithin die 
Lehrer zu Reggio und Modena nicht das vom Rom. Recht den 
in königl. Städten Lehrenden gewährte Privileg besitzen *°). Zu- 



perversum corrige morem 

Lege taa liceat tatos hie esse legentes. 
Unmittelbar daran schliesst sich: 

Tnnc rex principibas consaltis ordine canctis 

Legem promnlgat que sit tutela legentam. 
Dass dies aUes vor und ftlr Bologna geschah, beweisen noch die letzten 
Verse: 

In de rogat cives ut honorent urbe scolares 

Hospita iara dolis seryent illesa remotis. 

Fostqae dies paucos reparatis viribus inde 

Gastra movens ductor Tuscorum visitat nrbes. 
Den oft widerkehrenden Ausdruck 'legentes' erklärt Oiesebrecht dahin, dass 
er die Studierenden d. h. die Scholaren, nicht die Doctoren bedeute. Aber 
wie beweist er dies? 

^) Auf Joh. und Azo beruft sich ausdrücklich Odofred ad 1. 7 Dig. 
de excus. tut. (27. 1), und sagt dann: igitur doctores qui docent ultra Aposam 
(s. darüber Sarti I, 94) non debent habere immunitatem . . . Scholares volue- 
nmt quod dominus Azo legeret in platea s. Stephani, dicebant enim, Bononia 
est regia civitas, ut innuitur in legenda S. Ambrosii et S. Petronii, et Bononia 
est ab Aposa citra. Unde dicebant ipsi: si nos docemus in regia civitate, 
debemus habere immunitatem, si citra Aposam; si ultra, non .... non qui 
docent Begii vel Mutinae, imo est una proditio. Aehnlich, wenngleich kürzer, 
Accnrs, und er nimmt ad 1. c. ebenfalls Reggio und Modena zu Gunsten Bo- 
lognas ans. 

4* 



52 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

dem sagen andere Rechtslehrer des 13. Jhs., die Auth. Habila 
gelte für alle Schüler, an welche Orte sie auch giengen**). Dass 
nun ein für Bologna so wichtiges Document, wie die erste Aus- 
fertigung der Auth., das der Kaiser der Erzählung nach ja nur 
auf Bitten der Lehrer und Schüler hin ausgestellt hatte und 
diese gerade in der nächsten Zeit wie nur irgend etwas im 
höchsten Grade interessieren musste, sobald in Verlust gerathen 
sein, und die Erinnerung an das Document und die nähern Um- 
stände bei Ausfertigung desselben sich nur beim Verfasser jenes 
Gedichtes erhalten haben soll, ist bei näherer Betrachtung kaum 
anzunehmen. 

Da drängt sich vielmehr die begründete Vermuthung auf, 
der Verfasser habe durch jenes Zwiegespräch zwischen Kaiser 
und Studierenden nur die Entstehung der Authent. Habiia erklären 
wollen. Er kannte diese und wusste dass sie in Bologna, dessen 
Schule allein damals einen Ruhm in Italien besass, in Anwendung 
war. Er glaubte nun, sie habe auch der dortigen Schule ihr 
Entstehen zu verdanken. Der Aufenthalt des Kaisers vor Bologna 
1155 bot ihm den Anhaltspunkt die Entstehung des Gesetzes zu 
erklären, und er konnte um so sicherer ein früheres Jahr wählen 
als die alten Recensionen der Auth. keine Datierung haben ^^), und 



^^) Hier sei bes. Heinrich de Segosio erwähnt, welcher in seiner Summa 
super tit. Decret. (Hs. zu Barcelona, Uniyersitätsbibl, Cod. 112G im Archiv 
zu St. Peter), De Magistris, sagt: In summa notandum omnes scolares ad 
quencunque locum veniant causa addiscendi, hoc imperiali privilegio gaudere. 

^^) So im ältesten aller 25 Godd., die ich eingesehen habe, nämlich im 
Cod. Yat. 1427. Dann im Cod. Vindobon. 2094 (Mon. Germ. Leg. II, 114), 
13—14. Jh.; Cod. 34 A im Archiv zu St. Peter, 13. Jh.; Cod. Burghes. 224, 
13. Jh.; Codd. Vat. 1428 (13. Jh.); 1429 (14. Jh.); 1430 (14. Jh.); Codd. 
Vat. Palat. 761. 763. 758 (aUe aus 13. Jh.); 757. 759. 760 (14. Jh.). Cod. 
Vat Reg. 1120 (14. Jh.). In den Codd. der Yatic. aus 13. Jh. ist die Auth. 
durchweg am Rande. Die Auth. steht femer ohne Datum in den Codd. 
Paris. 14347 (13. Jh., am Rande), 4519 Bl. 72a (13. Jh. am Rande), 4521 
und 4521 A (14. Jh. am Rande), 4521 B (ebenso), 4522 (14. Jh. am Rande), 
4523 (13. Jh. am Rande mit der Ueberschrift: Imperator Fredericus regni 
sni fidelibus). 14342 und 16912 (14. Jh.). Im Cod. Paris. 14347 ist dabei 
Bl. 90b die Ueberschrift: In novellis constitutionibus Federici imperatoria 
In den Codd. lat. Monac. 22 (auf einem besonders eingehefteten Zettel des 



1. Paris and Bologna. Pri?ilegien. 53 

einzelne wie Cod. Vat. 1427 nur die Ueberschrift tragen: Consti- 
tutio Friderici consilio procerum promulgata. Dieses Consilium 
fand dem Verfasser zufolge vor Bologna statt, die Unterredung 
bildet dazu die Staffage. Dass der Verfasser selbst kein anderes 
Gesetz als das 1158 auf dem Reichstag zu Roncalia promulgierte 
kenne, beweist er selbst, indem der Inhalt des seinigen ebenso 
allgemein ist als der der Auth.*'), während er doch seinen Worten 
und der ganzen Erzählung zufolge nur für Bologna passen müsste. 
Wenn Giesebrecht meint, der Kaiser selbst scheine in der Auth. 
hinzuweisen, dass ihm Klagen der Scholaren über die Haftung 
fQr Schulden ihrer Landsleute schon früher zu Ohren gekommen 
seien: quod aliquando ex perversa consuetudine fieri audivimus, 
so möchte ich vorerst fragen, ob denn 'aliquando' auf 'audivimus' 
zu beziehen sei? Nach Odofreds Umschreibung ist aliquando 
örtlich zu nehmen"). Und dann versteht sich von selbst, dass 
Friedrich Klagen zu Ohren gekommen sein werden, denn ein Grund 
zur Erlassung des Gesetzes musste vorliegen. Aber damit ist 
noch nichts für obige Erzählung erwiesen. Giesebrecht beruft 
sich auch darauf, dass die Auth. Sacramenta puberum, gleich 
der Auth. Habita 1158 erlassen, ebenfalls einige Jahre früher, 
vielleicht 1155, existierte, wie man nach alten Rechtslehrem 
schliessen müsse^^). Allein, dieses Beispiel dient nur zur Erhärtung 
meiner Bedenken. Die Rechtslehrer des 13. Jhs. wussten genau 
die nähern Umstände, bei welcher Gelegenheit die Auth. Sacra- 



13. Jhs.) and 14010 (am Rande) fehlt ebenfalls die Datierung. Codd. 1501. 
3880. 3884. 13013 besitzen die Glosse ohne die Auth. 

^) Legem promolgat qae sit tatela legentam, 

Scilicet nt nemo Stadium exercere Yolentes 
Impediat stantes nee euntes nee redeantes, 
Nee pro vicino qui nullo jure tenetur 
Solvere cogatur, quod non debere probatur. 
Hot darch seine eigenen Worte, die der Verf. diesem Gesetze nachschickt und 
dnrch die Worte, die er dem Doctor in den Mond legt, erhält das Gesetz 
Beziehung aaf Bologna. S. oben Anm. 39. 

^) In Aath.: non obstante aüqua contraria et peryersa consaetadine, 
quam audivimus quod (in) quibusdam locis habet locum, nach Cod. Paris. 
4561 Bl. 209 b. 

4S) Sarigny IV, 186. 



54 11- Entstehang der ältesten Universit&ten. 

menta pab. erlassen wurde, anzugeben; zwei bezeichnen sogar 
den Ort, wo dies geschehen sei"). Nur über die Auth. Habita 
referieren sie einfach, wohl weil sie ebenso wie manche andere 
Gesetze nur zu Roncalia entstanden ist^^). 

Ich bin weit entfernt die Möglichkeit des vom Bergomasken 
Erzählten zu bestreiten; meine Auseinandersetzung zielt nur da- 
hin darzuthun, dass die Bedenken gegen die Erzählung noch weit 
grösser sind als die Möglichkeit, und es angezeigter ist die Erzählung 
vorderhand mit Misstrauen aufzunehmen. Ein historisches Factum 
kann ich bis jetzt noch nicht darin erblicken. 

Eines beweist jedoch die Erzählung immerhin, dass nämlich 
Friedrichs Privileg zuerst für Bologna in Anspruch genommen 
ward, wenngleich es nicht ausdrücklich für die dortige Schule 
sondern für alle Schulen (Italiens), zu denen Studierende ziehen, 
ertheilt wurde "). Und in dieser Beziehung spricht die Erzählung 
durchaus gegen Savignys Aufstellung. Denn wenn Gunst oder 



^) N&mlich Guizzardinus und h6ch8t wahrscheinlich auch Hugolinus 
(s. Savigny S. 188). Sie bezeichnen Reni insula als den Ort. 

^7) Da gerade die altem Hss. der Auth. Hdbita keine Datierung ent- 
halten, könnte sich der Zweifel aufdrängen, ob denn dieselbe wirklich auf 
dem Reichstag zu Roncalia erlassen und das Datum nicht erst später 
zugefQgt worden sei. Allein folgende Erwägungen, die ich Prof. Ficker in 
Innsbruck verdanke, machen die Entstehung zu Roncalia wahrscheinlich. In 
der sicher zu Roncalia erlassenen Gonstitutio de feudis, Fend. II, 55, heisst 
es: Habito consilio episcoporum, ducum, marchionum, comitum, simul etiam 
palatinorum iudicum et aliorum procerum hac edictali lege perpetuo valitura 
sancimus etc. Fast dieselben Ausdrücke finden sich an zwei Stellen der 
Auth. J9a^*to wider. Das ist sicher keine zufällige Uebereinstimmung. Denn 
insbesondere die Aufführung der Judices und Proceres entspricht dem son- 
stigen Kanzleistil nicht. In Feud. II, 55 ist die Fassung dadurch veranlasst, 
dass die ähnliche Fassung in der Gonstitutio Lothars von 1136, Feud. U, 
52, sichtlich massgebend war. In der Auth. Habita ist die auffallende Auf- 
führung wohl nur daraus zu erklären, dass jene gleichzeitig mit der Gonsti- 
tutio de feudis entstand und dass die Fassung dieser auf sie einwirkte. 

^^) So heisst es: omnibus qui causa studiorum peregrinantur scolaribus 
. . . ut ad loca, in qua veniunt, inhabitant et studia exerccnt, tam ipsi quam 
eorum nuntii securi sint So God. Yat. 1427. — God. 34 A im Archiv zu S. Peter: 
ut ad loca in quibus literarum exercentur studia tam ipsi quam nuntii eorum 
veniant et habitent cum eis secure. Im Drucke: ... et in eis secnre ha- 
bitent. 



1. Paris and Bologna. Privilegien. 55 

Ungunst auf die Blüthe der Schulen wenig Einfluss auszuüben 
im Stande waren, warum griff Bologna dann so schnell nach dem 
kaiserl. Privileg*')? 

Dasselbe ist zu wichtig, als dass wir es nicht näher betrachten 
sollten. Der Grimdgedanke des Privilegs ist, dass diejenigen, 
welche zu einer Studienanstalt behufs ihrer wissenschaftlichen 
Ausbildung reisen, in den kaiserlichen Schutz genommen werden. 
Unbehelligt sollen sie reisen und an dem Ziele ihrer Beise sich 
aufhalten können. Wer ihnen ein Unrecht zufüge oder sie wegen 
Vergehen ihrer Landsleute schädigen wolle, habe schwere Strafe 
zu gewärtigen. Im Falle sie verklagt würden, sollten sie die 
Wahl haben entweder vor ihren Professoren oder vor dem Bi- 
schöfe der Stadt gerichtet zu werden *°). 

Vorerst werfen wir die Frage auf, wem denn eigentlich das 
Privileg zu gute kam, den Professoren oder den Schülern? Und 



^^) Es gehört mit zu den Guriosit&ten in der Gesch. der Entstehung 
und Entwickelung der höh. Schul, unseres Erdtheiles v. Meiners, wenn der 
Verf. II, 54 schreibt, die Auth. habe man mit einem so tiefen StiUschweigen 
übergangen, als wenn sie nie existiert hätte. 

^) Im Cod. Yat. 1427 hcisst es: ... huius rei optione data scolaribus, 
ut coram domino aut magistro suo vel civitatis episcopo secundum hanc 
iarisdictionen conueniant. Im Cod. 34 A des Archivs zu S. Peter: . . . eos 
coram domino vel magistro suo vel ipsius civitatis episcopo quibus hanc iu- 
risdictionem dedimus conveniat. Der Schlussatz ist in beiden gleich und 
entschieden der unverständlichen übrigens ziemlich alten Leseart des Druckes 
vorzuziehen. Es muss heissen: Qui vero ad alium iudicem trahere eos 
temptaverit, a causa, etiamsi iustissima fuerit, pro tali conamine cadat. — 
Auch Hostiensis, Summa super tit. Decret. De Magistris, liest also. Dass 
die Scholares auch die Stadtobrigkeit wählen konnten ist klar. Schon Ac- 
curs, ColL 9 tit. 15. G. 21 § 2 (vgl. Savigny III, 177 Anm. 6) und Odofred 
in Auth. sagen dies, und vor ihnen Damasus: Bononie habent scolares (jn- 
dices) episcopum, magistrum et potestatem, et habent potestatem eligendi 
ex illis quem voluerint, et si consentiant in unum illorum ante litem con- 
testatam, non poterunt resilire. Questiones II, De judiciu im Cod. 14320 
Bl. 177 b der Nationalbibl. zu Paris (Bei Schulte, Sitzungsber. der phil. bist. 
Cl. der kais. Akad. LXVI, 149 ist ein ganz miss verstanden er Text mitge- 
theiit). Bolandinus sagt aber im Tractatus notularum (Cod. Paris. 13688 
BL 121): Scolaris qui Bononie moratur subiectus est de iure communi iudici 
Bononiensi . . • sed per Privilegium potest declinare et dicere, quod velit 
coiam suo doctore convenirL 



56 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

wenn letztern, ob den Schülern der Rechtswissenschaft, oder ohne 
Unterschied allen Schülern? Savigny meint, die juristischen Pro- 
fessoren würden nicht bloss rühmlich erwähnt, sondern gerade 
für die berühmten Professoren von Bologna sei das Privileg ge- 
geben worden**). Er hat die Stelle im Auge: 'omnibus, qui 
causa Studiorum peregrinantur , scolaribus et maxime divinanim 
atque sacrarum legum professoribus' "). Allein, wo ist denn hier 
von den berühmten Professoren zu Bologna die Rede? Dies ist 
so wenig der Fall, dass Accurs und ihm folgend Jac. Butrigarius 
das 'maxime' sammt dem ganzen Begriff zu den Scholaren her- 
überziehen, behauptend, das Privileg sei vorzüglich den Rechts- 
schülern ertheilt worden, wenngleich auch andern Schülern"). 
Einige haben die Worte 'divinarum atque sacr. legum professores' 
geradezu auf die Schüler angewendet"). In der That legen die 
älteren Glossatoren der Authentica Hahiia das Privileg nur für 
die Scholares aus"). Erst Baldus lässt es auch von den Pro- 
fessoren gelten*'). Man könnte allerdings dagegen einwenden, 
dass in demselben von jenen die Rede ist, 'quorum scientia mundus 
illuminatur' etc., eine Phrase die weniger für die Schüler passt. 



w) L. c. S. 169. 

^^) Sayigny wurde wohl auf obige Ansicht geführt, weil auf dem Reichs- 
tage zu Roncalia die vier Rechtslehrer aus Bologna: Bulgarus, Martinns, 
Jacob und Hugo zugegen waren. Otto Morena, Bist. rer. Landen, bei Mu- 
ratori, Rer. ital. SS. VI, 1016 f. 

53) Beide in Cod. ad Auth. Habita, acolaribtu. 

^) So verstehe ich wenigstens Cinus in Cod. 3, 13 Pbrtniguum, wenn 
er die Ansicht einiger 'moderni' anfahrt, denen zufolge die Scholares einen 
Judex erwählen könnten, <quia exercent professionem, ut in Auth. Eabita* 
(Cod. Vat. 2592). Nun kann aber in der ganzen Auth. nur die oben citierte 
Phrase hieher bezogen werden. Bartolo spricht ähnlich wie Cinus ad 1. c. 

^^) So Accurs, Odofred, Guido de Suzaria (Cod. Paris. 4489 Bl. 47 a), 
Jac. Butrigarius ad Auth. Um so sonderbarer ist es, wenn häufig, und 
neuestens von Giesebrecht, Geschichte der deutschen Eaiserzeit V, 1 S. 181 
Anm., gesagt wird, unter den Scholaren seien auch die Professoren mit ein- 
begriffen, 'wie ausdrücklich hervorgehoben wird'. 

^) Privilegia huius Auth. conceduntur etiam professoribus, id est ma- 
gistris sive doctoribus . . . lam ergo non est dubium, quod doctores forenses 
habent Privilegium huius authentice etc. Doch stellt er diese Ansicht nur als 
Meinung hin unter Berufung auf Nicolaus Matarello an der Wende des 13. Jhs. 



1. Paris und Bologna. Privilegien. 57 

Allein in unmittelbarer Verbindung mit ihr folgen die Worte: 
quis enim eorum*') non misereatur, qui*') amore scientie facti 
sunt exules, eine Stelle, die in der älteren Zeit nur auf die 
Scholares ausgelegt wurde**). Und so besagen auch die früheren 
Worte nichts anderes, als dass die Schüler an jenen Studienan- 
stalten, zu denen sie reisen, zu Männern gebildet werden, durch 
deren Wissenschaft die ganze Welt erleuchtet wird, ganz in Ueber- 
einstimmung mit Justinians Gonst. Omnem^ die doch für die Auth. 
Habita die Grundlage war, in der für die Schüler ein derartiger 
Unterricht gefordert wird, 'ut ex hoc optimi atque eruditissimi 
efficiantur, quatenus fiant optimi justitiae et reipublicae mini- 
stri'«^). 

Dasselbe erhellt auch aus dem ganzen Zusammenhange der 
Authentica. Trotzdem der Kaiser im Anfange auch von den 
Professoren spricht, so nimmt er doch in der Folge namentlich 
nur die Scholaren in Schutz. Am deutlichsten zeigt sich dies an 
der Stelle, wo er ihnen das Privileg der Wahl des Gerichts- 
standes ertheilt Hier wird der letzte Halt für die Behauptung, 
als habe Friedrich unter den Scholaren vielleicht auch die Ma- 
gistri verstanden, genommen, denn dieselben Scholaren, von 
denen früher die Rede war, werden hier ausdrücklich von den 
Domini und Magistri unterschieden. Savigny selbst ist gezwungen 
etwas später zu bekennen, das Privileg sei eigentlich nur den 
Schülern zu Theil geworden ^O« 

Welchen Zweck hat aber dann im Anfange der Auth. die 
ehrenvolle Erwähnung der 'divinarum atque sacrarum legum pro- 
fessores*? Sie werden dort geradezu 'maxime' berücksichtigt. 
Ziehen wir aus dem ganzen Zusammenhange der Authentica auf 
diese Stelle einen Schluss, so ergibt sich, dass die Professoren 
der Rechtswissenschaft eigentlich nur um der Scholaren willen 
erwähnt werden, was, wenngleich mit andern Worten, auch Accurs 



<^7) Cod. Yat. 1427 fehlt eonm. 

^) Ibid. cum statt ^t. 

») So z. B. von Odofred ad Auth. HabUa. 

60) Praef. und § 11. 

«) A. a. 0. S. 170. 



58 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

und Jac. Butrigarius sagen, wie wir gesehen haben. Da ge- 
rade die Professoren der Rechtswissenschaft an jenem Orte, wo 
von den Scholaren, qui causa studiorum ad loca, in quibus lite- 
rarum exercentur studia, peregrinantur , die Bede ist, genannt 
werden, so ergibt sich, dass Friedrich das Privilegium, wenngleich 
allen Schülern"), so doch vorzüglich jenen der Rechtswissenschaft 
ertheilen wollte. Zu einem ähnlichen Schlüsse werden wir durch 
die Stelle, wo von der Wahl des Gerichtsstandes gesprochen 
wird, gedrängt. Bereits in der angezogenen Constitution Omnem 
Justinians erhalten vorzüglich die Professoren der Rechtswissen- 
schaft nebst dem Bischöfe die Gerichtsbarkeit So**) verhält es 
sich auch in Friedrichs Authentica. Die Phrase: ut (scolares) 
coram domino vel magistro suo . . . conveniat, bezieht sich zuerst 
auf die Lehrer der Rechts>vissenschaft (dominus), wie bereits 
Odofred sagt^^), und auch Savigny richtig gesehen hat^'), und 
dann auf die Lehrer der anderen Wissenschaften"). Gilt dies 
in Bezug auf die Professoren, so auch in Bezug auf die Scho- 
laren, denn der Schüler musste seinen Lehrer wählen, d. h. den 
Lehrer jener Wissenschaft, welche er studierte. Den Schülern der 
Rechtswissenschaft kam also das Privileg in erster Linie zu gute. 
Und dass dem also war, dafür zeugt die Geschichte der Schule 
Bolognas. 



^>) So macht auch Accors zu 'peregrinantur ßcolarilnu^ die Glosse: 
cuinslibet facultatis. Cod. 34 A im Archiv von S. Peter. 

^) Schon Accnrs (Cod. 34 A im Archiv zu S. Peter) und die Interlinear- 
glosse im Cod. Yat 1427 bringen beide Constitutionen in Bezug auf diesen 
Funkt in Verbindung. 

M) In Dig. vet. Const 1. lUud vero. 

«*) A. a. 0. S. 171. 

^) Bereits Accurs setzt zu domino legum hinzu, zu magistro alterius 
£ftcultati8. Cod. 34 A im Archiv zu S. Peter. Aehnlich die Interlinearglosse 
im Cod. Yat 1427. Es geht nicht an mit Savigny zu sagen, 'vel magistro 
suo' sei um der Deutlichkeit willen zu 'domino' gesetzt worden. Geradezu 
absurd ist Steins Behauptung (1. c. S. 247), dominus bedeute soviel als Haus- 
herr, d. h. dominus im eigenen Hause! Der professores werde nicht er- 
w&hnt. Solche Sonderbarkeiten beddrfen keiner Widerlegung. Uebrigens 
erklärt Accurs 1. c. das Wort dominus: qui alias preceptor appellatnr . . . 
alias magister. 



1. Paris und Bologna. Privilegien. 59 

Dass dieses Privileg Friedrichs wesentlich zur Blüthe Bo- 
lognas beitrug, bedarf keines Beweises, denn direct oder indirect 
nehmen dies fast alle an. Ja man überschätzt sogar die Bedeutung 
desselben. Eine Ueberschätzung muss ich es nennen, wenn man 
behauptet, durch jenes Privileg sei die Rechtsschule von Bologna 
zu einer staatlich anerkannten Corporation, zu einer 'universitas 
personarum' erhoben worden*'); 'und noch immer zu hoch gehalten 
wird es, wenn man meint, es habe mit c. 3 Decret. 5, 5 das 
Recht der entstehenden Universitäten begründet*®). Indessen 
solche Aeusserungen beweisen die zu Tage liegende Wichtigkeit 
dieses Privilegiums für die Schulen, resp. für Bologna, und die 
Unrichtigkeit der Behauptung, Gunst oder Ungunst der mächtig- 
sten Herrscher hätten wenig Einfluss auf die Blüthe der Schulen 
ausgeübt *•). 

Friedrichs Privileg erhielt die grösste Bedeutung dadurch, 
dass es sei es unmittelbar oder mittelbar die Grundlage wurde 
für die Privilegienbriefe, welche die Kaiser und Landesherren den 
Universitäten gaben. Durch alle Privilegienbriefe zieht sich die 
eine Bestimmung hindurch, dass die Studierenden beim Reisen 
und während des Aufenthaltes unbehelligt sein und in den kaiser- 
lichen oder landesherrlichen Schutz genommen werden sollen. 
Selbst die Städte Italiens haben diesen Punkt für ihre kleinen 



^7) Luschin a. a. 0. S. 91. Dies ist eine ziemlich verbreitete Ansicht. 

^) Stein a. a. 0. S. 248. 

69) Aach der andere Theil der Behauptung, die Ungunst der mächtig- 
sten Herrscher hätte wenig Einfluss gehabt, ist nicht minder unrichtig. 
Sayigny citiert namentlich die von Friedrich IL 1226 verfügte Aufhebung 
der Schule zu Bologna, die ohne Erfolg gewesen sei. S. 89 u. 178. Allein 
warum bemühte sich dann Honorius III. so angelegentlich, dass Friedrich II. 
'specialiter constitutionem factam de studio et studentibusBononie' zurück- 
nehme? So 5. Januar 1227 an die Lombarden (Mon. Germ, bist Epist. 
Baec. XIIL I^ 247), und in dem von ihm ausgehenden Entwurf der vom 
Kaiser zu vollziehenden Friedensurkunden (bei Winkelmann, Acta Imperii 
inedita p. 263 f.), welche Worte dann Friedrich auch gebrauchte. Bei Huill- 
Bir^h. II, 712. Uebrigens gebe ich zu, dass die Ungunst des Kaisers weit 
weniger schadete, als seine Gunst nützte, weil die Schule im ersten Falle 
immerhin in einem noch mächtigeren Herrscher, nämlich im Papste, einen 
Beschützer fand. 



gO II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Republiken nie umgangen. Die Grundlage hierfür bildete die 
Auth. Habiia, die bereits im Keime das später nie fehlende Pri- 
vileg enthielt, dass die Scholaren von den Abgaben befreit sein 
sollten. Die Authentica gieng in diesen Grundzügen zuerst in 
den Stiftbrief Friedrichs II. für Neapel, und dann, zumeist durch 
diesen, in andere Stiftbriefe über. Ein Unterschied ist nur 
darin zu bemerken , dass , während Friedrichs I. Privileg den 
Scholaren und zwar vorzugsweise jenen der Rechtswissenschaft 
galt, in den Stiftbriefen das Privileg anfanglich auf alle Studie- 
rende, später auf alle Universitätsangehörige ausgedehnt wurde. 
Vielfach wurde die Auth. auch die Grundlage für die Wahl des 
Gerichtsstandes durch die Scholaren. 

Die Schulen von Paris waren schon frühzeitig im Genüsse 
von Privilegien. Als der erste König, welcher solche ertheilte, 
wird Ludwig Vn. genannt ^°). Leider hat sich kein Actenstück 
erhalten. Ein solches existiert aber von seinem Sohne und Nach- 
folger Philipp August V. J. 1200. Da dieses Privileg sowie die 
übrigen Privilegien später Gegenstand der Untersuchung sein 
werden, so kann ich sie hier füglich übergehen^" •). Dass diese Pri- 
vilegien zum Glänze der Schule viel beigetragen haben, sagt uns 
der Chronist Wilhelm Aremoricus ad an. 1209. Er meint der 
grosse Zudrang zu den Schulen in Paris sei nicht bloss auf 
Rechnung der Bequemlichkeit des Ortes zu setzen, 'sed etiam 
j^ropter libertatem et specialem praerogativam defensionis, quam 
Philippus rex et pater ejus ante ipsum ipsis scolaribus impen- 
debant'"). Und wie in Bologna, so finden wir auch in Paris eine 
eifersüchtige Hochhaltung der Privilegien, deren Verletzung nur 



70) Dies sagt Wilhelm Aremoricas , der es wohl wissen konnte, in der 
Fortsetzung der Gesta Philippi Augusti. S. Anm. 71. 

70») S. das Privileg Philipp August nach dem Originale von mir heraus- 
gegeben in den M^moires de la 80ci6t6 de Thistoire de Paris X, 247. Vgl. 
auch Du Boulay III, 2. 

71) Gesta Philippi Augusti in BecueU des historiens des Gaules XYII, 
83. So sagt auch Philipp der Schöne in Bezug auf Orleans 1312: ceterum, 
ut doctores, magistri et scolares libentius ad Studium ipsum declinent et 
tanto ferventius ibidem studentes proficiant, quanto plus honorari se sentiant, 
illud privilegiis, beneficiis et libertatibus munientes etc. 



1. Paris und Bologna. Privilegien. gl 

zu oft die Schliessung der Vorlesungen, ja selbst die Auswande- 
rung aus der Stadt zur Folge hatte. Wären, um nur 6in Bei- 
spiel zu nennen, 1229 bis 1231 der Universität Paris nicht ihre 
alten Rechte, die sie vom Könige und von den Päpsten besass, 
unverkürzt zurückgegeben worden, sie hätte aufgehört zu exi- 
stieren, wie Gregor IX. deutlich genug ausspricht"), trotzdem 
dass sie sich so glanzvoll entwickelt hatte und so blühend bisher 
dagestanden war. Darum ermahnt derselbe Papst zwei Jahre 
später den König, er möge das Privileg des Philipp August den 
Scholaren erneuern und auf dessen Beobachtung dringen, damit 
das Studium 4n statum pristinum reformetur'^'). Wie noth wendig 
zum Bestände einer Schule die Privilegien, die sich ja keine 
Schule oder Universität selbst geben konnte, waren, beweist 
der sich seit der ersten Hälfte des 13. Jhs. ausbildende Usus, 
Conservatoren der Privilegien jener Schulen aufzustellen. 

Savignys Ansicht kann ich mir nur daraus erklären, dass er 
zwischen Schule und Schule nicht gehörig schied. Auf die geistige 
Schule, wenn ich so sagen darf, nämlich auf die Entwicklung und Fort- 
pflanzung der Ideen hatte allerdings die Gunst oder Ungunst der 
höhern Autorität keinen directen Einfluss^*). Aber für die Schule, 
an der diese Ideen entwickelt und fortgepflanzt wurden, besonders 
aber für den Bestand dieser Schule, bildeten die Privilegien jener 
Autorität, mit der man rechnen musste, fast noch festere Grund- 
pfeiler als die Organisation derselben. Baute sich doch diese 
zum grossen Theile auf jenen auf. Daher die Erscheinung, dass 
die Professoren oder Schüler einer Schule, in den Besitz von Pri- 
vilegien einmal gelangt, oft viel zäher an denselben hiengen, und 
zwar selbst jenen gegenüber, von denen sie dieselben empfangen 



") Im Schreiben an den Bischof v. Paris vom 23. Nov. 1229. Reg. Vat. 
HL 3 ep. 88 Bl. 144 a, nach einer Abschrift nunmehr ediert von Yalois, 
GniUaiime d'Aüvergne, p. 343 n. 18. Aehnlich lauten die Schreiben an die 
Bischöfe von Le Maus und Senlis und den Archidiacon von Chalons (Reg. 
Tat. an. 3 ep. 89), sowie an den KOnig und seine Mutter (ibid. ep. 95. Du 

BooL III, 135). 

73) Reg. Vat. an. 5 ep. 34 Bl. 81a. Du Boul. III, 143. 

W) Theilweise spricht auch Savigny a. a. 0. 8. 89 von dieser Schule, 
springt aber alsbald auf den andern Begriff der Schule über. 



62 IT- Entstehung der ältesten Universitäten. 

hatten, als an manchen Punkten der Verfassung. Hatte einmal 
eine Schule Privilegien erhalten, so sahen Professoren und Schüler 
den Genuss derselben als ein unveräusserliches Recht an^^). In- 
sofern kamen die Privilegien gewiss auch der geistigen Schule 
zu gute. 



So entwickelten sich die Schulen zu Paris und Bologna aller- 
dings spontan und von innen heraus; allein blühende und 
bleibende Schulen wurden sie nicht ohne die neue Methode in 
der Doctrin an denselben und ohne die Privilegien. Und doch 
waren diese zwei Factoren allein noch nicht genügend um die 
Schulen vor baldigem Verfalle zu schützen. Es musste noch ein 
dritter Factor hinzutreten, der gerade für diese zwei Schulen von 
epochemachender Bedeutung war, der sie zu dem machte was 
sie waren, die Universität zu Paris und die Universität von 
Bologna. 

Bis in die 2. Hälfte des 12. Jhs. hatten alle grossem Schulen 
mehr oder weniger dasselbe äussere Gepräge. Unterschieden sich 
auch Paris und Bologna durch die zwei eben genannten Factoren 
von den übrigen Schulen und besassen auch beide eine grössere 
Anzahl von Lehrern und Schülern, so bildeten doch weder hier 
noch dort Lehrer und Schüler ein moralisches und juridisches 
Ganze, sie hatten sich noch nicht zu Genossenschaften vereinigt. 
Bis dieser Moment eintrat, verstrich in Paris und Bologna, selbst 
nachdem beide Schulen die unbestrittene Hegemonie über alle 
übrigen erhalten hatten, eine geraume Zeit. Der Grund davon 
ist einleuchtend. Einmal bezeichnet überhaupt erst die 2. Hälfte 



7*'^) Joh. Eone zu Leipzig sagte im J. 1445 in öffentlicher Versammlung, 
in die Privilegien und Freiheiten der Universität habe sich kein König und 
kein Kanzler einzumischen. Bei Zamcke, Die orkundl. Quellen zur Gesch. 
der Univ. Leipzig. Abh. der k. sächs. Gesellsch. d. Wissensch. III, 723. 
Gerade als hätte sich die Universität selbst die Privilegien und Freiheiten 
ausgestellt! Der Ausspruch ist nur im obigen Sinne richtig. Es führt zu Miss- 
verständnissen, solche Stellen ohne Erklärung zum Erweise der Freiheit der 
mittelalterl. Universitäten anzuführen. 



1. Paris nnd Bologna. PriYflegien. 63 

des 12. Jhs. den Zeitpunkt, in dem das Genossenschaftswesen 
überall einen neuen Aufschwung nahm. Und dann mangelte spe- 
ciell in diesem Falle ein Vorbild fttr Genossenschaften an Schulen ^*'). 
Erst eine Zeit mit veränderten Verhältnissen konnte auch an den 
Schulen das Bedürfhiss nach Vereinigung zu Genossenschaften 
wecken, diese konnten sich daher nur spontan und nach und 
nach entwickeln. Die Vorbedingungen hiefür existierten aber 
damals bloss in Paris und Bologna, denn wohl nur sie besassen 
neben einer grossen Schülerzahl verschiedener Nationen eine 
hinreichende Anzahl von Lehrern. 

Man kann sowohl in Bezug auf Paris als auch auf Bologna von 
der Entstehung, oder wenn man lieber sagen will, Gründung der 
Hochschule nicht sprechen, ohne den Entwicklungsgang der Cor- 
porationen darzulegen. Das, was wir Universität Paris oder 
Hochschule von Bologna nennen, sind nicht die Schulen vor der 
Bildung der Corporationen an denselben, sondern die Schulen 
von jenem Momente ab , wo der Bildungsprocess von Genossen- 
schaften vor sich gegangen war. Erst die Genossenschaften 
drückten diesen Schulen ein bleibendes Siegel auf, sie sind ein 
wesentlicher Factor im Entwicklungsgange dieser zwei Schulen. 
Dies ist der Grund, warum ich hier die Bildung der Corpora- 
tionen an den Schulen zu Paris und Bologna darstellen muss. 
Paris und Bologna gehen hier weit auseinander; nur wenige 
gemeinsame Factoren lassen sich noch unterscheiden. 



7^) Nar dnrch gänzliches Missverstelien des Briefes Oozechins (bei Ma- 
billon, Yet. Anal. Paris. 1723 p. 439) konnte Laferriäre aus demselben eine 
den spfttem Qeneralstndien nicht ganz unähnliche Organisation der Lütticher 
Schule im 11. Jh. herauslesen. S^ances et travanx de Tacad^mie des sciences 
mor. et polit. XXV (Paris 1855) p. 10 f. 



64 n. Entstehung der ältesten üniversit&ten. 

2. Die Bildung der Ctorporationen an der Hoolisoliule 

zu Paris. 
In Bezug auf die Bildung und das Wesen der Universität 
zu Paris hat sich ein grosser folgenschwerer Irrthum seit mehr 
denn zwei Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag fortgepflanzt. 
Seit Du Boulay, dem theilweise Belforest vorausgieng, nahm man 
an, die Universität Paris als Corporation sei aus einer Vereinigung 
der sogenannten vier Nationen hervorgegangen, diese zusammen 
hätten eine Gesammtgenossenschaft, die Universität, gebildet. 
Die Nationen hätten aus den Scholaren und Professoren bestanden; 
Facultäten habe es noch nicht gegeben. An der Spitze der 
Gesammtgenossenschaft oder der Universität sei der Rector 
gewesen, dem die Procuratoren der vier Nationen als Vertreter 
ihrer Landsleute, als Consiliarii zur Seite waren. Seit der Mitte 
des 13. Jhs. habe sich dies alles geändert. In Folge des Aus- 
ganges der lange Zeit hindurch währenden Streitigkeiten der 
Universität mit den Bettelmönchen, welche Lehrstellen an der 
Hochschule beanspruchten und erhielten, seien zuerst sämmtliche 
Doctoren der Theologie, zu denen eben auch die Professoren aus 
den Bettelorden gehörten, aus den Nationen ausgetreten, und 
hätten ein besonderes CoUegium, nämlich die theologische Fa- 
cultät gebildet; ihrem Beispiele seien die Lehrer des canonischen 
Rechts, und später auch jene der Medicin gefolgt. Seit dieser 
Zeit, sagte man, habe die Universität aus sieben ungleichartigen 
Theilen bestanden, den drei eben genannten Facultäten, von 
denen jede ihren Decan besass, und den vier Nationen. Diese 
letztern wären die alte Universität gewesen und sie hätten den 
Namen der Universität geführt. Die vier Nationen seien im Be- 
sitze des Rectorats und der Gerichtsbarkeit geblieben, zu ihnen 
hätten auch die Scholaren der 3 Facultäten gehört, denn nur 
die Doctoren bildeten die Facultäten der Theologie, des Jus und 
der Medicin. Diese Metamorphose habe die Universität c. 1260 
begonnen"). 

77) Die wahre Quelle für obige Behauptungen war weniger Pasquier 
in seinen Recherches de la France, 1. 9, da er im eh. 6 den eigentlichen 
Fragepunkt gar nicht kennt, obwohl er eh. 9 auf die Facultäten eingeht, von 
denen er nur 2 annimmt, sondern Da Boulay, bes. III, 349 f. 562 ff., und 



2. Bildung der Corporationen an der Hochschule cn Paris. 65 

Diese Behauptungen sind im Wesen total irrig; nur da und 
dort ist ein Körnchen Wahrheit zu finden. Vor allem mögen 
die Leser überzeugt sein, dass ein Document oder ein gleichzeitiger 
Bericht darüber, dass 1259 — 1260 oder etwas später eine Um- 
wandlung in Bezug auf die Organisation der Universität statt- 
gefunden habe, absolut nicht existiert. Alle meine Recherchen 
im Universitätsarchiv an der Sorbonne, in der Arsenal- und Ma- 
dessen Copist Crevier I, 466 f. Der Canal in neuerer Zeit , durch den diese 
Behauptungen weiter geleitet wurden, war für Deutschland ausser Meiners I, 
81 ff. fast ausschliesslich Savigny, Gesch. des Rom. Rechts III, 349 ff. Sa- 
Tigny f&llte S. 338 ein hartes Urtheil Aber Du Boulay; er fand dessen 
Werk 'ohne Kritik'. Um so auffälliger ist es, dass er dem Du Boulay 
ausser der Fabel über den Ursprung der Hochschule fast alles nachschreibt. 
Ebenso verh&lt es sich mit Huber, Die engl. Universitäten I» 30 f. 40 ff. 44 ff. 
In Deutschland wurde keine andere Ansicht vertreten. Neue Canäle haben 
sich wie es scheint inMaurer's Geschichte der Städteverfassung in Deutsch- 
land (II, 288 ff.) und in Sybels Hist. Ztsch. 1881 S. 254 f. eröffnet, die aber 
nor das alte Wasser fortleiten. Die Einleitungen zu der Geschichte ein- 
seiner Universitäten in Deutschland bieten keine andern Ansichten. Es lohnt 
lieh nicht der Mühe sie aufzuzählen. In Italien begnügte man sich Savigny 
SU übersetzen. In Spanien sprach so weit mir bekannt nur Zäratc, De la 
instmccion publica en Espaila II, 177 f. etwas ausführlicher darüber, aber 
lediglich wie Du Boulay. Die Engländer besassen zunächst nur Newman, The 
Office and work of univcrsities (London 1856) und die Uebersetzung von 
Hubers Werk. In Frankreich arbeitete man besser a^ anderswo. Der anonyme 
Autor der Origo vera, auf den ich alsbald zu sprechen komme, bekämpfte 
glücklich Du Boulays System, das jedoch Tillemont in seiner Yie de S. Louis 
(par Gaulle. Paris 1851) VI, 217 wider auffrischte. In neuester Zeit wich 
Thnrot, De l'organisation de l'enseignement dans l'universit^ de Paris (Paris 1850 
p. 3 ff. 13 ff.) von Du Boulay ab , ohne ihn gerade zu bekämpfen und die 
Schwierigkeiten zu lösen. Doch gelang es ihm nicht sich vollständig von 
Du Boulay zu emancipieren (s. p. 18). Aus gelegentlichen Bemerkungen, die 
Jourdain in den Noten zu seinem Index chronologicus macht, schliessc ich, 
dass auch er von Du Boulay, wenigstens in Bezug auf die Stellung des 
Bectors in der Universität, abweiche. Andere Autoren, wie Dubarle, La- 
ferridre, Halmagrand, Dezmas u. a. giengen allerdings den bequemern be- 
tretenen Weg. Vor Du Boulay urtheilte theilweise richtiger Goulet, der in 
der (höchst seltenen) Schrift Compendium recenter editum de multiplici pa- 
risiensis universitatis magnificentia etc. (Parisiis 1516) Bl. 1 den Ursprung 
zwar anf Karl den Grossen zurückführt, Bl. 3 b die 'arcium facultas omnium 
aliamm basis, mater et nutrix' nennt, allein doch Bl. 2b die Zusammen- 
setzung aas den yier Facultäten als die ursprüngliche ansieht. 

Denifle, Di« UniTenitiien L 5 



66 n. Entstehung der ältesten UniversiUlten. 

Zarinbibliothek, an den Archives nationales, wo doch so viele 
Originalien, darunter nicht wenige Inedita, welche Jourdain nicht 
kannte^®), liegen, an der Nationalbibliothek zu Paris, im British 
Museum, im Vaticanischen Archiv blieben fruchtlos. Und auch 
Du Boulay konnte keine Docuraente beibringen; die er citiert, 
handeln von etwas ganz anderm. Das erste das er anführt, eine 
Bulle Alexanders IV. vom 5. April 1259^^), ist gegen jene 
Magister und Scholaren gerichtet, welche wegen der Angelegenheit 
Wilhelms von S. Amour sich von den Religiösen trennen und 
diese von ihrer Gemeinschaft ausschliessen wollten. Wäre diese 
Absicht nicht vereitelt worden, so hätte nicht die von Du Boulay 
ausgedachte Organisation Platz gegriffen, sondern die Auf- 
lösung der Universität, was die Magistri einige Jahre vorher, 
wie sich weiter unten ergeben wird, oifen anstrebten. Davon, 
dass zuerst die Theologen, dann die Canonisten und Mediciuer 
aus den Nationen ausgetreten seien, findet sich nirgends eine 
Spur; es handelt sich vielmehr immer nur darum, dass gewisse 
Magistri, besonders jene der Artistenfacultät'*^), keine Gemein- 
schaft mit den Mendicanten haben wollten. Dank der mächtigen 
Stütze in Alexander IV. hatten diese Anschläge für die Mendi- 
canten keine üblen Folgen. Unter demselben Datum schrieb der 
Papst dem Bischof von Paris, er möge in Gegenwart der Magi- 
stri alle seine bisherigen auf das Studium in Paris bezüglichen 
Actenstücke vorlesen und die Magistri aufmerksam machen, 
welchen Strafen sie sich aussetzten, namentlich, wenn sie irgend 
eine Trennung anstrebten, ^cum intelligamus et velimus intelligi 
huiusmodi separationem, quocunque nomine appelletur et quavis 
arte vel ingenio fiat, contra ordinationem , sententias, statuta et 
litteras nostras fieri et temerc attemptari' "). Die Franciscaner 
von Paris ermahnt er 24. Juni desselben Jahres, 'ut essent intre- 
pidi et ferventer in pace conservanda atque studio, seque sua 

7^) Im Index chronologicus chartarum pertinentium ad historiam uni- 
versitatis Paris. Parisiis 1862. 
7») III, 348. 

80) S. ibid. p. 351 f. 

81) Im Nationalarchiv zu Paris. L. 253 n. 244. Von mir ediert in 
den Mömoircs de l'histoirc de Paris X, 2G3 f. 



2. Pari?. Bilduog der üniTersität und der Faeultäten. 67 

scripta dirigere contra turbatores pacis et studii eorundem' "). 
Andere Bullen, die auf dasselbe hinzielten, kannte bereits Du 
Boulay. So wird es begreiflich, warum 1260 in Paris wider alles 
ruhig war. 

Das andere Document, worauf sich Du Boulay beruft, sein 
eigentliches Steckenpferd, worin der Rector et universitas magi- 
strorum et scholarium den Dominicanern den Platz anweisen ^^), 
gehört nicht in diese Zeit, sondern über ein Jahrhundert später 
in die Epoche, als die Universität wegen des Dominicaners Jo- 
hannes de Montesono verhandelte. Die Jahrzahl 1259 wurde von 
Du Boulay eigenmächtig hinzugesetzt, wie bereits der anonyme 
Autor der Origo vera, ein Zeitgenosse Du Boulays, nachwies"). 

Ich trete nun den Nachweis an, dass obige Behauptungen auf 
ähnlichem Irrthume und gedankenlosen Schlüssen beruhen. Was 
sich hier nur kurz ausführen lässt, erhält im 3. Bande seine weitere 
Begründung. 

a. Bildung der Universität und der Facnltäten. 

Den wahren Sachverhalt über diese Frage erhalten wir aus 
nicht wenigen gleichzeitigen Quellen. Vor allem bietet sich uns 
die Littera Universitatis magistrorum et scholarium Parisius stu- 
dentium vom J. 1254 dar. Es heisst darin, dass sich die ^sa- 



^ Registriert im Repertoriam seu inventarium eorum quae in bullis 
sammorum pontificum in fayorem totius Ordinis et potissimnm hujus conventus 
(Parisiensia) concessis continentar. Nationalarchiv zu Paris L. 941 n. 1. Die 
Bolle selbst konnte ich nirgends auffinden. Sie begann: Qnantum sitanobis 
pro qoiete vestnu Anagnie 8. Kai. Jal. an. 5. 

^3) Bei Da Boulay p. 356. Jourdain, Index chron. n. 183. Ich kann 
mich nicht enthalten hier ein interessantes Beispiel anzuführen zum Erweise, 
wie oberflächlich Manche arbeiten. L. Stein, der Nationalöconom, macht 
aus obigem Beschlüsse der Universität an drei SteUen seines Werkes (Die 
innere Yerwaltong L c. S. 278. 279. 282) 'ein päpstliches Breve vom J. 1259', 
und an den beiden letzten Stellen schreibt er es Alezander III. zu! 

^) Der Titel heisst: Universitatis Parisiensis ejusque facultatum qua- 
tnor origo vera. Der anonyme Autor ist ganz gegen Du Boulay, den er mit 
Recht Tabulator' nennt, gerichtet. Zwei Hss. existieren: Nationalbibl. 9943 und 
Univers. bibL in Paris Ms. U. I. 1. Ich eitlere nach letzterer Hs. Obiger 
Nachweis findet sich p. 726 ff. Auch Jourdain n. 183 liess sich durch Da 
Boolay yerfohren. 

5* 



68 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

pientiae fons' zu Paris 'in quatuor facultates vid. theologiam, 
jurisperitiam, medicinam, necnon rationalem, naturalem, moralem 
philosophiam quasi in quatuor paradisi flumina' theile. Die Pro- 
fessoren dieser Facultäten, die wegen der wachsenden Schülerzabl 
vermehrt werden mussten, *ut liberius et tranquillius vacare pos- 
sent studio litterali, si quodam essent juris speciali vinculo so- 
ciati, corpus coUegii sive universitatis cum multis privilegiis et 
indultis ab utroque principe sunt adepti'®*). Die Universität 
gieng also ihrem eigenen Geständnisse zufolge aus der Vereini- 
gung der Magistri der vier Disciplinen (facultatum) hervor. Von 
einer Vereinigung der Nationen, oder davon, dass diese die Uni- 
versität gebildet hätten, spricht die Littera nicht. 

Dieser Bericht wirft ein helles Licht auf andere Thatsachen 
in der Geschichte der Universität Paris, die widerum umgekehrt 
jenen erhärten. Aus obigem Berichte ergibt sich nämlich, dass 
den eigentlichen Grundstock der Pariser Universität die Pro- 
fessoren der verschiedenen Disciplinen bildeten, dass das ursprüng- 
liche Bildungselement der Universität das Gonsortium magistrorum 
war. Es gewährt Interesse, dass uns die Universität gerade in 
dieser Gestalt am frtlhesten entgegen tritt. Thomas Walsingham 
einzahlt im Leben des 2L Abtes von S. Alban Johann L (1195 — 
1214): Hie in juventute scolarum parisiensium frequentator as- 
siduus ad electorum consortium magistrorum meruit attingere ^^). 
Dass zu diesem Consortium die Magistri aller Facultäten ge- 
hörten, erfahren wir aus einem Schreiben Innocenz lU. v. J. 1209 
an die Professoren der Theologie, Decretorum et liberalium ar- 
tium, worin er ihnen befiehlt, einen Magister artium, den sie 
^beneficio societatis eorum in magistralibus' beraubt und dem 
sie verboten hatten sich in Zukunft 'universitati magistrorum' zu 
widersetzen, widerum 'communioni magistrorum' zu restituieren 
und zum 'consortium in magistralibus' zuzulassen"). Solche 
Stellen bedürfen keiner weitem Erklärung. Von nun an begegnen 

8Ä) Nach Cod. Vat. Reg. 406 (14. Jh.) Bl. 50 b. Du Boulay III, 255. 

^) Oesta abbatum monasterii S. Albani ed. Riley, I, 217. 

97) Bei Du Boulay III, 60 f. Wir kommen weiter unten auf dieses 
Schreiben noch zu sprechen. Haber, Die engl Univers. I, 42 Anm., hat 
dasselbe gar nicht verstanden. 



2. Paris. Bildaog der ümyerBität und der Facoltäten. 69 

wir in den päpstlichen Schreiben Honorius UI., Innocenz IV. und 
Alexanders IV. oft den Bezeichnungen *universitas doctorum', 
'magistrorura coUegium', 'magistrorum consortium' etc. Albert 
der Grosse aber sagt von sich: 'Dico igitur quod me existente 
Venetiis cum essem juvenis . . . post autem longo tempore cum 
essem Parisius de numero doctorum et grege' etc."). 

Man denke nun aber ja nicht, dass dieses Consortium ma- 
gistrorum dem Doctoren-Gollegium zu Bologna oder an manchen 
andern italienischen Universitäten ähnlich war, an denen eben das 
Collegium doctorum ausserhalb und gegenüber der eigentlichen Uni- 
versität entstand, so dass sich auch in Paris das genannte Collegium 
nur der eigentlichen Universität, den vier Nationen, gegenüber ge- 
bildet hätte. Abgesehen davon, dass selbst in diesem Falle die 
gegentheilige Ansicht unhaltbar wäre, indem sich auch daraus er- 
geben würde, dass die Professoren nicht innerhalb der Nationen waren, 
so erweist sich eine solche Annahme als irrig. Hätte sich nämlich 
das Collegium gegenüber den vier Nationen gebildet, so würden 
die Magistri der Artisten nie zu demselben gehört haben, da 
sie, wie sich ergeben wird, zugleich den vier Nationen beigezählt 
waren. Das Collegium doctorum ist vielmehr der eigentliche 
Grundstock der Universität Paris, nicht aber die vier Nationen. 

Aber in welcher Weise war dieses Collegium zusammenge- 
setzt? Bildeten die vier Facultäten als Körperschaften und 
Vereine der Magistri der vier Disciplinen die Elemente desselben, 
oder nur die Magistri der verschiedenen Schulen, die zugleich 
die Vertreter der vier Disciplinen waren? Wer die erste Frage 
bejaht, müsste zugestehen, dass bereits beim Entstehen der Uni- 
versität die vier Facultäten bestanden hätten, was den geschicht- 
lichen Thatsachen vollends widerspricht. Die Bildungselemente 
der Universität waren ursprünglich nur die Magistri der ver- 
schiedenen Schulen, oder wenn man will, die Magistri von vier 
Disciplinen; die Facultäten als solche bildeten sich erst später. 
Aber auch die Behauptung Du Boulays und besonders Hubers, 
bis ungefähr 1231 habe zwischen den einzelnen Disciplinen, be- 



^) De mineralibus 1. 2 tr. 3 c. 1 nach Cod. Amplon. in 4. n. 273 Bi. 71a 
(13. Jh.). 



70 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

sonders den theologischen und artistischen, keine bestimmte 
Gränze stattgefunden, beruht auf Irrthum. Die weitere Ent- 
wicklung gehört in den 3. Bd. ; hier werde ich nur kurz darlegen, 
wie die Facultäten entstanden sind. 

Die eigentliche Universität bildeten die Doctoren der vier 
Disciplinen, wie uns die Universität selbst sagt. Es ist nun 
nicht weniger natürlich, dass sich innerhalb der Universität die 
Lehrer einer gemeinsamen Disciplin unter sich vereinigten, als 
dass im fremden Lande die Landsleute sich zusämmenthaten und 
Genossenschaften bildeten. Und gerade der Umstand, dass die 
Magistri der vier Disciplinen unter einander verbunden waren, 
musste umsomehr zur Facultätenbildung hindrängen. Die Ar- 
tisten hatten sowohl für sich als für ihre Schüler ganz andere 
Interessen und Bedürfnisse, als die Theologen, und diese andere 
als die Artisten und Juristen u. s. w. Nichts war natürlicher, 
als dass sich die Magistri einer gemeinsamen Disciplin nach und 
nach vereinigten, um die Angelegenheiten, die sie und ihre Schüler 
gleichmässig betrafen, gemeinsam zu regeln. Interessant ist nun, 
dass bereits im J. 1213 die Magistri der vier Disciplinen ihre 
Rechte bei Promotionen der Candidaten dem Kanzler gegenüber 
geltend machten, und zwar die Theologen in anderer Weise als 
die Artisten u. s. w. "). Die Promotionsfrage war in Paris der 
erste Schritt zur Facultätenbildung. Zwei Jahre darauf machte 
der päpstliche Legat Robert de Cour^on für die Artisten in Paris 
eigene Statuten, die verschieden von jenen von ihm für den 
'Status theologorum' aufgestellten waren '*^). Natürlich geschieht 
keine Erwähnung von den Nationen. Nun beachte man aber, 
dass die Artisten eigene Statuten hatten und sich nicht nach 

^^) Bei Joardain, Index chronol. n. 15. 

^) UniTersitätsarchiv zu Paris Ms. th. VIT. Original mit Siegel an 
Seidenschnur. Ein schlechter Abdruck bei Du Boulay III, 81 f. Gleich 
im Beginne befindet sich ein crasser Druckfehler: Nullus legat Parisius de 
artibus citra 12. aetatis suae annum. Den genialen Eirchenhistoriker Kurtz 
beschlich auch nicht ein Zweifel an der Richtigkeit dieser Leseart, und er 
ruft aus: *Also zwölfjährige Docenten der Philosophie! Die Worte lauten 
so klar und bestimmt, dass eine andere Deutung nicht möglich ist'. Baltische 
Monatsschrift 1. c. S. 111 Anm. Schade, dass das Original sagt: . .. citra 
vicesimum primum etatis sue annum. 



2. Paris. Bfldang der Universität and der Facultäten. 71 

jenen der Theologen richten, und umgekehrt die Theo- 
logen die ihrigen besassen, und nicht jene der Artisten befolgen 
durften. Eines muss hier jeder zugeben, dass nämlich bereits 
in jener Zeit innerhalb der Universität die Magistri je nach ihrer 
gemeinsamen Disciplin unter einander durch dieselben Statuten 
verbunden und gegenüber den Magistern einer andern Disciplin 
abgegränzt waren. Ist das nicht der Anfang zur Facultäten- 
bildung ? 

In jene Zeit fällt nun für Paris die Gewohnheit den Ausdruck 
'facultas' im Sinne einer gemeinsamen scientia oder Disciplin 
anzuwenden'*^). Zuerst finde ich ihn in dieser Bedeutung von 
Honorius III. am 18. Februar 1219 gebraucht in einem Schreiben 
an die Scholaren von Paris, in dem er unter anderm sagt, der 
Scholar, der einmal examiniert worden sei und die Licenz er- 
halten habe, könne 4ibere in ea de qua licentiam obtinuit regere 
facultate' *^). Im selben Jahre am 3. Mai erscheint er widerum 
in einem päpstlichen Schreiben: 4n omni facultate Parisius silet 
vox doctrine"^). Auf eine bestimmte Wissenschaft wurde er 
22. Nov. desselben Jahres in der Bulle Super specula bezogen: 
docentes vero in theologica facultate "0- Und nunmehr erscheint 
er durchgehends so. Am 1. April 1222 wurde er in diesem Sinne 
widerholt schon von der Universität selbst gebraucht®*). Allein im 
Jahre 1255 trifft sich der Ausdruck bereits in einer neuen Bedeutung. 
Die Artisten sagen: Nos . . . magistri artium . . . propter novum 



9^) Ich sage 'für Paris', denn vereinzelt kommt die Anwendung obigen 
Ausdruckes in der genannten Bedeutung schon früher vor, z. B. bei Peter 
Bles. ep. 93 p. 292 (Migne Patrol. lat. tom. 207). Bisher war man gewohnt 
auf Heumann, Praet ad Goring. Antiqu. acad. p. XIV zu verweisen. Allein 
damit ist wenig gedient. Ausser dem Citate aus Peter Bles. ist dort nichts 
zu gebrauchen. Die Stelle aus Friedrich I. ist vou Friedrich IL, die Beru- 
fung auf Innocenz IV. führt irre, da schon seit mehr denn 20 Jahren der 
Ausdruck in obiger Bedeutung in Anwendung war. Und darüber, wann die 
Bezeichnung im Sinne von Collegium zuerst gebraucht wurde, findet man bei 
Henmann gar keine Anfühlung. 

i») Keg. Tat. an. 3 ep. 308 Bl. 64 b. 

»») Ibid. ep. 445. Du Boulay III, 94. 

^) Reg. Vat. an. 4 ep. 610 Bl. 143 a. 

95) Bei Du Boulay p. 106. 



72 II' Entstehung der ältesten Universitäten. 

et inestimabile periculum quod in facultate nostra imminebat'^). 
Im Jänner 1259 schreiben sie aber: Considerantes, nostram facul- 
tatem . . . frequenter subjacere periculis . . . jurent coram tota 
facultate^'). Es ist doch klar, dass hier facultas nicht mehr im 
Sinne von Wissenschaft sondern in der Bedeutung von Consortium der 
Magistri einer gemeinsamen Disciplin d. h. im Sinne von Facultät 
in unserer Auffassung angewendet wird"®). Aber nicht weniger 
sicher ist es, dass der Ausdruck nicht erst jetzt in dieser Bedeutung 
genommen wurde, sondern schon früher, und zwar nicht bloss 
von den Artisten, sondern auch von den übrigen; denn die Ar- 
tisten sagen 'nostra facultas' zum Unterschiede von den andern 
Facultäten. Und nun erst erhält eine Stelle in einem Schreiben 
des Cardinallegaten Otho vom J. 1247 in Bezug auf Paris ihren 
Werth: Hortamur, quatenus universi et singuli terminis antiquis 
scicntiarum e t facultatum quas posuerunt patres nostri (sint) 

contenti"). 

Daraus ergibt sich nun mit Bestimmtheit, dass bereits vor 1260 

der Ausdruck 'facultas' (zuerst auf eine gemeinsame Disciplin 
angewendet) von dem Consortium der Magistri einer gemeinsamen 
Wissenschaft gebraucht wurde, dass mithin die Facultätenbildung 
bereits vor 1260 vor sich gegangen war. Aber was hat sich denn 
seit 1215 ereignet? 

Die Magistri der einzelnen Disciplinen fiengen seit jener 
Zeit an gemeinschaftliche Statuten zu machen, Versammlungen 
zu halten ; sie setzten fort, was sie schon fi^üher gethan : in ihrer 
Disciplin gemeinschaftlich zu prüfen, zu promovieren, die Pro- 
movierten in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, Mitglieder auszu- 
schliessen u. s. w. Eine neue Grundlage hiefür wurde die im 
J. 1231 von Gregor IX. erlassene Bulle Parens scieniiarum, die 
als die Magna Charta der Universität angesehen werden muss. 

^) Cod. Yat. Heg. 406 Bl. 56 b. Du Boulay p. 280. 

97) Cod. Vat. Reg. 406 BL 71 a. 

9^) Man kaun nun Savignys Behauptung beortheilen: 'Der Name facultas 
für ein Collegium von Lehrern desselben Fachs ist ziemlich neu'. Gesch. 
des Köm. Bechts III, 233 Anm. b. Nur auf Savigny beruft sich Ducange- 
Henschel unter 'facultas'. 

99) Bei D'Argentre, Coli. jud. I, 1 p. 159. 



2. Paris. Bildaog der Universität und der Facultäten. 73 

In ihr werden alle Facultäten einzeln für sich behandelt und 
ihnen schliesslich die Vollmacht ertheilt 'constitutiones scu ordi- 
nationes providas faciendi de modo et hora legendi et dispu- 
tandi, de habitu ordinato, de mortuorum exequiis, nee non de 
baccalariis . . . hospitiorum taxatione, seu etiam interdicto et re- 
belles ipsis constitutionibus vel ordinationibus per subtractionem 
Bocietatis congrue castigandi' ^°°). Dass sich diese Vollmacht 
nicht bloss auf die ganze Universität, sondern auch auf die Ma- 
gistri der einzelnen Disciplinen erstreckte, haben besonders die 
Artisten und Theologen klar an den Tag gelegt. 

Im J. 1252 sagen die 'Doctores Parisienses actualiter in 
theolog ia regen tes', dass sie 'concorditer ordinaverunt', dass in 
Zukunft 'religiosus aliquis non habens collegium ... ad eorum 
societatem nullatenus admittatur'. Ferner, 'ut singula religiöser um 
collegia singulis magistris actu regentibus et unica scola sint 
contenta'. Schon früher (alias) sei inter doctores theologicos 
verhandelt, und von ihnen concorditer verboten worden, ^ne ali- 
quis baccalareus in theologica facultate promoveatur ad cathc- 
dram nisi . . . saltem aliquos libros glossatos . . . legende' etc. 
Würde Jemand zuwider handeln, 'ei societatem suam tam in 
principiis quam aliis penitus denegabunt', und jeder widerspän- 
stige Baccalaureus 'a consortio magistrorum excludetur' ^'^^). Im 
Jahre 1253 beschliesst die ganze Universität, 'ut de cetero nullus 
in quacunque facultate magister ad collegium magistrorum vel 
consortium universitatis admittatur, nisi prius in plena congre- 
gatione magistrorum vel saltem coram tribus magistris sue fa- 
cultatis ad hoc specialiter deputatis juraverit, statuta nostra . . . 
se observaturum'^°*). Die plena oder generalis congregatio ma- 
gistrorum - hat zum Gegenbegrifif die Congregatio der Magistri 
einer einzelnen Facultät oder einer Nation. Solche Versamm- 
lungen hielt die theologische Facultät bis 1260 nicht wenige. 



100) Im Nationalarchiv zu Paris sind zwei Originale, L. 242 n. 76 (Blei- 
siegel an Seidenschnur) und M. 257 c n. 5 (Siegel fehlt). Reg. Yat. Greg. 
IX. an. 5 ep. 23 BL 73 a. 

101) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. 54a. Bei Boulay p. 245. 

102) Cod. Yat. Reg. 406 BL 56a. Du Boulay p. 252. Das Original ist 
im Universitätsarchiv zu Paris, Ms. th. VII. 



74 U* Entstehung der ältesten Universitäten. 

Von einigen war soeben die Rede. Im J. 1241 verdammte der 
Bischof V. Paris ^convocato concilio omnium magistrorum theo- 
logie tunc Parisius regen tium' 10 Irrthümer*®'). An der Talmud- 
Untersuchung und Verdammung nahmen 1248 'omnes magistri 
theologie et iuris canonici' Theil^*^*); an den berühmten Ver- 
sammlungen und Disputen über die Pluralitas beneficiorum in den 
Jahren 1235 und 1238 aber nur wider die Theologen mit dem 
Bischöfe^"*). Im J. 1247 bediente sich der Bischof bei Ver- 
dammung des Johannes de Brescia und des Mag. Raymund eben- 
falls des 'consilium magistrorum thcologiae' ^°^). Im Jahre 1253 
hielten die Theologen eine Zusammenkunft, um über einen Beicht- 



io3j Diese Irrthümer mit obiger Phrase findet man handschriftlich oft, 
zumeist in Hss. der Sentenzen des Peter Lombardus oder der Summe des 
hl. Thomas, verzeichnet. Ich notiere hier nur Cod. Burghes. 296. ünivcr- 
sitätsbibl. zu Valencia (in Spanien) am Schlüsse der 1. pars Summae S. Tho- 
mae. Eben dort in der Hs. T. I. 15 im Escorial. In Leipzig, Univ. Bibl. 
n. 416 steht: Anno dorn. mccxIhi subscripti sunt articuli in presentia uni- 
versitatis magistrorum theologie parisiens. .... Aehnl. in Ronen, A. 263. 
Auch Matth. Paris hat die Jahrzahl 1243 (Chron. mai. ed. Luard, IV, 280). 
Das Factum erwähnt ebenfalls der hl. Bonaventura in 2. sent. dist. 23 n. 2 qu. 3, 
wo es heisst : ab universitate magistrorum Parisiensium. In den meisten Hss. 
z. B. Burgo de Osma (13. Jh. nicht numeriert), Archiv de la Corona de Aragon 
unter den Hss. von Ripoll n. 33 fehlt hier die Jahrzahl, allein in der Nationalbibl. 
zu Neapel (VII. c. 12) steht die gewöhnliche mccxI in octava Epiphanie, d. i. 
also nach damaliger Rechnung 1241. *De consilio magistrorum tunc existen- 
tium Parisius' bietet Wilhelm de Falgar in seinen Quaestionen (Arsenalbibl. in 
Paris n. 457 Bl. 24a). In dem zu Avignon 1256 abgehaltenen Capitel der 
Dominicaner der Provence heisst es: Isti sunt errores condempnati Parysius 
ab episcopo paris. et magistris theologie regentibus Parysius mccxI. Cod. 
273 zu Toulouse Bl. 291a. S. noch D'Argentr6. CoH. jud. I, 1 p. 158. 186. 

iw) Cod. Paris. 16558 Bl. 234 f. D'Argentr6 1. c. p. 155. Dort findet 
man auch ihre Namen aufgezählt. Vgl. auch Qu6tif-Echard, SS. Ord. Praed. I, 
166. Dies war jedoch nicht bloss 1248, sondern schon früher, nämlich unter 
Gregor IX., der Fall, wie aus dem Schreiben des CardinaUegaten (Quetif-Echard, 
p. 128) und aus der Bulle Innocenz IV. vom 9. Mai 1244 (Reg. Vat. an. 1 
ep. 681) hervorgeht. 

105) So Thomas de Cantimpre, De apibus lib. 1 c. 19 § 5. Ich vergUch 
die Stelle mit dem Cod. Vat. 4846 Bl. 17a. Univers. Bibl. in Bologna n. 1674 
Bl. 14a; Cod. Paris. 3585 Bl. 14b. Im zuerst genannten Jahre waren 'omnes 
magistri theologie' zugegen, im J. 1238 ^quam plures magistri theologie'. 

106) D'Argentr^, 1. c. p. 159. 



2. Paris. Bildung der Universität and der Facultäten. 75 

casus ^®'), im J. 1259, um über das Beichtprivileg der Mendicanten 
zu berathen*®*). 

Wie mit den Theologen so verhält es sich auch mit den 
Artisten. ImJ. 1244 machten sie gemeinsam Statuten über die 
Lectionsordnung^°'). Im J. 1254 fasste die universitas magi- 
strorum artium ein Statut ab gegen Jene, welche nicht beitragen 
wollen die gemeinsamen Auslagen zu bestreiten ^^°). Im darauf 
folgenden Jahre bestimmten omnes et singuli magistri artium de 
communi assensu, was und in welcher Ordnung in ihren Schulen 
vorgelesen werden sollte"^). Weitere Statuten folgten 'de com- 
muni assensu magistrorum nostre facultatis' im J. 1259^^'). 

Von den zwei übrigen Facultäten, den Decretisten und Me- 
dicinern, weil damals noch ohne jene Wichtigkeit wie die Theo- 
logen und Artisten, ist weniger bekannt. 

Interessant ist ferner, dass sich eine Facultät nicht in die 
inneren Angelegenheiten einer andern mischen durfte. Klar erhellt 
dies aus einem Schreiben Alexanders IV. vom 19. Juli 1259 an 
den Bischof von Paris, worin er ihm aufträgt den Artisten unter 
Excommunication zu verbieten sich 'de faciendis et corrigendis 
sermonibus et licentiandis iis qui incipiunt in theologica facul- 
tate' einzumischen, da sie doch früher nicht gewohnt waren es 



107) Quetif-EcLard, SS. Ord. Praed. I, 109. Dort citiert er auch hieftir 
Hannibsdd de Hannibaldis in 4. Sent. für diese Ansicht, wo zugleich stehe, dass 
nebst den Theologen auch die Juristen zugegen waren, und 'omnes predicti 
magistri apposuemnt sigilla sua uno excepto'. Allein die Stelle fand ich 
nicht im genannten Commentar, und dürfte von einem andern alten Commcn- 
tator sein. 

108) Dies berichtet der Dominicaner Johannes de S. Benedicto in einem 
1288 gehaltenen Sermon: Super isto casu quidam congregavit magistros in 
theologia Parisius, inter quos fuit fr. Thomas de Aquino, et iudicaverunt 
hanc dogmatixationem (dass nämlich die Mendicanten die Erlaubniss a sa- 
cerdote parochiali einholen müsstenj erroneam et miserunt pro hac ad cu- 
riam tempore Alezandri IIII. £r. sagt es sei im 5. Pontificatsjahre geschehen. 
Cod. Paris. 3120 Bl. 36 a. 

iw) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. 53 a. Bei Du Boulay p. 194. 

110) Jourdain 1. c. n. 108. 

111) Cod. Yat« Beg. 406 Bl. 56 b. Du Boulay p. 280. 

112) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. 70 b. Bei Du Boulay p. 347. 350. 



76 II- Entstehung der ältesten Uniyersit&ten. 

zu thim, und sie möchten 'de talibus tanquam de rebus ad se 
non pertinentibus' abstehen "0. 

Zudem darf nicht vergessen werden, dass von den Statuten 
der einzelnen Facultäten die Statuten der ganzen Universitas 
magistrorum et scholarium, die für alle Facultäten bindend waren, 
genau unterschieden werden. Ein solches Statut erwähnt im 
J. 1209 in einem Schreiben Innocenz ffl. "*). Am 27. März 1229 
bestimmte die ganze Universität, dass wenn ihr nicht innerhalb 
eines Monats Genugthuung widerfahre, sie die Stadt verlasse 
und es keinem Magister und Scholar erlaubt sein solle, sich causa 
studii in Paris aufzuhalten"*). Allgemeine Statuten datieren auch 
aus den Jahren 1245, 1251 und noch mehr aus den spätem"^). 
In den Jahren 1247 und 1254 bestätigte Innocenz IV. die Sta- 
tuten, die einige von der Universität dazu Deputierte gemacht 
hatten"'). Ausserdem wurden schon damals die Facta der ein- 
zelnen Facultät als Facta der ganzen Universität angesehen, was 
sich besonders deutlich beim Streite der Theologen mit den Men- 
dicanten zeigte"^). Der Ausschluss der zwei Magister des Do- 
minicanerordens aus der theologischen Facultät wurde als Aus- 
schluss aus der ganzen Universität angesehen. 

Bei solcher Sachlage nimmt es nicht Wunder, wenn nach 
und nach die Bezeichnung eines wissenschaftlichen Faches auf 
die Gesammtheit der Lehrer jener gemeinsamen Disciplin über- 
tragen ward, ähnlich wie früher der Ausdruck 'Studium' mit der 
Zeit auf den Ort des Studiums angewendet wurde. Dass sich 
aber innerhalb der Universität solche Consortien von Lehrern, 



113) Nationalarchiv zu Paris L. 253 n. 245. Von mir ediert in den 
Memoires etc. p. 264 f. Schon 1247 ermahnte der Cardiuallegat Otho die 
Universität, 'quatinus universi et singuli terminis antiquis scientiarum et fa- 
caltatum quos posuerunt patres nostri (sint) content!. S. o. S. 72. 

11*) Bei Du Boulay III, 60. 

11^) Universitätsarchiv zu Paris. Ms* th. lY. S. Jourdain n. 30. 

116) Bei Du Boulay p. 195. 240. Es ist hier nicht nothwendig, die spä- 
tem aufzuzählen. 

117) Jourdain n. 78 (Berger, Registres etc. n. 2455); Jourdain n. 110. 
HS) So bestätigte z. B. 1252 die Universitas ausdrücklich das Statut 

der Theologen desselben Jahres. S. bei Du Boulay p. 245; unten Anm. 133. 



3. Paris. BUdoog der Universität und der Facult&ten. 77 

d. h. Facultäten, gebildet hatten, und zwar lange vor 1260, kann 
jetzt nicht mehr geläugnet werden, denn wir finden die Gesammt- 
heit der Magister einzelner Disciplinen mit den autonomen Rechten 
von Genossenschaften ausgestattet, sie halten unabhängig von 
andern gemeinschaftliche Versammlungen , machen selbständig 
Statuten u. s. w. Allerdings vermisst Du Boulay bei ihnen den 
Besitz von Decanen und eines eigenen Siegels"^). Was nun den 
Decan betrifft, so kommen wir weiter unten darauf zu sprechen. 
In Bezug auf das Siegel genügt aber die Bemerkung, dass auch 
die Universität lange Zeit kein Siegel hatte, und nachdem sie 
endlich (1225) 1—2 Jahre im Besitze eines solchen gewesen war, 
entbehrte sie desselben wider über 20 Jahre und erhielt es dann 
nur mit Bewilligung des Papstes "°). Und doch kann nur der- 
jenige, der mit geschlossenen Augen die Geschichte betrachtet, 
läugnen, dass die Universität in Wahrheit eine Genossenschaft 
war. Du Boulay hat es wie viele moderne Forscher nicht ver- 
standen, das Mittelalter aus sich heraus aufzufassen und sich zu 
hüten, moderne Anschauungen in dasselbe hineinzutragen. Uebrigens 
schlägt sich Du Boulay selbst fortwährend. Ihm zufolge sollen 
die Theologen erst c. 1260, jedoch früher als die Decretisten und 
Mediciner, eine Facultät gebildet haben. Nun kamen aber die 
Theologen erst nach diesen in den Besitz eines Siegels. Wie 
stimmt dies zu Du Boulays Behauptung? 

Doch war nicht am Ende die Universität identisch mit den 
vier Nationen, die vielleicht die integrierenden Theile jener ge- 
bildet haben, so dass auch die Facultätenbildung nur innerhalb 
der vier Nationen statt hatte, zu denen eben auch die Magistri 
gehört hätten? 

Von einer Identität der vier Nationen mit der Universität 
kann schon deshalb keine Bede sein, weil in diesem Falle die 
Gewalt bei den Nationen gelegen wäre, also bei den Scholaren 
und den Magistri artium. Allerdings sagt dies Du Boulay"^); 



119) Stein, Die innere Verwaltung etc. S. 278 schreibt alle diese Miss- 
Terständnisse ab. 

1^) S. in den Memoires etc. p. 253 f. 

1^) So besonders in seinem Abr6g6 de Phistoire de l'universit^ de Paris 



78 II- Entstehoog der ftltesten UniTersitäten. 

allein dagegen sprechen alle bisher aufgeführten Thatsachen. 
Ihnen zufolge lag die Gewalt bei den Magistri, resp. bei den 
Facultäten. Dadurch schon wird die Behauptung, die Artisten hätten 
die alte Universität gebildet, und der willkürliche Satz, 'Universi- 
täten! fundatam esse in artibus', der im ganzen Mittelalter nicht 
ausgesprochen wurde, widerlegt. 

Auch dieser Ausweg, dass die Gesammtheit der Magistri zu 
den Nationen gehört hätten, hilft nichts, wie ich apodictisch 
nachweisen will. 

In dem Acte, den einige Bischöfe über das üebereinkommen 
zwischen der Universität und den Dominicanern am l. März 1256 
aufsetzten, wird die Universität von den Nationen universorum 
scholarium strenge geschieden^"). Dass dies kein Uebersehen, 
sondern in der Natur der Sache begründet war, wird durch 
folgenden Beweis klar. Im Jahre 1225 hatte die Universität 
bereits ein Siegel; denn in diesem Jahre zerbrach es der Cardi- 
nallegat Roman ^"). Sie erhielt nachher erst 30. October 1246 
von Innocenz IV. wider die Erlaubniss auf sieben Jahre ein solches 
zu führen"*). In der Petition gab die Universität als Grund 
an, dass, wie Innocenz IV. sie anredet, *pro (sigilli) defectu di- 
versa incommoda sepissime sustineüs, dum privata et ardua vestra 
negotia cum queritis alieni sigilli remedium veniunt in notitiam 
aliorum'. Der Papst ermahnt sie aber, dass 'sine vestre univer- 
sitatis aut maioris parüs regentium magistrorum asscnsu nulle 
littere sigillentur'. Am 30. Mai 1252 erneuert der Papst diese 
Erlaubniss mit denselben Worten auf weitere 10 Jahre"*). Die 
Universität als solche besass also ein Siegel; jedes andere galt 






p. 31 ff.: 4e8 nations sont les premiers et seules compagnies, qui ont gou- 
veme Puniversit^ jusqaes h 1260 ou environ'. Aehnlich Defense des droits 
de l'universit^ de Paris, de son recteur et de ses qaatre nations. Paris 1657. 
Bezeichnend ist, dass die Autoren für ihre Ansicht eigentlich nur eine Auto- 
rität, den späten Belforest, besitzen, der die Frage gar nicht studiert hatte. 

122J Bei Du Boulay p. 296. 

123) Chron. Turon. bei Martöne - Durand, Ampi. coli. V, 1067. Vgl. 
auch Ann. de Dunstapi. cd. Luard, p. 68. 

1»*) S. Anm. 120. 

1'^) S. M^moires etc. p. 245 n. IV. und Jourdain n. 94. 



2. Paris. Bildang der Universität und der Facultäten. 79 

ihr als 'alienum', und sie fürchtete bei Gebrauch eines solchen 
für die Offenbarung ihrer geheimen Angelegenheiten. Nun besass 
aber auch jede der vier Nationen wenigstens schon 1249 ein 
eigenes Siegel^^*). Waren nun die Siegel der vier Nationen 
identisch mit jenem der Universität? Wenn die Ansicht die ich be- 
kämpfe, im Bechte ist, dann waren das Siegel der Universität und 
jenes der vier Nationen eins und dasselbe. Allein dem widerspricht 
einmal der Wortlaut: die Universität erhielt 6in Siegel, während 
die vier Nationen vier Siegel hatten"^). Dem widerstreitet die 
Geschichte; denn in der That ist das Universitätssiegel verschieden 
von jenen der vier Nationen ^^®). Endlich lehrt uns dies die 
Universität selbst. Im Jahre 1255 löste sich nämlich dieselbe 
der Dominicaner wegen auf. Die 'singuli magistri et scholares 
omnium facultatum' sagen nun im Schreiben an den Papst, dass 
sie alle aus der communio et societas ausgetreten seien, 4psius 
universitatis beneficiis et privilegiis renunciantes expresse . . . 
renunciando jure nostro'^"). Auch der Dominicaner-General 
Uumbert sagt, die Magistri hätten sich ^ab ipsius universitatis 
coUegio' geschieden, und 'novam quandam societatcm, nomine 
universitatis verbotenus extincto, pariter inierunt' ^^°). Dasselbe 
wird durch die Worte Alexanders IV. bestätigt^"). Das Acten- 

12«) Das im obigen Jahre ausgefertigte ActcnstQck über die Rcctors- 
wahl wurde gesiegelt *quatuor sigillis nationum'. Cod. Vat. 406 61. 16. Du 
BouUy p. 222. In der Regel lautet sonst die Phrase: sigillis quatuor na- 
tionum. 

^^) Wie oben, so war auch im J. 1225 nur von einem Universitäts- 
siegel die Rede: Universitas . . . sigillo universitatis negotia sigillaret. Ghron. 
Toron. ]. c. Von den vier Nationen hatte aber jede ein Siegel. An der 
Urkunde vom J. 1253 (1254) bei Jourdain n. 108 sieht man noch jetzt (Uni- 
versit&tsarch. Ms. th. IV. 18) die vier Stellen, an denen die Siegel der vier 
Nationen hiengen. 

^^) S. den Abdruck der Siegel der Universität und der vier Nationen bei 
Yallet de Viriville, Histoire de Tinstruetion publique en Europe (Paris 1849) 
p. 129 ff. S. auch Douöt D'Arcq, Collection de sceaux, I, 2 n. 8015 ff. 

«9) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. 44 ff. Bei Du Boulay p. 288 ff. 

1^) So ixt dem noch nicht publicierten Schreiben Humberts aus dem 
Jahre 1256 im Archiv zu D^jon, H. 221, dort falsch dem Qenend Johann * 
von Yercelli zugeschrieben. 

131) In seiner am 10. Dccember 1255 erlassenen Bulle kommt er auf 



80 n. Entstehoog der ältesten Universit&ten. 

stück unterschrieben die Magistri aber so: Nos autem magistri 
et auditores omnium facultatum magistris fratribus et eorum au- 
ditoribus dumtaxat exceptis, quoniam sigillum commune non 
habemus utpote ab universitatis coUegio separati, sigillis quatuor 
nationum ab antiquo Parisius distinctarum in hac littera usi su- 
mus^"). Die Magistri sagen also, sie könnten das Universitäts- 
siegel, weil aus der Universität ausgetreten, nicht mehr benützen, 
und sie bedienten sich daher der Siegel der vier Nationen. Als 
die Magistri als Universität handelten, gebrauchten sie nicht die 
Siegel der vier Nationen, sondern das Universitätssiegel, wie offen 
aus den Documenten vom J. 1252 und 1254 hervorgeht^^^). Es 
ist also klar, dass das Universitätssiegel verschieden war von 
jenen der vier Nationen, und in Consequenz waren diese nicht 
die integrierenden Theile der Universität. Ja während letzere sich 
auflöste, existierten die vier Nationen als solche noch fort. Es 
ist geradezu unbegreiflich, dass man so wichtige Documente nicht 
beachtet oder nur oberflächlich gelesen hat. 

Aber auch die Artisten waren ursprünglich als Facultät nicht 
identisch mit den vier Nationen. Sie waren einmal bei Ausferti- 
gung des eben genannten Actenstückes zugegen. Humbert er- 
wähnt sie namentlich. Als im J. 1255 diese Facultät ihre Stu- 
dienordnung publicierte, gebrauchte sie die Siegel der vier Nationen 
'consensu earundem' "*). Sie waren also nichts weniger als iden- 
tisch mit den vier Nationen. Das Jahr vorher siegelte dieselbe 
Univcrsitas magistrorum artium ein anderes Document mit den 



das Factum zu sprechen, bemerkt aber, dass die Magister ihren Zweck doch 
nicht erreichten, 'cum universitatis nomine . . . intelligamus et velimus in- 
tclligi omncs magistros et scolares commorantes Parisius cuiuscunque socie- 
tatis seu congregationis existant'. Original im Gcneralarchiv des Domicaner- 
ordens. S. BuU. Ord. Praed. I, 291 n. 51, und Nationalarchiv zu Paris, 
L. 249 n. 59. 

132) S. bei Du Boulay p. 292. 

133) Iq dem ersten heisst es : Hanc autem ordinationem Universitas ap- 
probayit et sigilli sui munimine roboravit (Du Beul. p. 245). In dem andern: 
Hanc autem ordinationem . . . sub nostri sigilli munimine fccimus roborari 
(Du Boul. p. 253). 

134) Bei Du Boulay p. 281. Selbst er musste dies a. a. 0. zugestehen. 



2. Paris. Bildung der Universität und der Facult&ten. 81 

Siegeln der vier Nationen*"). Damals hatte eben noch keine 
Facultät ein eigenes Siegel. Allein das Factum erweist, dass die 
Artisten als Facultät zwar innerhalb der Nationen, aber nicht 
identisch mit denselben waren. 

Dass die Universität verschieden von den Nationen war, er- 
gibt sich auch aus dem Schenkungsacte der ganzen Universität 
vom J. 1222 an die Dominicaner von S. Jacob in Paris. In 
diesem Acte führt sich die Universität zum ersten Male als Nos 
universitas magistrorum et scholarium ein. Die Universität tritt 
an die junge DominicanergrQndung alle Rechte ab, die sie auf 
den Platz von S. Jacob vor der Kirche S. Etienne hatte. Wenn 
irgendwo, so hätten in einem solchen Acte die vier Nationen 
genannt werden müssen, wären diese die Universität gewesen, 
hätten sie dieselbe constituiert. Aber von den Nationen keine 
Silbe, während die von der Universität den Dominicanern aufer- 
legten Verpflichtungen nur 'magistris et scolaribus', besonders 
aber den 'magistris cuiuscunque facultatis' zu Gute kommen 
sollen. Stirbt ein Magister irgend einer Facultät, 'qui in officio 
regendi decesserit Parisius\ so sollen die Brüder für dessen Seele 
dieselben Verpflichtungen haben wie für die eines verstorbenen Mit- 
bruders. Erwählt aber ein Magister bei ihnen den Begräbniss- 
platz, dann 'si fuerit theologus, sepelient eum in capitulo suo, 
si autem alterius facultatis, in claustro'. 

Aber wird dieser Schenkungsact der Universität nicht wenig- 
stens mit den Siegeln der vier Nationen versehen? Nein, 'pre- 
sentem paginam sigillis magistrorum theologie fecimus roborari'. 
Noch heute sieht man am Originale drei Pergamentstreifen, an denen 
die Siegel gehangen haben"*). Die Universität hatte eben damals 
noch kein gemeinschaftliches Siegel, und beauftragte daher die Ma- 



^ Bei Jourdain n. 108. Allerdings sagt der Act gegen den Kanzler 
Philipp de Thori vom J. 1283—1284, die Artisten hätten seit undenkUchen 
Zeiten das Siegel der Nationen gebraucht. Was aber von diesem Acte zu 
halten sei, werden wir bald sehen. 

^) Universitätsarchiv zu Paris, Ms. th. VI. Nur 6in Siegel ist theil- 
weise erhalten. Jourdain ist zu n. 23 ungenau. Den Text s. bei Du Boulay 
p. 105 f. Die Reflexionen Du Boulays p. 106 beweisen, auf welch schwachen 
Fassen seine Behauptung beruht. 

D«Difl«» Dm ünifenitAteo. L 6 



82 II- Entstehung der ältesten Universitäten. 

gistri der ersten Facultät, der theologischen, ihre Privatsiegel zu 
gebrauchen. Aber warum nahm denn die Universität nicht 
die Siegel der vier Nationen? Weil diese nicht die Universität 
waren. Oder wird man sagen, die vier Nationen seien eben 
auch noch nicht im Besitze ihrer Siegel gewesen? Allein, damit 
wäre nichts gewonnen, denn die Universität erhielt bald darauf ihr 
Siegel, sonst hätte es nicht schon 1225 auf Betreiben des Kanzlers, 
der sich in seinen Rechten verletzt sah, durch den Cardinallegaten 
Eoman zerbrochen werden können. Die Universität als solche hätte 
also früher als die vier Nationen ihr Siegel erhalten. In dem 
einen wie in dem andern Falle ergibt sich, dass die vier Nationen 
nicht die Universität waren. 

Wurden ferner Mitglieder aus der Universität ausgeschlossen, 
so handelten dabei niemals die Nationen, sondern nur die Ma- 
gistri. So geschah es bereits im J. 1209"'), so im J. 1238, wie 
wir aus einem bisher nicht bekannten Schreiben Gregors IX. vom 

4. Juni jenes Jahres erfahren. Die Magistri schlössen jene aus, 
welche sie wollten. Der Papst rügt nur ihre Willkür, und dass 
sie theil weise in die Rechte des Bischofs eingegrififen hätten"'). 
Nicht weniger erhellt diese Thatsache aus dem Universitätsstreite 
mit den Mendicanten, wie wir im weitern Verlaufe des Werkes 
sehen werden. 

Von selbst richtet sich nun ein Bericht des Johann von 

5. Victor in seinem Memoriale historiarum"'), auf den sich 



1") Du Boulay IH, 60 f. 

i38j Keg. Yat. an. 12 ep. 137 Bl. 27 a: Parisiensis episc. conquestio 
continebat, quod magistri et scolares Parisienses pretextu cuiasdam in- 
dulgentie quam a sede apostolica se obtinuisse proponont (s. oben S. 73) 
ut vid. privare possint beneficio societatis sue eos qui rationabilibus consti- 
tutionibus et ordinationibus suis presumpserint contraire . . . Preterea cum 
idem (episcopus) canceUaria parisiensi vacante sit in possessione vel quasi 
licentiandi provectos ad officium magistratus, prefati magistri ei super hoc 
se indebite opponentes quosdam scolares rationabiliter licentiatos ab ipso ad 
docendum pro sue voluntatis arbitrio non admittunt, scolares suos subtra- 
hentes eisdem, ac insuper scolares ipsos et magistros, sub quibus licentiari 
inceperunt predicti, a societate sua excludunt etc. 

139) Cod. Paris. 4948 Bl. 269 a. 



2. Paris. Bildung der Uni?ersit&t und der Facultäten. g3 

Du Boulay beruft"^), wonach 1231 'tota universitas quatuor 
nationum decrevit, quod a lectionibu^ cessarent'. Ich kann sogar 
nachweisen, wie dieser Bericht des 100 Jahre später lebenden 
und hier nicht verlässlichen Autors"^) entstanden ist. In dem 
oben^") citierten Actenstücke vom 27. März 1229 bestimmen die 
'Provisores ab universitate', dass eventuell die Vorlesungen all- 
gemein eingestellt werden sollen. Johann von S. Victor ver- 
wechselte nun die Provisores mit den Procuratores der vier 
Nationen, und glaubte daher, der Beschluss sei von den vier 
Nationen ausgegangen. Allein hätten hier die vier Procuratores 
der Nationen gehandelt, so wäre das Actenstück nur mit den 
vier Siegeln der vier Nationen gesiegelt worden. An demselben 
sieht man aber heute noch 13 Pergamentstreifen, welche die Siegel 
der Provisores trugen^*'), ein Zeichen dass letztere von den Pro- 
curatoren der vier Nationen gänzlich verschieden waren ^**). 



1«) Eist. univ. Paris. III, 563 f. 

^^1) So sagt er unter anderm: Decretnm quoque est ab omnibus, ut 
Studium in Britanniam apud Nannetum transferretur; com es enim Hritannie 
promittebat universitati multas curialitates et plura beneficia quam Parisius 
se facturum. Rex autem francorum hoc comperto, habito consilio cum bonis, 
fecit emendari bene et sufficienter a civibus quod fuerat forefactum, et sie 
lectiones sunt resumpte. Cod. Paris. 1. c. Nach Johann von S. Victor wäre 
also das Studium kaum unterbrochen worden, während doch nahezu zwei 
Jahre ein grosser Theil der Professoren abwesend war. Auch handelte es 
sich nicht um Nantes, wohin man ziehen wollte oder hinzog, sondern, wie 
wir weiter unten sehen werden, vorzüglich um Angers und Orleans. Nantes 
wird nie genannt. Femer war damals der König resp. die Königin nichts 
weniger als geneigt die Ordnung widerherzustellen. Endlich föllt das Factum 
nicht in das Jahr 1231, sondern 1229. 

1^) S. oben Anm. 115. 

143^ Das Document trug 21 Siegel, an 8 Stellen sind die Pergament- 
streifen verschwunden. Von den Siegeln selbst existieren nur an einzelnen 
Streifen noch üeberbleibsel. Jourdains Bemerkung zu n. 30 ist ungenau. 

1^) Du Boulay scheute auch nicht vor Erfindungen zurück seine 

These zu beweisen. Zum J. 1281 (p. 456 f.) berichtet er von dem damals 

ausgebrochenen Streite zwischen den Picarden und Engländern, und bei dieser 

Gelegenheit erdichtet er ein vollständiges Zwiegespräch zwischen beiden, worin 

natürlich auch die Phrase 'de prima academiae Parisiensis fundatione et com- 

positione ex nationibus' nicht fehlen durfte. 

6* 



84 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

Der nächste Abschnitt wird jedoch hoffentlich diese Frage 
in ihrem Wesen filr immer abschliessen. 

b. Alter und Charakter der Nationeneintheiliing in Paris. 

Sind denn aber die vier Nationen an der Hochschule zu Paris 
so alt? Datiert die Gruppierung in die vier Nationen Gallicorum, 
Picardorum, Normannorum und Anglicorum aus so früher Zeit? 
Was waren denn eigentlich diese Nationen, wie haben sie sich 
gebildet, und wie verhalten sie sich zu den vier Facultäten? 

Die vier Nationen treten zum ersten Male in der Form 
einer gemischten Scholarenverbindung auf, zu der die Scholaren 
und die Magistri artium gehörten. So lernen wir sie im J. 1249 
kennen. Für die Zeit vor diesem Jahre lassen sich nur aus 
andern Thatsachen Schlüsse ziehen. Klärende Documente für 
jene Epoche existieren absolut nicht. Das angebliche Concordat 
der vier Nationen über die Wahl des Rectors vom J. 1206, 
dessen Du Boulay erwähnt"*), ist identisch mit jenem vom J. 1266, 
wie bereits der Autor der Origo vera nachgewiesen hat"®). Seit 
zwei Jahren liess ich diesen Punkt nicht aus den Augen; allein 
es war mir unmöglich für die frühere Epoche ein Document 
irgendwo aufzutreiben. Sehen wir also, ob wir sonst zu einiger 
Klarheit über die Entwicklung der Pariser Scholarenverbindung 
gelangen. 

Es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass sich ursprünglich die 
Scholaren nach ihren verschiedenen Nationalitäten gruppierten, 
ohne dass daran die Professoren sich betheiligt hätten. An sich 
ist es schon natürlicher, dass die Gruppierung nach Landsmann- 
schaften zuerst unter den Scholaren sich vollzog. Sie waren 
am zahlreichsten und am fremden Orte zugleich am meisten 
des gegenseitigen Schutzes bedürftig. So finden wir in der 
That, dass sich, soweit wir Kunde davon haben, auch an andern 
Universitäten die Scholaren und nicht die Professoren nach Na- 



^^^) Hist. uniy. Paris. 11, 662; XU, 31. Savigny und die meisten andern 
haben es Du Boulay harmlos nachgeschrieben. 

^^) Selbst Crevier hielt es für sicherer sich nicht auf dasselbe su be- 
rufen. Hist de l'universiti de Paris, I, 294 Anm. VII, 117. 



2. Paria Alter und Charakter der Nationeneintheilang. g5 

tionen schieden, z. B. in Bologna, Vicenza, Padua, Vercelli, Le- 
rida u. s. w. 

Davon aber, inwieweit und wie die Scholaren in Paris in 
jener Zeit organisiert sein mochten, findet sich nicht die geringste 
Spur. Mit Bestimmtheit lässt sich bloss sagen, dass sie/ai), der 
Wende des 12. Jhs. noch keineswegs in vier Nationen abgetheilt 
waren. Heinrich II. von England spricht im J. 11 69 auf Grund 
einer Zusammenkunft mit dem Könige von Frankreich von 'galli- 
cana ecclesia partes suas interponente seu scolaribus diversarum 
provinciarum aequa lance examinantibus'^^^). Ist es einerseits 
ungewiss, ob hier bloss die Scholaren von Paris verstanden 
wurden, so ist es andererseits gewiss, dass, selbst wenn von 
den Pariser Scholaren die Rede ist, in der Stelle auch nicht der 
geringste Anhaltspunkt für eine Eintheilung derselben in vier 
Nationen sich findet. Ich begreife nicht, wie Jourdain auf Grund 
dieser Stelle behaupten konnte: perantiqua est scholarium dis- 
tributio in quatuor nationes^"). Wenn er sodann diese Ein- 
theilung in der menschlichen Natur begründet findet, so antworte 
ich, dass es wohl natürlich war, dass sich die Scholaren nach 
ihren verschiedenen Nationen und Provinzen gruppierten, nicht 
im geringsten aber, dass sie sich gerade in vier Nationen ab- 
theilten. Und nur darum handelt es sich hier. Philipp August^*'*) 
und Roger von Hoveden wissen auch noch nichts von vier Nationen, 
obgleich, wie wir sogleich sehen werden, den Worten des letztem 
zufolge wenigstens die clerici teutonici in irgend einer Weise 
zusammenhielten. Jacob de Vitry gruppiert die Scholaren nach 



1*7) Bei Du Boulay II, 364. 

148) Index chronologicus p. IV. 

1*^) Stein, Die innere Verwaltung etc. S. 258 sieht in dem Acte Phi- 
lipp Augusts vom J. 1200 nicht bloss Nationen erwähnt, sondern auch den 
Beschlnss des Königs 'aus den nationes, die sich zu Genossenschaften schon 
froher vereinigt hatten, jetzt rechtsprechende Körperschaften zu machen, 
indem dieselben autorisiert wurden, sich jetzt ihre Anwälte, die Procuratores, 
selbst zu wählen, das Haupt derselben, den Bector, einzusetzen' u. s. w. Ein 
prächtiges Beispiel von modemer Geschichtsbehandlung! Nicht 6in Jota findet 
sich im königlichen Acte. S. das Document in den M^moires de l'histoire 
de Paris X, 247. 



gg II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

12 verschiedenen Nationen, und, was bezeichnend ist, nennt 
nicht die Picarden, die doch nach der Eintheilung in vier Na- 
tionen einer derselben den Namen gaben ^*°). Dies ist ein neuer 
Punkt in der ganzen Frage. Bereits Fauchet hat bemerkt, dass 
die Bezeichnung Ticardia' ziemlich jung sei'"), was der Special- 
forscher über die Picardie, der Mauriner Dom Grenier*"), be- 
stätigt. Erst im 13. Jh. habe man angefangen sie öfters zu 
gebrauchen. 

Folgerichtig erfahrt man auch nichts von vier Procuratoren 
der vier Nationen, im Gegentheile kann man mit Bestimmtheit 
nachweisen, dass Anfangs des 13. Jhs. solche noch nicht exi- 
stierten. Als der Streit zwischen den Scholaren und dem Kanzler 
ausgebrochen war, wandten sich erstere an Innocenz III. mit der 
Bitte einen Procurator haben zu dürfen, was der Papst gewährte"'). 
Dies beweist einmal, dass sich die Scholaren noch keineswegs 
als Corporation oder Corporationen constituiert hielten. Aus- 
drücklich bestätigt dies der Zeitgenosse Johannes Teutonicus, 
die päpstliche Decretale commentierend: Dubitationis causa hec 
fuit, quia scolares non videntur constituere universitatem , cum 
jus universitatis non sint a principe consecuti*")- Wären die 



iw) Eist, occid. ed. Duaci 1597 c. 7 p. 279. 

151) De la milice et armes. Paris 1610 f. 350b: Le mot de Picardie 
n'est pas ancien, ains se troave seulement depois 400 ans. Et Pierre de 
Blois en ses epitres semble estre le premier qui en face mention, si j'ay en- 
cores bonne memoire. Er schrieb das Werk 1600. Ich muss aber gestehen, 
dass ich das Wort nicht bei Peter Bles. gefunden habe. Ich mag mich ge- 
täuscht haben. S. nächste Anm. 

15^) Notice historique de Picardie (Nationalbibl. zu Paris. D. Grenier 
CLX pag. 20 art. 2 f. 60 b): Si la lettre de Pierre de Blois] . . . citee par 
Fouchet est vraie, c'est le premier monument qui en fasse mention. Aehn- 
lieh art. 3 A f . 1 a. Grenier konnte auch nicht den Brief Peters von Blois 
namhaft machen. Rumet, Histoire de Picardie (Cod. Paris 12888) geht 
Bl. 8 wohl auf die Etymologie des Namens, nicht aber auf das Alter des- 
selben ein. 

1^) Comp. rv. Deere t. 1, 16. De procurat c. 2. Die Decretale stammt 
nicht aus dem J. 1203, wie man allgemein annimmt, sondern sie steht in Ver- 
bindung mit den Streitigkeiten, die 1210—1211 mit dem Kanzler begannen. 

1^) Cod. Paris. 3931 A. Cod. Vat. 2509. Der jüngere Zeitgenosse Vin- 



2. Paris. Alter und Charakter der Nationeneintheilung. 87 

Scholaren schon damals in vier autonome Corporationen mit vier 
Procuratoren an der Spitze derselben gegliedert gewesen, wie 
hätten sie da noch anfragen können, ob sie einen Procurator 
haben dürften? Erst jetzt wurden Anfänge zu selbständigen 
Scholarenverbindungen in Paris gemacht, denn nicht eher fühlten 
die Scholaren das Bedürfniss sich gemeinschaftlich nach aussen 
vertreten zu lassen, trotzdem dass schon seit 100 Jahren Zwistig- 
keiten vorgekommen waren. Bei derartigen Fällen mussten aber 
früher die einzelnen Scholaren die Sache für sich abmachen, eben 
weil sie noch keine Körperschaft bildeten^"). 

Ebenso grundlos ist die Behauptung, die Artisten hätten 
schon lange eine Universität gebildet, und das sei die alte Uni- 
versität gewesen. Diese Ansicht, die man fortwährend nach- 
schreibt"*), ist lediglich in der Phantasie Du Boulays entstanden. 
Abgesehen davon, dass weder in einem Documente noch in einer 
gleichzeitigen Chronik davon auch nur die geringste Spur zu 
entdecken ist, wird die Behauptung durch die oben citierte Lit- 
tera vom J. 1254 widerlegt, derzufolge sich die Artisten mit den 
Professoren der übrigen Fächer zur einen Universität verbanden. 
Vorher waren sie ebenso einzeln stehend, wie die andern, und 
nachher gehörten sie wie diese zum grossen Corpus universitatis 
und bildeten sich wie sie zu Facultäten. Alle Professoren waren 
damals in derselben Position. Im 3. Bande, in dem wir von der 
Entwicklung der Pariser Schulen sprechen werden, komme ich 
darauf zurück. Ebenso wenig erfahren wir natürlich, dass die 
Artisten nach Nationen gegliedert gewesen wären oder solchen 
vorgestanden hätten. Im Gegentheile werden die Scholaren, 
wenn sie als Gesammtheit aufgefasst werden, immer nur allein 
erwähnt So spricht Odo von Paris im J. 1207 von der commu- 
nitas scolarium*"), Innocenz HI. in der eben citierten Decretale 

centins Hispanus schreibt in seinem Apparat zu Gregors Decretalen in dieser 
Frage nur Johannes Teut. ab. Cod. Paris. 3967 Bl. 96 b. 

1^) Der Ausweg, den Du Boulay hier p. 23 sucht, es habe sich nur 
tun einen procurator ad Utes gehandelt,' ist hiemit abgeschnitten. 

IM) Der neueste Hauptvertreter derselben war Huber in der Gesch. der 
engl, üniversit&ten I, 40fif. 

1*7) Original im Nationalarchiv zu Paris M. 257 c n. 2. N. 3 ein Vidi- 
mos des Actes. Du Boulay p. 36. 



gg II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

von der universitas scolarium, ähnlich Joh. Teutonicus in der 
genannten Glosse. Als diese niedergeschrieben wurde (c. 1218), 
zweifelte doch kein Mensch daran, dass die Magistri eine Ge- 
nossenschaft eingehen könnten. Wenn er also vom Dubium 
spricht, ob die Scholaren eine Genossenschaft bilden, so meinte 
er nur die Scholaren, und nicht die Magistri. Zur selben De- 
cretale sagt eine anonyme Glosse jener Zeit: conceditur universi- 
tati scolarium paris. facere procuratorem ^ "). 

Aber hatten nicht die Ai*tisten oder wenigstens die Scholaren 
bereits beim Beginne des 13. Jhs. einen Rector, der zugleich 
Rector der vier Nationen war? Fast allgemein berief man sich 
bisher auf eine Stelle im Acte Philipp Augusts vom J. 1200: ad 
hec in capitale parisiensium scolarium pro nullo forifacto iusti- 
cia nostra manum mittet ****). H6mer6 und Du Boulay sehen hier 
die erste Erwähnung eines Rectors**°). Der anonyme Autor der 
Origo Vera war sich über den Begriflf 'capitale scolarium' nicht 
ganz im Klaren"*). In neuerer Zeit verstanden jedoch franzö- 
sische Forscher darunter im Gegensatz zu der allgemeinen An- 
nahme, gestützt auf den Anklageact der Artisten gegen den 
Kanzler Philipp de Thori vom J. 1283—1284*"), einen magister 
regens in irgend einer Facultät*"). Darin wird nämlich 'capi- 



^^) Arsenalbibl. n. 394. Die Glossen oder vielmehr Notabilia zur 
4. Compil. folgen unmittelbar auf die Notabilia des Paulus Ungarns zur 
2. und 3. Comp. Diese Parthie der Hs. ist aus der 1. H&lfte des 13. Jhs. 
Da die Notabilia zur 4. Compil. noch nicht bekannt sind, wiU ich den Anfang 
hierher setzen : In prima parte dicitur, quod credere debemus et confiteri unum 
deum et incommutabilem. 

1^^) M6moires de Miistoire de Paris X, 250. Die älteste Copie ist wohl 
jene im Cod. Vat. Ottob. 2796 Bl. 29 a. — Ueber die F&lschung, die Du 
Boulay hier durch Einschicbung von 'studii' vorgenommen, habe ich bereits 
oben gesprochen. S. S. 7. 

^^^) H§mer6, De academia Paris, p. 95. Du Boulay p. 4. Savigny und 
andere folgten Du Boulay. 

^^^) P. 693 neigt er sich mehr dahin den Ausdruck im Sinne von ma- 
gister regens zu nehmen. 

162) Bei Jourdain n. 274. 

163) So besonders Jourdain p. 47 a Anm. 1 und p. 66 b Anm. 1, und 
Thurot 1. c. p. 16 Anm. 2. 



2. Paris. Alter und Charakter der Nationeneintheilung. 89 

tale scolarium' mit einem magister regens identificiert"*). Die 
Frage nach der Richtigkeit dieser Ansicht vorläufig bei Seite 
lassend, bemerke ich* dass es nicht angezeigt ist bei zu erweisenden 
Stellen sich von vorneherein auf jenen Act zu berufen. Die Ar- 
tisten stellten darin die Thatsachen gerade so dar, wie sie sie 
für den Augenblick brauchten, und scheuten auch vor Fälschungen 
nicht zurück ^•*). Dasselbe könnte ebenso gut an dieser Stelle 
der Fall gewesen sein. 

Allein trotzdem ist die eben genannte Ansicht die richtige. Der 
Zeitgenosse Roger von Hoveden erzählt uns die Veranlassung zum 
Acte Philipps. Ein Diener eines vornehmen deutschen Scholaren 
wurde in einer Weinschenke geschlagen. Darauf entstand ein 'con- 
cursus clericorum teutonicorum', es kam zu einem blutigen Con- 
flikt zwischen ihnen und den Bürgern, die dann 4n hospitium 
clericorum teutonicorum' bewaffnet einbrachen und jenen Deut- 
schen mit einigen seiner Landsleute ums Leben brachten. Die 
^magistri scholarum' nahmen sich der Scholaren an und klagten 
beim Könige, der dann aus Furcht, ^quod magistri scholarum et 

m 

scholares a civitate sua recederent' jenen Act erliess^"). Aus 
diesem Berichte erfahren wir einmal, dass die Scholaren derselben 
Gegenden zusammenhielten; wenigstens wird es hier ausdrücklich 
von den Deutschen gesagt. Wir erfahren ferner, dass es sich 
nur um Scholaren und magistri scolarum handelte. Man liest 



1^) S. Jourdain p. 47 a. 

16&) Hier nnr ein Beispiel. Gegen den Kanzler woUen die Artisten be- 
weisen, dass die Magister das Recht zu examinieren haben, und zwar in Folge 
der Bulle Parens scientiarum, Gregor IX. sage nämlich darin: De fisicis autem 
et artistis cancellarius bona fide permittet examinare magistros etc. Jourdain 
p. 48a. Im Originalacte (Universitätsarchiv Ms. th. V.) steht in der That 
pomittet. Nun sagt aber Gregor IX. nicht ^^«rmittet, sondern promittet, was 
einen ganz andern Sinn gibt. In den zwei oben S. 73 Anm. 100 citierten 
OriginiJien ist ^promittet' sogar ausgeschrieben; im Archiv Yat. l. c. steht die 
Abkürzung far 'pro'. Da den Artisten das 'promittere* im Wege stand, 
machten sie ^permittere' daraus, um so die Leser zu düpieren. Dass die Rö- 
mische Curie diesen Act verwerfen musste, versteht sich von selbst. S. Jour- 
dain n. 276. Das Original der päpstl. BuUe im Nationalarchiv zu Paris, 
M. 67 n. 10. 

1^) Chronica mag. Rogen de Houedene ed. Stubbs IV, 120. 



90 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

nicht, dass ein Rector, oder die Natio anglonim, zu denen später 
die Deutschen gehörten, sich der gekränkten Scholaren annahmen, 
nein, lediglich die Professoren standen f(ir sie ein. Da nun der 
König den Act aus Furcht erliess, dass die Professoren und 
Scholaren die Stadt verliessen, musste er in demselben ebenso 
die erstem wie die letztern fQr die Zukunft schützen. In dem 
ganzen Acte kann aber nur der Ausdruck ^capitale scolarium' 
auf den magister regens bezogen werden, und so finden wir in 
der That die Erkläiimg in dem eben citierten Anklageacte vom 
J. 1283—1284 bestätigt. 

Eine weitere Erhärtung erhält diese Thatsache durch eine 
Bemerkung in Philipps Document in Bezug auf die Canonici in Paris. 
Der König sagt: . . . nolumus ut canonici parisienses et eorum ser- 
vientes in hoc privilegio contineantur, sed volumus ut servien- 
tes canonicorum parisiensium et eiusdem ville canonici ean- 
dem libertatem habeant, quam eis predecessores nostri observare 
debuerunt et nos eisdem observare debemus ^*'). Warum erwähnt 
hier Philipp August auch die Canonici von Notre Dame? Weil 
eben auch sie magistri regentes waren. Er nimmt sie aber aus, 
weil sie bereits alte Privilegien hatten, in Folge deren sie auch 
in der Universität einer Ausnahmsstellung sich erfreuten, gleichwie 
auch Gregor IX. in seiner Bulle Parens scientiarum die Ca- 
noniker in ihren alten Freiheiten beliess^*®). 

Wenn aber im Acte Philipp Augusts noch nicht der Rector 
genannt wird, wann erscheint er dann zum ersten Male? Wie 
wir alsbald sehen werden erst im J. 1244. Ist aber dem also, 
wie kann man dann noch behaupten, die Artisten oder die Scho- 
laren hätten von jeher einen Rector gehabt? 



167) Du Boolay p. 3 hat hier wider einen Yöllig defecten Text Statt 
'nolumus' hat er 'volumus', statt * canonicorum parisiensium': 'tantum Pari- 
sius'. Obige Stelle eitlere ich nach dem Original in den M^moires etc. p. 251. 
Ganz gleich schreibt die alte Gopie im Cod. Ottob. 2796 Bl. 29b. 

168) Auch hier besitzt Du Boulay p. 141 einen wie absichtlich defecten 
Text, der den Sinn gibt: der Kanzler soll den Canonikem nicht die con- 
silia magistrorum mittheilen, während nach dem Originale Tarisiensibus ca- 
nonicis libertate ac jure in incipiendo habitis in sua manentibus firmitate' 
ein selbständiger Satz ist. Nationalarchiv zu Paris L. 242 n. 76 ; M. 257 c n. 5. 



2. Paris. Alter und Charakter der NatioDenemtheilang. 91 

Fassen wir unsere Resultate zusammen, so ergibt sich, dass 
die Gruppierung in vier Nationen noch keineswegs im Anfange 
des 13. Jhs. vor sich gegangen war, wenngleich die Scholaren 
derselben Länder naturgemäss zusammenhielten. Aber diese in 
solcher Weise entstandenen Gonsortia hatten in keiner Weise 
autonome Rechte, am wenigsten war ihnen oder der Gesammt- 
heit ein aus ihrer Wahl hervorgeganger Rector oder ein Haupt 
vorgesetzt. Hiemit fallt natürlich die Ansicht, als hätten die 
Artisten Ende des 12. oder anfangs des 13. Jhs. zu den Nationen 
gehört, oder als hätte es von Alters her eine Universität der 
Artisten gegeben. 

Nun erscheint aber der ganze erste Paragraph nur mehr als 
(Konsequenz dieser Ausführungen. Wenn Anfangs des 13. Jhs. 
noch nicht die vier Nationen bestanden, so versteht es sich von 
selbst, dass diese nicht identisch sind mit der Universität, die 
der oben citierten Littera vom J. 1254 nach zu schliessen bereits 
Ende des 12. Jhs. bestand, oder wenigstens entstanden ist. Wir 
finden es nun begreiflich, warum sich die Artisten -Magistri 
ebenso wie die Professoren der übrigen Fächer zur Facultät 
bilden konnten, und wir haben nunmehr auf einem andern Wege 
das oben ausgesprochene Resultat gefunden, dass die Artisten- 
Facultät nicht identisch war mit den Nationen. Der Satz bleibt 
für immer bestehen: 'Der Grundstock der Universität war die 
Vereinigung der Lehrer der verschiedenen Disciplinen, die sich 
dann nach und nach in die vier Facultäten schieden. Weit ent- 
fernt, dass die vier Nationen die Universität bildeten, ist es mehr 
als wahrscheinlich, dass sie zur Zeit der Entstehung der Uni- 
versität noch gar nicht als solche existierten'. 

Aber wie haben sich dann die vier Nationen gebildet, und 
wie kamen die Artisten mit ihnen in Verbindung? Wie ich be- 
reits Eingangs bemerkte, treten uns die vier Nationen zuerst im 
J. 1249, und zwar als existierend, entgegen"'). Damals gehörten 
auch bereits die Magistri artium zu ihnen. Wie kam es nun 
dazu? Da kein einziges Document darüber vorhanden ist, lassen 
sich nur Vermuthungen aufstellen. 



1^9) s. das Actenstück bei Du Boulay p. 222. 



92 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Vergleicht man die Pariser Eintheilung in vier Nationen mit 
ähnlichen Erscheinungen in Italien, so findet man, dass jene Ein- 
theilung sich nichts weniger denn von innen heraus und spontan 
ergeben hat. Bei einer spontanen Entwicklung hätten sich ganz 
andere Gruppen bilden müssen. Paris war vielleicht mehr der 
Sammelplatz der Schüler aller Nationen, wie Bologna. Nun sehen 
wir aber in Bologna Hauptgruppen entstehen, die so ziemlich 
das ganze civilisierte Europa umfassten: Tuschen, Lombarden, 
Catalanen, Francigenae, Deutsche resp. Engländer. In diese 
Hauptgruppen reihten sich spontan oder wenigstens leicht die 
angränzenden oder verwandten Nationen. Ganz anders in Paris. 
Die vier Gruppen umfassten eigentlich nur Frankreich und Eng- 
land, alle übrigen Nationen mussten sich, ohne dass sie auch die 
geringste Beziehung zu einer der vier Nationen gehabt hätten, 
einfach einschachteln lassen. Drei Hauptgruppen liegen innerhalb 
von Frankreich und Belgien (Gallicorum, Picardorum, Normannorum), 
und nur die vierte ausserhalb (Anglicorum). Also vom ganzen 
Süden, von Spanien, von Italien, um von Deutschland, dessen 
Söhne nicht weniger eifrig als die anderer Länder Paris auf- 
suchten ^•**) , nicht zu sprechen, ist keine Rede. Hätten sich 
wohl die Gruppen in solcher Weise gebildet, wenn sie das Re- 
sultat einer naturgemässen Entwicklung gewesen wären? Dies 
ist mehr als zweifelhaft. 

Bei einer naturgemässen Entwicklung wären zudem die Unter- 
abtheilungen ebenso organisch gegliedert gewesen, wie in Bologna. 
Allein in Paris war nur 6ine Nation abgetheilt. Die Verzeichnisse 
hierüber bei Goulet*'°), Du Breur'') und Du Boulay*'*) sind aus 
später Epoche. Es ergibt sich vielmehr, dass noch im ganzen 
14. Jh. die Unterabtheilungen sehr lückenhaft waren. Man findet 
nämlich in den Rotuli, welche die Facultas artium in den Jahren 



169a) Arnold von Lübeck sagt im Beginne des 13. Jhs., dass die Dftnen, 
'nsum Teatonicomm imitantes' ihre vornehmeren Söhne nach Paris schickten, 
wo sie ausser Theologie und artes 4n negotiis ecclesiasticis tractandis boni 
decretiste sive legiste comprobantur.' Bei Leibnitz, SS. rer. Brunsv. Ü, 657. 

170) Compendium recenter editum etc. Bl. 3 b ff. 

171) Du Breul, Th^atre des antiquit^s de Paris. Paris 1639 p. 456. 
17«) Du Boulay p. 558 ff. 



2. Parig. Alter und Charakter der Nationeneintheilimg. 93 

1348''')? 1362"*) und später an den Papst sandte, dass einzig 
nur die natio gallicana in Provinzen, nämlich in die provincia 
Parisien., Senonen., Remen., Turonen., Bituricensis eingetbeilt 
war, und eine Bemerkung in der Einleitung zu den Rotuli lässt 
darauf schliessen, dass damals, und mithin auch früher, nur die 
natio gallicorum Unterabtheilungen besass, nicht aber die andern 
3 Nationen"*), wenngleich zu ihnen, und zwar hauptsächlich zur 
natio anglicana, verschiedene Länder oder wenigstens Landstriche 
gehörten. Und gerade die Art und Weise, wie dieses berichtet 
wird, bestätigt unsere Ansicht "•), so dass auch über diesen Punkt 



1^) Reg. Sappl. Clemens VI. an. 8 p. 2 Bl. 183. 

iW) Bfig. Suppl. ürbani V. an. 1 p. 1 Bl. 135 a. 

17^) Im Botulas vom J. 1348 heisst es gleich Eingangs: cum dicta fa- 
cultas arciom in hoc rotolo sit divisa m quatuor naciones, qaarum prima est 
nado gallicana, secunda picardorum, tercia Normannomm et quarta Angli- 
comm, et in nacione gallicorum sint quinque pro?inciei quamm prima est 
Parisien., secunda Senonen., tercia Remen., quarta Turonen , et quinta Bitu- 
ricen. etc. Ebenso im Rotolus vom J. 1362, Reg. Suppl. Urbani Y. an. 1 
p. I BL 135 a. W&ren auch die übrigen Nationen in Provinzen getheilt 
gewesen, so hätten sie ebenso genannt werden mtlssen, denn es war 
kein Grund vorhanden hier dies zu verschweigen. — Es folgt darauf die Pe- 
titio der natio gallicana für den Procurator, dann die Nomina magistroram 
der einseinen Provinzen und ihre Bitten von einander getrennt. 

17^ Sowohl bei dem Rotulus nationis Picardorum, als bei jenem Nor- 
mannomm wird weiter keine Unterabtheilong angegeben. Beim Rotulus na- 
tionis anglicanae vom J. 1362 (Bl. 159a) heisst es aber im Eingange: Sanctitati 
vestre supplicat insuper devota filia vestra universitas Paris, pro omnibus et 
Bingulis magistris actu regentibus in arcium facnltate anglicane nacionis, sub 
qoa nacione continentnr et reducuntnr omnes ad Studium Paris, venientes de 
Imperio fere omnis alamannie, et alii de aliis que in circuitn sunt regnis, 
videlicet üngarie, Bohemie, Polonie, Suecie, Dacie, Norwegie, Scocie, Anglie, 
Tbemie etc. Wie bei den zwei vorhergehenden Nationen, so werden bei 
dieser dann alle Magister nur unter der einen Nacio anglicana aufgeführt, 
80 dass also auch diese nicht in Provinzen abgetheilt war. Die Natio Nor- 
mannomm wurde überhaupt nie weiter getheilt, was selbst Du Boulay wusste. 
Anch in dem viel kleinem Rotulus artistarum Paris., der 1365 eingesendet 
and in Avignon 16 El. Jnl. an. 3 unterschrieben wurde (Reg. Suppl. Urb.Y. an. 3 
p. 2 Bl. 101a), erscheint nur die natio gallicana, nicht die übrigen Nationen 
in Provinzen getheilt. In der Vorbemerkung zur natio anglicana heisst es 
nur, sie enthalte XI regna. Bl. 107 b. Selbst noch in den 1383 und 1387 



94 IL Entstehung der ältesten ümyersitftten. 

alle bisherigen Angaben nur auf Irrthum beruht haben"'). 
Die Eintheilung dieser Nationen in Provinzen datiert also aus 
späterer Zeit. Nur in Bezug auf die natio anglicana exi- 
stierte' vor 1321 (1322) der Usus, sie in provincia anglicana und 
provincia non anglicana zu gliedern. Im genannten Jahre brach 
nämlich eine Zwistigkeit 4nter provinciam anglicanam et un- 
decim regna ipsius nationis, que vocabantur provincia non angli- 
cana' wegen der Wahl des Rectors, Procurators, Bedells, der 
Examinatoren u. s. w. aus. Sie wurde geschlichtet, und der dar- 
über ausgefertigte Act 1333 von der ganzen Universität be- 
stätigt*"). Seit dieser Zeit verlor sich die Unterscheidung in 
provincia anglicana und non anglicana"'*); man gebrauchte aber 
vereinzelt den Ausdruck provincia Alemannye""), ohne dass von 
andern Provinzen eine Rede wäre. Man stritt sich jedoch hie 
und da um die Diöcesen'**). 

Um so auffalliger und unnatürlicher erscheint aber gerade 
deshalb die Eintheilung in obige vier Gruppen. Denn hätten 
diese mehrere Provinzen unter sich gehabt, so wäre noch immer- 
hin eine spontane Entwicklung voraussetzbar, obwohl selbst in 
diesem Falle die nähere Betrachtung der Unterabtheilungen der 
Natio Gallicorum dagegen sprechen würde. Zur Provinz Bourges 
z. B. gehörte später ganz Spanien und Italien, vom Oriente 
gar nicht zu reden. 

Wir mögen die vier Nationen von welch immer für einer Seite 
betrachten, so ergibt sich: Die Nationeintheilung in Paris 



an den Gegenpapst Clemens VIL eingesendeten Rotali ist nur die natio gal- 
licana in Provinzen getheilt. Reg. Suppl. dem. YII. an. 1 p. 5 Bl. 127. 
an. 9 p. 2 BL 9a. 

^77) So besonders die Angaben bei Du Bonlay 1. c. und V, 864 1 Rich- 
tiger Thurot p. 21 f. 

^7^) Im Universitätsarchiv zu Paris existiert der Originalact Carton 14, 
Nation d'Allemagne, 2e Hasse, und bei Joordain, Index chronol. n. 526. 

^'^^) Tharot sagt p. 20, die Unterscheidung sei 1331 abgeschafft worden. 
Davon kommt jedoch im Acte selbst nichts vor. Von den 12 regna, wie non 
gesagt wurde, sollte nur kein einziges ein Praerogativ vor den übrigen besitzen. 

180J Reg. nat. anglicanae (Universit&tsarchiv zu Paris) HI, Bl. 49 zum 
J. 1363. Vgl. jedoch ibid. Bl. 6 a. 

181) Z. B. 1346. Ib. BL 31b. 



2. Paris. Alter und Charakter der Nationeneintheilang. 95 

gründet sich nicht auf eine spontane Entwicklung, sondern sie 
ist künstlich, sie ist gemacht worden, und zwar ebenso 
wie später an den Universitäten Prag, Wien und Leipzig. Höchst 
wahrscheinlich ist sie in Bezug auf die Zahl eine Nachahmung 
ähnlicher Verhältnisse an italienischen Universitäten in den ersten 
Decennien des 13. Jhs., in Betreflf der Benennung aber achtete 
man nur darauf, welche Nationen am zahlreichsten vertreten 
waren. Da nun in den ersten Decennien des 13. Jhs. die Fran- 
zosen, Picarden, Normannen und Engländer das grösste Contin- 
gent lieferten, wurden auch die vier Gruppen nach ihnen benannt, 
und weil man nicht von der Vierzahl abgieng, fiel jede andere 
Gruppe aus**"). Wie sich im weitem Verlaufe ergeben wird, 
war Italien hierin viel glücklicher, Dank der organischen Ent- 
wicklung in Bologna, in Folge welcher auch die Nachahmungen 
an italienischen Universitäten der ersten Zeit ganz anders aus- 
fielen« Und selbst die dortige spätere Reducierung auf zwei Corpora- 
tionen war weit vortheilhafter, obgleich man natürlich nicht ver- 
gessen darf, dass die Corporationen in Italien in mancher Be- 
ziehung etwas anderes waren, als die Nationen in Paris. 

Aus dieser Art und Weise der Eintheilung in Nationen er- 
gibt sich aber, dass die Anfangs des 13. Jhs. bereits existierenden 
Associationen unter den Scholaren, von denen Jacob de Vitry 
spricht, und auf die der Bericht Rogers von Hoveden schliessen 
lässt, obgleich sie sich naturgemäss bildeten, ohne Einfluss auf 
die Nationeneintheilung geblieben sind. 

Fragt man nun aber nach dem Grunde der Gliederung in 
Nationen, so stimme ich Paulsen vollständig bei, dass sie vor- 
nehmlich für die Zwecke der Verwaltung geschah; setze aber 
hinzu, dass sie nicht weniger die allgemeine Disciplin im Auge 
hatte. Die Eintheilung wurde nämlich in erster Linie wegen der 
Scholaren vorgenommen, die in ungemein grosser Anzahl zu Paris 



i«) Die Behaaptang, welche Paulsen jüngst ausgesprochen hat, aus 
dem üniversitätsorte als Mittelpunkt sei die ganze Christenheit in vier Quar- 
tiere eingetheilt worden, verdient keine Berücksichtigung (s. Sybels Hist. 
Zsch. 1881 S. 387). leh glaube denn doch, dass in diesem Falle die vier 
Qoartiere etwas anders ansgeÜAUen wären nnd man nicht den Osten und Süden 
▼ergessen h&tte. 



96 II- Entstehung der ältesten Universitäten. 

sich aufhielten'®^). In dieses Chaos konnte nur durch Scheidung 
Ordnung gebracht werden. Sie hatte zur Folge, dass jede einzelne 
Gruppe, resp. Nation, fiir die derselben angehörenden Mitglieder 
sorgte, da jede dieser Nationen eine Genossenschaft für sich 
bildete. Während alle Nationen untereinander vorzüglich in dem 
einen von ihnen gemeinschaftlich gewählten Rector zusammenhien- 
gen, stand an der Spitze jeder einzelnen Nation ein von ihr ge- 
wählter Procurator. 

Ein nicht ganz unähnliches System hatten die Franciscaner 
für ihre sehr zahlreichen Schüler in Paris im 13. Jh. einge- 
führt. Der hl. Bonaventura verordnete nämlich als General 
c. 1268 'pro studentibus illuc (in Paris) de toto ordine acceden- 
tibus, quod secundum quatuor octonaria provinciarum videlicet 
Hispanorum, Alemannorum, Lumbardorum et Romanorum essent 



183) Thurots Behauptungen, De Porganisation de Penseignement dans 
Paniversit^ de Paris p. 33 n. 1 nnd ib. Corrections p. 3 f., in Betreff der Anzahl 
Studierender werden nicht bloss durch die von ihm Corrections p. 4 aufgeführ- 
ten Zeugnisse widerlegt, was selbst Schwab, Johannes Gerson S. 78 einsah, 
sondern auch durch die oben citierten Rotulii auf die ich in Bezug auf diesen 
Punkt alsbald zurückkommen werde. Die von Thurot angegebene Zahl 1500 
resp. 1700 erreichte nahezu in einem Rotulus, in dem die wenigsten Schola- 
ren aufgeftlhrt werden, aUein die Universität Toulouse, wie wir unten sehen 
werden, üebrigens darf man nicht vergessen, dass wenn in Paris die Ma- 
gistri vom 13. bis zum 14. Jh. in Zunahme waren, die Scholaren wegen der 
neu entstandenen oder mehr zur Blflthe gekommenen Universitäten in Ab- 
nahme waren. In jener Zeit, von der ich oben spreche, war Paris neben Bo- 
logna Alles. Und während damals die Engländer so stark an der Universität 
vertreten waren, dass nach ihnen eine der vier Nationen benannt wurde, 
finden wir sie im 14. Jh. selten mehr an derselben, wie sich aus dem Re- 
gistrum nationis anglicanae ergibt. Am zahlreichsten erscheinen noch im J. 1345 
(II, Bl. 51a). Sie wurden an ihren einheimischen Universitäten zurück- 
gehalten. Ebenso waren die Schweden und Dänen gegen früher in Abnahme, 
nnd es geschah dies immer mehr, wie ein Vergleich der 2. Hälfte des 14. Jhs. 
mit der ersten Hälfte im Reg. nationis anglicanae ergibt. Nur die Schotten 
waren immer in ziemlich gleicher Anzahl vorhanden, während aUerdings die 
Deutschen besonders seit Mitte des 14. Jhs. zunahmen. Böhmen, Ungarn, 
Polen und andere Völker können hierin natürlich mit den Deutschen keinen 
Vergleich aushalten. So kam es, dass die Natio anglicana im 14. Jh. im Ver- 
hältniss zu jeder der übrigen 3 Nationen unverhältnissmässig klein war. 



2. Paris. Alter and Charakter der Nationeneintheilang. 97 

ibi quatuor assistentes, qui pro studentibus utilia proponerent et 
humiliter procurarent'^**). 

Es ist klar, dass durch die Nationeneintheilung die Ver- 
waltung uud Beaufsichtigung vereinfacht ward. Deshalb wurde 
auch die grösste Gruppe, nämlich die natio Gallicorum, noch in 
fünf weitere Provinzen abgetheilt. Dass aber diese Eintheilung 
in erster Linie zu Zwecken der Verwaltung geschah, beweist der 
soeben bemerkte Umstand, dass jede der Gruppen einen Procu- 
rator an der Spitze hatte, weshalb man jedoch die Procuratoren der 
vier Nationen zu Paris, Savigny folgend, nicht mit den Consiliarii 
an den italienischen und spanischen Universitäten durchweg ver- 
wechseln darf. An den letztem waren die Consiliarii, wie ja 
auch der Name andeutet, in erster Linie die Räthe des Rectors, 
der auch von ihnen gewählt wurde; in Paris waren die Procu- 
ratores vor Allem wirkliche Procuratoren der Nationen, die an- 
fänglich, wie sich schliessen lässt, mit dem Rector nicht in di- 
recter Berührung standen, wenigstens wählten bis zum J. 1249 
nicht sie den Rector, wie sich aus einem Actenstücke dieses Jahres 
ergibt'"). Es kann sogar sein, dass sie früher bestanden als 
der Rector. 

Welche Elemente schlössen aber diese vier Nationen in sich? 
Wie bereits oben bemerkt wurde, treten sie uns im J. 1249 als 
gemischte Scholarenverbindung entgegen. Nicht bloss die Scho- 
laren, sondern auch die Magistri artium mit ihnen waren in vier 
Nationen abgetheilt. Warum dies? Einmal waren die Artisten 
schon in den ersten Decennien des 13. Jhs. zahlreicher als die 
übrigen Professoren. Jedoch dieser Umstand allein hätte nie 
den Ausschlag gegeben, die Magistri der Artisten den Scholaren 
beizuzählen. Der eigentliche Grund dieser Erscheinung ist viel- 
mehr dieser, dass nach der Anschauung des Mittelalters und be- 
sonders des 12. und 13. Jhs. das Studium der Artes nur Vor- 
bereitung zu dem Studium der übrigen Wissenschaften war, so 
dass der Grundsatz galt, man dürfe in den artes nicht ruhen. 



IM) So in der handschriftlichen Chronik der XXIV Generäle. Cod. 53 
Leopold Gadd. der Laurenz, in Florenz (Nicht paginiert). 
1^) Bei Da Bonlay p. 222. 

DtaifU, IH« UniT«nitftt«ii I 7 



98 U. Entstehung der ältesten Universitäten. 

In Folge davon blieben im Grunde genommen die Artisten, auch 
wenn sie das Magisterium erhalten hatten, Scholaren, wenigstens 
in Bezug auf die höhern Wissenschaften, und sie wurden in dieser 
Hinsicht auch als solche behandelt. Sie theilten demnach auch 
noch in Zukunft alle Bedingungen der Scholaren, bis sie mit dem 
Magisterium in einer andern Wissenschaft das Niveau des Scho- 
larenthums überschritten hatten. In Folge davon traten sie aus 
den vier Nationen aus. 

Da dieser Punkt, so wichtig er auch ist, bisher zu wenig 
Berücksichtigimg gefunden und man ihn, wenn man ihm Beach- 
tung zu Theil werden liess**®), doch nie für diese Frage ver- 
werthet hat, so lohnt es sich der Mühe etwas länger bei ihm zu 
verweilen. Es wird sich ergeben, wie grundlos Hubers Behaup- 
tung ist, die 'facultas artium' sei ursprünglich die angesehenste 
Facultät gewesen*®^). 

Dass die Philosophie nur vorbereitend, und das eigent- 
liche Ziel die Theologie sei, hat bereits Abaelard ausge- 
sprochen**®), um hier nicht auf die frühere Zeit einzugehen. 
Sowohl in der Abaclardschen Schule als ausserhalb derselben 
war dies ein bekannter Grundsatz. Eines der interessantesten 
Beispiele bietet uns die theologische Summe 'Omnes sitientes'. 
Walter von S. Victor bezeichnete sie Ende des 12. Jhs. als 'Sen- 
tentie divinitatis' voll von Haeresien, und er schrieb sie Abae- 
lard zu**'). Seit 6—7 Jahrhunderten sprach man entweder nicht 
mehr von dieser Summe, oder machte, weil sie nicht mehr 
kennend, falsche Combinationen. Man wusste von ihr nur aus 
Walter, da es nicht gelang sie wider aufzufinden. Ich war so 



18«) So bei Vischer, Gesch. der Universität Basel. Basel 1860. S. 157. 
Sybels Eist. Zsch. 1881 S. 398. 

187J Die engl. Universitäten I, 44. 

189) So gleich im Beginne seiner Theologie oder Sacrae conditionis 
summa, die in unsern Ausgaben den verfehlten Titel 'Introductio ad theolo- 
giam' führt. Opp. ed. Cousin II, 2 f. 

189) De quatuor Labyrinthis im Originalcodex n. 379 der Arsenalbibl. 
zu Paris, Bl. 43a. Er sagt: Fertur etiam hie liber Petri Abailardi fuisse 
aut ex libris eius exceptus. Er bringt auch aus demselben Excerpte. Du 
Boulay hat II, G29fif. aus Walter solche mit andern abgedruckt 



2. Paris. Alter ond Charakter der Nationeneintheilung. gg 

glücklich sie in 2 Münchner Hss. (n. 18918 und 16063) zu ent- 
decken, von denen die erstere den reinem Text bietet. Mir er- 
gab sich, dass sie nicht Abaelard zum Verfasser hat*'^), wohl 
aber einen Schüler, der jedoch oft vom Meister abwich*'^). In 
der Einleitung nun erörtert der Autor weitläufig, dass man weder 
in den Philosophen noch in den Artes ruhen, sondern sie nur 
a liminibus begrüssen dürfe, denn sie hätten ein unsicheres Fun- 
dament Sie dienten nur als Weg zur Theologie, die eine sichere 
Grundlage habe u. s. w. *"). Johann von Salisbury schildert eben- 
falls das Fruchtlose, falls man nur in der Dialektik ruhe^'^), und 
Peter von Blois schreibt ihm denselben Gedanken nach ****). 
Giraldus Cambrensis spricht ähnlich*^*); er selbst wolle 'super 
artiam et literature fundamentum legum et canonum parietes in 
altum engere, et sacrum scripture theologice tectum a superiori 
concludere' ^^•). Nach Robert von Melun sind die Artes nur in- 
strumentum veritatis. '£am quippe solam artes liberales habent 



i90j Rheinwald, Petri Abaelardi Epitome Theologiae christianae, Vorrede 
p. Xni hielt sie, obwohl sie nicht kennend , mit Recht für verschieden von 
den von ihm herausgegebenen Sentenzen, wogegen Deutsch, Peter Abaelard, 
Leipzig 1883, es für möglich hält, dass sie identisch seien (S. 453 f.)- 

191^ Der Nachweis folgt in der von mir und Ehrle herausgegebenen 
Zsch. Archiv fOr Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters. 

^^) Cod. lat. Mon. 18918 Bl. 81a: Carmina poetarum et philosophorum 
dicta non propter se sed propter aliud debent legi, sc. ut erudicius et fa- 
cnndius divinae paginae studeamus, primitias inquam offerendae sunt, quia 
non debemus in eis consenescere, sed potius a liminibus salutare . . . Non 
est autem consenescendnm in artibus, sed a liminibus sunt salutandae, de 
ipsis transenndum est ad sacram paginam propter quam in eis ad tempus 
Btudendum est. Ideo propter se non est appetendum verum illud rationis, 
qnod est et inquiritur in artibus, quoniam debile et instabile habet funda- 
mentum . . . Artes sine divinitate cassae sunt . . . quibus velut semitis ad 
ea qnae sunt in divina scriptura debemus attolli. Ebenso Cod. 1. Mon. 
16063 Bl. 3. 

193) Metal. n c. 9 p. 866 (Migne, Patrol. lat. 199): Neque enim magnum 
et! . . . n in illis dnntaxat versetur, que nee domi, nee militiae, nee in foro, 
nee in claostro, nee in curia, nee in ecclesia, imo nusquam nisi in schola 
prosont. Vgl. auch c. 7. 

19*) Ep. 101 p. 312 (Migne, Patrol. 1. 207). 

1»*) Opp. ed. Brewer II, 850 f. 

19«) Opp. I, 43. 410. Vgl. IV, 9. 

7* 



100 II* Entstehung der ältesten Universit&ten. 

dominam, ei subiectionis debito famulantur' ^•^). Nach Gregor IX. 
dienen alle Wissenschaften der Theologie*"); speciell die artes 
liberales sind eine Vorbereitung zu derselben. Er sagt: 'Prius 
equidem iuniores, ut fiant docibiles in conflatorio liberalium, cu- 
dunt malleis indefessi exercitii et preparant vasa sua, quibus 
aquas auriant sapientie salutaris' ^^'). Er lehrt dies speciell in 
Bezug auf Paris. Auch Petrus Gomestor sieht in den artes nur 
ein Fundament *°°), und Jacob de Vitry erlaubt das Studium in 
der Grammatik, Dialektik und^Rhetorik, weil sie 'preparant adi- 
tum ad scientias pietatis'; nicht so aber die quadruvales*®'). 
Man nannte deshalb die Artes 'scientiae adminiculantes ad theo- 
logiam'*®*). Odo von Chä,teauroux spricht einen ähnlichen Ge- 
danken aus, und sieht die artes als Fundament an, beifügend, 
man solle die artes nur als 'via' und 'adminiculantes' be- 
trachten, nicht aber als 'terminus' und 'finis"°^). In der Summa 
dictaminis des Proven^alen Pontius begegnen wir keinen andern 
Ideen"*). 

Diese übereinstimmenden Gedanken, die man um viele ver- 
mehren könnte, erhärten zur Genüge meine Behauptung. Sie 
wurden in Paris schon frühzeitig praktisch umgesetzt Der Car- 
dinallegat Robert de Couren bestimmte 1215 für die Theologen, 
'quod nuUus Parisius legat citra trigesimum quintum aetatis suae 
annum et nisi studuerit per octo annos ad minus, et libros fide- 
liter et in scholis audiverit, et quinque annos audiat theologiam. 



^^7) So in seinen Sentenzen. Cod. 191 zu Brflgge. 

198) Reg. Tat. an. 5 ep. 58 Bl. 90b: Cum sapientie sacre pagine relique 
scientie debeant famulari etc. 

1^) Ibid. an. 6 ep. 346 Bl. 99 b. Das Schreiben, an sich höchst inter- 
essant, ist an den König gerichtet in Bezug auf den Kanzler Philipp. 

^) In dem Sermo de S. Augustino. Cod. Paris. 14589 Bl. 40 a. 

^^^) So im Sermo coram scolaribus. Cod. Paris. 17509 Bl. 32a. Aehn- 
lich spricht in Bezug auf die Artes Peter Cantor. Cod. Paris. 14521 BL78b. 

^^) So Robert de Sorbonne im Sermo ad scolares in der Predigtsamm- 
lung des Peter von Limoges. Cod. Paris. 15971 Bl. 198 a. Auch ihm ist 
es klar, dass die artes aUein nicht genügen. 

^) Sermo 3. dorn. II. post Pentecost. Cod. Paris. 15948 BL 18a. 18b. 

^ Cod. 190 in der Abthlg. RipoU im Archivo de 1a Corona de Aragon 
zu Barcelona (Bl. 19b; 21b). 



2. Paris. Alter and Charakter der Nationeneintheilung. IQl 

antequam privatas lectiones legat publice'"*). Thurot und mit 
ihm andere haben diese Worte so verstanden, als bezögen 
sich die acht Jahre Studiums auf die Theologie'®*). Dies ist 
jedoch irrig. Es heisst zuerst ganz allgemein, der künftige 
Lehrer der Theologie müsse 8 Jahre studiert haben. Von diesen 
8 Jahren müssen aber 5 auf das Studium der Theologie ver- 
wendet werden. Wozu aber dann die übrigen 3 Jahre? 
Während dieser Zeit sollten eben die Artes studiert werden. 
Allerdings war damals noch nicht das Magisterium in artibus 
ftr die Theologen vorgeschrieben. Allein trotzdem finden wir, 
dass schon seit langem viele Scholaren der Bechte, besonders 
aber der Theologie Magistri in artibus waren. So z. B. Stephan 
Langten**^'), Simon von Tournay'®'), Clarus de Sesto, Boland 
von Cremona, Jordan von Sachsen '°'), Humbert von Bomans, 
Lanrentius de Filgeriis"*), Wilhelm von S. Amour'"), Odo von 



^) Bei Da Boolay p. 82. 

^^) De rorganisation etc. p. 110. 

^7) Heinrich von Gent, De yiris illustribus. Cod. Paris. 314. lat. nouY. 
acqu. Bl. 77 a. 

««) Ibid. BL 76b. 

S09) Dass Jordan magister in artibus war, l&sst sich ziemlich bestimmt 
nachweisen. Bereits in dem Catalog der Scripta Magistroram sive baccaiar. 
Ord. Praed. (Gisterc. Biblioth. zu Stams in Tirol. Cod. 1 am Schlüsse des 
Bandes), dessen Abfassungszeit in die Regierungsjahre des Generals Stephanus 
Burg. (1292— 1295) fällt (dieCopie ist sp&ter), heisst es von ihm: scripsit... 
super Priscianum minorem. In Leipzig, Uniyers. Bibl. n. 1291 Bl. 92 a fand 
ich auch: Notula magistri Jordani super Priscianum minorem. Ob aber 
Jordan mit Jordanus Nemorarius dem Mathematiker identisch sei (cfr. Allg. 
Deutsche Biogr. XIV, 501 f.) ist mehr als zweifelhaft. Sicher aber war er 
kurz vor Eintritt in den Orden Baccalarius in theologia. Vitas Fratr. 
part. 3 c. 4. 

^^) Ueber die letzten 5 findet man die Nachweise bei Qu^tif-Echard, SS. 
Ord. Praed. I. unter den betreffenden Namen, wo auch die ältesten Docu- 
mente verzeichnet sind. 

^1) Am 27. Nov. 12B8 schreibt ihm Gregor IX. 'quod in artibus et 
iure canonico cathedram magistralem Parisius ascendere meruisti'. Reg. Yat. 
an. 12 ep. 344 Bl. 64b. Es ist dies die früheste Urkunde, worin Wilhelm 
von 8. Amour genannt wird. Wahrscheinlich gehört ihm und schrieb er in 
jener Zeit die Glosse tocius libri posteriomm G. de sancto Amore in n. 109 
der Abthlg. RipoU im Arch. de la Corona de Aragon zu Barcelona. Aus dem 



102 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Douai'"), u. s. w. Von den Medicinern sind es wenige, die nicht 
magistri in artibus waren, wie sich aus den verschiedenen Rotuli 
ergibt. Nichtsdestoweniger werden die magistri artium, wenn sie 
zugleich in einer hohem Wissenschaft studierten, nur als Scho- 
laren bezeichnet'*'). Und so bezeichnet das Magisterium 
in artibus nur einen Abschluss im artistischen Stu- 
dium, nicht aber einen Abschluss im Scholarenthum. 
Das Magisterium in artibus offenbarte an sich nur in Bezug auf 
die artistischen Scholaren einen höhern Grad, nicht so sehr aber 
überhaupt oder in Bezug auf die Scholaren der übrigen Fächer, 
eben weil das artistische Studium nur als Uebergangsstadium 
zum Studium der andern Wissenschaften angesehen wurde. 

Daraus ergibt sich nun als Consequenz, dass, wenn die Scho- 
laren in vier Nationen eingetheilt waren, eo ipso auch die Ma- 
gistri artium zu ihnen gehören, und unter derselben Eintheilung 
mit begriffen sein konnten. In der That bildeten die vier Nationen 
seit ihrer künstlichen Gliederung eine gemischte Scholaren Ver- 
bindung. In ihr nahmen die einfachen Scholaren der Artes, die 
noch nicht Magistri waren, den niedersten Platz ein, und es war 
deshalb nicht minder Consequenz, wenn sie bei der Wahl zu 
Aemtern innerhalb der Nationen weder active noch passive 
Stimme hatten. Das Magisterium in artibus war dazu erfordert 
Jedoch genügte auch dieses allein nicht zu allen Stellen, da ja 
wie wir gesehen, dasselbe nur in Bezug auf die artistischen 
Scholaren einen hohem Grad bezeichnete, nicht aber in Hinsicht 



Schreiben Innocenz lY. Yom 3. Sept. 1247 an den Magister Johannes geht 
hervor, dass Wilhelm damals Uheologie studio insistens' war. Uebrigens 
stimmen diese Facta dem Wesen nach mit dem Berichte des Matth. Paris 
in Chron. maj. ed. Luard. V, 598 f. überein. 

^^) So berichtet Matth. Paris 1. c, der dort auch in derselben Weise 
Christian Ganonicus von Beauvais and Nicolaus de Barro erwähnt. 

^^3) In einer Ordenschronik der Dominicaner aus der Mitte des 13. Jhs. 
(bei Mamachi, Ann. Ord. Praed. I. Append. p. 302 n. 12) heisst es z. B. von 
Jordan: 'hie cum esset Scolaris Parisius et probus in theologia'. Er wird 
einfach als Scholaris bezeichnet, obwohl er bereits Magister in artibus war und 
Theologie studierte. Noch zur Zeit des Ancharanus galt als ^Scolaris' jeder 
einschliesslich der Licentiaten. In VI. Decret. Prooem. p. 3a; Ancharan. 
nahm es aus Baldus. 



2. Paris. Alter und Charakter der Nationeneintheilung. 103 

aaf die Scholaren überhaupt. Und darum war wenigstens zur 
Erlangung des Rectorats noth wendig, dass sowohl die Wähler als 
der Gewählte ausserdem noch Baccalaurei in der Theologie, als 
dem Schlussteine des dortigen Studiums, wären, oder dass sie cur- 
sorisch dieselbe gelesen, bei Abgang dieser Eigenschaft aber 
wenigstens 6 Jahre als Magistri artium gelehrt hätten'**). Die 
Procuratoren mussten ebenfalls Magistri artium sein und konnten 
nur von solchen der einzelnen Nation gewählt werden. 

Bei dieser Sachlage versteht man sehr leicht, warum schon 
vom Anfange an die Mitglieder der Nationen geradezu als Ar- 
tisten aufgefasst werden, und man begreift wie es dazu kommen 
konnte, dass nach und nach die vier Nationen als Nationes Ar- 
tistarum bezeichnet wurden. Das gemeinsame Band für alle Mit- 
glieder der vier Nationen war eben das artistische Studium, mit 
dem sich die einen beschäftigten, die andern beschäftigt, theil- 
weise einen Grad in artibus erlangt hatten. Das artistische Stu- 
dium war das Gebiet, auf dem sich alle begegneten. 

Ebenso wenig Schwierigkeit liegt aber darin, dass die Ma- 
gistri regentes in artibus als Lehrkörper mit den Magistri der 
drei übrigen Facultäten das Gonsortium und die Universitas ma- 
gistrorum bilden konnten. Unter einem Gesichtspunkte gehörten 
sie zu den vier Nationen, unter einem andern zu der Universitas 
magistrorum, wenngleich sie trotzdem immer innerhalb der Nationen 
blieben. Und dieses Verhältniss blieb auch dann fortbestehen, 
als nach einigen Decennien die Facultas artistarum mit den vier 
Nationen identificiert wurde. 

Man kann nun beurtheilen, was es mit dem so oft betonten 
^Gegensatz' zwischen den Nationen und den Facultäten für ein 
Bewandtniss habe. Die Frage fällt für unsere Periode ganz weg, 



^*) In dem Goncordate vom J. 1266 heisst es, Mudum' sei das Statut 
erlassen und 'a nomiullis amiis' beobachtet worden, *qaod nuUus potest eli- 
gere, qni non potest eligi, quia intrantes iurati qui eligant rectorem debent 
habere vocem actiyam et passiyam, et qaod nuUas de magistris habet vocem 
passiyam ad electionem rectoris, nisi sit bachalareus in theologia vel legerit 
cnrsorie, vel rexerit per sex annos continue in Grammaticis, licet ad eligen- 
dtim intrantem sen electorem rectoris omnes acta regentes Parisius babeant 
Tocem activam'. Bei Da Boalay p. 380. 



104 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

weil die Nationeneintheilung einen ganz andern Zweck hatte als 
die Scheidung in Facultäten. Beide konnten sehr wohl neben 
einander bestehen. In Deutschland sprach man von einem solchen 
Gegensatze auf Grund der Einrichtungen an den ersten deutschen 
Universitäten, besonders an jener von Prag, und verlegte dann diesen 
dort gefundenen Gegensatz auch nach Paris, indem man von 
vorneherein annahm, die ersten deutschen Universitäten seien 
'gedankenlose Nachahmungen' von Paris gewesen***). Die Wahr- 
heit ist vielmehr, dass solche Behauptungen gedankenlos nieder- 
geschrieben werden. In Prag und in Wien z. B. gehörten alle 
Professoren der verschiedenen Facultäten ebenso zu den Nationen, 
wie die Schüler. Die Professoren und Schüler wurden ohne Aus- 
nahme in vier Nationen eingetheilt, und ausserdem existierte 
noch die Eintheilung in Facultäten. In Paris gehörten aber 
weder früher noch zur Zeit als die ersten deutschen Universitäten 
gegründet wurden die Professoren der drei Facultäten der Theo- 
logie, des Jus und der Medicin strenge zu den vier Nationen, son- 
dern nur die artistischen Professoren. Hätte in Prag eine ähnliche 
Organisation bestanden, so wäre die Nationalitätenfrage und der 
Zwist zwischen den einzelnen Nationen vielleicht lange oder für 
immer dahin gehalten worden. Doch darauf komme ich am 
betreffenden Orte zu sprechen. 

Das Verhältniss der Nationen zu den Facultäten und umge- 
kehrt in Paris wird einem nur klar, wenn man die Zwecke bei- 
der nicht aus dem Auge verliert. Die Nationen waren zu 
Zwecken der Verwaltung und der allgemeinen Disciplin consti- 
tuiert, und unter diesem Gesichtspunkte standen alle Augehörigen 
derselben unter ihren Procuratoren und dem Rector. Die Fa- 
cultäten entstanden in Bezug auf jene Wissenschaften, nach 
denen sie sich schieden, sie repräsentierten die verschiedenen 



2^^) So z. B. Maarer, Geschichte der deutschen St&dteverfassung H, 
296. Ganz sonderbar nimmt sich Höfler aus. In seinem Magister Hus 
S. 97 f. sagt er, dass in Paris die yier Nationen die philosophische Facult&t 
gebildet hätten, von der die drei übrigen Facultäten geschieden waren; in 
einem Athemzuge aber lässt er die Prager Universität ^gleich der Pariser 
aus vier Nationen constituiert' sein (S. 99). Wenigstens etwas richtiger 
Muther, Zur Gesch. der Rechtswissenschaft S. 277 f. 



2. Paris. Alter und Charakter der Nationeneintheilang. 105 

Lehrkörper, und hatten als solche nur Beziehung zur Schule. 
Die Folge war, dass während die Scholaren in Hinsicht auf die 
Verwaltung und die allgemeine Disciplin den Nationen ange- 
hörten, sie in Bezug auf die Schule und auf das was mit ihr 
zusammenhieng von ihren Professoren resp. den Facultäten ab- 
hiengen. Nur die artistischen Scholaren blieben auch hierin in 
ihrer Nation, da die artistische Facultät seit der Nationenbildung 
innerhalb der Nationen war. Im nächsten Paragraphen werden wir 
stringente Beweise hierfür beibringen. 

Es erübrigt noch die eine Frage, wann die Nationenein- 
theilung vor sich gegangen sei. Ich habe bereits oben"*) be- 
merkt, dass vor dem J. 1249 keine Erwähnung der vier Nationen 
geschieht, und dass dieselben als solche Anfangs des 13. Jhs. 
noch nicht bestanden. Was es mit dem angeblichen Concordat 
vom J. 1206 auf sich habe, sahen wir; ebenso führten wir den 
späten Bericht des Johann von S.Victor auf seine Quelle zurück'*^). 
In der Bulle Parens scientiarum vom J. 1231 heisst es aber, der 
Kanzler solle bei Ertheilung der Licenz 'personarum et nationum 
acceptione submota' vorgehen; doch diese Phrase, weit entfernt 
eine Eintheilung in vier Nationen zu bezeichnen, hat den ein- 
fachen Sinn, der Kanzler solle ohne Rücksicht auf die Person 
und Abkunft des Candidaten vorgehen"*). Indess schon 11. Mai 
1219 werden von Honorius III. Trocuratores' der Magistri libera- 
lium artium'"), 31. Mai 1222 auch Nationen erwähnt"®). Bieten 
zwar diese Stellen keineswegs einen stricten Beweis für die Existenz 
der vier Nationen in jener Epoche, so können sie sich doch schwerlich 
später constituiert haben. Im J. 1255 gebrauchten die aus dem Uni- 
Yersitätsverbande ausgetretenen Magistri die Siegel *quatuor na- 
tionum ab antiquo Parisius distinctarum , eine Phrase, die 

216J S. 84. 91. 

217) S. 84. 82 f. 

218) Dass sich Du Boalay p. 143. 564 trotzdem auf die SteUe beruft, 
darf nattlrlich nicht mehr Wunder nehmen. Bringt er doch S. 157 auch die 
Wiener Universität als Beweis, da sie bereits 1237 nach dem Muster von 
Paris in vier Nationen eingetheilt gewesen sein solll 

219) Bei Da Boalay p. 94. 

220) Nee scolares Interim secundum nationes suas sibi quenquam prefi- 
dent ad iniorias ulciscendas. Reg. Vat. an. 6 ep. 411 Bl 246 a. 



106 II« Entstehung der ältesten ümversitftten. 

1267 widerholt wurde"*). Was vom Ausdracke 'ab antiquo' 
in Pariser Universitätsacten zu halten sei, lehrt das mehrmals 
citierte Actenstück der Artisten gegen den Kanzler Philipp de 
Thori vom J. 1283 — 1284, worin Statuten und Gebräuche er- 
wähnt werden mit der stereotypen Formel sie bestünden 'a tem- 
pore a quo non extat memoria \ Und doch lässt sich bei nicht 
wenigen nachweisen, dass sie erst 30—40 Jahre früher entstan- 
den sind. Keinen viel grossem Zeitraum bezeichnet auch der 
Ausdruck 'ab antiquo'. Meiner Ansicht nach wurden die vier 
Nationen innerhalb der ersten 2 Decennien des 13. Jhs. formiert 
Sie hatten aber bei ihrer Gonstituierung noch fast gar keine 
Bedeutung, und fristeten ein ruhiges Dasein, da man weder von 
dem Ereignisse selbst, noch von Statuten, die die einzelnen 
Nationen gemacht hatten, noch von der damaligen Organisation 
etwas hört"'), während wir über all dies in Bezug auf die Uni- 
versität selbst unterrichtet sind. Erst in Folge innerer Reibungen 
kommen die Nationen 1249 zum Vorschein. 

c. Stellung des Reotors innerhalb der Universität 

Dass der Rector das Haupt der ganzen Universität war, 
und zwar vom Augenblicke der Gonstituierung an, war bis heute 
fast die allgemeine Ansicht Bei Du Boulay ist diese Ansicht 
eine Gonsequenz aus der irrigen Annahme, dass die Universität 
vom Anfange an nichts anderes als die vier Nationen gewesen ist. 
Indem der Rector das Haupt der vier Nationen war, folgte für 
Boulay mit Nothwendigkeit, dass er auch Haupt der Universität 
war. Da er aber die Gonstituierung der vier Nationen in das 
9—10 Jh. verlegte, datierte er ganz logisch den Ursprung des 
Rectorats in Paris aus jener Epoche. Spätere Forscher ver- 



^0 S. oben S. 80, und Jourdain n. 216. 

^ Es ist ein wahrer Hohn auf die Geschichte, wenn Du Boulay p. 563 
schreibt: in privilegiis papalibus et regalibus, in statutis et constitutionibus 
ipsius uniyersitatis non alias cemimus partes sen classes quam Nationes, 
neque alios praefectos et gubematores quam rectorem et procuratores usque 
ad annum 1260. Warum hat er die Documente in seiner Historia nicht citiert? 
Warum besonders kein anderes königliches Privileg, ausser dem Philipp 
Augusts, das die späteren Könige nur vidimierten? 



2. Paris. Stellang des Bectors innerhalb der Uniyersit&t. 107 

warfen zwar zumeist den fabelhaften Ursprung der Pariser Uni- 
versität; aber indem sie sich von der Auffassung Du Boulays in 
Betreff der Nationen und der Universität nicht loszumachen ver- 
mochten, nahmen sie doch fast alle Gonsequenzen bei Du Bou- 
lay auf Treu und Glauben an, und unter anderen auch diese, 
der Rector sei stets das Haupt der Universität gewesen. In 
Deutschland verdienen vornehmlich Meiners, Savigny und Huber 
genannt zu werden; andere haben diese nur ausgeschrieben. Einige 
französische Forscher der neueren Zeit waren viel vernünftiger, 
nachdem bereits der Autor der Origo vera in Du Boulays Sy- 
stem eine arge Bresche geschossen hatte. Doch gelang es auch 
den Modernen nicht zur völligen Klarheit zu gelangen, nament- 
lich gilt dies von Thurot. 

Die Resultate, zu denen wir in den zwei vorhergehenden 
Paragraphen gelangt sind, machen eigentlich die Frage schon un- 
möglich. Wenn der Rector nur Haupt der Nationen war, und 
diese nicht mit der Universität identisch sind, so folgt von 
selbst, dass der Rector nicht Haupt der Universität war. Trotz- 
dem will ich hier die Frage erörtern, da uns die Untersuchung 
auch noch zu neuen Resultaten führen und die alten bestätigen 
wird. 

Vor allem ist es Thatsache, dass kein einziges päpstliches 
Schreiben bis in die Mitte des 14. Jhs. an den Rector allein, 
oder an den Rector mit der Universität gerichtet wurde. Du 
Boulay sagt zwar, nach Richer Senonensis seien die Päpste ge- 
wohnt gewesen ihre Schreiben 'ad rectorem scholarium' zurichten*"). 
Allein dies ist eine gewissenlose Verdrehung des Textes. Richer 
sagt nämlich, die Glerici zu Paris hätten behauptet, 'se antiqui- 
tus magistros et deffinitores habuisse, qui scolarum et scolarium 
rectores extiterunt, quos etiam D. Papa eis scribendo rectores sco- 
larum eos appellasse comprobatur' "*). Richer hat hier die Bulle 
Innocenz HI. vom J. 1209 im Auge, welche die Adresse trägt: 'Uni- 
versis rectoribus sacre pagine, decretorum et liberalium artium 
magistris Parisius commorantibus' "*). Allein mit 'Rectores sacre 

S)"Hik univ. Paris. lU, 564. 

»*) Mon. Germ. 88. XXV, 828. 

^ S. Potthast D. 3570. In den Codd.Yat. 2509 Bl 198 a. Paris. nouY. 



108 n. Entstehung der ältesten üniYersit&ten. 

pagine' etc. werden nicht der Rector der Universität, sondern die 
Magistri regen tes in der Theologie etc. bezeichnet. In der 1210 
vom Papste selbst veranlassten Comp. in. trägt deshalb die be- 
treffende Decretale in nicht wenigen Hss. den einfachen Titel: 
Universis doctoribus Parisius commorantibus*"), was dann ebenfalls 
auf den Titel in Gregors Decretalen übergieng. Tancreds Glosse 
identificiert auch, wie natürlich, die Bezeichnungen 'rectores' und 
'doctores'. Und wenn Richer selbst sagt, der Papst habe die 
Magistri: rectores scolarum genannt, so nimmt er ja auch beide 
für gleichbedeutend""). Sollte sich aber auch einmal eine Chronik 

acquis. 2127 Bl. 127b. 2, 15 c. 12 steht: *Idem rectoribus universis sacre pa- 
gine decretorum et liberalium artium Parisins commorantibus', was wohl die 
richtigere Leseart ist. So auch in den Codd. Paris. 3926. 3927. 

^) So in den Codd. Paris. 3928. 3930. 3931 A. 3932. Cod. lat. Mon. 
3879. Cod. Bnrghes. n. 264. Cod. Admont 22, und, habe ich recht notiert, Codd. 
n. 440 der Capitelsbibl. zu Cordoba; n. 305, Alcobaga in derNat.Bibl. zu Lissabon 
(nebenbei bemerkt enthalten die drei zuletzt genannten Hss. auch die 
Comp. y. mit den Glossen des Jac. de Albenga ; bisher kannte man nur 6ine 
Hs., n. 462 zu Chartres). Der Cod. 1835 zu Troyes (Exceptiones decretalium 
trium compilationum) hat: magistris parisiensibus; Cod. Paris. 3929: universis 
magistris Parisius commorantibus. 

- 227j Rector scolarum bezeichnete überhaupt den Chef der Schule. So wurde 
bereits Abaelard genannt (Chron. Morigniac. in Recueil des hist des Gaules XII, 
80). Correlativ hiemit war die Bezeichnung: Magister scolarum. Die Grund- 
form lag in dem Ausdrucke: scholas, Studium regere. Daher auch: schola- 
rum regimen. So kommt es, dass der Name 'Rector' in Bezug auf jede 
Schule, besonders aber der Theologie angewendet wurde. Adam Wal- 
lensis nannte sich 'prepositus olim scolarum' des Peter Lombardus (Walter 
v. S. Victor im Cod. 379 Bl. 39 a in der Arsenalbibl. zu Paris — theilweise 
Original) Thomas de Cantimpr6 spricht von einem gewissen Bonifiacins 
Hunc rector in theologia Parisius' (De apibus I, 25 nach der Hs. 4457—58 
in Brüssel). Heinrich von Gent gebraucht in seinem Catalogus de viris 
illustribus widerholt das Epitheton: theologice scole rector oder presidens 
(nach Cod. 314 der nouv. acqu. lat. der Nationalbibl. zu Paris, Bl. 75 b bis 
77 b). In der Geschichte der Universit&t Paris werde ich darauf zurück- 
kommen. Wurde doch schon einige Jahrhunderte früher der Ausdruck 
'döctor' mit der Bezeichnung rector' identificiert. So in den 2 Hss. 214 
und 443 aus dem 11. Jh. zu Monte Casino. S. auch Bibl. Casin. lY, 347. 
Identisch mit 'pastor' in der Reg. past. des h. Gregor. Du Boulay, dem all 
dies wie es scheint, entgieng, gibt p. 61 eine ganz absurde Erklärung, 
die darauf hinausläuft, dass der Ausdruck Rector immer das Haupt der Uni- 
versität bedeutet habe. 



2. Paris. SteUung des Bectors innerhalb der Uniyersii&t. 109 

finden, auf die man sich mit Du Boulay berufen könnte, so hätte 
dies keine Bedeutung, denn nicht auf Chroniken, sondern auf die 
Actenstücke kommt es hier an, von diesen aber, deren ich 
wenigstens so viele als Du Boulay kenne, ist kein einziges an 
den Rector gerichtet. Und der Rector sollte das allgemeine Haupt 
der Universität gewesen sein? 

Im ganzen 13. Jh. legte man ferner nicht in die Hände des 
Rectors den Eid auf die Befolgung der Statuten ab"^). Nur die 
Artisten machten, wie wir sehen werden, eine Ausnahme. Und 
doch geschah dies sonst an allen Universitäten, wo ein Rector war. 

Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass die Universität 
selbst in ihren gemeinschaftlich ausgefertigten Acten bis in das 
H. Jh. hinein niemals den Namen des Rectors voranstellte, ja ihn 
in solchen Acten bis zum Jahre 1338 nicht einmal nannte. Die ste- 
reotype Phrase lautete Eingangs der von der ganzen Universität aus- 
gestellten Documente: (Nos) universitas magistrorum et scholarium 
Parisius studentium, oder ähnlich""). Die Formel: (Nos) rector 
et universitas magistrorum et scolarium etc. datiert erst aus 
jener Epoche, in der der Rector, wie sich aus andern Anzeichen 
ergibt, das Haupt der ganzen Universität geworden war. Zum 
ersten Male erscheint sie im J. 1341"^), und dann fortwährend, 
nachdem sie bereits in den unmittelbar vorhergehenden Jahren 
vorbereitet war*'*)- Nun sehen wir aber, dass an jenen Hoch- 
schulen, an denen in jener Zeit der Universität definitiv ein Haupt 
vorgesetzt war, dieses auch in den von der Universität ausgefertig- 
ten Actenstücken vorangestellt wurde. So finden wir z. B. in 
Toulouse im J. 1314 den ^Rector studii Tolosani una cum aliis 



^ Ein interessantes Statut findet sich hierüber oben S. 73. 

»9) Man vergl. die oben S. 76 Anm. 115 f. citierten SteUen bei Da 
Boolay. Obige Phrase wendete die Uniyersit&t bereits 1222 an (Da Boalay 
p. 105); sie erscheint dann ebenso in den Jahren 1266 (Da Boal. p. 383), 
1275 (ibid. p. 419), 1276, 1277 (ibid. 430. 432), 1281 (ibid. p. 456 and Jourd. 
n. 269), 1289 (Da Beul. M6moires historiqaes sar les b6n6fices p. 133), 1291 
(Da Boal. Hist. anivers. III, 499), 1296 (Joard. n. 348). Und so war es noch 
im 14. Jb. bis snm J. 1838 incl. (Jonrdain n. 555> 

»0) Bei Jonrdain n. 579. 

»1) S. Jonrdain n. 551 (J. 1386); Da Boalay lY, 261 (J. 1339). 



108 n. Entstehung der ältesten üniyersit&ten. 

pagine' etc. werden nicht der Rector der Universität, sondern die 
Magistri regentes in der Theologie etc. bezeichnet. In der 1210 
vom Papste selbst veranlassten Comp. HI. trägt deshalb die be- 
treffende Decretale in nicht wenigen Hss. den einfachen Titel: 
üniversis doctoribus Parisius commorantibus*"), was dann ebenfalls 
auf den Titel in Gregors Decretalen übergieng. Tancreds Glosse 
identificiert auch, wie natürlich, die Bezeichnungen ^rectores' und 
'doctores'. Und wenn Richer selbst sagt, der Papst habe die 
Magistri: rectores scolarum genannt, so nimmt er ja auch beide 
für gleichbedeutend"^). Sollte sich aber auch einmal eine Chronik 

acquis. 2127 Bl. 127b. 2, 15 c. 12 steht: *Idem rectoribus aniyersis sacre pa- 
gine decretorum et liberaliam artium Parisius commorantibus', was wohl die 
richtigere Leseart ist. So auch in den Codd. Paris. 3926. 3927. 

326) So in den Codd. Paris. 3928. 8930. 393 lA. 3932. Cod. lat. Mon. 
3879. Cod. Barghes. n. 264. Cod. Admont 22, und, habe ich recht notiert, Codd. 
n. 440 der Capitelsbibl. zu Cordoba; n. 305, Alcoba^ in derNat.Bibl. zu Lissabon 
(nebenbei bemerkt enthalten die drei zuletzt genannten Hss. auch die 
Comp. y. mit den Glossen des Jac. de Albenga ; bisher kannte man nur 6ine 
Hs., n. 462 zu Chartres). Der Cod. 1835 zu Troyes (Exceptiones decretalinm 
trium compilationum) hat: magistris parisiensibus; Cod. Paris. 3929: üniversis 
magistris Parisius commorantibus. 

~ ^ Bector scolarum bezeichnete überhaupt den Chef der Schule. So wurde 
bereits Abaelard genannt (Chron. Morigniac. in Becueil des bist, des Gaules XII, 
80). Correlatiy hiemit war die Bezeichnung: Magister scolarum. Die Grund- 
form lag in dem Ausdrucke: scholas, Studium regere. Daher auch: schola- 
rum regimen. So kommt es, dass der Name 'Rector' in Bezug auf jede 
Schule, besonders aber der Theologie angewendet wurde. Adam Wal- 
lensis nannte sich 'prepositus olim scolarum' des Peter Lombardus (Walter 
V. S. Victor im Cod. 379 Bl. 39 a in der Arsenalbibl. zu Paris — theilweise 
Original) Thomas de Cantimprö spricht von einem gewissen Boniüacius 
Hunc rector in theologia Parisius' (De apibus I, 25 nach der Hs. 4457—58 
in BrtLssel). Heinrich von Gent gebraucht in seinem Catalogus de viris 
illustribus widerholt das Epitheton: theologice scole rector oder presidens 
(nach Cod. 314 der nouY. acqu. lat. der Nationalbibl. zu Paris, Bl. 75 b bis 
77 b). In der Geschichte der üniyersit&t Paris werde ich darauf zurück- 
kommen. Wurde doch schon einige Jahrhunderte firflher der Ausdruck 
'döctor' mit der Bezeichnung rector' identificiert. So in den 2 Hss. 214 
und 443 aus dem 11. Jh. zu Monte Casino. S. auch Bibl. Casin. lY, 347. 
Identisch mit 'pastor' in der Reg. past. des h. Gregor. Du Boulay, dem all 
dies wie es scheint, entgieng, gibt p. 61 eine ganz absurde Erklärung, 
die darauf hinausläuft, dass der Ausdruck Rector immer das Haupt der Uni- 
versität bedeutet habe. 



2. Paris. SteUung des Rectors innerhalb der Universit&t. 109 

finden, auf die man sich mit Du Boulay berufen könnte, so hätte 
dies keine Bedeutung, denn nicht auf Chroniken, sondern auf die 
Actenstücke kommt es hier an, von diesen aber, deren ich 
wenigstens so viele als Du Boulay kenne, ist kein einziges an 
den Bector gerichtet. Und der Bector sollte das allgemeine Haupt 
der Universität gewesen sein? 

Im ganzen 13. Jh. legte man ferner nicht in die Hände des 
Rectors den Eid auf die Befolgung der Statuten ab"^). Nur die 
Artisten machten, wie wir sehen werden, eine Ausnahme. Und 
doch geschah dies sonst an allen Universitäten, wo ein Bector war. 

Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass die Universität 
selbst in ihren gemeinschaftlich ausgefertigten Acten bis in das 
14. Jh. hinein niemals den Namen des Bectors voranstellte, ja ihn 
in solchen Acten bis zum Jahre 1338 nicht einmal nannte. Die ste- 
reotype Phrase lautete Eingangs der von der ganzen Universität aus- 
gestellten Documente: (Nos) universitas magistrorum et scholariura 
Parisius studentium, oder ähnlich""). Die Formel: (Nos) rector 
et universitas magistrorum et scolarium etc. datiert erst aus 
jener Epoche, in der der Bector, wie sich aus andern Anzeichen 
ergibt, das Haupt der ganzen Universität geworden war. Zum 
ersten Male erscheint sie im J. 1341"**), und dann fortwährend, 
nachdem sie bereits in den unmittelbar vorhergehenden Jahren 
vorbereitet war**0- Nun sehen wir aber, dass an jenen Hoch- 
schulen, an denen in jener Zeit der Universität definitiv ein Haupt 
vorgesetzt war, dieses auch in den von der Universität ausgefertig- 
ten Actenstücken vorangestellt wurde. So finden wir z. B. in 
Toulouse im J. 1314 den ^Bector studii Tolosani una cum aliis 



^ Ein interessantes Statut findet sich hierüber oben S. 78. 

^ Man yergl. die oben S. 76 Anm. 1 15 f. citierten Stellen bei Du 
Bonlay. Obige Phrase wendete die Universit&t bereits 1222 an (Du Boulay 
p. 105); sie erscheint dann ebenso in den Jahren 1266 (Du Boul. p. 388)i 
1275 (ibid. p. 419), 1276, 1277 (ibid. 430. 432), 1281 (ibid. p. 456 nnd Jourd. 
IL 269), 1289 (Da Boul. Mtooires historiques sur les b6n6fices p. 188), 1291 
(Da Boul. Hist. uniyers. III, 499), 1296 (Jourd. n. 348). Und so war es noch 
im 14. Jh. bis sum J. 1888 incl. (Jourdain n. 555> 

»0) Bei Jonrdun n. 579. 

^) S. Jourdain n. 551 (J. 1886); Du Boulay lY, 261 (J. 1339). 



210 II. Entstehung der ältesten Unifersit&ten. 

doctoribus et magistris regentibus in studio supradicto' die Statuten 
machen***). In Oxford wurde bereits c. 1250 der Kanzler, der 
dort das Haupt des Studiums war, den Magistern übergeordnet*"), 
wie in Angers der Scholasticus"*). Von Bologna und den ita- 
lienischen Universitäten will ich gar nicht sprechen, denn es ver- 
steht sich dort von selbst. Dasselbe war 1302 in Lerida der Fall"*), 
1307 in Orleans "•). Und wir brauchen gar nicht auswärtige 
Universitäten zum Vergleiche heranzuziehen, da uns Paris selbst 
als Beispiel dient. Im J. 1274 begann der Rector, als er nicht 
mehr bloss Haupt der vier Nationen, sondern der Artisten-Facultät 
war, seinen Namen, wenngleich noch nicht immer, den gemeinschaft- 
lichen Acten des ArtistencoUegiums vorzusetzen. Es hiess: Rector 
universitatis et procuratores (quatuor nationum) ceterique magistri 
Parisius actu regentes in artibus"'), oder: Rector universitatis 
Parisiensis et omnes et singuli magistri facultatis artium*")etc. 
Wäre der Rector das Haupt der ganzen Universität gewesen, so 
würde er Eingangs der Actenstücke der ganzen Universität eben- 
so erschienen sein, wenigstens das eine oder andere Mal, wie in 
jenen der Artistenfacultät Aber nicht 6inmal geschieht das"'). 



232) Eist, de Languedoe ed. Privat VII. Notes p. 479. 

233) Munim. Academ. I, 18. Vgl. dann p. 30. 39. 52. 62 u. a. w. 

234) So heisst es in dem 1362—1363 eingesandten Rotulos studii An- 
degaven.: Scolasticus et nniversitas studii vestri Andegavcn. Arch. Yat 
tJrban. Y. Reg. Sap. an. 1 p. 2 Bl. 120 a. 

235) Bei Villanueva, Viage literario XVI, 233. 

236) Statutenbach im Cod. Vat Heg. 405 Bl. 24b. 

237) So in dem Schreiben, das die Artistenfacultät an das Generalcapitel der 
Dominicaner zu Lyon im genannten Jahre sendete. Die älteste fast gleich- 
zeitige Copie findet sich unter der Sammlung der Generalcapitel des Ordens 
Bl. 60 a, die von der Mitte des 13. Jhs. ab gleichzeitig mit den jeweiligen 
Generalcapiteln, mithin unabhängig von der spätem des Bernhard Guidonis, 
gemacht wurde. Hs. im Generalarchiv des Ordens. Man täuschte sich darin, 
dass man genanntes Schreiben, auch ediert bei Du Boul. p. 408, als Schreiben 
der ganzen Uniyersität ansah. Obige Phrase findet sich auch im J. 1279 
bei Du Boul. p. 447, im J. 1292 bei Du Boul. p. 501. 

238) So im J. 1279 bei Du Boul. p. 449. 

239) Dass der von Du Boulay zum J. 1259 (p. 356) citierte Act in das 
Ende des 14. Jhs. gehöre , habe ich bereits oben S. 67 angedeutet Es ist 
unbegreiflich, dass niemand die Anachronismen bemerkte, die in diesem 



2. Paris. Stellung des Bectors innerhalb der Universit&t. m 

Wir finden sogar, dass bei Aufzählungen der Rector erst nach 
den Theologen und den Decanen der Decretisten und Mediciner 
unmittelbar vor den Procuratoren und den Artisten genannt 
wurde, eben weil er nur zu diesen letztem gehörte""). Dies 
war der Fall, bis die Decretisten und Mediciner» dem Rector 
unterworfen wurden. 

Wenn der Rector stets das allgemeine Haupt der Universität 
war, wie kommt es denn, dass er in der Organisation der Uni- 
versität während der ersten Hälfte des 13. Jhs. niemals hervortritt? 
Man hört nichts von ihm bis um die Mitte des 13. Jhs. Und 
doch trugen sich innerhalb dieser Zeit wichtige, die Universität 
vielfach aufregende Ereignisse zu, so dass, wenn der Rector das 
Haupt der ganzen Universität gewesen wäre, er doch endlich einmal 
hätte genannt werden müssen. Aber nichts davon. Er erscheint 
nicht im Acte Philipp Augusts; er kommt nicht zum Vorschein 



Schreiben, würde es in das Jahr 1259 (1260) faUen, zu Tage treten. Ich wiU 
hier nur auf einen aufmerksam machen. Der Platz der Praesentati aus 
dem Dominicanerorden soU hinter den aliorum ordinum, sc. Minorum, Car- 
melitamm, Augustinensium, Gisterciensium etc. sein. Nun kamen aber die 
Garmeliten erst gegen 1259—1260 nach Paris, und zwar in der kleinen An- 
zahl von sechs Personen. Der Schenkungsact ist vom Febr. 1259 (1260) 
datiert (Nationalarchiv zu Paris, L. 927. s. Felibien, Eist, de Paris, III, 215). 
Der erste Carmelit, der in Paris die Doctorwflrde erhielt, Gerhard v. Bo- 
logna, war erst später dort. Selbst der classische Autor Jaillot, Recherches 
crit. sar la ville de Paris IV. Quartier S. Benoit p. 26, liess sich durch 
Du Boulay beeinflussen. Ebenso erhielten auch die Augustiner erst im Dec. 
1259 eine Schenkung in Paris (Nationalarchiv, L. 921) und ebenso kam auch 
ihr erster Doctor, Aegyd v. Rom, erst mehrere Jahre später nach Paris. Ob- 
wohl JaiUot (1. c. V. Quartier 8. Andr6-de8-Arcs p. 26 ff.) das Ganze richtig 
darstellte, konnte er sich trotzdem nicht von Du Boulay losmachen (cfr. p. 28). 
Zum Schiasse noch die Bemerkung : Der üniversit&tsstreit hatte fQr die 
Dominicaner kraft der p&pstl. Yermittelung einen höchst günstigen Aasgang. 
Und nun kommt auf einmal ein Actenstflck, worin den Domicanem der letzte 
Platz angewiesen wird, wozu Papst und Dominicaner 'ja' sagen. Warum 
kam denn keinem der Forscher bis heute ein Zweifel an der Aechtheit der 
Datiening? 

^ So im J. 1264 in der Bulle Clemens lY. ad provisorem panperum 
magistroram in vico ante palatium de Thermis (Reg. Yat. an. 5 ep. 16 Bl. 220 b 
I. Da Boalay p. 236). Aehnlich in einem Actenstflcke der Unirersität 
▼om J. 1267 bei Jourdain n. 216. 



112 U* Entstehung der ältesten Universit&ten. 

beim Gompromiss zwischen dem Kanzler und der Universität im 
J. 1213; er wird nicht erwähnt in dem Statute Roberts de Cour- 
qon im J. 1215, nicht in den langwierigen Verhandlungen zwischen 
der Universität und dem Bischöfe in den nächsten Jahren; er 
ist unsichtbar, als 1225 der Cardinallegat das Siegel zerbrach, 
und man hört nichts von ihm bei der 1229 stattgehabten Aus- 
wanderung der Universität. Auch in den Verhandlungen, die 
1229 — 1231 in Folge dessen zwischen dem Papste und der Uni- 
versität, sowie dem Papste und dem Könige und Bischöfe statt 
hatten, kommt nicht einmal der Name Rector vor. Gregor IX. 
nennt ihn auch nicht in der Magna Charta der Universität, in 
der Bulle Parens scientiarum^ durch welche doch die Universität 
reorganisiert wurde. Wer glaubt Angesichts solcher Thatsachen an 
die Existenz eines allgemeinen Rectors der Universität? Wenn 
es wirklich einen gegeben hat, welches war denn bei solcher 
Sachlage seine Function? 

Uebrigens staunen wir nicht mehr über derartige Erschei- 
nungen, da wir nunmehr aus dem vorigen Abschnitt wissen, dass 
bei all diesen Gelegenheiten auch von den vier Nationen keine 
Rede ist, und dass dieselben, wenngleich sie bereits in ihren An- 
fängen existierten, ein höchst geräuschloses Dasein führten. Eben 
weil der Rector nur den vier Nationen, nicht aber der Univer- 
sität angehörte, decken sich hier die Thatsachen. 

Im Jahre 1237 kommt der Name Rector vor"*). Allein in 
keiner andern Bedeutung als in dem erwähnten Schreiben Inno- 
cenz III. vom J. 1209. Gregor IX. sagt nämlich, 'ut nullus in 
universitatem magistrorum vel scholarium seu rectorum vel pro- 
curatorem eorum' die Excommunication promulgieren dürfe*"). 
Du Boulay's verderbter Text lautet: seu rectorem vel procuratores 
eorum' und er meint, es sei hier von den Procuratores nationum 
die Rede, sowie auch vom Rector der ganzen Universität. Allein 
wie nun jeder sieht ist diese Interpretation durch den ächten 
Text ausgeschlossen. Der Plural Rectores in der Verbindung 
^universitas rectorum' bezieht sich auf die Magistri regentes der 



^^1) Bei Du Boalay findet sich p. 157 das betreffende p&pstl. Schreiben. 
^'^) Greg. IX. Reg. an. 5 ep. 66 31. 94 a. 



2. Paris. Stellong des Rectors innerhalb der Universit&t. 113 

einzelnen Facultäten, und der Singular Procurator bezeichnet eben 
den Procurator der ganzen Universität"'). Bestätigt wird dies 
durch eine ähnliche Bulle Innocenz IV. vom J. 1246, worin es 
heisst: 'ut nullus in universitatem vertram magistrorum aut sco- 
larium, aut procuratorem eorum, vel rectorem cuiuscumque 
facultatis' die Excommunication promulgiere***). Hierdurch ist 
ebenfalls ausgeschlossen, dass Rector das Haupt der Universität 
bedeutet, denn 'rector cuiuscunque facultatis' bezeichnet den Ma- 
gister regens in irgend einer Facultät, so dass der Sinn ist: die 
Exconununication darf weder gegen die GesararatBeit der Magister 
und Scholaren, noch gegen einen einzelnen Magister, noch gegen 
den Procurator der Universität ausgesprochen werden. Du Boulay 
kannte diese Bulle, wie sich aus einer Stelle ergibt"**), wo er sie ins 
Jahr 1245 setzt; allein, weil gegen seine Auffassung, unterliess er 
es den Text zu bringen. Dieselbe Bedeutung hätte der Ausdruck 
'rector' in der Bulle Innocenz IV. vom 9. Mai 1244, wenn er 
wirklich darin stünde, wie Du Boulay vorgibt "'^). Allein es heisst 
dort nicht: Cancellarius Parisiensis et rectores ac regentes Parisius 
in Sacra pagina, sondern: Cancell. Paris, et doctores regentes 
Parisius etc.***). Du Boulays Leseart würde aber eine Tauto- 
logie enthalten. 

Unter den mehr denn 140 päpstlichen Bullen, die seit Be- 
ginn des 13. Jhs. bis 1260 sich auf die Universität Paris be- 
ziehen ^*0, gibt es nur eine einzige, auf die man sich wegen des 
Rectors berufen kann, nämlich jene Innocenz IV. vom 1. Juni 



^ In derselben Weise war Wilhelm von S. Amour 'procurator scho- 
larinm vel rector de collegio eorum.' Opp. ed. Constantiae 1632 p. 94. 

«*) Jourdain n. 76. 

»«*•) Eist. univ. Paris. III, 564. 

>**) Hist. univ. Paris. III, 192. Vgl. 564. 

^ Reg. Tat. an. 1 ep. 681 Bl. 105b. Auch das Bull. Rom., worauf 
sich Da Boolay beruft, bietet die Leseart der Regesten, so dass hier widerum 
ein Eonststflckchen Du Boulays yorliegt. S. Bull. Rom. ed. Cherubini, das 
doch Do Boulay nur gebrauchte. Raynald ad ann. 1244 n. 42 hat die falsche 
Leseart: rectores regentes in sacra pagina, jedoch immerhin die bessere als 
jene Du Boulays. 

M7j Mehr denn 30 derselben waren bisher nicht bekannt. Alle andern 
Universit&ten zusammengenommen weisen im 13. Jh. nicht mehr päpstliche 

D«nifle, Di« UaiTeriitlUii L 8 



1X4 n* Entstehung der ältesten Universitäten. 

1252"'). Sie betrifft wie jene vom J. 1246 ebenfalls das Privileg, 
dass die Universität etc. nicht excoramuniciert werden könne. 
Darin finden sich nun die Phrasen: 'ut nullus in Universitäten! 
vestram magistrorum et scolarium aut rectorera vel procuratores 
vestros cuiuscunque aut quaruncunque facultatum . . . excommu- 
nicationis sententiam audeat promulgare'. In der Conservatio 
privilegii steht aber: 'quatenus prefatos magistros et scolares, 
eorumque rectorem vel procuratores non permittas molestari'. 
Eines geht aus dem Wortlaute mit Bestimmtheit hervor, dass 
seit den Jahren 1237 und 1246 eine Umwandlung und Verände- 
rung vor sich gegangen sein muss. Ich sage dies besonders wegen der . 
an zweiter Stelle angeführten Phrase. Ich bin ganz gegen die 
Methode des anonymen Verfassers der Origo vera, welcher bei 
solchen Stellen von vornherein theils Fälschung wittert, theils die 
Identität des Rectors mit Procurator in den Act hinein interpre- 
tiert. Aufgabe des Forschers ist es vielmehr zu untersuchen, 
welche Thatsachen obigen Worten zu Grunde liegen und ob nicht 
anderweitige Actenstücke uns über den Rector und dessen Stel- 
lung innerhalb der Universität Aufschluss geben. Hiermit sind 
wir bei dem positiven Nachweis angelangt, dass der Rector in 
der ersten Zeit keineswegs das Haupt der ganzen Univer- 
sität war. 

Der Rector wird zum ersten Male in einem Beschlüsse der 
Artistenfacultät vom J. 1244 erwähnt. Wer sich den Beschlüssen 
der Universitas artistarum widersetzt, wird von ihr ausgeschlossen 
und bleibt es so lange, bis 'rectori et procuratori pro universi- 
tate fuerit ad plenum et pro ipsorum voluntate satisfactum"*^). 

Schreiben auf, als Paris allein innerhalb von 60 Jahren. Allerdings fallt 
nahezu die Hälfte (60—70) in die Epoche des Universitätsstreites mit den 
Mendicanten. 

'^^) Du Boulay p. 242. Jourdain meinte 1. c. p. 11 Anm. 1, der Text 
sei von Du Boulay eigenmächtig verändert worden, und p. 14 Anm. 2, die 
von Du Boulay gebrachte Bulle sei im Grunde identisch mit der von ihm 
selbst n. 93 abgedruckten. Allein dem ist nicht also. Der von Du Boulay 
gedruckte Text findet sich wörtlich sammt der conservatio privilegii im Cod. 
Tat. Reg. 406 Bl. 16 (Anfang des 14. Jhs.), und Jourdain hätte diese Bulle 
ebenso wie die übrigen notieren sollen. 

3*9) Cod. Vat Reg. 406 Bl. 53 b. Du Boulay p. 195. 



2. Paris. Stellung des Rectors innerhalb der Universit&t. 115 

Der Rector erscheint also hier in der Gesellschaft der Artisten. 
In demselben Jahre machte die ganze Universität ein Statut über 
Hörsäle und Wohnungsmiethe. Im ersten Theile werden Be- 
stimmungen für die Magistri gegeben, im zweiten für die Scho- 
laren, und da heisst es, dass jene derselben, 'qui domum inter- 
dictam receperint . . . quam cito moniti fuerint per rectorem 
vel servientem ab eo missum vel procuratores similiter vel nun- 
tium ab eis missum, beneficiis scolarum et universitatis pri- 
ventur' **^). Hier erfahren wir also von einem Amte des Rectors, 
das jedoch kein anderes als das der Procuratoren ist: auf die 
Scholaren in gewissen Punkten ein wachsames Auge zu halten. 
Handelte es sich aber hier um die Scholaren, insofern sie zu- 
gleich zu den Nationen gehörten (und deshalb hatten die Procu- 
ratoren und der Rector mit ihnen zu thun), so einige Jahre später, 
1251, um die Scholaren, insofern sie den einzelnen Facultäten 
angehörten. Das Document ist für unsere Frage eines der wich- 
tigsten. 

Die ganze Universität erklärt, 'qui debent dici scolares, et 
qui sint repetendi si capiantur, et a quibus\ In Bezug auf diesen 
letzten Punkt wird bestimmt: Modus autem repetendi scolares 
captos talis erit apud magistros artium, quod magister Scolaris 
capti cum duobus magistris regentibus, quibus constat quod sit 
Scolaris, accedet ad prepositum, et scolarem suum repetet; qui 
si reddere denegaverit, dictus magister significabit rectori univer- 
sitatis, et tunc rector eum nomine universitatis repetet, et si pre- 
positus eum reddere noluerit rectori, tunc recurret rector ad 
cancellarium , et postremo ad episcopum vel officialem eiusdem. 
In aliis autem facultatibus unusquisque magister scolarem suum 
repetet per se, si necesse fuerit"^). Dieses Statut hat nur einen 



2«>) Cod. Vat Reg. 406 Bl. 49 a. Du Boulay 1. c. 

2^1) Cod. Vat. Reg. 406 Bi. 48 b. Du Boulay III, 240 bietet hier wider 
einen ganz defecten Text, der sogar einen verkehrten Sinn gibt. Ich glaube 
nicht, dass er denselben absichtlich gefälscht hat, denn die Leseart ist ebenso 
defect an Stellen, die nicht zu dieser Frage gehören, und aus deren Erkl&- 
nmg durch Du Boulay hervorgeht, dass ihm nicht bloss der richtige Text 
▼(H'kg, sondern dass er ihn auch richtig copieren woUte. So steht im ge- 
nannten Cod.: Bachellarii vero decretales et lege« legentes . . . qui etiam audi- 

8* 



116 II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Sinn, wenn die Universität aus den vier Facultcäten und nicht 
aus den Nationen bestanden hat, und der Rector lediglich Vorstand 
der letztern war. Wäre die Universität identisch mit den vier 
Nationen gewesen, dann hätte der Rector, weil Haupt der Na- 
tionen, alle Scholaren vom Pr6v6t fordern können. Nun aber 
darf er nur die Scholaren der Artisten, und zwar auch dann 
erst, wenn die Magistri sie fruchtlos zurückgefordert hatten, nie 
aber jene der Theologie, der Juristen und der Mediciner zurück- 
verlangen. Aus welchem Grunde? Weil es sich hier nicht um 
die Scholaren als solche, wie in dem unmittelbar vorher be- 
sprochenen Statute, sondern um die Scholaren, insofern sie den 
verschiedenen Facultäten angehören, handelt, und der Rector da- 
mals mit den Facultäten als solchen, vorzüglich aber mit den 
drei eben genannten nichts zu thun hatte und mithin nicht Rector 
der Universität war. In Betreff der Wohnungsfrage trat der 
Scholar weder mit seinem Magister noch mit den verschiedenen 
Facultäten an sich in Berührung, das gehörte zur Competenz der Na- 
tionen. Anders gestaltete sich aber die Sachlage in Bezug auf 
Schule. Hier gehörte der Scholar seinem Magister und der Fa- 
cultät dieses Magisters an*"*). Denn als Scholar wurde nur der- 
jenige angesehen und nur jener hatte Anrecht darauf von 
seinem Magister im Falle der Gefangennahme reclamiert zu wer- 
den, der zum wenigsten zweimal die Woche das Colleg besuchte*"), 
und die lectiones ordinariae hörte; die lectiones cursoriae 
kamen hier ganz ausser Betracht***). Die lectiones ordinariae 



tores legum et decretalium. Die corsiv gedruckten Worte fehlen im Texte 
bei Da Boulay, während die Erklärung p. 241 dieselben voraussetzt. Der 
anonyme Autor der Origo vera p. 787 war glücklicher als Du Boulay. 

8W») S. oben S. 104 f. 

2^3) So wird in dem in Frage stehenden Statut bestimmt. Cod. Yat. 
Reg. 406 1. c. Du Boulay p. 240. Auch Robert de Sorbonne sagt in seinem 
Liber conscientie : Nota quod non habetur pro Scolari Parisius, qui ad minus 
non yadit bis in ebdomada ad scolas. Cod. Paris. 15954 Bl. 333 b. S. auch 
Da Boulay p. 231. Thurot übersetzt 'bis' mit 'unc fois'I (De l'organisation 
etc. p. 110). 

^^) Robert de Sorbonne sagt 1. c. Preterea non reputatur aliquis Sco- 
laris propter lectiones cursorias, si non aadiat ordinarias, nee repetitur a ma- 
gistro aliquo, si capiatur aliquo de casu a preposito et ponator in castello. 



2. Paris. Stellung des Rectors innerhalb der Universität. 117 

hielten eben nur die Magistri. Es war hier derselbe Grundsatz 
massgebend, der in dem Streite gegen das Beichtprivileg der 
Mendicanten so oft ausgesprochen wurde. Der Gläubige, hiess 
es, muss bei seinem Pfarrer beichten, denn dieser ist der Hirte; 
dieser muss seine Schafe kennen lernen , damit er für sie 
Rechenschaft ablegen könne. Und so galt auch hier das 
Prinzip: Der Scholar muss die Schule seines Magisters be- 
suchen, damit jener von diesem gekannt werde und letzterer für 
ihn eventuell einstehen könne""). 

In Bezug auf die Schule waren also die Magistri Alles, und 
die Scholaren standen unter deren und des Kanzlers Jurisdiction 
und Botmässigkeit. Der Rector hatte damals mit den Facultäten 
und den Scholaren, insofern diese mit jenen in Berührung kamen, 
an sich nichts zu thun. Darum mussten selbst bei den Artisten 
die magistri regentes die Initiative betreffs der Zurückforderung 
ihrer Scholaren ergreifen ; erst wenn dies nichts fruchtete, wandten 
sie sich an den Rector, damit er unterhandle, und sich even- 
tuell an den Kanzler, in letzter Instanz an den Bischof oder 
dessen Official wende. Bei den übrigen Facultäten sollten die 
Magistri nicht bloss die Initiative nehmen, sondern eventuell 
sich selbst an den Kanzler, resp. an den Bischof wenden, wie sich 
aus dem Zusammenhange des Actes ergibt. Warum musste aber der 
Rector von den Artisten angerufen werden? Wir werden hiermit 
auf ein anderes nicht weniger wichtiges Document gewiesen. 

Im Jahre 1249 entspann sich ein Streit 4nter magistros regentes 
in artibus, sc. inter nationem Gallicorum ex una parte, et alias tres 
nationes ex alia de rectore eligendo et de modo eligendi'. Die 
drei Nationen verboten sogar 'suis compatriotis , ne scolas ma- 
gistrorum nationis Gallicane causa discipline introirent'. Es gab 
damals in Folge eines Zwistes einen rector nationis Gallicanae, 



Da Boolays Text ist corrupt, und Tharot Hess sich p. 65 Anm. 5 durch ihn 
Umchexiy indem er meint, man habe statt lectiones cursoriae auch Hransito- 
riae' gesagt. 

^ 8o sagt eine andere Hs. des Liber conscientie (Cod. Paris. 3218 
Bl 165 b): Item Scolaris debet frequentare scolas, ut cognoscatur a magistro 
800, qnod ri accipiatur a cnstodibus viiie, quod requiratur a magistro suo, 
qaod non fiaceret, si eum non cognosceret. 



11g IL Entstefaung der ältesten Universit&tcD. 

und einen aliarum trium nationum. Gemeinschaftlich wurde nun 
der Zwist beigelegt und die Wahlordnung für die Zukunft gere- 
gelt. Das darüber ausgestellte Actenstück schliesst mit den 
Worten: Antequam vero ista forma pacis publicetur, revocabitur 
a tribus nationibus per singulas scolas Artistarum inhibitio, quam 
fecerant suis compatriotis, ne scolas magistrorum Gallicane na- 
tionis causa discipline introirent, et fruerentur scolares introeundi 
scolas magistri cuiuslibet solita libertate^^*). Aus dieser Urkunde 
erhalten wir zunächst eine Bestätigung unseres Resultates, dass die 
Magistri der übrigen Facultäten nicht zu den vier Nationen ge- 
hörten. Stünde nur der Satz hier, die drei Nationen hätten ihren 
Landsleuten verboten die Schulen der Magister der natio gallicana 
zu besuchen, so würden Du Boulay und dessen Ausschreiber die Be- 
hauptung nicht unterlassen haben, magistros theologicae et canoni- 
cae facultatis adhuc in nationibus fuisse sub procuratoribus, wie Du 
Boulay oft widerholt. Allein hier konnte er diese Phrase nicht 
anwenden, wenigstens ist er wie beim vorher besprochenen Acten- 
stück ganz still. Denn wenn die drei Nationen ihr Verbot 
'per singulas scolas artistarum' aufheben mussten, so ist doch 
klar, dass nur die Artisten, nicht aber die übrigen Magistri zu 
den Nationen gehört, und mithin nicht die vier Nationen die 
Universität zusammengesetzt haben. 

Femer ergibt sich, dass die Artisten - Magistri nicht bloss 
zu den vier Nationen gehörten, sondern dass sie auch als 
Facultät innerhalb derselben, wenngleich nicht mit ihnen iden- 
tisch, waren, und aus ihnen die Vorstände der Nationen gewählt 
wurden — Resultate, zu denen wir bereits in den frühern Ab- 
schnitten gelangt sind. Eben deshalb musste der Rector von 
den Artisten eventuell angerufen werden, wie uns das unmittelbar 
vorher besprochene Actenstück zeigt. 

Für die Zukunft wurde die Rectorswahl in der Weise ge- 
regelt, dass die von den Artisten-Magistern gewählten vier Pro- 
curatoren der vier Nationen den Rector wählen sollten. Der 
Rector gieng also aus den Artisten hervor und gehörte den Na- 
tionen an. Da nun aber die drei übrigen Facultäten, wie wir 



255) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. Ib. Du Boulay p. 222. 



2. Paris. Stellang des Rectors innerhalb der Universit&t. HQ 

oben nachgewiesen haben und wie sich aus diesem Actenstücke neuer- 
dings ergibt, nicht zu den vier Nationen gehörten und nicht inner- 
halb derselben waren, wie kann man noch behaupten, der Rector 
sei Haupt der ganzen Universität gewesen? So erklärt es sich, 
warum der Rector bei Zurückforderung der Scholaren vom Pr6v6t 
nicht von den Magistern der andern Facultäten angerufen wurde. 
Er hatte nichts mit ihnen, und sie nichts mit ihm zu thun. 

Halten wir diese Urkunde mit den zwei vorher citierten zu- 
sammen , so kommen wir zum Schlüsse, dass der Rector damals auch 
noch nicht eigentliches Haupt der Artisten als Facultät, son- 
dern nur der Nationen war, zu denen die Artisten gehörten und 
innerhalb deren sie als Facultät existierten, und dass man durch- 
aus nicht sagen kann, die Artistenfacultät sei aus den vier Na- 
tionen zusammengesetzt gewesen. Zu diesem Resultate sind wir 
gelegentlich schon oben gelangt'"). Wir begreifen nunmehr, 
warum der Rector bei Beschlüssen der artistischen Facultät nie 
als solcher sich zeigt, nie als anwesendes Mitglied erscheint, 
warum sich die Facultät noch nicht wie später einführt: Rector et 
universitas artistarum, und ähnlich, sondern von 1244 bis 
1274 die Phrase: Nos magistri artium de communi consensu ar- 
tistarum Parisius regentium, oder eine ähnliche gebraucht"*'). 
Erst 1274 erscheint der Rector an der Spitze des Schreibens der 
Artisten"*), nachdem bereits im J. 1271 die Gewohnheit bestanden 
hatte in seine Hand zu schwören"®). Auch früher musste zwar der 
Rector die Beschlüsse bekannt geben ; allein er erscheint wie die 
Procuratoren nur als ein Executivorgan"°). Es kam aber endlich 
nach und nach dazu, dass der Rector auch Haupt der Ar- 



256) S. 8. 80. 

2") s. Jourdain n. 108 (26. Febr. 1254); Du Boulay p. 280 (19. M&rz 
1255); Du Boul. p. 347 (JÄnner 1259); p. 350 (5. Mai 1259); p. 361 (April 
1260); p. 398 (1. April 1271). 

«5«) 8. oben S. 110. 

259) 8. Du Boulay p. 399. Schon 1252 musste der Artisten -Baccalar 
dare fidem, sowohl 'quod obscrvabit statuta universitatis prout expressa sunt 
ei a rectore', als *quod obedict rectori'. Oxford, CoUeg. corp. Christi 283 
BL 150*. 

260) Als solches haben wir ihn soeben kennen lernen, nnd als solches 
erscheint er auch in den Actenstücken bei Du Boulay p. 347. 361. S. vor. Anm. 



120 ^^* Entstehung der ältesten Universitäten. 

tisten-Facultät wurde, da diese innerhalb der Nationen war, sie 
schliesslich immer an den Rector recurrieren musste, und 
endlich dieser selbst aus ihrer Mitte gewählt war. Von der Zeit 
an, wo der Bector thatsächliches Haupt der Artisten - Facultät 
wurde, betrachtete man auch die vier Nationen quasi identisch 
mit derselben. 

Die drei übrigen Facultäten kamen erst später unter die 
Botmässigkeit des Rectors. Am 27. August 1266 werden vom 
Cardinallegaten zur Beilegung von vorgekommenen und vorkom- 
menden Zerwürfnissen innerhalb der Nationen, sollten sie von 
diesen selbst nicht geschlichtet werden können, 'tres antiquiores ma- 
gistri theologicae facultatis et quatuor Decretistae tunc Parisius 
existentes regentes actu' als Schiedsrichter bestellt"*). Scheint 
schon daraus hervor zu gehen, dass die übrigen Facultäten ausser- 
halb standen, so wird dies gewiss durch die Worte desselben 
Legaten vom J. 1275. Er verordnet, ut facultas artium magi- 
strorum Parisiensium per callidi hostis astutiam propter dissen- 
siones huiusmodi olim divisa ... ad debitam redeat unionem, ne 
. . . se lugeat desolatam, unius tantum rectoris sit contenta re- 
gimine, ut unum fiat . . . corpus unius capitis regimine guber- 
nandum , quatuor procuratores et quatuor bedellos habeat . . . 
juxta consuetudinem facultatis etc."^). Aus diesen Worten er- 
gibt sich von selbst, dass noch damals der Rector nur den Ar- 
tisten angehörte, nur den vier Nationen vorstand. Das Regime 
des Rectors bezieht sich bloss auf die Artisten, und der Schaden 
aus dem Zwiespalt trifft nur die Artistenfacultät, nicht die ganze 
Universität. 

Ganz anders einige Jahre später. Nachdem ein Streit 'inter 
magistros artium ex una parte et magistros in decretis et medi- 
cinis ex altera' über die Einladung zu den congregationes gene- 
rales ausgebrochen war, und die letztern sich bereits nachgiebig 
gezeigt hatten, bestimmte der Cardinallegat im J. 1279, in Zu- 
kunft solle die Einladung vom Rector ausgehen, der die Decane 
der beiden Facultäten entweder selbst, oder durch einen Artisten- 



2«i) Du Boulay p. 379. 

262) Jourdain n. 258. Du Boul. p. 415. 



2. Paris. Stellang des Rectors innerhalb der Universität. 121 

Magister, oder schriftlich benachrichtigen müsse'"). Und nun 
finden wir, dass der Bector bei Aufzählungen vor den Decanen 
der einzelnen Facultäten aufgeführt wird, z. B. im Jahre 1289***), 
während er früher ihnen nachgestellt wurde'**). Aber trotzdem 
wurde der Rector noch nicht als Haupt der ganzen Universität 
betrachtet. Als der Kanzler im J. 1283—1284 behauptete, er 
sei Caput universitatis, da bestritten dies die Artisten, sagten 
aber nicht, ihr Rector sei das Haupt, sondern der Papst"*). 

Standen nun gleichwohl die Decretisten und Mediciner dem 
Rector nach, so hatte dieser doch noch lange Zeit hindurch keine 
Gewalt über die Theologen. Zwar sagt Du Boulay, es sei zwischen 
ihnen und den Artisten ein ähnlicher Streit wie der eben erwähnte 
ausgebrochen, und aus dem Eide, den die Gandidaten der Artisten 
zu S. Genevi^ve hätten ablegen müssen, gehe hervor, dass der 
Rector die Theologen ebenso wie die Decane der Decretisten und 
Mediciner zu den Versammlungen eingeladen habe"0- Allein 
nichts widerspricht mehr der Wahrheit als diese Behauptung. 
Einmal ist von einem Streite, der in Beziehung auf diese Frage 
zwischen den Artisten und Theologen damals ausgebrochen sein 
soll, nirgends die Rede. Und dann datiert der Eid, auf den sich 
Du Boulay bezieht, erst aus dem Jahre 1341"*). In der Eides- 
formel, die 1289 eingeführt wurde, heisst es unter anderm bloss: 
Item (jurabitis), quod vos observabitis ordinationem nuper factam 
de modo congregationes denuntiandi generales decano decretorum 
et decano medicorum "'), was sowohl Du Boulay, als Thurot und 



W3) Du Boul. p. 445 f. 

3^) Dies ist der Fall in zwei Docamenten des genannten Jahres Yom 
7. Juni and 3. November (Nationalarchiv zu Paris, M. 67 n. 27. 28. Vgl. 
auch Du Bonl. M^moires historiqnes snr les b^n^ficcs p. 133). Es heisst: 
Universis presentes litteras inspecturis Universitas magistrorum et scolariam 
. . . Notam Sit nos rectorem, decanos facultatum, procuratores nationum nee 
non et magistros qnatuor facultatum etc. Aehnlich im August. M. 67 n. 29. 

»5) s. oben 8. 109. 

^ So im Acte gegen Philipp de Thori bei Joardain p. 49 a. 

2«7j Du Boulay, Eist. univ. UI, 446. 

»«) Ibid. IV, 275. 

^^) Cod. Yat. Reg. 406 Bl. 4 a. Diese Joramenta tragen kein Datum, 
folgen aber auf das Document, worin von dem Eide der Wähler des Rectors 



122 II* Entstehung der ältesten Uuiversit&ten. 

Jourdain entgieng. Ebenso war damals noch nicht wie im J. 1341 
die Alinea in der Eidesformel: Item jurabitis, quod statutum 
factum et ordinatum per facultatem artium de prepositione rec- 
toris in actibus communibus universitatis inviolabiliter obser- 
vabitis, ad quemcunque statum deveneritis. 

Dass die Theologen noch nicht vom Rector abhiengen, ergibt 
sich aus einem Documente vom 7. März 1297. Der Archi- 
diacon Brie, Decan der theologischen Facultät, antwortete dem 
ihn zur Versammlung einladenden Rector, 'quod magistri in theo- 
logica facultate regentes per rectorem universitatis, quin potius 
per bedellum, ad congregationem aliquatenus vocarentur, nunquam 
Visum fuitParisius nee auditum' ^^°). Dass in Bezug auf die Ma- 
gistri in theologia ein anderer modus eingehalten wurde folgt 
auch aus dem Acte der Artisten gegen den Kanzler Philipp 
de Thori c. 1283— -1284^^^). Es ist also nur zu klar, dass die 
theologische Facultät in einer ganz andern Position als die zwei 
Facultäteh der Decretisten und Mediciner sich befand. Der 
Decan der theologischen Facultät hatte auch bis in das erste De- 
cennium des zweiten Drittels des 14. Jh. in allen Versammlungen 
den ersten Platz vor dem Rector '•^^), und erst 20. April 1341 
wurde die Frage betreffs der Einladung zu den Versammlungen 
in einem für die Theologen ungünstigen Sinne ausgetragen'^'). 
Dieses Jahr haben wir bereits oben als jenen Zeitpunkt kennen 
lernen, in dem zum ersten Male die Acten der Universität mit der 



vom genannten Jahre und den Juramenta examinatorum S. Genovefae (s. Du 
Boulay p. 484) die Rede ist. Die Phrase ^nuper factam' in obiger Formel 
deutet auf die 1279 gemachte Verordnung wegen Einladung der Decretisten 
und Mediciner hin. Sie kommt noch in den 'Articuli, qnos tenentur iurare 
bachelarii in artibus incepturi quando venerint ad rectorem' vor im Reg. 
nationis angUc. III, BL 57 b. 

^70) Bei Jourdain n. 327. Du Boulay entgieng dieses Actenstück. 
Grevier gibt II, 85 eine ganz falsche Erklärung obiger Worte, und Jourdain 
hätte besser gethan ihn nicht zu citieren. Crevier, praeoccupiert durch Du 
Boulays irrige Ansichten, verstand nicht die einfache Construction mit 'quin 
potius'. 

271) Bei Jourdain p. 49 b. 

272) S. Origo Vera p. 756. 

273) s. bei Du Boulay IV, 267 f. 



2. Paris. Stellang des Roctors innerhalb der Universität. 123 

von nun an feststehenden Formel eingeleitet werden: (Nos) Rector 
et universitas magistronim et scholarium^'*). Der Rector der 
Artisten war nunmehr definitiv Rector und Haupt der ganzen 
Universität. 

Es geschah nur durch Vergewaltigung von Seite der Artisten, 
dass der Rector der Artisten nach und nach Haupt der ganzen 
Universität wurde, wenngleich es wahr ist, dass es endlich dazu 
kommen musste. Die drei übrigen Facultäten verschwanden quan- 
titativ gegenüber den Artisten. Nicht wenig Aufschluss hierüber 
gewähren uns die an die päpstliche Curie eingesendeten Univer- 
sitäts-Rotuli. Denn wenngleich in denselben nicht alle Professoren 
aufgezählt werden, sondern nur eine bestimmte Anzahl, so bleibt 
doch das Verhältniss zwischen den Rotuli der einzelnen Facultäten 
auf allen Seiten dasselbe. In den 1348 eingesendeten Rotuli der 
vier Facultäten bemerken wir folgendes Verhältniss. Magistri 
regentes der Theologie werden 32"*), Doctores regentes des 
can. Rechts 18''*), Magistri in medicina 46"^), und 514 Magi- 
stri artium actu regentes aufgezählt"*). Aus dem Rotulus facul- 
tatis artium Paris., der 1362"') an Urban V. geschickt wurde, 
erfahren wir, dass damals wenigstens 441 Artisten-Magister in 
Paris waren ^®°). In demselben Jahre werden aber in dem Ro- 
tulus magistrorum theologiae Paris, regentium nur 25 Theologie- 
Professoren"*), im Rotulus facultatis decretorum 11 Juristen'®^), 



274) s. oben S. 109. 

275) Reg. Suppl. Clem. VI. an. 8 p. 2 Bl. 91a. 

276) Ibid. Bl. 96. 

277) Ibid. Bl. 123. 

278) Ibid. Bl. 183. Zur natio gallicana gehörten 165, za jener Norman- 
nomm 153, Picardorum 158, zur anglicana 38. Von ihnen waren ^aliqai bacal- 
larii cursores vel boni scolares in theologia vel in decretis vcl in medicina', 
die aasdrücklich Bl. 199 b genannt werden. 

279) Jener der Artisten wurde im Sept. 1362 aufgesetzt (s. Du Boulay 
lY, 902), und in Avignon 5. Eal. Dec. an. 1 bewilligt. 

2^) Die natio gallicana zählt 104 auf, jene Picardorum 184, Norman- 
norum 98, Anglicana 55. Bei der letztern wird ausdrücklich erwähnt, dass 
die Magistri actu regentes waren. Urbani V. Reg. Supp. an. 1 p. 1 Bl. 135 a. 

2«i) 20 Weltpriester und 5 Ordensgeistliche. Ibid. Bl. 77 b. 

^) Ibid. Bl. 76 a. 



]24 I^- Entstehung der ältesten Universitäten. 

imRotulusmagistrorum facultatis medicinae 25 Magister"') erwähnt 
Vergleicht man die Anzahl der Artisten mit jener circa 1283, 
wo ungefähr 120 waren"*), so ergibt sich, dass wie auch die 
übrigen Facultäten, so besonders die Artisten in steter Zunahme 
sich befanden, und dass sie quantitativ immer die Praeponderanz 
besassen"*). Es musste dazu kommen, dass die übrigen Facul- 
täten von den Artisten wie erdrückt wurden, und dies um so 
mehr, als die Magistri artium nicht bloss das Regime in den 
vier Nationen hatten, sondern zugleich zu der Universitas magi- 
strorum gehörten. 

Zu all dem kommt, dass die Artisten schon frühe anfiengen 
in die Hand des Rectors zu schwören"®). Für unsere Frage 
Ausschlag gebend ist aber, dass die Incipientes in artibus vom 
J. 1289 an, 'quando veniunt ad rectorem fide prestita corporali' 
unter anderm schwören mussten : Item stabitis cum magistris se- 
cularibus et deffendetis statum, statuta et privilegia eorundem 
toto tempore vite vestre ad quemcunque statum deveneritis . . . 
Item jurabitis, quod libertates singulas facultatis et consuetudines, 
facultatis honestas et tocius universitatis privilegia deffendetis ad 
quemcunque statum deveneritis"^). Da nun seit der Mitte des 
13. Jhs. alle, welche zur Theologie übergiengen, von den zwei 
übrigen Facultäten die meisten, den artistischen Gurs früher 



^3) Ibid. Bl. 189 a. Sowohl hier als in dem obigen Rotolus sind die 
Baccalarei nicht erwähnt. 

^ So im Acte gegen den Kanzler Philipp de Thori bei Jourdain 
p. 45 a. 

^^) Dass die Artisten nicht erst in der 2. Hälfte des 13. Jhs. die zahl- 
reichste Gruppe bildeten (s. Sybels Hist. Zsch. 1881 S. 254), sondern bereits 
Anfangs jenes Jhs., erhellt aus dem Gontracte vom J. 1213 (bei Jourdain 
n. 15). Während es in Bezug auf die Magistri der übrigen Facultäten ein- 
fach heisst, die Majorität solle entscheiden, wurde in Beziehung auf die Ar- 
tisten bestimmt, dass aus ihnen drei Magistri von den Artisten selbst, und 
drei vom Kanzler erwählt würden, und die Majorität dieser sechs sollte ent- 
scheiden. Dies geschah deshalb, weil die Anzahl der Artisten-Magistri zu gross 
war. Man Tergleiche dazu, um Missverständnisse zu Termeiden, oben 
S. 96 Anm. 183. 

88«) S. oben S. 119 u. Anm. 259. 

287) Cod. Vat. Reg. 406 Bl. 4 a. 



2. Paris. StellQDg des Rectors innerhalb der üniTersitftt. 125 

durchgemacht und das Magisterium erhalten hatten, so ist klar, dass 
dieselben auch später, wenn sie Magistri in einer andern Facultät ge- 
worden waren, den Artisten gewissermassen verbunden blieben. So 
schlössen die Artisten im J. 1341 den Decan der theol. Facultät 
von ihrem Gonsortium aus. Sie konnten dies ihm gegenüber als 
einem juratus dictae facultatis artium thun*^'). Das war ein 
Zustand, der endlich dorthin führen musste, wo er auch endigte, 
zur Unterordnung aller Facultäten unter den einen Rector der 
Artisten. 

Dieses endgültige Resultat war ein ganz unnatürliches. Ge- 
rade jene Facultät war von nun an im ausschliesslichen Besitze 
des Rectorats über die ganze Universität, deren Disciplin immer und 
besonders im 12. — 13. Jh., wie wir bereits oben gesehen haben und 
im 3. Bande noch mehr erhärten werden, als blosse Vorbereitung 
zu den hohem Wissenschaften angesehen wurde. Das Studium in 
artibus galt nur als ein Uebergang. Man begreift aber eben 
deshalb, warum die Kämpfe zwischen den Theologen und Ar- 
tisten, die besonders heftig nach 1341 ausbrachen, bis zur 
Zeit Du Boulays nicht mehr aufhörten, ja damals ihren Höhe- 
punkt erreichten, worüber ich im 4. Bande referieren werde. Fast 
hat es den Anschein, als habe die Unterwerfung des Decans der 
Theologen im J. 1341 mehr einen persönlichen Charakter besessen**'). 
Der Widerstand der Theologen gegen die Artisten machte sich 
am meisten bemerkbar, als" man daran arbeitete erstere, unter den 
Rector zu bringen. So z. B. im J. 1339, als es sich um eine allge- 
meine Contribution handelte "°). Später, im J. 1347, lehnten sich 
5 Magistri der Theologie offen gegen die facultas artium auf***). 
In demselben Jahre wurden 'ad instanciam theologorum' der 



^ Bei Da Boolay IV, 268. Die Artisten berufen sich aasdrflcklich 
anf das Jaramentum des Decans dictae facultät! artium olim praestitum. 
Im Reg. nationis angl. II, Bl. 41 a heisst es, dass in yig^lia Paschae des ge- 
nannten Jahres 'reconciliatus fuit magister Symon de Minellys decanus in 
theologia et reunitus facultati ad gratiam, si privatio eins fuerit insta, et ad 
institiam, si fuerit iniusta'. 

^^) Dies erhellt aus dem eben citierten Documente bei Du Boulaj. 

^) Reg. nat. anglicanae, II, Bl. 36 b. 

291) Ibid. III, Bl. 3 b. 



126 II- Entstehung der ältesten Üni?er8it&ten. 

Rector, die vier Procuratoren und die ganze artistische Facultät 
zur römischen Curie citiert, und die englische Nation wählte zum 
Nuntius ad curiam ad litigandum contra dominos theologos den 
Magister Konrad von Schweden"*). Auf andere wichtige Docu- 
mente dieser Zeit, die bereits der Autor der Origo vera heran- 
gezogen hat, komme ich im 4. Bande zu sprechen. Ein ähnlicher 
Dissens machte sich auch bei andern Facultäten geltend. So 
z. B. scheute sich der Decan der Decretisten nicht im J. 1365 
dem Rector in der Versammlung die Worte entgegen zu schleu- 
dern: non curo de praeceptis vestris plus quam de uno obolo'*'). 

Dass die Centralisation nicht im Geiste der Pariser Univer- 
sität lag, machte sich eben noch lange fühlbar. Nicht die ganze 
Universität in Vereinigung, sondern jede Facultät für sich expe- 
dierte noch nach 1341 ihre Rotuli an- den Papst, wenngleich 
man über einzelne Puncte gemeinschaftlich beriet**' **), und die 
Rotuli gleichzeitig abgesendet wurden. Erst der 1383 an Cle- 
mens VII. überschickte zeigt eine Aehnlichkeit mit den Rotuli 
der übrigen Universitäten, d. h. er erscheint als ein Ganzes. 
Paris kommt in der frühern Zeit mit Montpellier überein, wo, 
den Hader abgerechnet, zum Theile ähnliche Verhältnisse be- 
standen, indem die medicinische Facultät, weil früher bestehend, 
auch später nur lose mit der juristischen verbunden war, so dass 
jede Facultät für sich ihre Rotuli nicht bloss abfasste sondern 
auch absendete. 

Allerdings trugen an dem schlicsslichen Ausgang in Paris die 
drei Facultäten selbst theilweise die Schuld. Seit der Mitte des 
13. Jhs. benützte die ganze Universität zur Ausführung von Ge- 
schäften, die die Scholaren angiengen, nicht selten den Rector, 
als Haupt der Nationen, zu denen die Scholaren gehörten. Das 
beste Beispiel gewährt uns die Littera Universitatis vom J. 1254. 
Die Universität liess zuerst durch die Bedelle den Schülern in 
dep Schulen der Dominicaner ankündigen, dass zwei Magistri 
derselben von der Universität ausgeschlossen seien, und die Scho- 



292) Ibid. Bl. 4 a. 
»8) Bei Du Boulay IV, 387. 

393 a) x)|eg ergibt sich für die frühere Zeit besonders aus dem J. 1348. 
Reg. nat angl. III, Bl. 5 b. 



2. Paris. Stellung des Rectors innerhalb der Universität. 127 

laren deshalb deren Vorlesungen nicht besuchen dürften. Darauf 
gieng der Rector mit drei Magistern der Artisten hin, um 
den Auftrag zu vollführen ^^*). Wie sich schon oben zeigte, 
so erscheint auch hier der Rector als eine Art Executivorgan 
der Universität, und zwar gerade wegen der Scholaren. Wie die 
Servientes 'servieutes universitatis' hiessen, so nannte man auch 
den Rector eben deshalb 'rector universitatis', und bereits im 
J. 1261 'rector universitatis magistrorum et scholarium'^'*). Der 
Ausdruck hatte später eine andere Bedeutung als früher. In der 
frühem nahm ihn Innocenz IV. in der oben"®) citierten Stelle, 
zudem man nicht vergessen darf, dass der Ausdruck 'universitas' nicht 
selten bloss die artistische Facultät (wie er ja auch auf die Theo- 
logen allein angewendet wurde) oder die vier Nationen bezeichnete. 
Vielleicht wendet man ein, dass auf diese Weise weder die 
ganze Universität früher ein gemeinschaftliches Haupt, noch jede 
der drei Facultäten einen Decan gehabt hätten, was doch gegen 
den Begriff einer Corporation Verstösse. In der That besteht 
auch das stereotype Argument Du Boulays in dem Satze: Bis 1260 
zeigt sich nirgends eine Spur von Decanen, mithin waren die 
Facultäten noch innerhalb der Nationen eingeschlossen. Er fühlte 
aber nicht, dass er sich selbst damit schlage. Ihm zufolge traten 
die Theologen circa 1260 zuerst aus den Nationen aus, und 
bildeten eine Facultät mit einem eigenen Decan. Ihrem Beispiele 
seien dann die Decretisten und Mediciner gefolgt "0- Was be- 
zeugen aber die Thatsachen? Dass die Decretisten und Mediciner 
vor den Theologen Decane besassen. Die Decane der Decretisten 
und Mediciner werden zum ersten Male in dem Actenstücke vom 
7. Juli 1267 erwähnt''*). Von einem Decan der Theologen, 
die dort ebenfalls aufgeführt werden, ist keine Rede. Noch 
deutlicher erhellt dies aus der Bulle Clemens IV. vom 23. März 
1269. Zum Provisor pauperum magistrorum in vico ad portas 
ante palatium de Thermis solle niemand anderer bestellt werden. 



»*) 8. Du Boulay III, 257. 

»5) s. Jonrdain n. 184. 

»«) 8. 114. 

»7) S. 349. 564 f. 

^8) Jourdain n. 216. Du Boulay p. 387 f. hat einen sehr defecten Text. 



]28 I^- Entstehung der ältesten Universitäten. 

ausser wen 'loci archidiaconus, Cancellarius Parisiensis ac raagistri 
actu regentes in theologica facultate, nee non decretistarum et 
medicorum decani, rector universitatis Parisiensis et procuratores 
quatuor nationum' bezeichnen "*). Wäre den Theologen damals 
einDecan vorgestanden, so hätte er müssen genannt werden, denn es 
ist nicht abzusehen, warum hier gerade die Decane der Decretisten 
und Mediciner, sowie der Rector der Artisten, nicht aber der 
Decan der Theologen angeführt werden, hätten diese einen be- 
sessen, da sie doch alle hier in derselben Position sind. 
Erst im J. 1289 scheinen die Theologen bereits einen gehabt 
zu haben, denn es wird in einem Document desselben Jahres all- 
gemein von den 'decani facultatum' gesprochen'"®). Im J. 1297 
ist aber ausdrücklich vom Decanus facultatis theologicae die 
Rede'®'). Da nun nach Du Boulays Behauptung die Theologen 
zuerst aus den Nationen ausgetreten waren um eine Facultät zu 
bilden, so folgt sogar nach Du Boulays Ansicht, dass die theo- 
logische Facultät einige Decennien ohne Decan existiert hat. 
Man sieht, auf wie schwachen Füssen das ganze System dieses 
Geschichtsschreibers ruht. 

Aber musste denn nach damaligen Begriffen eine Corporation 
ein besonderes Haupt besitzen ? Vor allem diene als Antwort, dass 
es sich hier nicht um die Theorien des Mittelalters, sondern um 
die Thatsachen handelt, die sich nicht nach Doctrinen, sondern nach 
den Bedürfnissen und von innen heraus entwickelten. So finden 
wir Genossenschaften, an deren Spitze sogar sechs Rectoren, und 
überhaupt eine grössere Anzahl von Consuln standen"'), wir 
treffen Genossenschaften mit einem einzigen Haupte, wir finden 
aber auch solche ohne besonderes Haupt, in denen jedoch 
die Majorität die Stelle desselben vertrat. Ich weiss nicht 
welches System unsern Begriffen mehr widerspricht, das erste, 



299) Bei Du Boulay p. 235. 

300) s. oben 8. 121 Anm. 264. 

301) Jourdain n. 327. Auch Crevier, II, 85, sieht diesen Act als den 
ersten an, worin vom Decan der Theologen ausdrQckliche Erw&hnong 
geschieht. 

303) Ich komme darauf im Abschnitte über die Universit&t Bologna 
zurück. S. unten Anm. 349. 



2. Paris. Stellung des Rectors innerhalb der üni?ersit&t. 129 

wonach einer Genossenschaft eine Mehrzahl von Häuptern vor- 
gesetzt ist, oder das letzte, wonach dieselbe ein corpus acepha- 
lum zu sein scheint. Ich glaube wohl das erstere. 

Uebrigens machte eine Genossenschaft ohne gemeinschaftliches 
Haupt den Theoretikern keine besondere Schwierigkeit. Die Glossa- 
toren allerdings sahen es als selbstverständlich an, dass jede univer- 
sitas ein Oberhaupt, einen rector, besitzen müsse'^'). Diese Ansicht 
war sehr verbreitet. Innocenz IV. dagegen, also gerade derjenige, 
welcher die Universität Paris wie nur irgend einer kannte und 
zwar in einer Periode, wo weder sie ein gemeinschaftliches Haupt, 
noch deren Facul täten einen Decan besassen, sagt: Ad esse col- 
legii non exigitur, quod ibi sit praelatus'°*). Ebenso betrachteten 
auch Spätere das Vorhandensein eines besonderen Hauptes für den 
Bestand einer Corporation als etwas Unwesentliches. So meint 
z. B. Bartolo unter Berufung auf Innocenz: De esse collegii non 
est, quod habeat rectorem, potest enim esse sine rectore seu 
praelato . . . Tamen si volunt, possunt sibi invicem rectorem fa- 
cere*°'). Baldus praecisiert diese Lehre etwas mehr, indem er 
sagt: major pars universitatis est princeps et caput, ita quod 
non cadit in intellectu, quod aliqua universitas possit omnino 
esse sine capite'°^). D. h. in Genossenschaften ohne Haupt ver- 
tritt die Majorität die Stelle desselben, so dass die Genossen- 
schaft zwar wohl ohne ein besonderes Haupt, nicht aber durchaus 
ohne ein solches gedacht werden kann. 

Uebrigens waren die Facultäten und die Universität Paris 
nicht ganz ohne Vorstand. Es war der Abschluss einer organischen 
Entwicklung aus früherer Zeit, wenn der Kanzler von Notre Dame 
lange Zeit gewissermassen als caput generale der Facultäten und 
in (Konsequenz der Universität angesehen wurde. Er selbst be- 



^ S. Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht III, 224 f. 

^ In Decret. 3. De praebend. Cum ecdesia. 

^^) In Dig. 47 De colleg. illic. 1. 4. S. andere Belege und die Ent- 
wickelang dieser Lehre bei Gierke 1. c. S. 396 f. 

306j In Anth. Eabüa n. 78. Doch neigt sich dieser Rechtslehrer mehr 
der Ansicht zu, dass ein rector specialis wenn nicht actu so doch potentia 
nothwendig vorhanden sein müsse. Mit ihm ebenso andere Rechtslehrer. 
S. Gierke, 1. c. S. 460 f. 

DeaifU, Di« UnifOTutAUa L 9 



130 II* Entstehung der &ltesten Universitäten. 

trachtete sich als solches noch gegen Ende des 13. Jhs.*^'), trotz- 
dem er seit den ersten Decennien desselben nicht wenig, wenn- 
gleich nicht so viel, als man bisher annahm, von seiner alten 
Macht eingebüsst hatte. Auch schrieben die Päpste nicht minder 
oft an den Kanzler als an die Universität selbst. 

Es kann nun nicht mehr auffallen, dass wir in Toulouse, wo 
die Universität nach jener von Paris gebildet wurde, im 13. Jh. 
dieselbe Beobachtung machen, wie die eben gethane. Die 
dortige Universität hatte damals ebenso wenig einen Rector als 
die Pariser; der Kanzler war das Haupt derselben'*®*), eine That- 
sache, die sich in Bezug auf das Studium auch in Orleans und in 
Angers widerholt. Erst im 14. Jh. finden wir an der Spitze dieser 
Hochschulen, in Angers erst zu Ende desselben, einen Rector ***). 



Eines hat sich nun vor allem ergeben, dass die Uni- 
versität Paris im 13. Jh., besonders in der ersten Hälfte des- 
selben in unaufhörlichem Werden begriffen war, und dass ein 
gewisser Abschluss, wenngleich kein natürlicher, doch erst in 
der Mitte des 14. Jhs. erreicht wurde. Unter allen Facultäten 



307) Dies erhellt aus dem Acte gegen den Kanzler Philipp de Thori. 
S. oben S. 121. Vor Martin IV. widerholte dieser Kanzler ausdrflcklich, 
dass die Universität gegen ihn 4icet universitatis capud existeret nee in enm 
potestatem haberet sicut nee iDferior in snperiorem' sich verfehlt habe. So 
im Schreiben Honorius IV. vom 1. Februar 1286. Reg. Vat. an. 1 ep. 263. 

808) Koch 1290 schrieb Bertrandus de Trilia (der doch im Gonvente 
der Dominicaner zu Toulouse 1276 und 1277 und flberhaupt in der Tolosaner- 
provinz Lector war, mithin über den Stand der Universit&t unterrichtet sein 
musste) sowie die Definitoren des Provincialcapitels 'viris yenerabilibos ac 
dominis providis et discretis D. Tsarno de s. Paulo, venerabill cancellario, 
rectoribus quoque dominis doctoribus ac magistris, ac Universität! studii Tho- 
]osani etc. Cod. Paris. 4348 Bl. 158 a. Douais, Essai sur Porganisation des 
6tudes dans Tordre des irhres pr^cheurs, Paris 1884 p. 148 hat eine irrige Inter- 
punction. Rectores sind hier wie in den oben S. 108 bezeichneten F&llen 
die magistri regentes. 

309) Im zweiten Bande wird davon ausführlich die Rede sein, üebri- 
gens vgl. wegen Orleans unten den Abschnitt Wenn ich oben nicht auf die 
englischen Universitäten hingewiesen habe, so geschah es, weil sie sieh doch 
nur thellweise nach der Universität Paris gebildet hatten. 



2. Paris. Stellung des Rectors innerhalb der Universität. 131 

machte aber die artistische die meisten und bedeutendsten 
Wandlungen durch, in welche die andern an sich schon in Bewegung 
begriffenen Facultäten mit hinein gerissen wurden. Einen einiger- 
massen ruhigen Punkt bilden eigentlich die vier Nationen, denn 
die Bewegung, die man in denselben wahrnimmt, ist in erster 
Linie die Bewegung der artistischen Facultät. Aufgabe des 
Forschers ist es in der jeweiligen Entwickelung der einzelnen Zeit- 
abschnitte die sichern Punkte zu fixieren und sich zu hüten, die 
Yerschiedenen Epochen durch Aufstellung von allgemeinen Ge- 
setzen auszugleichen und zu verwischen. Dieses Werden von 
den einfachen Schulen an bis zur vollen Blüthe der Universität 
wird uns in spätem Bänden, z. Th. schon unten im vierten Ab- 
schnitte, beschäftigen. 

Fassen wir nun kurz die Hauptresultate zusammen, so er- 
geben sich folgende: 

1. Die Universität Paris constituierte sich Ende des 12. Jhs. 
aus der Vereinigung der Lehrer der vier Disciplinen: der Theo- 
logie, des Jus, der Medicin und der Artes. 

2. Die vier Facultäten bildeten sich erst nach und nach 
innerhalb der Universität durch engere Verbindung der Lehrer 
desselben Fachs, und erst allmählich nahm der Ausdruck ^facultas', 
der ursprünglich eine Disciplin bedeutete, den Begriff eines Col- 
legiums von Professoren derselben Disciplin an. 

3. Wenngleich sich anfänglich die Scholaren derselben Nation 
naturgemäss vereinigten, so haben sich doch gerade die vier 
Nationen nicht organisch entwickelt, sondern die Eintheilung in 
dieselben ist künstlich, und sie wurde erst nach Gonstituierung 
der Universität in den ersten Decennien des 13. Jhs. gemacht. 

4. Die Elemente der Nationen waren alle Scholaren ein- 
schliesslich der Licentiaten, sowie die Magistri artium. 

5. Die Magistri artium gehörten also einerseits zu dem con- 
sortiom magistrorum, welches die Universität bildete, anderer- 
seits ZQ den vier Nationen. 

6. Der Rector war ursprünglich Haupt der vier Nationen, 
bald aber der Artistenfacultät. Anfanglich hatten ebenso wenig 
die ganze Universität als die einzelnen Facultäten einen gemein- 
schaftlichen Vorsteher. 

9* 



132 H- Entstehung der ältesten Universit&ten. 

7. Erst gegen die Mitte des 14. Jhs. wurde der Rector der 
vier Nationen, resp. der Artistenfacultät , Vorsteher der ganzen 
Universität, nachdem ihm gegen Ende des 13. Jhs. die Decre- 
tisten und Mediciner, vor der Mitte des 14. Jhs. auch die Theo- 
logen unterworfen worden waren. 

3. Entwicklung der Oorporationen an den Schulen 

Bolognas. 

Wie steht es aber um Bologna? Bildete sich auch dort 
eine Corporation? Hat sie sich ebenso entwickelt wie in Paris? 
Die Antwort auf diese Fragen ist um so wichtiger, als Bologna 
in diesem Punkte fast mehr Einfluss auf die übrigen Universi- 
täten bis 1400 ausgeübt hat, wie Paris, und die Forschung 
hierüber bis heute nicht sehr weit gediehen ist. Nur schritt- 
weise wollen wir also in unserer Untersuchung vorwärts gehen 
und unsere Schlüsse nur in soweit ziehen, als sie wo möglich 
auf Thatsachen der ersten Epoche gestützt sind. 

Vor allem müssen wir zwischen reinen und gemischten 
Scholar cnverbindungen unterscheiden. Die reine Scholaren- 
verbindung bestand nur aus den Scholaren mit Einschluss der 
Baccalarei, theilweise auch der Licentiati. Sie wählten in der 
weitern Ausbildung aus ihrer Mitte das Haupt, den Rector, dem 
alle Gehorsam schuldig waren. Die gemischte Scholarenverbindung 
enthielt ausser den Scholaren auch Magistri, und diese waren in 
ihr das Ausschlag gebende Element. Die letztere haben wir 
bereits kennen lernen. Bei der gegenwärtigen Untersuchung fällt 
sie jedoch weg, denn hier beschäftigt uns nur die reine Scholaren- 
verbindung; bloss von ihr ist die Rede, wenn man von der Uni- 
versität zu Bologna spricht. 

Man hat verschiedene Erklärungen des Ursprungs der Scho- 
larenverbindungen in Bologna gegeben. Ich berücksichtige einst- 
weilen nur jene, die mich zu meiner eigenen Ansicht hinüber- 
führen. Luschin bringt den Ursprung der Universität mit den 
Laienschulen in Italien in Verbindung '*"). Aber wo existiert 



510) A. a. 0. S. 90. 



3. EntwicUang der Corporationen an den Schalen Bolognas. 133 

hier ein Zusammenhang? Luschin corrigiert sich eine Seite später 
indem er meint, Friedrich I. habe als Ausdruck persönlicher Gunst 
gegen die vier berühmten Bologneser Rechtslehrer seiner Zeit, 
Bulgarus, Martin, Jacob und Hugo, 1158 die Auth. Habiia er- 
lassen, durch welche die Rechtsschule von Bologna zu einer staat- 
lich anerkannten Corporation, zu einer 'universitas personarum' 
erhoben wurde. Allein fürs erste kommt in dem Actenstücke 
nichts von Bologneser Rechtslehrem vor, wie wir oben gesehen 
haben, und dann müsste, wäre dies der Fall gewesen, viel eher 
eine Lehrer- als eine Scholarenverbindung entstanden sein. Nach 
L. V. Stein wurde durch die genannte Auth. das Recht der ent- 
stehenden Universitäten begründet"*). Aber in der Auth. steht 
nicht eine Silbe von einer Universitas. Eine solche Erklärung 
ohne nähere Begründung dient zu nichts. Uebrigens haben diese 
Forscher übersehen, dass Friedrich I. in seiner im J. 1158 er- 
lassenen Constitutio pacis alle Conventikel und Verbindungen in 
den italienischen Städten verbot^"), und mithin weit entfernt 
sein musste mittelst der um dieselbe Zeit erlassenen Auth. Habita 
das Recht der Verbindungen an Hochschulen in den italienischen 
Städten zu begründen. 

Aber leistete Friedrichs Authentica Habita in keinerlei Weise 
einer Scholarenverbindung Vorschub? Zwar nicht direct, wohl 
aber indirect. Auf Grund von Friedrichs Privileg hätten sich 
auch die Magistri vereinigen können. Denn wenn in späterer 
Zeit die Examina vor den Promotionen nicht ohne Einfluss auf 
die Bildung von Doctoren'^JIegien waren, warum hätte nicht 
auch der Umstand, dass den Magistri die Jurisdiction über die 
Schüler verliehen wurde, einem ähnlichen CoUegium günstig sein 
können? Werden doch gerade aus diesem Grunde die Professoren 
juris civilis von Odofred magistratus genannt"'*). Ja man sollte 
meinen, dass dieser Umstand wenigstens der Bildung von Corpo- 
rationen, die wie eine Familie von den Doctoren regiert werden, 
hätte förderlich sein sollen. Sahen doch die Rechtsstudierenden 



«1) Die innere Verwaltung l. c. S. 248. 

312) In Mon. Genn. IV, 112. 

ns) Jn Goost. 1. Dig. vet. Hlud vero n. 23. 



134 II* Entstehnng der ältesten Uni Teni täten. 

in jedem ihrer Lehrer zugleich ihren Dominus. Hostiensis ver- 
gleicht deshalb recht zutreffend den Familienvater mit dem ma- 
gister: Dominus potest habere jurisdictionem super suam familiam 
sicut magister super discipulos . . . quilibet dominus habet fami- 
liam suam regere "^^). Dass die Magister mit den Schülern eine 
einzige Körperschaft, 6ine Familie bilden sollten, wurde als das 
natürlichste angesehen. Doch Friedrichs Privileg hatte nicht 
diese Wirkung. 

War es also vielleicht einer Scholarenverbindung günstiger? 
Wenigstens insofern, als es vorzüglich den Scholaren zu gute 
kam, und als sich in dem Privileg den Scholaren einige Anhalts- 
punkte boten Corporationen einzugehen. Es wurde einmal haupt- 
sächlich den Scholares forenses (qui causa studiorum peregri- 
nantur) ertheilt, wie Odofred sagt"'); sie werden in kaiserlichen 
Schutz genommen, auf dass sie sicher reisen und am Studien- 
orte unbehelligt verweilen könnten, von der örtlichen Gerichtsbar- 
keit befreit, und es wird ihnen die Wahl des Gerichtsstandes 
überlassen. Der Gedanke eine Verbindung einzugehen lag in 
Folge dessen für die Scholaren allerdings nahe, um in der- 
selben einen bessern Schutz nach aussen zu haben und die 
Privilegien um so sicherer geniessen zu können. Wir werden 
weiter unten sehen, auf welche Weise dies für die Scholarenverbiu- 
dungen in Bologna zutrifft. Ferner galt, wie wir oben bemerkt 
haben, das Privileg zwar allen Schülern, jedoch in besonderer 
Weise denen der Rechtswissenschaft****). Auch in Betreff dieses 
Punktes werden wir finden, dass sich in Bologna gerade die scho- 
lares forenses der Rechtswissenschaft zuerst verbanden. 

Das ist alles, was man aus Friedrichs Privileg, für sich allein 
betrachtet, zu Gunsten der Scholaren Verbindungen vorbringen 



3^^) Lectura in Decret 2. De foro competenti. Oum coTitingaL 
3i5j Ad Aath. Eabüa: Item slgnori notate, quod per hoc qaod dielt 
constitntio ista 'omnibus scholaribas qui causa studiorum peregrinantor* dico, 
quod hec constitutio non tangit dominos scholares Bononienses qui sunt ci?e8, 
quia ipsi non peregrinantur, immo in domibns suis propriis degunt, unde 
cessante causa cessat Privilegium. Nach Cod. Paris. 4561 Bl. 210 a. Aehnl. 
Baldus zur Stelle. 

31» -J S. oben S. 55flf. 



3. Bologna. Wesen der Scholaren Verbindungen. 135 

kann. Ein ^Recht' der entstehenden Universitäten hat es also 
sicher nicht begrtlndet. 

Wie ist nun also der Ursprung der Scholarenverbindungen 
in Bologna zu erklären? Bei Beantwortung dieser Frage ist es 
nothwendig einen andern Weg einzuschlagen als die frühem 
Forscher gethan haben, und als Grundprincip festzuhalten: alles 
zu scheiden und nichts durch einander zu mengen. 

a. Das Wesen der Scholarenverbindungen. 

Der ursprüngliche Charakter der Scholarenverbindungen Bo- 
lognas war der der freien Genossenschaften auf fremdem 
Boden. Dies ist eine der wichtigsten, wenngleich bisher vielfach 
misskannten Thatsachen in der Universitätsgeschichte des 13. Jhs., 
geeignet nicht bloss viele Seiten in der Organisation der Universität 
Bolognas, sondern auch indirect nicht wenige in der Organisation 
anderer Universitäten aufzudecken. Man hat in letzter Zeit diesem 
Punkte fast gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, während man 
versucht hat die Nationeneintheilung der Pariser Universität und 
der von ihr in mancher Hinsicht abhängigen deutschen Universi- 
täten durch einen Vergleich mit den Zünften jener Zeit zu er- 
klären. Allein es ist nicht gelungen und konnte nicht gelingen. 
Die Pariser Nationeneintheilung wird uns in einem Stadium be- 
kannt, in dem sie wenige Vergleichungspunkte mit den Innungen 
aufweist, am wenigsten aber in Bezug auf die spontane Entwick- 
lung derselben. In Bologna dagegen, wo wir die Verbindungen, 
wenngleich nicht bis zu ihrem Ursprung, doch weit genug zu- 
rück verfolgen können, um sichere Schlüsse auf ihr Wesen ziehen 
zu können, gestaltet sich die Sachlage ganz anders. Sie haben 
nicht weniger ihre Geschichte, als die Innungen Bolognas, von 
denen bereits 1211 mehrere dort existiert haben*'*'), und die 
bis zum J. 1228 zu 20 Gewerbeinnungen und 22 Waffengesell- 
schaften angewachsen waren **0' Doch entschlage man sich von 



916) Dies ergibt sich aas einer Urkunde dieses Jahres, in der unter anderm 
von den sacramenta societatum armorum et artium facta ad honorem et uti- 
litatem Gonunun. Bonon. die Rede ist Savioli, Annali Bolognesl II, 2 p. 464. 

^7) Savioli III, 1 p. 54 ff. 58 Anm. G, wo sie aufgezählt werden. Eben- 
so bei Savigny III, 148 f. 



136 ^- Entstehung der ältesten üni?ersit&ten. 

vorneherein des Gedankens, als wären die städtischen Innungen 
Bolognas der Beweggrund für die Scholaren zum Eingehen von 
Genossenschaften gewesen. Das Motiv zur Bildung von Scho- 
larenverbindungen war vielmehr, wie sich aus dem Verlaufe der 
Untersuchung ergeben wird, dem Wesen nach dasselbe, welches 
z. B. die deutschen Kaufleute in fremden Ländern und Städten 
zur Bildung von Genossenschaften ihrer Nationalität bestimmte. 
Dass aber die Organisation der Scholarencorporationen von 
italienischen, besonders Bologneser Verhältnissen beeinflusst war, 
brachte die Natur der Sache mit sich. Die Scholarenverbindungen 
Bolognas bilden eine Klasse für sich unter den freien Genossen- 
schaften des 12. und 13. Jhs., die weder mit den Gilden, noch 
mit den gewerblichen Zünften allein vollends übereinstimmen. 

Die folgende Untersuchung bringt denBeweis für meine eben aus- 
gesprochenen Behauptungen. Die Anordnung der Argumente und die 
ganze Darstellung ist durch die Beschaffenheit der Quellen bedingt. 

Im Anfange des 13. und zu Ende des 12. Jhs. waren die Scho- 
laren Bolognas noch nicht in zwei Corporationen, der Citramon- 
tani und Ultramontani, getheilt, es bestanden damals mehr denn 
zwei Corporationen. Bereits Savigny war zu diesem Schlüsse 
geneigt, da auch in Vicenza, dessen Studium 1204 durch Aus- 
wanderung aus Bologna ins Leben gerufen war, und in Ver- 
celli, 1228 von Padua, indirect also von Bologna aus gegründet, 
vier Corporationen existierten"®). Diese Vermuthung erhält durch 
folgende Erwägung volle Sicherheit. 

Am 27. Mai 1217 schreibt Honorius III. 'Scolaribus universis 
de Urbe, Campania et de Tuscia Bononie commorantibus"*'). 
Wie aus dem Schreiben hervorgeht, bildeten diese Scholaren 
unter einander eine Genossenschaft, denn der Papst beginnt also: 
Etsi multam honestatem immo necessitatem sicut asseritis causa 



318) Savigny III, 178 Anm. a; 277. 307. 309 f. 

319) Bei Sarti 1. c. II, 58. Da Savigny auf diese Ueberschrift, die in 
der That Ausschlag gebend ist, gar nicht achtete, glaubte ich anfänglich, sie 
sei verdächtig und finde sich vielleicht nicht in den Vatic. Regesten. Allein 
dem ist nicht so, denn wie ich sie oben gegeben, steht sie an. 1 ep. 453 
Bl. 110 b. Dass Späteren dies entgieng, darf nicht Wunder nehmen; im 
besten Falle haben sie nur Savigny excerpiert. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenverbindnngen. 137 

contineat, que vos ad contrahendam societatem induxitetc. Aus 
dieser Stelle ergibt sich einmal, dass die Italiener, weil die 
Scholaren aus Tuscien, der Campagna und Rom eine Genossen- 
schaft bildeten, noch keineswegs unter einander eine einzige Uni- 
versitas unter dem Namen Citramontani constituiert hatten, sondern 
zum allerwenigsten zwei, die eben angeführte, und dann allenfalls 
die Oberitaliens. Eine Erhärtung erhält diese Beobachtung durch 
Accurs Glosse in Dig. Quod cuiusgue universitatis 1. 1, wo er auf- 
zählt, welche Genossenschaften erlaubt seien. Zu ihnen rechnet 
er auch die congregatio scolarium Tuscorum"^). Diese Glosse 
ist unzweifelhaft in Verbindung mit dem eben citierten Schreiben 
Honorius III. Wir wissen nun auch, welche Benennung die eine 
italienische Genossenschaft gehabt hatte, nämlich Tuschi oder 
Toschi. Eben dasselbe muss man aus einer Stelle Odofreds in 
Cod. schliessen, wo er vom Streite inter Lombardos et Tuscos 
zur Zeit Azos spricht'"). Die oberitalienische Scholarenver- 



3^) Y. aliortan: Item quelibet congregatio pro iusticia conservanda ut 
scolarinm tuscorum vel universitas totius, ut c. De iarisd. omn. iud. etc. 
Nach Cod. 31 A. im Archiv von S.Peter. 'Universitas totius' bezeichnet die 
Gesammtheit der Lehrer und Schüler. Bartolo in Dig. de coli, illic. 1. 4 n. 18. 

^1) In Aath. Eäbita, Die Professoren hätten zur Zeit Azos das Pri- 
vileg der Criminaljurisdiction über die Scholaren der Stadtobrigkeit über- 
lassen und zwar aus dem Grunde: quia inter Lombardos et Tuscos fuit 
maxima discordia et maximum bellum, ita quod domini doctores non poterant 
le intromittere in pnniendo eos, unde dixerunt, quod potestas huius civitatis 
intromitteret se in criminali causa . . . sed hodie reversum est ad pristinum 
statnm; tarnen deus velit quod non faciant sibi male ad invicem, nam per 
doctores male punientar illa maleficia. Diese SteHe Odofreds macht es wahr- 
scheinlich, dass sich in Bologna die zwei italienischen Scholarenverbindungen 
onter den Namen der Lombardi und Tuschi, zu denen auch die Scholaren 
von Rom und der Campagna gehörten, nach dem Vorbilde der beiden Waffen - 
gesellschaften, der societates Lombardorum und der Toschi, die bereits 1174 
erwähnt werden, gebildet haben. Muratori, Rer. ital. SS. XVIII, 243. 8a- 
violi, Anoali Bolognesi II, l p. 40. 42 f. Savioli bezieht 1. c. p. 350 354 
Odofreds Worte auf einen Krieg zwischen diesen beiden Waffengesellschaften. 
Allein Odofred spricht ja nur von den Scholaren; seine Worte geben keinen 
andern Sinn, so dass man, selbst die Richtigkeit von Saviolis Erklärung vor- 
iosgesetzt, annehmen müsste, die Scholaren seien auch Mitglieder der Waffen- 
gesellschaften gewesen. Odofred sagt noch ausdrücklich in Bezug auf die 
rennnciatio: habuit locum in scolaribus non clericis etc. 



138 ^* Entstehung der ältesten Universitäten. 

bindung wurde also mit Lombardi bezeichnet. Somit gab es im 
Beginne des 13. Jhs. in Bologna wenigstens zwei Genossenschaften 
italienischer Studenten: die Toschi und Lombardi. Eine Scheidung 
innerhalb der Italiener finden wir auch in Vercelli, und zwar 
werden hier ebenfalls speciell die Lombardi genannt, wie wir 
unter Vercelli sehen werden. 

Gab es aber damals noch nicht die vereinigte Universitas 
der Gitramontani, so natürlich auch nicht jene der Ultramontani, 
denn dieser Name hat hier nur in Gorrelation mit dem erstem 
einen Sinn. Es versteht sich doch zudem von selbst, dass, wenn 
die Italiener nicht unter sich geeinigt waren, dies noch weniger 
bei den übrigen Nationen der Fall sein konnte. Von den vielen 
Tausenden der Scholaren, die damals in Bologna studierten'*'), 
gehörte ein grosser Theil dem Auslande an. 

Nun erst begreift man, warum an den Studienanstalten, 
welche von Bologna aus mittelbar oder unmittelbar durch Aus- 
wanderung gegründet wurden, ebenfalls mehrere Gorporationen 
bestanden. In Vicenza gab es ausser der Universitas der Ita- 
liener auch eine der Engländer, der Provengalen und der Deut- 
schen"*). Ebenso finden wir in Padua im J. 1228 wenigstens 
drei Gorporationen, die der Italiener, der Francigenae und der 
Provinciales"*). In Vercelli waren in demselben Jahre vier 
geplant, und zwar in derselben Weise wie in Vicenza, nur 
mit dem Unterschiede, dass dort statt der Engländer die Franci- 
genae erscheinen'*^). Da nun an allen diesen Studienanstalten die 



^ Odofred sagt 1. c. als Augenzeuge: 'et erant hie (Bononie) tone 
temporis X milia ecolares' (nach Cod. Paris. 4561 Bl. 210a), d. i. zur Zeit 
Azos im Anfeudge des 13. Jhs. 

^ Am deutlichsten erhellt dies aus einer Urkunde vom J. 1205 bei 
Mittarelli, Annales camaldulenses lY, Append. p. 260, verglichen mit einer 
Urkunde Tom J. 1206, ibid. p. 262. 

^ Diese drei Gorporationen waren theils durch die Rectoren, theils 
durch einen Procurator beim Contrakte mit der Stadt Yercelli ver- 
treten. S. das Document bei BaUiano, Della uniyersiti degli studi di Ver- 
celli p. 38. Nur obige drei Gorporationen werden genannt; gewiss existierte 
aber noch eine vierte, nämlich die der Deutschen, die ja mit dem aidern in 
Vercelli eingeftkhrt werden soUte. Sie war beim Gontrakte nur nicht tertreten. 

S3&) Bei BaUiano p. 40. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenverbindungen. 139 

Italiener zu ^iner Corporation vereinigt waren, nicht so aber in 
Bologna, wo die Italiener wenigstens zwei Genossenschaften bildeten; 
da femer an den genannten Orten ausser der Corporation der 
Italiener noch drei der Scholaren der übrigen Länder existierten : 
80 ist der Schluss gerechtfertigt, dass in Bologna ursprünglich 
im Ganzen nicht bloss mehr denn zwei, sondern mehr denn vier 
Scholarenverbindungen oder universitates, societates scholarium 
bestanden "•). 

Diese Scholarenverbindungen waren aber schon frühzeitig 
gegliedert, d. h. die einzelne Corporation umfasste nicht bloss 
die Scholaren einer einzigen Gegend, sondern die mehrerer an 
einander gränzender Provinzen. So waren z. B. die Römer und 
die Scholaren der Campagna und Tusciens zu 6iner Corporation 
vereinigt Wichtiger war dies in Bezug auf die Schüler jenseits 
der Alpen, indem nicht jede Nation stark genug vertreten war 
um eine Corporation zu bilden und sie deshalb genöthigt war 
sich den ihr näher liegenden Nationen anzuschliessen. Wir finden 
deshalb, dass Scholaren nicht bloss verschiedener Provinzen, 
sondern verschiedener Nationen und Länder zu Genossenschaften 
zusammengetreten waren. So gehörten bereits 1228 in Padua 
zu den Francigenae die Anglici und Normanni; zu den Provin- 
ciales die Spani et Catalani'^^). Nach der an Mitgliedern reichsten 
Nation wurde die Corporation benannt, von der jene jedoch 
ebenso wie die übrigen Nationen ein Glied ausmachte. 

Möglich ist, dass ursprünglich die eine oder andere Nation 
für sich eine Corporation bildete, und dass erst mit der Zeit meh- 



^ Behauptangen , wie die, bereits im 12. Jh. hätten sich in Bologna 
die Studierenden in Citramontani undUltramontani geschieden, sind nicht mehr 
haltbar. Diese Behauptung hatte bis in die jüngste Zeit ihre Vertreter. Man 
Tergl. Gersdorf in den Mittheilungen der deutschen Gesellsch. z. Erforsch, 
uteri. Spr. n. Alterth. Y, 9. Paulsen in Sybels Bist. Zsch. 1881 S. 256. 
Scarabelli, Gostitazioni , discipline e riforme dell' antico studio Bolognese 
(Piacenza 1876), p. 18. Einzig steht dieser da mit der Behauptung, bis 1265 
liJUten beide Genossenschaften zusanunen nur einen Rector gehabt (p. 39). 
Der Autor hat überhaupt vom Entwicklungsgänge der Corporationen zu 
Bologna keinen Begriff, und spricht in wenigen Sätzen über denselben. 

»7) Bei Balliano, 1. c. 



140 II- Entstehung der ältesten ünirersitäten. 

rere zu einander traten. Allein mit Bestimmtheit kann dies nicht 
mehr behauptet werden. 

Aus dem päpstlichen Schreiben vom J. 1217 wird aber auch 
klar, dass die Scholarenverbindungen sich nicht auf einmal und 
zugleich, sondern nach und nach, die eine nach der andern, ge- 
bildet haben. Aus den Worten des Papstes muss man nämlich 
schliessen, dass die Corporation der Scholaren von Rom, der 
Campagna und Tusciens im J. 1217 noch ganz jung war; der Papst 
redet zu denjenigen, die zu derselben zusammengetreten waren. 
Nun gab es aber bereits Ende des 12. Jhs., zur Zeit des Joh. 
Bassianus, solche Verbindungen, denn dieser bestreitet den Scholaren 
das Recht consules eligere, was nur einen Sinn hat, wenn schon 
damals eine oder mehrere Scholaren verbin düngen existierten'"). 

Der Wortlaut des pästlichen Schreibens führt uns aber auch 
zum Schlüsse, dass solche Verbindungen freie Innungen waren. 
Denn welchen Sinn sollen sonst die Worte besitzen: que vos ad 
contrahendam societatem induxit? Die Scholaren giengen einen 
wechselseitigen Vertrag ein. Dies wird durch die weitem Worte 
des Papstes noch mehr klar. Sie sollten, meint derselbe, eher 
die Stadt verlassen, als die Corporation auflösen oder in ihre 
Statuten ein von dem Podestä ihnen aufgedrängtes ihrer Freiheit 
schädliches Statut aufnehmen, da sie sowohl das eine wie das 
andere zu thun durch ein von ihnen eidlich geleistetes Versprechen 
verhindert seien"'). Von dieser einen Corporation ist aber der 
Schluss auf die andern gerechtfertigt. 

Die letzten Beobachtungen führen uns um einen Schritt 
weiter. Die Scholarenverbindungen waren freie Genossenschaften, 
die nach und nach sich bildeten; die jüngste derselben war jene der 



338j Ich komme alsbald darauf znrflck. 

^ Universitatcm Testram monemus . . . quatenus in actibus (Sarti 
falsch: artibus) vestris eam de cetero modestiam observetis, ut et Infamie 
notam et rerum dispendium omnino vitetis, de ci?itate exire quam periurii 
reatum incurrere pocius eligentes, si ad alterum predictorum per potestatem 
contingeret vos arctari, vos enim societatem dissoWere aut statutum illud 
contra libertatem scolarium restris statutis inserere non potestis, qui utramque 
(Sarti: utrumque) 8er?are et quam potestis diligencius procurare fide inter- 
posita promisistis. Sarti 1. c. und Reg. Vat. 1. c. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenverbindungen. 141 

Toschen, aus Rom, der Campagna und Tuscien recrutiert. Nach 
ihr hat sich keine neue mehr entwickelt, im Gegentheile haben sich 
bald darauf die bereits bestehenden, wie wir sogleich sehen werden, 
mehr concentriert. Der Gedanke, zu Genossenschaften zusammenzu- 
treten, gieng also wahrscheinlich nicht von den Scholaren italienischer 
Nation aus, sondern von denen fremder Nationen. Ich sage ^wahr- 
scheinlich', denn mit völliger Sicherheit kann dies nicht gesagt 
werden, weil jede Nachricht über die Scholarenverbindung der 
Norditaliener fehlt. Aber abgesehen davon, dass der Ursprung der 
einzelnen italienischen Genossenschaften nicht allzu weit aus einander 
liegen konnte, ist es schon in der Natur der Sache begründet, 
dass sich zuerst die nichtitalienischcn Scholaren auf fremdem 
Boden, nämlich in Italien, nach Nationalitäten vereinigten, und 
dann erst die Italiener, die in Bologna ja auch fremde 
waren, während die Scholares cives von Bologna niemals eine 
Verbindung eingiengen. Dass sich gerade die Fremden einigten, 
war ebenso ein Bedürfniss, als dass sich z. B. die deutschen 
Kaufleute in der Levante, in Italien oder in England unter «in- 
ander verbanden. Schon an sich ist es natürlich und durch die 
Erfahrung bestätigt, dass die Landsleute in der Fremde zusam- 
menhalten. Die Scholaren des Mittelalters hatten keine andere 
Gewohnheit. Robert de Sorbonne bezeichnet es als eine gute 
Sitte der Pariser Schüler, dass sie mehr die Schulen von Lehrern, 
die ihre Landsleute sind, besuchen, als die anderer "°). Und in 
der That findet man im Registrum nationis anglicanae zu Paris"*) 
des 14. Jhs., dass z. B. die Deutschen fast regelmässig unter einem 
deutschen Professor das Licentiat in artibus nahmen und anfien- 
gen. Bestanden auch in Bologna in Bezug auf das Licentiat und 

^^) Liber conscientie im Cod. Paris. 15954 Bl. 335 a: Item nota quod 
boni scolares parisias libencius audiant a magistris compatriotis sais et magis 
iiotis et magis familiaribas sibi, maxime si sint eque boni yel meliores, quam 
ab alüs. Imme erubescant maxime audire ab extraneis etc. Bei anderer 
Gelegenheit (in einer Predigt der Sammlung des Peter v. Limoges, Cod. Paris. 
15971 Bl. 146 b) rflgt er allerdings die Scolares, 'qui vadunt solom ad ma- 
gistros compatriotas ?el notos', was auch die Ansicht des hl. Thomas in einer 
CoUatio ist (Cod. Paris. 15034 Bl. 50 a); allein es beweist immerhin die That- 
lache, dass die Scolaren ihre Landsleute aufsuchten. 

*n) Im Universit&tsarchi? sa Paris. 



142 II* Entstehung der ältesten üniyersit&ten. 

überhaupt die Studien andere Verhältnisse als in Paris, so blieben 
diese doch dieselben betreffs des Principes der gegenseitigen Ver- 
bindung der Scholaren einer und derselben Nation. 

Allein hier liegt noch ein tieferer Grund vor, nämlich der 
des gegenseitigen Schutzes und der Unterstützung, deren vor 
Allem die Fremden bedürftig waren. Dies war ein Grundprincip 
bei Gründung einer jeden freien Genossenschaft jener Zeit'"). 
Ein städtisches Statut Bolognas vom J. 1211 weist sehr deut- 
lich darauf hin. Der Podesti Wilhelm de Pusteria, der in den 
Streitigkeiten der Stadt mit den Scholaren öfters genannt wird, 
verordnete nämlich im genannten Jahre, ^quod nuUus de civitate 
Bonon. vel districtu vel aliunde amodo in antea se astringat 
per promissionem vel securitatem vel sacramentum sub aliquo 
ingenio de adjuvando unus alium, nee ab aliquo, qui sit de di- 
strictu Bononie vel aliunde, promissionem vel sacramentum vel se- 
curitatem ''') de se adjuvando recipiat, salvis sacramcntis socie- 
tatum armorum et artium factis ad honorem et utilitatem Com- 
munis Bononie'. Jeder soll innerhalb 40 Tage alle jene ^qui sunt 
sibi astricti' in genannter Weise, von dem Schwüre und den Ver- 
pflichtungen entbinden. Jeder Bürger wird angehalten, die zu- 
wider Handelnden anzuklagen, wofür ihm die Hälfte der den- 
selben auferlegten Geldstrafe versprochen wird. — Wenn schon 
Einheimische sich verbindlich machten sich gegenseitig zu unter- 
stützen (und von den Einheimischen ist an der eben citierten 
Stelle vor allem die Rede), um wie viel mehr Grund dazu hatten 
die Fremden. Interessant ist, dass dieses Statut gerade in jene 



s^) Sehr gut drtlckt dies die Synode von Ronen y. J. 1189 ans: 
Sunt quidam tarn clerici quam laici huiusmodi societatem ineuntes, nt de 
cetero in quibuslibet causis vel negotiis mutuum sibi prestent auxilium, cer- 
tam in eos poenam statnentes, qui contra huiusmodi Teninnt constitutum. 
Die Synode verbietet solche societates seu fraterias. Mansi, Coli. Concil. 
XXU, 585 n. 25. 

^ Savioli, der II, 2 p. 466 dieses Document anführt, hat hier einen 
▼erderbten Text. Ich habe ihn im obigen wider hergestellt. Diese Verord- 
nung kommt in den Statuta populi Bononiensis vom J. 1250, die Luigi Frati 
mit den Statuten der nächstfolgenden Jahre ediert hat (Statut! di Bologna, 
Bologna 1869—1877), nicht mehr vor. 



3. Bologna. Wesen der Scholaren?erbindungen. 143 

Zeit fällt, da die Spannung zwischen der Stadt und den Scho- 
larenverbindungen bereits begonnen hatte. 

Die Sorge für gemeinsame Geselligkeit und gemeinsamen 
Rechtsschutz waren wohl vor allem das treibende Motiv für die 
fremden Scholaren zu Bologna Verbindungen unter sich einzu- 
gehen. Dies macht es erklärlich, warum wir in der Folge immer 
die Gesammtheit einer Genossenschaft die Parthei eines einzelnen 
Mitgliedes gegenüber fremder Bedrückung ergreifen sehen ; warum 
bei empfangenem Unrecht von Seite der Stadt die Auswanderung 
der Scholaren von Bologna seit der Wende des 12. Jhs. nie mehr 
vereinzelt, sondern immer in Gorporationen und Verbindungen 
statt hatte; warum sich nach und nach innerhalb der einzelnen 
Genossenschaften ein vollständiger Gerichtsstand ausbildete. 

Gegenseitiger Unterstützung waren die Scholaren vorzüglich 
bei der Wohnungsmiethe am fremden Orte und bei dem 
Abkommen mit den Hausbesitzern bedürftig. Die in Bologna 
ansässigen Scholaren hatten nicht nöthig sich um Wohnungen 
umzusehen*"); nur die Fremden kamen in diese Lage. Es war 
dies eine der Hauptangelegenheiten der Scholaren des Mittel- 
alters, für die sich besonders die Päpste interessierten. In 
Bologna galt schon Ende des 12. Jhs. das Gesetz, dass ein ^scho- 
laris conducens hospitium, in quo est alius scholaris apud Bono- 
niam\ excommuniciert sei*'*). Von keiner andern Universität 
gibt es hierüber so frühe Nachrichten. Hätte nur der ein- 
zelne Scholar für sich allein mit dem Hausherrn zu verhandeln 
gehabt, so würde er immer den Kürzern gezogen haben; als Mit- 
glied der Corporation war er aber so stark wie diese selbst, denn 
nicht mehr der einzelne, sondern die Genossenschaft verhandelte 
durch Abgeordnete mit den Hausherren. Darum begegnen wir 



»*) Vgl. oben 8. 134 Anm. 815 Odofreds Worte. 

>S5) 80 im Cod. 67 in Dijon aus dem ersten Drittel des 13. Jhs. , wo 
die SteUe mit mehreren andern unter Briefen Alexanders III. steht Die 
Qnmdlage hierfür bietet eine Verordnung Clemens III. (1187—1191) in der 
2. CompO. Decret. (die gekürzt in den Decret. Greg. 3 De loc. c. 7 sich 
findet), rcsp. die Constitution des Cardinallegaten Wilhelm vom J. 1176 bis 
1177. 8. Sarti I, XXIII sq. Azo beruft sich im Comment et magn. appar. 
ad sing. leg. C. De loc. (4, 65) L 32 auf Clemens. 



144 n. Entstehang der ältesten Universit&tea. 

Bestimmungen über Taxation der Wohnungen nur an jenen 
Schulen, an denen Gorporationen bestanden^ Eines der trefflich- 
sten Beispiele bietet Orlöans'^*). 

So kam es, dass die Scholaren Verbindungen Bolognas nur 
aus Fremden, sei es Italienern oder Nichtitalienern , bestanden. 
Das Motiv zur Eingehung derselben brachte dies mit sich. Schon 
in Friedrichs Auth. Habita erhielten nur die scholares forenses 
die Privilegien'"). In Bologna war dies so stark ausgebildet, 
dass dort der fremde Schüler xar' i^ox^^ scholaris hiess'"). 
So glichen die Scholarenverbindungen Bolognas den Scholen der 
Fremden, die einstens in Rom waren'*'*'), und nicht weniger auch 
den kaufmännischen Genossenschaften, die in Folge von Nieder- 
lassungen in fremden Städten sich nach den verschiedenen Natio- 
nalitäten bildeten. 

Doch wurden sie Ende des 12. und Anfangs des 13. Jhs. 
nicht mit den Hansen verglichen, sondern vielmehr mit den 
städtischen gewerblichen Zünften von Bologna und Umgebung, und 
zwar wohl vor allem deshalb, weil sie in der Organisation mit 
denselben vielfach übereinkamen. An jener Stelle, wo Azo das 
Recht der Scholaren bestreitet sich Gonsuln zu wählen, gibt er 
als Grund an, dass dies auch nicht die discipuli pellipariorum 
vel fabrorum aut similium corporum thäteu; dies sei das Amt 



S36j Obwohl dort beinahe das ganze 13. Jh. ein Oeneralstudium bestand, 
wurden doch erst 1306, d. h. in dem Jahre, als die Corporation von Lehrern 
und Schülern erlaubt wurde, Bestimmungen Aber die Wohnungsmiethe ge- 
geben. Clem. y. Reg. Tat. an. 1 ep. 327 Bl. 64. 

337) s. oben S. 134. 

338) Dies geht aus Stellen hervor, wie z. B. die in den städtischen Sta- 
tuten: nullus civis civitatis Bononie ?el districtus Bononie debeat jurare snb 
aliquo rectore scolarium vel sub aliquo alio Scolari. Ed. Frati II, 29. Unter 
dem 'civis' ist hier etwa nicht jedweder Bürger Bolognas zu verstehen, denn 
dies h&tte keinen Sinn, sondern der Scolaris civis. Unter dem 'Scolaris' aber 
wird der fremde Schtller verstanden. Aehnlich auch in den Statuten 1. c. 
II, 23. Was von Stein a. a. 0. S. 256 f. über den 'scholaris' und 'studens' 
sagt, verdient keine Berücksichtigung. 

339) Sie hiessen Scholae peregrinorum, und es werden genannt Scholae 
Francorum, Frisonum, Saxonum atque Langobardorum. Vita Leonis III. 
n. 372. Migne, Fatrol. lat. tom. 128 p. 1215. 



3. Bologna. Wesen der Scholaren?erbindangen. 145 

der Meister •**). D. h. gerade weil die Scholarenverbindungen den 
gewerblichen Innungen glichen, sollten sich jene ebenso wie 
diese ihre Ck>n8uln von ihren Meistern, nämlich den Professoren, 
vorsetzen lassen. Wie wir sehen werden, war dies auch die An- 
sicht der Nachfolger Azos. 

Dieser Umstand veranlasst uns die Scholarenverbindungen 
von einer andern Seite, nämlich der ihrer Uebereinstimmung mit 
den städtischen Innungen Italiens, zu betrachten. Die Haupt- 
nmrisse der Organisation sowohl auf Seite der städtischen In- 
nungen als auf jener der Scholarenverbindungen decken sich so 
ziemlich. Erwägen wir vor Allem die äussern Momente, und 
zuerst die Benennung der Vorsteher der einzelnen Genossen- 
schaften. Das Haupt der einzelnen Scholarenverbindungen war 
keineswegs 'Rector studii', wie später in Spanien, in Frankreich 
und an den italienischen Universitäten des 14. Jhs., sondern ledig- 
lich Rector societatis oder universitatis scholarium. Der letzte 
Ausdruck wird bereits in einer oben citierten Urkunde vom 
J. 1206, die Schule von Vicenza betreffend, erwähnt**'). Gewiss 
sagte man schon damals auch ^rector scholarium' '*'). Später 
wenigstens werden beide Bezeichnungen abwechselnd gebraucht, 
die immer dasselbe bedeuten: den Vorsteher der Genossenschaft. 
Diese Benennung wurde nur den bereits existierenden Innungen Bo- 
lognas und anderer Städte Italiens entlehnt. Schon im J. 1 1 94 finden 
wir in Bologna Guido de terrafagolis als Rector societatum, als 
Haupt der Innungen'*'), in Pistoja um dieselbe Zeit die Rectores 



^^) Comment. et magn. apparatus ad Bing. leg. Cod. Lugd. 1596 zu 
3, 13 p. 286. 

*^) S. die oben S. 138 Anm. 323 citierte QueUe. 

^ WoUte man sich aaf Savioli, Annali Bolognesi II, 2 p. 465 und 
Sarti II, 224 verlassen, so w&re nachweisbar das J. 1214 das erste Jahr, in 
dem der Ausdruck 'rector scolarium' yorkommt. Allein beide haben die 
Jahrzahl in einem städtischen Statut falsch gelesen. In den Statuten Bo- 
lognas Tom J. 1250 heisst es, die Stadt habe im J. mccxIt (1245) das Statut 
gemacht, dass kein civis *sub aliquo rectore scolarium' . . . schwören dürfe. 
Sd. Frati II, 29. Ich sah selbst die Hs. in der fiiblioteca municipale ein, 
and kann Tersichem, dass Frati richtig geschrieben hat. SavioU und Sarti 
■achten daraus mccxihi, d. i. mccxiv. 

M3) Sa?ioU Annali Bolognesi II, 2 p. 177. Vgl. dazu II, 1 p. 202 Nota F. 

D«aifU, Die UaiTcniUtmi L 10 



146 II* Entstehang der ältesten üoiYersit&tea. 

artium"*), d. h. die Vorsteher der einzelnen Zünfte; dieselben 
werden auch 1223 als in Perugia"*)» 1228 in Verona"') exi- 
stierend erwähnt, und sie erscheinen nun im 13. Jh. durchweg ab- 
wechselnd mit den andern Ausdrücken: Priores, Gapita oder Ga- 
pitudines etc., während in Deutschland da und dort die Be- 
zeichnung 'Meister' oder 'magister'**'), in Frankreich capita, 
maitres, gardes, prud' hommes, consules etc."*) für den Zunft- 
vorstand die gewöhnlichere war. Der Ausdruck Rector wurde 
in obiger Anwendung im allgemeinen da gebraucht, wo an der 
Spitze einer Genossenschaft nicht eine Mehrzahl von Consuln, 
sondern nur die eine oder andere Person stand, wenngleich dies 
nicht immer zutrifft "*)• Für diese Organisation der Genossen- 



3**) Stat. Pistor. §§ 52 und 152 bei Muratori, Antiqu. itaL IV, 527 ff. 
Dass diese Statuten aus dem Ende des 12. Jhs. stammen, yergl. Hegel, Ge- 
schichte der St&dteverfassung von Italien II, 246. 

^^) Bailivi, Consules, Rectores vd Priores fraternitatum, societatum, fa- 
miliarum seu quarumlibet artium. Theiner, Cod. diplom. dom. temp. s. Sedis I, 
77 n. 127. S. auch Gregoroyius, Gesch. d. Stadt Rom, 2. Aufl. Y, 303 f. 

^ Im Liber juris civilis urbis Yeronae Script. 1228 ed. Campagnola 
1728 heisst es p. 147: Prohibebo, quod nullum misterium (ministerlum) de 
civitate seu districtu Yeronae habeat vel habere possit gastaldionem vel 
rectorem, nisi qui sit de suo misterio et qui exerceat illud misterium, ez- 
ceptis molendinariis et walcariis, qui possint habere gastaldionem quem to- 
luerint de dominis molendinorum et fullonum sive walcatorum. Prof. Ficker 
macht mich aufmerksam, dass eben nur die erhaltene Niederschrift der Sta- 
tuten vom J. 1228 ist, während die Statuten selbst wohl grossentheils noch 
dem 12. Jh. angehören. 

^7) Dieser Ausdruck wird schon 1157 auf den Zunftvorstand der Schuh- 
macher von Magdeburg angewendet. Maurer, Geschichte der Städte verüassung 
in Deutschland II, 330. 370, wo sich die Belege fOr die spätere Zeit finden. 

^^) S. Schaeffner, Gesch. der Rechtsverfassung Frankreichs, 2. Ausg. II, 
599 t Fagniez, l^tudes sur Pindustrie et la classe industrielle ä Paris an 
13. et au 14. si^cle, p. 121 ff. 27 ff. Bosiäres, Hist. de la 80ci6t6 fran^se 
1. ed. II, 464. Tros omes' kommt bereits in einem Documente vom J. 1188 
in Betreff Albys vor. S. Auriac, Hist. de Pancienne cath6drale et des ^vßques 
d'Albj. Paris 1858 p. 199 n. 6. 

^^) So werden bei Muratori, Antiqu. Italiae lY, 638 sex rectores pro- 
cerum et valvassorum Mutinae genannt, und in einem päpstlichen Schreiben 
▼om 26. Oct. 1232 rectores fratemitatis urbis erwähnt. BulL Roman, ed. 
Taur. lU, 474. 



3. Bologna. Wesen der ScholarenTerbindungen. 147 

Schäften bildete die italienische Städteverfassung das Vorbild. 
Das Amt des städtischen Podestd oder Rectors war früher da als 
die Bezeichnung, die wenigstens in Bezug auf ^Rector' in Italien 
nicht vor der Mitte des 12. Jhs. in allgemeinen Gebrauch kam"®), 
und in der Anwendung auf das städtische Haupt wohl dem er- 
neuten Studium des römischen Rechts und Alterthums ihr Ent- 
stehen resp. die Wideraufhahme zu verdanken hat'^0- ^^^^ 
deshalb dürfte sie in dieser Anwendung aus Bologna stammen. 
Man hüte sich also die Benennung Rector scolarium mit 
der ^Rector scolarum' zu verwechseln, oder beide zu! einander 
in irgend eine Beziehung zu bringen'^'). Fürs erste sind 
die Begriffe beider wesentlich von einander verschieden; die 
Bezeichnung Rector scolarium hat mit der andern Magister oder 
Rector scolarum gar nichts zu thun. Die letztere bedeutet 
den Lehrer, welcher die Schule imd den Unterricht leitet, da- 
her scholas, Studium regere, woraus dann der Titel ^ma- 
gistri regentes' entstand ^^^). Und auch hier darf man ^schola' 
durchaus nicht im Sinne der Innungen der frühem Jahrhunderte 
nehmen*"), denn vor Ende des 12. Jhs. bildeten weder die 
Lehrer noch die Schüler irgendwo eine Genossenschaft. Der 
andere Ausdruck: Rector scholarium bedeutete, wie der 
vollere Titel ^Rector universitatis scholarium' von selbst andeutet, 
lediglich den Vorsteher, das Haupt der Scholarenverbindung, ohne 
dass diese Benennung zur Schule zunächst in einer Beziehung 
gestanden hätte. Ausdruck und Begriff waren ursprünglich rein 
zünftig, eine Thatsache, die dadurch ihre weitere Bestätigung 
erhält, dass die Bezeichnung ^Rector scolarium' vor dem Ende 
des 12. Jhs., d. i. vor jener Epoche, in der sowohl Bolognas 
Seholarenverbindungen entstanden,^ als auch die übrigen städtischen 
Zünfte eine bestimmtere, autonome Organisation annahmen, nicht 



350) s. Ficker, Forsch, zur Reichs- u. Bechtsgesch. Italiens II, 182 t 
111,483 t 

s»i) Hegel, a. a. 0. 8. 247. 

^ Haber, Die engl. Universitäten I, 80 bringt beide Bezeichnungen 
iB einen iatiden Zosammenhang. 

^) S. oben S. 108 Anm. 227. 

^) 8. GregoroTius, Gesch. der Stadt Rom 2. Aufl. II, 415 ff. 

10* 



148 n. Entstehung der ältesten üniyersit&ten. 

nachgewiesen werden kann, worauf man allerdings bisher nicht 
achtete. Man verlasse sich ja nicht auf die Drucke oder späte 
Hss. In der Folge, als die Bezeichnung Rector scholarium all- 
gemeiner wurde und man an den Universitäten anfieng den Rector 
auch Rector studii zu nennen, findet man allerdings die Titel Rector 
scolarium und Rector scholarum promiscue gebraucht; man setzte 
nicht selten den erstem für den letztern, wo man früher nur 
Rector scholarum oder vielmehr Magister scholarum angewendet 
hätte '"). Die Ausdrücke wurden häufignicht mehr strenge geschieden, 
was zur Folge hatte, dass man auch ^Magister scholarium' statt 
'Rector scolarium' gebrauchte und für magister scolarum 
anwendete. Dies geschah theilweise schon früher*"). 



3^^) Gleichwie andere so achtete auch Mülverstedt , Beiträge zar 
Kunde des Schulwesens im Mittelalter (Magdeburg 1875) nicht darauf. 

356) V7ie überall, so darf man sich bei solchen Nachweisen ja nicht auf 
sp&tere Hss. oder gar die Drucke verlassen. In einer Hs. der Summa 
Decret. de Bern. Papiensis (Vat. Arch. Mitte des 13. Jhs.) findet sich 5 De 
Magistris: ille qui magister scolarium dicitur, w&hrcnd in der Ausgabe des 
Laspeyres (Katisbonae 1860) nach 8 Hss. die richtige Leseart magister sco- 
larum enthalten ist. In einer Urkunde Heinrichs HL v. England vom J. 1231 
steht bei Füller, The history of the university of Cambridge ed. Wright p. 22: 
magistri scolarium, w&hrend das Original nach Shirley, Royal and other 
historical lettres illustr. of the reign of Henry III. I, 398, und ein anderer 
Act p. 396 richtig magistri scolarum besitzt. Ich zweifle auch deshalb, ob die 
Leseart bei Wood, Hist. univ. Oxon. I, 141 für die frühere Epoche Roberts 
Grosset^te * magister scolarium', richtig sei, wenngleich nicht zu läugnen ist, 
dass in England seit dem Beginne des 13. Jhs. der Ausdruck Cancellarius 
scolarium gebraucht wurde. — Ich will noch andere Belege bringen. Savigny 
citiert aus der Summa Oodefredi de Trano 5 De magistris n. 1 : nunc antem 
queritur de CanceUario Paris, et de Archidiac. Bonon. et de moffUtro scolaritun. 
Allein die ältesten Hss. bieten: de magiBtrU scolarum. So nn. 12. 252. 254. 
286. 288 in der Bibl. Burghes. zu Rom. n. 113 C im Arch. zu S. Peter, 
nn. 15411. 15412 der Nat. Bibl. zu Paris u. s. w. Auf Gottfried stützt sich 
g&nzlich die Summa titulorum Balduini, n. XVIII. A. fol. 51, zu Danzig, der 
so wie jener schreibt (s. Schulte, Quellen II, 502 Anm. 34). Die 
Casus longi Bemardi Parm. (Bibl. Burgh. n. 77. 245), Job. de Deo, Summa 
super casibus Decret. (Cod. Vat. 2343; Bibl. Burghes. n. 94 und 145) haben 
ebenso. Ein Beispiel jedoch, wie man bereits im 13. Jh. beide Bezeich- 
nungen mit einander zu verwechseln anfieng, bieten die Hss. der Summa 
S. Raymundi (lib. 1 de magist.> Codd. Tat. nn. 2300. 2302. 2674. 2708. 
Reg. 851. Arch. zu S. Peter 26 G bieten < magistri 8Colarum\ Tat 2301. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenyerbindangen. 149 

Doch beruht keineswegs auf einer solchen Verwechslung der 
Gebrauch die Bezeichnung 'Rector scholarum' statt 'Magister 
scholarum* zu schreiben, denn 'Rector scholarum* entstand ganz 
natürlich aus der alten Phrase *scholas' oder 'Studium regere'"0- 
Indess war der technische Ausdruck für den Leiter der Schule 
vor dem 13. Jh. 'magister scholarum* und nicht 'rector scholarum'. 
Er erscheint fast ausnahmslos in kirchlichen Actenstücken jener 
und in päpstlichen Docuinenten begegnen wir kaum einer 
andern Bezeichnung als 'mjigister scholarum""). 

Einen weitem Zusammenhang der Scholarenverbindungen 
Bolognas mit den städtischen Innungen in Italien erweist femer 
das Institut der Consiliarii. Die Gonsiliarii der Rectoren 
werden bereits im Jahre 1224 erwähnt"'). Jede Nation hatte 
zur Zeit, als 2 Corporationen bestanden, wenigstens einen, wie 
aus einer Urkunde vom J. 1265 hervorgeht '*°), und durch die 
städtischen Statuten vom J. 1289 bestätigt wird^*^), eine Er- 



4294. Reg. 170. Pal. 703. 704. Barghes. n. 78 aber 'scolarium'. Die entere 
ist die richtige Leseart. — Frühere Beispiele dafür, dass magister sccla- 
riam statt scolarum gesagt warde, finden sich z. B. bei Ch. Schmidt, Hist. de 
chapitre de S. Thomas p. 11 (J. 1182) im Cod. Paris. 16558 Bl. 234 a (aUer- 
dings nur im Codex, der mit dem Factum selbst jedoch fast gleichzeitig ist), 
wo der bei der Talmudverdammong 1248 anwesende Magister scolarinm An- 
degayen. genannt wird. 

35^) S. oben 8. 108 Anm. 227. 

3^ Dass der Ausdruck 'Rector' in anderer Verbindung in päpstlichen 
Actenstücken vorkomme, haben wir oben 8. 108 gelegentlich gesehen. Nach 
Feebter, Geschichte des Schulwesens in Basel bis zum Jahre 1589 (Basel) 
8. 7 wäre dort der Ausdruck 'rector puerorum s. scholarum' schon lange 
Tor dem 13. Jh. in Anwendung gewesen. Allein mit Aufstellungen ohne Be- 
weise aus Documenten ist nichts gedient. Mir scheint, dass Fechter den 
ADsdmck nur dem von ihm S. 11 citierten Capitelsbeschluss vom J. 1460 
entnommen hat. 

»*9) Savioli n, 2 p. 466. Savigny III, 199 findet sie erst 1265 erwfthnt. 

3^ Sarti II, 61. Die beiden Nationen der Pictaviensium und Yasco- 
nnm wurden vereinigt zur natio Pictaviensium; doch durfte diese dann zwei 
Consiliarii haben. 

^1) Ibid. 227. In dem städtischen Statute dieses Jahres ist n&mlich 
bei gewissen Vorfällen von dem scholaris denuntians die Rede, über dessen 
Leumund der Rector und der Consiliarius sue ( arti falsch: sive) nationis 
einen Eidschwur ablegen müssen. 



150 I^' Entstehiing der ältesten Univenit&ieo. 

scheinung, die auf andern nach dem Muster Bolognas gegründeten 
Hochschulen sich widerholt, z. 6. in Padua, L6rida, Montpellier. 
Sie bildeten als Vertreter der Nationen den Rath des Rectors. 
Diese Einrichtung, die man, weil man ihren Ursprung nicht kannte, 
nicht selten als Eigenthümlichkeit aufgefasst hat, oder deren 
Ursprung man in Paris suchte ***), obwohl zwischen Paris und 
Bologna ein Unterschied obwaltet'^'), wurde im allgemeinen nur 
den städtischen Innungen entlehnt, und diese widerum nahmen 
die städtische Verfassung zum Vorbilde. Dem Podesta oder 
Rector stand ein Rath zur Seite, den z. B. in Pistoja 14 con- 
siliarii bildeten; dies war der engere Rath. Der weitere bestand 
unter anderm aus 100 gewählten Bürgern, 25 von jedem Thor- 
bezirk^'^). Nach Odofred hatte Bologna später ausser den 
Doctoren 2000 consiliarii '*'). Ein gutes Beispiel für diese 
Einrichtung bei Zünften bildet die Kaufmannsgilde zu Rom, welche 
unter jährlich gewählten vier Consuln stand, denen 12 Gonsi- 
liarii***) zur Seite waren. 

Noch ein Punkt kommt hier in Betracht, der zwar nur eine 
theilweise Uebereinstimmung der Scholarenverbindungen mit den 
italienischen Zünften aufweist, uns aber um so mehr überzeugt, 
dass dieselben freie Genossenschaften waren. 

Bereits Azo vergleicht die Rectoren der Scholarenverbindungen 
mit den Consuln der städtischen Genossenschaften "O- Die Vor- 
steher dieser letztern wurden nämlich damals wegen der ihnen 
übertragenen Gerichtsbarkeit und der Rom. Auffassung entsprechend 
viel öfter mit dem Ausdrucke consules als rectores bezeichnet 



^^) Was V. Stem, Die innere Verwaltung etc. S. 258 f. darüber sagt, 
beruht geradezu auf Unverstand. Er hat auch keinen Begriff Aber das Ver- 
hältniss von Paris zu Bologna und umgekehrt. 

3«3) 8. oben S. 97. 

^) Stat. Pist bei Mnratori, Antiqu. Ital. lY, 527 ff. §§ 52. 151 1 Hegel 
a. a. 0. S. 248 f. 

365j Djg, yet. De just et jure, jus aulein, 

^ Oregorovius Y, 306 bietet einen defecten Text. Es heisst im Statut: 
XII consiliarii, YIII de talgiarolis (Schnittwaarenh&ndler) et lY de franciaro* 
lis (Fransenmacher). Statuti dei mercanti di Roma ed. Oatti p. 3. 

3«7) s. oben S. 144. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenyerbindangen. ]51 

Da nun die Rectoren innerhalb ihrer Grenossenschaft ebenfalls 
die Oerichtsbarkeit ausübten, so boten natürlich die Gonsuln der 
städtischen Innungen einen Vergleichungspunkt dar. Doch hiemit 
sind wir mit dem Vergleiche zu Ende, denn die Gerichtsbarkeit 
innerhalb der Scholarenverbindungen hat sich schwerlich nach 
dem Muster der genossenschaftlichen der italienischen Innun- 
gen jener Zeit entwickelt. Die Genossenschaften der Kaufleute 
und Gewerbetreibenden hatten den Glossatoren zufolge hierin 
im Cod. J. C. einen Rückhalt **•). Da aber die Scholaren 
keine Profession ausübten, vielmehr nur Schüler der Ausüben- 
den waren, so schien das Corpus J. C. der Gerichtsbarkeit inner- 
halb der Scholarenverbindungen vielmehr entgegen als günstig zu 
sein ; dieselbe entwickelte sich deshalb auch nicht nach dem Muster 
der städtischen Innungen Italiens. Wie wir weiter unten sehen 
werden, war dies die Ansicht der Legisten. 

Wie gelangten nun aber dann die Scholaren doch zum Ge- 
nossenschaftsrecht und zur genossenschaftlichen Gerichtsbarkeit? 

Vor allem entschlage man sich der Vorstellung, als seien 
die Scholaren Bolognas ähnlich den Schülern unserer Hochschulen, 
oder, um im Mittelalter zu bleiben, dem Gros der Schüler zu 
Paris gewesen. Gerade zur Zeit, als die Scholarenverbindungen 
entstanden, wurde in Bologna fast nur über Jus civile und Jus 
canonicum gelesen. Diese Wissenschaften zogen nur solche an, 
welche im reifern Alter waren, und im Heimathlande entweder 
schon eine Stellung hatten, oder zu einer solchen gelangen wollten. 
Wir finden unter den Scholaren Bolognas Archidiacone, Praepo- 
siti. Canonici u. s. w. "*). Schon Friedrich I. setzte in seiner 
Auth. Habita Scholaren dieser Art voraus, denn wenn er in der- 
selben den Scholaren freie Wahl des Gerichtsstandes zugestand, 



^^) D. 3, 4 werden nnr GoHegia von Gewerbetreibenden erw&hnt. In 
dem Yon den Glossatoren oft angerufenen 1. 7 (Periniquwai) G. de jnrisdict. 
omn. 3, 13 ist dasselbe der FaU. Auf Grund desselben sagt Hngolinas, 
Snniina Dig. 3, 13 n. 3, nicbt bloss die societates ciyitatnm et yiconim etc. 
seien erlaubt, sondern auch 'omnes societates professionum, item negotiationum'. 

^ Man ygl. unter andern den Elenchus der Scholaren seit 1265 bei 
Sarti n, 234 ff. In früherer Zeit war dies noch mehr der Fall, und diese 
Erscheinung kehrt an allen Rechtsschulen wider. 



152 I^ Enstehung der ältesten Uniycrsitäteii. 

SO machte er sie dadurch gewissermassen sui juris, was doch 
sicher grosse Reife der Scholaren voraussetzte. Diese Thatsache 
beweist aber zugleich, dass die Scholaren in ihrer Heimath 
freie Männer waren, welche Bologna nur um der Wissen- 
schaft willen aufsuchten. Ihre alte Freiheit büssten sie in Bologna 
nicht ein und wollten sie auch nicht preisgeben. Es ist nicht 
zufällig, dass in Bologna die Scholaren ebenso wie die Rechts- 
lehrer selbst mit ^Domini' tituliert wurden, eine Sitte, die theil- 
weise auch auf andere Universitäten mit ähnlichen Einrichtungen 
übergieng"**), filr Paris aber, wo eben verschiedene Verhältnisse 
waren, für das 13. Jh. nicht nachgewiesen werden kann"'). Roffred 
von Benevent und Albert Galeottus nannten ihre Rechtsschüler 
im acht mittelalterlichen Sinne 'socii' "*). 



370) So werden 1209 die Scholares in Yicenza durchaas Domini 
titaliert. Mittarelli, Annal. CamalduL lY, 213 f. Ebenso spricht sie 1229 
Guido Faba in Bologna an (Summa dict. Cod. Paris. 8652 Bl. 72), und Odo- 
fred gibt in der Mitte des 13. Jhs. den Bechtsschfllem denselben Titel (Ad 
Auth. Babita), gleichwie er auch in der Anrede fortwährend die Formel ge- 
braucht: Or signori. Man vgl. auch Sarti a. a. 0. So erhalten auch in Sie- 
neser Acten ?om J. 1321 die Scholares aus Bologna immer den Titel Do- 
mini (Banchi, Alcuni documenti che concemano la venuta in Siena nell 
anno 1321 dei lettori e degli Scolari dello studio Bolognese in Giomale sto- 
rico degli archivi Toscani Y, 309 f. 312 f. u. s. w.)* Dasselbe ist der Fall 
in Bezug auf die RechtsschtÜer yon Rom im J. 1319 (Renaxzi, Storia dell' 
universitä degli studi di Koma, I, 262) und von Perugia in der Matricula 
y. J. 1339 (Padelletti im Archivio giurid. Y, 501 ff.). Im J. 1388 erscheinen 
in Florenz die Scholares des Jus als Domini, jene der Medicin als Magistri 
(Statuti della universitä e studio Fiorentino. Firenze 1881, p. 11 f.). 

97^) Im Registrum nationis anglicanae (UniversitätsarchiT zu Paris) 
werden im 14. Jh. die Licentiierten ebenfalls Domini tituliert 

37^) Qnest sabbat. Prooem. : Cum . . . ego cogitarem quid utile et fruc- 
tuosum possem sociis de legum scientia ministrare etc. Cod. Burghes. 249. 
Der Ausdruck kommt in dieser Anwendung nicht selten yor. Roffred 
spricht die Schüler 1. c. an: Accipite ergo Studiosi socii et Studium et solli- 
citudinem attendite offerentis . . . quidam de meis sociis tjrones in legibus 
non poterant panem durum dentibus manducare. Aber auch die Doctores 
nennt er der damaligen Sitte gem&ss socii. S. Prooem. De ordine jadi- 
ciorum (Cod. Burghes. 248), welches Werk er <ad instantiam sociornm 
nobilium de partibus curie, cum essem in ciyitate curialissima et nobili Are- 
tina' schrieb. Yon Albert .Galeottus citiert Diployataccius eine ähnliche 
Phrase (mit Anwendung auf die Scholaren bei Sarti II, 253; I, 117). 



3. Bologna. Wesen der Scholarenverbindungen. 153 

Als solche freie Männer vereinigten sich die Scholaren nach 
ihren Nationalitäten auf fremdem Boden, und waren nun gleich- 
wohl die also entstandenen Genossenschaften der gewöhnlichen 
Annahme zufolge nichts weniger als im Sinne des Böm. Rechts ^^'), 
so bildeten sie sich doch um so mehr aus dem Drange der 
umstände, sie waren in der Natur der Verhältnisse begründet *^*)i 
and wenn je, so waren die also entstandenen Genossenschaften 
freie Genossenschaften im eigentlichen Sinne, die, wenn nicht 
das Römische, so doch ein nationales Recht für sich haben konnten. 

Hier kommen wir wider zu jenem Punkt, von dem wir ausge- 
gangen sind. Ich habe oben bemerkt, dass die Scholarenverbindung 
der Toschen die zuletzt entstandene war, und dass überhaupt die 
der Gorporationen unter den Italienern wahrscheinlich erstnach den 
übrigen Gorporationen sich entwickelt hatten. Hier drängt sich 
derselbe Gedanke auf. Die Anregung solche Genossenschaften 
zu bilden konnte weniger von jenen Scholaren ausgehen, die von 
Haus aus mit dem Rom. Rechte in Berührung getreten waren, 
als vielmehr von solchen, deren nationales Recht und nationale 
Gewohnheiten der Bildung ähnlicher Genossenschaften günstiger 
waren. Und da kommen vor Allem die Deutschen, die Franzosen 
und Engländer, und so viel ich schliessen darf, die Provengalen 
und Catalonier in Betracht. Unter ihnen beanspruchen die Deut- 
schen einen der ersten Plätze, denn das Genossenschaftsrecht war 
bei ihnen an der Wende des 12. Jhs. und im Anfange des 13. in 
voller Ausbildung begriffen. Möglich, dass sie auch bei Bildung 
der Scholarenverbindungen in Bologna den Ausschlag gegeben 
haben und sie zu den ersten gehörten, welche sich zu einer Ge- 
nossenschaft constituierten. Ist es doch interessant, dass die 
Deutschen in jener Zeit, als die verschiedenen Scholarenver- 
bindungen auf die zwei der Ultramontani und Citramontani re- 
duciert waren, die einzig privilegierten unter allen Nationen 
erscheinen. Wenngleich in den städtischen Statuten vom J. 1250 



373j s. oben S. 151 Anm. 368. Das Rom. Recht erkennt auch nur die- 
jenigen Genossenschaften an, die legibus et senatus consultis et principalibas 
constitutionibos approbiert sind. 

574) S. oben S. 140 ff. 



154 n. Entstehung der ältesten üniversitAten. 

verboten wurde 'facere aliquod mutuum alicui persone de Alla- 
mania', so war doch die Glausel dabei: nisi esset Scolaris*'*). 
Trotzdem, dass im J. 1265 die ültramontani 13 Nationen um- 
fassten, wurde dennoch bestimmt, dass alle 5 Jahre der Rector der 
Ültramontani aus der deutschen Nation genommen würde*"), 
im J. 1273 wurde es von der in der Kirche S. Proculo versammelten 
universitas Ultramontanorum als altes Privileg bezeichnet, 'quod 
nobiles de Alamania non teneantur jurare rectori'*"). Der 
Grund dieser Bestimmungen lag allerdings auch in dem Bewusst- 
sein, dass das Imperium translatum est ad Alemannos, et ideo 
fons nobilitatis poUet in Germanis'*"). Allein mir scheint er 
noch mehr darin gesucht werden zu müssen, dass eben bei der 
Bildung der einstigen Scholarenverbindungen die deutsche Nation 
eine hervorragende Rolle gespielt hatte, was um so mehr ihr zu- 
kommen konnte, als ihre Mitglieder zahlreich waren. Der Platz den 
sie damals einnahm, sollte ihr auch in Zukunft so weit möglich be- 
wahrt bleiben. Mit Rücksicht darauf, dass seit der Reducie- 
rung aller Genossenschaften auf nur zwei doch öfter ein nicht- 
deutscher als ein deutscher Rector an die Reihe kam, sollten die 
Nobiles de Alamania überhaupt von der eidlichen Verpflichtung 
gegen den Rector entbunden sein, was vielleicht nie der Fall ge- 
wesen wäre, hätten die Deutschen in der Weise wie wohl ursprüng- 
lich eine Genossenschaft fQr sich mit eigenem Rector gebildet. 

Unser Resultat lautet, dass die Scholarenverbindungen Bo- 
lognas freie Genossenschaften bildeten, die in derselben Weise wie 
die kaufinännischen Genossenschaften auf fremdem Boden sich 
entwickelten, in ihrer Organisation aber nicht unabhängig von jener 
der italienischen Zünfte waren, wenngleich sich der Kern nicht 
als italienisch erweist 

Nun erklärt sich die bisher nicht verstandene Erscheinung 
mehrerer Gorporationen , eine jede mit eigenem Rector, an dem 
dinen Studium. Sie bietet nichts auffalliges mehr. Nur hüte 



37^) Statut! die Bologna ed. Frati II, 254. 
"6) Bei Sarti II, 61. 

S77) Bei Malagola, Della vita e deUe opere di Antonio Urceo detto 
Godro. Bologna 1878 p. 537. 

37^) Baldus in prooem. Dig. n. 32. 



II. Bologna. Wesen der Scholarenverbindangen. 155 

man sich die Phrase zu gebrauchen, in Bologna seien mehrercre 
Universitäten gewesen. Da wir jetzt mit dem Ausdruck Univer- 
sität den Begriff einer Hochschule verbinden, so entstünde leicht 
der falsche Begriff: in Bologna hätten mehrere Hochschulen exi- 
stiert Und doch war dort nur 6ine Schule, an ihr aber mehrere 
Scholarenverbindungen. Diese, weil ursprünglich nur Genossen- 
schaften in dem eben entwickelten Sinne, hatten zunächst keine 
directe Beziehung zum Studium, und ihre Rectoren waren keines- 
wegs Rectores studii. Hätten die Scholarenverbindungen Bolognas 
ursprünglich eine directe Beziehung zum Studium und zur Schule 
gehabt, dann würde sich nur eine einzige grosse Genossenschaft 
mit einem Rector an der Spitze, der zugleich Rector studii war, ge- 
bildet haben, wie wir dies an vielen der spätem Universitäten sehen, 
und diese £ine Körperschaft wäre in mehrere Nationen getheilt 
gewesen. Den Beweis liefert Bologna selbst. Je mehr nämlich 
die Professoren, die eigentlichen Leiter, Regenten des Studiums, 
in Abhängigkeit von den Scholaren kamen, desto directer wurde 
die Beziehung der Rectoren der Scholarenverbindungen zum Stu- 
dium, und desto mehr stellte sich die Nothwendigkeit heraus die 
verschiedenen Corporationen zu reducieren. In Bologna wurde 
in jener Zeit noch nichts 'gemacht', alles entwickelte sich spontan. 
Die Verschmelzung zu nur zwei Corporationen geschah noch vor 
der Mitte des 13. Jhs., denn in den Statuten der Stadt Bologna 
vom J. 1250 werden bereits der rector Ultramontanorum (Johannes 
de Varaois) und der Citramontanorum (Pantaleon de Venetiis) 
erwähnt*"). Die zwei Corporationen (Universitates) wurden näm- 
lich dann Citramontani und Ultramontani genannt, von denen jede 
in mehrere Nationen getheilt war, oder vielmehr mehrere Nationen 
omfasste. Im Jahre 1265 zählte die Corporation der Ultramon- 



379) Statati di Bologna ed. Luigi Frati, I, 366 f. Die zwei Universitäten 
werden nnter dem gemeinsamen Gesichtspunkt 'aniversitas' genommen (uni- 
Tersitas scolariam). S. dazu unten S. 156 and Anm. 885. So beginnt auch das 
Schreiben Innocenz lY. vom J. 1253, womit er die Statuten der Universit&t 
bestätigt D. f. rectores et universitas scolariam Bononien. qaedam dicuntur 
edidisse statuta salubria et honesta, que ad utilitatem et bonum statum ipso- 
nun redundare noscuntur. Reg. Yat. an. 10 ep. 398. Bl. 229. Sarti II, 124. 



156 II' Entstehung der ältesten üniyersit&ten. 

tani 13 Nationen, während sie unmittelbar vorher 14 hatte "*^). 
Für den Augenblick wurde keine Neubildung irgend einer Nation 
zugelassen, sondern der von auswärts kommende Scholar musste 
sich in eine der genannten Nationen, die seinem Lande am nächsten 
stand, nach dem Gutdünken des Rectors und der Consiliarii ein- 
reihen"'). Jede der zwei Corporationen hatte einen eigenen 
Rector; im Jahre 1250 finden wir zum ersten Male die Rectoren 
beider Genossenschaften erwähnt'"). 

Die Reducierung auf eine einzige Corporation war wohl in 
Folge der eigenartigen Entstehung der Scholarenverbindungen 
nicht so leicht möglich wie in Padua, wo seit 1473 die Juristen 
nur mehr 6ine Universität bildeten, der abwechselnd ein Rector 
der Cisalpiner und Transalpiner vorstand"*). Der Nothwendig- 
keit, nur £inen Rector zu besitzen, konnte sich aber auch Bo- 
logna mit der Zeit nicht verschliessen, und so finden wir dort 
seit dem Anf. des 16. Jhs. nur 6inen Rector über beide Corpo- 
rationen gesetzt*"). War man doch schon seit dem 13. Jh., d. i. 
seit der Zeit, wo die Corporationen in directer Beziehung zum 
Studium standen, gewohnt, sie, wenngleich von einander getrennt, 
unter ^inem Gesichtspunkt zu betrachten und als universitas 
scholarium zu bezeichnen. Und es bedurfte nur mehr eines Schrittes, 
um bei der engen Zusammengehörigkeit der Scholaren und Pro- 

^ Sie hiessen: Gallici, Picardi, Burgandiones, Pictavienses et Yascones 
(▼or 1265 waren beide getbeilt), Turonenses et Cenomanenses (wahrschein- 
lich waren auch diese früher getheilt), Normanni, Gatelani, Ungari, Poloni, 
Theotonici, Yspani, Provinciales, Anglici. Bei Sarti II, 61. Die Böhmen 
und M&hren bildeten also damals noch nicht eine Nation für sich, wie 
Dudik, Mährens allgem. Gesch. X, 434 irrig meint. Richtig Malagola, I libri 
della nazione tedescha presso lo studio Bologn. (Modena 1884) p. 5. Savigny 
III, 187, sich auf die sp&ten Statuten stützend, lässt die ültramontani aus 
18 Nationen bestehen. Ihm folgten alle sp&tem Schriftsteller. — Leider fehlt 
ein Actenstück der altem Zeit für die Citramontani, d. i. die Italiener. 

^^) Sarti a. a. 0. Erst in späterer Zeit wurden dem Bedürfhiss ent- 
sprechend die Nationen vermehrt. 

^ S. S. 155. In Padua finden wir 1261 einen Bector transalpinns und 
einen cisalpinus erwähnt. Stat. almae univers. Jurist. Patav. gjmn, 1551 J» 1. 

3^) Facciolati, Fasti gymnasii Patavini, Patavii 1757 II, 5. Stat almae 
univers. Jurist. I, 4. 

3M) Statuta et privil. univ. Jurist. Bonon. 1561 p. 14. 102. 107. 



3. Bologna. Wesen der Scholarenverbindongen. 157 

fessoren beide als magistrorum et scholarium universitas aufzu- 
fassen '•*). 

Durch obige Darstellung sind Behauptungen wie: die Hoch- 
schule zu Bologna sei demokratisch organisiert gewesen"*), 
von selbst widerlegt. Da es sich im Beginne nicht um die 
Schule sondern um die Scholaren Verbindungen handelte, so 
sind solche Behauptungen gegenstandslos. 

Aber noch ein anderer Umstand erhält nun seine Erklärung, 
dass nämlich auch damals, als die verschiedenen Verbindungen 
auf zwei reduciert waren, nur die scolares forenses, d. h. die 
nicht in Bologna oder dessen Distrikt einheimischen, eigentliche 
Mitglieder der einen der zwei C!orporationen waren. Es konnte 
wohl vorkommen, dass sich Einheimische, cives, den Corporationes 
forensium anschlössen; allein sie waren keineswegs eigen tlidie 



^) So tbat dies Clemens Y. 10. März 1310 (Reg. Tat. an. 5 ep. 158 
Bl. 43 a) und Johannes XXII am 11. Juli 1326 (Reg. Yat. an. 10 parte 2 
ep. 2705) und in dieser Weise unzählige Male. S. oben S.32. 137 Anm. 320. Auch 
SaTigny meinte S. 413 Anm. b auf eine hierher gehörige Stelle bei Sarti I, 
258 hinweisen zu können. Allein Sarti sagt, die Adresse: Universität! Ma- 
(pstrorum et scholarium Bononie commorantium der Bulle ßex padficus^ wo- 
mit Gregor IX. die Decretalen nach Bologna sandte, komme in keiner Hs., 
die er eingesehen, vor, und finde sich nur in Böhmers Ausgabe der Decre- 
talen. Immer stehe sonst: Doctoribus et scholaribus universis etc. Ich kann 
aus meiner Erfahrung Sarti's Urtheil nur bestätigen. 

^ Sie hat in einer Aenssernng Savignys S. 158 ihren Grund, nach 
der die Organisation der Schule zu Bologna theilweise auf den republikani- 
schen Geist Bolognas zurflckzufQhren wäre. Nackt wie sie oben dasteht findet 
sie sich ausgesprochen in einem Artikel (zum grossen Theil Plagiat von Sa- 
Tigny und Huber) der Baltischen Monatsschrift (lY, 89. 105) vom Historiker 
Kurts verfasst, und bei Hautz-Reichlin, Gesch. der Univ. Heidelberg, I, 102. 
— Eine im Wesen richtige Auffassung fand ich bei Bouthors (Bim- 
benet, Eüst. de l'uniTersit^ d'Orl^ans p. 72 f.), allerdings mit der fal- 
schen Anwendung auf die UniTersität Orleans. Nachträglich habe ich 
gesehen, dass auch Maurer, Gesch. der Städteverfassung in Deutschland II, 
282 f. diese Auffassung theilt, jedoch ebenfaUs ohne die eigentliche Entwick- 
nng dieser Art von Genossenschaften zu kennen, was schon daraus henror- 
gehty dass er Bologna ganz ausser Acht lässt, während er Paris als Muster 
nimmt, ungeachtet in Paris, wie wir oben gesehen haben, andere Yerhält- 
lusse obwalteten. Noch mehr gilt dies von den deutschen Universitäten. 



158 II* Entstehang der ältesten UnivenitAteii. 

Mitglieder. Sie bildeten ja früher keine Corporation, und blieben 
deshalb auch ausserhalb, als alle Genossenschaften auf zwei redu- 
ciert worden waren. Wer sich über das eben dargelegte Wesen und 
die Art und Weise der Entstehung der Scholarenverbindungen 
im Klaren ist, dem leuchtet dieser Umstand, weil nur eine Gonsequenz, 
von selbst und ohne weiteres ein. Doch wird sich weiter unten 
Gelegenheit bieten darauf zurückzukommen. 

b. Zeit der Entstehang der Scholarenverbindungen. 

Meiners glaubte, bereits in der ersten Hälfte des 12. Jhs. 
hätten die Scholaren Bolognas Genossenschaften gebildet'*^). Auf 
die Entstehungszeit der Auth. Hahita führen sie viele Forscher 
zurück'"). Savigny war sich im Unklaren"'). Es ist auch 
schwer darüber etwas Bestimmtes zu sagen, da alle Quellen 
fehlen. Jedoch lässt sich der Schluss aus verschiedenen Um- 
ständen ziehen, dass die ersten Scholarenverbindungen Bolognas 
höchst wahrscheinlich nicht lange vor Ende des 12. Jhs. entstanden 
sind. Vor Joh. Bassianus machte, so weit bekannt, niemand eine 
Erwähnung von den Scholarenverbindungen. Indem dieser den 
Scholaren das Recht bestritt Rectoren zu wählen"^), setzte er 
die Existenz der Verbindungen voraus. Ende des 12. Jhs. exi- 
stierte also wenigstens die eine oder andere Scholarenverbindung. 
Aber datiert der Ursprung derselben aus einer viel frühem Zeit? 
Thatsache ist, dass in den Summen Rogers, Placentins und 
Pilius auch nicht 6ine Andeutung von der Existenz der einen 
oder andern Scholaren Verbindung in Bologna sich findef 0. 



^7) Gesch. der Entstehang und Entwickelung der hohen Schalen, U 54 f. 

«88) S. oben 8. 133. 

389) Gesch. des Böm. Rechts III, 172. 

890) Die Nachweise folgen im Abschnitte c. 

891) In der Samma Bogers (Frogerii), welche die erste Aber den Codex 
geschriebene Sanune ist, kommt specieU im lib. 3, 13 (De jarisdictione om- 
ninm jadicam) der Abschnitt 'Periniqaom', wo die Spätem die Frage be- 
handeln, weder in der Hs. zn Tübingen (Mc. 14), noch sa Yich in Spanien 
(Capitelsbibl. n. 82 nach den Summen Placentins), noch in dem bisher nicht 
bekannten Cod. Paris. 18230 (wo Bl. 44 a die Summa codicis ohne Bogers 
Name ist), der mit Cod. 73 des Spanischen CoUegs in Bologna übereinstimmt, 
noch im Cod. der Laurenz. (Plut. 5 sin. cod. 10), Tor. In dem Ton Tu- 



8. Bologna. Zeit der Entstehung der Scholarenverbindnngen. 159 

Allerdings ist dieser Beweis allein nicht stringent, da z. B. der 
spätere Guido de Suzaria die Scholarenverbindungen ebenfalls 
nicht erwähnt"'). Die Auth. Habita übergeht ferner den Reotor 
mit Stillschweigen, obwohl sie ihn doch beim Passus ttber den 
Gerichtsstand der Scholaren hätte erwähnen müssen, wenn irgend- 
wo in der Lombardei Scholarenverbindungen mit Rectoren be- 
standen hätten. Auch der Bergomaske, der uns über den Ur- 
sprung der genannten Auth. berichtet'®'), weiss weder von Scho- 
larenverbindungen noch von Rectoren zu erzählen. Von der 
Genossenschaft der loschen wissen wir, dass sie erst ziemlich 
spät, in keinem Falle vordem Pontificatinnocenz m, entstand ''0. 
Es ist nicht glaublich, dass der Ursprung der übrigen Verbin- 
dungen von jenem der süditalienischen durch einen sehr grossen 
Zeitraum getrennt war. Dies liesse sich erklären bei Verbindungen, 
die an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Verhältnissen 
entstanden, nicht aber bei den Scholaren in der einen Stadt Bo- 
logna. Zu all dem kommt noch, dass auch die übrigen Genossen- 
schaften und Zünfte, sollte selbst ihr Ursprung weiter zurück 
datieren, sich erst in der 2. Hälfte des 12. Jhs. bestimmter 
organisiert haben. Ja die meisten aus ihnen entstanden erst 
damals. In Bologna selbst geschieht die erste Erwähnung der 
dort existierenden Gesellschaften im J. 1174'"), also verhältniss- 
mässig spät. 



bingen (nicht in den andern Hss.) ist am Rande, wie mir Herr Repetent Dr. J. 
Sehmid berichtet, nur angemerkt, dass, wer studiorum caasa sich zehn Jahre 
irgendwo aufhalte, Domicil erhalte. Lib. 4 tit. 13 fehlt überall g&nzlich. 
Ebenso wenig enthält die Summe Placentins über den Codex s. B. im Cod. 
Yindob. 2126 Bl. 73 und im Drucke (Moguntiae 1536) p. 103, wo De jurisd. 
omn. jud., und Bl. 88b, Druck p. 146, wo Ne filius pro patre ohne die 
Auth. BcJbita ist. Pilius hätte in der Summa trium librorum zum widerholten 
Haie Gelegenheit gehabt über obige Frage zu sprechen, 2. B. Cod. Tat. 2313 
l^eich nach dem Prooemium Bl. 361, wo er über das domicilium causa stu- 
diomm im Sinne der Randbemerkung von Rogers Summe in Tübingen handelt^ 
Bl. 363 b, wo de coUegiis die Rede ist; 372b, wo die Auslegung De studiis folgti 

392) In cod. 1. c. im Cod. Paris. 4489 Bl. 43 a. 

SM) 8. oben S. 49 f. 

SM) s. oben S. 140. 

39^) Savioli 1. c IL 1 p. 40 ff. Im genannten Jahre existierte nämlich 



160 II- Entstehung der ältesten Uniyersit&ten. 

Die genannten Erwägungen bestimmen mich zur Annahme, 
dass die ersten Scholarenverbindungen Bolognas sich nicht vor 
den letzten Decennien des 12. Jbs. gebildet haben. Aus diesem 
Umstände erklärt es sich, dass man auch erst Ende des 12. Jhs. 
anfieng den SQholaren das Recht zu bestreiten Rectoren zu wählen. 
Der dem RechtsgefQhle der Bologneser Juristen so wider- 
sprechende Usus der Scholaren sich Rectoren zu wählen musste 
gerade beim Entstehen, da er ganz neu und deshalb um so 
sonderbarer war, den grössten Widerspruch erwecken. Vor Joh. 
Bassianus hört man aber keinen Laut darüber. Die Entstehung der 
Scholarenverbindungen fällt deshalb wohl nicht in eine frühere Zeit. 

Somit liegen die Anfänge der Scholarenverbindungen Bolognas 
in derselben Epoche, wie die Vereinigung der Magistri der ver- 
schiedenen Wissenszweige zu einer Corporation in Paris. Aber 
auch die Scholaren von Paris hatten sich um jene Zeit nach 
Landsmannschaften vereinigt, wie wir oben gesehen hatten, nur 
waren erstere damals ebenso wenig in die vier Nationen getheilt, 
wie die Scholaren Bolognas in zwei Corporationen. 

0. Verhältniss der Soholarenverbindmigen Bolognas zur Stadtgemeinde 

und zu den Professoren. 

Zur Zeit als die Scholarenverbindungen Bolognas entstanden, 
war die eigentliche Concessionslehre in Betreff der Corporationen 
und CoUegien noch nicht ausgebildet. Zwar berief man sich 
schon ziemlich frühe auf das Privilegium principis'®*); allein es 
geschah noch keineswegs in jener schroffen und allgemeinen 
Weise, wie dies in der Mitte des 13. Jhs. inauguriert und an 
der Wende desselben weiter ausgebildet wurde'"). Trotzdem 



bereits die Waffengesellschaft (societas armomm) der Lombarden ; wahrschein- 
lich jedoch aach andere Genossenschaften. S. überdies oben S. 82. 36. 

3^) S. Joh. Teuton. oben S. 86. Roffred, Quest. sabb. 28. im Cod. 
Burghes. 249. 

397) S. Gierke III, 288. 368. Am weitesten gieng damals wohl Petras 
de BeUapertica, der in seiner Leetara in Cod. 3, 13 (Parrhisiis 1519) sagt: 
Qaodcunqae coUegium approhatum, dico expresse (approbatam), nam qaod- 
canqae coUegiam non est expresse approbatam, est reprobatam. Und in 
lih. 1 Cod. De sac. san. eccles. et privil. earam, Bl. 3 a fahrt er die Er- 



3. Bologna. Scholaren Verbindungen grgenOb. d. Stadt n. d. Professoren. 161 

mussten auch bereits Ende des 12. Jhs. alle Gorporationen , die 
im Corpus juris civ. nicht als collegia licita erwähnt waren, in 
der Entstehung mit der nächsten Obrigkeit rechnen. Mehr noch 
galt dies von den Scholarenverbindungen. Denn betrachtete man 
schon an sich das freie Associationswesen mit grosser Missgunst, 
so noch mehr jene Verbindungen, die scheinbar geradezu gegen 
den Geist des Römischen Rechts entstanden. Zu diesen letztern 
gehörten eben Bolognas Scholarenverbindungen, die es also 
deshalb nicht bloss mit der Stadtgemeinde, sondern auch mit den 
Rechtslehrem zu thun hatten, und es half nichts, dass sie in 
emer jener lombardischen Städte sich entwickelten, in denen nach 
den Worten des Hostiensis (Korporationen existierten, die zwar einen 
Herrn hatten, ihn aber nicht gebührend anerkannten'*'), und 
sich, wie es scheint, Körperschaften organisierten, ehe ihre 
Vorrechte genehmigt waren. 

Aus dem bereits oben citierten päpstlichen Schreiben vom 
27. Mai 1217 an die Scholaren Roms, Tusciens und der Cam- 
pagna geht hervor, dass diese bei C!onstituierung ihrer Genossen- 
schaft sich eidlich das Versprechen gegeben hatten dieselbe 
weder jemals aufzulösen noch auch zuzulassen, dass ihre Freiheit 
je beeinträchtigt werde'*'). Die Commune Bolognas mit dem 
PodestA wollte nun, sie sollten einen Paragraphen in ihre Statuten 
aufnehmen, der gerade ihre Freiheit beschränkte, und den die 
Stadt selbst ihren eigenen Statuten einverleibte und welchen in 
Vollzug zu bringen sich der Podesta unter einem Eidschwure 
verpflichten musste. Dies letztere erhellt aus dem Schreiben des 
Papstes an den PodestA unter demselben Datum *^*^). Man er- 
fährt jedoch aus beiden Schreiben nicht, was dies für ein Paragraph 
war. Zum Glück ist er uns als städtisches Statut vom J. 1217 
und in einem spätem päpstlichen Schreiben erhalten. Das Statut 
droht einem jeden, nicht allein den Scholaren, mit immerwährender 



Unbtheit eines CoUegs auf die Approbation des Fürsten oder des Papstes 
surOck. 

>M) Bei Gierke lU, 290. 

»») s. oben S. UO. 

«00) Bei Sarti II, 58. Reg. Vat. an. 1 ep. 454. 

DtBifle, DU UniToniUten L U 



162 11* Entstehung der ältesten ünirersitäten. 

Verbannung und Confiscation der Güter, wenn er auf einer Con- 
spiration, die die Verlegung des Studiums zum Zwecke hat, er- 
tappt werde. Dieselbe Strafe gewärtigt jeden Scholaris (nicht bloss 
jene Roms, Tusciens und der Gampagna) oder irgend einen andern, 
wenn er einen Scholaren sich dermassen kann verbindlich machen, 
dass er ihm gebieten könne Studien halber die Stadt zu verlassen*"*). 
Es ergibt sich daraus, dass das Statut alle Scholaren angieng, 
wenngleich sich nur die der drei genannten Provinzen an den 
Papst gewandt hatten. 

Die Verwendung des Papstes für die Scholaren war aber 
für den Augenblick ohne Wirkung, was wir aus den Schreiben, 
welche Honorius III. im Jahre 1220 erliess, und von denen eines 
vom 6. April an die Stadt, zwei andere vom 13. Mai je an den 
Podestä, sowie den Bischof von Parma und den Archipresbyter 
von Reggio gerichtet waren *°'), erfahren. Um von den zwei letzten 
einstweilen abzusehen, so geht aus dem ersten hervor, dass es 
sich nicht etwa bloss um eine einzige Scholarenverbindung, sondern 
um alle handelte, wie sich dies schon aus dem eben citierten 
städtischen Statut ergibt. Es erhellt aber auch, dass dieses von 
der Stadt nicht bloss aufrecht erhalten wurde, sondern dass es 
noch den Zusatz erhielt, die Scholaren hätten kein Genosseu- 
schaftsrecht mehr, noch dürften sie Rectoren besitzen, wenn 
nicht in die Eidesformel der Rectores der Passus aufgenommen 
würde, sie würden nicht Veranlassung geben, dass das Studium 



^01) Savioli, Annali Bolognesi II, 2 p. 465: Si quis inventus fuerit fe- 
cisse Tel facere sectam vel conspirationem pro studio transferendo a civitate 
Bonon. ad aliam locum, perpetao banniatur et omnia ejus bona pablicentur 
quorum medietas accusanti detur. Item si quis Scolaris vel alius aliquem 
alium scolarem aliquo modo vel iugenio astrinxerit ut possit ei precipere de 
ducendo de civitate ista causa studii, banniatur et ejus bona que habuerit 
Bononie vel in ejus districtu publicentur quorum medietas sit accusantis. 
S. Statuti di Bologna ed. Frati II, 25. 

402^ Das zweite dieser Schreiben fehlt bei Sarti und Savioli, findet sich 
aber in Reg. Yat. an. 4 ep. 729 Bl. 179b. Es hat denselben Inhalt wie das 
dritte und beginnt ebenfalls: Statutis civitatis. Das erste steht auch im BulL 
Rom. ed. Taur. III, 367. Schuhes Bemerkung im Archiv f. kath. Kirchen- 
recht XIX, 9 gegen Savigny ist also sehr müssig. Schulte bat eben damals 
Sarti nicht benutzt I 



3. Bologna. Scholarenvcrbindungen gcgeirtib. d. Stadt n. d. Professoren. 163 

anderswohin verlegt werde oder ein Scholaris ausser in Bologna 
studiere*^'). Zudem wurde der Podestä verpflichtet innerhalb 
zweier Monate seit seinem Amtsantritte a rectoribus scolarium, 
und wurden diese neu gewählt, innerhalb der ersten 15 Tage 
nach deren Wahl, den Eid hierüber von ihnen abzunehmen. Er 
musste auch darauf achten, dass diese Verordnung in die Statuten 
der Scholarenverbindungen aufgenommen wurde *°*). 

Diese Umstände erweisen doch deutlich, dass die Scholaren 
bei Constituierung ihrer Corporationen mit der Stadtobrigkeit 
gar nicht verhandelt hatten, und dass sie mit dieser erst in 
Folge ihres feindlichen Vorgehens in Berührung kamen. Die 
Scholaren waren jetzt, wie der Papst bereits 1217 sagte, vor 
die Alternative gestellt, entweder die Stadt zu verlassen, oder 
sich eines Meineides schuldig zu machen ^^'^). 

Man hüte sich jedoch hier voreilige Schlüsse zu ziehen, als 
wäre z. B. die Stadtobrigkeit den Scholarenverbindungen an 
sich und von vorneherein feindlich gegenüber gestanden. Denn 
wenn auch letztere ohne eingeholte Erlaubniss der ersteren ein- 
gegangen wurden, so Hess man dieses damals ohne weiteres ge- 
schehen und beanstandete dieselben nicht. Es geht dies einmal 



*os) Bei Sarti II, 57 ff. Reg. Vat. ann. 4 ep. 738. 739 Bl. 179 f. Das Schreiben 
an den Bischof v. Parma etc. findet sich unter den Briefen des 9. Jahres 
ep. 47 Bl. 9b. Der Papst sagt in dem oben zuerst citierten Schreiben: 
stataistis, ut si quis inventas fuerit sectam, pactionem vel conspirationem 
pro studio a civitate Bononiensi ad locum alium transferendo, facere vel fe- 
cisse, et si Scolaris quispiam vel alius quemquam scolarem astrinxerit modo 
qaolibet quo precipere possit ei, ut causa studii eandem exeat civitatem: 
perpetuo banniatur et omnia bona eins que Bononie Tel in ejus districtu 
habnerit publicentar, et eorum tribuatur medietas accusanti. Preterea so- 
cietiUem vel rectores scolares non permittantur habere nisi hoc capitulum 
in eomm (rectorum) juramento ponatur, videlicet quod non dabunt operam, 
at Stadium ad locum alium transferatur, nee cuiqnam Scolari precipiant, ut 
gratia studii abscedat a civitate predicta. Bei Sarti 1. c. ist der Text 
fehlerhaft. 

^^) Potestas . . . teneatur predictum capitulum iurari facere a recto- 
ribus scolarium ... et in societatum scolarium scriptis poni. Sarti 1. c. 
Reg. Vat. 1. c. Bl. 179b. Ebd. wird bemerkt, der Podesta habe *pro quorum 
obsarvatione' den Eid abgelegt. 

^^) S. oben S. 140 Anm. 329. 
^ 11* 



164 1I> Entstehung der ältesten Universitäten. 

aus einem spätem städtischen Statute hervor, in dem die Scholaren 
die Zusage erhielten, sie könnten in der Stadt unbehelligt wohnen 
'sicut poterant ante statutum conditum inter eos de rectoribus 
non habendis'*®^). Und dann meint Honorius III. am 6. April 
1220, die Scholaren hätten früher volle Freiheit gehabt*"'). Am 
5. Oct. 1224 erinnert er die Stadtobrigkeit ausdrücklich an ihre 
Vorfahren *°®), die um den Ruhm Bolognas so eifrig besorgt 
gewesen seien. Aus dem Zusammenhange der verschiedenen 
päpstlichen Schreiben ergibt sich aber, dass der Papst hier 
keinen andern Ruhm im Auge habe, als den durch die Anwesen- 
heit der Scholaren in ihrer Stadt erworbenen*"'). Anfanglich 
stand also die Stadtobrigkeit nichts weniger als feindlich den 
Scholarenverbindungen gegenüber. 

Aber auch in jener Epoche, die uns gerade beschäftigt, kann 
von Feindschaft nur insofern gesprochen werden, als die Stadt- 
obrigkeit mit ihren Statuten den Scholaren bloss die Freiheit 
nehmen wollte, anderswo als in Bologna zu studieren, nicht aber, 
als wäre sie überhaupt den Verbindungen und deren Rectoren 
abhold gewesen. Dies ergibt sich aus dem ganzen Verlaufe. Die 
Stadt machte nämlich seit Ende des 12. Jhs. die unangenehme 
Erfahrung, dass von Zeit zu Zeit sowohl Professoren, worauf ich 
noch zu sprechen komme, als Scholaren die Stadt verliessen, um 
sich anderswo Studien halber anzusiedeln. Die Stadt sah sich 
natürlich beeinträchtigt und wollte solchen Vorfällen durch Sta- 
tuten vorbeugen, die sich jedoch anfänglich nur auf die Bürger 



*^) Statuti di Bologna ed. Frati U, SavioU II, 2 p. 466. 

^7) Er sagt n&mlich von den in Frage stehenden st&dtischen Statuten, 
sie seien mehr ^destitata contra libertatem antiquam (scolarium) et habitam 
hactenus*. 

^8) Bei Savioli 1. c. UI, 2 p. 52 (bei Sarti fehlt das Schreiben) steht: 
predecessores nostri. Nach den Reg. Yat. ann. 9 ep. 46 Bl. 9b, aas denen 
Savioli doch das Schreiben edierte, gehört jedoch predecessores v es tri. 
Savioli setzt auch das falsche Datum: 8. Oct. Allein 3. Non. Oct. ist der 
5. October. 

«^) So schreibt der Papst 6. April 1220 der Stadt: . . . attendentes, 
quod ipsi (scolares) gratoito ad stndendom vestram preelegerint civitatem, 
qae cum prius esset humilis, per eos ibidem congregatos divitiis 
fere supergressa est civitates provincie universas. 



8. Bologna. ScholarenTerbindungen gegenfib. d. Stadt a. d. Professoren. ] 65 

resp. die einheimischen Scholaren bezogen. So verbot sie ihnen 
1203 bis 1204, wo gerade die Auswanderung nach Vicenza 
stattfand, unter Androhung der Verbannung und Gonficiscierung 
der Güter mit den abziehenden fremden Scholaren zu gehen oder 
dieselben sei es selbst oder durch andere an den Ort der Studien 
zu fahren*"). 1215 hatte eine Auswanderung nach Arezzo statt*"). 
Die Stadt sah sich veranlasst die Statuten zu verschärfen, und 
sie that dies 1217. Die in diesem Jahre gegebenen beziehen 
sich, wie wir gesehen haben, auch auf die auswärtigen Scholaren. 
Die Rectoren werden zwar noch nicht offen genannt; aber sie 
sind vorzugsweise durch den Passus bezeichnet: si quis Scolaris 
. . . alium scolarem aliquo modo . . . astrinxerit, ut possit ei pre- 
cipere etc.*"). Scheint auch aus dieser Stelle hervorzugehen, 
die Stadt sei überhaupt gegen das Rectorat gewesen, so zeigt 
sich doch aus dem Statut vom J. 1 220, wo offen von den Rectoren 
die Rede ist, dass das Rectorat nur in dem Falle in Frage ge- 
stellt sein sollte, wenn der jedesmalige Rector sich nicht eidlich 
verpflichte, keine Veranlassung zur Verlegung des Studiums zu 
geben. 

Wie sich nun von selbst versteht, so kam die Stadt nur nach 
und nach zu jener im J. 1220 gegen die Scholaren und Rectoren 
eingenommenen Stellung, die keineswegs an sich, sondern nur 
per accidens feindlich war. War auch jede folgende Massregel 



*^^) Bei Savioli II, 2 p. 462: statuimus, quod nullus civis habitator 
hnins civitatis vadat post scolares, qni de ci vi täte recesserint pro studio aliquo 
faciendo vel pro abitando, et nullus civis vel ''Mquis alius ducat scolares 
aliquos per se vel alium aliquo ingenio vel de operam de ducendo causa 
studii alibi exercendi vel habitandi, et si quis contrafecerit amodo in antea 
nee ipse nee sni liberi sint babitatores huins civitatis et ipso jure sint publi- 
cata in communi bona eorum, et etiam persone eorum sint in banno commu- 
nitatis Bonon. Et hoc statutum babeat locnm a tempore domini Guillelmi 
de Poaterla citra ann. 1204. S. auch Statuti di Bologna ed. Frati II, 23. 

^11) Roffred von Benevent sagt: Cum essem Aretii, ibique (Cod. Burgbes. 
249: ubi) in cathedra residerem post transmigrationem Bononie, ego Ron- 
firedas Beneventanus juris civilis professor anno D. MCCXV (Cod. Burgbes. 
S49: MCCXYI) mense Octobris etc. Prooem. in Quest. Sabbatin. Cod. 
Bnrghes. n. 135 (c Mitte des 13. Jhs.). 

«3) S. oben S. 162. 



Igg II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

schärfer als die vorhergehende, so hatte doch jede von ihnen 
nur den £inen Zweck zu verhüten, dass die Scholaren die Stadt 
verlassen und anderswo studieren. Die Stadt war also an sich 
gewiss für die Scholaren, deren Verbindungen und Rectoren, und 
wären dieselben niemals ausgezogen, so hätte sie wenigstens 
jetzt noch nicht Veranlassung genommen gegen sie aufzutreten, 
ja sie würde vielleicht dem tacitus consensus zur Corporations- 
bildung einen consensus expressus haben folgen lassen. 

Zu diesem Resultate führen uns noch andere Umstände, und 
zwar vorerst das päpstliche Schreiben vom 13. Mai 1220 an den 
Podesta und die Stadt. Nachdem nämlich Honorius in. dieselben 
aufgefordert hatte die Statuten zurückzuziehen, gibt er als Motiv 
an: attendentes, quod scholares ipsos benignitate retinere potestis 
melius quam duritia, que facit, ut multi etiam natalis soll dulce- 
dinem derelinquant . . . scholares ipsos honorificentiis consuetis 
et bonis conditionibus , que via erit potior et potentior, curetis 
ad terre vestre gloriam et conmiodum retinere*"). Der Papst 
will sagen: 'ihr wollt die Scholaren an euere Stadt fesseln? 
Da wendet ihr gerade die entgegengesetzten Mittel an. Strenge 
und Zwang statt Milde und Gewährung der Freiheit'. Auf den 
£inen Zweck, die Scholaren zurückzuhalten, läuft auch eine 
städtische Verordnung hinaus, die wir in dem päpstlichen 
Schreiben vom 6. April 1220 kennen lernen: nee permittat (po- 
testas) Bononiensem aliquem vel extraneum, nisi primo jura- 
verit quod non leget alibi, extraordinariam aliquam legere 
lectionem*^*). Es sind hier nicht die Doctoren gemeint, sondern 
jene Scholaren, die bereits extraordinarie lesen durften. Und 
schliesslich verlangte die Stadt bereits seit dem Ende des 12. Jhs., 
wie wir sehen werden, auch von den Doctoren die Eidesleistung, 
dass sie nirgends als nur in Bologna lehren würden. Allerdings 
wurde die Stadt zu diesem Gesetze noch durch andere Umstände 
veranlasst, aber doch leuchtet auch hier dasselbe Motiv durch. 
Sie wollte im Besitze, ja im alleinigen Besitze des Studiums 



413) Reg. Vat. ann. 4 ep. 729 Bl. 179 b. Dies schrieb er auch dem 
Bischof von Parma und dem Archipresbyter von Beggio. S. Sarti 11^ 59. 
*!*) Bei Sarti 1. c. p. 57. 



3. Bologna. Scholarenverbindungen gegenüb. d. Stadt a. d. Professoren. 1 67 

bleiben. Noch 1 250 verbot sie aus diesem Grunde den Bürgern, 
irgend einem ausserhalb der Stadt und dem Districte von Bologna 
wohnenden Scholaren etwas auf Borg zu geben *^*). 

Aus all dem geht hervor, dass die Stadt keineswegs das 
Recht der Scholarenverbindungen sowie Rectoren zu besitzen 
bestritt, sondern dass sie nur die fernere Existenz derselben von 
Bedingungen abhängig machte***), die unter den gegebenen Um- 
ständen hart waren. Denn die Scholaren wählten, wie auch der 
Papst erwähnt **0, freiwillig, ohne ein-;egangene Verpflichtung 
mit der Stadt, Bologna als den Ort ihrer Studien; es musste 
ihnen also auch freistehen Bologna wider zu verlassen. Die 
städtischen Verordnungen waren um so härter, als jedem Kläger 
die Hälfte der Güter versprochen wurde**®), ein Versprechen, 
das eine Fülle von Denunciationen zur Folge haben musste. 

Man begreift, warum sich die Scholaren im J. 1220 wider an 
den Papst wandten, bei dem sie sich durch zwei Abgesandte, 
unter denen ein Canonist war, vertreten Hessen. Aber auch 
die Stadt wendete sich diesmal an Honorius III. und liess sich 
sowohl durch einen Rechtslehrer als einen andern Rechts- 
kundigen vertheidigen. Letztere suchten zuerst die erwähnten 
Statuten abzuschwächen und zu entschuldigen, und zwar wohl 
deshalb, wie aus dem Zusammenhange des Documentes ersichtlich 
ist, um die Scholaren in der Stadt zurückzuhalten. Endlich 
opferten sie das Statut, soweit es die Rectoren und die lectiones 
ordinarie betraf, und überliessen das üebrige der päpstlichen Ent- 
scheidung. Allein der Papst verwarf alle Statuten, befahl sie aus 
dem städtischen Gapitularium zu entfernen und bestellte den Bischof 



^&) SUtati di Bologna ed. Frati II, 194. 

^ifi) Sarti hat sieb zur Behauptung verleiten lassen: primo scholaribus 
edictam est, ne in corpus coirent et rectores crearent, qui Universum corpus 
moderarentur. I, 120. Savigny hat die frühem Acten kaum mehr als in 
Bezug auf das Datum verglichen, und deshalb auch den letzten, von dem nun 
die Rede sein wird, nicht im Zusammenhange aufgefasst und darum diesen 
wie die frühem missverstanden. Spätere haben Savignys Behauptungen als 
Actenstficke benützt. 

*") s. oben S. 164 Anm. 409. 

«18) S. oben 8. 162 Anm. 401. 403. 



]gg II. Entstehung der ältesten Universitäten. 

von Parma und den Archipresbyter von Reggio als die Exe- 
cutoren, die eventuell mit den kirchlichen Strafen eingreifen 
sollten*^'). 

In der That zog nun die Stadt, sind wir anders gehörig unter- 
richtet, im selben Jahre das Statut in Betreff der Scholaren zu- 
rück und milderte jenes in Bezug auf die Rectoren*"). 

Sei dem aber wie ihm wolle, der Hader zwischen der Stadt 
und den Scholaren hatte noch kein Ende, im Gegentheile wurde 
die Spannung zwischen beiden bald grösser als je, es kam zum 
offenen Bruche, und die Stadt verjagte schliesslich die Rectoren 
der Scholaren sammt den Gonsiliarii auf Eingebung der Professoren 
des Rom. Rechts hin, welche für die Stadt Partei ergriffen 
hatten. Wir erfahren den Hergang kurz aus dem Schreiben Hono- 
rius HI. vom 5. Oct. 1224, an den sich die Scholaren wider, 
seit 1217 zum dritten Male, mit der Bitte um Schutz gegenüber 
den Forderungen der Stadt gewandt hatten. 

Der Papst kommt in demselben zuerst auf die frühern Ver- 
handlungen zurück, die, wie er meint, doch volle Nachgiebigkeit 
der Stadt zur Folge hätten haben sollen. Allein, es stehe nun 
schlimmer als je, denn sie habe neuerdings harte Verord- 
nungen gegen die Freiheit der Scholaren erlassen, sie dulde nicht 
mehr die Rectoren und die Gonsiliarii, ja habe dieselben gleich 
Verbannten gezwungen Bologna zu verlassen, hierin beeinflusst 



^^9) AU dies erhellt aus den swei Schreiben vom 13. Mai 1220. Sarti 
and Savioli haben statt 4ectiones' unrichtig ^ectores'. 

^ Bei Savioli II, 2 p. 466: Pro honore et commodo et utilitate Comm. 
Bonon. . . . statutum est, quod scolares causa studii Bononie accedentes in 
civitate Bonon. possint libere commorari sicut poterant ante statutum con- 
ditum inter eos de rectoribus non habendis, ita tarnen, quod si contigerit illos 
habere, quod jurent ipsi rectores in sacramento rectorie, quod non dabunt 
operam aliquo modo vel ingenio de studio Bonon. transferendo, nee aliquem 
scolarem cogant de civitate Bonon. exire. Nisi primo fuerit (Savioli: fecerit) 
Potestati liquidum rectores tale facere sacramentum, scolares habere rectores 
non possunt. (Der Text bei Savioli ist verderbt; ich habe ihn theilweise 
nach jenem der Statuten vom J. 1250 ed. Frati II, 27 corrigiert). Ich kann 
hier nicht den Zweifel unterdrücken, ob Savioli das richtige Datum ange- 
geben habe. Der Inhalt des Statuts passt für die Zeit nach 1224, wie sich 
aus S. 176 ergeben wird. Savioli muthmasste bloss wie es scheint. 



3. Bologna. Scholarenverbindungen gegenüb. d. Stadt u. d. Professoren. 169 

von den Lehrern des Rom. Rechts, die, ihre Pflicht vergessend, 
sich der Entscheidung der Rectoren nicht gefügt hätten"'). 

Nun erst kann man sagen, die Stadt habe das Rectorat 
unterdrücken, oder vielmehr die Scholarenverbindungen in der- 
selben Weise wie andere Innungen von sich abhängig machen 
wollen. Es war der äusserste Schritt gegen die Scholaren, 
höchst wahrscheinlich durch die grosse Auswanderung derselben 
im J. 1222 nach Padua veranlasst*"). An ihr scheinen vor 
allem die Rectoren Schuld gewesen zu sein, welche einen Theil 
der Scholaren verpflichteten anderswohin zu gehen. Die Zu- 
rückgebliebenen, welche sich wider ihre Rectoren wählten, er- 
fuhren nun die Rache der erzürnten Stadt. Diese sah nunmehr 
weniger in den Scholarenverbindungen als solchen, als vielmehr 
in den Rectoren, den Rädelsführern darartiger Auswanderungen, das 
Unheil. Die Folge war das besprochene Statut, wodurch sie 
ähnlichen Vorfallen für die Zukunft vorbeugen wollte. 

Ehe wir den Ausgang dieses langwierigen Streites ins Auge 
fassen, müssen wir die Ansicht der Rathgeber der Stadt, die 
nach den Worten des Papstes keine andern als die Professoren 
des Rom. Rechts waren, und von denen 1220 einer, nämlich 
Hugo, legum doctor, als ihr Vertheidiger beim Papste auftrat*"), 
einer kurzen Erörterung unterziehen. 

War die Stadt noch im J. 1220 nur per accidens den 
Rectoren der Scholarenverbindungen feindlich, so nahmen die 
Professoren des Rom. Rechts an sich eine oppositionelle Stellung 
gegen sie ein, und zwar theilweise schon in einer Zeit, in 
der die Stadt gegen die Rectoren überhaupt noch nichts ver- 



^^) ünde non sine causa miramur, quod, sicut universitas scolarium trans- 
missa nobis coquestione monstravit, vos libertatem eorum infringere molientes 
dnra contra eam statuta noviter edidistis, nee ipsos rectores vel consiliarios 
Bostinentes habere illos, qnos ad hoc prefecerant, tanquam bannitos civitatem 
Testram compulsistis exire suggerentibus id legum doctoribus, qui non com- 
mnnia commoda sed pri?ata qnerentes stare, ut tenebantur, sententie rectorum 
scolarium contempserunt. Reg. Yat. 1. c. Sa?ioli 1. c. 

^ S. darfiber im Abschnitte unter Padua. 

^ Mit einem Rechtskundigen, 0. de tortinengo. Dies sagt uns Hono- 
rus III in den beiden Schreiben vom 13. Mai 1220. 



170 W» Entstehung der ältesten Universitäten. 

lauten liess. Als der erste, der den Scholaren das Recht bestritt 
Rectoren zu wählen, wird Joh. Bassianus genannt*") am Ende des 
12. Jhs. Ihm folgten Azo*'*), Accurs*"), und der mehr gemässigtere 
Odofred*"). Ja noch in den ersten Jahren des 14. Jhs. vertraten 

^^) Die betrefifende Stelle steht nicht unter den Glossen des Joh. Bas- 
sianus zum Codex im Cod. Paris. 4536, noch im Clm. 22. Aus den Vor- 
lesungen zum Codex oder aus der Summa kann sie nicht nachgewiesen wer- 
den, weil diese verloren sind (Savigny lY, 307 f.). AUein Odofred fOhrt Bassian 
mit Azo als Gewährsmann für obige Ansicht an. S. Anm. 427. Aus demselben 
Grunde wie bei Johann Bassianus kann man nichts aus Hugolins Summe 
zum Codex berichten. In seiner Summe zu den Digesten (s. Savigny V, 55) 
kommt er auf die Frage nicht zu sprechen. So in den Codd. Burghes. n. 265 
und 278 nach Azos Summa. 

435) So heisst seine Glosse in Cod. 3, 13 Periniquum . . . professionei: 
ergo scolares, quia non exercent professionem sed sub exercentibus sunt dus- 
cipuli, non possunt cligere consules, sicut nee discipuli pellipariorum. Ma- 
gistri ergo possunt eligere consules, quia ipsi exercent professiones. Clm. 22 
Bl. 51b. Cod. Paris. 4518 Bl. 47a. Diese Stelle hatten Accurs und Odofred 
vor sich. Erweitert findet sie sich in Azos Comm. et magnus Appar. ad 
sing. leg. Cod. ad 1. c, und nur diese kannte Savigny III, 174 Anm. a wie 
man überhaupt bi&her die reine Glosse Azos fibersah. Unrichtig steht im 
Drucke und consequent bei Savigny: sub exercentibus fiunt discipuli. 

43H) Quid ergo in scolarium universitate ? an possint habere rectores? 
Yidetur quod non, und er gibt dann unter Berufung auf Azo den Grund wie 
dieser an und schliesst: magistri ergo possunt eligere, quia ipsi exercent pro- 
fessionem, et sie fit Parisius. Cod. Burghes. 224 ad 1. c. Cod. 34 A im 
Archiv v. S. Peter. Dadurch werden die etwas vagen Bemerkungen bei 
Gierke III, 208 Anm. 60 präcisiert. 

^7) Er macht zur selben Stelle wie die frühem die Glosse: ünde est 
articulus, quod qui exercent professionem, quod ipsi eligunt judices. Sed 
discipuli non exercent, unde ipsi non eligunt Sic ergo dicimus, quod scho- 
lares cum faciant quasi universitatem et corpus, quod possunt creare et ha- 
bere rectores; verum tamen dicimu^, quod de jure scholares non possunt 
eligere rectores, quia isti sunt discipuli doctorum, unde ipsi doctores, qui 
exercent professionem, debent eligere rectores, et ita scripsit hie Johannes 
et Azo. Et ita dicitnr quod est Parisius, quod doctores eligunt rectores, et 
non scholares. (Im Cod. Paris. 4561 Bl. 155 ist der Text defect. In seinen 
Repetitiones geht er auf diese Frage nicht ein. Cod. Paris. 1545). Es ist 
klar, dass sich Odofred nicht so schroff gegen das Recht der Scholaren 
Rectores zu wählen stellt, wie seine Vorfahren. Er lehrt, sie könnten dieses 
Recht ausüben, nur aber nicht de jure. Zu ihrer Rechtfertigung sagt er: 
per legem municipalcm huius civitatis scolares creant rectores. Auf diese 
Stelle werde ich sogleich zurückkommen. 



3. Bologna. Scholarenverbindnogen gogenüb. d. Stadt n^d. Professoren. ]7l 

Petrus de Bellapertica, Jac. Butrigarius und Cinus *") die Ansicht 
der eben erwähnten Rechtslehrer. Nach Petrus de Ancharano, 
auf den ich sogleich zu sprechen komme, muss man schliessen, 
dass die genannten Juristen den Scholaren nicht bloss das Recht, 
Rectoren zu wählen, bestritten, sondern auch Verbindungen einzu- 
gehen. Einer solchen Auffassung liegt die Theorie zu Grunde, 
der zufolge die Versagung des jus eligendi rectorum gleichbedeutend 
mit der Versagung der Corporationsrechte sei"'). Diese Theorie 
ist auch allein consequent, und so hat es sehr viel für sich, dass 
dies auch die Ansicht des Joh. Bassianus und Azos gewesen war. 
Allein sicher kann dies nicht von Accurs und Odofred behauptet 
werden. Denn wenn Accurs fragt: Quid ergo in scolarium uni- 
versitate? an possint habere rectores? so setzt er doch die sco- 
larium universitas voraus, denn er fragt ja, ob diese Rectoren 
besitzen dürfe, obgleich er mit Azos Worten antwortet, Odofred 
sagt zwar nicht unumwunden, dass die Scholaren eine Uni- 
versitas bilden, er lässt sie aber doch 'quasi universitatem 
facere'"'). 

Es ist nicht schwer zu sagen, warum die Legisten das Recht 
der Scholaren sich Rectoren zu wählen bestritten. Sie standen 
lediglich auf dem Standpunkte des Corpus jur. civ., dem zufolge 
sich nur diejenigen, qui professionem exercere noscuntur, die 
eigenen Richter wählen durften * ^ ^). Dieser beschränkte Gedanken- 
kreis brachte es mit sich, dass sie für Genossenschaften wie die 
Scholarenverbindungen nicht bloss beim Beginne des Entstehens 
derselben, sondern auch später kein Verständniss hatten. Dieser 



^ Petrus de BcUapertica beruft sieb ad 1. c. auf die Glosse (Accurs) 
und löst die Frage kurz wie diese. Jac. Butrigarius sagt flberdies, dass die 
Wahl durch die Scholaren de consuetudine usurpatum sei (ad Auth. 
ffabUa). Cinus in Cod. 3, 13 (nach Cod. Vat. 2592) fragt: Numquid scolares 
possunt eligere iudicem? Die quod non, quia scolares non exercent profes- 
sionem, sed magistri, qui docent. Quidam modcrni dieunt contrarium, quia 
scolares exercent professionem, ut in Auth. Habita, vel quia corum univer- 
sitas est licita, et sie possunt dare iurisdictionem, ut in Dig. quod cuiusque 
unhertkaHa, 

<29) üeber diese Theorie s. Gierke III, 481. 

^ S. die betreffenden SteUen oben in den Anmerkungen. 

*3i) 8. oben 8. 151. 



172 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

Standpunkt beherrschte sie so sehr, dass einige von ihnen, 
welche eine Erklärung für die Erscheinung, dass die Scholaren 
sich ihren judex wählten, suchten, die Auth. Habita herbeizogen 
mit der Bemerkung, in ihr sei ausgedrückt, dass sie professionem 
exercent^"). Hätte sich Honorius III. auch auf den Standpunkt 
des Rom. Rechts gestellt, dann wäre es um eine der schönsten 
Erscheinungen in der ganzen Universitätsgeschichte des 13. Jhs. 
geschehen gewesen. Der Papst hatte aber einen weiteren Blick 
als die Legisten. 

Auch die Ganonisten nahmen bei Erörterung dieser Streit- 
frage nur den Standpunkt des Rom. Rechts ein, obgleich die 
jüngeren wie auch spätere Legisten dieselbe im Sinne der 
Scholaren lösten. Die frühem Ganonisten, z. B. Johannes Teu- 
tonicus**') und Abbas antiquus*"), sowie nachher Johannes An- 
dreae^"^) sind consequenter als Accurs und Odofred, und sie 
behaupten, dass das Recht Verbindungen einzugehen 'de jure' 
nicht den Scholaren sondern den Professoren zukomme. Ich 
sage, dies sei consequenter. Denn erkannte man an, dass die 
Scholaren eine Universität bilden, dass diese mithin licita sei, so 
war ja selbst auf Grund des Corpus jur. civ. das Recht zur Wahl 
von Consuln oder Judices gegeben***), was im Princip auch Accurs 



^ 8. oben 8. 56 nnd unten Anmerkung 439. 

^ In seinem Apparat zur Comp. lY. zu 1, 16 (De procurat.) sagt er: 
scolares non videntur constituere universitatem, cum ius universitatis non 
sint a principe consecuti, und er beruft sich wie aUe auf das Rom. Recht. 
Cod. Paris. 3931 A. 

^^) In seiner Lectura zu den Decret. commentiert er Prooem. Res pa- 
cificus doetores: qui faciunt universitatem. Ausserdem sagt er 1 De constit. 
Ex litieris: nota magistros facere universitatem, ut in principio huius libri 
noUtur. Cod. Burghes. 231. Cod. Yat. 2542. 

*^) In seiner Novella in Decret. Greg. IX. finden sich die in Anm. 8 
citierten Stellen der Decret. in der Weise des Abbas ant. erkl&rt. Seine 
Erklärung wurde dann die Grundlage für Sp&tere, z. B. für Job. de Lignano 
(In Decret. Cod. lat Monac. 8786), Job. von Imola (ed. Yenet. 1575) u. s. w. 
Petrus de Ancharano hatte dieselbe Quelle, nur schied er viel deutlicher, 
wie wir sehen werden. 

^ Cod. 3, 13 De jurisdict: Periniquum et temerarium esse perspi- 
cimus eos, qui professiones aliquas seu negotiationes ezercere noscuntur, ju- 



3, Bologna. Scholaren verbindongen gegenflb. d. Stadt u. d. Professoren. 173 

und Odofred annehmen*"). Wer den Scholaren das Recht bestritt 
sich Rectoren zu wählen, der musste ihnen das Recht bestreiten 
Verbindungen einzugehen, wer ihnen aber die Rectorswahl 
zugestand, musste das rechtliche Bestehen der Scholaren als 
universitas voraussetzen, und umgekehrt, wollte er anders folge- 
richtig denken. Ich kann es einerseits nur als einen Fortschritt 
bezeichnen, wenn gegen die Mitte des 14. Jhs. Bartolo das Recht 
der Scholaren sich Rectoren zu wählen aus dem Jus commune 
ableitet, 'quia ita scholares sicut quelibet alia universitas possunt 
sibi facere rectorem'*"). Allein weder er*"), noch Baldus***^), 

dicnm, ad quos earondem professionum sea negotiationum cura pertinet, ju- 
risdictionem et preceptionem declinare conari. Nach Cod. Vat. 1427 und 
Cod. Borghes. 273 aus dem 12. Jh. 

^7) Accors macht zwar zu pertinet obiger Stelle die Glosse: ex electura 
eomm qui exercent (professionem). Sic ergo dant ordinariam jurisdictionem 
illi de lila professione, ut etiam declinari non possit (Cod. Burghes. 224- 
Cod. 34 A Archiv zu S. Peter. Cod. Palat. 762). Da er läugnet, dass die 
Scholares professionem exercent, so scheint die Bestreitung des Rechtes der 
Bectorswahl also ganz consequent zu sein. Allein kurz vorher macht er zu 
Privatonm consensus non facit judicem die Glosse: puta duorum vel trium 
vel etiam decem, nam secus in consensu alicnius collegii, puta cerdonum, 
pellipariorum et similium . . . item secus in consensu universitatis . . . 
statim facta electione habet jurisdictionem, sed (ohne höhere Bestätigung) 
non effectum iurisdictionis (nach den citierten Hss.). Bereits vor Accurs 
hatte diese Stelle die Glosse (Azos): collegii consensus bene facit iudicem 
(Cod. Palat. 763). Odofred widerholt ad 1. c. die von Accurs gebrauchten 
Worte. Dass aber die Scholares eine Universitas bilden, sagt er ausdrück- 
lich an der Anm. 427 citierten Stelle. Und doch bestreitet er ebd., dass die 
Scholares 'de jure' wie eine andere Universit&t Rectores w&hlen könnten. 
Auch Petrus de Bellapertica sagt an der oben Anm. 6 cit. SteUe: omnes de 
coUegio debent respondere coram judice sue professionis. 

^) Ad Auth. Habita. 

*^) In Cod. 3, 13 Periniqwm: Querit glossa (Accursii) utrum univer- 
sitas scolarium possit habere rectorem. Glossa videtur dicere quod non, und 
Bartolo führt nun die Begründung derselben an. Dagegen nun schliesst er: 
Doctorea dicont, quod universitas scolarium sit approbata et possit habere 
reetorem per Auth. Babita, et ita observat consuetudo. Bartolo ist zwar mit 
der Berufung auf die Auth. oder vielmehr auf die Doctoren im Irrthume, 
denn jene sagt gar nichts darüber (s. oben S. 56 Anm. 54), wie früher schon 
Jac. Butrigarius ad Auth. erkl&rte: hec lex non loquitur de rectore sed de 
doctore. Vgl. Bartolo noch In Dig. 47 De colleg. illicit. 1. 4 n. 7. 

^0) Ad 1. c. Cod. vertheidigt er, ohne gerade von der universitas scho- 



174 n* Entstehung der ältesten Universitäten. 

weil lediglich auf dem Standpunkte des Corpus jur. civ. stehend, 
vermochten andererseits die Streitfrage genügend zu lösen. Ihre 
Ansichten trugen immer nur das Gepräge von blossen Concessionen 
an die Scholaren. 

Petrus de Ancharano, der sich überhaupt viel mit dem 
CoUegium der Doctoren und der Universitas scolarium beschäftigt, 
versucht mehr Licht in diese Sache zu bringen. Er stellt einmal 
als sicheres Princip auf, dass die Doctoren de jure eine Uni- 
versität bilden könnten. ^Cura enim studii legum professoribus 
est commissa quasi studii gubernatoribus\ Man könnte daher 
schliessen, quod doctores tantum ineant universitatem*^'). Also 
nicht die Scholaren? Dies sei eine Streitfrage. Aber, meint er, 
'quidquid sit de jure, de facto videmus, quod scholares de per 
se faciunt universitatem, et doctores de per sc collegium sepa- 
ratum'*^*). An einem andern Orte sagt er geradezu, die Scho- 
laren constituierten de jure eine Universität**^). Er bekämpft 
unter Berufung auf Baldus die Gründe der Gegner (Joh. Bas- 
sianus, Azo, Accurs etc.), die sich eigentlich auf den 6inen re- 
ducierten, dass die Scholaren ebenso wenig eine Verbindung ein- 
gehen könnten wie die discipuli pellipariorum et similium cor- 
porum. Der Vergleich entspreche nicht der wirklichen Sachlage. Das 
Recht zur Schliessung einer Verbindung, meint er, 'non extenditur 
ad discipulos ipsarum (artium), quiailli sunt subalterni arti vilissime, 
sicut famuli scholarium; scolares autem subalternantur doctoribus 
et scientie'***). In Folge davon setzt er das Recht der Scholaren 



larium zu sprechen, dasselbe Princip. Ausdrflcklich tritt er ffir dieselbe ein 
ad Auth. Habita n. 80, wenngleich er in Prooem. Digest. Haec autem tria n. 1 1 
gesteht, die electio rectoris gehöre den Doctores zu 'sed consuetudo servat 
ad uniTersitatem scholarium', obgleich dies nicht das Natürlichste sei, denn 
Hstud non est rationabile et natura non vult, quod membra sint snpra capat 
et sint super verticem patris*. An sich und de jure sollte die Wahl 'ad uni- 
versitatem studentium, id est doctorum et scholarium, id est ad caput cum 
membris' gehören. 

**i) Super 6. Decret prooem. p. 6. 

^ In Decret. 1 De consuet. cum dilectus. Bl. 117 ed. Bononiae 1581. 

**3) In 6 prooem. p. 6. 

*«) L. c. in 6. 



3. Bologna. Scholaren vcrbindnngen gegenüb. d. Stadt u. d. Professoren. 175 

Rectoren zu wählen als sich von selbst verstehend voraus. Höher 
konnte sich ein Rechtslehrer wohl nicht mehr erschwingen. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass bis tief ins 14. Jh. 
hinein die Natur der Scholarenverbindungen und deren Rechte 
den Juristen grosse Schwierigkeiten bereiteten, und dass selbst 
im Falle, als man eine günstigere Lösung gab, diese doch 
nicht den Kern traf. Allerdings sind die jüngeren Rechts- 
lehrer, die aber naturgemäss die mildern waren, dadurch zu 
entschuldigen, dass zu ihrer Zeit die Scholarenverbindungen 
eine andere Stellung auch gegenüber den Professoren einnahmen, 
als anfanglich. Den frühesten Legisten muss man es aber 
deshalb nachsehen, weil in jener Epoche der Usus sowohl der 
Scholaren als mancher anderer Genossenschaften, sich Consuln 
zu wählen, noch nicht allgemein als rechtsgültig anerkannt war, 
was ich wenigstens aus RoflFred von Benevent schliesse^**). In 
jener ganzen Zeit gab es nur einen Einzigen, der für die Scho- 
larenverbindungen das richtige Verständniss hatte, nämlich den 
Papst. Er fasste sie gerade als das auf, was sie waren, nämlich 
als freie Genossenschaften, und daraus leitete er ihr Existenz- 
recht ab. 

Der Ausgang des Streites war für die Scholaren günstig. 
Sie verdankten aber dies lediglich der Festigkeit und Einsicht 
ihres einzigen Vertheidigers, nämlich Honorius III. Er misbilligte 
am ö.October 1224 ebenso das Vorgehen der Stadt wie das Betragen 
der Professoren, erinnerte erstere an die bisher nicht gestörte Frei- 
heit der Scholaren, und mahnte sie das gegen dieselben er- 
lassene Statut aufzuheben und die Rectoren sowie die Consiliarii 
zurückkommen zu lassen. Kurz, der Papst trat ein für das her- 
gebrachte Recht der Scholaren. Er droht der Stadt über sie 
den Bann durch die Conservatoren aussprechen zu wollen, sollte 
sie nicht Folge leisten oder den Schaden gut machen, die Scholaren 
in dem Besitze der Rectoren und Consiliarii wie bisher ungestört 
lassen und sich ihren gerechten Statuten widersetzen*"). 



^^) So sagt er in der Lectura in Cod. (cod. Paris. 4546 Bl. 44a. 3, 13 
Perini^uum): non enim credimos mercatores vel alios vulgares et mechanicas 
artes exercentes posse iudicem constituere. Von den Scholaren spricht er nicht. 

^^) Bei Sayioli III, 2 p. 56: Universitäten! vestram monemus . . . qua- 



176 I^* EntstehuDg der ältesten UniTerditäten. 

Jetzt erst scheint die Stadt jenes Statut erlassen zu haben, 
das Savioli mit dem Datum 1220 herausgab ^^^), worin sie den 
Scholaren freien Aufenthalt in der Stadt gewährt, ^sicut poterant 
ante statutum conditum inter eos de rectoribus non habendis', 
denn erst c. 1224 duldete sie nicht mehr die Rectoren***). Doch 
wurde auch nachher noch immer ein Eid von diesen auf das 
Versprechen, an der Verlegung des Studiums nicht Schuld zu sein, 
abverlangt, widrigenfalls den Scholaren der Besitz derRectoren nicht 
gestattet würde. Dieses Gebot erscheint noch im Statutenbuch 
vom J. 1259***), ja noch 1267**°), und ich finde es erst in jenem 
vom J. 1288 ganz ausgemerzt**^). Der Sieg der Scholaren war 



tenus statutam editum contra scolares irritantes omnino bannum, cui rectores 
et consiliarios subjecistis, penitus relaxetis nee impedientes eos, quo minus sicut 
hactenus habeant consiliarios et rectores. Quin etiam si que de bonis ipso- 
rum occasione banni occupata fuerint, ea sine difficultate qnalibet restitui 
faciatis eisdem . . . Alioquin Abbati S. Prosperi Reginensis ... et predictis 
Archidiacono et Archipresbyt. (die bereits erwähnt wurden und 1220 den Auf- 
trag erhielten) nostris damus litteris in mandatis, ut ... tos ad ea que man- 
damus per censuras ecclesiasticas . . . compellant. Es gehörte die ganze 
Oberfläcblichkeit Raumers dazu, um die Behauptung aufzustellen, Honorius III. 
habe 1216 die nach Landsmannschaften gebildeten Vereine der Studenten 
untersagt. Geschichte der Hohenstaufen. 3. Aufl. YI, 344. Dabei beruft 
er sich unglaublicher Weise gerade auf jene zwei p&pstlichen Schreiben ?om 
J. 1217 (woraus er 1216 macht), die ich oben citiert habe (Reg. Yat. an. 1 
ep. 453. 454), und in denen Honorius III. die Scholaren verbind ungen ver- 
theidigt! Zwei Seiten weiter jedoch l&sst Raumer den Studenten wider die Unter- 
stützung Honorius 111. angedeihen, allein er verstand eigentlich nicht, worum 
es sich handelte. 

«47) s. oben S. 168 Anm. 420. 

**^) Dieses zu Gunsten der Scholaren erlassene Statut hatte wohl Odo- 
fred gemeint, wenn er sagt: per legem municipalem huius civitatis scolares 
creant rectores. S. oben S. 170 Anm. 427. 

**») Bei Sarti U, 223. 

^) S. Statnti dl Bologna ed. Frati II, 27, Varianten. 

4^1) Im Cod. Yat. 2669 finden sich die städtischen Statuten vom ge- 
nannten Jahre, die mit den von Sarti II, 225 in das Jahr 1289 gesetzten 
flbereinstimmen. Sie tragen das Datum 21. Sept. 1288 Indict. prima. Im 
8. Buche derselben stehen die auf das Studium bezflglichen Verordnungen. 
Uebrigens existiert der von Sarti citierte Codex noch in Bibl. municip. ca Bo- 
logna. Er trftgt keine Jahrzahl, allein das von Sarti angegebene Jahr er- 
gibt sich aus dem damaligen Podestä. 



3. Bologna. Der einheimische Rechtsschüler. 177 

nicht mit 6inem Male ein vollständiger, sondern nur nach und 
nach. Das Jahr 1224 inaugurierte denselben in Folge des ener- 
gischen Einschreitens des Papstes. 

Uebrigens geht aus diesem ganzen geschichtlichen Verlaufe 
hervor, dass die Scholarencorporationen in Bologna nicht weniger 
des Schutzes der höchsten Autoritäten bedurften, um sich immer mehr 
und mehr als Genossenschaften zu consolidieren, als die Magister- 
Corporation und die gemischte Scholarenverbindung in Paris****), 
wenngleich auch in Bologna die Anregung zu den jeweiligen 
Acten immer von den Corporationen selbst erfolgte. 

d. Der einheimische Bechtsschülery und die Scholaren der übrigen 

Wissenschaften. 

Ich habe bereits oben bemerkt, dass die eigenthümliche 
Entstehungsweise der nach dem Muster der Hansen gebildeten 
Scholarenverbindungen es mit sich brachte, dass der einheimische 
Bechtsschüler Bolognas nicht eigentliches Mitglied der spätem 
zwei Corporationen, der Citramontani und Ultramontani , sein 
durfte. Dieser Umstand hatte mehrere Gonsequenzen im Ge- 
folge. Die Scholares cives konnten sich einmal von Rechts- 
wegen nicht an der Wahl des Rectors betheiligen, noch konnten 
sie selbst zu Rectoren gewählt werden. Sie bildeten ja selbst 
nie eine Genossenschaft, noch gehörten sie einer solchen an. Sie 
standen mithin auch ausserhalb der beiden Corporationen der Citra- 
montani und Ultramontani, die nur die Vereinigungen der ein- 
stigen Genossenschaften waren. Ebenso wenig durften sie 
natürlich auch Consiliarii werden oder irgend ein anderes Amt, 
das den Corporationen zukam, übernehmen. Bereits Savigny er- 
kannte, dass nur die scolares forenses und nicht die einheimischen 
die eigentliche Universitas bildeten, und die cives weder in der Ver- 
sammlung stimmen noch Aemter der Universität bekleiden konn- 
ten***). Folgerichtig brauchten aber auch die einheimischen dem 
Bector nicht den Eid auf die Beobachtung der Statuten abzu- 
legen (wenngleich sie sich denselben zu unterwerfen hatten), 
was nicht auffallen darf, da in Bologna nicht einmal die nobiles 

^) Gesch. des Rom. Rechts III, 182 f. 

^^^) S. daraber unten im vierten Hauptabschnitte. 

0«aifU, Oi« UniT«nitAt6n 1. 12 



178 ^ Eotstehoog der ältesten Universit&ten. 

de Alamania gehalten waren 'jurare rectori'*"). Die Stadt 
handelte ganz conseqnent und im Geiste der Entwicklung der 
Scholarenverbindungen, wenn sie 1245 jedem (Scolaris) civis ver- 
bot 'jurare sub aliquö rectore scolarium vel sub aliquo alio Sco- 
lari aliquo modo vel ingenio'***). Dieses Statut zeugt um so 
weniger von einer Feindseligkeit gegen die scholares forenses, 
als die Stadt fast um dieselbe Zeit die Güter derselben von den 
Steuern, denen sonst die bona forensium unterworfen waren, be- 
freite"*). Wer sich auf die gedruckten Juristen - Statuten von 
Bologna verlässt, geht allerdings irre, denn in späterer Zeit 
mussten alle Schüler, gleichviel, ob cives oder forenses, den Eid 
leisten. Allein im 13. und theilweise noch im 14. Jh. war dies 
in Bezug auf die cives noch nicht der Fall, weshalb wir auch an 
einigen Studienanstalten, die Bologna zum Vorbilde genommen 
hatten, dieselbe Entdeckung machen, z. B. in LMda"*). In den 
dortigen Statuten wird ausdrücklich erklärt, dass die scolares 
cives civitatis necnon physici et artistae nicht de stricto corpore 
universitatis studii quantum ad ordinationes sive statuta condenda 
seien, obgleich sie dieselben, dum scolares fuerint, befolgen 
mtissten*")- ^.uf Grund der altern Statuten wird in jenen vom 
J. 1457 der Universität Perugia bestimmt: quod scolares cives 
perusini vel comitatenses non intelligantur esse nee sint de uni- 
versitate nostra, nee in ea aliquid habeant participium, nee in 



«») s. oben S. 154. 

^) Statut! di Bologna ed. Frati II, 29. S. oben S. 144 Anm. 388. 

*W) So in einem Sutute vom J. 1250 in den Sututi II, 101. 

^ In den Jnristenstataten vom J. 1300 heisst es: com te dicas civem 
Ilerdae, jurare non cogeris universitatis statuta, licet dum in hoc studio fueris 
ad eorum observantiam tenearis. Bei Villanueva XYI, 229. Diejenigen jedoch, 
welche lehren woUten, mussten natürlich, ob dieselben nun cives oder ex- 
teri waren, den Eid ablegen. Ib. p. 220. Dass das Gesetx nicht in L^rida 
zuerst gemacht sondern aus den Bologneser Statuten copiert vrurde, ergibt 
sich, abgesehen davon, dass Bologna dort als Musterschule betrachtet ward, 
daraus, dass es nur einen Sinn innerhalb der Entwicklung der Bologneser 
Verfassung hat und nach 1300 von den meisten Universitäten aufgegeben 
wurde. 

«7) Bei Villanueva XVI, 226 f. 



3. Bologna. Der einheimische Rechtsschfller. 179 

aliqua congregatione universitatis Interesse possint, nisi per rec- 
torem et consiliarios essent vocati*"). 

Der einheimische Scholaris erscheint wahrhaftig nur als ein 
Stiefkind, um nicht zu sagen als ein Zwitterding. Wie dies erklären? 
Soll man mit Savigny, der eine ungenügende Kenntniss dieser 
Thatsachen besass, den Grund in der Abhängigkeit der einheimischen 
Scholaren von der Stadtobrigkeit suchen ^^')? Allein warum haben 
dann andere Universitäten, die ebenfalls Universitates scolarium 
waren, wie z. B. Montpellier und Florenz, diese Unterschiede auf- 
gegeben*^®)? Und sollte man nicht meinen, dass gerade die 
grössere Abhängigkeit von der Stadt mit ein Grund hätte sein 
müssen, die einheimischen Scholaren fester an die Universität zu 
knüpfen? Auf einem noch grössern Missverständnisse beruht die 
Ansicht Höflers, die Bologneser hätten dem Wunsche, ihre Uni- 
versität als Weltuniversität, ihre Stadt als Mittelpunkt eines 
Zosammenströmens von Studierenden aus allen Ländern zu sehen, 
die eigenen Ansprüche und Rechte geopfert ^•^). Obige That- 
sachen sind vielmehr nichts denn Consequenzen, die die ursprüng- 
liche Art und Weise der Entstehung der Scholarenverbindungen 
und deren allmähliche Weiter- und Ausbildung mit sich bringen 
musste. Bloss die scholares forenses giengen in Bologna Genossen- 



«^) Padelletti im Archiv, giarid. VI, 104 Anm. 3. 

469 j Sayignys irrige Ansicht hat die Baltische Monatsschrift IV, 106 
noch mehr hreit getreten mit den V^ orten: *Der Grund dieser auffallenden 
Zorücksetxung ist in den beständigen Competenzstreitigkeiten der Uniyersit&t 
mit der Stadt zu suchen'. Was sowohl von Savigny als auch in dieser 
Zachr. gesagt wird, 'die Universität' habe von ihren stimmberechtigten Mit- 
gliedern das eidliche Gelflbde gegenüber den Statuten und dem Rector gefor- 
dert, die Stadt aber alle ihre Angehörigen, welche diesen Eid leisten würden, 
mit Bann bedroht, ist nur Missverständniss jener Thatsachen, die ich oben 
dargestellt habe. 

^ In Florenz war zwar allerdings geboten, der Bector müsse ein fo- 
rensis sein (so im J. 1321, Statut! etc. p. 109; im J. 1366, ib. p. 149), wie 
später auch in Pisa im J. 1478 bestimmt wurde (Fabroni, Hist. acad. Pi- 
sanae I, 440 ff.), allein die Universität selbst sollten die Einheimischen mit 
den forenses *qni reperientur in civitate Florentiae' bilden (Statuti etc. p. 109). 

^^) Mag. Job. Hus und der Abzug der deutschen Professoren und Stu- 
denten aus Prag. Prag 1864 S. 98. 

*^*) Darüber alsbald mehr. 

12» 



IgO ^- Entstehung der ältesten Uniyersit&ten. 

Schäften ein. Mithin standen die scholares cives ausserhalb der- 
selben. Die einen wie die andern waren aber Studenten an 
demselben Studium, das die Professoren leiteten*"). Als jedoch 
die ursprüngliche Stellung der Scholarencorporationen besonders 
durch die wichtiger werdende Position der Rectoren allmählich 
sich veränderte, die Rechte der Genossenschaften immer grösser, 
und von ihnen nach und nach die äussern Studienangelegenheiten 
gänzlich abhängig wurden, da war die Folge, dass die scolares cives, 
obwohl sie immer noch ausserhalb der Corporationen standen, 
denselben nicht mehr gleichgültig gegenüber bleiben konnten und 
durften. Einerseits entbehrten sie, weil nicht Mitglieder, der 
eigentlichen Corporationsrechte , andererseits schuldeten sie den 
Gorporationsstatuten , weil die Genossenschaften nunmehr in 
directer Beziehung zum Studium standen, Gehorsam, wollten sie 
die Privilegien der Studienanstalt geniessen. 

Dies allein die richtige Erklärung einer Erscheinung, die 
für sich allein betrachtet komisch genug ist, genetisch entwickelt 
aber alles Seltsame verliert. Merkwürdig bleibt nur, dass solche 
Bestimmungen, die einzig in Bologna einen Sinn hatten, in späterer 
Zeit an einigen Universitäten noch Aufnahme fanden, während 
sie mit Recht an andern unterdrückt wurden. Selbst in Bologna 
wurde der einstige Unterschied zwischen den scholares forenses 
und cives mit der Zeit mehr und mehr abgeschwächt, wenngleich 
er fortwährend bestehen blieb, und die Namen der scholares fo- 
renses und cives, welche dem Rector den Eid geleistet hatten, 
in getrennte Matrikeln geschrieben werden mussten*"). 

Die eigenthümliche Entstehungsweise und weitere Ausbildung 
der Scholarencorporationen Bolognas erklärt es auch, warum ihnen 
gegenüber nachher die Artisten und Mediciner, sowie in späterer 
Zeit die Theologen, ihre Schwierigkeiten hatten, wenngleich dabei, 
wie wir an seinem Orte sehen werden, noch ein anderer Grund mit 
im Spiele war. Es ist einfach Gonsequenz, wenn die Statuten von 
L6rida sie ebenso wie die scolares cives vom strictum corpus 
universitatisa usschliessen*"). Doch hatte dies mehr in Bologna, 



*^) Statuta et privil. almae univers. Jurist, lib. 3 p. 50. 
*«*) 8. oben S. 178. 



3. Bologna. Der Rector innerhalb der Corporationen. Igl 

als in L^rida einen Sinn. Bloss die Rechtsschüler giengen 
nämlich in Bologna ursprünglich Verbindungen ein; Artisten und 
Mediciner gab es damals dort nur wenige ^^'^). Als jedoch diese 
erstarkt waren, hatten die Juristen bereits die äussern Studien- 
angelegenheiten in Händen, und es hieng gänzlich von ihnen ab, 
ob die Artisten und Mediciner auch eine Verbindung schliessen 
konnten, wenngleich es doch endlich dazu kam. Im J. 1360, 
als Innocenz VI. in Bologna die theologische Schule gegründet 
hatte"'), verbanden sich die Magister in der Theologie zu 
einer Universitas, während die Theologiestudierenden zur Uni- 
versitas Artistarum gehörten. Gleichwie schon die Art und Weise 
der Entstehung dieser zwei Verbindungen eine von jener der 
juristischen Scholarenverbindungen ganz verschiedene war, so 
auch die Organisation derselben. Sie beschäftigt uns hier nicht 
weiter mehr, und wir kehren zu den Scholarenverbindungen 
zurück. 

6. Der Bector, und seine Stellung innerhalb der Corporationen. 

Von selbst werden wir nun auf den wichtigsten Punkt in der 
Scholarenverbindung, auf den Charakter und die Stellung des 
Rectors in derselben, hingeleitet. Den Meisten mag die Dar- 
stellung dieser Verhältnisse sehr einfach und leicht vorkommen, da 
die Statuten darüber Aufschluss geben und klar über die Be- 
ziehungen des Rectors zur Universität und zum Studium und um- 
gekehrt sprechen. In der That hat auch Savigny hier, wie auch 
sonst zumeist, nur die gedruckten Statuten zur Hand genommen. 
Er war der Meinung, die meisten und wichtigsten derselben, die 
1432 redigiert wurden und weiter umgearbeitet in dem Drucke von 
1561 (den er benützte und der auch mir vorliegt) enthalten sind, 
rührten aus der Zeit der ersten bestimmteren Einrichtung der 
Universität her*®^' Zwei Gründe bewogen ihn zu dieser An- 



^ Was Haeser, Lehrb. der Gesch. der Medicin, 3. Bearb. I, 653 da- 
rüber sagt, ist falsch ; er hat die vagen Behauptungen bei Sarti I, 433 f. nur 
noch mehr erweitert. 

^ Weiter unten komme ich darauf zurück. 

^7) Gesch. des Rom. Bechts m, 163. 



132 II* Entstehung der ältesten Universit&ten. 

sieht. Einmal die sichere Nachricht, dass bereits 1253 Sta- 
tuten der Universität existierten"®). Allein, Savigny macht 
sich hier einer petitio principii schuldig. Sind denn die 1253 
von Innocenz IV. bestätigten Statuten identisch mit denen von 
1432? Dieselben waren weder Savigny bekannt, noch kann ich 
sagen, wie sie ausgesehen haben. Dann, meint er, beweise für 
seine Ansicht besonders der in den gedruckten Statuten mitgetheilte 
Katalog der Bücherverleiher, denn er enthalte fast durchaus 
Werke aus dem 12. und 13. Jh. Allein daraus folgt bloss, dass 
der Katalog alt ist, nicht aber ist jener Umstand für das Alter 
der Statuten beweisend, zwischen denen er steht. Der einmal 
angefertigte Katalog wurde eben immer wider dem jeweiligen 
Corpus der Constitutionen beigegeben. Einen schlagenden 
Beweis bilden die Statuten von Florenz vom J. 1388, in die der- 
selbe Katalog buchstäblich gleichlautend ohne neue Zuthat und 
mit unmerklichen Varianten aufgenommen wurde**'). 

Uebrigens sprechen wichtige Gründe gegen Savignys Ansicht. 
Die Statuten, wie sie vorliegen, sind einmal viel zu umfangreich, 
als dass sie auch nur dem Haupttheile nach aus dem 13. Jh. 
stammen könnten. Man vergleiche doch mit ihnen jene von 
Arezzo, L6rida, Toulouse aus einer Zeit, wo Bolognas Statuten 
bereits vorlagen und z. B. in jenen L6ridas, wie man mit Bestimmt- 
heit sagen kann, benützt wurden. Wie bescheiden treten diese auf 
gegenüber den Statuten Bolognas aus dem 16. Jh.*"') Dann beweist 
die Geschichte der Umarbeitungen der Statuten an den verschie- 
denen Hochschulen gegen Savignys Behauptung. Der spätere Corpus 
statutorum sieht dem frühern zumeist nur in einigen Hauptpunkten 
ähnlich, und selbst diese sind verändert. Beispiele bieten die 

^ Innocenz IV. bestätigte nämlich solche in jenem Jahre. Sartr II, 
124. S. oben S. 155 Anm. 379. Wie ans den Annalen der Deutschen Nation 
hervorgeht, machte diese Nation, somit auch jede andere, ihre eigenen be- 
sondem Statuten. Solche existierten bereits 1289. S. Malagola, Urceo 
Codro p. 538. Diese Statuten sind natürlich von den allgemeinen verschieden. 

^^) Statati della universitä e studio Fiorentino, p. 44 ff. Der Katalog 
findet sich in der Ausgabe der Bologneser Statuten vom J. 1561 lib. 1 p. 27; 
bei Sarti IL 214 ff Neu abgedruckt bei Savigny S. 649, die canonistischen 
Schriften daraus bei Schulte, Geschichte der QueUen d. Gan. Rechts II, 554. 

469a) Dazu vgl. die Bemerkung in den Statuta Jurist, v. Padua Bl. la. 



3. Bologna Der Rector innerhalb der Corporationen. Igg 

theologischen Statuten von Paris aus dem 14. und 15. Jh., die 
Universitätsstatuten von Angers aus dem Ende des 14. Jhs. u. s. w. 
Dasselbe musste in Bologna mehr als anderswo, wenn man Paris 
ausnimmt, der Fall sein, da man dort ursprünglich keine bereits 
durch lange Erfahrung erprobte Statuten copieren konnte; die 
Cionstitutionen musste erst das jeweilige Bedürfhiss schaffen, sie 
wuchsen aus den Verhältnissen, die mit den verschiedenen 
Epochen andere wurden, hervor. Dies brachte nothwendig theil- 
weise Umarbeitung der alten und Aufnahme neuer mit sich. Mit 
den allgemeinen Vorschriften gieng es hierin ebenso, wie z. B. 
mit den Statuten der Deutschen Nation, die widerholt und 
in kurzen Zwischenräumen theils erneuert, theils vermehrt oder 
corrigiert wurden *^°). Aehnlich war es ja auch mit den Statuten 
der Ordensgesellschaften ^^^). Ich läugne gewiss nicht, dass uns 
in den Statuten des 16. Jhs. manche wichtige Hauptpunkte aus 
früherer Zeit erhalten sind. Aber dieselben kann nur ein Vergleich 
mit sichern Documenten aus früherer Zeit feststellen, mit nichten 
kann man sie a priori erschliesseu, oder gar den Schluss auf ' das 
meiste und wichtigste' in den Statuten ausdehnen. Ebendeshalb 
ist Savignys Darstellung nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Die 
verschiedenen Zeiten sind dort durch einander gemengt. 

Ganz irre würde man gehen, wollte man ohne weiters durch 
die genannten Statuten zur Klarheit über die Stellung der Rectoren 
in der ersten Hälfte des 13. Jhs. gelangen. Später waren nur 
mehr zwei Coi^porationen und Anfangs des 16. Jhs. nur 6in Rector*'*). 
Die Verhältnisse hatten sich mithin geändert, und auf diese verän- 
derten Verhältnisse beziehen sich die Statuten. Wir müssen also 
einen andern Weg einschlagen, ohne dass wir deshalb dieselben 
aus dem Auge verlören. 



^70) So werden, um nur das 14. Jh. zu erwähnen, für die Jahre 1343, 
1348, 1367, 1396 die nova oder eorrigierten statuta erw&hnt S. Malagola, 
L c. p. 538. 

^71) AUerdings begehen hier die Forscher denselben Fehler, wie Sa- 
yigny in Bezug auf die Uniyersit&tsstatuten Bolognas, indem sie aus den 
bei Holstein gedruckten Ordensstatuten Schlüsse auf das 12. und 13. Jh. 

ziehen. 

*") S. oben S. 166. 



154 11- Entstehang der ftltesten Universit&ten. 

Tbatsache ist zunächst, dass die Scholaren jeder Corporation 
den Rector ihrer Genossenschaft wählten/ Hierzu bedurfte es keines 
Gesetzes von Seite der Gorporationen ; dies war dadurch, dass 
dieselben existierten, eo ipso gegeben*^'). Ebenso verstand es 
sich von selbst, dass der Rector forensis sein musste, da ja die 
Verbindungen nur aus forenses gebildet waren *^*). Vorschriften 
hierüber erwiesen sich erst dann als nothwendig, als man den 
Entwicklungsgang der Scholarenverbindungen aus dem Gedächtniss 
verloren hatte , sowie an den übrigen nach dem Muster von Bo- 
logna eingerichteten Universitäten. In diesem Punkt kamen wohl 
alle Scholarenverbindungen in Bologna mit einander überein. 

Ob aber der zu wählende Rector ein scholaris sein musste, 
oder ob er auch Doctor sein konnte, war anfänglich gewiss nicht 
bestimmt. Es scheint, dass ursprünglich jede Corporation nach 
Gutdünken gewählt hat. Einen Beweis hiefür bieten uns die 
Scholarenverbindungen vonVicenza aus den Jahren 1204 — 1209. 
Im Jahre 1205 waren von den vier Rectoren der vier Gorporationen 
drei Scholaren und einer Magister; ebenso war im J. 1206 sicher 
auch einer Magister*^*). Gewiss ist, dass, sollten die Scholaren 
früher manchmal einen Professor zum Rector gewählt haben, 

*78) s. oben S. 172 f. 

^7^) S. oben S. 144. Selbst wenn die Gorporationen einen Doctor zum 
Bector sollten gewählt haben, war derselbe ein forensis. 

^7^) Bei MiltareUi, Ann. Camald. lY. Appendix p. 260 werden zum 
J. 1205 erwähnt: Magister Robertus de Anglia et Guilelmus Cancelinus de 
Provincia et Guarnerius de Alemannia et Manfredus de Cremona rectores 
pro universitate scolarium. Im Laufe des Documentes wird der Magister als 
solcher von den drei übrigen Rectoren scharf geschieden. Der Archidiacon 
m^joris Yicentinae ecclesiae sagt: Eapropter dilecti in christo fratres magister 
et Yos tres ad hoc rectores prenominati. Man könnte nur zweifeln, ob der 
Magister Robertus de Anglia also wirklich Rector war. Darauf antwortet ein 
Document vom nächsten Jahre (ibid. p. 262): Ibique magister Robertus de 
Anglia et dominus War(nerius) de Alamannia rectores universitatis scolarium 
etc. Wie bereits Savigny S. 308 Anm. bemerkte, wird dadurch klar, dass 
Robert zugleich Lehrer war, die übrigen aber Schüler. Dass in dem zweiten 
Actenstücke Garnerius mit Dominus bezeichnet wird, beweist nicht, dass er 
Lehrer war, er war vielmehr Schüler. Im Documente vom J. 1209, das Sa- 
vigny entgieng (bei Mittarelli im eigentl. Theil des Bandes p. 213) werden 
die Professoren zumeist mit magister (auch magister legum), die Scholares 
aber mit Domini tituliert. S. oben S. 152 Anm. 370. 



3. Bologna. Der Rector innerhalb der Corporationen. 185 

dies ebenso wenig gegen das Princip der Scholarenverbindungen 
Verstössen haben würde, als die Thatsacbe, dass hie und da an deut- 
schen Universitäten, an denen die Macht doch bei den Professoren 
lag, ein Scholaris das Amt eines Rectors bekleidete *^^), gegen den 
Geist der Magister-Gollegien spricht. Das Charakteristicum bestand 
ja nicht in der Beschaffenheit des gewählten Rectors, sondern 
darin, von wem die Wahl des Rectors ausgieng. Zudem wissen wir, 
dass jene Professoren, von denen oben die Rede war*^^), nur das 
Wahlrecht der Scholaren angriffen, sich aber nicht gegen die 
Aufstellung eines Scholaris als Rector kehrten, was sie, so sollte 
es wenigstens scheinen, nicht unterlassen hätten, wäre es con- 
sequent der Fall gewesen, obgleich sie hierin ebenso Unrecht 
gehabt hätten wie in Bezug auf den andern Punkt. Einen 
Beweis für diese Vermuthung könnte man in der Organisation 
Paduas vom J. 1228 erblicken, wo ein Dominus Adam de Canocho 
als Rector Francigenarum, Anglicorum, Normannorum, ein Dominus 
Gaufredus provincialis als Rector provincialium et Spanorum et 
Catellanorum genannt wird*'*). Da hier jedoch Alle mit Do- 
minus tituliert werden, fehlt der Masstab, den wir in Bezug auf 
Vicenza hatten, und wir wissen deshalb nicht sicher, ob hier 



^7^) Dies geschah öfters z. B. in Prag, Erfurt, Leipzig, Ingolstadt. 
Gersdorf, Beitrag zur Gesch. der Universität Leipzig (Mitth. d. d. QeseU- 
schaft z. Erforsch, vaterl. Sprache und Alterth. Y, 15) meint, der erste Stu- 
dent, der auf einer deutschen Universität zum Rector erwählt wurde, sei der 
in Leipzig 1471 inscribierte und 1475 zum Rector erwählte Adolph Fürst 
zu Anhalt. Allein Gersdorf irrte um mehr als ein Jahrhundert. Der erste 
Student, der auf einer deutschen Universität zum Rector gewählt wurde, 
war Henricus de Etwat de Primislavia, der 1366 von Karl lY. als rector 
universitatis Pragensis und Scolaris in jure canonico erwähnt wird. Reg. 
Suppl. Urbani Y. tom. unic. BI. 264, und an. 4 p. 1 Bl. 175a. Ebenso fungieren 
in Erfurt lange vor 1475 Scholaren als Rectoren. So in den Jahren 1398. 
1399. 1400. 1401. 1405. 1434. 1449 u. s. w. (Ygl. Weissenbom, Acten 
der Erfurter Universität I, 52. 56. 59 f. 74. 160. 221). 

^77) S. S. 170. Allerdings setzen Azo und Accurs die Gerichtsbarkeit 
der Bectoren voraus. AUein nicht jene griffen sie an, sondern dass die 
Scholaren selbst sich die Rectoren wählten, was ein Privileg der Doc- 
toren sei. 

^78) Bei Balliano 1. c. S. 38 f. Savigny schreibt S. 311 Anm. c. falsch 
nach Zacharia: rectoriae provincialium. 



186 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Professoren gemeint seien (was immerhin einige Wahrschein- 
lichkeit für sich hat) oder bloss Scholaren. 

Eben deshalb lässt sich darüber fQr die erste Periode nichts 
sicheres behaupten. Festhalten muss man bloss das eine, dass 
die Scholaren ebenso wohl Professoren als Schüler zu Rectoren 
wählen konnten, indem dies ganz von der Freiheit derselben 
abhieng, und das erstere ebenso wenig als das letztere der Ver- 
fassung widersprach. 

Um die Mitte des 13. Jhs., als die Scholarenverbindungen 
bereits eine feste Organisation erhalten hatten und sie auf die 
zwei grossen Corporationen der Ultramontani und Citramontani 
reduciert worden waren, wurden nicht bloss beide (Korporationen 
gleichmässiger organisiert, sondern von jener Zeit ab wurde auch 
der Rector nicht nur von den Scholaren sondern auch aus 
den Scholaren gewählt. Ein Vergleich mit andern Universitäten^ 
für die Bologna Muster war, ergibt dies am besten, obgleich die 
städtischen Statuten Bolognas vom J. 1250 noch nicht darauf 
schliessen lassen ^^'). In Padua erscheinen nämlich ebenfalls in den 
Jahren 1260 und 1261 nur Scholaren als Rectoren "^). In L^rida 
wurde 1300 vorgeschrieben, dieScholares forenses sollten den Rector 
und die Consiliarii 'ex se ipsis' wählen"*). Die Juristenstatuten 
V. J. 1339 in Montpellier bestimmen nichts, ob der Rector Scolaris 
sein müsse; allein bereits im J. 1351 wird es ausdrücklich vor- 
ausgesetzt*"). Die Statuten von Florenz aus dem J. 1388 sagen 
schon : Ceterum eligatur iuratus scholaris de nostre Universitatis 

^7^) Mit dem Epitheton Dominus werden im genannten Jahre Johannes de 
Yaranis als rector Ultramontanomm and Pantaleon de Venetiis als rector 
Gitramontanomm bezeichnet Statuti ed. Frati I, 366. 

^0) In den Statuta spectab. et almae univers. loristanim Patav. 
Oymn. 1551, Bl. 1 werden Oosaldus (wohl Oönsalyns) Hispanus für das J. 1260, 
dann für das nächste Jahr der Transalpinus Henricus de S. Petronella pre- 
positus frisensis und der Cisalpinus Franciscus de Novaria Ganonicns Paduanus 
erwähnt. Wegen der Jahreszahlen s. unten unter Padua. 

«0 Bei Villanueva XVI, 211. 

^ Das Statut lautet dahin, dass eine neue Rectorswahl vorgenommen 
werden müsste, sollte der Rector während seines Amtes ad honorem docto- 
ratus aufgenommen werden. Bei Germain, £tade historique sor P^cole de 
droit de Montpellier p. 110. 



3. Bologna. Der Rector innerhalb der Corporationen. 187 

corpore *•'). Ist aus diesen und den oben angeführten Facten 
ein Schluss gestattet, so folgt, dass wenigstens seit der zweiten 
Hälfte des 13. Jhs. in Bologna der Usus bestand, die Rectoren 
aus den Scholaren selbst zu wählen, obwohl ein deutlich 
formuliertes Gesetz erst im 14. Jh. in die Statuten aufgenom- 
men wurde, das in den gedruckten also lautet: Ad Recto- 
ratus igitur officium eligatur Scolaris nostrae universitatis"*). 
Dieser Schluss wird durch ein Document vom J. 1265 erhärtet, 
worin noch mit ganz allgemeinen Worten von der Wahl des 
Rectors die Rede ist, wenngleich in derselben Weise wie später 
in L^rida, darauf hingewiesen wird, dass der Rector ein Scholaris 
sein solle. Den Nationen wird nämlich vorgeschrieben, quod 
eligent bonum et idoneum ... de aliqua ipsarum nationum^^'^). 
Ebensowenig war wohl im Anfange festgesetzt, ob die Rectoren 
Laien oder Glerici sein müsstcn. Auf eine bestimmte Norm kam 
man erst durch das Bedürfniss. Dieses stellte sich aber bald 
ein. Der Rector besass schon seit der ersten Hälfte des 13. Jhs. 
wenigstens eine theilweise Gerichtsbarkeit über die Scholaren jener 
Corporation, die ihn gewählt hatte, wie wir alsbald sehen werden. 
War nun der Rector ein Laie, so konnte er über den grössten 
oder wenigstens grossen Theil der Scholaren dieses Amt nicht 
ausüben. Ein wesentlicher Theil derselben gehörte nämlich dem 
geistlichen Stande an. Schon die Glosse in die Decretalen sagt, 
und zwar, wie aus dem Zusammenhange sich ergibt, in Bezug auf 
Bologna, von den scolares: qui clerici sunt pro majori parte*®*). 
Die Glosse ist geschrieben nach dem Verbote des Studiums 
des CSvilrechts, das sich nicht auf alle Cleriker, sondern nur 
auf die Presbyteri und clericos personatus habentes bezieht *'0- 
Zudem waren die Schüler des canon. Rechts wohl in nicht viel 
geringerer Menge vorhanden ; das Verbot Honorius IH. erstreckte 



«3) Statut! etc. p. 15. 

^ Sayigny ist S. 190 im Irrthume, wenn er anter Scolaris aach die 
Professoren mit einbegriffen wissen will. Es verschlägt doch nichts, wenn 
einmal eine Ausnahme von der Regel gemacht wurde. 

«&) Bei Sarti II, 61. 

*^) De loc. 3, 19. Nach Cod. Burghes. 237. 

♦«7) c. 10. X. ue clerici (3, ÖOJ. 



Igg n. Entstehuog der ältesten üniyersit&ten. 

sich aber nur auf das Rom. Recht. Darum konnte im nächsten Jahrh. 
Baldus unter Berufung auf die genannte Glosse recht wohl das- 
selbe wie sie widerholen *"). Nun durfte aber der.Cleriker nicht von 
einem Laien gerichtet werden, und dies galt, wie Joh. Hispanus 
sagt, ebenso von den scolares clerici"'). Allerdings war ihr Judex 
der Bischof; allein der Rector besass nun einmal ebenfalls Gerichts- 
barkeit, und da musste sich die Nothwendigkeit herausstellen 
einen clericus zum Rector zu wählen, denn sonst hätte er nur 
über den einen, und zwar den geringern, Theil der Scholaren 
Gerichtsbarkeit ausüben können. Dass dies der Grund war, darf 
man mit Recht aus Bartolo schliessen, der, nachdem er von der 
Gerichtsbarkeit innerhalb gewisser Gongregatioiien gesprochen, 
fortfahrt: et idem dico in universitate scolarium, quorum rector 
esse non potest nisi clericus sit*'*^). Noch deutlicher erklärt sich 
Baldus, der die Frage verneint : numquid rector scolarium potest 
esse laicus? und zwar, quia scolares pro majori parte sunt cle- 
rici, über die er also nicht Richter sein könnte. Der Rector 
müsse aber universalis, und nicht bloss Rector des einen oder 
andern Theiles sein*^^). 

Wohl herrschte auch in Bezug auf diesen Punkt wahrschein- 
lich lange Zeit nur der Usus, ehe ein bestimmtes Statut formu- 



^) Ad. Auth. Habita n. 84. 

*89) In Decret. De foro competenti im Cod. Vat 2343 BL 161b. Er 
sagt vom clericus: qui non potest nisi coram ecclesiastico iudice conveniri . . . 
nee huic privilegio potest clericus abrenunciare . . . Yidetur tarnen, quod 
in casu possit clericus coram seculari conveniri, ut est vldendum in scola- 
ribus, qui habent tres iudices, ut habetur in privilegio federici . . . sed ego 
non admitto illud in scolaribus clericis, quos de necessitate dico coram epi- 
Bcopo conveniendos, quia Privilegium imperiale non potest constitutionem 
apostolicam immutare. Auf dasselbe kommt eine Glosse des Accurs ad Auth. 
Habita verb. ti litem hinaus. Cod. 34 A im Archiv zu S. Peter. 

*»o) In Dig. De rebus dub. (34, 5) und Dig. 47 De coHeg. Ulicit 1. 4 n. 13. 

^9^) Ad Auth. Habita n. 84. 85. Pet. de Ancharano lehrt in Bezug da- 
rauf in VI. prooem. : ut sie (rector) non in parte sed in omnibus jurisdictio- 
nem habeat. Baldus sagt auch in prooem. Dig. Haec autem tria n. 12, der 
Rector müsse ein clericus sein, ein Laie sei nicht capaz. Dies galt natfirlich 
nur dort, wo der grössere Theil der Scholaren, wie in Bologna, aus Clerikem 
bestand. 



3 Bologna. Der Bector innerhalb der Gorporationen. 189 

liert wurde. In Padua waren 1261 beide Rectoren Clerici*"), 
es ist aber wohl zweifelhaft, ob damals bereits ein Gesetz darüber 
bestand. In L^ridas Statuten ist auch noch nichts bestimmt; allein 
der erste Rector war Archidiacon von L6rida, der zweite Archi- 
diacon von Valencia*''). In den Statuten von Montpellier vom 
J. 1339 wird schon der Clericat ausdrücklich von dem Rector 
und den Consiliarii gefordert"*). Ganz deutlich sprechen darüber 
die Statuten von Florenz vom J. 1388***), womit jene Perugias 
vom J. 1457 wesentlich übereinkommen***). Es scheint somit, 
dass nicht vor der ersten Hälfte des 14. Jhs. das Gesetz über den 
Clericat des Rectors in die Statuten Bolognas aufgenommen wurde, 
und vielleicht um dieselbe Zeit in jene Paduas*'^). Der be- 
treffende Passus in den Statuten von Florenz und Perugia gleicht 
nur einer Explication der Vorschrift in Bologna und setzt diese 
voraus, während L6rida dieselbe noch nicht vor sich hatte, 
sondern nur die Praxis kannte. In den gedruckten Statuten 
Bolognas heisst es: Item sit clericus non conjugatus, habitum 
deferens clericalem, ac nullius religionis appareat. 

Auch hier fordert Savigny zum Widerspruche auf. Er 
meint: 'Clericus möchte hier vielleicht einen Studierenden 
oder Literaten bezeichnen, nicht einen Geistlichen'**'*). Allein, 



49») S. oben S. 186 Anm. 480. 

*93) Bei Villanueva XVI, 202. 233. Der zuerst genannte Rector wurde 
1300, der andere 1302 erwählt. 

4^) Man liest widerholt: Sint . . . consiliarii clerici . . . rector autem 
semper clericus existat . . . qui etiam rector et consiliarii clerici, ut premit- 
titur, existentes etc. Bei Germain 1. c. p. 90 f. 

495j Rubr. 6 : Prohibemus ad officium rectoratus aspirare posse aliquem 
qui vigesimum annum non adimpleverit . . . item professum cuiuscunque re- 
ligionis, uxoratum . . . Talis quoque electus existat clericus secularis 
saltem in minoribus constitutus, habitum quoque deferat clericalem. 
Statuti etc. p. 15. 

^^) Sit secularis clericus, nee sit conjugatus et qui nullius religionis 
professus existat, exceptis canonicis regularibus, quos eligi possumus in rec- 
torcs. Bei Padelletti im Archivio giurid. YIII, 143. 

^^7) Statuta etc. Bl. 7a, ähnlich wie das Statut in Bologna. 

^) S. 190 und Scarabelli 1. c. p. 40. Köstlich, wie Prantl eine ähnliche 
Bestimmung in den Ingolstädter Statuten erklärt: 'ausser den Elostergeist- 
lichen war^n grundsätzlich alle Ungebildeten vom Rectorate ausgeschlossen, 



190 II- Entstehung der ältesten Universitäten. 

diese Behauptung ist nunmehr hinfällig, besonders wenn man 
Bolognas Statut mit jenem von Florenz und Perugia vergleicht. 
Uebrigens hat diese Aufstellung eine äusserst schwache Basis. 
Savigny meint nämlich, die in den Statuten der Juristen Bo- 
lognas dem Rector ertheilte Befugniss Waffen zu tragen passe nicht 
zum geistlichen Stand. Allein dasselbe Recht hatte auch der 
Rector in Florenz und Perugia*''^), obwohl dort ausdrtlcklich, 
wie wir gesehen haben, der Clericat vom Rector gefordert wurde. 
Zudem geht aus den städtischen Statuten Bolognas vom J. 1288 
hervor, dass vor dem J. 1286 die Cleriker Bolognas ziemlich 
häufig Waffen trugen, was allerdings in diesem Jahre verboten 
wurde. Der Bischof erlaubte es aber auch jetzt noch den Gle- 
rikern, wenn eine causa rationabilis et legitima vorhanden war*"®). 
Die rationabilis et legitima causa bildete eben in unserm Falle das 
Ansehen des Rectors. Savignys Berufung auf die Analogie mit 
der Pariser Universität ist de subjecto non supponente*®*). 
Schliesslich meint er, dass, wenn der Ausdruck clerlcus den geist- 
lichen Stand bezeichne, er 'auf eine gedankenlose Weise in die 
Statuten gekommen und stets ohne Einfluss geblieben sei', da 1508 
in Padua ein verheiratheter Rector vorkomme. Allein mir scheint 
vielmehr Savignys Schluss gedankenlos zu sein. Wie kann man 
daraus, dass in sehr später Zeit einmal in Padua eine Aus- 
nahme gemacht wurde, folgern, dass die Bestimmung der 
Statuten Bolognas über den Clericat des Rectors stets ohne 
Einfluss geblieben sei? Maassen wollte Savignys Behauptung 
durch eine von ihm aufgefundene alte Glosse erhärten, in der 
nämlich dem Ausdruck Scolaris der Auth. Habita jener von cle- 



and die Gebildeten konnten den ihnen etwa anklebenden Mangel der Kle- 
riker-Eigenschaft sehr leicht durch eine blosse Formalität, d. h. darch An- 
nahme einer niederen Weihe, erg&nzen'. Gesch. der Ludwig-Maximil.-Univer- 
sit&t I, 37. 

^^) Rnbr. 19: Laudabilem consnetadinem in Bononiensi, Paduano, Pe- 
rusino et aliis generalibas Stndiis dintius observatam volentes in hoc nostro 
studio in omnibus observare, statuimus ut rector et ipsius dno socii . . . arma 
defensibilia et offensibilia portare valeant licite, libere et impune. Statut! 
della nniversitik Fiorent. p. 28. 

^) So in den handschriftl. Statuten Hb. 4 im Cod. Vat. 2669. 

^^) Darüber im 4. Bande. 



3. Bologna. Der Rector innerhalb der Corporationen. 191 

ricus substituiert wird '^°^). Allein, dafür, dass Scolaris und clericus 
oft promiscue gebraucht wurden, bedurfte es wahrhaftig nicht der 
Bestätigung durch jene Glosse. Hier handelt es sich aber darum, 
• ob auch in dem genannten Statute der Ausdruck clericus identisch 
sei mit Scolaris. Savigny und Maassen hätten schon aus dem 
Zusammenhange auf das Gegentheil schliessen mtlssen. Zuerst 
heisst es: Ad Rectoratus officium eligatur Scolaris nostre uni- 
yersitatis. Als die erste Eigenschaft des Rectors wird mithin be- 
stimmt, dass er Scolaris der Bologneser Universität sein müsse. 
Nun folgt die zweite: Item sit clericus non conjugatus habitum 
deferens clericalem. Wenn nun clericus identisch mit Scolaris 
ist, dann liegt hier eine crasse Tautologie vor. Und die Bestim- 
mung wird in den Statuten an zwei Orten widerholt"'). Uebrigens 
passt auch die nähere Bezeichnung ^non conjugatus' nur für einen 
wirklichen Cleriker*°*), um von der andern 'habitum deferens 
clericalem' gar nicht zu sprechen"*). 

Wir haben bereits zum widerholten Male bemerkt, dass der 
Rector Gerichtsbarkeit über die Scholares ausübte. Sie war auf 
das Corporationsverhältniss gegründet *°*), und erscheint deshalb 
schon frühe, wie aus dem Vergleiche, den Azo zwischen den 
Rectoren und den minister iales anderer Corporationen, subqui- 



^ In den Jahrb. d. germ. Rechts von Bekker und Mather II, 239. 
Bereits Padelletti hat sich 1. c. gegen diese Erklärung oder vielmehr An- 
wendung gerichtet. Ihm folgte Coppi, Le universitä italiane, p. 145. 

^) So in den Statuta lib. 1 p. 1 und 3. 

^ Zu allem Ueberflusse erklärt auch dies Baldus ad Auth. n. 85, 
nachdem er gesagt, ein Laie könne, wenn der grössere Theil der Scholaren 
Cieriker sei, nicht Rector sein: Idem dico de clerico uxorato non deferente 
habitum et tonsuram. 

^^) Als Guriosum mag hier angeführt werden, dass Montefredini, 
Le piü celebri universitä antiche et moderne, p. 14 den Ausdruck 'nullius 
religionis appareat' mit *non ecclesiastico* widergibt. Warum denn aber nicht 
gleich mit 'senza religione*? 

^ Diesen Punkt habe ich bereits oben kurz erörtert. Innocenz IV. 
sagt in Decret. De constit., quod rectores assumpti ab universitatibus habent 
jurisdictionem. Hostiensis spricht in seinem Comment. ad 1. c. noch genauer: 
quod rectores assumpti ab unirersitate jurisdictionem habente habent exer- 
citium jurisdictionis. 



192 n. Entstehang der ältesten üniversit&ten. 

bus possunt conveniri, anstellt***^» sowie aus dem oben*®') 
dargelegten Verhältnisse der Scholarenverbindungen zu den ge- 
werblichen Zünften hervorgeht. Es ergibt sich auch daraus, dass 
sich die Scholaren schon frühzeitig demRector eidlich verbanden*®*). 
Doch war das Wesen der Gerichtsbarkeit anfänglich bis zur 
Mitte des 13 Jhs. gewiss noch nicht so bestimmt, wie in der 
2. Hälfte des 13. Jhs. oder gar im 14. Jh., was man schon aus 
dem Umstände schliessen muss, dass in jener ganzen Zeit keine 
Frage über die Ausdehnung der Gerichtsbarkeit der Rectoren auf- 
geworfen wurde, während von der 2. Hälfte des Jhs. an sich 
die Rechtslehrer eifrigst damit beschäftigten. 

Doch interessiert uns hier nicht die Thatsache, dass die Rec- 
toren über die Scholaren Gerichtsbarkeit ausübten — dies war ja 
selbstverständlich — , sondern die merkwürdige Erscheinung, dass 
auch die Professoren unter der Gerichtsbarkeit der Rectoren 
standen. Waren sie doch schon frühe zum Gehorsam gegen letztere 
verpflichtet*'®). 

£ VerhältniM der Scholarenverbindongen xnr Lehranitalt und 

umgekehrt 

Es liegt auf der Hand, dass das eben berührte Factum 
nicht erklärt werden kann, wenn nicht die Professoren, auch ohne 
dass Scholarenverbindungen mit Rectoren existierten, zu den 
Scholaren in einem gewissen Abhängigkeitsverhältniss standen, 
denn weder die Verbindungen noch die von ihnen gewählten 
Rectoren konnten an sich dasselbe zur Folge haben, wenn es 
nicht bereits vorhanden war. 

Vor allem darf man nicht übersehen, dass die Professoren 
ebenso wie die scolares cives ausserhalb der Corporationen sich be- 
fanden. Diese bildeten ja nur die Scholaren, und zwar die Scho- 
lares forenses der Rechtswissenschaft. Es war mithin nur Gon- 



^0^) Comment. et magn. apparat. in Cod. De juriadict. (3, 13). 

508) S. S. 144 f. 147 ff. 

509) S. oben S. 165. 

5^0) Honorias III. sagte ja 1224 von den Doctoren des Rom. Rechts: 
qai non communia commoda sed privata qaerentes stare ut tenebantar sen- 
tentie rectorum scolariam contemsenmt. S. oben S. 169 Anm. 421. 



3. Bologna. Die Scholarenverbindungen und die Lehranstalt. 193 

Sequenz, dass die Professoren in den Versammlungen der Cor- 
porationen weder Sitz noch Stimme hatten, gerade wie die ein- 
heimischen Schüler. Dies sind die ursprünglichen Verhältnisse, 
hervorgegangen aus der Art der Entwickelung dieser C!orporationen. 
Und nur denjenigen werden dieselben überraschen, der von der 
Entstehung der Scholaren Verbindungen irrige Begriflfe hat**'). 
Im Laufe der Zeit wurden diese Zustände allerdings theilweise 
modificiert, z. B. jene in Bezug auf die einheimischen Schüler; 
aber niemals konnte der eigenthümliche Ursprupg verläugnet 
werden. 

Ein weiterer, sicherer Punkt ist, dass die Lehrthätigkeit der 
Professoren in gewissem Grade an den Ort, wo sich die Studenten 
aufhielten, gebunden war. Honorius III. spricht von den Scho- 
laren Bolognas in einer Weise, als stamme der Ruhm des dor- 
tigen Studiums nicht so sehr von den berühmten dort lehrenden 
Professoren, die durch ihre neue Lehrmethode die Schüler an- 
zogen, als vielmehr von den dort studierenden Scholaren. Ja, 
seine Worte führen auf den Gedanken, als habe Bologna es diesen 
zu verdanken gehabt, dass es Sitz der berühmten Studien 
wurde oder es wenigstens geblieben ist. Aus freien Stücken hätten 
sie Bologna gewählt, dessen Name nunmehr überall als ein an- 
deres Betlehem, das Haus des Brodes, verkündet werde, während 
die Stadt früher unbeachtet gewesen sei**'). Einerum so grössern 
Achtung seien sie würdig, denn reine Gnade von ihrer Seite, 



*") So Savigny S. 185. Kurtz, Verfasser des Aufsatzes *Die Entstehung 
und AusbUdung der mittelalterl. Universitäten' in der Baltischen Monats- 
schrift IV, 107, Hraut seinen Augen nicht', wenn er solche Bestimmungen 
wie die eben erörterten in den Statuten liest. S. auch Paulsen in Sybels 
Bist. Ztsch. 1881 Bd. 45 S. 256. 

^1^) Sane cum ex studio literarum preter infinita commoda, que sentitis 
ex eo, vestra civitas inter alias sit famosa et in universo mundo nomen an- 
nuntietur ipsius factaque sit altera Betlehem, domus videlicet panis, qui 
parrulis frangitur in eadem, ex qua exeunt duces, . . . quoniam in studio 
eruditi assumuntur ad regimen animarum: non solum debitis a scolarium 
gravaminibus conquiescere , verum etiam illos honoribus prevenire, atten- 
dentes quod ipsi gratuito ad studendum vestram preelegerint civitatem, que 
cum prius esset humilis, per eos ibidem congregatis divitiis fere supergressa 
est ci?itates provincie universas. S. oben S. 162. 164. Sarti II, 57. 

Denifle, Di« ünWersitAtm. L 13 



194 n. Entstehung der ältesten Universit&ten. 

nicht Pflicht, sei es, dass sie Bologna erwählt hätten ; ihre Frei- 
heit dtlrfe also von der Stadt nicht in Knechtschaft umgewandelt 
werden**'). 

Honorius in. schrieb so im J. 1220 an die Stadt Bologna, 
also zu einer Zeit, wo die alten Erinnerungen noch frisch sein 
mussten. Wie nun dies erklären? Denn thatsächlich führten 
doch die berühmten Professoren den Ruhm der Studienanstalt 
herbei. Nur sie scheinen die Scholaren aus verschiedenen Ländern 
angezogen zu haben. Gewiss. Allein nichts desto weniger mussten 
die Professoren Bolognas in einem bestimmten Abhängigkeitsver- 
hältnisse von den Scholaren sich befunden haben und in einer Be- 
ziehung, welche die Professoren an den Ort, wo sich die Scho- 
laren aufhalten wollten, knüpfte. Dies folgt mit Nothwendigkeit 
aus den Worten des Papstes. Dieselbe Beobachtung machen 
wir, wenn wir gewisse städtische Verordnungen und Statuten 
in Bezug auf die Professoren beachten. 

Seit Ende des 12. Jhs. nöthigte die Stadt den Professoren 
des Römischen Rechts den Eid ab, nicht ausserhalb Bologna 
über dasselbe zu lesen. Pilius erzählt, dass, als er von Bologna 
(vor 1182) nach Modena gegangen sei und diese Stadt ihm einen 
Rechtsstuhl angetragen hatte, Bologna, um seine Uebersiedlung zu 
verhüten, alle Rechtslehrer zusammengerufen und sie zum Eid 
gezwungen habe, innerhalb zweier Jahre nicht ausserhalb Bo- 
logna den Schülern Civilrecht zu lesen"*). In der Folge ent- 
wickelte sich allmählich***) ein Usus. Im Jahre 1189 legte Lothar 
V. Cremona den Eid auf das Versprechen ab, überhaupt nicht 
(nicht bloss innerhalb zweier Jahre) irgendwo anders, als zu Bologna 
zu lehren"*). Im J. 1198 leisteten wider zwei Rechtslehrer den- 



M3j Yos . . . debitnm non habentes respectum gratiam ipsoram in de- 
bitum, et libertatem in servitatem molientes reducere statuistis etc. Bei 
Sarti 1. c. 

^1^) So in seiner Summa triam librorum (Cod. Vat. 2313 Bl. 360b) De 
monicipibas et origin. (10, 38). Die 'legales professores' schwuren, *ne per 
continuum biennium extra ciritatem Bononie discipulis jura civilia traderemus'. 

^1^) Keineswegs, wie Savigny S. 218 meint, alsbald als bleibende Form. 

516^ Juro ego D. Lotbarius, quod ab hac die in antea non regam scolas 
legum in aliquo loco nisi Bononie, nee ero in consilio, ut Studium huius ci- 
vitatis minuatur. Sarti II, 64. 



3. Bologna. Die Scholarenverbindungen und die Lehranstalt. 195 

selben Eid; zugleich geht aus dem ihn enthaltenden Documente 
hervor, dass seit Lothar kein weiterer Fall vorgekommen sei^^^). 
Zum darauffolgenden Jahre notiert Sarti wider 3 Fälle^*^). Im 13. Jh. 
mehren sich aber dieselben. Im J. 1213 finden sich deren nicht we- 
niger denn 5**'^), drei Jahre später wieder einer ^^^), und nach Sa- 
violi wurde dieser Eid im J. 1217 ausdrücklich in den Statuten 
der Stadt vorgeschrieben; sicher war er bereits vor 1250 gesetz- 
lich eingeführt"'), so dass später kein Rechtslehrer das Lehr- 
amt antreten konnte, er hätte sich denn eidlich vor dem Podesta 
verpflichtet, ausserhalb Bologna den Scholaren nicht zu lesen"'). 

^^'^) Die beiden Rechtslehrer waren Bandinus und Johanninus. Es heisst 
beim ersten: D. Bandinus Familiatus eodem modo et eodem tenore juravit 
observare, quemadmodum D. Lotharius Doctor legum observare juravit 
(Sarti II, 65). Da Lothar als Beispiel genommen wird, so müssen seit jener 
Zeit kaum andere F&lle vorgekommen sein, als höchstens der des Johanninus 
(Sarti II, 101), der einige Monate frtlher den Eid ablegte. Dieser selbst 
chwar: quod de cetero in aliqua alia terra non leget scientiam legum sco- 
Uiribus nisi in Bononia, et quod non dabit operam . . . quod scolares in alia 
civitate debeant morari etc. Sarti II, 101. Bei Sarti ist der Text schlecht. 

518) L. c. p. 90. Vgl. auch Savioli II, 2 n. 327. Bei dieser Gelegen- 
heit sei jedoch bemerkt, dass nicht alle Fälle verzeichnet oder auf uns ge- 
kommen sind. 

51^) Bei Sarti II, 71. Die Eidesformel war dieselbe wie bei Johanninas 
im J. 1198. 

520) Bei Sarti II, 70. Widerum dieselbe Eidesformel wie bei Johanninus. 

531) Savigny sagt S. 220, der Eid sei in den Statuten der Stadt von 
1259 ausdrücklich vorgeschrieben worden. Allein schon Sarti notiert Va- 
rianten aus dem Statute vom J. 1249 (II, 222), abgesehen davon, dass in 
den Eidesformeln der Jahre 1220 und 1221 bereits auf das städtische Statut 
hingewiesen wird : juravit secundum formam statuti, quod non legat etc. (Sarti 
II, 68); ut in statutis de dominis legum continetur (ibid. p. 75); sicuti in 
statuto Communis Bonon. continetur de dominis legum (ibid. p. 68). Dadurch 
wird Saviolis Bemerkung bestätigt (Annali Bolognesi II, 2 p. 465 f.). In den 
Statuten vom J. 1250 ed. Frati H, 22 f. findet sich ebenfalls die Vorschrift. 

5^) Statuimus, quod quilibet volens regere Studium legum Bononie 
postquam examinatus fuerit et approbatus ut regat, non sinatur reghnen in- 
choare, nee aliquis doctor legum det ei librum suum (sine licentia), nisi primo 
juret ut hactenus juravernnt, quod de cetero in aliqua alia terra non leget 
Scolaribus scientiam legalem nisi Bononie, et juret ita legere, et Potestas te- 
neatur dare operam quod, hec jnramenta predicto modo fiant coram se yel 
uno ex judicibus suis. Savioli 1. c. Der Eid wurde nicht bloss vor der 
feierlichen Promotion der Approbierten abgenommen , wie Savigny meint, ^ 

13* 



196 IL Entstehung der ältesten üniversit&ten. 

Es ist nun richtig, dass es sich bei diesem Eid anfänglich 
nur um die Professoren handelte, und derselbe schwerlich der 
Scholaren wegen abverlangt wurde. Bei Lothar scheint das 
Ganze überhaupt nur persönliche Sache gewesen zu sein, die 
Stadt nöthigte ihn nicht einmal wie Filius und Genossen zum 
Eidschwur"'). Dasselbe war vielleicht noch im J. 1198 der Fall. 
Wenigstens muss man dies aus dem Hinweis auf Lothar schliessen. 
Darum kommen auch nicht zu viele Fälle vor. Im 13. Jh. wird 
es anders. Die Stadt scheint nunmehr den Eid vorzüglich um 
der Scholaren willen von den Professoren abgenommen zu haben, 
denn sie wollte verhindern, dass den ausziehenden Scholaren 
die Professoren folgten, und dadurch die Schüler selbst an 
Bologna bannen. Was sollten diese an einem andern Orte 
ohne Professoren thun? Der Ausdruck 'non leget scolaribus 
scientiam legalem in aliqua alia terra' bezieht sich im Sta- 
tute in erster Linie nicht auf Scholaren, die an einem andern 
Orte schon ansässig waren, sondern auf jene Bolognas, die even- 
tuell die Stadt verlassen würden. Das erhellt aus dem Zusam- 
menhange in den Eidesformeln vom J. 1198 ab"*). 

Diese Momente deuten darauf hin, dass bisher bei Aus- 
wanderungen der Scholaren die Professoren denselben folgten, 
gleichwie in der That 1204 nach Vicenza und 1215 nach Arezzo 
nicht bloss Scholaren, sondern auch Professoren zogen. Der 
Grund war wohl dieser, dass eben die letzteren den ersteren 
irgendwie verbunden waren und zu ihnen in einem Abhängig- 
keitsverhältnisse standen. Uebrigens fragt es sich auch hier, 
was die Professoren ohne Schüler in Bologna thun wollten. 



sondern überhaupt von jenen, qai incipiont de noYO regere studiam legale 
(bei Sarti II, 68), abgelegt. In den Statuten vom J. 1288 wurde derselbe 
auch fflr die Ganonisten vorgeschrieben (Cod. Yat. 2669 im 8. Buche der 
Statuten. Sarti II, 225), im J. 1312 aber überhaupt abgeschafft Cfr. Ghirar- 
dacci, Della historia di Bologna I, 560 f. 

6S3j Die städtischen Consuln versprachen, quod neque ipsi neque aliquis 
snccessor eorum cogent predictum Lotharium aliquod sacramentum facere, 
per quod magis sit districtus Gommuni neque eum prohibebunt vel cogent 
regere Studium in civitate Bononie. Sarti II, 64. 

*»*) S. oben S. 195 Anm. 517 ff. 



3. Bologna. Die ScholarenverbinduDgen und die Lehranstalt. 197 

Dieses Abhängigkeitsverhältniss konnte ursprünglich wohl 
schwerlich in etwas anderm bestanden haben, als dass die Aus- 
übung des Lehramtes wenigstens der auswärtigen Professoren 
an die Wahl und das Lehrgeld der Scholaren gebunden war, 
und in Bezug darauf eine Art Gontract zwischen diesen und 
den Professoren existierte. Dass letztere von den Scholaren 
gewählt wurden, ist schon frühzeitig beurkundet, obgleich 
zwar nicht direct für Bologna, doch aber für Studien-Anstalten, 
die auf Bologna zurückweisen. So sollten jene Professoren, 
die die Commune von Vercelli besolden musste, von den vier 
Rectoren der Scholaren berufen werden; sie hatten auch das 
Recht beim* Abgange des einen oder des andern Professors 
neue zu substituieren*"). Dass auch in Padua dasselbe System 
in Betreff der Wahl der Rechtslehrer herrschte, ergibt sich schon 
daraus, dass eben die Paduaner Scholaren es waren, welche jene 
Forderung im J. 1228 an Vercelli stellten. Im J. 1267 wurde 
dieses Statut für Padua selbst nur erneuert oder erweitert, nicht 
aber erst erlassen"^), denn Nicolaus IV. erwähnt im J. 1288 den 
Usus der Scholaren die Legisten vorzuschlagen bereits als con- 
suetudo "^). Auch in L6rida wurden 1300 die Professoren ^ad commune 
civitatis salarium lecturi', wenngleich per paciarios civitatis, doch 
consilio rectoris et consiliariorum suorum gewählt und berufen "•). 
Kann man schon daraus schliessen, dass es in Bologna, wenigstens 
hinsichtlich der Rechtslehrer, welche nicht Bürger waren, kaum 



&2&) Bei Balliano 1. c. p. 40: dicti domini et magistri qui debent sala- 
rium percipere a Communi Yercellarum eligantar a quatuor rectoribus . . • 
et substituent eis alios meliores usqae ad certum gradum etc. 

^^) Statuta spectab. et almae univ. Jurist. I, 1. So müssen die Phrase, 
der Praepositus Johannes habe die Universität unter anderm mit dem Privileg 
de eligendis doctoribus beschenkt, aufgefasst werden. 

^^) Reg. Vat. an. 1 ep. 61 El. 16 a: Petitio d. f. communis civitatis 
Paduane nobis exhibita continebat, quod in civitate ipsa de consuetudine ob- 
tinetur, quod doctores ibidem in civili iure regentes pro tempore a scolaribus 
in predicta civitate insistendo studio litterarum communiter eliguntur, et hnius- 
modi eorum electio per ipsius communis consilium approbatur. 

^ Bei Villanneva XYI, 214. In Perugia wurden die Rechtslehrer be- 
reits vor 1306 ebenfalls von den Savi und den Rectores Scholarium vor- 
geschlagen. S. unten unter Perugia. 



198 II* Entstehung der ältesten Universitäten. 

anders gewesen sein wird, so wird dies noch durch geschichtliche 
Thatsachen bestätigt. 

Am 13. September 1282 drohten die Scholaren der (Commune 
von Bologna mit der Auswanderung, falls sie ihre Privilegien nicht 
wahren würde. Namentlich beriefen sie sich darauf, 'quod Potestas 
vel Capitaneus seu aliquis vices eorum gerens non possit Bononiense 
Studium impedire prohibendo doctoribus ne legant vel precipiendo 
ut legant contra voluntatem scolarium"'). Einerseits 
ersieht man daraus, wie sich das einstige Verhältniss der Scho- 
laren zum Studium umgestaltet hatte, andererseits erkennt man, 
dass die Ausübung des Lehramtes vom Willen der Scholaren 
schon seit langem abhängig sein musste. Denselben Aufächluss geben 
uns in anderer Form weitere Thatsachen. Es hat sich ein Acten- 
stück vom J. 1279 erhalten, dem zufolge die Scholaren mit Guido 
de Suzaria einen Vertrag abschlössen, ihm 300 Lire zu geben, 
wenn er nach Bologna käme und ihnen ein Jahr lang extra- 
ordinarie das Digestum novum läse*"). Man ist im Irrthum 
mit Schulte anzunehmen, vor diesem Jahre sei nichts ähnliches 
vorgekommen"^). Sowohl die Art und Weise wie das Document 
darüber abgefasst ist*"), als auch der Umstand, dass dieser Modus 
des Contractes nur eine andere Form des bereits bestehenden 
Usus war, den Professoren ein Lehrgeld zu geben, was Savigny 
sehr wohl einsah*"), sprechen dagegen. Diese Gewohnheit war sehr 
alt"*), und sie bestand unter der Phrase coUectam facere oder sa- 

529) So Martin IV. in dem Schreiben desselben Datums. Sarti II, 106. 

^^) Bei Sarti II, 83. Der Procurator des Guido de Suzaria versprach 
in dessen Namen, quod dictus D. Guido veniet ad Civit. Bononie infra quin- 
decim dies post festum b. Michaelis et leget Digestum novum extraordinarium, 
et complebit librum et hoc pro precio trecentarum librarum Bonon. promis- 
sarum predicto preceptori per schokres etc. 

^3^) Die Gesch. der Quellen undLiteraturdescanon. Rechts II, 409 Anm. 530. 

^38) 8. Anm. 530. 

533) III, 254 f. 

5^) So heisst es auch in der ältesten Vita des hl. Raymund von PeSafort: 
Bononienses cives diligencius attendentes, quod tantus magister a suis audi- 
toribus salarium non petebat, sed quod gratis a deo acceperat gratis dabat, 
ordinaverunt ipso magistro penitus ignorante, quod sibi a communitate annis 
singulis copioBum subsidium preberetur, ut predicta civitas tarn gratioso ma- 
gistro minime privaretur. Hs. aus der 1. Hälfte des 14. Jhs. der Universitäts- 



3. Bologna. Die Scholarenverbiudungen und die Lehranstalt. igg 

larium petere. Zahlten nun zwar die Scholaren das Lehrgeld 
ex justitiae debito, so hieng dies andererseits doch wider vom 
Willen derselben ab. Dies wird nicht bloss von Odofred bestätigt, 
dem zufolge die Doctoren zwei Scholaren wählten, *ut scrutentur 
voluntates scolarium', durch welche zwei sie dann den Contract 
abschlössen"'), sondern auch durch ein bisher nicht bekanntes 
Document, das uns auch sonst noch manche wünschenswerthe 
Aufschlüsse gibt: es ist ein, wenngleich vielleicht nicht ausge- 
fertigtes, päpstliches Schreiben, das vor den zwei letzten De- 
cennien des 13. Jhs. geschrieben wurde. 

Der Papst macht den Rectoren und Scholaren ^Bononie in 
scientia legali studentibus' Vorwürfe, dass sie aus Missgunst gegen 
die Legisten denselben das gebührende Salarium verweigert 
hätten, in Folge dessen dieselben gezwungen wären die Stadt zu 
verlassen. Er ermahnt sie die den Rechtslehrern feindlichen Statuten 
zurückzuziehen, jene wider in ihre alten Ehren und den frühem 
Stand aufzunehmen, und ihnen das Salarium zukommen zu lassen^"). 



bibliothek za Barcelona. Das Factum ftllt sicher vor 1219. Ich bemfe 
mich auf dasselbe trotz Schuhes Bemerkung a. a. 0., wo der Autor noch au- 
dem das Salarium der Scholaren mit einer öffentlichen Anstellung verwech- 
selt. — Die Collegiengelder waren schon zur Zeit des Bulgarus im Branche, 
wie Sayigny III, 255 Anm. c. aus Odofred anführt Auch Roffired, LibeUi 
jnr. civ., de off. jud. quo petunt salaria rectores liberal, artium weiss da- 
von. Nachdem er die Ansicht ausgesprochen, die Philosoph! und legom 
doctores sollten eigentlich nicht salaria petere, sagt er: Set videtur, quod legom 
doctoribus salaria promissa peti possunt . . . hodie tamen ita usus est, ut sa* 
laria promissa a scolaribus doctores exigant et libros scolarium pro coUectis 
capiunt, ut tutius sit eis pignori incumbere, quam in personam agere. Cod. 
Borghes. 135. 

wö) In Dig. nov. 1. 79 de verb. obl. Vgl. Savigny III, 254 Anm. c. 

^ Ecce enim cum dilecti . filii . . cives Bononienses legum doctorea 
cum ob devotionem ad nos ab eis habitam, que sumpsit exordinm ex fami- 
liaritate contracta nobiscum diu antequam conscenderemus speculum aposto- 
lici culminis . . . pro salutari consilio super quibusdam casibus eomm gra- 
vantibus conscientiam consequendo ad apost. sedem accesserint: vos prepo- 
nentes rationis iudicium et sequentes vestrarum arbitrium voluntatum de snb* 
trahendis salariis debitis doctoribus memoratis et de quibusdam aliis articnlis 
nonnulla statuta doctoribus ipsis et eorum honori contraria, quamquam sub* 
stitutos sibi dimiserint prout asseritur, motu proprio edidistis . . . Nonne 
redundat in supradicti studii dampnum maximum et tocins civitatis Bonon. 



200 ^I* Entstehung der ältesten Universitäten. 

So konnte man nur sprechen, wenn zwischen den Professoren 
und Scholaren ein Contract bestand, bei dem die letztern die 
eigentlichen Herren spielten und von denen die Berufung zum 
Lehramte, wenigstens in Bezug auf die fremden Professoren, 
ausgieng. Es war nur Consequenz, wenn die Scholaren schliesslich 
auch bestimmten, was vorgelesen werden sollte, ein Umstand, 
der sich aus der Art und Weise, wie solche Verträge oft ab- 
geschlossen wurden, von selbst ergibt. 

Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich, wie nach und nach 
die Administration der Studienangelegenheiten in die Hände der 
Scholaren gelangen musste*"), und man begreift, wenn die Pro- 
fessoren rücksichtlich dieser äussern Studienangelegenheiten dem 
Rector der Scholaren, die demselben durch die Wahl die Juris- 
diction übertrugen, ebenso wie die Scholaren sich zum Gehorsam 
verpflichten mussten. Ohne Zweifel bildete sich dieser Zustand 
anfanglich in Bezug auf die fremden und nicht die einheimischen 
Rechtslehrer. 

So steht es mit einem Hauptpunkte in der Organisation 
zu Bologna, der bisher, wie es scheint, jeder Erklärung spot- 
tete*"»), was um so weniger Wunder nehmen darf, als man 

yestriqae Status detrimentum quantalibet doctorum ipsornm translatio seu 
qualiscunque absentia tarn illastrium personarum? . . . Universitatem vestram 
rogandam duximns et adhortandam, . . . qaatenns considerantes provide qaod 
salaria doctoribus non censentur gratis tribui, sed ex iustitie debito exhiberi, 
maximecum ipsa velint iuracivilia. . .,supradicta et qaelibetaliastatata in doctorum 
ipsorum preiudicium . . . penitus revocetis ac doctores ipsos ad honores et Status 
pristinos liberaliter admittentes necnon solita benevolentiaetcondigna reverentia 
prosequentes eis provideatis de conscTetis salariis et provideri ab eornm au- 
ditoribus libere permittatis. Das Schreiben beginnt: Bononiense Studium, In 
der Sammlung des Marino de Ebolo. Archiv. Vat. ep. 2350 collationiert mit 117 C 
im Archiv zu S. Peter. Durch dieses Schreiben wird die Ansicht Savignys wider- 
legt, als hätten die Besoldungen, das Salarium mit darunter verstanden, 
keinen bedeutenden Einfluss auf das Bestehen der Rechtsschule gehabt 

537j £g igt reines Missverst&ndniss, wenn Luschin a. a. 0. S. 93 sagt, 
*die Leitung der Eorporationsangelegenheiten' sei endlich in die H&nde 
der Studierenden gekommen. Ja waren denn diese jemals wo anders als in 
den Händen der Scholaren? Bildeten nicht diese die Corporationen? Es ist 
ein Unterschied zwischen Studien- und Corporationsangelegenheiten. 

^"^a) In einem andern Zusammenhange wird dieser Punkt unten im 
vierten Hauptabschnitt nochmals zur Sprache kommen. 



3. Bologna. Die Scholaren Verbindungen und die Lehranstalt. 201 

bereits im 14. Jh. das Abhängigkeitsverhältniss der Professoren 
von dem Rector nicht mehr verstand und nur auf die hergebrachte 
Gewohnheit zurückführte*^'). Allerdings konnte man sich damals 
die Thatsache deshalb so schwer erklären, weil die Verhältnisse 
sich seit der 1. Hälfte des 13. Jhs. anders gestaltet hatten, sei 
es durch die DoctorencoUegien, sei es durch den Umstand, dass 
die Studienstädte überall einen bedeutenden Einfluss auf die 
Administration der Studienangelegenheiten mittels der von ihr 
gewährleisteten Besoldung gewannen. Aber nur derjenige wird 
Bolognas Verhältnisse sonderbar finden, der, wie bisher die 
Meisten, nur die fertigen Zustände ins Auge fasst und sich gegen 
die allmählige Entwicklung derselben verschliesst. Weder in Bo- 
logna noch in Paris wurde die Organisation mit einem Male ins 
Leben gerufen, sie gestaltete sich nach und nach. 

Nun erst verstehen wir die oben citierten Worte Honorius in. 
Sie beweisen nur zu sehr, dass bereits zu seiner Zeit die Ad- 
ministration der Studienangelegenheiten in den Händen der Scho- 
laren lag, gleichwie sich auch zugleich aus denselben ergibt, 
dass sich schon damals die Professoren den Rectoren verpflichtet 
hatten*"). Gewiss, Bologna verdankte zum grossen Theil seinen 
Ruhm den Scholaren. 

Aber steht dieses Resultat nicht mit der Thatsache im 
Widerspruche, dass der Ruhm der Schule zu Bologna sich an 
die Erneuerung der Rechtswissenschaft geknüpft hat?"°) Die 
Beantwortung dieser Frage führt uns zur Auseinandersetzung eines 
andern wichtigen Punktes, nämlich zur Erörterung der Stellung 
der Lehranstalt zu den Scholarenverbindungen. 

Es ist durchaus irrig anzunehmen, dass in Bologna der 
Rector der Scholaren auch Rector studii gewesen sei, und die 
Professoren vollends in die Abhängigkeit der Scholaren geraten 



^ So fragt Baldns: numquid doctores subsint universitati? Breviter 
dicendum est quod non, nisi ex praerogativa consnetndinis, vel juramento, 
qoia juraverunt obedire rectori. Ad. Anth. Eahita n. 14. Aehnlich spricht 
Feter de Ancharano in Decret. I. De Consuet p. 118. Er nennt die For- 
derung des Gehorsams von den Professoren eine antiquata exactio. 

w») 8. oben 8. 169 Anm. 421. 

^^) 8. oben 8. 46 f. 



202 Enstehnng der ältesten Universit&teD. 

seien. Der Hauptvertreter dieser Ansicht ist Huber*"), der 
überdies hinzusetzt, die nationeile Organisation habe das un- 
bedingte Uebergewicht über die wissenschaftliche behauptet. Diese 
Ansicht beweist, dass man die Verhältnisse Bolognas auch 
gar nicht kenne. Die Bectores studii waren in Bologna ebenso 
wie in Paris die Professoren und nicht die Rectores scholarium. 
Der Ausdruck Rector studii wurde allerdings in Italien später 
üblich; allein soweit ich die Documente kenne, ist er auf 
den Rector der Scholaren bezogen nicht italienischen sondern 
eher spanischen Ursprungs. Wenigstens gebraucht ihn Alfonso 
el Sabio zuerst in diesem Sinne in seinen Siete Partidas*"). In 
Bezug auf Bologna existiert bisher für das 13. Jh. nicht einDo- 
cument, und es kann kaum existieren, da die Entwicklung nir- 
gends so consequent vor sich gieng wie in Bologna, und die An- 
wendung des Ausdrucks Rector studii auf den Rector der Scholaren- 
corporationen dem Geiste jener Entwicklung widersprochen hätte. 
Spätere Gewohnheiten stossen diese Thatsache nicht um. Es ist 
kein Widerspruch, sondern ein im Wesen der Verhältnisse be- 
gründetes Factum, wenn seit dem Ende des 12. Jhs., also zu 
einer Zeit, wo die Scholarenverbindungen im ausgesprochenen 
Besitze der Rectoren mit Jurisdiction waren, nur auf die Pro- 
fessoren, nie auf die Rectores scholarium die Phrase angewendet 
wurde: 'regere Studium Bononie', oder 'regere scholas legum'. 
In den städtischen Statuten wird das Wort 'regere' in Bezug 
auf das Studium in derselben Weise angewendet, wie in den 
Phrasen 'regere civitatem', 'regere terram medicine' etc."'). Das 



^1) Die englischen Universit&ten I, 31 f. 

^) Las siete Partidas II, tit. 31 ley 6. 

^) In den städtischen Statuten vom J. 1250, 1259 and 1288 erscheint 
der Ausdruck 'regere' in Bezug auf das Studium noch ebenso, wie z.B. 1189 
in der Eidesformel des Lothar, oder 1217 in dem allgemeinen Statute aber 
die Eidesleistung der Professoren. Regere in jure canonico oder ciyili, regere 
Studium legum etc. war ja Oberhaupt der ganz gewöhnliche Ausdruck, der 
keines Beleges bedarf. Etwas früher, als die erste Eidesformel den Pro- 
fessoren vorgeschrieben wurde, sagt Pilius in Bezug auf seinen Weggang von 
Bologna: Idonea igitur securitate deinde promissis accepta, omni pactione 
nunc et in posterum regendis scolis cessante, cum ea recessi etc. Summa 
trium librorum im Cod. Yat. 2313 Bl. 360b. Jordan yom Sachsen, der mit 



3 Bologna. Die Scholaren Verbindungen und die Lehranstalt. 203 

meinte ich, wenn ich oben bemerkte***), der Ausdruck Rector schola- 
rium stehe in keiner Beziehung zum Begriffe Rector oder Magister 
scholarum. Die erste Bezeichnung bezog sich auf das Haupt der 
Corporation, die letztere wie in Paris auf jenes der Schule***). 
Und nachdem der Papst dem Archidiacon das Amt übertragen 
hatte, die zu Promovierenden zu prüfen, da sah man wohl auch 
in ihm das Haupt oder den Rector des Studiums***), wenngleich 
die Professoren deshalb ebensowenig aufhörten Regentes zu sein, 
wie jene zu Paris wegen des dortigen Kanzlers. Sowohl 
der nächste Zweck des damaligen Studiums, die Promotion und 
Doctorierung der fähigen Scholaren, als auch die Vorbedingung 
zu derselben, nämlich das Examen, schloss jegliche Einmischung 
sei es der Universitas scholarium, sei es der Rectoren, aus. Noch 
Baldus würde im 14. Jh. eine solche Einmischung als ^mittere 
falcem in messem alienam' betrachtet haben, und er sagt aufs 
bestimmteste vom Rector: non potest doctoribus claudere viam 
publicam nee disponere de jure superioris**^. Doch findet 
er es convenient, dass der zu Promovierende dem Rector prä- 
sentiert werde. Zudem konnten sich weder die Scholaren noch 
der Rector selbst dem Examen entziehen, das vor 1219 die 
Magistri**^), nachher vorzüglich die Archidiacone mit den Ma- 



den Einrichtungen der italienischen Universitäten wie nur irgend einer 
vertraut war, da er häufig vor den Scholaren derselben predigte und eine 
Menge in seinen Orden aufnahm, nennt den von ihm in Padua c. 1231 aufge- 
nommenen Archidiacon mag. Jacob zu Bavenna 'juris rector' (Lettres du 
b. Jourdain de Saze ed. Bayonne, Paris 1865 p. 134), obwohl er sehr gut 
den Begriff rector scholarium kannte (s. ibid. p. 114). 

5*4) S. 8. 147. 

^) 8. oben 8. 108. besonders Anm. 227. 

^ Bonifaz VIII. sagte im J. 1301 : Cum in civitate Bononiensi Studium 
per dei gratiam yigeat generale, cui Archidiaconi Bononienses, qui sunt pro 
tempore, preesse noscuntur ac in eodem studio consistentes, qui licentiantur 
in aliqua facultate supradictis etc. 8arti II, 168. 

^7) Ad. Auth. ffabita n. 16. 

^ Da es im städtischen Statute vom J. 1217, worin die Eidesformel 
für die Professoren vorgeschrieben wird, heisst: 'quilibet . . . postquam exa- 
minatus fuerit et approbatus est regat', der Archidiacon aber erst 1219 von 
Honorius in. als Examinator aufgestellt wurde (Sarti II, 59), so ist klar, 
dass früher die Magistri allein examinierten. 



204 U, EntstehQDg der ältesten Universitäten. 

gistri vornahmen. Allerdings gestalteten sich später die Ver- 
hältnisse insofern anders, als der Candidat dem Rector drei Eide 
schwören musste **'), was ich für unsere Periode nicht nachweisen 
kann. Allein auch dann bezogen sich dieselben nicht so sehr auf das 
Studium selbst, als vielmehr auf die äussern Studienverhältnisse. 

Die Thatsache, dass die Professoren die Regenten des Stu- 
diums waren, macht es begreiflich, warum sich in Bologna seit 
ungefähr der 2. Hälfte des 13. Jhs. DoctorencoUegien constituieren 
konnten. Ausserdem, dass sie einem Bedürfhisse ihren Ursprung 
verdankten, bildeten sie zugleich einen Damm gegen die wachsende 
Macht der Scholarenverbindungen, sie waren ein Schutz, dass 
die Professoren nicht vollends unter die Botmässigkeit der Rec- 
toren gelangten. Dadurch, dass sich die Doctores legentes zu 
CoUegien vereinigten, entzogen sie sich soweit möglich der Juris- 
diction der Rectores scholarium. So fragt Peter de Ancharano, 
an universitas scholarium possit per statuta sua ligare doctores. 
Er antwortet in Bezug auf die doctores legentes verneinend, quia 
Corpora sunt distincta de consuetudine. Und er macht die Bemer- 
kung : et adverte, quia doctores se subjiciunt sicut singuli et non ut 
coUegium doctorum"°). So kam es, dass z. B. in Turin, wo 
ebenfalls eine Universitas scholarium im 15. Jh. existierte, daneben 
aber sich ein DoctorencoUegium gebildet hatte, letzteres sich dagegen 
verwahrte als seien die Doctoren in aliquo jurisdictioni rectoris 
unterworfen, und es wurde bestimmt, quod nuUus doctor juret ser- 
vare statuta universitatis et obedire rectori, nisi si jurare vult 
juret et salvis statutis CoUegii*"). 

Die Schule und die Innern Studienangelegenheiten zu Bologna 
leiteten also die Professoren, nicht aber der Rector oder die 
Scholaren. Diese hatten natürlich die Corporations- und äussern 
Studienangelegenheiten unter sich. Die Rectoren zu Bologna 
waren nicht rectores studii, sondern rectores scholarium oder 
universitatum scholarium, unter deren Botmässigkeit die Pro- 



^9) Statuta et privil. univ. Jurist. Bonon. p. 40 f. Vgl. auch Savigny 
217, der jedoch auf die Entwicklung nicht achtete. 

5W) In Decret. De consuet. p. 118. 

^^^) Stat. Yen. sacrique coUegii Jurisconsult. Aug. Taurin. Taur. 
1614 p. 21 ff. 



3. Bologna. Die Studienverhältnisse der Hochschule. 205 

fessoren als die eigentlichen rectores studii keineswegs vol- 
lends standen, im Gegentheile reduplicative als Professoren, 
um mich hier eines scholastischen Ausdrucks zu bedienen, ausser- 
halb derselben sich befanden. 

Inwieweit die übrigen nach dem Muster von Bologna ge- 
bildeten Universitäten hierin von der Mutteranstalt abwichen, kann 
uns erst im zweiten Bande beschäftigen, wo überhaupt von der 
Verfassung der Universitäten die Rede sein und die Verfassung 
der Universität Bologna im 13. Jh. in allen ihren Theilen zur Dar- 
stellung kommen wird, was nicht früher möglich ist, als 
der erste der Registerbände der deutschen Nation zu Bologna 
publiciert sein wird. Im 2. Bande lässt sich auch erst ein voller 
Vergleich zwischen den Scholarenverbindungen Bolognas und 
ihrer Verfassung und den Nationen in Paris anstellen, der, 
nebenbei gesagt, zu Gunsten der erstem ausfällt. 

Hier müssen wir nunmehr dasjenige nachtragen, was auf 
die Schule zu Bologna als solche Bezug hat. 

g. Kürzer XTeberblick über die Studien- Verhältnisse der Hochschule. 

Die Hochschule zu Bologna entwickelte sich allerdings vor- 
zugsweise, ja ursprünglich nur als Rechtsschule. Allein 
nach und nach wurden an derselben auch andere Fächer gelehrt, 
ohne dass jedoch anfänglich die Vertreter derselben zur Univer- 
sitas scholarium gehört oder eine Universität für sich gebildet 
hätten. Am frühesten finden wir dort Lehrer der Medicin und 
der artes liberales. Professoren der Medicin kommen seit dem 
13. Jh. vor. Die ersten sichern Nachrichten stammen aus den 
Jahren 1213 und 1222"'). Nach den Statuten von Bologna vom 
J. 1250 waren nicht bloss die Domini legum frei vom Heeres^ 
dienste, sondern auch die 'magistri gramatice, dialetice et fisice 
qui regant vel regent'"^). Einen Ruhm erwarb Thadaeus 
Alderottus, dem die Stadt Bologna in den Statuten besondere 
Privilegien bewilligte"*). Unter ihm machte jener Wilhelm von 

^^^) S. Sarti I, 433. Dagegen, dass bereits 1156 ein colleglum medi- 
Gorum in Bologna bestanden habe, spricht er sich mit Recht aus. 

^^) Statuti di Bologna ed. Frati, I, 497. In späteren Statuten wird 
noch beigefügt: notarie et dictatorie (dictaminis) facultatis. 

'^^) Sarti, II, 227. 



206 II- Entstehung der ältesten Universitäten. 

Brescia das Doctorat, den Engelbert von Admont vorher in der 
Philosophie zu Padua gehört hatte"*)- Von dieser Zeit, d. i. 
von circa 1280 ab, wuchs die medicinische Schule immer mehr, 
und wir werden sehen, dass sie nach der Mitte des 14. Jhs. 
bedeutender war als die philosophische*"). 

Professoren der artes liberales und der Notariatskunst 
finden sich in Bologna ebenfalls seit dem Beginne des 13. Jhs., 
in Bezug auf die erstem vereinzelt schon früher*"). Doch kamen 
die artes liberales bis in das 14. Jh. nicht sehr zur Blüthe, und sie 
blieben im Rückstande hinter der medicinischen Disciplin. Als sich 
in Bologna neben den zwei juristischen Scholarenverbindungen im 
Anfange des 14. Jhs. eine andere, neue gebildet hatte, dawaren es 
zwar die Mediciner und Artisten mitsammen, vorzüglich aber die 
erstem, welche dieselbe veranlassten"®). 

Was die Theologie anbelangt, so wurde sie hin und wider 
bereits im 12. Jh.*"), seit der ersten Hälfte des 13. Jhs. in den 
Klöstem vorgetragen, ohne dass man jedoch in denselben, weil sie 
der Hochschule nicht incorporiert waren, promoviert hätte. An 
dem Generalstudium der Dominicaner nahmen auch Auswärtige 
Theil; Engelbert von Admont berichtet selbst, dass er dort 
Theologie studiert habe**°). Als der Hochschule die Theologie 

^^^) Epist. ad Ulricum scholasticom, bei Pez, Thes. anecd. nov. I, I p. 
429. Er Sägt: 'conventum suscepit in medicinis Bononiae sub mag. Tatheo, 
medico praecipuo'. 

^^^) Bei Sarti, I, 439—484 findet man Nachrichten aber einzelne Pro- 
fessoren der Medicin zu Bologna im 13. Jh. Auszascheiden ist p. 447 Roland 
von Cremona. Sarti beruft sich auf die Vitas Fratrum, worin stehe (part. 
1 c. 5 n. 1): cujus fama celebris ... in phisicis habebatur. AUein die Lesart 
der Hss. variiert. Dass 'philosophicis' zu lesen sei , ergibt sich auch ans 
Stephan de Salanhaco, der sagt: 4n seculo magnus philosophus'. S. Belege 
bei Molinier, De fr. Guill. Pelisso, Paris 1880, p. 8 Anm. 4. 

•'>^7) S. Sarti, I, 485. 503. S. dazu Anm. 553. Magistri pueronim 
werden auch in den Statuten vom J. 1250 erwähnt Ed. Frati, II, 102. 

^^) Ghirardacci, Della historia di Bologna I, 329, aus dem Jahre 1295, 
wo ihnen das Unterfangen von den Juristen verwehrt wird; p. 451, 554, 589, 
wo bereits eine universitas phisicornm erwähnt wird. Savigny III, 179 hat 
das Ganze verwirrt dargestellt. 

^^^) Nach Huguccio war Rolandus, der nachmalige Papst Alexander III.^ 
residens in cathedra magistrali in divina pagina. S. Schulte II, 115 Anm. 3. 

^0) Bei Pez 1. c. 



3. Bologna. Die Studienverhältnisse der Hochschule. 207 

erlaubt wurde, erhielten die Klöster der vier Bettelorden förmlich 
das Oeffentlichkei tsrecht; die Mitglieder derselben waren es, 
welche die Theologie lasen. Bisher war man darüber im 
Zweifel, ob Innocenz VI. im Jahre 1360 oder 1362 ein Studium 
generale in der Theologie gewährt habe. Für das erste Jahr 
steht ein das Bull Rom.*^"), für das Jahr 1362 sprechen das von 
Ghirardaccipublicierte Schreiben'*') und die gedruckten Statuten, 
denen dann Sarti, Savigny,, Paulsen u. a. folgten. Die Frage 
wird nunmehr durch die Vaticanischen Regesten entschieden. 
Dort trägt die betreffende Bulle Innocenz VI. das Datum 
2. kal. Jul. an. 8., das ist, 30. Juni 1360*''). 

Dieses Schreiben wurde das Formular für die Stiftbriefe der 
theologischen Facultät zu Padua und Perugia. Der Papst rühmt 
in der Einleitung die disciplina facultatis theologice als den 
Lebensbaum im Paradiese und als eine glänzende Leuchte im Hause 
des Herrn. In Bologna hätten das Jus can. und civile und die 
artes liberales längst schon ihre Früchte hervorgebracht; auf die 
Bitten der Stadt hin bestimme er nun, dass dort in Zukunft auch 
ein 'Studium generale in eadem theologica facultate existat'. 
Er gibt den Studierenden die Privilegien, welche sie an ähnlichen 
Studienanstalten geniessen, will aber, dass (für den Anfang) solche 
Professoren genommen würden, welche in Paris oder an andern 
grossen Schulen promoviert hätten. Die Licentia docendi er- 
theilt der Bischof, resp. der Vicesgerens, dem die Candidaten 
präsentiert werden müssten. Diese sollen von Professoren der- 
selben Facultät examiniert werden. Die Approbierten haben das 
Recht, an allen Generalstudien in dieser Facultät ohne neue Appro- 
bation zu lehren. 

Die frühesten Fälle von Promotionen in der theologischen 
Facultät scheinen in das erste Jahr Urbans V. zu fallen, der in 
studio Bononiensi den Augustiner-Eremiten Jacobus Sanctus de 



^^) BuH. Rom. ed. Taur. IV, 517. Es steht irrig XI. kal. Jul. statt 
II. kal. Jal. Man sieht wie die Verwechslung entstehen konnte. 
^62) Della historia di Bologna II, 262. 
^j Reg Vat. Avonionen. tom. 24 Bl. 516. 



208 n. Entstehung der ältesten Universitäten. 

Venetiis und den General der Serviten Nicolaus de Venetiis 
examinieren, eventuell promovieren liess^**). 

Betrachten wir die Hochschulen jener Zeit, in der die meisten 
derselben, die uns in diesem Bande beschäftigen, bereits gegründet 
waren, und vergleichen wir sie mit jener von Bologna, so 
finden wir, dass Bologna damals noch alle in der Rechtswissen- 
schaft überragte, in der Medicin aber nicht zu weit zurückstand. 
Der Cardinallegat Anglicus hat uns eine Beschreibung des Zu- 
standes von Bologna im J. 1371 hinterlassen ^•^). Er kommt 
darin auch auf die Professoren zu sprechen, welche dort im 
genannten Jahre gegen städtisches Salarium docierten. Das 
Jus canonicum lehrten 6 Professoren, das Civilrecht aber nicht 
weniger denn 12^®*). Man denke jedoch nicht, dass nicht mehr 



564) Reg. Vat. Ind. an. 1. ep. 450 BL 111 b; ep. 541 Bl. 174b. 

565) Sie beginnt: In Christi nomine Amen. Anno nativitatis eiusdem miUe- 
simo trecentesimo septaagesimo primo, indictione nona, de mense Octobris, 
pontificatus ss. in Christo patris et D. N. D Gregorii div. prov. pape nndecimi 
an. primo. In presenti quaterno fit memoria de condictionibus et statu ci- 
vitatis Bonon.,ca8troram et fortiliciorumexistentium in ipsa civitate ac castromm 
fortiliciorum, YiUarum et terrarum existentium in comitatu et districtu de civi- 
tate, et quoruncunque introituum ipsorum civitatis, comitatus, territorii et 
districtus ac ezpensanim hodie occurentium et que solvantur in civitate pre- 
dicta. Archiv. Vat. Cast. S. Angelo, arm. 3 caps. 2 n. 88. Dem Card. Ang- 
licus wurde 1. März 1368 das regimen civit. Bonon. von Urban V. übertra- 
gen. Reg. Yat. Com. an. 6. Bl. 14. 

^6) p. 7 werden die Doctores legentes in studio dicte civitatis Bonon. 
erwähnt. In iure canonico. D. Johannes de Lignano legit librum decretalium 
ordinarie de mane cum salario in anno flor. cccc. D. Gaspar domini Johannis 
Calderini legit librum decretalium ordinarie de mane cum sal. in an. lib. c. 
D. Jeronimus domini Federici olim domini Johannis Andree legit librum de- 
creti ordinarie de mane cum sal. lib. cl. in an. D. Laurentius de Pinu legit 
librum decretalium ordinarie cum sal. in an. lib. l. D. Hngucio de Tienis de- 
Vicencia, auditor domini card. legit librum VI. et Clement, cum sal. in an. 
tam pro lectura quam pro audientia flor. ccc. D. Bartbolomeus de Ma^- 
nathis legit librum VI. et Clem. cum esA. in an. lib. I. D. Petrus Ravati 
legit lecturam decreti extraordinarie cum salar. in an. lib.c. In iure civüi. 
D. Ricard US de Saliceto legit librum cod. ordinarie de mane cum sal. in anno 
flor. cccc. et pro addictione sibi facta per D. N. Papam flor. oc. D. Antho- 
nius de Presbiteris legit librum cod. ordinarie de mane cum sal. in anno lib. 
('. bon. D. Sanctus de Daynisiis (Santo Dainesi) legit libr. cod. ord. de mane 



3. Bologna. Die Studienverhältnisse der Hochschale. 209 

dort lasen, denn, wie bemerkt, kommen nur die Salariierten in 
Betracht. Drei Magistri trugen die Medicin, ebenso viele die Prac- 
tica medicine, und einer die Chirurgie vor. Ausserdem war die 
Astrologie, Rhetorik und Notariatskunst mit je einem Professor ver- 
treten, die Logik mit 2 Professoren '^0. Die Theologen, weil 
Ordensleute und deshalb in Bologna schwerlich von der Stadt 
besoldet, werden leider nicht aufgezählt. Einige Jahre später, 
nämlich 1388, finden wir, die Theologen nicht mitgerechnet, 70 Pro- 
fessoren (darunter zwei Scholaren) angestellt, von denen 27 Legisten, 
12Canonisten, HMediciner, 15 Artisten, Grammatiker und Magistri 
der Notariatskunst waren. Die Stadt zahlte ein Salarium von 
11417 Lire**«). 

Die Studierenden des Jus canonicum bedurften keiner anderen 
Privilegien von Seite des Papstes, als jene, die für alle 
übrigen gegeben wurden, wohl aber jene Geistlichen, welche 
das Civihecht und die Medicin hören wollten, da sie dies wegen 
des bestehenden Verbotes nicht thun durften"'). Clemens V. 
gewährte am 10. März 1310 auf 10 Jahre, dass die *persone 
ecclesiastice, quibus audire leges vel physicam prohibent canonice 



cum sal. in an lib. G. D. Bartholomeas de BoninchamDis legit 1. cod. ordi- 
narie de mane cum sal. m an. lib. c. D. Thomas de AngeleHo 1. lib. cod. or- 
dinarie de mane c. s. i. a. lib. c. D. Gregorius de A^oguidis l. lib. inforciati 
c s. i. a. lib. c. D. Franciscus de Ramponibas 1. libram inforciati c. s. i. a. 
lib. c. D. Nicolaus de Zapolino 1 lib. infortiati c. s. i. a. lib. c. D. Bene de 
Florentia, D. Johannes de Valentia legerunt lib. voluminis c. s. i. a. inter 
ambos lib. c. D. Johannes de Bonsignoribus 1. lib. voluminis c. s. i. a. lib. c. 
D. Balda<:ar domini Johannis Calderini 1. eztraordinarie (lib.) cod c. s. i. a. lib. c. 

^'^) Ibid. Sie werden unter dem gemeinschaftlichen Titel: In medici- 
na et artibus, aufgezählt. Der Mediciner Johannes de Mediolano legit me- 
dicinam in nonis et philosophiam in vesperis. Das Salar fQr diese betrug 
50 Gulden oder Lire. Der Astrologe war Martiuus de Alamanoia. 

^^) Archivio notarile zu Bologna. Provisiones in Gapreto A. Scara- 
beUi p. 70. 

^^) Seit 1131(Concil von Reims) fieng man an das Studium des Civil- 
rechts und der Medicin den Mönchen zu verbieten (Mansi, GoU. concil. XXI, 
459). Alexander III. that dies auf dem Goncil von Tours, und seine Ver- 
ordnung kam in die Decretalen (c. 3 Ne clerici, 3. 50); Hororius III. dehnte 
endlich das Verbot 1219 in dem berühmten Schreiben «Super tpecula auf alle 
Priester aus (c. 10 Ne clerici 3. 50). 

Denifle. Die Unirersiiiten I. 14 



210 1^- Entstehung der ältesten Universitäten. 

sanctiones, electis in episcopis contirmatis ac religiosis personis 
et aliis in sacerdotio constitutis dumtaxat exceptis, huiusmodi 
leges ac physica audire et illis liberc studere in civitate nostra 
(Bonon.) valeant; jedoch nicht über 7 Jahre lang dürften die 
Einzelnen ihre Beneficien fort beziehen ^^*^). Der Grund, den der 
Papst hierfür vorbringt, war, dass das Studium in jener Zeit 'multe 
diminutionis susceperit detrimenta' und er durch sein Privileg 
beitragen wolle, dass es 'statuin resumat pulchritudinis primitive'. 

Es bildete sich nunmehr eine Gewohnheit. Johann XXII. 
bewilligte am 19. Jänner 1317 auf Bitten der Stadt für weitere 
10 Jahre vom Ablauf des durch Clemens gewährten Decenniums, 
also von 1320 an, dasselbe Privileg*^"'). Er erneuerte es am 
22. November 1330 wider auf 10 Jahre'^''). Im J. 1343-1344 
wandten sich die Rectores universitatis et ipsa universitas sco- 
larium studii Bononien. an Clemens VI. mit der Bitte um Er- 
neuerung des Privilegs auf unbestimmte Zeit (sine temporis 
prefinitione). Sie verlangten zu viel, und erhielten nichts. Nur 
der Fruchtgenuss wurde am 21. Jänner 1344 auf 5 Jahre 
mit der Bemerkung gewährt: ctiam universitati Parisius in theo- 
logia studcntibus noluimus concedcre que petuntur*^'). Erst 
Innocenz VI. erneuerte am 30. Juni 1360 wider das frühere 
Privileg auf ein Decennium"*), nachdem die ambaxiatores Bonon. 
*pro honore et augmento dicte civitatis et studii generalis' darum 
gebeten hatten'^'*). 

Auf alle Studierenden bezog sich das Privileg, die Beneficien 
auch ferne von der Kirche am Studium zu Bologna geniessen zu 
können. Kaum eine andere Universität hat hiefür so viele 
päpstliche Bullen aufzuweisen als Bologna. Von Clemens V. bis 
ans Ende des 14. Jhs. findet sich kaum ein Papst, der das 
Seinige nicht dazu beigetragen hätte *^^). 

670) Reg. Vat. an. 5. ep. 170. 
«^71) Reg. Vat. Comm. an. 1 p. 2 ep. 1798. 
"3) Reg. Vat. Comm. an 15 p. 3 ep. 1950. 
573) Reg. Supplic. an. 2 p. 1. Bl. 144 (im 2. Theil). 
»74) Reg. Vat. Avenion. tom. 24 Bl. 517. 

672^) Reg. Siippl. Innoc. VI. an 58 Bl. 139. Hier ist das Datam5.kl. Jul. 

»76) Reg. Vat. Clem. an. 5 ep. 169. Bl. 45a; Joh. XXII. Comm. an. 1. p. 

2. ep. 1799; an. 6 ep. 1064 Bl. 368; an. 15 p. 4 ep. 257. 258. Clem. VI. 



3. Bologna. Die Studien Verhältnisse der Hochschule. 211 

Schwerer wiegend war der Schutz, den die Päpste in anderer 
Weise dem Studium zu Bologna angedeihen Hessen, selbst als sie 
in Avignon residierten. Am 10. März 1310 gewährt Clemens V,. 
was einst Nicolaus IV. am 18. August 1291 formell ausgesprochen 
hatte"'), dass die in Bologna 4n jure canonico et civili' Gra- 
duierten 'ubique legere valeant et docere'"*). Unter demselben 
Datum bewilligt er, dass die Universität ^per nuUum apost sedis 
legatum etiam de ipsius sedis latere missum nee alias nisi per 
summum Pontificem vel de ipsius speciali mandato de dicta civitate 
Bonon. amoveri valeat vel etiam interdici' "^). Den Bischöfen 
von Ravenna, Ferrara und Parma trägt er aber auf die 'acce- 
dentes ad Studium predlctum' zu beschützen *^°). Mit nicht ge- 
ringerem Eifer begünstigte Johann XXII. die Schule zu Bologna. 
Am 23. November 1321 nimmt er die Universität auf deren 
Klagen hin in Schutz und gebietet dem Bischöfe die Ruhe- 
störer mit kirchlichen Strafen zu belangen^"), den Erzbischöfen 
und Bischöfen Italiens befiehlt er aber am letzten Jänner des 
nächsten Jahres, gegen jene Städte, Obrigkeiten und Bürger 
Italiens Stellung zu nehmen, die 'directe et indirecte impedire 
dicuntur, ne ad predictum Studium (scolares) valeant declinare 
contra apostolica et imperialia privilegia a longis retro tempori- 
bus concessa studio memorato' *"). Es war dies gerade nach jener 
Zeit, in der sich die Universität theilweise aufgelöst und andere 
Wohnsitze aufgesucht hatte. Die Schuld trug der Podestä. Klar 
genug erhellt dies auch aus der Klage der Commune und 
der Universität, ^quod nonnuUi potestates et capitanei dicte 
civitatis per tempora presidentes privilegia universitati magi- 



Reg. Suppl. an. 2 p. 1 Bl. 144. Innocent. VI. Comm. an. 7 Bl. 231a. Ur- 
bau! y. Comm. an. 2 Bl. 164. u. s. w. 

^77) Sarti II, 59. Diese BuUe beweist jedoch ebenso wenig dafdr, dass 
die Doctoren Yon Bologna erst jetzt die licentia ubiqne docendi erhalten 
hätten, als die fast gleichlautende desselben Papstes für die Doctoren von 
Paris Yom 23. M&rz 1292. Reg. Yat. an. 5 ep. 30 Bl. 193 b. 

578) Reg. Vat. an. 5 ep. 159. 

"9) Ibid. ep. 158. 

5«o) Ibid. ep. 156. 

581) Reg. Vat. Comm. an. 6 ep. 438. 

^) Ibid. ep. 439. 

14* 



212 II- Entstehung der ältesten Uniyersit&ten. 

stroruni et scolariuin in civitate ipsa degentium ab apostolica 
sede concessa, per que prelibatum regitur Studium, non obser- 
vant, sed rigores in suis regiminibus insequentes privilegia 
ipsa frequenter infringunt, propter quod prefato studio sepius 
perturbato magistri et scolares predicti presidium aliud non 
habentes cessant a studio prelibato in detrimcntum ipsorum et 
gravem dictorum communis displicentiam et tedium animorum' ^^'). 
Der Papst setzte nun den Bischof von Bologna, eventuell dessen 
Metropoliten, den Erzbischof von Ravenna, als Conservator und 
Schutzherrn der Universität ein"*). 

Als der Podesta mehrere Jahre später das juramentum 'de 
observandis statutis eiusdem studii factis et faciendis' nicht leisten 
wollte, wandten sich der Rector und die Scholaren an Benedict XII., 
der am 9. Februar 1341 dem Podestd befahl, den Eid abzulegen"*^). 
An Urban V. sandte die 'universitas Bononie' im ersten Jahre 
seines Pontificatcs einen Rotulus"^). 

Die CoUegien nahmen in Bologna scheinbar ziemlich früh 
ihren Anfang. Und doch muss man bis in das 14. Jh. hinab- 
gehen, um endlich ein Collegium im vollen Sinne des Wortes 
zu entdecken. Dadurch rechtfertigt sich die grössere Ausführ- 
lichkeit meiner Darstellung. 

In Bologna begegnen die Collegien lange Zeit hindurch gleich- 
sam als Institute für auswärtige Nationen oder wenigstens Nicht- 
Bolognesen. Dies lag für dort ganz und gar in der Natur der 
Sache. Mit der Sorbonne in Paris kamen sie bloss darin überein, 
dass sie, hier wie dort, nur für arme Studierende gestiftet wurden. 
Der wesentliche Unterschied besteht aber darin, dass die Bologne- 
sischen Collegien anfanglich nicht organisiert waren. 

In der ersten Phase finden wir noch nicht, dass die Dotierten 
in einem eigenen Hause beisammen gewohnt hätten; es wurde 

^ Johann XXII. fahrt diese Expositio im Schreiben vom 11. Juli 
1326 an. Reg. Vat. Com. an. 10 p. 2 ep. 2705. 

584j Wir werden weiter unten Gelegenheit haben, auf dieses wichtige 
Schreiben zurückzukommen. 

^S) Reg. Vat. Secret. an. 7. ep. 13 Bl. 8 b. 

&86) Reg. Suppl an. 1. p. 4. Bl. 61. Andere Suppliken, theils der 
Commune, theils der Universität, sind enthalten in Reg. Suppl. Innoc. VI. an. 
7 Bl. 120; an. 8 Bl 139. 



3. Bologna. Die Studienverhältnisse der Hoc)ischale. 213 

nur eine bestimmte Summe zum Unterhalte einer Anzahl von 
Scholaren irgend einer Nation ausgeworfen. Auf diesen Gedanken 
kam Zoen, ein Bolognese, der einst Archipresbyter in Bologna, 
und darauf Bischof in Avignon war. Mittels Testamentes vom 
12. Februar 1257 *"), d. i. also gerade in demselben Jahre und dem- 
selben Monat, in dem König Ludwig IX. dem Robert von Sorbonne 
in Paris das Haus abtrat, welches den Anfang für das CoUegium 
Sorbonnicum bildete^**), bestimmte er, der jedesmalige Bischof von 
Avignon solle aus seinen Liegenschaften bei Bologna 8 Scholaren 
der Provinz Avignon, darunter drei Canoniker der Kirche selbst, 
am Studium in Bologna unterhalten, eventuell Scholaren aus der 
Provinz Arles. Jeder aus ihnen müsse 24 Bologn. Lire jähr- 
lich 5 Jahre hindurch erhalten; nach Abgang eines derselben 
soll ein anderer an dessen Stelle gewählt werden. Hört das 
Studium in Bologna auf, oder ist man nachlässig in Ausführung 
seines Willens, so dass sie auf ein anderes Generalstudium 
anstatt nach Bologna geschickt würden, so sollen die Liegen- 
schaften verkauft werden, wozu er die Dominicaner und Francis- 
caner in Avignon als Commissäre ernannte. Das Testament des 
Bischofes wurde bis 1306 ausgeführt. Im genannten Jahr wurde 
die Stadt vom Cardinallegaten Napoleon Orsini mit Interdikt 
belegt und des Studiums beraubt"*), und der Guardian der 
Franciscaner und der Prior der Dominicaner Hessen die Liegen- 
schaften durch Paulus Teucarari verkaufen, der die Summe bei 
den genannten Ordensobern hinterlegte, die dieselbe später bei 
Kaufleuten deponierten *^°). Johann XXII. Hess auf die Klagen 



^7j Das Testament ist im Arch. Vat Instr. misc. an. 1257 n. 14. Nach 
einer Abschrift ediert von Sarti II, 118. 

588) Das von mir aufgefundene seit einem Jahrhundert verloren ge* 
glaubte Original, den eigentlichen Griindungsactder Sorbonne, habe ich ediert 
in den M^moires de la societe de Paris X, 252. Das bisher zumeist ange- 
gebene Datum 1250 ist irrig. Der Act wurde mense Februarii 1256 (1257) 
erlassen. S. p. 244. Das so genaue Zusammentreffen des Datums der Sor- 
bonne, des ersten weltlichen Universitätscollegs in Paris, mit dem der ersten 
Stiftung in Bologna ist gewiss höchst interessant und merkwürdig. 

M9) S. Ghirardacci I, 488. 

^^) Ein Recurs hierüber bei Sarti II, 122 — an ganz falscher Stelle, 
und p. 231 mit der Jahreszahl 1256 bezeichnet — und in den Actenstücken 



214 I^* Entstehnng der ältesten Universitäten. 

der Scholaren aus der Provence im J. 1318 eine Untersuchung 
anstellen***), wies die Religiösen zurecht *'^), und gab am 7. Sept. 
1322 den Bischöfen von Bologna und Ferrara den Auftrag dafür 
zn sorgen, dass das Geld durch die Dominicaner und Francis- 
caner den Käufern zurückerstattet werde, die hinwiederum die 
Liegenschaften restituieren sollten, da er weder das Unrecht, 
noch ^tanta dictorum pauperum scolarium detrimenta' ertragen 
könne"'). Aber erst 1330 kam dies zur Ausführung. Die Ein- 
künfte >\airden dann vergrössert, so dass sie für 30 Scholaren 
genügten. Die Stipendiaten sollten nun auch in einem Hause bei- 
sammen wohnen, und Johann XXII. trug seinem Legaten auf dahin 
zu trachten, dass die Plätze auf 50 vermehrt würden"*). 

Das sogenannte Collegio Bresciauo wurde 1326 von 
Wilhelm von Brescia, Archidiacon von Bologna, für arme aus- 
wärtige Scholaren jeder beliebigen Nation gegründet. Man weiss 
nur, dass es 1434 noch bestanden hat"*). 

Die Blüthezeit der Collegien beginnt jedoch erst mit der 
2. Hälfte des 14. Jhs. Circa 1362—1363 wurde vom Nachlasse 
des Guido Ferrarini das Collegio Reg gi an o für arme Scholaren 
aus Reggio gestiftet. Das CoUeg wird noch 1471 erwähnt"*). 

Von grosser Bedeutung war das spanische CoUeg, welches 
der Cardinallegat Aegyd Albornoz mittels Testamentes vom 29. Sept. 
1364 gründete. Der Bau desselben wurde im nächstfolgenden 



Johannes XXII. S. die nächstfolgenden Anmerkungen. Unverständlich und 
die Chronologie verwirrend Scarahelli, Costituzioni^ discipline e riforme deir 
antico studio Bolognese, p. 56 f. 

J^9i) Reg. Vat. Coram. an. 2 p. 1 Bl. 309 a. 

ö^-i) Ibid. Bl. 309 b. 

^^3) Ibid. an. 7 p. 1 ep. 229. Wie der Papst in diesem Schreiben sagt 
appellierten die Dominicaner and Franciscaner kurz vorher an ihn. Diese 
Appellation wird auch in dem Berichte bei Sarti (s. Anm. 2) erwähnt. Der- 
selbe n&llt also zwischen 1318 und 1322; in ihm wird aber die Sache etwas 
anders dargestellt. 

6»*) S. ScarabeUi 1. c. p. 57. 

^^^) Sarti, im 2. Bande De claris Archigymnas. Bon. Professoribus (nur 
in wenigen Exemplaren vorhanden, defect, 40 Seiten Text und 54 Seiten 
Appendix umfassend) p. 25. Fantuzzi, Notizie degli scrittori Bolognesi 
III, 185. 

M«J Fantuzzi III, 184. 



3. Bologna. Die Studien Verhältnisse der Hochschule. 215 

Jahre begonnen. Es war für 24 Spanier mit 2 Kaplänen bestimmt*'^). 
Papst Gregor XL, obwohl selbst mit der Stiftung eines Collegs 
beschäftigt, führte am 21. September 1371 auf Bitten der Testa- 
mentsexecutoren das Colleg der vom Stifter gewollten Bestimmung 
zu, dass nur Spanier dort Aufnahme fanden"'). Auf die Supplik 
der rectores et scolares des Collegs hin befahl er am 7. Jänner 
1375 dem Bischof von Cuenca, die Statuten des Collegs zu refor- 
mieren'^'*). Wie wir weiter unten sehen werden, wurde dieses 
Colleg in Siena und Alcala als eines der Muster für die dortigen 
CoUegien genommen. Dasselbe hat sich bis heute im alten Zu- 
stande, wenngleich äusserst schwach besetzt, aus dem Mittelalter 
erhalten: ein einziges Beispiel auf dem Contiuent! 

Viel umfassender war der Plan Urbans V., und doch kann 
dessen Stiftung kein eigentliches Colleg genannt werden. Das von 
ihm bestimmte Haus sollte 'certum scolarium numerum de di- 
versis partibus in Bononiensi studio' enthalten *°°). Ersetzteam 
13* August 1364 drei *gubernatores et rectores eorundem scola- 
rium ac domus . . . necnon dispensatores et administratores pe- 
cunie, victualium ac rerum et bonorum ipsis scolaribus deputan- 
dorum' ein, deren hauptsächlichster Bernard Guidonis Prior 
des Benedictinerklosters Marmanda war. Die Scholaren sollten 
jedoch 'rectori studii Bononien. qui est pro tempore' unterworfen 

sein^^O- 

Es ist staunenswerth , welche Summen der Papst für 

diese Stiftung verwendete. Am 15. September 1368 trug er Zone 

Abadinghi, 'factori Albertorum antiquorum de Florentia et aliis 

camere apost. in civitate Bonon. depositariis presentibus et fu- 

turis' auf, dem Provisor 'domus scolarium, quos in studio Bonon, 

dudum expensis nostris ordinavimus retineri', nämlich Bernard 

Guidonis, jedes Jahr 'quatuor milia ducatorum auri' zu assignieren, 

da eben zum Unterhalte der Scholaren 'raagnis pecuniarum 

W7) Eine Copie des Testamentes im Arch. Vat. arm. 32 n. 21 Bl. 147. 
S. ausserdem Almanacco stat. arch. Bologn. an. 4. (Bologna 1833) p. 89. 96. 
114. Ghirardacci II, 288. Fantuzzi III, 185. 

5»8) Reg. Vat. Ind. an. 1. Bl. 17 Ib. 

&»9) Ibid. an. 5 Bl. 8 b. 

«00) Reg. Vat. ürb. V. De Curia (n. 263) an. 2 Bl. 113. 

6W) Ibid. 



216 U. Entstehung der ältesten Universitäten. 

summis' nothwendig seien '^'). Vom 16. Juni 1367 an bis zum 
15. Juni 1368 hatten die drei Provisoren *quinque milia novin- 
gentos octo (5908) flor. auri, undecim solidos et obolum monete 
Bonon. , ac frumenti corbes centum quinquaginta tres, quartas 
tres, et salis corbes decem' von verschiedenen Officlalen und 
Schuldnern der apostolischen Kammer erhalten, und davon '4366 
flor. auri, et solidos tres et denar. undecim et obolum monete 
Bonon., ac totum dictum frumentum et quinque corbes dicte 
salis' für die Scholaren bezahlt, denen sie ausserdem noch 1296 
flor. auri und 27 Sold, zu Borg gegeben hatten. Dem Ca- 
nonisten Johannes de Lignano schenkte der Papst die Einnahmen 
aus einer Fähre im Gebiete von Ferrara am 20. Jänner 1370, 
jedoch unter der Bedingung, sie in den ersten zwei Jahren 'sco- 
laribus pauperibus quos in Bononiensi studio ad nostras (Papae) 
expensas teuemus' zuzuwenden**^*). Innerhalb des Zeitraumes vom 
18. December 1364 bis 31. Dec. 1368 wurden unter andern in 
libris et ornamentis capelle assignatis studentibus Bonouie de man- 
dato D. N. Pape flor. 543' gespendet *°*). Ausserdem trug dieser 
23. April 1365 dem apostolischen Nuntius Wilhelm de Lordato auf, 
alle Bücher juris canonici et civilis, die er bereits besitze oder 
innerhalb dreier Jahre aus dem dem apostol. Stuhle reservierten 
Nachlasse der Praelaten und Cleriker erhalte, nach Bologna für 
das Haus 'pauperum scolarium' zu senden**'*'). 

Die Scholaren konnten in jeder 'licita facultas' promovieren, 
und Urban verbot am 31. Jänner 1370 den Doctoren und Ma- 
gistri von Bologna strenge in Zukunft 'pecunias et res alias' von 
ihnen wegen Ertheilung der Licenz zu verlangen '^O- 



«03) Reg. Vat. Secret. an. 6 Bl. 117 b. Siehe einen ähnlichen Auftrag 
vom 6. October ibid. Bl. 179b. 

«W) Ibid. Bl. 173 b. 

6M) Ibid. Indult, an. 8 ep. 160. Fantuzzi, Notizie degli scrittori 
Bolognesi Y, 30. Anm. 6. Ein ähnliches Schreiben in Bezug auf einen andern 
Fall findet sich Reg. Vat. Secret. an. 6 Bl. 77a vom 16. Febr. 1368. 

«<>5) Arch. Vat. Instrum. misc. 1370 n. 4. 

^ Archiv. Vat. Instrum. misc. 1365 n. 18. 

<^07) Heg. Vat Ind. an. 8. ep. 155. Ueber das Golleg finden sich noch 
Notizen im Inslrum. misc. n. 37. vom J. 1365; Arm. 52. tom. 9 p. 145. 



3. f-Jologna. Die Studi«»nver]iältni>se der Hochschule. 217 

Doch alles frühere überragte Gregors XL Stiftung, ürban V, 
wies seinem Hause noch keine Einkünfte zu; von Jahr zu Jahr wurde 
dem Provisor das Nöthige zur Verfügung gestellt. Auch waren 
die Studenten nicht durch Statuten unter einander verbunden. 
Das Ganze konnte also keinen Bestand haben und den Stifter nicht 
lange überleben. Erst sein Nachfolger legte Hand an das Werk, 
an Urbans Stiftung zugleich anknüpfend, und sie in grossartiger 
Weise vollendend. Am 23. Februar 1371, also kaum 1'^ Monat 
nach seiner Krönung, theilte er dem Cardinal Anglicus seinen 
Plan mit, in Bologna 'quoddam perpetuum Collegium scolarium 
ordinäre et instituere* und demselben Einkünfte zuzuweisen. Er 
möge von den Gütern der Rom. Kirche im Districte von Bologna, 
der Romagna und der Marken 'pro necessitatibus et sustentatione 
scolarium dicti collegii' jährlich für die Zukunft löOO Ducaten an- 
weisen lassen. Als Wohnung habe er 'quoddam hospitium here- 
dum quondam Johannis de Pepolis in civitate Bonon. consistens' 
in Aussicht genommen. Zum Ankaufe möge der Cardinal 4000, 
behufs nöthiger Reparaturen 500 Goldducaten dem Bernard 
Guidonis und Johann de Senis geben*®*). Dem Bischöfe von 
Cesena, Lucius, trägt er auf, Bernard Guidonis zur Sustentation 
der Scholaren für das mit 16. Juni beginnende nächste Jahr 
4000 Goldgulden zu übermitteln *°'). Unter demselben Datum 
setzt er Bernard Guidonis zum Gubernator und Rector der 
Häuser ein; er betont ausdrücklich, dass seine Stiftung an jene 
Urbans V. anknüpfe. Ihn und Johann de Senis bevollmächtigt 
er, das genannte Haus mit allem Zugehör anzukaufen*'"). Am 
18. December 1372 erliess er weitläufige Statuten*'*), aus 
denen ich für jetzt nur das eine entnehme, dass das CoUeg für 
30 Scholaren gegründet war, von denen die eine Hälfte Jus canon., 
die andere Jus civile studieren sollte. Zwanzig von ihnen müssten 
aus den Diöcesen Limoges und Toul sein, die übrigen 10 aus Italien, 



60Bj Reg. Vat. Cam. an. 1 Bl. 8. Zwei Schreiben. 
6«9) Ibid. Bl. 9. 

610) Ibid. Bl. 9b. 10. Ghirardacci II, 302 f. Ebendaselbst ein anderes 
päpstliches Privileg. 

611) Reg. Vat. Ind. an. 2 Bl. 239b. Ghirardacci II, 308. 



218 1^- Entstehuog der ältesten Uni Yersi täten. 

jedoch nicht von Bologna*^'). Das CoUegium hat in Zukunft 
den Namen 'Gregorianum coUegium' zu führen. Auf dieses Colleg, 
gleichsam den Augapfel Gregors XL, beziehen sich viele päpst- 
liche Schreiben*"), von denen mehrere im 2. Bande besprochen 
werden*"). 



^^') Scarabeni p. 58, meint, der Papst habe die Bolognesen ans Miss- 
gunst gegen Bologna ausgeschlossen. Aber nichts widerspricht mehr der 
Wahrheit. In einem Schreiben vom 1. Jänner 1372 sagt Johann ausdrücklich: 
cum Studium civitatis nostre Bononien. geramus in visceribus caritatis et 
propterea Studium ipsum in studentibus ampliari et augmentari velimus et 
inibi quoddam coUegium studentium in facultatibus iuris canonici et civilis 
. . . duxerimus ordinandum etc. Reg. Vat. Secret. de Cur. an. 2 Bl. 190b. 
Der Grund, warum die Bolognesen ausgeschlossen wurden, war die Intention 
des Stifters, *prefatum CoUegium pro scolaribus pauperibus, qui parentum 
opibus vel sufficientibus proventibus ecclesiasticis in studio sustentari non 
possint, vel eis ad prosequenda studia facultates proprio non suppetunt, in- 
stituere et dotare'. So in den Statuten, Reg. Vat. Ind. an. 2 Bl. 240 b. Es 
ist doch klar, dass die Bolognesen, die unter den Augen ihrer Eltern 
studierten, weniger bedürftig waren, als die Fremden. Scarabelli war immer 
unfähig; allein die Hauptschnitzer machte er gerade in Folge seiner Gesin- 
nung gegen das Papstthum. 

«") So in Reg. Vat. Secret. de cur. an. 2. Bl. 190- 194b; Secret. an. 
2. Bl. 134. 136. Ind. an. 2. Bl. 238. an. 4. Bl. 18. 39. 95. an. 5. Bl. 53b. 

^^^) Der Verkauf der Güter dieses Collegs durch den am Concil von 
Constanz abgesetzten Johann XXIII. bildete einen der 70 (72) Klagepunkte 
des Concils von Constanz gegen ihn am 16. Mai 1415. S. H. v. d. Hardt, 
Magnum concil. Const. IV (Francoforti 1699), 203 n. 45. Hefele, Concilien- 
gesch. VII, 129. Doch hatte das Colleg mit jenem Verkaufe, der ja rückgängig 
gemacht wurde, nicht sein Ende. Es wird noch später erwähnt. S. Fan- 
tuzzi 1. c. p. 188. 



III. 

ENTSTEHUNG UND ENTWICKELUNG DER ÜBRIGEN HOCH- 
SCHULEN EUROPAS BIS 1400. 



Es hat einen besonderen Reiz, dem Ursprünge jener Hoch- 
schulen, welche die breite Grundlage für die Universitäten der 
nächsten Jahrhunderte gebildet hatten, nachzuspüren. Das 13. und 
14. Jh. bieten ein eigen thümliches Schauspiel. Papst und Kaiser, 
Städte und Landesherren wetteiferten in der Ermchtung von 
Cultur Stätten, die zu den schönsten und grossartigsten Erscheinungen 
des Mittelalters gehören. Wären alle Intentionen realisiert worden, 
so würde Europa bis 1400 im Besitze von nicht weniger denn 
55 Hochschulen, Paris und Bologna mitgerechnet, gewesen sein. 
Allein, von neun existieren nur die Stiftbriefe, die eben nicht zur 
Ausführung gekommen sind. Es bleiben jedoch immerhin 46 Hoch- 
schulen übrig, von denen an der Wende des 14. Jhs. nachweisbar 
noch 37 — 39 bestanden haben, eine erkleckliche Anzahl, von der 
man bisher keine Ahnung hatte. 

Die bisherigen Forschungen über die Hochschulen des Mittel- 
alters, im besondern über den Ursprung und die Gründung der- 
selben, liegen, wie ich bereits in der Einleitung hervorgehoben 
habe, im Argen. Ich erhielt den Eindruck, als habe man gerade 
den wichtigsten Theil der Culturgeschichte des Mittelalters mit 
besonderer Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit behandelt. Nur 
wenige Hochschulen jener Epoche, die wir im Auge haben, be- 
sitzen eine Beschreibung, die den Anforderungen der Wissenschaft 
genügt, völlig unbrauchbar sind aber die allgemeinen Dar- 
stellungen von Meiners und Grässe, äusserst lückenhaft und im 



220 in. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Einzelnen häufig irrig jene von Savigny^). Dieser Forscher 
hat aber richtig erkannt, dass man bei einer umfassenden Arbeit 
Hochschule für Hochschule, weil durchstudieren, so auch be- 
handeln müsse, während Meiners einem solchen Systeme den 
Begriff einer Geschichte abspricht, gestützt auf das aufrichtige 
Bekenntniss, dass von vielen Universitäten gar nichts oder doch 
nicht so viel gedruckt sei, dass man daraus eine Geschichte der- 
selben zu Stande bringen könnte'). Selbst zu forschen fiel ihm 
nicht ein, und so liefert auch sein Werk alles andere, nur nicht 
dasjenige, was der Titel verspricht. 

Verschiedene Methoden bieten sich bei Behandlung dieses 
Gegenstandes dar. Die Meisten würden dafür sein, ich sollte die 
Universitäten nach den verschiedenen Ländern gruppieren. Aber 
abgesehen davon, dass ich in diesen Fragen Bedenken trage mit 
der Majorität zu gehen, so wird die Reihe der Universitäten 
ohnehin ein Abschnitt beschliessen, in dem die Universitäten in 
Beziehung zu den einzelnen Ländern und umgekehrt aufgefasst 
werden. Dieses Verfahren setzt jedoch die Kenntniss der einzelnen 
voraus. Eine andere Methode wäre, die Hochschulen chronologisch 
darzustellen. Allein dafür genügt, später ein chronologisches Ver- 
zeichniss anzufertigen. Viel mehr hätte die andere für sich, 
die Universitäten genetisch zu behandeln, d. i. in wie ferne die 
eine von der andern im Entstehen abhängig war. Allein so 
schön dieser Gedanke ist, so lässt er sich in Bezug auf die 
Entstehungsgeschichte nicht immer durchführen. Diese Methode 
ist ganz am Platze in Betreff der Organisation der einzelnen 
Universitäten, und ich werde sie auch deshalb im zweiten Bande 
anwenden. Diejenige, welche ich hier wählte, bot sich mir von 
selbst dar. Einmal wurde ich zu ihr durch Bekämpfung gewisser 
Ansichten, auf die ich weiter unten zu sprechen komme, gedrängt. 
Und dann musste ich, welche Methode ich auch wählen mochte, 
einmal jene Generalstudien ausscheiden, die, obwohl ohne Stiftungs- 
brief, trotzdem als wahre Generalstudien angesehen wurden. 
Femer mussten die ächten Hochschulen von jenen abgetrennt werden. 



8. IV. 



1) S. darüber die Einleitung. 

3) Geschichte der Entstehung und Entwickelang der hohen Schulen I, 



1. Die fälschlich als Universitäten bezeichneten Schulen. 221 

deren Stiftbriefe nicht zur Ausführung gekommen sind. Dadurch 
war die Methode für die Behandlung auch der übrigen Hochschulen 
vorgezeichnet. 

Was nun den Zeitraum anbelangt, den ich bei Behandlung 
einer jeden Universität ins Auge fasse, so wird er durch den 
Titel bestimmt. Ich gebe eine Geschichte der Gründungen, und 
behandle jede einzelne Hochschule bis zu dem Zeitpunkte, in dem sie 
consolidiert dastand; nicht selten werde ich deshalb die Schwelle 
des 15. Jhs. überschreiten müssen. Die fernere Geschichte ist 
auch meist so innig mit der Organisation verwebt, dass die eine 
ohne die andere nicht wohl dargestellt werden kann, und sie 
mithin in den zweiten Band gehört. Aber auch dort wird sich 
die Geschichte nur innerhalb des Ramens des Mittelalters halten. 
Hat sich eine Universität bis zum Ende des 14. Jhs. aufgelöst, so 
verfolge ich ihre Geschichte bis zu diesem Zeitpunkte, damit man 
sich klar werde, welche der mittelalterlichen Hochschulen am 
Ausgange des 14. Jhs., d. i. als eine neue Zeit anbrach, noch 
existierten. Zu diesem Behufe werde ich auch, so weit es mir 
möglich ist, den Anhaltspunkten zu ungefährer Bestimmung der 
Frequenz derselben nachforschen. Um das Bild zu vervollständigen, 
lag es mir daran, das Gründungsjahr der ersten weltlichen CoUe- 
gien für Scholaren an den Hochschulen innerhalb dieser Epoche, 
soweit an ihnen solche existierten und es mir möglich war Sicheres 
darüber zu ermitteln, anzugeben. 

1. Die fälsohlioli als Universitäten bezeichneten Sohulen. 

In diesem Paragraph handelt es sich nicht bloss darum jene 
Schulen auszuscheiden, die irrig als Generalstudien betrachtet 
wurden oder die erst später dazu erwuchsen, sondern auch zu zeigen, 
dass man durch einige Aehnlichkeiten, die zwischen den General- 
und Particularstudien existieren, sich nicht verführen lassen dürfe. 
Dabei setze ich dasjenige, was ich oben über den Begriff der 
Generalstudien gesagt habe, voraus, ohne dasselbe nochmals zu 
widerholen. Der erste Hauptabschnitt bildet in Bezug auf den 
genannten zweiten Punkt die Directive. 

Nach einer ziemlich verbreiteten Ansicht ist die Universität 
Macerata bereits im 13. Jh. gegründet worden. Nicolaus IV. 



2*22 m* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

habe sie mittels einer Bulle vom J. 1290 ins Leben gerufen'). 
Allein, noch Niemand war im Stande dieses Schreiben vorzu- 
zeigen, das in der That weder im Archive zu Macerata, noch 
im Vaticanischen sich findet. Die Behauptung selbst erweist 
sich auch aus andern Gründen hinfällig, wie Foglietti gut dar- 
gelegt hat*). Wahr ist nur, dass in Macerata schon frühzeitig 
ein Collegium advocatorum et procuratorum existierte und im 
J. 1290 eine Rechtsschule erwähnt wird. Im genannten Jahre 
sandte nämlich die Commune von Macerata an die Municipien 
der Provinz Schreiben, mittels welcher sie eingeladen werden 
durch ihre öffentlichen Ausrufer verkünden zu lassen, dass, wer 
Leges studieren wolle, nach Macerata kommen möge, wo Dominus 
Guliosus de Monte Granarii vom 18. October an über dieselben 
lesen werde*). Wie überhaupt in Italien, und namentlich auch 

3) Der erste, welcher diese Behauptung aufstellte, scheint Ughelli ge- 
wesen zu sein. Italia sacra II (Yenet. 1717), 730. Sie wurde nachgeschrieben 
von Compagnoni, Regia Picena (Macerata 1601) p. 150, und nenestens von 
Yalenti in Memoria intorno Funiversitä di Macerata (Macerata p. 1868) p. 3 sqq. 
und Tartufari, Discorso pronunziato sui diritti delP universita di Macerata (Roma 
1884). Letzterer behauptete sogar p. 4, er habe dafQr 'documenti storici 
in mano*, und er erwähnt überdies die Tradition, der zufolge die Universität 
Macerata gleichzeitig mit den Hochschulen Bologna, Padua, Neapel und 
Perugia entstanden sei. Dies aUes in einem Athemzug! Aurispa, De ini- 
tiis plurium Italiae acadcmiarnm et maxime in nostra Piceni provincia (Prac- 
lectio amplissimo Macerat. senatui dicata anno 1777, Macerata 1778 p. 21) 
datiert ebenfalls vom J. 1290 den Beginn der Universität. 

^) Cenni storici suir universita di Macerata 1878 p. 5 ff. Schon Tira- 
boschi, Storia della letteratura italiana IV, 65 hat die Aufstellung bekämpft. In 
Fogliettis Darstellung haben sich nur einige Irrthümer eingeschlichen, z. B. 
im 13. Jh. hätte man noch nicht den Ansdruck 'Studium generale' gebraucht 
(p. 16), die universitas magistrorum oder scholarium sei bei einer Hochschule 
damals etwas Noth wendiges gewesen (p. 18) u. s. w. Ähnliche Fehler bei 
Yalenti p. 4. 

^) Solche öffentliche Kundmachungen haben sich von den Ortschaften 
Sanseverino, Fabriano, Ascoli, Monte San Martino und Sassoferrato erhalten, 
gedruckt bei Yalenti p. 17—19. Sie sind in Bezug auf diesen Punkt fast gleich- 
lautend. Die von San Martino lautet: Quod quicunque vult ire ad Studium 
Legis, vadat ad Dominum Guliosum de Monte Granarii, qui permanet ad 
dictam Maceratam, quia ibi retinebit scolam, qui intendit incipere in festo 
b. Luce proxime venturo, quia ibi invenient copiam maximam omnium rerum 
comeitibilium. In der Kundmachung von Sanseverino heisst es am Schlüsse: 



1. Die fälschlich als Universitäten bezeichneten Schulen. 223 

in den Marken die Rechtswissenschaft gepflegt wurde, worüber 
uns Bartolo belehrt^), so auch in Macerata, und zwar ehe dort 
eine Universität gegründet wurde. Diese verdankt erst Paul III. 
am 1. Juli 1540 ihr Entstehen 0. Natürlich geschieht im Stift- 
briefe nicht eines bereits früher in Macerata gegründeten Gene- 
ralstudiums* Erwähnung'). 

In den Universitäten- Verzeichnissen, die gang und gäbe sind, 
wird auch Lyon genannt, wo nach Meyssonnier 'long temps 
avant la venue de nostre Seigneur',') nach den Vernünftigem, 
mit denen ich es allein zu thun haben will, c. 1300 eine Uni- 
versität, resp. ein Generalstudium gegründet worden sein soll. 
Allein mit Unrecht. Lyon besass wohl abwechselnd und zu ver- 
schiedenen Zeiten Schulen in den artes, in der Theologie, beson- 
ders aber in der Medicin und im Rechte, in welchem auch promo- 
viert wurde'®), allein es bestand dort kein eigentliches General- 



ibi namqne inveniet Studium optimum et victualia reram. Vgl. auch Fo- 
glietti p. 14. 

^) In Dig. vet. const. Onrnein verb. Haec auUm tria sagt er: Plus dicunt qui- 
dam moderni, ut Richardus Malombra, quod possint haec jura hodie doceri 
in qualibet civitate vel castro, ut Mutinae, Rhegii, Pannae, Yercellis et in 
castris, ut ?idimus, maxime in provincia Marchiae Anconitanae. 

7) Bull. Rom. ed. Taur. VI, 283. Arch. Yat Castel S. Angelo arm. 9. 
Caps. 1 n. 24 (Copie). Im Bull. Rom. und bei Valenti p. 22 steht kal. Junii. 
Ueber die n&here Veranlassung des Schreibens vgl. Foglietti p. 37 f. 

^) Nebenbei bemerke ich hier, dass Fiorgentili, Degli studi unirersi- 
tari di Camerino (Camer ino 1864), wid erholt (z. B. p. 30. 38) Camerino 
als *sede degli studi generali' vom 13. Jh. ab bezeichnet, obwohl das Studium 
erst im vor. Jh. yon Benedict XIIL *il nome di universitä' erhalten habe, 
AHein der Autor ist hiermit ebenso im Irrthume, wie mit der Behauptung 
(s. p. 29), die Studienanstalt zu Camerino habe Tor Benedict XUI. das Pro- 
motionsrecht gehabt. 

9) Histoire de l'universit^ de Lyon et du College de mMecine, Lyon 
1644 p. 1. 

10) Im J. 1290 schwebte zwischen dem dortigen Erzbischof und dem Capitel 
ein Streit darüber, wer den Canonisten und Legisten die Licens ertheilen 
könne. Launoi, De scholis celebrior. Opp. IV, part 1. p. 14. Die Stadt 
berief sich auch 1302 auf das Recht 'in iure ciTili et canonico ad docendum- 
que artes alias liberales' ein ^Studium scolarium et regentium' besitzen zudOrfen. 
S. Cartnlaire municipale de la ville de Lyon ed. Guigue. Lyon 1876 p. 29. 
Vgl. p. 87. S. auch Hüffer, Die Stadt Lyon. Monster 1878 S. 93. 



224 in. Entwickclung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Studium, wie sich auch in den dortigen Archiven nichts darüber 
findet**)- Auch in Brescia soll Ende des 14. Jhs. ein General- 
studiura existiert haben **). Allein es ist ein Irrthum. Brescia 
besass im Mittelalter nie eine Hochschule, und es darf nicht 
Wunder nehmen, wenn man weder im dortigen noch im Vatica- 
nischen Archiv etwas über sie findet. In den Universitäten- 
Verzeichnissen findet man auch öfters Messina, wo 1224, 
und Palermo'*), wo 1394 Hochschulen gegründet sein sollen, 
was jedoch nicht weniger auf Irrthum beruht. Die erste Hoch- 
schule in Sicilien ist jene von Catania, mittels Bulle Eugens IV. 
vom 18. April 1444 gestiftet. Was speciell Palermo betrifft, 
so erhielt diese Stadt eine eigentliche Hochschule erst 1779, mit 
dem kurzen Dasein bis 1805**). Da bei Tanhäuser vorkommt: 
'Vienne hat Legisten vil'**), so schloss Savigny, in Vienne 
im Dauphin^ sei im 13. Jh. eine blühende Rechtsschule 
gewesen ^*^); allein keine Spur ist von derselben zu finden*^). Der 



*^) Das von Innocenz IV. bei seioer Anwesenheit in Lyon errichtete 
Generalstudium war das Studium an der Curie, wie wir unten sehen werden, 
nicht eine Hochschule für die Stadt selbst. S. tiberdies oben S. 3 Anm. 11. 

^2) Dies berichtet der Stadtchronist Jacob Malvezzi bei Muratori, Rer. 
ital. SS. XVI, 921: Genitoris mei assertione hoc loco diebus suis generale 
Studium in sacra pagina et philosopbia statutum erat. Alidosi, Li dottori 
forestieri, che in Bologna hanno letto teologia, filosofia etc. (Bologna 1623) 
fahrt p. 28 Johann Ton Parma auf, der c. 1309 in Brescia Lector war gegen 
Salarium von 400 Lire und dann nach Bologna berufen wurde. 

^3) Nach Höfler, Mag. Hus S. 99 wäre Palermo bereits unter Friedrich II. 
gegrOndet gewesen. Er beruft sich sogar auf die Epist. Petri de Vineis III 
D. 2. Allein Höfler verwechselt, fatal genug, Palermo mit Salerno. 

1^) S. dartlber Is. Carini, L*universitä di Palermo nelP anno primo del 
corrente secolo. Palermo 1874. 

1^) Vienne hat 16gisten vil. Der knnst aströnömie ze Dölet (Toledo) ich 
niht lernen wil Von der nigrömanzte: niht guot ist zouberie. Bodmer, Aus- 
gabe des Manesseschen Codex II, 63b. Vd Hagens Minnesinger II, 88. 

16) Geschichte des Rom. Rechts III, 409. 

17) Weder bei Lelißvre, Hist. de Tantiquite de la ville de Vienne (Vienne 
1623), noch bei Drouet, Hist. de Teglise de Vienne (Lyon 1708. Suppl^m. 
1769), Charvet, Hist. de T^glise de Vienne (Lyon 1761), Collombet (ders. Titel 
Vienne 1847); Chevalier, Cartulaire de Tabbaye de S. Andr6 (Vienne 1869); 
Actes Capitniaires de l'^glise Saint Maurice (Vienne 1875) u. s. w. findet sich 
ein Anhaltspunkt. 



1. Die f&lschlich als Universitäten beieichneten Schulen. 225 

grösste Kenner der Geschichte des Dauphin^, Abb6 Chevalier, ver- 
sicherte mich, dass jene Stelle auf einem Missverständnisse beruhen 
müsse. Und sollten wirklich viele Legisten in Vienne gewesen sein, 
so bewiese eine solche Thatsache noch nicht für eine 'blühende 
Rechtsschule', denn auch die Bechtsgelehrten oder Jurisperiti 
waren Legisten: deren gab es z. B. in Mailand im 13. Jh. 
gegen 200, und trotzdem bestanden dort ausser Schulen für 
Kinder und die Jugend keine Lehranstalten '*). 

Spanische Schriftsteller verlegen den Ursprung der Univer- 
sität Palma auf der Insel Mallorca in die Zeit des Raymund 
LuUus, und glauben, das spätere 'estudio general y Luliano' habe 
Raymund zum Gründer. Allein dem ist nicht also. Auf Betrei- 
ben desselben wurde allerdings von König Jacob L in Miramar 
ein Golleg für 13 Franciscaner dotiert, welche die arabische 
Sprache lernen sollten, ein Institut, das von Johann XXI. am 
16. Sept. 1276 gutgeheissen wurde '^); Raymund mag auch selbst 
hier Sprachen oder Philosophie vorgetragen haben, wie viel- 
leicht früher in Randa '°): allein mehr lässt sich nicht schliessen, 
zudem das Golleg der Franciscaner in Miramar noch zu Leb- 
zeiten Raymunds sich aufgelöst hat'^). Thatsache ist, dass die 
Universität zu Palma erst 31. August 1483 von Ferdinand dem 
Katholischen gegründet und mit den Privilegien von L^rida aus- 
gestattet wurde"). 

Aus einem Schreiben Alexanders IV. vom 15. März 1257 an 
den Decan und das Capitel von Reims könnte man schliessen, 
dass auch hier im 13. Jh. ein Generalstudium war. Der Papst 
sagt darin, dass der Cantor 'Remis adeo utiliter sicut et alibi in 
dicta (sacra) pagina studere si velit valeat, et eidem ecclesie de- 



^^) S. Galvaneus Flamma bei Moratori, SS. rer. ital. XI, 712 and dasn 
die gesunden Bemerkungen Tiraboschis in Storia della lett ital. IV, 69. 

^9) Die BuUe ist ausgefertigt 16. kL Oct. an. 1. Da erst am 20. Sept. 
1276 der Erönungstag war, und Johann 20. Mai 1277 starb, so wurde sie vor 
dem KröDungstag ausgesteUt. Gedruckt in Historia general del reine d« 
Mallorca escrita por los cronistas Don Juan Dameto etc. 2. ed. III. Palma 
1841 p. 47. 

^) S. Historia general L c. p. 44. 

«) Ibid. p. 48. 

»j Ibid. p. 449. Z&rate, De la instruccion publica en Espana II, 246 f. 

DenifU, DU UaiTeniMt«n I. 15 



226 ^^' Entwickelang der Hochschulen bis Eum Binde des 14. Jhs. 

servire'. Die Adressaten sollten eben deshalb die fructus bene- 
ficiorum 'eidem cantori nisi Bemis in predicta pagina studenti 
yel alibi ubi generalis in ea viget scolastici studii disciplina\ 
nicht gewähren"). Man könnte nun meinen, dass wegen der 
Verbindung der Generalstudien mit dem Studium zu Reims 
daselbst auch ein Generalstudium existiert habe. In der That 
behauptet man, ein solches sei bereits von Eugen ni. bei 
seiner Anwesenheit in jener Stadt im J. 1148 gegründet worden. 
Allein für diese Ansicht findet sich auch nicht 6in Fundament'*). 
Die früher so berühmte Schule existierte allerdings noch unter 
Eugen III. Gab sie doch noch unter Alexander IIL Lebens- 
zeichen von sich*^); allein sie bestand nicht mehr in ihrer Be- 
rühmtheit. In späterer Zeit erhielt Beims einen Zuwachs durch 
die im J. 1229 stattgehabte Auswanderung aus Paris"), ohne 
dass sie jedoch bedeutende Spuren zurückgelassen hätte. Am aller- 
wenigsten dürfte man sich hiefür auf obiges Schreiben Alexan- 
ders IV. berufen, denn der Papst meint nur, der Cantor könnte, 



^ Reg. Vat. an. 3 ep. 225 Bl. 30 b. 

M) Marlot schweigt in seiner Metropolis Remensis historia (Remis 1679) 
II, 352 ff. darüber, in seiner Histoire de la ville, cit6 et uniyersit^ de Reims 
(Reims 1846) IV, 313 weist er aber nach, dass die Universit&t erst 9. J&nner 
1547 von Paul III. gegründet wurde. Eugen III. habe zwar den Plan ge- 
fasst öffentliche Schulen in den angesehensten St&dten des Reiches zu er- 
richten; der Plan sei jedoch nicht zur Ausführung gekommen. Kein Wunder, 
dass auch Gousset, Les actes de la proYince eccl^siastique de Reims II, 229 
nur die Canones des Concils Yon Reims unter Eugen III. bringt und dass 
ebenso wenig in Bulle d'erection de l'universitö de Reims (1717) und in 
Titres, chartres, lettres patentes des roys de France et autres enseigne- 
ments concemant l'etablissement et erection ... de Puniversit^ de Reims 
(1718) eine Bulle Tor Paul III. vorkommt 

3<^) S. Alexandri III. epp. in Migne Patrol. lat t. 200 ep. 815 p. 746. 
Mansi CoU. conc. XXI, 1081. Auf jene Zeit bezieht sich wohl auch das 
Zeugniss Caesars von Heisterbach im Liber memorab. II c. 16 ed. Strange 
I, 84. Andere Belege werde ich sp&ter bringen. 

^) Dies berichtet das Ghron. Clnn. im Cod. Vat. Reg. 507 Bl 21b 
alii quidem Remis, alii Andegavis, alii Aurelianis, alii vero in Angliam et 
alii in Italiam Tel in Ispaniam sive in alias provincias mundi causa studii 
sunt profecti. Ebenso Bernard Guidonis in dem Cat. Pontif. Rom. ad an. 
1229 im Cod. Vat. 2043 Bl. 91b. 



1. Die fölschlich als Universitäten bezeichneten Schalen. 227 

weil ein Studium der Theologie in Reims existiere, dort sich 
ebenso wie anderswo unterrichten lassen. Sollte derselbe aber 
ein anderes Studium aufsuchen, so müsse es ein Generalstudium 
sein. Mir ist von einer Universität in Reims sonst nichts be- 
kannt. Uebrigens ist in Actenstücken unter dem theologischen 
Studium zu Reims manchmal ein Ordensstudium zu verstehen. 
Urban V. beauftragt den Kanzler zu Paris, den Johannes de 
Sparnato Gustos der Franciscaner zu Reims, 'qui. licet in Re- 
mensi studio, quod in sacra theologia soUemne post Parisiense 
Studium reputatur, principalis sententiarum et Biblie lector per 
sex continuos annos fuit, ad legendum sententias in dicto Pari- 
siensi studio pro primo cursu debito provincie Francie, de qua 
fore dinoscitur, per . . . capitulum provinciale fratrum dicti 
ordinis .... approbatus extiterit,' zur Professur und zum Examen 
zuzulassen"). Daraus geht aber hervor, dass dieses Studium 
der Theologie ein Ordensstudium, nicht eine öffentliche Schule 
war, obgleich sie von Auswärtigen besucht worden zu sein 
scheint. 

Andere Male wird die Bezeichnung 'Studium generale' auf ein 
Studium missbräuchlich angewendet. So versendete die Commune 
von Todi im J. 1290 die Litterae *studii generalis' in die um- 
liegende Gegend 'pro parte mag. Fidantiae', Lehrers der Gram- 
matik"). Aehnlich wurde auch das Erfurter Studium, ehe es 
ein eigentliches Generalstudium war, also genannt, wie wir unten 
sehen werden. Solche Schulen, sogenannte Particularstudien, 
waren überall zerstreut Hie und da konnten dieselben sogar 
eine päpstliche Stiftungsbulle aufweisen. So wurde z. B. von 
Johann XXII. am 1. Februar 1329 'in villa Galliaci Albien. dioc.' 
(Gaillac) ein Studium errichtet mit der Bestimmung, 'ut in villa 
prefata sit in facultate liberalium artium Studium, in quo magistri 
libere doceant ac scolares studeant et audiant in scientia memo- 
rata'^'). Ein Generalstudium im eigentlichen Sinne kann man 



^) Reg. Vat Indult, et com. an. 1 ep. 270 Bl. 80 a. 

^) Ich entnehme diese Notiz den Schriften Garampis im Vat. ArchiT. 
Oben genannter Magister lehrte 1278 zu Neapel. S. Origlia, Istoria dello 
studio di Napoli p. 140. 142. 

») Reg. Vat. Com. an. 13 p. 2 ep. 1169 Bl. 63 a. 

15* 



228 ni. Entwickelang der Hochschulen bis lum Ende des 14. Jhs. 

dieses um so weniger nennen, als die grössere Lehranstalt des nahen 
Alby, wo bereits im 13. Jh. ein Studium war**^), und nach den 
Worten des Papstes im genannten Schreiben ein 'rector et ma- 
gistrorum universitas studii Albien.' existierte, durchaus nicht 
diesen Namen verdiente '^). Von andern denn päpstlichen Stiflungs- 
briefen für Particularstudien will ich gar nicht sprechen, sie sind 
häufig"). 

Manchmal besassen diese Particularstudien auch Privilegien, 
z. B. Yalladolid, als die dortige Schule noch reines Parti- 
cularstudium war") Ebenso wurde Narbonne, wo an der 
Cathedrale im 13. Jh. ein theologisches Studium bestand, das 
noch im 14. Jh. fortexistierte**), schon frühzeitig privilegiert"). 
Das Interessanteste jedoch ist, dass an Orten, wo keine Hoch- 

^) Im J. 1285 wurde der Dominicaner Petrus de Petra lata als lector 
'prope D. episcopam' erwählt. Hs. za Toulouse 273 Bl. 340. 

31) Deutlich erheUt dies aus Reg. Suppl. Clem. YI. (an. 1. p. 1 Bl. 
210b), wo Stephanus de Sonheto far die Zeit seines Aufenthaltes 4n quo- 
cunque studio generali, vel Aibie, licet generale non sit', um Dis- 
pens von Residenzpflicht anh&lt. So erkl&rt es sich auch, warum in dem 
weitläufigen Testamente des Bischofs von Alby Peters de la Yie vom J. 1337 
weder das Studium in Alby noch Angehörige desselben bedacht werden, 
während der Bischof doch Legate anweist, <de quibus duo derlei vel pres- 
byteri possunt vivere in studio Tholose, et alii duo in studio Montispessulani, 
et alii duo in studio Caturci', und aller möglichen Personen und Genossen- 
schaften von Alby gedenkt (Arch. Yat. Rationes Spolii episcopi Albien. 
1337 n: 2). 

^) Eines der interessanteren Beispiele bietet ein Act im Arch. Yat. 
Cast. s. Angelo arm. 12 caps. 5 n. 10. Der Card. s. Marcelli, Petrus, stiftet 
'scolam liberalium artium in civitate Amalfitana regendam, ubi scolares tam 
clerici quam laici Amalfi et Atrani . . . doctrine fructas et gratiam solo 
studio valeant comparare*. Das Original ist ausgestellt 20. Oct. 1208. 

3') Im Abschnitte über die Universität Yalladolid wird davon die 
Rede sein. 

^) Dies ergibt sich unter Anderem aus einem Schreiben Johanns XXII. 
vom 10. Oct. 1330 an Raymund Mauri, Canonicus in Narbonne (Reg. Yat. an. 
14 p. 1. ep. 577) und aus dem 1383 von der Universität Paris an Clemens 
YII. eingesendeten Rotulus, in dem Johann Keroullay, mag in art und in 
Theologia actu regens Parisius erwähnt wird, welcher war 4egens theologiam 
in Narbona multis annis in societate b. m. Dom. Petri quondam archiepiscopi 
Narbonnen. postea card.' (Reg. Suppl. Clem. YII an. 1 p. 5. Bl. 129b). 

3*) S. oben S. 3 Anm. 11. 



1. Die ftlschlich als Uniyersitäten bezeichneten Schalen. 229 

schulen waren, hie und da auch Gollegien für arme Scholaren 
gegründet wurden. Das in Puketoft vom Bischöfe zu Ripen, 
Christian, fOr 20 arme Scholaren gegründete reicht sogar in 
das Ende des 13. oder den Anfang des 14. Jhs. zurück, dessen 
Dotation von Benedict XI. 1303 bestätigt wurde ^•). So existierten 
ja auch manchmal in der einen oder andern Stadt lange vorher, 
ehe dort eine Hochschule gestiftet wurde, Gollegien von Juristen 
und Medicinern, wie z. B. in Genua '^), Macerata, und solche 
Gollegien blieben manchmal bestehen, als das Generalstudium 
aufgehört hatte z. B. in Treviso, Piacenza. 

Zuweilen studierten an Particularstudien auch auswärtige 
Studenten, die als scolares forenses die gewöhnlichen Privilegien 
von solchen besassen. So findet sich z. B. in einem Statute von 
Viterbo vom J. 1251 die Bestimmung, 'quod omnes scolares 
forenses in causis civilibus coram suis doctoribus et magistris 
debeant conveniri, et ab omnibus exactionibus, exercitibus, anga- 
riis et parangariis sint exemptr '"). 

Nicht hierher gehören auch Schulen, an denen nur der eine 
oder der andere Magister, sei er auch noch so berühmt gewesen, 
gelehrt hat. Es ist ganz irrig, mit Goppi ^^) deshalb von einer Uni- 
versität zu Pistoja zu sprechen, weil dort der berühmte Dinus 
von 1279 an fünf Jahre über Givilrecht gelesen hatte *°). Ein Pro- 
fessor, mag er auch gross gewesen sein, macht ebensowenig ein 
Generalstudium, als eine Schwalbe den Frühling*^). Gerade in 

^) Reg. Yat ep. 53. Qrandjean n. 53. Nor schreibt der genannte 
Heraasgeber falsch ^Castiamns' statt 'Cristiamus'. In den Reg. Yat. Clem. Y. 
an. 5 ep. 471 heisst dieser Bischof 'Cristianos'. 

37) S. Isnardi, Storia della aniversitä di Genoya I (Genova 1861), 15 ff. 

^) Ediert in den Cronache e statuti della cittli di Yiterbo da J. Ciampi. 
Firense 1872 p. 519. Dort nnd p. 518 werden noch andere Privilegien er- 
w&hnt Es ist sonderbar, dass Manzoni, Bibliografia degli statuti, ordini 
e leggi dei municipii italiani (Bologna 1876) I, 563 das Statnto Tom J. 1251 
im ArchiTio comunitativo za Yiterbo noch als anediert betrachtet und sich 
mit einer Notis Bonainis ans dem J. 1851 begnügt. 

^) Le nniversitlk italiane p. 98. 

^) Sarti 1. c. I, 233 Anm. f. 

^) Es ist eine ganz massige Annahme Schaltes, der zudem Pistoja za 
den ^Universit&ten' rechnet, wenn er auch Roffred dort als Lehrer auftreten 
i88t. Gesch. der Quellen and Litter. des can. Rechts II, 76. 537. Er war 1218 



230 ni. Entwickelang der Hochschalen his zum Ende des 14. Jhs. 

Italien gab es vom Ende des 12. bis zum 14. Jh. kaum eine 
bedeutendere Stadt, in der nicht zu Zeiten irgend ein Rechts- 
lehrer über Römisches Recht gelesen hätte. Ich erwähne hier 
namentlich noch Man tu a, wo Ende des 12. Jhs. Placentinus und 
vielleicht auch Joh. Bassianus**) und einige andere**) als Lehrer 
aufgetreten waren. Ebenso lehrten 1272 in Parma Gilio Miliduxii 
und Albert Galeottus**). Parma gestand jedoch im 14. Jli. selbst 
zu, dass es kein Generalstudium besitze, indem sit:1i die Stadt 
im J. 1328 an Johannes XXn. um die Gewährung eines solchen 
wandte, der es jedoch nur unter der Bedingung erlauben wollte, 
dass Bologna dadurch keinen Schaden litte *^). Parma war auch 
im 15. Jh. mit seinen Bemühungen um ein Generalstudium nicht 
glücklicher. 



nicht mehr Professor and 1219 in Pistoja nar anwesend, um zwischen dieser 
Stadt and Bologna Frieden schliessen sn helfen. S. anten anter Arezzo. 
Beiläufig bemerke ich hier, dass Schalte auch Langres in Frankreich zu den 
Uniyersit&ten des 14. Jhs. rechnet (II, 540), allerdings anf Grand eines köst- 
lichen Beweises. Samson de Galvo monte sagt nämlich: ego Sampson de 
Calvomonte in Basyneio legam professor Lingon. dioec. d. h.: ich . . . ge- 
gebOrtig aas Ghaamont en Bassigny, in der Diöcese Langres. Wo er Pro- 
fessor war, sagt Samson ^nicht. Viel schlimmer ist es jedoch, dass Schalte 
1. c. S. 536 ff. dreimal aas Payia and Ticino zwei getrennte Universitäten 
macht! Der yon ihm citierte Rochas Gartias, oder vielmehr Gorti Rocco, 
der in Ticino als Professor lehrte, war eben aas Pavia gebtlrtig and lehrte 
dort von 1494 ab. S. Memorie e documenti per la storiä delP aniversitä 
di Pavia I, 69. Dass Stadium Ticinense Stadium von Pavia sei, wusste 
Schulte nicht I Er hat jedoch einen Genossen in Grässe, der im Lehrbuch einer 
allg. Literärgeschichte (II. 3. Abtheilung 2. Hälfte) S. 922. 926 Angers und 
A^jou als zwei Universitäten anführt; die Gründung der erstem sei unsicher, 
Aigoa datiere von 1348. 

*3) 8. Savigny IV, 250. 292. 

^3) S. Bettinelli, Delle lettere e deUe arti Mantovane (Mantova 1774) 
p. 5 f. 

^) Tacoli, Memorie storiche della cittä di Reggio di Lombardia I 
(Reggio 1742), 358. Affö, Memorie degli scrittori e lett Parmigiani, I (Parma 
1789) 82. 112. Vgl. auch Savigny V, 143. 529, der aus Affö auch Ubertus 
de Bobio citiert. 

*S) S. die Bulle bei Affö 1. c. p. XXVI. 



2. Hochschalen ohne Stiftbriefe. 231 

2. Die Hoolisoliiilen ohne Erriobtuiigsbriefe. 

Es gibt nicht wenige Hochschulen oder Generalstudien, die 
gar keinen Errichtungsbrief aufweisen, sondern die auf irgend 
eine andere Weise ins Leben getreten sind, und später, als sie 
privilegiert wurden oder als die an denselben existierenden Ma- 
gister und Scholaren das Corporationsrecht erhielten, als rechtlich 
bestehende Generalstudien vorausgesetzt wurden. Wie sich von 
selbst versteht, bieten diese mehr Schwierigkeit als die Hoch- 
schulen mit Stiftbriefen. Kann man bei den letztem mit Sicher- 
heit angeben, wann sie wenigstens officiell als Generalstudien 
betrachtet wurden, so ist dies bei den erstem nicht der Fall; 
wir mflssen uns begnügen, wenn uns die Untersuchung zeigt, 
wie weit eine sichere Erinnerung zurückreicht. Wie wir sehen 
werden, geht diese bei allen hieher gehörigen Generalstudien in 
das 12. oder in die erste Hälfte des 13. Jhs. und ausnahmsweise 
in eine noch frühere Epoche zurück. 

Bereits vom 13. Jh. ab machte man den unterschied zwischen 
Studienanstalten, die ex consuetudine existierten, und solchen die 
ex privilegio beständen"). Die erstem sind die Hochschulen 
ohne Errichtungsbriefe. Diese allein interessieren uns in diesem 
Abschnitte. Ihr Verhältniss zu den Hochschulen mit Stiftbriefen 
kann erst erörtert werden, wenn wir die Gründung aller General- 
studien besprochen haben. 



46j Jacobns de Arena sagt Prooem. Dig. vet. : Quid ergo si ciTitas hoc 
privilegio (Imperatoris) careat (qaod jora ibi posaint doceri), sed in ea Studium 
juris est habitum tanto tempore, cuios initii non existit memoria, ut est 
Bononie et Padiie? Respon. licite potneront jura doceri ibidem, cum ex tanti 
temporis patientia princeps remisisse prohibitionem suam et permisisse fin- 
gatnr . . . Item talis consuetado simiiis est privilegio et facit licitam sicnt 
et Privilegium. Bl. 61b ed. Paris. 1541. Bartolo schreibt nachher, sich auf 
Jacob de Arena berufend, ähnlicb in Dig. vet. Gonst. Omnemj sub verb. Hee 
autem tria, nur restringiert er das Ganze auf Padua, während er fflr Bologna 
zugleich die consuetudo und das Privileg Lothars angibt Peter de An«* 
charano, Prooem. in VI. Decret, beruft sich ebenfalls für Padua auf die 
consuetudo. Job. Andreae schreibt unter Beziehung auf Hostiensis wenig- 
stens hinsichtlich der collatio magisterii in dem. De magistris, cum tit nimU: 
aliqni conferont auctoritate apostol. . . . aliqui de consuetudine, aliqui de 
iure communi. 



232 I^I* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhrs. 

Salerno. 

Zuerst bietet sich uns die älteste aller Hochschulen dar, 
nämlich die medicinische Schule zu Salerno. Wann und wie 
sie entstanden ist, weiss man bis heute nicht, trotzdem, dass 
die Forschungen über sie seit Savigny wesentlich weiter vorge- 
schritten sind^O- I)i6 Anfänge bleiben noch immer in Dunkel 
gehüllt. Und ich kann nicht umhin zu gestehen, dass man nicht 
einmal darüber ins Reine gekommen ist, ob der Ursprung geistlich 
oder weltlich war. Diejenigen, welche für den weltlichen Ursprung 
sind, konnten nicht 6in Zeugniss oder einen stringenten Beweis 
biefür anführen, was De Renzi aufrichtig genug zugesteht^*), 
während ihn Häser schon als 'unzweifelhafte' Wahrheit hinstellt, 
trotz des Geständnisses, dass der Ursprung der Schule in sagen- 
haftes Dunkel gehüllt' sei*'). Häser bemerkte nicht den cir- 
culus vitiosus, in dem er sich bewegte. Er strengt sich allerdings 
an, etliche Beweise zu geben. Einmal, dass die Lehrer und 
Schüler Besoldungen und Stipendien bezogen und Steuerfreiheit 
genossen hätten, imd mehrere Vorsteher 'Priores' (Dekane) nicht 
,Aebte', verheirathet gewesen wären *^). Dagegen frage ich zuerst: 
auf welche Epoche bezieht sich dies? Auf die Anfänge der Schule, 
oder auf einen etliche Jahrhunderte später ausgebildeten Zustand? 
'Die Anfänge der Schule von Salerno sind in sagenhaftes Dunkel 
gehüllt' gesteht Häser. Also bezieht sich sein Argument auf die 
spätere Zeit, nicht auf den Ursprung der Schule, was in Bezug 
auf dessen Beweise in einer frühem Schrift ^0 bereits Renzi 
angedeutet hat"). Steht femer der Möglichkeit, dass der Ur- 

^7) Es ist aber bezeichnend, wenn llontefredini, Le piü celebri oniyer- 
siUi p. 6 im J. 1883 nur Savignys Urtheil (III, 156) zu reprodacieren weiss, 
während doch gerade italienische Gelehrte, bes. De Renzi, neue Aafschlasse 
über jene Schale geliefert haben. 

^) Storia docnmentata della scnola medica di Salerno. 2. ed. Napoli 
1857 p. 145: 4 le prove positive mancano e tatti documenti, che si possono 
citare* rignardano tempi lontani dalla primitiya fondazione. 

^9) Lehrbach der Geschichte der Medicin. 3. Bearb. Jena 1875, 1, 646. 

^) A. a. 0. S. 650 f. Dort finden wir auch die nächstfolgenden *Be- 
weise'. 

^1) Ueber die medicinische Schule za Salerno. Gotha 1851. 

^3) Storia etc. p. 146. 



2. Hochschulen ohne Stifthriefe. Salerno. 233 

Sprung geistlich war, im Wege, dass am Studium verheirathete Pro* 
fessoren lasen? Das Studium an der Rom. Curie, um nur dieses 
eine zu erwähnen, war doch gewiss wie nur irgend eines geist- 
lichen, ja kirchlichen Ursprungs, und doch lehrten an demselben, 
wie wir unten sehen werden, verheirathete, besoldete Professoren 
über Civilrecht. Der sonderbare Hinweis auf die Bezeichnung 
Triores' nicht 'Aebte' verdient keine Bertlcksichtigung. Für 
Häser genüge die Bemerkung, dass auch die Benedictiner 'Priores' 
besassen, dass aber diese Benennung, die sowohl bei weltlichen 
als geistlichen Gollegien an den Hochschulen des Mittelalters 
vorkam, weder für den geistlichen noch weltlichen Ursprung der 
Schule zeugt. Häser meint femer, für den weltlichen Charakter 
der Schule liefere die Thatsache den schlagendsten Beweis, 
dass sich unter den Lehrern der Heilkunde Frauen, Töchter und 
Gattinnen der Professoren befanden. Allein Häser ist es ent- 
gangen, dass Manegold, welcher in der 2. Hälfte des 11. Jhs. 
in Paris Theologie vortrug, verheirathet war, und dass seine 
Töchter ebenfalls Unterricht über die hl. Schrift ertheilten "). 
Und somit sind wir am Schlüsse der 'Beweise' Häsers angelangt, 
die allerdings klar darlegen, wie fatal es ist, über eine Schule 
des Mittelalters zu schreiben, wenn man die übrigen Schulen 
nicht kennt"). 

Mit den Beweisen Renzis für den weltlichen Ursprung der 
Schule zu Salerno steht es nicht viel besser. Lediglich Hypothesen, 
denen immer der eine Gedanke zu Grunde liegt: die Schule war 
im 11. und 12. Jh. laical, mithin war sie auch im Ursprünge, 
von dem wir jedoch nichts v^issen, laical. Angesichts solcher 



^) Hist. litt, de la France IX, 281. Qiesebrecht hat in den Sitzungs- 
Ber. der k. bair. Acad. d. Wissensch. 1868 IL S. 308 nachgewiesen, dass 
dieser Manegold nicht jener von Lautenbach war. 

^) Dies hat H&ser in seinem Werke auch sonst vollends an den Tag 
gelegt Hier nur einige Beispiele zu den oben noch anzuführenden. In 
Amalfi wurde die erste Hs. der Pandecten aufgefunden (I, 646 — eine längst 
widerlegte Fabel. S. Savigny III, 94 ff.). Friedrich IL gründete oder befestigte 
Salerno, Neapel, Bologna (S. 643 f.). In Bologna bestand wahrscheinlich 
schon im J. 1156 eine 'medicinische Facult&t'. In Padua war eine gelehrte 
Schule schon zur Zeit Karls des Grossen; die Universität wurde von Frie- 
drich IL gegründet (653). Messma und Pavia erhielten 1224 und 1250 



234 ni. Entwickelang der Hochschnlen bis snm Ende des U. Jlis. 

Beweise") hat die von Puccinotti vertretene Ansicht, die Schule 
von Salerno sei ursprünglich eine geistliche von den Benedictinem 
von Monte Gassino gegründete Anstalt gewesen, die später ge* 
mischt, im 13. Jh. aber laical wurde ^^), wenigstens ebenso viel für 
sich, als die gegentheilige ^^). Das beste ist jedoch zu gestehen: 
wir wissen es nicht. Immerhin ist es aber gewiss, dass die Schule 
keinen Stiftbrief besass. 

Reichen auch die Nachrichten über Salemitanische Aerzte 
weiter als ins 11. Jh. zurück^^), so kann man doch erst seit 
dieser Zeit von einem grossen Ruhme der Schule von Salerno 
sprechen. Erst dieser Epoche gehört das interessante Gedicht 



Hochschalen (ibid.)- Im J. 802 stiftete Karl der Grosse bei der Kirche 
N6tre-Dame in Paris eine Cathedralschnle ; die Annalen der üniyersit&t 
reichen bis 1107 zurück (S. 656). Die medicinische Schale befand sich 
gleich denen der flbrigen Fächer in der Abtei St. Victor, welche nach ihrer 
OrOndnng mit der Uniyersitftt in Verbindung trat (S. 657). König Alphons 
VIII. von Spanien errichtete 1199 zu Valenzia eine höhere Lehranstalt 
(H&ser yerwechselte Valencia mit Palencia, wo 1212—1214 das Oeneralstn- 
dium gegründet wurde). 1243 stiftete Alphons IX. (bekanntlich 1230 ge- 
storben) die Universität Salamanca, und Alexander IV. erhob sie 1254 zu 
einem der quatuor studia generalia orbis (ibid. S. 657 — letzteres sagte erst 
Martin V.) BonifazVIIL hatte 1325 (sie!) die Leichenöffnungen verboten, u. s. w. 
Was soll man von einem Autor halten, der sich innerhalb weniger Zeilen 
solche Blossen gibt Mein Rath geht dahin, Häsers Werk mit äusserster 
Vorsicht zu gebrauchen. Auf manche andere Irrthflmer werde ich gelegent- 
lich aufmerksam machen. 

^) 8. besonders 1. c. p. 146 f. 

^) Storia della medicina I Napoli 1860, p. 317 ff. 326 ff. 

^^) Lächerlich ist es sich mit Häser und nachher mit Stein (Die innere 
Verwaltung L c S. 241) auf Huber, Die englischen Universitäten I, 15 zu 
berufen, da doch Huber kein kompetentes Urtheil besass, indem er ja selbst 
gesteht, er habe weder Ackermanns Schrift 'noch sonst etwas Specielles über 
die Salemitanische Schule' bei der Hand gehabt. Zudem leugnet Huber 
eigentlich doch nur den 'kirchlichen' Ursprung Salemos, was auch meine 
Ansicht ist, denn 'kirchlich' und 'geistlich' macht einen Unterschied. 

^) S. De Renzi p. 143. Sowohl hier (p. 157) als in seiner CoUectio 
Salemitana III, 325 führt er das Verzeichniss der Aerzte bis ins 9. Jh. (848) 
zurück. Er citiert zwei, Josep und Josan. Dann folgen wenige aus jener 
Zeit. Erst dai 11. Jh. ist reich vertreten. 



2. Hochseholen ohne Stiftbriefe. Salerno. 235 

Flos medicinae scholae Salerni an^*^), aus dessen Incipit nicht 
undeutlich hervorgeht, dass die Schule bereits damals organi- 
siert war*°). Es ist aber falsch, mit Häser anzunehmen, neben 
der ärztlichen Schule habe schon sehr frühe eine die Philosophie 
und die Rechtswissenschaft umfassende Lehranstalt bestanden*^). 
Der *alte Geschichtschreiber' J. A. de Nigris, auf den er sich 
hiebei beruft, ist jungen Datums. Ebenso grundlos ist Häsers 
Behauptung, Friedrich IL habe 1213 die Lehranstalt für die 
drei Wissenschaften der Medicin, der Philosophie und des Jus zur 
'Staatsanstalt' erhoben*^). Bis zum J. 1231 hat sich kein Fürst mit 
der Schule von Salenio als solcher beschäftigt. Selbst die circa 
1140 gegebene Bestimmung König Rogers, die Einführung einer 
Prüfung für Aerzte betreflfend, erwähnt nicht mit einer Silbe 
Salemos; es werden darin Verwaltungs- und richterliche Be- 
amte als Examinatoren bestellt**). Friedrich IL kam aber, so 
weit bis jetzt bekannt, vor 1231 mit der Schule von Salerno 
nur insofern in Berührung, als seine Unterdrückung aller ge^ 
lehrten Schulen seines Königreiches zu Gunsten des G^neral- 
studiums zu Neapel höchst wahrscheinlich auch die Schule von 
Salerno getroffen hat**). 

Erst in dem 1231 abgefassten Gesetzbuch für das Königreich 
Sicilien finden sich auch Verordnungen, welche sich auf die Schule 
von Salerno beziehen. Niemand dürfe Medicin oder Chirurgie 
vortragen als in Salerno, und Niemand sich Magister dieser 
Wissenschaften nennen, der nicht von den Magistern geprtlft 
sei**). Zur ärztlichen Praxis könne der Geprüfte erst nach 
einem von der Facultät ausgestellten Zeugnisse und mit Erlaubniss 



^9) Ediert in der CoUectio Salernit. V, Iff. 

^) Anglorum regt scribit scola tota Salerni. 

«1) A. a. 0. S. 649. 

6«) A. a. 0. 

^ HaiU.-Br^holl. lY, 149. Lindenbrog, Cod. Legum antiqaarum. Fran- 
cofort. 1613 p. 806. 

M) S. Winkelmann, Ueber die ersten Staatsnniversit&ten. Academische 
Hede, Heidelberg 1880, S. 15. 

«6) Const. 3 tit 47 und 45 bei Huin.-Br^holl. IV, 151. 150. Vgl. dazu 
Böhmer-Ficker n. 1888 a. 



236 ni. Entwickelnog der Hochschalen bis zum Ende des 14. Jhs. 

der Regierung übergehen*'). Indem Friedrich in den ange* 
gebenen Bestimmungen zugleich die Gegenwart seiner Beamten 
bei der Prüfung verordnete und die Licenz zur Praxis von der 
Erlaubniss der Regierung nach vorhergegangener Erkundigung 
über die politische Unverdächtigkeit des Geprüften abhängig machte, 
wurde Salerno nach Winkelmann eine Staatsschule im heutigen 
Sinne •^), Im J. 1240 wurde der Studiengang vorgeschrieben"). 
Ein neuer Wendepunkt trat mit dem Jahre 1252 ein. Das 
Studium zu Neapel war in Auflösung*'), jenes zu Salerno gerade 
damals gewiss nicht in grosser Blüthe, da König Konrad fort- 
während von der reformatio studii Salemitani'^) spricht. Er be- 
schloss nun 1252 in Salerno ein gemeinsames Studium und eine 
Centralschule zu errichten, so dass auch jene Wissenszweige, die 
früher in Neapel gelehrt wurden, nun ausschliesslich in Salerno 
ihre Vertretung fanden '0. Er theilte diese Intention den Ju- 
stitiaren mit^'), indem er die Nothwendigkeit betonte, ^ut fideles 
nostri regnicole scientiarum fructus, quos indesinenter esuriunt, 
per aliena mendicare suffragia non coacti, paratam in regno 
sibi mensam propinationis inveniant\ Er nennt Salerno 'antiqua 
mater et domus studii', und ladet alle Magistri und Scholaren 
zu dem nun bereiten Gastmahl ein"). Im August des nächsten 

^) Gonst. 3 tit. 45. HaiU.-Br6h. lY, 150. Der QeprOfte mosste in con- 
ventu publice magistrorum judicio comprobatas sein, cam testimonialibas 
literis de fide et sufficienti scientia tarn magistrornm quam ordinatoram nos- 
trornm. 

®7) S. Winkelmann S. 16. S. darüber unten unter Neapel. 

^) Gonst. 3 tit 46. Huill.-Br^h. lY, 235. S. dazu Winkehnann S. 41 
n. 36. Böhmer-Ficker n. 3959 b. 

®9) 8. darüber unten im Abschnitte Ober die Hochschule su Neapel. 

^^) Z. B. Universale Studium in ciyitate nostra Salerni . . . providimus 
reformandnm. Huill-Br^h. II, 448. 

71) S. Orlando, Un codice di leggi e diplomi Siciliani (Palermo 1857) 
p. 58. Forsch, zur deutschen Gesch, YI, 636. Winkelmann, Acta imperii 
inedita, p. 411. Böhmer-Ficker n. 4571-4573. 

7^) HuiU.-Br^h. II, 447. Doch ist es nicht sicher, dass dieses Schreiben 
gerade in das Jahr 1252 falle. Es kann ebenso gut in das n&chste Jahr ge- 
hören, so dass es gleichzeitig mit jenem an Petrus de Gasoli, mit dem es 
vielfach abereinstimmt, ausgegeben wurde. 

^) Ad hoc igitur tam salubre convivium magistros quoslibet et scolares 
hilariter invitamus. 



2. HocliBchiilen ohne Stiftbriefe. Oxford. 237 

Jahres berichtet er dies dem Petrus de Casoli, indem er ihn 
auffordert nach Salemo zu kommen, das ^tam marine vicinitatis 
habilitas quam terrene fertilitatis fecunditas reddant utiliter tanto 
negotio congruentem'. Das Studium werde reformiert, damit es 
unter andern ^docentibus et addiscentibus se prebeat gratiosam' '*). 
Doch nicht lange dauerte dieser Zustand an. König Manfred 
restaurierte 1258 wider das Studium in Neapel, so dass in Sa- 
lemo nur mehr die medicinische Schule zurückblieb "), die jedoch 
nimmer ihre einstige Blüthe erreichte, ja gar nicht erreichen 
konnte, da das nahe Neapel ebenfalls eine besuchte medicinische 
Schule besass^^). Allein, dass Salemo auch noch zur Zeit der 
Anjous einen der ersten Plätze unter den medicinischen Schulen 
Europas und den ersten in Italien selbst einnahm, beweisen die 
Documente "). 

Oxford. 

Weniger, obwohl noch immer genug der Schwierigkeiten, bot 
bisher dem Forscher die Universität Oxford. Wären die alten 
Ansichten über den Ursprung dieser Hochschule richtig, so ge- 
hörte sie gar nicht in diesen Abschnitt, denn bis zum heutigen Tage 
halten manche auch in Deutschland die Alfredsche Stiftung oder 
Restauration vielfach aufrecht, und dies um so mehr, als Huber, 
von dessen Fusstapfen abzuweichen einige nicht wagen, sie mit 
allem Aufwand von Combinationen zu vertheidigen gesucht hat''). 



7^) Hoill.-Br^h. II, 449. Schirrmacher, Qescb. der letzten Hohenstaufen 
(Göttingen 1871) S. 590. Böhmer-Ficker n. 4601. 

7^) S. die Nachweise im Abschnitte Ober die Hochschule sa Neapel. 

^®) Nicht wenige bisher unbekannte Docomente finden sich in den an- 
geordneten Schriften von Minieri Riccio, Studii storici fatti sopra 84 registri 
Angioni dell' archivio di stato di Napoli. Napoli 1876, und besonders in Della 
dominaiione Angioina nel reame di Sicilia, and Nuovi studii riguardanti la 
dominaiione Angioina. Beide Napoli 1876. Vereinzelt kommen die Notizen 
anch in dessen Schrift 11 regno di Carlo I. d'Angiö (dall' Archivio storico 
italiano XXVI anno 1877) Firenze 1877, z. B p. 48 (vom J. 1278) vor. 

77) S. De Renzi, Storia p. 551. 554 ff. Was er jedoch dort vom hL 
Thomas sagt, ist irrig. 

78) Die englischen Universitäten I, 558 ff. II, 55 ff. Nur die voralfire- 
dische Existenz von Schulen in Oxford bestreitet er II, 564. In der letzten 
Zeit haben in Deutschland vorzOglich Pauli im Programme Robert Orossetftte 



238 ni. Entwickelung der Hochscliulen bis zum Snde des 14. Jhs. 

'Fernere Zweifel an der Begründung scholarischer Anstalten durch 
Alfred solle man auf das Gebiet unhistorischer, unerspriesslicher 
Skeptik und Negation verweisen und unberücksichtigt lassen'"), 
war sein Schlussresultat. 

Und doch ist die Alfredsche Stiftung in das Reich der Fabeln 
zu verweisen. James Parker wies nach, dass die Stadt Oxford 
912 zum ersten Male urkundlich erwähnt werde, während Alfred 
schon 901 starb. In Hyde Abbey Chronicle steht das Testament 
König Alfreds; 50 Orte werden darin erwähnt, während Oxford, 
das nach Huber doch wie kein anderer Ort für die Begründung 
irgend eines wichtigen Instituts christlicher Civilisation so sehr 
der Weisheit eines Alfred würdig erscheinen musste, darin fehlt. 
Kein Schriftsteller bis zum 14. Jh. weiss etwas von einer der- 
artigen Stiftung, am wenigsten die der Zeit Alfreds am nächsten 
Stehenden, wie Asser, der das Leben und die Thaten Alfreds 
schrieb. Das Ganze ist eine Fiction des 14. und 15. Jhs. 
Und seit diese Fabel zur Zeit Richards 11. als Basis in einer 
Streitsache vorgebracht wurde, fand sie ihren Weg selbst in Par- 
lamentsacten *"). Im 15. Jh. wusste man sogar, dass in Oxford 
nur die 'doctores sacrae theologiae et juris canonici doctores et 



und Adam von Marsh, Tübingen 1864; Weiss, Gesch. Alfreds des Grossen, 
Schaffhausen 1852, S. 349 ff und Wetzer und Weite Eirchenlexicon^ I, 
540 ernsten Zweifel an der Wahrheit der Alfredschen Stiftung erhoben. 
Pauli trat vorher in seinem König Aelfred und seine Stellung in der Gesch. 
Englands, Berlin 1851, S. 207 ff noch weit schärfer gegen eine Beziehung Al- 
freds zur Schule in Oxford auf. Es beweist den höchsten Grad von Un- 
kenntniss, wenn Stein (Die innere Verwaltung etc. S. 232) König Alfred in 
Oxford, wo nie eine Cathedrale war, eine ^Cathedralkirche mit Internat* er- 
öffnen l&sst. 

7^) A. a. 0. I, 66. II, 563 meint er, vom Standpunkte der gesunden 
bist. Kritik aus könnten keine erhebliche Zweifel gegen den Alfredschen 
Ursprung vorgebracht werden. 

^) Parker, On the history of Oxford during the tenth and eleventh cen- 
turies. (912—1100). Oxford 1871. Vgl. S. 5f. 14f. Warum Stein diese Schrift 
entgieng, kann wohl nicht Wunder nehmen. S. Die innere Verwaltung a. a. 
0. S. 232. Dass man in Oxford auch jetzt noch nicht zu einem andern Re- 
sultate als zu jenem Parkers gelangt ist, beweist der Umstand, dass jüngst 
The Oxford historical Society den Neudruck seiner Schrift beschlossen hat. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Oxford. 239 

in medicinis et legibus doctores . . . a principio fundationis (uni- 
yersitatis) per regem Alfredum' runde Hüte gebraucht hätten"). 
Es ist unglaublich, welche Fälschungen, mitunter sehr plumpe, 
man sich zu Schulden kommen liess, um Alfred zum Stifter der 
Oxforder Universität zu machen. So wurde unter anderm Assers 
Vita Alfredi durch einen grossen Passus über den Streit, den 
Grimboldus im J. 886 mit den veteres scholastici zu Oxford 
gehabt habe, und den zu schlichten Alfred selbst herbeigeeilt 
sei, interpoliert"). Wilhelm von Malmesbury liess man femer 
in seinen Antiquitates Glaston. ecclesie sagen, König Alfred 
habe auf Rath des Abtes Neot die Schule gegründet, und in Rom 
beim Papste Martin U. durch Abgesandte die Bestätigung der- 
selben eingeholt. Der Papst habe nicht bloss diese ertheilt, 
sondern die Schule auch mit mannigfachen Privilegien beschenkt"). 
Allein erstens liest man in dem genannten Werke Wilhelms 
gar nichts davon; der Autor erwähnt den König nur beiläufig"). 
Femer müsste das ganze Factum in das Jahr 883—884 fallen, 
denn Martin IL, d. i. Marinus I. regierte nur von Ende 882—884. 
Und in der That nimmt man auch das Jahr 883 als das Grün- 
dungsjahr der Universität an. Nun starb aber Neot schon 877—878, 
was Mabillon sehr gut einsah*^), weshalb er Miene machte, das 
Gründungsjahr zu verlegen. Man kann es ja anstellen wie man will. 
Die weitere Bemerkung, König Alfred habe um die Bestätigung 



^^) Gascoigne, Dictionarium theologicum in Loci e libro veritatum. 
With an introdnction hy James £. Thorold Rogers (Oxford 1881), p. 178. 

^) Bereits Spelman hat in seiner Vita Alfredi magni Oxonii 1678 p. 
140 ff. 144 ff. die Interpolierung der Vita, wahrscheinlich durch Gamdenus 
(im J. 1600 und 1603), nachgewiesen, nachdem man bereits 1622 Arg- 
wohn geschöpft, und Usser in seinen Primordia ed. 1693 p 342 die ganze 
eingeschobene Glausel verworfen hatte. S. Ober die Geschichte dieser Inter- 
polation und der Aufdeckung derselben Mon. bist. Brit. I, 489 Anm.; Pauli, 
König Aelfred S. 4 ff. 207; Lappenberg, Gesch. Englands I, XLVIII. 339 f. 
Die Vertheidigung der Aechtheit der Stelle durch Huber II, 557 ff. muss als 
eine raissglückte beseichnet werden. Selbst Lingard, Gesch. von England, 
Qbers. von Salis I, 219 Anm. 3 war hier kritischer. 

^^) Wood, Hist. uniy. Ozon. I, 16; The history and antiquities of the 
nnivers. of Oxford ed. Gutch I, 43. Du Boulay I, 223. 

M) S. Migne PatroL lat. 179 p. 1712. 

8&) Ann. Bened. III, 241 f. 



240 ni. Entwickelang der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

der von ihm errichteten Schule beim Papste angehalten*^), ist 
ebenso ein krasser Anachronismus, wie der Passus in einem von 
Wood mitgetheilten Gedichte*'), der König habe 'an universite 
for Clerks' gegründet (wo also der Ausdruck Universitas im Sinne 
von Lehranstalt genommen wird, was vor der 2. Hälfte des 
14. Jhs. nicht der Fall war), oder die Fabel, Johann Scotus habe 
in den Tagen König Alfreds die Logik des Aristoteles und Ave- 
roes (!) zu Oxford vorgetragen ••). Durch so plumpe Dichtungen 
hat man nur bewiesen, auf welch schwachen Füssen die Be- 
hauptung von der Alfredschen Stiftung ruhe. 

Um aber auf Wilhelm von Malmesbury zurückzukommen, 
so spricht er in seinem Werke De rebus gestis regum Anglorum^'j 
weitläufig (theilweise nach Asser) von Alfreds Klosterstiftungen, 
von seinem wissenschaftlichen Wirken und wie durch ihn die 
Studien wider gehoben worden seien. Allein von einer Schule 
in Oxford weiss er nichts. Zu alledem bliebe es immerhin ein 
Räthsel, dass der genannte Schriftsteller und vor ihm seit dem 10. 
bis 12. Jh. andere, z. B. Asser, Florentius von Worcester im Chron, 
Ghronicarum'^), die Annales anglo-saxon.**) u. s. w., so kleine 
Umstände in den Beziehungen des Papstes Marinus zu König 
Alfred und umgekehrt zu erzählen wissen, wie z. B. dass der Papst 
auf Bitten desselben 'scholam Saxonum in Roma morantium 
ab omni tributo et talento teloneo' befreit, dass er dem König 
mit andern Geschenken eine Kreuzpartikel gesandt habe u. s. w., 
dass sie aber die Stiftung der Schule zu Oxford und die da- 
bei stattgehabte Relation mit dem päpstlichen Stuhl constant 
mit Stillschweigen übergehen '*). Doch würde man sich täuschen, 



^) Auf diese 'somnia' hat bereits Smith in dem höchst seltenen Werke : 
Ann. univers. Collegii, demonstrantes, Guilhelmom Durham fuisse verum fun- 
datorem (Novocast. 1728) aufmerksam gemacht. 

87) Wood a a. 0. 

^) Dies stehe sogar in einem Exemplar von Assers Vita Alfiredi! Twyne, 
Apologia antiquit. acad. Ozoniensis 1. 3 n. 287. Wood, engl. Ausg. I, 280. 

89) Lib. 2 n. 122. 123 (ed. Migne p. 1082 sqq.). 

80) In den Mon. Qerm. SS. XUI, 124. 

W) Ibid. p. 105. 

8>) Auch in den Gesta pontif. Anglor. (ed. Hamilton) spricht Wilhelm 
von Malmesbury von Oxford widerholt (p. 315 l&sst er es lange vor Alfred 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Oxford. 241 

wollte man glauben, der Ursprung von der Fabel der Al&edschen 
Stiftung sei im 16. --17. Jh. zu suchen; er datiert vielmehr, wie 
ich bereits oben bemerkt habe, aus den frühem Jahrhunderten. 
Die Alfredscbe Stiftung nahmen selbst solche an, die wie 
Schaarschmidt läugnen, dass in Oxford im 12. Jh. eine Hoch- 
schule existiert habe. Nach fast Jahrhunderte langer Unter- 
brechung wäre sie erst 1229 in Folge einer Auswanderung Pariser 
Scholastiker wider in Aufnahme gekonmien, und dies sei die ältere 
und wohlbegründete Tradition, gegen welche nichts Wesentliches 
aufzubringen sei*^'). Eine derartige allen geschichtlichen Thatsachen 
zuwiderlaufende Behauptung nimmt sich sonderbar im Munde eines 
Mannes aus, der Andere der Kritiklosigkeit zeiht. Während 
Schaarschmidt vorgibt, viele Zeugnisse dafür zu kennen, dass 
in Oxford zur älteren angelsächsischen Zeit eine berühmte Schule 
war'*), übersieht er die sichern Belege für die Existenz einer 
besuchten Lehranstalt in Oxford im 12. Jh. bis 1229. Er nennt nur 
ein Document, nämlich das des Gervasius Dorobomensis oder von 
Canterbury, welcher sagt: Vacarius sei zur Zeit König Hein- 
richs I. nach England berufen worden, und habe in Oxford 
die Rechtswissenschaft gelehrt'*). Allein dieses Zeugniss beweise 
nichts, denn der Chronist habe, wie in hundert andern Fällen 
zu bemerken ist, die Oxforder ^Universität' zurückdatiert, und die 
Nachricht, Tacarius' hätte in England römisches Recht gelesen, 
falschlich so gedeutet, als sei dies in Oxford geschehen, indem 

bestehen), sowie von Grimbold (p. 173) und den verschiedenen Arbeiten Alfreds 
(p. 177. 332 f. 392 ff. o. s. w.)^ jedoch von einer Schale zu Oxford weiss er 
nichts. 

^) Joannes Saresberiensis. Leipzig 1862 S. 17 ff. 

^) Es wäre zn wOnschen, dass Schaarschmidt diese Zeugnisse einmal 
pnblicieren möchte. Bis dahin halte ich seine Erörterungen für eitles Ge- 
rede and bin der Ansicht, dass aas der Litteratar der Angelsachsen irrig 
auf das Vorhandensein einer Hochschale der Angelsachsen zu Oxford ge- 
schlossen ist 

^) Actus pontificam Cantaariens. in Histor. Anglicanae Script Londini 
1652 II, 1665 and ed. Stabbs II, 384. Die Art and Weise wie Schaar- 
schmidt citiert beweist, dass er die SteUe nicht dem Werke selbst son- 
dern Andern entnonmien hat. Qervasias sagt: Tanc leges et caasidici 
in Angliam primo vocati sant, qaoram primas erat magister Yacarias. Hie 
in Oxonefordia legem docait 

D«BifU, Di« UniTvniUfeen L 16 



242 HL Entwickelnng der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

ihm Oxford als vornehmeter Studiensitz galt'*). Aber wenn die 
Oxforder Schule erst 1229 in Aufnahme kam, Gervasius aber da- 
mals nicht mehr lebte, welchen Sinn kann da noch Schaarschmidts 
voreilige Behauptung haben? 

Man mag die Sache wenden wie man will, eines folgt immer, 
dass nämlich Oxford bereits im 12. Jh. eine Schule besass. Und 
dass sie schon damals gut besucht war, ergibt sich aus einer Stelle 
in der Chronik des Matthaeus Paris, oder vielmehr des Roger 
Wendover, in der es heisst, im J. 1209 'recesserunt ab Oxonia 
ad tria millia clericorum tam magistri quam discipuli, ita quod 
nee unus ex omni universitate remansit, quorum quidam apud 
Cantabrigiam, quidam vero apud Radingum liberalibus studiis 
vacantes villam Oxoniae vacuam reliquerunt'^). Der Grund, warum 
die Auswanderung geschah, war folgender. Ein Scholar tödtete 
unvorsätzlich ein Weib; die Bürger kamen herbei, ergriflfen und 
knüpften, vom König Johannes, der sich in Woodstock aufhielt, 
dazu ermächtigt, etliche Genossen des Thäters auf, während dieser 
selbst entkam. Magister und Scholaren stellten nun ihre Studien 
ein und wanderten nach Cambridge, Maidstone und Reading. 
Ueber die Stadt selbst wurde das Interdict verhängt, das nach 
der Zurückkunft der Magister und Scholaren (1214) vom Car- 
dinallegaten Nicolaus für drei Jahre auch auf solche Magister 
gelegt wurde, welche in der Zwischenzeit dort gelehrt hatten'*). 
Die Rückkehr der Magister und Scholaren erfolgte erst 1214 
und zwar durch Vermittlung des genannten Cardinallegaten. 
Die Stadt musste eidliche Bürgschaft gegen Widerholung ähnlicher 
Vorkommnisse leisten und sich zu Bedingungen verpflichten, welche 



9«) A. a. 0. 8. 18. 

97) Roger de Wendoyer, Flores histor. ed. Goxe. Ich konnte nur die 
englische üebersetzung von Giles, Roger of Wendover's Flowers of history 
(n, 249 f.) benützen. S. Matth. Paris, Chron. migora ed. Lnard II, 526. 

99) Dies erheUt aus der yom Cardinallegaten Nicolaus im J. 1214 aas- 
gefertigten Urkunde. Munimenta academica or documents illustrative of 
academical life and studies at Oxford I, 3: Magistri vero, qui post scho- 
lariom recessum irreverenter legerunt Oxoniae, suspendentur per triennium 
ab officio legendi ibidem. 



8. Hochschulen ohne Stiitbriefe. Oxford. 248 

den Scholaren günstig waren"). Um Michaeli dieses Jahres 
nahmen die Magister ihre Vorlesungen wider auf. 

Die Ereignisse von 1209 und 1214 sind die ersten Kundgebungen 
des Studiums zu Oxford. Sie beweisen, dass dasselbe bereits im 
12. Jh. dort existiert hat, denn es wäre nicht abzusehen, wie 
dasselbe sonst im Anl des 13. Jhs. eine nicht unbedeutende 
Blüthe hätte aufweisen können. Auf einmal können nicht gegen 
3000 Scholaren hingekommen sein, die dann bei der Aus- 
wanderung behufs Unterkunft drei verschiedene Städte aufzu- 
suchen gezwungen waren. Dass die von Roger Wendover und 
Matthaeus Paris genannte Zahl der Scholaren nicht allzusehr 
übertrieben sei, ergibt sich gerade aus den vom Gardinallegaten 
und der Stadt ausgefertigten Documenten des J. 1214, denn diese 
beweisen einmal, welche Schwierigkeiten den Scholaren bereits 
vor ihrem Wegzuge die Wohnungsmiethe gemacht hat; sie zeigen 
uns dann die Fürsorge des Gardinallegaten für die vielen pauperes 
scholares, von denen ausserdem nicht weniger denn hundert am 
Nicolaitage auf Kosten der Stadt Speisung erhalten sollten. 
Sie deuten femer auf eine nicht geringe in Oxford anwesende 
Zahl von Professoren hin. Denn wenn mehreren Magistern auf drei 
Jahre die Vorlesungen untersagt werden konnten, so folgt denn 
doch, dass kein Mangel an Professoren herrschte. 

Durch diese sicheren Thatsachen gewinnt ein von Wood ad an. 
1 200 angeführter Ausspruch des Senatus Bravonius seine Wichtigkeit : 
^Urbs illa erat frequens scolis, magistra in disciplinis, quod et 
vobis praepono propter adjacentem urbem, in qua abundant pru- 
dentes eloquii mistici, ponderantes verba legis, proferentes omni 
poscenti de thesauro suo nova et vetera'^°°). Dass diese Nach- 
richt auf Wahrheit beruhe, geht unumstösslich aus einem Be- 



Dies ist in zwei Documenten auf uns gekommen, von denen eines 
vom Cardinaüegaten ausgefertigt ist (s. Anm. 98), das andere von der 
Stadt selbst herrflhrt (bei Wood, Hist Uniyers. Oxon. I, 61. Vgl. dessel- 
ben The history and antiquities of the uniyersity of Oxford ed. Gutch. 
Oxford 1792 I, 186). Dass die Bürger den Gardinallegaten um Absolution 
baten, berichtet Matthaeus Paris ad an. 1213 (L c. p. 569). 

looj xhe history and antiquities of the university of Oxford I, 177. 

Hiflt Univers. Oxon. I, 58. 

16* 



244 ni. Entwickelnng der Hochschulen bis zam Ende des 14. Jhs. 

richte des Giraldus Cambrensis hervor. Dieser erzählt nämlich, 
dass er seine Topographia Cambriae (c. 1186) zu Oxford, 'ubi 
clerus in Anglia magis vigebat et clericatu precellebat, ... in 
tanta andient ia recitare disposuit'. Zum Glücke erklärt er 
selbst, was er unter clerus verstehe. Da das Werk drei Theile 
besitze, berichtet er, habe er beschlossen es in drei Tagen vorzu- 
lesen. Trimoque die pauperes omnes oppidi totius ad hoc con- 
Yocatos hospitio suscepit et exhibuit. In crastino vero doctores 
diversarum facultatum omnes et discipulos famae ma- 
joris et noticiae. Tertio die reliquos scolares cum mili- 
tibus oppidanis et burgensibus multis' *°0- Nicht bloss waren 
also schon viele Doctoren und Scholaren in Oxford, sondern ver- 
schiedene Wissenszweige hatten bereits ihre Vertreter. 

Dadurch erhalten andere alte Documente ihre volle Bedeutung. 
In einem derselben aus der Zeit König Stephans wird von mehreren 
Hospitia clericorum (scholarium) gesprochen*®'). In einem an- 
dern vom Jahre 1201 wird der 'Cancellarius universitatis Oxo- 
niensis cum coetu magistrorum ejusdem' erwähnt *°'). Nun ist 
aber interessant, dass der Ausdruck 'coetus' gerade in Oxford 
gerne gebraucht und noch in später Zeit angewendet wurde, um 
das CoUegium der Magistri zu bezeichnen ***''). Der Terminus 
weist also auf eine Corporation hin, die bereits Anfangs des 13. 
Jhs. unter den Magistern in Oxford bestand. 

Dass nun das Studium von 1214 bis 1229 nicht mehr 
unterbrochen worden ist, ergibt sich theils aus Acten*"*), theils 



iW) De rebus a se gestis II, c. 16. Opp. ed. Brewer I, 72f. Warum 
ist denn dieses Werk, von dem gerade der betreffende Bd. bereits 1861 er- 
schienen ist, Schaarschmidt entgangen? 

i<») Wood, Hist. univ. Oxon. I, 51. 

103) Ibid. U, 388. 

lo»*) So im 13. Jh. (Mun. acad. I, 62. 64.) wie auch im 14. Jh. (ibid. 
p. 82). 1343—1344 wenden sich der Cancellarius et cetus unanimis magistro- 
rum universitatis Oxonie an Clemens VI. Reg. Suppl. an. 2. p. 3 Bl. 74a. 
Dieselbe Bezeichnung findet sich in dem 1362 an Urban V. eingesendeten 
Rotulus magistrorum univ. Oxonie. Reg. Suppl. an. 1. p. 1 Bl. 207 a u. s. w. 

104) Im J. 1216 schrieb der Gardinallegat Guala omnibus magistris et 
Bcolaribus Oxonie commorantibus in Bezug auf die vom frühem Cardinal- 
legaten verfügten Bestimmungen. Wood, The histoiy etc. p. 188. Eine an- 



2. Hoch schalen ohne Stifthriefe. Oxford. 245 

und besonders aus der Geschichte der zwei Bettelorden , der 
Dominicaner und Franciscaner. Denn beide Orden recrutierten 
sich in England unter andern auch aus solchen, welche schon 
vor 1229 in Oxford Professoren oder Baccalarei waren. Im 
Jahre 1230 war der General der Dominicaner, Jordan von 
Sachsen, in England, und er schrieb von dort: ^Apud Studium 
Oxoniense, ubi ad presens eram, spem hone capture Dominus 
nobis dedit'^^*). Es trat nämlich Robert Bacon in den Orden, 
der vor seinem Eintritt in Oxford 'regens in theologia' und zu- 
gleich socius in scola des sei. Edmund war, welcher 4. April 
1234 Erzbischof von Canterbury wurde, nachdem er lange vorher 
'doctor theologiae f actus Oxoniae'^^*). Robert setzte nach dem 
Eintritte in den Orden 4ectiones suas in scholis s. Eduardi', d. i. bei 
den Dominicanern, fort'°^). Die Franciscaner giengen 1225 nach 
Oxford und mietheten sich im nächsten Jahre dort ein Haus '^•), 
das sie nur kurze Zeit bewohnten, denn Anfangs der dreissiger 
Jahre finden wir sie schon in einem andern Domicil, in dem sie 
dann beständig blieben '^^). In dem ersten Hause nun ^intra- 
verunt ordinem multi probi baccalaurei et multi nobiles'"^). 
Um jene Zeit war in Oxford Robert Grossetfete Kanzler der 
Universität, der wie Jean de Garlande zum grossen Theil da- 
selbst ausgebildet wurde, und lange vor 1229 das Magiste- 



dere Urkunde vom J. 1219 siehe in Mun. acad. I, 4f* Einen mag. Wilhelm 
Scotus doctor decretomm apud Oxoninm erwähnt Honorius III. 31. Aug 
1217. Reg. Vat. an. 2 ep. 607. 

^^^) Lettres du h. Jourdain de Saxe ed. Bayonne. Paris 1865 p. 134. 
Der Originalcodex, einst in 8. Agnese zu Bologna, befindet sich jetzt in 
PriYatbesitz ; eine Abschrift existiert in der Biblioth. Gasanat. zu Rom (D. 
IV. 24). Ich komme anf diese interessante Briefsammlung noch öfters znrflck. 

10«) Trivet bei D'Achery, Spicil.* III, 192. Qu6tif-Echard lassen Robert 
schon 1228 Dominicaner werden (SS. Ord. Praed. I, 118), was zu früh ist. 

107) Trivet 1. c. 

108) Dies ergibt sich aus Eccleston, De adventu Minorum in An- 
gliam in den Monumenta Franciscana ed. Brewer I, 9 f. 11. ed. Howlett, p. 9. 

109) Aus einem Vergleich der Stellen in Mon. Francisc. I, 9. 17. 37 
mnss man dies erschliessen. 

110) L. c p. 17. Thomas Eccleston nennt p. 37 Oxford den Ort, *ubi 
principale Studium florebat in Anglia et nbi nniversitas scholarium convenire 
consueverat'. 



246 in. EotwickelQDg der Hochschulen bis zum Eude des 14. Jhs. 

rium der Theologie erhalten hatte ^ * ^), während Johann de Oarlan- 
dia bereits c. 1212 dort Johann von London als Professor der 
Philosophie gehört hat^^'). Zu allem Ueberfluss berichten noch die 
Ann. de Dunstaplia, im J. 1228^^') sei apud Oxoniam inter 
scolares et populum eine dissensio ausgebrochen, und das Volk 
habe sich schliesslich ^arbitrio quatuor magistromm qui tunc essent 
precipui' gefügt 

Es hiesse Eulen nach Athen tragen, sich länger bei Er- 
härtung dieser Thatsache und bei der Widerlegung einer Behauptung 
aufzuhalten, die nur in jener bekannten Art und Weise, mit der 
man Geschichte zu machen gewohnt ist, ihre Erklärung findet. 
Das Höchste, was man behaupten kann, ist, dass Oxford im J. 
1229 durch die Auswanderung aus Paris einen Zuwachs erhalten 
habe, wiewohl selbst dies nicht direct bewiesen werden kann. 
Matthaeus Paris, obschon Zeitgenosse jener Uebersiedelung, weiss 
nichts davon, und er lässt den grössten Theil nach Angers 
ziehen ^^^). Und doch, sollte man meinen, hätte er ein solches 
Ereigniss nicht umgehen können, um so mehr, als er mehrere 
englische Professoren aufzählt, die bei jener Gelegenheit Paris 
verliessen, und die wie es scheint ebenfalls Angers aufsuchten. 
Spätere Schriftsteller z. B. Paul Aemilius^") wissen allerdings 
davon zu erzählen. Ja auch König Heinrich EI. hat am 16. 
Juli desselben Jahres den Magistern und Scholaren von Paris 
^civitates, burgos vel villas quascunque' Englands angeboten, ohne 



1^1) Dass Grosset^te Ozforder Magister war, berichtet Gascoigne nach 
Einsicht in ein Autograph Roberts. Dictionar. theol. in Loci e libro Yeri- 
tatum, p. 176. Vgl. auch Boberti Grosseteste epist. ed. Luard, p. XXXI sqq. 
Lechler, Job. Wiclif I, 179. — Joh. de Garlande spricht von sich darüber 
in De triumphis ecclesiae (n. 1325 nou?. acquis. lat. Nation. Bibl. zu 
Paris p. 42. Wrights Ausgabe, London 1856, p. 53). 

^^) Vgl. dazu die richtigen Bemerkungen Haiir6aus in Notices et ex- 
traits des manuscrits XXVIL 2 p. 72. 

iw) Ed. Luard p. 109. 

^^^) Chron. migora ed. Luard m, 168 ad an. 1229. Auch die Annales 
de Dunstaplia ed. Luard p. 117 berichten in ähnlicher Weise. 

1^*) De rebus gestis Francorum (Lulet 1550) Bl. 142a. Das Chron. 
Cliüiiacense und Bemard Guidonis sagen, einige seien unter anderm auch 
'in Angliam' gegangen. 8. oben S. 226. Anm. 26. 



8. Hochschalen ohne Stiftbriefe. Oxford. 247 

speciell Oxford zu erwähnen"*). Allein indirect lässt sich schliessen, 
dass Oxford wie Cambridge in dem betreffenden Jahre mehr fre- 
quentiert wurden, da der genannte König im J. 1231 sagt, Oxford 
werde a scholaribus tam cismarinis quam transmarinis aufgesucht ' ^^). 
Eines steht nun fest, dass nämlich Oxford seit dem 12. Jh. 
ein nicht unbedeutendes Studium besass, wenngleich es dahingestellt 
bleibt, ob es mit Yacarius seinen Anfang nahm, und die Thätigkeit 
des Robert Pullus bei Erneuerung der Theologie daselbst im 
Spiele war"'). Dass seit der Mitte des 12. Jhs. dort sicher eine 
Schule existierte, die immer mehr an Bedeutung und an Fre- 
quenz zunahm und nicht mehr ausser 1209 bis 1214 unterbrochen 
wurde, kann nur derjenige läugnen, welcher sich überhaupt gegen 
alle geschichtlichen Thatsachen verschliesst. Die eigentliche 
Blüthe der Hochschule fällt allerdings weder in das 12. noch 
in die erste Hälfte des 13. Jhs. (obwohl dieselbe bereits in 
der letztem Epoche keine geringe war): sie fällt in die Zeit, 
als die beiden Bettelorden der Franciscaner und Dominicaner 
ihre beständige ununterbrochene Vertretung an der Hochschule 



^1^) S. Calendarium rotulorum patent in tnrri Lond. (1802) p. 14. 

^^^) Bei Shirley, Royal and other historical letters illustratiYe of the 
reign of Henry III. I, 398 n. 326. Dieses Document bezieht sich zwar aaf 
Cambridge; allein p. 399 findet sich die Bemerkung, dass mutatis matandis 
ganz gleiche Acte für Oxford ausgefertigt wurden. 

1^^) Dass Robert Pullus von Exeter nach Oxford gieng und dort 5 Jahre 
lang die Theologie tradierte, sagt eine anonyme Continuatio des Chron. 
Bedae bei Wood, Hist. Univ. Oxon. I, 49 und engl. Ausg. I, 142. Schaar- 
schmidt meint 8. 21, ein solcher Versuch Roberts könne keinesfalls in die 
Zeit König Stephans Men, da er da keinen Sinn hätte. Darauf ist lu er- 
widern, dass Stephan (1135—1154) doch nur die Römischen Rechtsstudien 
▼erboten hat (Job. Saresber. Policrat. 1. 8 ed. Giles p. 357). Wenn also der König 
dem Yacarius Schweigen auflegte und Vorlesungen über das Rom. Recht von 
seinem Reiche Yorbannt wissen wollte, so folgt noch nicht, dass deshalb die 
Schule in Oxford zu existieren aufgehört habe, oder dass an derselben der 
Unterricht in der Theologie unmöglich gewesen sei. Schaarschmidt findet femer 
darin eine Schwierigkeit, dass Robert bis zu seiner Erhebung zum Cardinalate 
nur 'ein einfacher Schullehrer' war, den Ausdruck 'doctor scholasticus' des 
Job. Saresber. in jener Weise widergebend. Darauf kann ich nur entgegnen, 
Schaarschmidt möge sich vorher mit dem mittelalterl. Sprachgebrauch ver- 
traai machen, ehe er sich unterfängt über das Mittelalter zn schreiben. 



248 ni- Entwickelnng der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

hatten"'). Wohl schon um die Mitte des 13. Jhs. entstand der 
Gebrauch, die ^Sermones examinatorii omnium baccalariorum tarn 
secularium quam religiosorum' in dem einen der beiden Ordens- 
häuser zu halten*"). Im J. 1257 wurde die Hochschule die 
zweite Schule und ein Fundament der Kirche, und fünf Jahre 
früher 'Oxonialis universitas aemula Parisiensis' genannt"*). 
Nach gleichzeitigen Nachrichten sollen im J. 1264 dort nicht 
weniger denn gegen 15000 immatriculierte Schüler, und Anfangs 
des 14. Jhs. gar 30000 gewesen sein*")- Allerdings höchst un- 



119) Selbst Hnber, a. a. 0. S. 76 und Pauli, Programm S. 32 f. erkennen 
dies an. 

1^) Dies geht aus dem Schreiben Clemens Y. yom 24. April 1313 
an den Bischof von London etc. hervor (Reg. Tat. an. 8. ep. 294 Bl. 98 b), 
worin er den' Bericht der Dominicaner bringt, dass jene sermones, 'qui fiunt 
anteqnam baccalarii in facultate theologica magistrentur . . . a tempore cuius 
non extat memoria' in den betreffenden Hftusem gehalten würden. 

1^) Chron. maj. ed. Lnard V, 618: Die universitas Oxoniensis sei 
scola secunda ecclesie, immo ecclesie fundamentum. Femer ibid. V, 353. 

1^) üeber das J. 1264 s. oben S. 34 Anm. 144. Für den Anfang des 
14. Jhs. sind die Quelle Richard von Armagh (Cod. Vat. Reg. 449 Bl. 37a, Brown, 
Append. ad Fascicul. rer. U, 473), der vor Innocenz VI. im J. 1357 sagte, 
jetzt seien keine 6000 Studenten mehr in Oxford, während früher (1333 
war er Kanzler) 30000 sich dort aufgehalten hfttten, und Thomas Gas- 
coigne (Dictionarium theoL in Loci e libro veritatum, p. 202), der diese Ziffer 
als Kanzler 4n rotulis antiquorum cancellariorum Oxoniae' gefunden hat. Die 
Zahl sowie die n&heren umstände haben ihre Geschichte. Huber, Die engl, 
ünlversit. I, 114 f. schreibt, 'eine ziemlich gut verbürgte Nachricht schlägt die 
Frequenz von Oxford um die Mitte des 13. Jhs. auf etwa 30000 an*. Er wider- 
holt dies S. 225 Anm., vertheidigt hier wie dort diese Ziffer, und meint, 
im 14. Jh. sei sie auf 4—5000 gesunken. Ibid. II, 250 sah er seinen Irrthum 
ein und sagt, jene Nachricht von der grossen Frequenz beziehe sich auf die 
ersten Jahrzehnte des 14. Jhs. Pauli kannte Gascoigne noch nicht, las 
ebenso wenig Richard von Armagh, Hubers Werk aber nicht ganz, 
denn in seinem Programm 8. 21 steht er gerade mit Berufung auf Huber 
für dessen irrige Angabe ein. Dieselbe vertrat jüngst wider Weber, üeber 
das Yerhältniss Englands zu Rom (Berlin 1883) S. 53 Anm. 1, da er weder 
Richard, noch Gascoigne, noch Huber, sondern nur Pauli gelesen hatte. 
Noch köstlicher nimmt sich von Stein aus. Er hält 'mit den gesunden Be- 
merkungen Habers alle Angaben über die Zahl von 10, 20, ja 40000 Zu- 
hörern für absolut werthlos; die höchste nachweisbare Ziffer war wohl 4400' 
(die innere Verwaltung 1. c. S. 256). Dieser hat also bei Huber gar 



2. Hochschuleo ohne Stiftbriefe. Oxford. 249 

glaublich, denn Oxford hätte damals nicht so viele und grosse 
Räumlichkeiten gehabt, um eine solche Menge von Scholaren auf- 
zunehmen. Allein sicher ist, dass die Schülerzahl in stetem 
Wachsen begriffen war, was sich schon daraus schliessen lässt, dass 
in Paris die Engländer, die dort im 13. Jh. in grosser Anzahl 
studiert hatten, im 14. Jh. kaum mehr vertreten waren'*'), weil 
sie eben zumeist Oxford aufsuchten. 

Die Anfänge des ersten Collegs in Oxford, und überhaupt 
des ersten auf englischem Boden, reichen in die Zeit vor 1264 
zurück. Nach Edmund, Bischof von Nelson, war die durch 
Walter de Merton im J. 1264 in Maiden vorgenommene Grün- 
dung nur die Entwicklung einer frühem Stiftung unbekannten 
Datums"*). Der ökonomische und geistliche Theil habe in 
Maiden gelebt, während die Stipendiaten, nämlich 20 Scholaren, 
sich dort aufhielten, wo sie ihrer Bestimmung gemäss studieren 
konnten, also zunächst in Oxford, obwohl sie nicht an dieses 
Studium gebunden waren. Gewiss seien die Scholaren schon seit 
1264 in Oxford in einer Aula beisammen gewesen, was sich 
daraus schliessen lasse, dass sich seit jenem Jahre fast alle Er- 
werbungen auf den Ort, wo das spätere Merton-CoUeg lag, be- 
ziehen. Im J. 1267 war Walter Besitzer von einem grossen 
Areale, das am 3. September ein königliches Privileg erhielt. 
Im J. 1274 fand die Verschmelzung der verschiedenen Zweige 
des öconomisch- geistlichen Theils mit dem academischen in Ox- 
ford statt. Erst in diesem Jahre stand die Stiftung in ihrer Voll- 
endung da"^). 

Oxford war eine der wenigen Hochschulen, an der im 13. 
Jh. alle Disciplinen, welche für damals in Betracht kommen 



nichts gesehen, ausser die Nullen! Paulsen schreibt wie Pauli. SybelBEQst. 
Zsch. Bd. 45 S. 299. Der Herausgeber Gascoignes kannte nur Gascoigne, 
nicht Richard, und sieht ersteren als die eigentliche Quelle an. L. c. p. 234. 

123) S. oben S. 96 Anm. 183. 

IM) S. Edmund , Bishop of Nelson , Sketch of the life of Walter de 
Merton, Oxford and London 1859, p. 9 ff. 

12^) Ibid. p. 16 ff. Im J. 1274 bestätigte der König alle Geschenke an 
Lftndereien, bescheinigte die Statuten und überträgt den Sitz des 'domus' 
von Maiden nach Oxford 'ubi perpetuo scholares meos moraturos esse de- 
cemo'. Ibid. p. 18. 



250 m* Entwickelung der Hochschulen bis znm Ende des 14. Jhs. 

können, und zwar auch die Theologie gelehrt wurden. Das Jus 
civile scheint jedoch auch noch im Anfange des 14. Jhs., wie 
überhaupt in England, so auch zu Oxford schwach vertreten ge- 
wesen zu sein"*). 

Aber im Grunde ist die Hochschule der 2. Hälfte des 13. Jhs. 
dieselbe mit jener der 1. Hälfte, in der ihr ebenso wie nachher 
der Cancellarius vorstand"'). 

Trotzdem kann diese Schule weder eine königliche noch 
eine päpstliche Urkunde aufweisen. Als man sich anderwärts 
um derartige Stiftungsbriefe bewarb, bestand das Studium zu Oxford 
bereits ex consuetudine. Das Schreiben des Gardinallegaten Otho 
vom J. 1238 setzt den Charakter der Schule als Studium generale 
und die Tniversitas magistrorum et scholarium' als existierend 
voraus '"). Wahrscheinlich, dass diese letztere seit langem, etwa 
seit Ende des 12. Jhs., bestand, denn sowohl ein oben citiertes 
Document"'), als auch das von Seite der Scholaren mit der Stadt 
abgemachte üebereinkommen wegen der Wohnungsmiethe "°), und 
der gemeinschaftliche Auszug im J. 1209 lassen darauf schliessen. 
Noch mehr aber war all dies eine vollendete Thatsache, als der 
Bischof von Lincoln die Magister von Oxford hinsichtlich der 
Lectionsordnung auf Paris hinwies, 'ne . . . a patrum et majorum 
vestigiis et conformitate regentium Parisius theologorum manifeste 
recedatur' "'), oder als Innocenz IV. am 20. Mai 1246 demselben 
Bischöfe auftrug, dafOr zu sorgen, dass in Oxford niemand das 
Lehramt in irgend einer Facultät ausübe, *nisi qui secundum 



^ Dies sagt Gascoigne 1. c, wo er von den 30000 Scholaren spricht- 

^ 8. oben S. 244. So heisst es auch in den Docomenten Yom J. 
1214: GanceUarias scholarinm Oxon. quem episcopus constituerit. Man. 
academ. I. 2; Wood, Hist. onivers. Oxon. I, 61. 

^ S. Monim. academ. I, 6 ff. 

1«») S. oben S, 244. 

130 j Dass bereits vor 1209 die Taxation der Wohnungen commoni con- 
silio clericorom und der Stadt vorgenommen wurde, ergibt sieb aus dem 
Documente des Gardinallegaten vom J. 1214 (Mun. academ. 1, 1). Nur mnss 
es dort in dem Satze: 'tazatae communi consilio clericorum et nostro ante 
recessum scbolarium' statt 'nostro' 'vestro' beissen. 

131) Boberti Grosseteste epistolae ed. Luard p. 347 ep. 123. 



2. Hockschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 251 

morem Parisiensem . . . examinatns fderit'*"). Und als er 
später, im J. 1254, alle der Universität von wem immer er- 
theilten ^immunitates, libertates et laudabiles antiquas rationabiies 
consnetudines' bestätigte, erkannte er wenigstens stillschweigend 
den rechtmässigen Bestand der Schule und deren Universität an "'). 
Man war bisher gewohnt Oxford und Cambridge unter 6inem 
Gesichtspunkte zu betrachten. Es geht dies an, wenn man die 
Verfassung beider Schulen vergleicht, nicht aber in Hinsicht auf 
deren Entwicklung. Cambridge gehört nicht in diesen Abschnitt 

Orltens. 

Über das Studium zu Orleans waren die bisherigen For- 
schungen theils höchst ungenügend, theils irreführend, und zwar 
sowohl betreffs der Entstehung des Generalstudiums, als auch 
der Organisation desselben. Uns beschäftigt hier vorläufig 
nur die Frage nach der Entstehung. 

Wären die bisherigen Forscher im Rechte, so dürfte dieses 
Studium noch weniger in diesem Abschnitt behandelt werden, als das 
zu Cambridge. Ziemlich allgemein nahm man nämlich an, es sei 
erst (1306) von Clemens V. als Generalstudium erklärt oder ge- 
gründet worden ^'^), wenngleich man dann hie und da zugestand, 
dass bereits früher ein Rechtsstudium dort existiert habe ' "), zu 

192) Beg. Yat. an. 3. ep. 520 Bl. 284. Wood engl. Ausg. 1, 236. 
Berger n. 1859, dem jedoch ebenso wie Potthast der Druck bei Wood entgieng. 

^) Beg. Yat. an. 12. ep. 251. 252 Bl. 180a. Mun. aead. I, 26. 27 ff. 
Beiläufig bemerke ich hier, dass sich von der üniversit&t Oxford einige in- 
teressante Hotnli und Suppliken im Yat. Archiv erhalten haben. Beg. Suppl. 
Clem. YL an. 1. p. 2BI 164b; an. 7 p. 3 Bl. 199a; Innocens YI. an. 3 p. 3 
Bl. 66b; ürbani Y. an. 1 p. 3 Bl. 7; p. 1 Bl. 207; an. 4 p. l Bl. 61. 

^^) So bereits Pasqnier, Becherches de la France I, 989 und Da 
Boulay lY, 101 ; Bimbenet Histoire de Tuniversit^ de lois d'Orl^ans (1853) p. 6 ; 
Savigny III, 401 (*der König genehmigte diese Stiftung' des Papstes); Jour- 
dain, Index chrono!, chartar. univers. Paris, n. 368; Budinszky, Die üniver- 
Bität Paris (Berlin 1876) S. 51. Le Maire, Histoire de la yme et duch« 
d'Orl^ans, Orleans 1648, I, 335 hatte eine etwas richtigere Ansicht Neuestens 
▼ertrat die falsche Laval, Gartulaire de l'universitö d^Avignon (1884) I, 
lY; er behauptet, Orleans sei nach dem Muster von Avignon gegründet 
worden. In der Begel bringen auch Alle das irrige Datum 1305. 

^ So sagt Savigny S. 400: 'Schon frflhe war hier eine berflhmte 
Schule und swar wahrscheinlich eine Bechtsschule*. Sonderbar hX d«r Be- 



252 ni. Entwickelung der Hochschulen his zum Ende des U Jhs. 

welcher Annahme es übrigens nicht viel Scharfsinnes bedurfte, 
da ja Clemens in mehreren Schreiben sagt: es habe dort ^ab 
antiquo' ein Recbtsstudium geblüht. Allein obige Ansicht ist 
unrichtig. Clemens V. setzte das Generalstudium als bereits 
existierend voraus, er gründete es weder, noch erklärte er es zu 
einem solchen, sondern er gab den Magistern lediglich das Corpo- 
rationsrecht, machte Bestimmungen behufs Reorganisierung der 
Anstalt und beschenkte sie mit Privilegien. 

Da das Generalstudium des 14. Jhs. in Orleans eine Rechts- 
schule war, welche für die andern Facultäten kaum mehr Platz 
Hess, so muss das Generalstudium auch für die frühere Zeit als 
Rechtsschule nachgewiesen werden. Delisle hat in einem dankens- 
werthen Artikel die Existenz einer Schule fllr Briefstil und 
lateinische Poesie in Orleans während des 12. und 13. Jhs. dar- 
gethan'"). Allein, man wäre im Irrthum zu glauben, aus dieser 
Schule habe sich das Generalstudium, um das es sich handelt, 
nach und nach entwickelt. Im Gegentheile, je mehr dieses in 
Aufnahme kam, desto mehr trat die ältere Schule in den Hinter- 
grund. Dass dies bereits vor Ende des 13. Jhs. der Fall war, 
und es mithin unrichtig ist ganz allgemein zu sagen: im 12. und 
im 13 Jh. hätte das Studium des Briefstiles etc. die Jugend 
nach Orleans gezogen, wird sich ergeben. 

Die ersten Actenstücke für eine Rechtsschule, und zwar speciell 
für eine Schule des Rom. Rechts in Orleans sind zwei bisher 
unbekannte Schreiben Gregors IX. vom 17. Jänner 1235 an Philipp 
Berruier, Bischof von Orleans. Aus dem ersten, dem eigentlich be- 
weisenden, ergibt sich, dass der Bischof Bedenken trug, ob die 
Legisten, die bereits in grösserer Anzahl zu Orions in Mitten 
eines Schülerkreises lehrten, das Römische Recht vortragen dürften. 



weis: 1236 hätten die Scholaren mit den Borgern einen Streit gehaht, wobei 
mehrere der erstem erschlagen worden seien. Gfr. Matth. Paris, Ghron. m^jora 
ed. Lnardlll, 370. Matthaeus spricht aber nnrvon'scolares JQYcnes illnstrissimi 
et genere preclari'. Die Existenz eines Rechtsstadiums im 13. Jh. gibt aach 
Thnrot, Docaments relatifs a l'nniversit^ d'Orl^ans in der Bibl. de l'^ole 
des chartes XXXII (1871), 380 za, ohne sie jedoch nachweisen zu können. 

136) Leg ^coles d'Orl^ans an douziöme et an treiziöme siöcle, im Annu- 
aire-Bolletin de la soci^t^ de l'histoire de France YU, 239 fif. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. OrläuiB. 253 

da dies doch in Paris verboten sei. Der Papst antwortet auf 
seine Anfrage bejahend; er macht jedoch in Hinsicht auf die 
Geistlichen mit Seelsorge sowie die Archidiacone, Decane und 
Erzpriester eine Ausnahme'"). Das zweite Schreiben bezieht 
sich zwar nicht direct auf das Rechtsstudium, aber da es unter 
demselben Datum und in Verbindung mit dem ersteren ausgestellt 
ist, so steht es doch indirect zu demselben in Beziehung. Der 
Bischof erbittet für die Scholaren, die fortwährend in grosser 
Menge nach Orleans strömten, propter injectionem manuum Ab- 
solution, die später gewährt wurde *^^). Auf eine ziemliche Anzahl 
von Studenten lässt auch der Bericht des Matth. Paris zum 
J. 1251 über die Anwesenheit der sogenannten ^pastores' in Orleans 
Bchliessen *"). 

Im Jahre 1266 muss der Buf der Schule schon bedeutend ge- 
wesen sein, denn König Karl I. von Neapel richtete in diesem Jahre 
ebenso an die Professoren und Scholaren von Orleans wie an 
die von Paris ein Schreiben, um sie für das von ihm reorgani- 
sierte Studium zu Neapel zu gewinnen; zugleich berief er auch 
von dort Professoren**®). In jener Epoche war auch das artisti- 
sche Studium noch stark in Orleans vertreten und rivalisierte mit 
dem von Paris'**). Aber zur Zeit, als Philipp IV. (im J. 1297) 
seinen Untergebenen befahl, die Professoren und Scholaren von 



^37) Aorelianensi Episcopo. Nobis toa fraternitas postulavit, ut com 
prohibitnm sit ne leges legantur Parisius, et in Aorelianensi ciyitate plures 
legnm doctores et scolares etiam commorentor, utrum id tolerare valeas per 
nostras te litteras edocere benignius dignaremar: nos igitar tuam super hoc 
pmdentiam commendantes magistros quam scolares prefaots, archidiaconis, 
decanis, archipresbyteris et aliis personis ecclesiasticis curam animanun 
habentibus dumtaxat exceptis, libere leges ibidem andire ac docere permittas. 
Reg. Yat. an. 8 ep. 420 Bl. 252 b. 

iS8j £)2 parte tua fnit a nobis humiliter postulatum, ut cum multitudo 
scolarium ad ciyitatem et diocesim tuam confluxerit et confluat incessanter 
etc. Beg. Yat. an. 8 ep. 421. 

189) Ghron. m^j. ed. Luard Y, 249. Matth. Paris spricht von der 
^iversitas scolarium', was jedoch hier nicht wörtlich genommen werden dar! 

^^) Del Giudice, Cod. diplomat. del regno dl Carlo I. e IL, 1, 250. 
Note. 

1^) S. Etutebeuf ed. Jubinal (Paris 1838) II, 415. 



254 ni. Entwickelaig der HoolischiileD bis zum Ende des 14. Jhs. 

Paris und Ori^ans während des Krieges nicht zu belästigend^'), 
da war das Studium wohl hauptsächlich Bechtsschule. Das wich- 
tigste Document hierüber ist ein bisher unbekanntes Schreiben 
Bonifaz Vin. vom 1. März 1301 an den Bischof von Auxerre, 
Peter de Mornay, gerichtet. Folgende Thatsachen erhellen aus 
demselben. Bereits als der Adressat Bischof von Orleans (1288 — 
1296) war, kamen zum dortigen Studium so viele Rechtslehrer, 
dass nicht ein jeder derselben eine hinreichende Schülerzahl er- 
halten konnte, weshalb der Vorstand des Studiums, nämlich der 
Scholasticus der Gathedrale, mit den Doctoren, dem Gapitel und 
dem Bischof bestimmte, dass in Zukunft dort 2 Decretisten, 
3 Decretalisten und 5 Givilisten ordiuarie lesen sollten ^^'). Ist 
schon diese Anzahl von Rechtslehrem eine erkleckliche, so folgt, 
dass sie früher noch grösser gewesen. Man sieht aber auch, dass ge- 
rade das Studium des Brom. Rechts am stärksten betrieben wurde. 
Einem der Nachfolger des Adressaten auf dem bischöflichen Stuhle 
in Orleans, Berthold (1300—1307), genügten indessen 5 Givilisten 
nicht, er stellte eigenmächtig noch einen sechsten an, nämlich 
einen gewissen Magister Alanus, obwohl Bertholds unmittelbarer Vor- 
gänger, Ferricus (1296 — 1299), das frühere Statut bestätigt hatte. 
Auf die Vorstellimgen der Doctoren hin antwortete Berthold, er 
werde nicht bloss einen, sondern vier oder fünf weitere anstellen. 



1*«) Bei Du Boulay, ffist. univ. Paris. V, 790. 

1^) Yen. fr. episc. Antisiodorensi. Significavit nobis scolasticas ecclesie 
ac doctores stadii Anrelian.! quod cum olim ad dictum Studium, quod in di- 
versis florere scientiis presertim in utroque jure ab antiquis temporibus con- 
suerit, tanta doctomm concurret (sie I) multitudo, quod eorum singulis habere 
nequeuntibus decentem audientium comitivam, erat ipsi studio multitudo 
hoiiis plurimnm onerosa ac eorum doctorum auctoritas et doctrina propter 
ipsornm numerositatem nimiam quodammodo yilescebat : prefatus scolasticus, 
ad quem eiusdem studii gubernatio et dispositio ab aotiqua approbata et 
hactenus pacifice obsenrata consuetudine pertinet, habito super hiis tarn cum 
doctoribus tunc in studio predicto legentibns, quam cum capitulo dicte 
ecclesie tractatu, de ipsorum assensu et Yoluntate, interveniente insuper 
anctoritate tua, qui tunc AureL ecclesie presidebas, certum buius doctorum 
nnmerum ordinane in studio predicto legentium, duorum Yidelicet in decretis, 
trium in decretalibus et quinque in jure civili, duxit deliberatione prorida 
Btatuendum, astringendo se ad huiusmodi nnmerum in eodem studio per- 
petuia temporibus obBerrandum. Reg. Yat an. 7 ep. 86 Bl 31a. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 255 

würden sie sich nicht fügen. Um ihnen die facultas appellandi 
zu nehmen, heisst es im genannten päpstlichen Schreiben, 4nhi- 
buit Omnibus et singulis doctoribus, bachalariis et scolaribus 
universis eiusdem studii, ne pro huius negotii prosecutione aut 
alia quacunque de causa congregationem aliquam facerent seu 
super aliquibus communem tractatum haberent absque sua licentia 
specialis in singulos contrafacientes excommunicationis sententiam 
promulgando'. Der Scholasticus und die Doctores ipsius studii, 
die darin einen grossen Schaden für dasselbe erblickten, appel- 
lierten an den Papst, und dieser bestellte den Adressaten, einen 
früheren Doctor am genannten Studium, zum Schiedsrichter. Er 
möge sich nach Orleans begeben und dort in Gegenwart beider Theile 
*pro tranquillitate et statu salubri tarn studii quam in eo le- 
gentium et studentium predictorum' kraft apostolischer Auctorität 
die nöthigen Beschlüsse fassen"*). 

Die Blüthe der Rechtsschule zu Orleans in jener Zeit ist 
noch aus andern Documenten ersichtlich. Der Bischof von Amiens, 
Wilhelm, sagte in einer Rede mit Bezug auf das Beichtprivileg 
der Mendicanten, deren heftiger Gegner er war, ca. 1288: Post- 
modum dum essemus in domo nostra prope Aurelianis, visum fuit 
nobis expediens, quod negotium et privilegia exponerentur magistris 
et scolaribus Aurelianensibus, qui sunt peritiores in iure 
quam Parisienses et melius intelligentes"'^). Die Rechts- 
schule von Orleans war also in der 2. Hälfte des 13. Jhs. berühmter 
als die Rechtsfacultät zu Paris, und es ist mithin sehr zweifel- 
haft, ob die Behauptung Thaners, die französische Scholastik des 
canon. Rechtes habe an der Universität Paris ihren nationalen 
Mittelpunkt gehabt, richtig ist"*). Hatte doch Orl6ans vor Paris 



1**) Reg. Vat. 1. c. 

1^ Cod. Paris. 3120 BI. 32 b. Dieser wichtige Codex wurde, scheint es, 
seit Baluxe (Yitae p^>. Avenion. I. Notes p. 578) und Qu^tif-Echard (SS. Ord. 
Praed. I, 295. 404) nicht mehr hervorgezogen, resp. benützt Der grösste Wider- 
part des Bischofs war der Dominicaner Johannes de S. Benedicto. Beide 
studierten einst zusammen die Artes zu Paris 4n Garlandia', wo eben die 
Artistenschule war. Ueber den Bischof s. Qall. Christ. X, 1190. 

^^) Zwei anonyme Glossen zur Summe Stephan! Tomacensis. Wien 
1875. S. 25. 



256 m* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

den Vorzug, dass mit dem canon. Recht auch das röm. tradiert 
wurde. Dass Orleans als Rechtsstudium Ende des 13. Jhs. bereits 
einen Weltruf erlangt hatte, schliesse ich auch daraus, dass 
König Wenzel II. von Böhmen einen jungen Mann keineswegs 
nach Bologna, sondern dorthin schickte, Römisches Recht zu 
hören, damit er in die Heimath zurückgekehrt nach dem Plane 
des Königs die einheimischen Gesetze auf Grund des Römischen 
Rechts umgestalte ^*^). Wie anderen Generalstudien z. B. Bologna, 
Toulouse, Padua, Salamanca und dem der Röm. Curie, übersandte 
Bonifaz VIII. im J. 1298 seine Decretalen auch den Doctoren 
und Scholaren von Orleans***). 

Als nun am 27. Jänner 1306 Clemens V., der an diesem Studium 
im Röm. Rechte promoviert hatte, sein erstes Schreiben dorthin rich- 
tete, handelte es sich nicht mehr um Gründung oder Bestätigung des 
Generalstudiums. Die Unordnungen, welche in den letzten Jahren 
dort vorkamen und von denen die oben erwähnten nur einen Theil 
bildeten, machten es nur wünschenswerth, dass die Professoren und 
Schüler des Studiums selbständiger und mehr consolidiert 
würden, und dass ein Theil der Rechte, welche der Scho- 
lasticus bisher besass, an die Professoren abgetreten werde. 
Kurz, es stellte sich die Nothwendigkeit heraus, dass die Pro- 
fessoren und Scholaren Gorporationsrechte erhielten. Zu diesem 
Zwecke giengen die Professoren Johannes de Unistinga utriusque 
juris, Michael Macondit**') et Stephanus de Morneio legum pro- 
fessores nach Lyon zum Papste, um 'pro universis doctoribus et sco- 
laribus predicto immorantibus et immoraturis studio nonnulla ' 
privilegia, immunitates et gratias cum instantia suppliciter' zu 
erbitten, wie Clemens V. unter demselben Datum schreibt **°). 



1^7) Adolescentem quempiam, Conradum nomine, Anrelianis ad Studium 
destinavit, quatenas ipse in legum scientia ibidem studendo proficeret et 
quandoque reversus ipsamm legum teuerem prout rex conceperat in regno 
Bohemie instauraret. Cron. Aulae regiae in Fontes rer. austriac. SS. YIII, 130. 

1^) S. Friedbergs Ausg. S. 934 Anm. 

^^9) In Reg. Vat. an. 4 ep. 372 Bi. 80b heisst er Malcondicius. 

150 j ]^g. Vat an. 1 ep. 325 Bl. 63 b. Er verordnet, dass die genannten 
Professoren von den Scholaren in Orleans fär ihre Mühen und Strapazen ent- 
Bch&digt worden. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 257 

Nur die Unordnungen der letzten Jahre, welche daran Schuld 
waren, dass die aus der Lehranstalt Hervorgegangenen bei weitem 
nicht mehr den frühern, die mit Recht Säulen der Kirche genannt 
werden konnten, glichen, bestimmten den Papst zu seinem Vor- 
gehen, nicht aber der Gedanke, das Studium zu Orleans sei noch 
kein Generalstudium. Dies lernen wir aus einem von ihm 
22. April 1309 an die Doctoren und Scholaren gerichteten 
Schreiben*^*). Was das Studium selbst anbelangt, so wollte er 
dasselbe nur auf den frühern Stand zurückführen ^'^'j; das Neue 
betraf die Professoren und Scholaren an dem Studium, denen er 
am 27. Jänner 1306 die Erlaubniss gegeben, in Zukunft eine Cor- 
poration und ein Collegium zu bilden, das nach Art des Collegiums 
am Generalstudium zu Toulouse regiert werden sollte. Die Doctores 
erhalten nun das Recht Statuten in Bezug auf alles, was sie und 
ihr Verhältniss zum Studium und den Schülern angeht, zu machen, 
und er ertheilt ihnen die Vollmacht, wenn ihnen auf zugefügtes 
Unrecht nicht Genugthuung widerfahre, die Vorlesungen einzustellen. 
Er gab ihnen die Privilegien der Doctoren und Scholaren von 

^^^) Inter cetera studia iuris canonici et civilis Aurelianensc Studium et 
doctorum peritia et scolarium disciplina preclarum velut singulare sidus immo 
nt alteram in terris celum sydercum jam pridem emicuit . .. quodque pre- 
clarum tunc fuerat, nunc ut accepimus obscuratum est celum. Nam moderne 
stelle prioribus impares non mancntes in suo ordine a cursu solito deviantes 
novis quorundam adinventionibus succedentibus splendorem solitum retraxe- 
mnt. ... ad nostram reducimus memoriam, quod de ipso studio velut de 
qaibnsdam lapidicinis in firmo positis olim non minus recte quam solide 
excidebantur columpne dei, ecclesiam in statum boni rcgiminis supportantes, 
eo quod tunc ipsum Studium sub quibusdam multiplicabatur libertatibus et 
observantiis regebatur, quibus ut asseritur nunc quorundam machinationibus 
destitntum Servitute premitur et ad multa deductus devia prioribus absimiles 
discipulos parit. Reg. Vat. an. 4 ep. 372 Bl. 80 a. Diese Briefe Clemens 
y. finden sich auch im Statutenbuch der Universität Orleans, Cod. Vat. Reg. 
405 und Cod. Angust. n. 78. 8 zu Wolfenbüttel. Beide Hss. sind sehr gut. Einen 
stark verderbten Text enthält Cod. Paris. 4223\ Ich eitlere nach Cod. Vat. 
Reg. ans dem 14. Jh. 

i&3j ii)id, sagt er: Eapropter ad antiquas consuetudines et observantias 
perquam utiles volentibus in eodem studio proficere idem Studium paterne 
soUicitudinis studio ordinavimus reducendum, und bringt nun die Statuten 
über die ganze Ordnung der Vorlesungen, welche zu dem Zwecke Peter, 
Bischof von Palestrina, entworfen hatte. 

Denifle, Die UniTersititon L 17 



258 m* Entwickelung der Hochscholen bis sam Ende des 14. Jhs. 

Toulouse^''). Der Bevormundung durch den Scholasticus wurden 
sie nun so weit möglich entzogen und auf eigene Füsse ge- 
steUt"*). 

Es ist klar, dass das Studium in Orleans seit der 1. Hälfte 
des 13. Jhs. vorzüglich als Rechtsstudium florierte. BonifazVIIL 
sagt zwar in seinem Schreiben, früher seien die verschiedenen 
Wissenschaften dort betrieben wordeii ; allein für seine Zeit spricht 
er nur vom Jus. Ebenso beziehen sich die Verordnungen 
Clemens V. ausschliesslich auf die Rechtswissenschaft, von einem 
Studium der lateinischen Poesie etc. ist keine Rede mehr; ja der 
Papst sagt widerholt, in Orleans habe litterarum Studium in 
utroque jure ac presertim civili laudabiliter ab antiquo 
geblüht*"). 

Daraus folgt zugleich, dass gerade das Studium des Rom. 
Rechts eifrig gepflegt wurde, was durch oben angeführte Do- 
cumente bestätigt wird*^^), und was sich noch weiter unten er- 
geben wird. Nun erhält der an erster Stelle herangezogene 
Act seine Bedeutung. 1235 oder noch 1234 ergeht nämlich an 
den Papst die Anfrage, ob in Orleans Vorlesungen über das 

^^) Cum igitur in Anrelianensi ciritate litterarum Studium in utroque 
jure ac presertim cirili laudabiliter riguerit ab antiquo . . . nos ipsnm . . . 
▼olentes opportunis confovere favoribus et presidiis communire . . . presen- 
tium auctoritate concedimus, ut doctores et scolares in dicto Aurelianensi 
studio nunc et in posterum immorantes habeant universitatem et coUegium 
regendum et gubernandum ad modum unirersitatis et coUegii generalis stndii 
Tholosani. Dicti quoque doctores condendi seu faciendi constitutiones, ordi- 
nationes et statuta provida . . . super modo eligendi rectorem, qui predictnm 
collegium et universitatem regat . . . liberam habeant facultatem . . . Gete- 
rum ut doctores et scolares predicti eo liberius valeant intendere studio et 
proficere in eodem, quo magis se munitos agnoverint gratia et favore, aucto- 
ritate apost indulgemus eisdem, ut . . . omnibus privilegiis, libertatibus 
et immunitatibus concessis doctoribus et scolaribus in Tholos. studio commo- 
rantibus gaudeant et utantur. Reg. Vat. an. 1 ep. 326 Bl. 64. Cod. Tat 
Reg. 405 BL 15a. Ygl dazu Bl. 18—21. 

1^) So im angefahrten Schreiben und ep. 292 Bl. 58a, sowie Cod. Yat. 
Reg. 405 Bl. 16 a. Am 30. Juni 1307 verfasste die Universit&t das Statut 
'de rectore eligendo et procuratoribus nationum'. Ibid. Bl. 24^- 

i^&) So in Tier Schreiben rom 27. J&nner 1306. Ygl. auch oben Anm. 
153 und S. 257 Anm. 151. 

1^) S. oben S. 252 ff. 



2. Hochschnlen ohne Stiftbriefe. Orleans. 259 

Römische Recht erlaubt seien, da sie in Paris verboten wären. 
Der Papst findet keine Schwierigkeit darin und ertheilt die Er- 
lanbniss. Soweit der Wortlaut jenes Documentes einen Schluss 
zulfisst, scheinen damals noch nicht zu viele Rechtslehrer und 
Rechtsschttler in Orleans gewesen zu sein^'^^), was wohl darauf 
hindeutet, dass die Legistenschule zu Orleans noch in den An- 
fingen war. Wie kamen nun die Legisten dorthin? 

Am 16. November 1219"') wurde von Honorius IIL das 
Schreiben nach Paris gesandt, worin er für Paris und die um- 
liegenden Städte alle Vorlesungen über das Rom. Recht ver- 
bietet Die Legisten, die sicher nicht in grosser Anzahl in Paris 
waren ^'0» mussten also bald darauf die Stadt verlassen. Ich kann 
mich da nicht des Gedankens erwehren, dass sie sämmtlich oder 
mehrere von ihnen nach Orleans gezogen sind und dort ihre Vor- 
lesungen in den nächsten Jahren über das Rom. Recht wider auf- 
genommen haben. Orleans war zudem 1229 mit Angers und Tou- 
louse einer der Orte, den die Pariser Magister und Scholaren bei 
ihrer Auswanderung vorzüglich aufsuchten. So würde es sich auch 
erklären, warum von jener Zeit an die Hauptstärke am Studium 
zu Orleans im Rom. Rechte lag. Sollte man darin eine Schwierig- 
keit finden, dass erst 1234—1235 vom Bischof von Orleans 
wegen der Zulässigkeit eine Anfrage geschah, so löst sich dieselbe 
dadurch, dass gerade im J. 1234 ein neuer Bischof den dortigen 

iW) Oben S. 253 Anm. 187. 

^^ So im Cod. 263 der Biblioteca Alcoba^a (in Biblioteca nacional zu 
Lissabon) ans der Mitte des 13. Jhs. (nach den Briefen des Peter Bles.) Das 
pipstlicbe Schreiben ist adressiert Dilectis filiis capitulo paris. et ceteris 
eedesianim prelatis et capitnlis in civitate ac diocesi Paris, constitutis . . . 
Siper tpelunea (1. $peeula). Dat. Yiterb. XYl kal. Decemb. an. 4^^. Sarigny 
meint, in der Wiener Hs. j. civ. 178 (jetzt 7219) sei dieselbe Bnlle nnd 
mit derselben Adresse datiert Y. Id. Maii an. 3. (Vermischte Schrift UJ, 
418 ty Allein Savigny wnrde falsch benachrichtigt. Die Bulle Super tpeeula 
findet sich nicht im Codex; die von ihm genannte ist jene bei Potthast 
n. 6061. In den Reg. Tat. Hon. an. 4. ep. 610 Bl. 143 b ist die Const Yen. 
firat . . Patriarche Antiochen. et nnirersis archiepiscopis et episcopis ac dil. f. 
ceteris ecclesiamm prelatis in patriarchatu Antiochen. constitntis adressiert 
mit Dat X. kaL Dec. 

IM) Darauf scheint mir anch der Umstand hinzudeuten, dass Innocenz III. 
im J. 1209 in der Adresse nur die rectores decretorum erwfthnt. S. oben S. 107. 

17* 



260 I^^' Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Bischofstuhl bestieg ^^^), und dieser eben bedeutend skrupulöser 
war als sein Vorgänger. Eine Schwierigkeit entstünde nur dann, 
wenn von 1219 oder 1220 an bis 1235 immer derselbe Bischof 
gewesen wäre. 

Eines ist aber sicher, dass das Generalstudium zu Orleans 
weder einen päpstlichen noch einen königlichen Stiftungsbrief 
aufweist. Als im Anfange des 14. Jhs., nämlich 180G, die Ma- 
gister sich dort zu einer Corporation verbanden, bestand bereits 
das Generalstudium, als solches war es wenigstens seit der 
1. Hälfte des 13. Jhs. anerkannt, und wird im Anfang des 
14. Jhs. bei allen päpstlichen und königlichen Bestimmungen 
vorausgesetzt. 

Der Zeitpunkt jedoch, in dem die Hochschule reorganisiert 
wurde und wie andere Generalstudien eine Universitas magi- 
strorum et scholarium erhielt, war zugleich der Moment, in dem 
dem ganzen Studium zu Orleans der Untergang drohte. Die 
Veranlassung dazu gaben König Philipp IV. und die Stadt, welche 
die der Schule gewährten Freiheiten nicht begiiffen. 

Der Stadt waren die den Professoren und Scholaren ertheilten 
päpstlichen Privilegien ein Dorn im Auge. Während im J. 1311 
dieselben eines Tages vor den im Kloster der Dominicaner 
versammelten Professoren und Scholaren zur Verlesung kamen, 
brachen mehrere Bürger dort ein, erlaubten sich Gewaltthaten 
und Drohungen um die Publicierung zu verhindern, und einige 
von ihnen sprachen offen aus, 'quod dicti scolares pacem cum 
ipsis civibus in perpetuum non haberent, nisi renuntiarent oorum 
privilegiis habitis et habendis'. Andere flössten den Scholaren mit 
den Worten Furcht ein : 'quod non erant nisi sexaginta novem anni, 
quod eorum antecessores interfecerant scolares et iverant ultra 
mare, qui postea redeuntes habuerunt pacem suam, et quod 
nunc hora vcniat quod ita fecerint'. Allerdings bestrafte der 
König am 29. März (1311) die schuldigen Büi'ger, wie aus einem 
Schreiben desselben vom genannten Tage, worin obige Thatsachen 
angeführt werden, hervorgeht **0- Allein die Erbitterung musste 

160) Er hiess Philipp (IL); sein Vorgänger, desselben Namens, war 
1221—1284 Bischof. S. Gall. Christ. VIII, 1464, 1462. 

161) Cod. Vat. Reg. 405 Bl. 33 b. Das Schreiben ist ausgefertigt Die 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 261 

doch auf beiden Seiten wachsen. Dem König lag daran, die- 
selbe zu heben mit der Absicht, beide Theile zu befriedigen. 
Aber abgesehen davon, dass sein Experiment zum momentanen 
Untergang der Universität führte, bewies er mit demselben, dass 
er von dem Wesen der Universitäten und der academischen 
Freiheit keinen Begriff hatte. 

Im Juli 1312 erliess er ein Schreiben, das seiner Intention 
nach wohl die Magna Charta der Hochschule werden sollte. 
Nach einer Einleitung über das Pariser Studium und die An- 
wendung des Rom. Rechts in Frankreich kommt der König auf 
den eigentlichen Gegenstand. In dem vom Papste den Doctoren 
und Scholaren von Orleans gewährten Privileg, eine autonome 
Universität bilden zu dürfen, sah er die Quelle alles Uebels 
und den Grund aller Störungen, deren, wie man nothwendig 
schliessen muss, ausser der genannten in jüngster Zeit nicht 
wenige auch unter den Doctoren und Scholaren selbst vor- 
gekommen waren. Er erklärt deshalb das päpstliche Privileg 
für nichtig. Die Doctoren und Scholaren dürften keine Universität, 
die ohnehin nicht seine Autorisation besitze, bilden, noch 
als solche handeln; sie sollten singulare Personen bleiben 
wie vor Empfang des päpstlichen Privilegs "^^). Doch will er, dass 
in Orleans das Generalstudium, vorzüglich im Jus canon. und 
civile, fortexistiere, nur verbot er, dass Theologiae Magistri creiert 
würden, 'ne detrahatur privilegiis Romane sedis studio con- 
cessis Parisius'. In einem Schreiben vom 17. Juli desselben 
Jahres hob er folgerichtig auch die nationum divisionem auf, 



Inno post fesium annunciationis dominice anno dorn. 1310. Beiläufig sei 
bemerkt, dass der Behauptung der Bürger gemäss, vor 69 Jahren hätten 
ihre Vorfahren mehrere Scholaren erschlagen, dieses Factum in das Jahr 
1241 — 1242, und nicht mit Matth. Paris (s. oben S. 252 Anm. 135) in das J. 
1236 zu setzen wäre. 

iß2j i\)\^, Bl. 30 b: inter doctores et scolares iuris canonici et civilis 
ibi studentes cernimus grave nuper scandalum suscitatum, videntes ex eo 
Studium iUud turbatum et impeditum cnormiter, ac nisi celeriter occurratur, 
prorsns quod absit in futurum posse destitui: universitatem huiusmodi, que 
causam huic prcstabat scandalo nee fuerat auctoritate nostra subnixa, toUi 
decrevimu«. Quod cnim hie favore studii fuerat dispositum, manifeste ten- 
debat ad noxium. S. auch Ordonnances des roys de France f, 502. 



262 m* Entwickelaog der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

und zwar weil sie Anlass zu Zwist biete, und viele berühmte 
Generalstudien deshalb zu Grunde gegangen seien ^^'). Eine seiner 
schlimmsten Verordnungen erfolgte im December desselben Jahres. 
Der König kommt darin auf die durch ihn erfolgte Aufhebung der 
Universität zurück, dann aber stellt er die Doctoren und Scholaren 
unter Polizeiaufsicht. Den Privöt macht er zum Conservator 
der königlichen Privilegien, welche die Doctoren und Scholaren so 
lange geniessen sollten, ^quamdiu ipsi ut persone singulares 
secundum antiquum modum in dicto studio se habebunt\ Da nun 
aber jüngst die Doctoren beider Rechte sich Studierende durch einen 
Eidschwur besonders auf die Beobachtung der von ihnen ver- 
fassten Statuten verpflichtet hätten, durch diese Handlungsweise 
aber seinem Willen entgegen gehandelt würde, ^cum per hoc 
indirecte statu universitatis eos appareat uti velle', so verbietet 
er dies für die Zukunft, indem er die Bailliven und den Privöt 
von Orleans beauftragt, darauf zu achten, dass von den Doctoren 
nie' mehr etwas ähnliches unternommen werde. Eventuell dürften 
sie auch die Doctoren vor ihr Gericht ziehen"*). 

Dass diese königlichen Bestimmungen nicht dazu angethan 
waren die erregten Gemüther zu beruhigen, versteht sich von 
selbst. Hatte es der König doch gerade auf die Professoren 
beider Rechte abgesehen, deren Privilegien er auf alle Magistri 
et scholares in theologia, grammatica ac logica legentes et stu- 
dentes Aurelianis ausdehnte"^). Offenbar wollte der König durch 
diese Verordnung Lehrer und Schüler aller Fächer nach Orions 
ziehen, um für die Doctoren beider Rechte ein Gegengewicht 
zu schaffen. Die Thatsache, dass der König der Schule doch 
viele Privilegien gab, wurde nun nicht mehr beachtet. Diese 
schienen viel geringer zu sein als jenes, das ihnen genommen 
wurde. Welche Befriedigung sollte den Professoren der ihnen 

1^) Cod. Yat. Reg. 405 Bl. 34 b. Ceterum nationum divisionem sen 
distinctionem propter pericula discordie, cedum et yulneram, qua facile con- 
tingere solent in stndiis nationum diTisionnm casum prestantinm, cnm con- 
gregantnr frequenter vel etiam convocantur, penitus prohibemns in studio 
memorato. Studia namque plura celebria prout accepimus ex hiis prorsus 
dissipata fuisse noscuntur. 

iw) Ibid. Bl. 81b. 

1«) L. c. 



2. Hochschulen ohne Stifthriefe. Orleans. 263 

versprocbene königliche Schutz auf ihrer Reise nach Orleans, beim 
dortigen Aufenthalte und der Rückkehr, sowie die Befreiung von 
den Abgaben^*') gewähren, wenn sie nicht einmal gesellschaft- 
lich vereint mit einander leben durften und jede gegen- 
theilige Regung denunciert und bestraft wurde? Was half es, 
dass die Bailliven und der Pr^vöt sowohl die Doctoren und 
Scholaren als auch die denselben gewährten Privilegien gegen 
die Stadt schützen sollten, wenn jene Gonservatoren der Privi- 
legien den Doctoren und Scholaren gegenüber doch wider die 
Stellung von Polizisten einnahmen? 

Die Privilegien waren auch theilweise im Widerspruch mit 
dem Verbote der Universität. In dem ersten Schreiben gewährt der 
König den Doctoren, dass sie Statuten machen dürften, und dass 
der älteste Doctor die Stelle des Decans vertreten solle ^^^). 
Allein um Statuten zu verfassen, mussten die Doctoren Versamm- 
lungen halten, und die Statuten selbst konnten nur den 
Zweck haben, dass sie für Alle bindend waren. In diesem Um- 
stände lagen jedoch alle Keime zur Bildung einer Genossenschaft, 
und hätten die Doctoren und Scholaren es auch mit bestem 
Willen verhüten wollen, so wären sie doch immer zum Eingehen 
einer Genossenschaft oder Universität gedrängt worden. Und 
gerade dies verbot der König in derselben Constitution. 

So unheimliche Zustände Hesse man sich dann nicht gefallen, 
wenn man den Polizeistock mehr gewohnt ist, nicht aber im 
Mittelalter, wo alle Schichten ein frisches freies Leben durch- 
drang. Philipp des Schönen Verordnungen für die Schule von 
Orions bekunden nicht bloss den Geist des Despotismus — 
dies wäre nichts Neues; Friedrich II. offenbarte in Bezug 
auf Neapel einen ähnlichen — , sie zeugen noch viel mehr für 
die Thatsache, dass der König die Idee der mittelalterlichen 
Universität nicht begriff. Mit seiner plumpen Handlungsweise 
steht Philipp der Schöne einzig in der Universitätsgeschichte 
des Mittelalters da. Eine hundertjährige Erfahrung gieng an 
ihm spurlos vorüber. Stellten sich einstens die Stadt Bologna und 

1^) L. c. Bl. 29 b des oben zuerst angeführten Schreibens, das ich die 
Magna Charta der Schale nannte. 
i«7) L. c. 



264 in. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

die Professoren den Scholarenverbindungen schroff gegenüber, 
so handelte es sich damals um etwas ganz Neues, um Scholaren- 
verbindungen und nicht um Genossenschaften überhaupt. Philipp 
der Schöne verbot ein aller Orten bekanntes Institut, nämlich 
die Genossenschaft der Lehrer und Lernenden. 

Sein Nachfolger Ludwig le Hutin wandte keine radicale 
Kur an. Er bemühte sich zwar am 10. Juni 1315, dass das 
von Philipp im J. 1311 gegen einige Bürger von Orleans erlassene 
Strafurtheil, wovon oben die Rede war, in Vollzug käme**'), 
und verfügte schon 11. Februar 1315 auf die Klage der Doctoren 
und Scholaren, der Pr6v6t 'comminari frequenter non veretur, 
quod ipsos (tarn scolares quam alios clericos) si deliquerint 
puniet ac banniet et expellat de civitate Aurel., sicuti foret Or- 
dinarius clericorum ipsorum, propter quod dicti clerici valde 
timent in dicto studio morari\ dass sich die Bestimmungen 
Philipps 'ad laicos solum et non ad clericos' zu beziehen haben. 
Die Studierenden könnten den apostolischen Constitutionen gemäss 
in Bezug auf die persone ecclesiastice den geistlichen Gerichts- 
stand haben ^*"). Allein im Wesen blieben doch Philipp des 
Schönen Verordnungen in Kraft. 

Die Doctoren und Scholaren hatten nichts mehr in Orleans 
zu suchen. Sie beschlossen die Stadt zu verlassen. Vor Ostern 
(11. April) 1316 verpflichteten sie sich gegenseitig durch einen 
Eid, nach dem Fest keinen scholastischen Act mehr in Orleans 
und dessen Vorstadt vorzunehmen, wenn bis dahin ihre dem Könige 
Ludwig vorgelegten Wünsche nicht erfüllt, und der gegenwärtige 
Pr6v6t von Orleans für immer entfernt wäre, Bürger und König 
ihnen das Genossenschaftsrecht erlaubt und der letztere alle 
bisherigen den päpstlichen Privilegien entgegenstehenden Ver- 
ordnungen aufgehoben hätte. Eventuell würden sie, soweit sie 
könnten, verhindern, dass OrK»ans künftighin Studien halber 
aufgesucht werde. Wer dieser Verordnung zuwiderhandle oder 
nicht schwören wolle, habe ihre Verachtung zu fürchten *'°). 



168) Ibid. Bl. 34 b. 

169) Ibid. Bl. 35 a. Ein Schreiben darin widerholt BL 41b. 

170) Die Juramenta erwähnt Johannes XXII. in einem Schreiben vom 15. 
Nov. 1319; Ego iiiro, quod nisi nobis fiat iusticia super articulis in inquesta 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 265 

Wäre der päpstliche Stuhl nicht seit dem Tode Clemens V. 
längere Zeit erledigt gewesen, so hätten sich die Professoren und 
Scholaren an den Papst wenden können, und es würde in Or- 
16ans nicht auf das Aeusserste gekommen sein. So aber waren 
sie jedes Schutzes beraubt. Am 27. Mai schlössen daher 
Rector, doctores ac universitas studii Aurelian. mit der Commune 
von Nevers einen Contrakt ab, dem zufolge sie Orleans ver- 
lassen und nach Nevers überziehen sollten ^^*). Ende Juli 1316 
war die Schule zu Orleans bereits aufgelöst und befand sich in 
Nevers. Dies erhellt aus dem Schreiben Philipps le Long (der 
erst zur Regierung gelangt war) vom letzten Juli genannten 
Jahres, worin er die *ruina Aurelian. studii, quod suo tempore 
inter cetera iuris civilis studia pollens noscitur claruisse et pene 
cuncta huius orbis climata radiis illustrasse sue doctrine' beklagt. 
Er wünscht die Widerherstellung, verspricht allen die in Orleans 
studieren wollten seinen Schutz, bestätigt alle von Philipp ge- 
währten Privilegien, und befiehlt dem Bailliv von fernem Feind- 
seligkeiten abzustehen ^^^). Allein mittels solcher Verordnungen traf 
Philipp ebenso wenig als sein Vorgänger den Kern der Sache. 

Die Widerherstellung der Universität zu Orleans ist gerade so 
ein Werk Johannes XXII., als die Gewährung des Universitäts- 
privilegs selbst ausschliesslich Clemens V. zuzuschreiben ist 
Die Zurückführung der Universität von Nevers nach Orleans war 
eine der ersten Sorgen Johannes XXII. nach seiner Besteigung des 
päpstlichen Stuhles. Wäre das Avignonesische Papstthum in der 
Weise von der französischen Krone abhängig gewesen, als man 
bisher gewöhnlich behauptet hat, so würde die ganze Sache einen 



contentis et propositis coram rege; item nisi prepositus qui nunc est amo- 
veatur perpetuo ab omni officio in BaUiva Aurelianen.; item nisi burgenses 
consentiant et rex permittat nos libere uti universitate, id est, quod rex 
amoreat perpetuo omnia impedimenta tam per predecessorem snum, quam 
per ipsom apposita contra pri?ilegia nostro studio a summo pontifice 
concessa: me de cetero post Pascha et in perpetuum nullum actum scolasti- 
cam Anrelianis nee in suburbio Aurelian. exercere legende Tel audiendo tan- 
quam doctor, bacallarius vel Scolaris publice vel occulte, donec predicta nobis 
faerint penitus adimpleta etc. Reg. Vat. Secret. tom. 2. ep. 616. 

171) Das Document bei Choppin, De domanio Franciae (Parisiis 1605) p. 690. 

172) Cod. Vat. Reg. 405 Bl. 35b. 



266 ^n. Entwickelaog der Hochschulen his lum Ende des 14. Jhs. 

ungünstigen Verlauf genommen baben. Zum Glücke stebt es 
jedoch anders. 

Am 7. Juli des Jahres 1317 beauftragte der Papst den Erz- 
bischof Raynaud von Bourges und den Mag. Johann Ghercemont 
Canonicus von Paris sich mit dem Bischöfe, den Procuratoren des 
Gapitels von Orleans, mehreren Bürgern, Magistern und Scholaren 
sowie Vertretern des Königs über die Mittel und Wege, das Stu- 
dium wider nach Orleans zu verlegen, so eilig wie möglich zu be- 
rathen und ihm darüber zu berichten '''). Unterdessen wandte 
sich der König an den Papst mit der Bitte um dessen Unter- 
stützung. Er sandte durch den Archidiacon von Orleans Amisius 
ein Schreiben an ihn, worin er ihn bat, die Universität aufzuheben 
und die Scholaren wegen des Eidschwures zu dispensieren. Dies 
war in Berücksichtigung der Lage der Umstände eine sehr ein- 
fältige Bitte, deren Gewährung nichts weniger als den gewünschten 
Zweck erreicht hätte. 

Der Papst sah klarer und weiter als der König und ant- 
wortete ihm am 6. Juni 1318, dass er seinem Wunsche in 
Betreff der Aufhebung der Universität, d. h. dass die Magistri 
und Scholaren keine Genossenschaft bilden dürften, nicht nach- 
kommen könne; er wolle jedoch einige Modificationen anbringen. 
Der Hauptpunkt derselben bestand darin, dass sich die Universität 
und deren Mitglieder um die Handlungen der einzelnen nicht 
im Namen der Universität annehmen dürften, ausgenommen, ein 
Bürger belange einen Doctor oder Scholar in einer Sache, welche 
die ganze Universität angehe. Jeder Rector müsse bei seinem 
Antritte auf diesen Punkt einen Eid ablegen. Der Papst ermahnt 
den König, auf seine Vorschläge einzugehen, hält ihm das Beispiel 
König Ludwigs des Heiligen und überhaupt seiner Vorfahren vor, 
^qui concessiones universitatum per Romanos pontifices in regno 
Francie plerisque factas studiis non reputarunt ad honus, nuUam 
super illis curarunt ingerere novitatem'. Bisher seien unter 
deren glücklichen Regierung die Studienanstalten im freien und 
ruhigen Genüsse der Universitäten gewesen*^*), mit einziger Aus- 

173) Beg. Yat. Secret. an. 1. 2. tom. 1 ep. 304. tom. 2. ep. 123. Commoo. 
an. 1. p. 1. ep. 1390 Bl. 397. 

174) Immo sab eorum et tao felici regimine usque in hodiernam diem 
stndia ipsa universitatibas ipsis libere ac pacifice petita fnernnt. 



2. Hochschulen ohne Stifthriefe. Orleans. 267 

nähme des Studiums zu Orleans, ^cuius dissipatio quantum incomo- 
ditatis attulerit, tuis ut credimus sensibus non ignotum existit' '^^). 
Dem König gefielen diese Vorschläge, wie er dem Papste 
durch Johannes Mandeville juris civilis professor berichten liess, und 
er bat ihn, bestimmt durch die Vorstellungen des Bischofes, Decans, 
Gapitels und der verschiedenen Orden, dass in Folge des Weg- 
ganges der Studierenden ^eorum ecclesie ceciderant in ruinam 
et divinum propter hoc diminuebatur officium in eisdem', er 
möge dafür sorgen, dass nunmehr seine Bestimmungen und 
Modificationen zur Ausführung kämen. Der Papst beauftragte 
damit den Gardinallegat Gaucelin am 15. November 1319 und 
ertheilte ihm nebst den nöthigen Instructionen die Vollmacht, 
die Studierenden von ihrem Eid zu lösen und ihnen die £r- 
laubniss zu geben nach Orleans zurückzukehren. Zugleich hält 
er alle Privilegien aufrecht, welche der Universität Clemens V. und 
seine früheren Vorgänger ertheilt hatten'^*). In zwei weitern 
Schreiben befiehlt er ihm die Scholaren von der Excommunication, 
in die sie möglicher Weise verfallen wären, loszusprechen"''). 
Nun erst, nämlich im April 1320, erliess auch der König ein Edict, 
worin er seinen Willen ausspricht, quod Aurelianis sit Studium 

175) Reg. Vat. Secret. an. 1. 2. tom. 1. ep. 817 Bl. 223b, tom. 2. ep. 
233: qood universitas ipsa, rector, doctores aut scolares iUius, de factis sin- 
gnlarium scolariam et doctoram oniversitatis nomine se noUatenns intro- 
mittant nee factum persone singnlaris alicuins de universitate iam dicta 
tamquam oniversitas prosequantur, nisi doctor vel Scolaris contra doctorem 
ant scolarem actionem aliquam civilem vel criminalem forsitan intentarent, qne 
totam oniversitatem tangeret manifeste. Et hoc quilibet rector seu decanos 
universitatis ipsins in novitate creationis sne proprio firmare tenebitur iora- 
mento. Set et qnilibet canonicos civis vel incola civitatis Aarelianen, contra 
ringulos doctores, baccalarios sen scolares studii memorati in singolis eomm 
cansis ipsos singulariter contingentibas habere poterit consiliarios sen ad- 
vocatos de nnifersitate predicta, dummodo placeat consiliariis vel adfocatis 
eisdem etc. Die Taxierung der Wohnungen überlässt er dem König. Wer 
nicht Scholar ist, kann nicht vor dem Rector oder den Decanen und Con- 
serratoren zu Gericht gezogen werden, sondern nur vor dem eigenen Richter. 
Das Waffentragen ist den Scholaren durch die Stadt verboten. 

^7*) Reg. Yat. Seeret tom. 2. ep. 616. Hier auch das Schreiben an 
den König inseriert 

177) Ibid. ep. 615. 617. Dieselbe Vollmacht erhielt am 1. Februar 1321 
der Bischof von Orleans. Reg. Yat. Com. an. 5. p. 1 ep. 380 Bl. 189. 



268 in. EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des U. Jhs. 

generale, und die Bedingungen aufstellt, unter denen die Doctoren 
und Scholaren dort studieren könnten. Diese sind buchstäblich 
identisch mit jenen, die der Papst am 6. Juni 1318 ihm vorge- 
schlagen und deren Approbation der König im nächstfolgenden 
Jahre nachgesucht hatte*'®). Nach einem Schreiben des Papstes 
an den Cardinallegaten Gaucelin vom T.Juni 1320 zu schliessen 
waren damals die Studierenden von Nevers, wo es ihnen ohnehin 
nicht gut gieng*^'*), bereits zurückgekehrt *'°). Schon 24. August 
1320 statuierten die Juristen in Orleans eine Lectionsordnung***). 
Am 3. Jänner des nächsten Jahres beauftragte der König den 
Bailliv einen Eid auf die Beobachtung der vom König und dessen 
Vorfahren den Doctoren und Scholaren gewährten Privilegien in 
deren Gegenwart abzulegen und dieselben zu beschützen***^). Der 
Papst aber dispensierte am 7. Mai 1339 die Studierenden auf 
5 Jahre von der Residenzpflicht '*^). 

Aehnlich wie gerade ein Jahrhundert vorher die Scholaren 
von Bologna konnten sich jetzt gewiss auch die Magister und 
Scholaren von Orleans zu dem von ihnen errungenen Sieg 
Glück wünschen. Eine neue Epoche brach nun für die Schule 
an, die glänzendste während ihrer langen Existenz'®*). Die Sta- 



178) Cod. Vat. Reg. 405 Bl. 29a. 

^'^) S. Coquüle, Histoire du pays et duch6 de Nivernois, Paris 1612, 
p. 373. Als Grund des Auszuges der Studenten von Orleans gibt aber der 
Autor irrig an, Johann XXII. habe die Stadt mit dem Interdict belegt. S. 
p. 372. Defrasnay, Essai sur Phistoire du Nivernois im Mercure de France, 
Septembre 1738 — Avril 1739 geht nicht so weit. 

180) Reg. Vat. Secret. tom. 2 ep. 570. 

181) Cod. Vat. Reg. 405 Bl. 40 a. Die Professoren heisscn: Stephanus 
Bellicognati (rector univers.), Johann Vehein, Jordan Galofre, Wilhelm Ri- 
cheline, Johann GastcUi, Radulph Nigri, Ivo Canonici, Peter de Cappis, Gne- 
rin Cordelle, *iuris civilis professores Aurclianis ordinarie actu regente8\ 

182) Cod. Vat. Reg. 1. c. Bl. 42a. 

183) Reg. Vat. Joh. XXII. Comm. an. 18 p. 1. ep. 624. 

i8<) Der Umstand, dass man über die erste so interessante Periode 
dieser wichtigen Universität bisher wenig wusste, veranlasste mich ausführlicher 
zu sein. Le Maire 1. c. p. 332 ff. 338 ff. 372 f. vermengt Falsches mit Wahrem 
und citiert nie die Quenen, die er kannte. Bimbenet^s Histoire ist in Bezug 
auf die Geschichte der Universität ganz unbrauchbar. Savigny wusste eigent- 
lich gar nichts. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Orleans. 269 

tuten ^^^) und die ganze Organisation sind nicht weniger inter- 
essant als die Geschiebte der Entstehung. 

Die Universität schickte öfters ihre ßotuli an den heiligen 
Stuhl ein, von denen mehrere im Vat. Archiv existieren'*''). 
Einer der vollständigem ist jener vom J. 1394, an den Gegen- 
papst Benedict XIII.^^'). Es werden darin 4 legum professores 
und 3 Canonisten erwähnt. Von den licentiati presentes sind 
59 in legibus und 23 in jure can., ausserdem werden 13 licen- 
tiati in utroque jure genannt. Absentes werden 125 erwähnt. 
Von den Baccalaurei presentes sind in 5. anno lecture 8 in le- 
gibus und 1 resp. 3 in jure can.; in 4. anno 22 in legibus und 
4 in jure can.; in 3. anno 40 in legibus und 4 in jure can.; in 
2. anno 39 in legibus und 5 in jure can.; im 1. Jahre 36 in 
legibus und 22 in jure can. Baccalaurei absentes werden 73 
aufgezählt. In den 5 Jahrgängen***) haben nicht weniger denn 
368 einfache Scholaren beider Rechte um Gnaden und Beneficien 
bei Benedict XIII. angehalten; allein auf das 1. Jahr entfallen 
141 Scholaren. Im J. 1343 waren in Orleans wenigstens 8 legum 
doctores, 3 doctores utriusque und 2 decretorum'*®). 

18^) Zu ihnen gehören auch mehrere Verordnungen Clemens V. und 
Philipps des Schönen, die ebenso wie die ganze Organisation im zweiten 
Bande zur Sprache kommen werden. 

i^ß) Suppliken kommen schon frühzeitig vor, z. B. in Clemens VI. Reg. Suppl. 
an. l.p. l.Bl. 99a; p. 2B1. 73a. 81b; an. 3. p 1 Bl. 79a; p. 2 Bl. 50b;an. 4. p. 
1 Bl. 50b;an. 5p.3Bl. 9b. UrbanV.an. 1 p 2B1. 12; an 3 p. 2 BL 189a. Die 
fast ständige Phrase lautet: Rector et coUegium universitatis studii Aurelianen- 
sis. Rotuli finden sich unter anderm in Reg. Suppl. Clem. VI. an. 8. p. 2. Bl. 18. 
Hier werden 5 legum doctores erwähnt, ürbani V. Reg. Suppl. an. 1. p. 2. 
Bl. 12. an. 3 p. 2 Bl. 189. Reg. Suppl. Clcm. VII. an. 14. Bl. 186. Dann Clem. VII. 
mit Signatur Homus unicus^ aus dem 1. Jahre ; der Rotulus ist sehr bedeutend. 

18') Reg. Suppl. Bened. XIII. an. 1 p. 6 Bl. 121— 209a. 

1^) In Reg. Suppl. Clem. VII. tom. unic. werden sowohl die Baccalaurei 
als die Scholaren vom G.Jahre an gerechnet. Bei erstem heisst es : Baccal- 
larii in sexto volumine sue lecture existentes; bei letztern: Scolares in sexto 
yolnmine sue auditionis existentes. 

183) Reg. Suppl. Clem. VI. an. 2. p. 3 Bl. 170a. Die legum doctores 
hiessen: Bernard de Coulasone, Phil, de Tribus montibus, Anselm ds Sal- 
nus(?), Sancius Liberge, Guigo de Godeto. Andraeas Ruffi, Peter de Serrone, 
Phil, de Tienvilla. Die doctores utriusque: Stephan Bellicoguati, Matthaeus 
Colheta, Stephan Rogerii. Die doctores decret.: Johann Caneti, Robert de 
Chanuleya, 0. S. B. 



270 ^* £ntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Angers. 

An Orleans reiht sich unmittelbar Angers an. Wie dort 
so war auch hier das frühere Studium verschieden von dem 
spätem. Das eigentliche Studium generale war eine Rechtsschule, 
während die alte Schule von Angers nichts weniger als der Rechts- 
wissenschaft ihren Ruhm zu verdanken hat. Wann begann nun 
aber die Rechtsschule, d. h. das Studium generale? 

Der gewöhnlichen Angabe zu folgen, dasselbe sei zu Angers 
1364 gegründet worden, geht nicht an, denn wie wir sehen 
werden, sind alle Privilegienbriefe jener Epoche keine Stiffc- 
briefe; im Gegentheile setzen sie die Stiftung voraus. Zudem 
wird das Studium schon 1337 vom Bischöfe Fulco ganz un- 
gesucht als Studium generale bezeichnet, dem als caput studii 
der Scholasticus Andegavensis vorstehe"®). 

Wie weit zurück das Rechtsstudium zu Angers datiere, kann 
nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Die Statuten vom J. 1373 
berufen sich auf einen vom Bischöfe Ulger eingeführten Usus, 
wonach die Bedelle des Studiums bei Gelegenheit der Promotionen 
auf Kosten des Bischofs gespeist werden sollten"*). Ulger war 
vom J. 1124 bis 1148 oder 1149 Bischof von Angers. Lässt 
man nun auch dahin gestellt, ob sich die Universität nicht im 
J. 1373 geirrt habe, so würde es sich noch immer fragen, ob 
denn zur Zeit Ulgers Promotionen im Rechte vorkamen. Dies 
muss um so mehr verneint werden, als in jener Zeit überhaupt 
noch keine förmliche Promotionen, das Examen abgerechnet, an 
irgend einer Schule statthatten. Was nun das Rechtsstudium 
zu Angers anbelangt, so finde ich wenigstens bis in die erste 
Hälfte des 13. Jhs. keinen Anhaltspunkt zum Schlüsse, dass in 
Angers ein solches existiert hätte, wenngleich für die Artes dort 
seit langem ein Studium blühte. 

1^) S. das Document hei Rangeard, Histoire de Paniversit^ d' Angers, 
puhl par Lemarchand. Angers 1872, II. p. 196 ff. Dieses Werk im vor. Jh. 
verfasst, tthertrifft hei weitem die meisten Monographien Qher einzehie 
Universitäten an Gründlichkeit und Yerstftndniss. Ich glanhe aber in Deatsch- 
land der erste zu sein, der es citiert. Durch dieses Werk wird die ältere 
Dissertation in Pririlöges de l'universitö d* Angers (1736), obgleich sie manches 
Wahre und Nützliche enthält, Qberflüssig gemacht. 

191) 8. Rangeard II, 223; I, 100 ff. 



2. Hochschalen ohne Stiftbriefe. Angers. 271 

Im J. 1236 bestimmte die Synode von Tours, dass die Ad- 
Yocaten, welche oft unwissend seien, drei Jahre, die Officiales aber 
fünf Jahre Jus studiert haben müssten, ehe sie angestellt werden 
könnten^*'). Es mag sein, dass in Folge dieses Beschlusses das 
Rechtsstudium zu Angers, das zur Kirchenprovinz Tours gehörte, 
in Aufnahme kam. Wahrscheinlich befanden sich dort bereits 
Rechtslehrer, die sich sei es im J. 1219 - 1220, sei es im J. 1229 
von Paris, sei es überhaupt von Bologna aus, angesiedelt hatten. 
Sicher ist, dass Angers bei der Pariser Auswanderung im 
J. 1229 die grösste Zugkraft ausübte, was sich nicht bloss aus 
Matth. Paris, sondern auch aus gleichzeitigen päpstlichen Schreiben 
und andern Quellen ergibt*"), lieber die Rechtslehrer jedoch, 
die in diesem Falle nur Canonisten hätten sein können, lässt 
sich beim Mangel an Urkunden nichts Bestimmtes behaupten**^). 

Thatsache ist aber, dass im weitern Verlaufe des 13. Jhs. 
das Rechtsstudium zu Angers ziemlich blühend gewesen sein 
muss. Ich will kein Gewicht legen auf die Anwesenheit des 
Otho de Fontana juris civilis professor docens Andegavi im 
J. 1243*"). Viel bedeutender ist der Umstand, dass im Cod. 
Paris, 11724 bei den Questiones disputate Andegavis nicht weniger 
denn sieben Rechtslehrer genannt werden"*). Ungefähr in derselben 



1») Mansi, SS. Concil. coli. XXUI, 412 n. 2. 4. 

1^) Wegen Matth. Paris s. oben S. 246. Am 10. Mai 1280 schrieb 
Gregor IX. 'magistris et scolaribus Parisius et Andegavis conunorantibns' in 
Sachen der Anflösnng der Pariser Universität (Reg. Yat. an. 4 ep. 19 Bl. 13a); 
am 5. Mai des nächsten Jahres handelt es sich in einem päpstlichen Schreiben 
nur um Magistri artiam et phisice, die in Paris die Licenz erhielten, und 
nunmehr nach der Aaswanderang sich in Angers und Orleans aufhielten. 
Da Boalay III, 146. Auch Albert von Stade (Mon. Germ. SS. XYI, 360) 
and Yincenz von Beaavais (Spec. bist. 1. 30 c. 137) erwähnen nar Angers. 
Das zaerst citierte päpstl. Schreiben findet sich aach bei Balaze Mise. ed. 
Mansi III, 392 nnd Potthast n. 8551. 

^^) Aach das Yatican. Archiv liess mich hier im Stiche. 

i»5) S. Rangeard 1. c. II, 178. 

19^ Von 61. 101 b an. 6. de Rothomago, Rufinas Lambardas, Gervasias 
de Clisant, Gaillelmas de Ruis, Simon le Lormier, Ricardas de Piris, B. de 
Bralia. Die Quaestionen beginnen : Incipiant questiones disputate Andegavis. 
In der Regel werden sie von dem betreffenden Professor eingeleitet, i. B. 
lata qaestio fuit a Dom. G. de Rotomago terminata. Oder: Magister Ra- 



272 ni. Eutwickelang der Hochschulen his zum Ende des 14. Jhs. 

Epoche waren auch die Scholaren sehr zahlreich, und bildeten 
vielleicht mit den Professoren eine Corporation. Im J. 1279 
wandten sie sich nämlich im Vereine mit den Bürgern an 
Karl I. von Neapel, um mehrere Privilegien zu ihren Gunsten 
zu erhalten, die sich auf die Stadtpolizei bezogen, was der 
König, oder vielmehr der Graf von Anjou, gewährte**'). Wie 
sich aus dem Vidimus Karls II. vom J. 1289 ergibt, gieng die 
Bitte vorzüglich von den Fremden, die sich in der Stadt auf- 
hielten, sowie von den Scholaren aus^'*). Einen grossen Auf- 
schwung nahmen die Studien zu Angers unter dem Bischof 
Wilhelm le Maire, 1291—1314, dem eben die Sorge für die- 
selben eine Herzenssache war. War er es doch*'*), welcher auf 
dem Concil von Vienne im J. 1311 es heftig beklagte, dass 
viele oft unfähige Geistliche mehrere Beneficien, manchmal so 
gute, dass sie damit fünfzig oder sechzig arbeitsame, gelehrte 
Personen zur Genüge unterstützen könnten, inne hätten. Die 
Folge davon sei die 'enervatio et dissipatio studiorum, que mo- 
dernis temporibus ubique terrarum depereunt propter hoc, quod 
bonis Scolaribus exercitatum Ingenium habentibus provideri non 
potest per prelatos' *^**). Zu seiner Zeit war der Scholasticus 



finas Lambardas terminavit istam questionem etc. Von den genannten Pro- 
fessoren waren einige Civilisten, andere Canonisten. Die Schrift dieser Ab- 
theilung des Codex ist aus der 2. Hälfte des 13. Jhs. 

^^7) Es ist nur das Vidimus Karls II. bei Rangeard II, 180 ff. erhalten. 
Im J. 1329 bestätigte Philipp VI. von Frankreich den Act. Ibid. p. 194. 

198) Der König sagt nämlich: Nous, attendanz . . . susditz statutz estre 
honorables a nous et proufitablcs a nostre cite d'Angers dessusdite et aulx 
escolliers et aulx aultres estrangiers demenrans en icclle etc. L. c. p 182. 

199) Raynald, der in seinen Ann. ad an. 1311 n. 54 ff. einen grossen 
Theil jener Klage aus dem Cod. Vat. 4177 ediert hat, wusste nicht den Ver- 
fasser anzugeben. Noch weniger natürlich Haur^au in der Gall. Christ. 
XIV, 577. Rangeard wurde bereits im vor. Jh. auf den wahren Autor, 
nämlich den oben genannten Bischof, geführt durch die handschriftlich vor- 
handenen Acten desselben. S. I, 197 f. II, 129. D'Achery publicierte in seinem 
Spicil.^ I, 735 einen Theil der Acten dieses Bischofs. 

«>0) Raynald 1. c. n. 61. Cod. Vat. 4177 Bl. 4b. Die Rede hielt, wie 
es scheint, der Bischof in der 1. Sessio, Octob. 1311. S. ibid. Bl. la. 



2. Hochschulen ohne Stifibriefe. Angers. 273 

das Haupt des Studiums, bereits ein Doctor der Rechte. Um 
den Streit mit den Officialen Karls von Valois zu schlichten, 
bestellte der Bischof nicht weniger denn sieben Rechtslehrer des 
genannten Studiums"^). Von diesem Zeitpunkte an werden die 
Documente in Bezug auf das Rechtsstudium zahlreicher. Aus 
dem J. 1316 existiert ein Mandatum officialis Andegav. unter 
andern doctoribus ordinarie Andegavi regentibus tam in jure 
canonico quam civili adressiert'**^). Im Jahre 1337 finden wir 
das erste Mal das Studium mit dem Ausdrucke Studium generale 
bezeichnet, und es erhellt aus dem Actenstücke, dass die Schule 
von jeher sich in einem guten Zustande erhielt"'). Dank der 
Sorge des Scholasticus, dessen Amt es sei 'Studium ordinäre, et 
eiTata corrigere in eodem quantum spectat ad actus scolasticos 
et scolasticam disciplinam'. 

Aus den Suppliken, die von Angers im J. 1342 an Clemens VI. 
eingesendet wurden, und in denen 'Robertus Surdi, doctor legum 
neenon in jure can. licentiatus' erscheint, muss man schliessen 
es sei dort schon lange promoviert worden"*). Der Scholasticus 
et Studium Andegavense wandten sich auch im 2. Jahre des 
Pontificats Clemens VI. mit einer Supplik"*^) an ihn, und 1350 
wird von den Promotionen im Jus wie von einer längst her- 



201) Rangeard I, 187. 

20S) Ib. II, 192. Vgl. auch ein Document aus dem J. 1317 ibid. p. 194. 

^ Bischof Fulco sagt nämlich unter anderm: In mente revolvimus 
statum honorabilem et antiquum Andegavensis studii generalis, de cujus 
lactis dulcedine tot boni juvenes educati fuerunt, et in quo tot boni yiri, 
ducum, comitum, et aliorum principum et baronum fratres, filii et nepotes 
et alto sanguine derivati retroactis temporibus studuerunt et Student etiam 
his diebus. Rangeard II, 197. 

20*) Reg. Suppl. an. 1. p. 1. Bl. 271. Der genannte Professor las *per 
continuum septennium in legibus ordinarie in Andegavensi studio. Ein an- 
derer wird als licentiatus in legibus und Scolaris in jure can. erwähnt, u. s. w. 
8. auch Reg. Yat. Avenion. Clem. VI. (an. 4.) tom. 30 Bl. 165 a. Wenn 
übrigens Gabriel de la Roche Maillet im Th^atre geographiqne du royaume 
de France (Paris 1632) versichert, Clemens VI. habe 1350 die Privilegien 
des Studiums bestätigt, so kann ich für gewiss hinsteUen, dass sich eine 
solche Bulle weder in Angers noch im Vaticanischen Archiv findet. S. auch 
die oben citierte Dissertation p. 13. 

20S) Reg. Suppl. an. 2. p. 1. Bl. 121 (im 2. Theil). 

Denifle, Die UniTeraiitten I. 18 



274 II^- Entwickelung der Hochschulen bis y.nm Ende des 14. Jhs. 

gebrachten Sache gesprochen"*). Wegen der Pest war jedoch 
damals das Studium wie überall in Abnahme. Doch 1356 be- 
stätigt Konig Johann von Frankreich den Scholasticus, doctores, 
licentiatos et bachalarios ac omnes et singulos scolares studii 
Andegavensis in allen Privilegien und Freiheiten, die sie und 
ihre Vorfahren ab antiquo hatten'"). Im J. 1361 gründet 
Wilhelm Georges, clericus Andegavensis, quatuor bursas quatuor 
scolarium perpetuas, die in einem von ihm erbauten Hause 
wohnen sollten. Sie müssten habiles sein ad studendum et pro- 
ficiendum in facultate legali vel canonica"®). Das Jahr darauf 
wandte sich der Scholasticus et universitas studii Andegavensis 
an ürban V. mit der Bitte, er möge eidem studio gewähren, 
^ut in eodem studio studentes fructus quoscunque beneficiorum 
possint percipere' als würden sie residieren, und zwar auf drei 
Jahre. Ausserdem baten Genannte um Beneficien für Mitglieder der 
Universität"'). In dem natürlich nur einen geringen Theil der 
Universitätsmitglieder umfassenden Rotulus werden ein Legum 
doctor, 6 licentiati in utroque jure, 12 licentiati in legibus (von 
denen viele in artibus graduiert waren), 5 licentiati in decretis, 
13 baccalarei in legibus und 6 in decretis genannt. In einem 
Nachtrage sind noch ein licent. in legibus, und je drei bacca- 
larei in legibus und in jure can. erwähnt'^**). 

Am 25. Jänner 1363'**) gewährte Urban V. omnibus et sin- 
gulis personis ecclesiasticis, que in dicto studio et civitate 
Andegav. in quacunque facultate licita studebunt et legent, 
auf drei Jahre das Privileg, abwesend von ihren Kirchen ihre 
Beneficien behalten zu dürfen'*'), was er im J. 1366 auf weitere 



S06) Rangeard II, 199 ff. 

«07) Ibid. II, 204. 

8«8) Ibid. II, 205 ff 

209) Urbani Y. Reg. Soppl. an. 1. p. 2 Bl. 120a. Hier findet sich n&m- 
Kch der Rotulus studii Andegavensis. 

»10) Ibid. Bl. 57 a. 

311) Nicht 1362, wie Rangeard II, 208 und I, 241 meint. Das Schreiben 
ist 8. kal. Febr. an. I ausgestellt, wie sich auch aus dem oben angefahrten 
Rotulus ergibt. 

213) Bei Rangeard II, 208. 



2. Hochschalen ohne Stiftbriefe. Angers. 275 

drei Jahre ausdehnte^*'). Es ist dies, soweit bekannt, das erste 
der Universität gewährte päpstliche Privileg. Daraus ergibt sich 
zugleich, dass der Papst indirect das Studium des röm. Rechts 
den Priestern erlaubte, denn in jener Zeit war Angers fast aus- 
schliesslich eine Rechtsschule. Unter den im Rotulus vom 
J. 1362 notierten 44 Universitätsmitgliedem war nur ein ein- 
ziger magister in artibus et in medicina, alle übrigen licentiati 
oder baccalarei in legibus oder in jure canonico ausser einem 
actu regens in legibus. Jedoch ein Actenstück des Jahres 1339 
lässt noch einen viel weitern Schluss zu. Das Capitel der 
Kirche von Angers erlaubte den jungen Canonikem die täg- 
lichen Distributionen fortzubeziehen, sollten sie auch zur Zeit 
des pflichtmässigen Chores in der Schule sein'**). Die täg- 
lichen Distributionen waren sonst immer ausgenommen, und das 
Capitel konnte überhaupt eine Erlaubniss sowohl in Betreff der- 
selben als für das Rechtsstudium nur geben, wenn es vom Papste 
ermächtigt war. Gregor XI. bewilligte am 22. April 1371 uni- 
versis doctoribus et magistris et scolaribus studii Andegav. das 
Privilegium fori, d. i. non trahi extra civitatem Andegaven'**), 
am 21. Jänner 1377 aber nahm er ihre Privilegien und Frei- 
heiten, die sie ^tam ab homine quam a jure' erhalten hätten, 
in denen sie aber oft gedrückt würden, in Schutz***). Während 
des gleichen Zeitraumes, nämlich im Juli 1364, ertheilte König 
Karl von Frankreich auf Bitten Ludwigs L, Herzogs von Anjou, 
der Universität Angers alle Privilegien, welche die Könige der 
Universität Orl6ans gegeben hatten '*0. 

Aus dieser Darlegung ergibt sich, dass sich die Rechtsschule 
zu Angers als Generalstudium seit ungefähr vor Mitte des 13. Jhs. 
ohne jeden päpstlichen oder landesherrlichen Stiftbrief entwickelt 
hat. Es ist falsch, mit Du Boulay*") den zuletzt genannten 

213) Ibid. p. 214. 

21^) RaDgeard I, 2171 Dies wurde im J. 1368 nur widerholt. S. ibid. 
II, 215. 

81*) Reg. Vat. Ind. et Privil. an. 1. ep. 610 BL 154a. 

916) Reg. Vat. Bull, divers, an. 6 (n. 288) Bl. 146 a. 

917) Bei Rangeard II, 21 Off. I, 250 ff. findet sich eine genaue Ausein- 
andersetzung derselben. 

918) Bist univ. Paris. lY, 381. Allerdings muss man aus dem Index 

18» 



276 in. Ent Wickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Act des Königs von Frankreich als Gründungsact der Universität 
anzusehen, denn davon ist im Documente keine Rede. Das Stu- 
dium selbst wird durch jenen Act nicht im geringsten berührt 
Der König ertheilt die Privilegien nur deshalb, damit die 'stu- 
dentes ibidem ab omni adversitate liberi et ab omni perturbatione 
securi liberius et utilius studere valeant inconcussi"*'). Durch 
die Gewährung solcher Privilegien wurde ebenso wenig Angers 
als Orleans oder ein anderes Studium zum Generalstudium er- 
hoben. Avignon war 1303 als Generalstudium gegründet, und 
doch gab demselben erst Johann XXin. im J. 1413 alle Pri- 
vilegien der Universitäten von Toulouse und Orleans "°). Mont- 
pellier erhielt 1289 das päpstliche Privileg; allein nicht vor 
17. December 1421 wurden der Universität alle Privilegien der 
zwei Universitäten Toulouse und Orleans von Martin V. er- 
theilt"^). So existierte das Studium zu Angers, als es die 
Privilegien erhielt, bereits ex consuetudine als Generalstudium, 
die consuetudo hatte dann die Privilegien zur Folge. 

Aehnlich wie Orleans bestand also Angers, wenn auch nicht 
in gleicher Blüthe, ungefähr seit der 1. Hälfte des 13. Jhs. als 
Rechtsschule, und zwar speciell als Schule des röm. Rechts, so 
dass die andern Fächer immer mehr in den Hintergrund traten. 
Darauf sowie auf die nicht geringe Blüthe des Studiums lässt 
auch ein im J. 1378 an den Gegenpapst Clemens VU. einge- 
sendeter Rotulus schliessen. In diesem erscheinen nebst dem 
Scholasticus , der decretorum doctor ist, 8 professores juris 
utriusque, 2 legum, und ebenso viele decretorum docto- 
res'"). Ausserdem 72 licentiati, 284 baccalarei, sei es in 
legibus, oder in decretis, und 190 Scholaren. Von gerade 
damals Abwesenden werden ein professor juris utriusque und 

(Univers. Andegav.) verglichen mit p. 319. 320 wider schliessen, dass er 1350 
als Gründungsjahr annehmen will; das ist aber ebenso grundlos. 

219) S. bei Rangeard II, 213. 

220) Laval, Cartulaire de l'universit^ d'Avignon (Avignon 1884) I, 41. 44. 

221) S. Germain, Hist. de la commune de Montpellier III, 391 Anm. 2. 

222) Scholasticus war seit 12 Jahren Petrus Bertrandi. Die doctores 
J. U. hiessen : Gaufrid Guillopni, Radulph de Caradonc, Johann de Escherbeyo, 
Peter de Corceyo, Gaufrid le Bouteiller, Stephan Diglier, Johann de Varenis, 
Hugo de Keroulay. Die legum doctores : Johann Flandini, Briencius Prioris. 
Decretorum doctores: Johann de Benayo, Guido de Meduana. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padua. 277 

ein decretorum doctor, sowie 20 licentiati in legibus und 10 in 
decretis, 15 in utroque und 30 baccalarei genannt'"). 

Ziemlich spät, wenn man von der oben genannten durch 
Wilhelm Georges gegründeten Burse absieht, erhielt Angers 
Collegien für arme Scholaren. Das erste ist das 1408 von 
Johann Verrier für nur vier Studierende des Jus civile gestiftete. 
Es hiess College de la Fromagerie"*). 

Padua. 

In diesen Zusammenhang gehören auch mehrere italienische 
Universitäten, von denen einige ihren Ursprung einer Aus- 
wanderung von einer anderen Schule zu verdanken haben. Vor allen 
Padua. Alte Schriftsteller berichten, im J. 1222 sei das Studium 
der Scholaren von Bologna nach Padua transferiert worden"*). Un- 
richtig ist in dieser Notiz nur, dass 'das Studium', d. i. also das 
ganze Studium transferiert worden sei. In Bologna blieb immer- 
hin noch ein grosser Theil der Scholaren zurück, die, wie wir 
oben gesehen haben, im J. 1224 an Honorius lU. gegen die Stadt 
appellierten. Nicht weniger irrig ist die Meinung, Friedrich IL 
habe 1241 oder früher das Studium von Bologna nach Padua verlegt, 
eine Ansicht, die heute wohl keine Vertretung mehr findet"**). 

Aus der ersten Zeit der Hochschule sind uns nicht bloss 
einige Namen von Professoren aufbewahrt — dies wäre nicht 
viel, denn solche finden sich schon aus früherer Epoche'") — , 

»«) Clem. VII. Reg. Suppl. an. 1. p. 7. Bl. 152 a 193 b. Ein nicht un- 
bedeutender Botulus ibid. an. 14. p. 2 Bl. 201. 

^*) Rangeard I, 430. IJ, 273, wo die Gründungsurkunde, p. 279, wo die 
Bestimmung des Bischofs Harduin vom J. 1412 über die CapeUe des CoUegs 
sich findet. 

"») So anonyme Chroniken bei Muratori, Rer. ital. SS. VIII, 371. 421. 
459. 736. Sonderbar genug lässt Meiners I, 63 die Hochschule zu Padua 
einerseits aus sich selbst entstehen, andererseits durch Auswanderung aus 
Bologna gegründet werden. Engelberts von Admont Behauptung, erst c. 
1274 sei das Studium von Bologna nach Padua verlegt worden (bei Pez, 
Thes. anecd. nov. I, 430), hat bereits Tiraboschi, Storia della lett. ital. IV, 
56 gehörig beleuchtet. 

225«) Vgl. jedoch Cenni storici sulla r. universitä di Padova (1873) p. 8. 

^^) Bereits im J. 1165 wird ein Rechtslehrer, Gerardus Pomadellus 
Marosticensis genannt, der 'regebat in legibus in domo Martini de Gosse 
jnxta majorem ecclesiam Paduanam'. Facciolati, De gymnasio Patavino synt. 



278 m. Entwickelnng der Hochscüulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

sondern wir wissen aus sichern Nachrichten, dass nicht wenige 
Professoren beider Rechte und anderer Fächer sich dort in 
Mitte einer grossen Schülerzahl aufgehalten haben "^). Ein Er- 
eigniss des Jahres 1228 zeigt uns aber die Hochschule in voller 
Blüthe. 

Im genannten Jahre schlössen Abgeordnete der Stadt Vercelli 
mit den Rectoren resp. Procuratoren der Scholaren zu Padua 
einen Contrakt auf acht Jahre ab, wonach die Stadt den Scho- 
laren und der Universität 500 der besten Wohnungen versprach, 
deren Miethpreise zwei Scholaren und zwei Bürger bestimmen 



XII. (Patav. 1752) p. 9. Er war 1169 schon Bischof von Padua, und sein Vor- 
gänger Cazo wird ebenfalls sacroruro canonum doctor genannt. Ich hegreife nicht, 
warum Savigny III, 276 Anm. a besonders zu betonen sich veranlasst ftthlt, 
dass die Vorlesungen nur eine vorübergehende Unternehmung ohne bleibende 
Folge waren. Wenn bis 1222 ununterbrochen Rechtslehrer in Padua ge- 
lehrt hätten, 80 wären deshalb noch nicht ein Generalstudium dort gewesen, es 
hätte erst mit der Auswanderung aus Bologna begonnen. 

^7) Buoncompagnos Summa, die 1215 vollendet wurde und am 26. April 
desselben Jahres die Approbation der Universität Bologna erhielt, kam 
am 31. März 1226 'Padue in maiori ecclesia' Mn presentia professorum iuris 
civilis et canonici et omnium doctorum et scolarium Padue commorantium' 
zur Einführung. Cod. Paris. 7731 Bl. 83 b. Cod. lat. Mon. 23499 Bl. 58. 
S. Thurot in Notices et extraits XXII, 36. Rockinger, Briefsteller und 
Formelbücher des 11— 14. Jhs. I, 119. Guido Faba lässt in seiner Summa 
dictaminis den mag. E. Gastellanus doctor decretorum Padue dem mag. Pe- 
trus Hispanus doctor decret. Bononie schreiben, er möge an seiner Statt 
die Schule in Padua übernehmen, wo 'multitudinem habebitis auditorum'; 
er sei auf einen Bischofssitz berufen. Cod. Paris. 8652 Bl. 47 b. Die Summa 
schrieb Faba 1229, als Aliprando Faba Podestä in Bologna war (s. Bl. 27a, da- 
zu Ghirardacci I, 148) und Johann Corrado zum Bischof von Padua erwählt 
wurde (Bl. 45 a). Sarti, und ihm folgend Tiraboschi, setzen das Schreiben 
ohne jeglichen Grund ungefähr in das Jahr 1223. Es kann sogar dem J. 1228 
oder 1229 angehören, so dass es zum Beweise angeführt werden könnte, 
dass das Studium 1228 nicht ganz nach Vercelli transferiert wurde. 
Uebrigens heisst der Rechtslehrer im genanten Cod. und im Cod. Paris. 
8650 Bl. 3 1 b. E. Castellanus, Cod. 8653 Bl. 54 b R. magister Castell. doctor Padue 
comorans, nicht, wie Sarti in seinem Codex liest, Wilhelm Guasco, oder nach 
Cod. Casin. 281 p. 56: G.Guascus. — Jordan von Sachsen predigte bereits 1223 
*8cholaribus apud Paduam', wo er 33 Brüder aufnahm, von denen mit Ausnahme 
von zweien alle 'competentis litteraturae et quam plures inter eos satis nobiles' 
waren. Lettres du b. Jourdain de Saxe ed. Bayonne. Paris 1865, p. 8. 12. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padaa. 279 

müssen. Im Falle der Uneinigkeit wäre der Bischof oder ein 
Capitular beizuziehen. Die theuerste dürfe den Preis von 
19 Lire von Pavia nicht übersteigen. Nur die Wohnungen, 
welche bei Märkten für die Aufnahme der Gäste dienen, könne 
man nicht in Beschlag nehmen. Die Commune von Vercelli 
erbot sich auch zu einem Vorschuss von 10000 Lire für die 
Scholaren, die in den ersten zwei Jahren mit zwei Denaren, in 
den folgenden mit 3 für jede Lire verzinst werden sollten. Sie 
werde verbieten, die Lebensmittel aus dem Districte führen zu 
lassen. Das Getreide würden die Scholaren um den Einkaufs- 
preis erhalten. Die Stadt versprach ferner ein Salarium für 
die Professoren auszuwerfen, welche von den vier Rectoren der 
Nationen der Franzosen, Italiener, Deutschen und Provengalen 
gewählt werden sollten, und zwar für einen Theologen, drei Civi- 
listen, vier Canonisten (zwei in decretis und zwei in decretallbus), 
zwei Mediciner, zwei Dialektiker und zwei Grammatiker, im 
ganzen also für 14. Ausserdem machte sich die Commune anheischig, 
zwei Bedelle und zwei exemplatores , die für correcten Text 
sorgen mtissten, zu halten. In Civilsachen sollen die Scholaren 
unter den Rectoren, in Criminalsachen unter der Stadtobrigkeit 
stehen. Aller mögliche Schutz und die grösste Begünstigung 
wird ihnen in Aussicht gestellt, und sie würden gehalten werden 
wie die Bürger. Die Commune werde es in ganz Italien publi- 
cieren lassen, dass das Studium in Vercelli existiere. Die Rectoren 
und Scholaren versprachen aber sich zu bemühen, 'quod tot 
scolares venient Vercellis et morentur ibi in studio, qui sint 
sufficientes ad praedicta quingenta hospitia conducenda, et quod 
Universum Studium Padue veniet Vercellis et moretur ibi usque 
ad octo annos. Si tarnen facere non poterint, non teneantur' *"). 
Das sind die hauptsächlichsten Punkte, welche hier in Betracht 
kommen. Der Act, der in der Regel citiert wird, wenn man vom 
Studium in Vercelli spricht, gehört recht eigentlich in die Ge- 
schichte der Hochschule zu Padua, weil er uns nicht so sehr 
über den Zustand der Schule zu Vercelli, als vielmehr über den 



^ Balliano, Della universitä degli studi di Vercelli, p. 38 ff. Andere 
Abdrucke sind unter Vercelli verzeichnet. 



280 ^I^* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

der Schule zu Padua in den ersten Jahren ihres Daseins als 
Hochschule einigermassen aufklärt. Er beweist nämlich nicht nur, 
dass Padua vier Scholarenverbindungen, jede unter einem eigenen 
Rector gehabt habe, worauf ich bereits oben aufmerksam machte, 
sondern dass auch das Lehrpersonal für jene Zeit ziemlich 
stark, und die Anzahl der Scholaren verhältnissmässig gross 
gewesen sein müsse, denn 500 Wohnungen werden nicht mit 
500 Scholaren besetzt. Doch hüte man sich hier vor voreili- 
gen Schlüssen. Man darf nicht von vorneherein annehmen, 
dass in Padua neben der Rechtswissenschaft auch Theologie, 
Philosophie und Medicin gelehrt wurden, weil diese Lehrgegen- 
stände auch für Vercelli verlangt werden. Wie sich von selbst 
versteht und es die Art und Weise des Ursprungs mit sich 
brachte, war die Rechtswissenschaft das Leben der Hochschule. 
Darüber ist kein Zweifel. Auf die artes liberales komme ich 
alsbald zu sprechen. Theologie wurde jedoch nicht öflFentlich 
gelehrt, und schwerlich schon damals Medicin"'). Was die 
Theologie betrifft, so lässt sich ihr Betrieb nicht einmal für 
die in Padua existierenden Klöster nachweisen, und ich zweifle 
sehr, ob man im Convente der Dominicaner in jenen Jahren Theo- 
logie vorgetragen hat. Wenigstens wurde erst am 28. October 1226 
der Grundstein zur Kirche gelegt "°), obwohl bereits früher mehrere 
Dominicaner in Padua waren. Dass Albert der Grosse 1228 dort 
Theologie dociert habe, ist noch weniger erwiesen"*), als 



2^) S. Gloria in den Atti del r. istituto Yeneto di scienze, lettere ed 
arti, tom. 6. ser. 5. (Venezia 1879—80) p. 1028. 

23^) Generalarchiv des Dominicanerordens. Pio, Della nobile et gene- 
rosa progenie del P. Domenico in Italia (Bologna 1615) p. 355 f. aus Muscheta, 
B. Joannis cognomento Yicentii praeclara gesta (Patavii 1590) Bl. 13 b. Nur 
sagen beide 5. October. Ebenso in Muschetas Schrift De augustissimo templo 
D. Augustini prope flumen. Hs. in der Marciana, L. IX. 84 Bl. 5b. 

^1) Gloria führt nur 6in Zeugniss hierfür an, nämlich das des Domi- 
nicaners D. Maria Federici aus dem Ende des vor. Jhs. 1. c. 1038. Fede- 
rici citiertc Echard und die Monum. conventus. Echard I, 164 sagt, Albert 
habe vor Eintritt in den Orden in Padua Philosophie (was Gloria 1. c. fdr 
jene Zeit nicht hingehen lassen will), und dann dort oder in Bologna Theologie 
studiert. Alles blosse Yermuthnngen, für die nicht das winzigste Document 
existiert. Davon, dass Albert in Padua die Theologie gelehrt habe, weiss 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padua. 281 

dass er daselbst 1222— -1223 in den Orden von Jordan von Sachsen 
aufgenommen worden sei"'), lieber die Schulen in den übrigen 
Klöstern hört mau nichts. Was nun die artes liberales betrifft, 
so meint Gloria, vor 1234 seien sie (die Philosophie) nicht ge- 
lehrt worden, sondern nur die Grammatik'"). Allein dagegen 
spricht der gleichzeitige Brief Jordans von Sachsen, der c. 1231 
in Padua einen Ungarn aufnahm 'optime institutus in artibus'"*). 

Sicher ist jedoch, dass, wenn die Commune von Vercelli 
auch Lehrstellen für Theologie und Medicin errichtet haben wollte, 
dies keineswegs beweist, diese Fächer seien in Padua gelehrt 
worden, sondern dass dies vielmehr darauf hindeutet, dass die Com- 
mune von einem andern Gesichtspunkte aus zu jenem Beschlüsse 
kam. Mir scheint, dass hier das Studium zu Neapel, resp. der Stift- 
brief Friedrichs II., mit dem der Contrakt in einigen Punkten 
übereinstimmt, von Einfluss war. Vercelli wollte eine Lehranstalt 
ähnlich jener zu Neapel in allen Fächern besitzen. 

Man sollte nun meinen, dass jetzt das Studium zu Padua 
wenigstens auf mehrere Jahre unterbrochen worden sei. Dies war 
auch die Ansicht einiger Schriftsteller*") , während andere 



auch Echard nichts. Berichteten dies aber vielleicht die Monam. conventas? 
und welche Autorität haben diese? Gloria selbst ist hier viel zu leicht- 
gläubig. 

^ Nicht eine einzige alte Notiz existiert hierüber. Man hat nur eine 
Stelle in den Vitas Fratrum auf Albert bezogen (part. 4 c. 10. 8. Echard 
1. c. p. 163), um doch auch etwas über Alberts Jugend berichten zu können. 
Die Sache ist also sehr problematisch. Sicher ist nur, dass Albert wirklich 
einmal in Padua war. Ob als juvenis, wie Echard 1. c. meint, oder später, 
das sagt er nicht. Als juvenis war er einmal in Venedig. S. oben S. 69 
und Echard p. 163 n. 4. 

»») L. c. 

^ S. Anm. 238. Dass ausser den Rechtslehrem auch andere Doctoren 
damals in Padua sich aufhielten, erfahren wir überdies aus der oben citierten 
Stelle in der Summa Buoncompagnos. S. S. 278 Anm. 227. 

^ Facciolati wnsste noch nichts vom Contrakte; allein trotzdem be- 
ginnt er nach dem Vorgange Papadopolis (Hist. gymn. Patavini, 1726 p. 2) 
seine Fasti g3rmnasii Patavini (Patavii 1757) I, 1 mit dem J. 1260; in seinen 
Syntagm. spricht er zwar wie wir gesehen haben von frtLhern Professoren, 
aUein er lässt doch erst um die genannte Zeit das Gymnasium Patavinum 
rite recteque constitutum sein. Tiraboschi jedoch, Storia della letter. itaL 



282 m* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des U. Jhs. 

glaubten, der Contrakt sei gar nicht ausgeführt worden'"). Weder 
die eine noch die andere Ansicht ist richtig. Auf die letztere 
komme ich im nächsten Paragraphen zurück. Gegen die erstere 
sprechen nicht wenige Thatsachen. 

Im Jahre 1229 predigte der General der Dominicaner Jordan 
von Sachsen in Padua. Er schreibt der Diana und den übrigen 
Klosterfrauen von St. Agnese in Bologna, ihre Bitten in Betreff der 
Scholaren von Padua seien erhört worden, ubi bene viginti et 
probi postea intraverunt'"). Um 1231 nahm er dort den 
Archidiacon Jacob von Ravenna und mit ihm einen juvenis 
magni ingenii optime institutus in artibus aus Ungarn, ebenfalls 
Archidiacon, und circa triginta novitios probos, litteratos et no- 
biles, et plures in eorum numero sunt magistri "*) in den Orden. 
Das Jahr darauf dankt er Gott, ^eo quod jam plures de schola- 
ribus Paduanis probos et idoneos nobis dedit'"'). Dass nach 
1228 die Anzahl der Studierenden keine geringe gewesen sein 
könne, lernen wir aus einem andern fast gleichzeitigen Berichte. 

In der ältesten Vita des heiligen Antonius von Padua'*®), 

lY, 51. 54, nimmt eine Unterhrechung des Studiums von 1226—1260 an, 
weil man keine Erwähnung desselben innerhalb dieser Zeit finde, und er be- 
trachtet den Contrakt von Vercelli mit Padua als eine erwtUischte Bestäti- 
gung für seine Ansicht. Er fand einen Gegner in CoUe, Storia dello studio 
die Padova, Padova 1824, I, 61 ff. 

23^) S. darüber im Abschnitte über Vercelli. 

^7) Lettres du b. Jourdain ed. Bayonne p. 100. 

^ Lettres p. 134: Magister Jacobus Archidiaconus Ravennas, prepo- 
situs Bobiensis, qui episcopatum ante introitum etiam rogatus accipere re- 
futavit, cui in Lombardia non est melior juris rector, assumpsit habitum. 
Dass dies in Padua der Fall war, erfahren wir aus einem Briefe desselben 
Inhalts, den Jordan nach St. Jacob in Paris schrieb (Cod. Paris. 10621 
Bl. 178). Im erzbischöfl. Archiv zu Ravenna geschieht dieses Archidia- 
cons öfters Erwähnung. Caps. C n. 898 v. J. 1213: Dominus Jacobus Archi- 
diaconus; Caps. III n. 1: magister Jacobus Archidiaconus. Und so öfters. 
Zuletzt in Caps. F n. 1922 v. J. 1228: Dominus magister Jacobus Archi- 
diaconus Ravennas. Im J. 1233 (Caps. V n. 2338) wird bereits Johannes Archi- 
diaconus erwähnt. Also auch aus diesen Documenten ergibt sich, dass der 
Archidiacon nach 1228 und vor 1233 in den Orden getreten ist. 

239) Ibid. p. 166. 

^ Sie finden sich in fünf Hss., die ich eingesehen habe. In der Bibl. 
acionale (Abthlg. Alcoba^a) zu Lissabon n. 286 (nicht paginiert); Cod. Paris. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padua. 283 

die zum Theil auf eigener Anschauung, zum Theil auf dem 
Bericht von Augenzeugen, besonders des Bischofs Soeiro Viegas U. 
von Lissabon, der 29. Jänner 1232 starb und kurz vorher beim 
Papste in Italien war'*^), beruht'"), ist im 10. Capitel des 
2. Theiles von den Processionen die Rede, die nach dem Tode des 
Heiligen (13. Juni 1231) statt hatten. Der Autor zählt auf, wer 
bei denselben zugegen war, und unterlässt nicht die 4ittera- 
torum turma scolarium, quorum non mediocri copia viget civi- 
tas Paduana' zu erwähnen. Wollte man auch auf diese Stelle 
allein noch nicht allzu viel Gewicht legen, da unter den 4itterati' 
nicht gerade Universitätsstudierende verstanden werden müssen, so 
benimmt uns doch eine andere Stelle jeden Zweifel. Aus ihr geht 
hervor, dass die litterati als Universität existierten. Als man 
sich nämlich im nächsten Jahre beim Papste um die Canonisation 
des Antonius, die am 1. Juni erfolgte, bemühte, da war es die 
'favore digna magistrorum atque scolarium universitas tota', 



14363 (Bl. 186a); 14365 (Bl. 362a); St. Florian in Oberösterreich XI. 264 
Bl. 164 a Die Lissaboner Hs. ist die älteste von allen und vor Ende des 

13. Jhs. geschrieben. Die Herausgeber derselben in den Portugaliae monu- 
menta historica, Scriptores I (Olispone 1856) p. 116 setzen sie zu spät an. Die 
drei andern Hss. sind ebenfalls aus dem 13. Jh. In der Bibl. di S. Antonio zu 
Padua enthält Cod. 74 von Bl. 112—165 zwei Yiten des hl. Antonius; die 
erstere, nach 1293 verfasst, reicht bis 127 b; die 2. von 128-^165. Diese 
zweite nun ist die eben angegebene, steht aber doch den vier citierten Hss. 
nach, da sie bereits spätere Zusätze enthält. Die Hs. selbst stammt aus dem 

14. Jh. (Beide Yiten nunmehr ediert von A. M. Josa, Bononiae 1884, er 
wusste aber leider nicht, dass die zweite Vita schon gedruckt war). Die Vita in 
den eben citierten 5 Hss. wurde meist die Grundlage für spätere Bearbei- 
tungen. Jene in den AA. SS. Jun. II p 705 ist eine Kürzung, jene bei 
Surius (Juni p. 723 ed. Colon. 1589 tom. 3) eine Erweiterung derselben. Hier- 
nach müssen meine Bemerkungen in der Zsch. f. kath. Theol. 6. Jhg. S. 718 
berichtigt werden. Der Verfasser dieser ältesten Vita nahm sich die erste 
Vita S. Francisci von Thomas de Celano als Vorbild, und entlehnte ihr nicht 
wenige Phrasen. 

^^) S. Cunha, Historia ecclesiastica da igreia de Lisboa (Lisboa 1642) 
BL 109b. 129b. 

'^^) Der Autor sagt in der Einleitung: Denique nonnuUa scribo, qne 
oculis ipse non vidi, Domino tamen Sugerio II. Ulixbonensi episcopo et 
aliis viris catholicis referentibus ipsa cognovi. In der Einleitung zum 2. 
Theile, der den Bericht seit dem Hingange des hl. Antonius enthält, meint 



284 11^* Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

welche an die Römische Curie schrieb"'). Dieses Zeugniss bat 
um so mehr Bedeutung, als die Yita vor Restauration der Uni- 
versität im J. 1260 — 1261 geschrieben wurde'**), und als man 
daher nicht sagen kann, der Autor habe den Zustand der Uni- 
versität während der spätem Zeit in die frühere hineingetragen. 
Aus diesen Zeugnissen ergibt sich, dass der Contrakt mit 
Vercelli nur theilweise ausgeführt wurde, und dass immerhin 
noch eine grössere Anzahl von Professoren und Scholaren in 
Padua zurückblieb. Andere Belege, die CoUe für die Jahre 
1245 und 1249 anführt"*), beweisen nicht für ein förmliches 
Studium. Vielleicht bringt Gloria in seinen Monumenti della 
universitär di Padova, die er bereits vor dem Erscheinen mehr 
als gebührend erhoben hat"'), weitere Documente. Allein es wird 
nie gelingen nachzuweisen, dass das Studium zu Padua vor dem 
2. Decennium der 2. Hälfte des 13. Jhs. in Blüthe stand. Ich 
glaube vielmehr, dass es bis zu jenem Zeitpunkte, und zwar 
wegen der grausamen Tyrannei Ezzelins (1237 — 1260) in Padua, 
immer mehr in Verfall geriet. Vielleicht ist es daraus zu er- 
klären, dass Albert der Grosse zur Zeit, als er den Tractat De 
natura locorum schrieb, in einer Weise vom Studium zu Padua 
spricht, als hätte es damals kaum mehr existiert""). 



er: Mira vero que circa eum et per eam deus majestatis operari dignatos 
est a die obitas sui et deinceps, virorum nobis fide dignornm relatione relata 
sequenti opusculo duximuB inserenda. Portagaliae Mon. 1. c. p. 120. 

2«) Portug. Mon. 1. c. 124. 

^ Josa weist p. VI ff. sehr gut Dach, dass die Vita in der 1. Hälfte 
des 13. Jhs. verfasst worden sein müsse. Meiner Ansicht nach datiert sie 
aus den ersten Jahren nach der Heiligsprechung, was ich aus den Quellen 
der Legende und aus dem Umstände, dass die erste Vita des hl. Franciscus 
von Thomas de Celano noch ganz frisch im Gedächtnisse des Verfassers 
war, schliesse. 

^&) Storia dello studio di Padova I, 63 f. 

2*6) In den Atti del r. istituto Veneto, tom. 1. ser. 6. p. 1257. 1267. 
Oloria meint fast, vor ihm habe niemand etwas vom Studium zu Padua, 
niemand etwas von Palaeographie gewusst. Wenn er aber gar so viel weiss, 
warum schreibt er dann nicht eine förmliche Geschichte, und verspricht 
nur eine zusammenfassende Notizensammlung mit einem Apparat Ton Docu- 
menten ? 

^7) Im Tractate De natura locorum (tr. 3 c. 2. ed. Lugdun. tom. 5) 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padua. 285 

Nach vier Jahren seit erlangter Freiheit, nämlich 1260, 
hatte die Reactiviening der Universität Padua statt"*), obschon 

1259 wenigstens Grammatiker daselbst docierten. Die CJommune 
entwickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit und erliess besonders 

1260 und während der nächsten Jahre Bestimmungen hinsichtlich 
der Wohnungen, der Rechte und Privilegien der Scholaren, der 
Anzahl der zu berufenden Juristen (2 Legisten, 3 Canonisten), 
der vorzulesenden Bücher, der Stationarii u. s. w. Das Salarium 
der Legisten soll nicht 300 Lire, das der Canonisten nicht 200 
übersteigen. Die Doctoren seien jährlich zu berufen 'per comune 
Padue de consilio rectorum et tractatorum studii"*^. Im J. 1262 
wurde Rolands Chronik 'coram doctoribus et magistris presente 
etiam societate laudabili baccalariorum et scholarium liberalium 
artium de studio Paduano' vorgelesen ; von diesen werden 3 pro- 
fundi et periti doctores in physica (Medicin) et scientia naturali, 
einer in der Logik, und 6 in der Grammatik und Rhetorik ge- 
nannt ^*°). Die Rectoren der Universität bestimmten um jene 
Zeit, dass der Bischof von Padua das Examen vornehmen und 
die Licenz ertheilen sollte. Urban IV. bestätigte am 9. Jänner 
1263 diesen eingeführten Usus'") und spricht von der 'univer- 
sitas magistrorum et scolarium Padue' als von einer bereits 
anerkannten. Die Hochschule war schon consolidiert und schwang 



sagt er: Patavium, qoae nunc Padua vocatur, in qua multo tempore yiguit 
Stadium literarum. 

^ Richtig Facciolati 1. c. und Synt. p. 10. Statuta spectab. et almae 
onivers. Jnristarum Patav. gymn. 1551. Bl. 1. Irrig die Cenni storici p. 8. 

^^^) S. genannte Statuten mit den näheren Nachweisen unten Beilage J. 

250j Muratori, Her. ital. SS. VIII, 360. Mon. Germ. SS. XIX, 147. 

2^^) Im Vat. Archiv fand ich das Schreiben in den Reg. Yat. Avenion. 
Clem. VI. t 34 Bl. 83b; Reg. Suppl. Clem. VI. an. 5 p. 2 Bl. 45a, wo die 
BuUe einer Supplik des Bischofs von Padua Hildebrand (1319—1352) inseriert 
ist. Urbans Schreiben bei Riccoboni, De gymnasio Patav. in Graevii Thes. 
antiqu. et hist. Italiae VI. par. 4 p. 4; Tomasini, Gymn. Patav. (1654) p. 9. 
Im J. 1362 ordnete Innocenz VI. an, dass, wenn der Bischof gestorben sei, 
in der Zwischenzeit bis zur Neuwahl der Abbas monasterii de Canaria 0. 
S. B. die Promotionen vorzunehmen habe. Da die Ausstellung des Schreibens 
hierüber durch den Tod des Papstes verhindert wurde, that dies Urban V 
am 8. Nov. 1362. Reg. Vat. Ind. an. 1 ep. 579 Bl. 158 b. 



286 11^- Entvickelung der Hochschulen bis zam Ende des H.Jhs. 

sich bald zu einer der ersten in Italien empor. Im J. 1274 
sandte Gregor X. seine auf dem Concil zu Lyon erlassenen Con- 
stitutionen nicht bloss nach Bologna und Paris'"), sondern am 
1. November auch nach Padua"'*). Es ist dies der erste Fall, 
dass ein Papst seine Constitutionen oder Decretalen an andere 
Hochschulen als die zwei zuerst genannten geschickt hatte. 

Aus der nächstfolgenden Periode, deren Besprechung schon 
in den 2. Band gehört, seien bloss folgende Facta erwähnt. 
Die Hochschule war für die Republik Padua eine Lebensfrage, 
und es wurde wie auch anderwärts zugleich für den Papst eine 
Handhabe, um die Stadtobrigkeit in Schranken und in Gehorsam 
zu erhalten. Im J. 1288 wandte sich die Commune von Padua 
an Nicolaus IV. wegen eines Zwistes zwischen ihr und den 
Scholares. ultramontani. Die Ultramontani waren mit der Wahl 
des Rechtslehrers Jacob von Arena, welche die Commune be- 
stätigt hatte, nicht einverstanden und hatten sich im October 
1287 durch einen Eidschwur verpflichtet, die Stadt zu verlassen 
und zu ihr binnen 10 Jahren nicht zurückzukehren, falls bis 
Weihnachten Jacob von Arena 'a lectura ordinaria librorum 
legalium' nicht entfernt worden sei. Sie machten jedoch damit 
nicht Ernst, und die Commune bat nun den Papst, die Ultra- 
montanen vom geleisteten Eide zu lösen, da 'ex discessu predic- 
torum ultramontanorum scolarium, si fieret, de civitate ipsa nos- 
catur tarn communi quam civitati predictis grave dispendium 
imminere, presertim cum ex hoc facile sequi possit dissolutio 
studii Paduani, quam non esset dubium in non modicum detri- 
mentum reipublice redundare'. Der Papst gewährte die Bitte 
am 1. Juni"*). 

252) S. Schulte II, 31. 

2^) Campi, Hist. eccles. di Piacenza (1651) II, 458 hat eine solche an 
'universis doctoribus et scolaribas Paduanis' gerichtete Bulle publiciert. 
Auch berichtet es Engelbert yon Admont 1. c, und Schulte II, 558 hat im 
Cod. Yindob. 2084 Bl. 206 ebenfalls die an Padua adressierte Bulle gefunden. 
Engelbert irrt nur darin, dass er, wie ich bereits bemerkt habe, glaubte, das 
Studium sei erst damals von Bologna nach Padua verlegt worden ; der Papst 
habe auch bloss nach Padua, nicht nach Bologna die Constitutionen gesandt. 

2^) Reg. Yat. an. 1 ep. 61 Bl. 16 a. Das Schreiben ist nunmehr ediert 
in den M^langes d' Archäologie et d'histoire. 4. ann^e 1884, p. 55. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padna. 287 

Allein durch eigene Schuld hätte die Commune bald ihr 
Studium verloren. Die Stadt erliess 1282"*) 'nonnulla statuta, 
nedum iniqua, quinnimo nefanda et horrenda quam plurimum 
cnidelibus studii quorum pretextu clerus civitatis et dioc. Pa- 
duan. multimodi offensis impetitur, lacessitur iniuriis, afScitur 
contumeliis "•). Am 1. October 1288 erklärte sich Nicolaus IV. 
gegen diese Statuten und drohte dem Podestä, den Anzianen, 
dem Rathe und der Commune, sie durch seinen Legaten den 
Erzbischof von Ragusa excommunicieren zu lassen und unter 
anderm ^civitatem predictam studii dignitate, privilegiis et in- 
dulgentiis omnibus vobis et eidem civitati super studio ipso ab 
apostolica sede concessis' zu berauben, ^universos magistros et 
scolares alienigenas de civitate predicta prorsus expellere', so 
dass sie ^ad eam absque speciali sedis predicte licentia nuUa- 
tenus revertantur', widrigenfalls diese aller Benefizien verlustig 
und solche zu erlangen für die Zukunft unfähig wären: sollten 
der Podestä, die Anzianen etc. nicht innerhalb von 15 Tagen nach 
Empfang des Schreibens die genannten Statuten cassieren'"). 
Am 27. Mai des nächsten Jahres belegte auch Bonaventura, 
Erzbischof von Ragusa, von Monselice aus in der That Padua 
mit dem Interdicte'"). Am 2. August 1290 aber erliess Nico- 
laus IV. ein Schreiben, woraus wir erfahren, dass zwischen dem 
Podestä etc. und dem Clerus der Stadt ein Uebereinkommen 
getroflfen war, in Folge dessen der Papst den Cardinal Peter 
de Colonna beauftragte, 'sententias latas contra Studium civi- 
tatis predicte' aufzuheben"**). 

aw) g, Qennari, DeU' antico corso de' finmi in Padova (Padora 1776) 
p. 112; Annali della cittä di Padova (Bassano 1804) III, 36; Informazione 
istorica deUa cittä di Padora (Bassano 1796) p. LXIII. Bereits 1265 and 
1274 wurden solche Statuten erlassen. 

^ Caracio, Eist, coenob. Justinae Patavinae (Patavii 1696) p. 125 
meint, bereits Martin lY. habe sich (1282) gegen die Statuten ausgesprochen 
nnd Padua mit dem Interdict belegt, das erst Nicolaus lY. im J. 1289 auf- 
gehoben habe. Allein ganz mit Unrecht und ohne Beweis. 

3^7) Reg. Yat an. 1. ep. 212 Bl. 50 b. Ep. 213 ist der Auftrag an den 
Erzbischof von Ragusa unter demselben Datum. Bei Colle, 1. c. I, 70 sind 
die Daten nicht richtig. 

s&8^ Qennari, Deir antico corso de' fiumi in Padora 1. c. 

^^^) So in dem Anm. 259 citierten Schreiben. 



288 I^I* EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Wirklich nahm dieser alles zurück, was vom Erzbischof 
'contra Studium memorate civitatis, magistros et scolares eiusdem 
studii' geschehen war und setzte die Punkte der Vereinbarung 
zwischen dem Clerus und der Gemeinde auf, die dann die 
päpstliche Bestätigung erhielten, doch unter erneuerter Andro- 
hung aller bereits verhängten Strafen, sollte der Podesti und 
die übrigen noch einmal die genannten Statuten aufstellen. 
In diesem Falle müssten die Magistri und Scholaren binnen 
8 Tagen den Podestä, die Anzianen und den Rath durch ihre 
Rectoren ermahnen, jene Statuten zurückzunehmen. Würden sie 
dies unterlassen, oder wagten sie, nachdem die Commune inner- 
halb eines Monats die Statuten nicht zurückgenommen hat, noch 
in der Stadt zu bleiben oder in dieselbe ohne ausdrückliche Er- 
laubniss des apostol. Stuhles studii causa zurückzukehren, so 
sollten sie allen vom Erzbischofe früher angedrohten Strafen 
verfallen'"). 

Man sieht hieraus, welche Macht damals schon das Studium 
zu Padua war. Und eine solche blieb es auch in der nächstfolgen- 
den Zeit trotz einiger geringfügiger Unterbrechungen"®). Die 
Hochschule zu Padua erhielt wie Bologna einen Weltruf, beide 
waren die Leuchten der Rechtswissenschaft, Bologna voraus, dann 
Padua, bis im 15. Jh. die Hochschule zu Padua jener zu Bo- 
logna den Vorrang abgewann. Gloria kann bis 1318 zwar nur 
55 Legisten, 28 Canonisten, 38 Artisten, Physiker u. s. w. nach- 
weisen'^'); allein nimmt man sie als Schriftsteller, so ist die 
Zahl nicht so gering. Im J. 1344 konnte der Bischof von 
Padua an Clemens VI. schreiben, dass zu Padua 'viget in iure 
canonico et civili aliisque facultatibus preter sacram theologiam 
Studium generale, sicut per totam Italiam et in nonnullis aliis 
mundi partibus est notorie manifestum""). Aber auch die 
Theologie sollte die Hochschule erhalten, und zwar nur drei 



2W) Reg. Vat Nie. IV. an. 3 ep. 354 Bl. 69 b. 

a^ S. Colle 1. c. p. 71 f. Die Ansicht Tomasinis, Gymn. Patar. p. 10, 
das Oeneralstudium sei von Nicolaus IV. an bis 1300 unterbrochen gewesen, 
ist jedoch irrig. 

2^1) Atti del r. istituto Veneto, tom. 1 ser. 6 p. 1268. 

^) Reg. Suppl. Clem. VI an. 5 p. 2 Bl. 45 a. S. oben S. 285 Anm. 251. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Padua. 289 

Jahre später als Bologna. Am 14. April 1363 bestimmt Urban V., 
dass an der Hochschule zu Padua, die 'longis temporibus in se 
ipso sicut prefulgida Stella emicuit ... in iure canonico et civil! 
et liberalibus artibus tamquam ager plenus cui Dominus bene- 
dicit', auch 'Studium generale in theologica facultate existat'. Wie 
Innocenz VI. für Bologna, so verordnete Urban V. für Padua, dass 
die zunächst zu berufenden theologischen Professoren in Paris oder 
an andern berühmten Schulen graduiert sein müssten. Wie dort 
so wurde auch hier der Bischof oder der von ihm Designierte 
und bei Sedisvacanz der Capitelsvicar beauftragt die Promotionen 
zu überwachen und die licentia ubique docendi zu ertheilen"*). 

Erst in jener Zeit, also sehr spät, erhielt Padua das erste 
Colleg für arme Scholaren. Die Anfänge des frühesten, nämlich 
des Collegium Tornacense, so genannt, weil es unter dem Schutze 
S. Mariae de Tomaco gestellt war, und gegründet von dem Laien 
Petrus de Boateriis, reichen in das Jahr 1363 zurück. Es war 
für je zwei Scholaren aus Padua, Treviso und Ferrara gestiftet. 
Mit dem Jahre 1366 kam es in Aufiiahme"*)- ^.ber erst 1390 
beginnt die Epoche der weiteren CoUegien'**). 

Padua und Vicenza sind Hochschulen, deren Entstehung 
mit dem sofortigen Auftreten von Scholarenverbindungen zusam- 
mentrifft, ohne dass erstere jedoch der Natur der Sache nach Paris 
oder Bologna glichen. Die Art und Weise, wie sie ins Leben 
traten, brachte dies mit sich. Beide Hochschulen entstanden zu- 
gleich mit vier Scholarenverbindungen. Während aber die Schule 
zu Vicenza sich bald auflöste und in Folge dessen von Scho- 
larenverbindungen keine Rede mehr sein kann, erscheinen in 
Padua bei der Restauration der Hochschule im J. 1260 — 1261 
nur mehr zwei Genossenschaften der Juristen, jede mit eigenem 
Rector. Im zweiten Bande werden wir Gelegenheit haben, die 
ganze Verfassung näher kennen zu lernen. 



«W) Reg. Vat. an. 1. lib. 1. BL 64 a. Im Bull. Rom. ed. Taur. IV, 519 
ist der mit dem für Bologna gegebenen Privileg gleichlautende Eingang 
weggelassen. 

^) S. Facciolati, Syntagm. p. 120f. Fasti gymn. Fat. p. XVIII. 

»65) Ibid. p. 124 ff. 

Danifi», Die UniTeriititan I 19 



290 ^II- Entwickelung der Hochschulen his zum Ende des 14. Jhs. 

Vercelli. 

Von selbst bietet sich uns nach Padua das Studium zu 
Vercelli dar. Wir haben bereits im vorigen Paragraph den 
Gontrakt kennen gelernt, den im J. 1228 die Commune von 
Vercelli mit den Scholaren von Padua abgeschlossen hat, und 
dem zufolge das Studium auf 8 Jahre nach Vercelli verlegt 
werden sollte. Noch bis in die jüngste Zeit nahm man in Italien 
häufig an, dass das Generalstudium in Vercelli bereits 1220 ge- 
gründet, und 1228 nur auf weitere 8 Jahre prolongiert worden 
sei"*). Allein nur durch ein Uebersehen kam man auf 
diesen Irrthum. In den Statuti antichi Vercellesi im Archivio 
civico zu Vercelli findet sich nämlich Bl. 55 b das Decret Frie- 
drichs IL gegen die Häretiker; Bl. 56a steht das Datum 
März 1224 lud, XII., darauf folgen die Statuten von Vercelli 
gegen die Ketzer, in denen vom Studium generale zu Vercelli 
die Rede ist"^). In unverzeihlicher Flüchtigkeit bezog man das 
Datum sowohl auf Friedrichs Decret als auf die nachfolgenden 
Statuten '•*), die mit anderen vom Franciscaner Heinrich von 
Mailand aufgestellt erst in das Jahr 1233 oder 1234 fallen'"). 



S66j Um von dem altern Durand! und de Gregory nicht zu sprechen, so 
gehören hierher Sauli, Sulla condizione degli studii nella monarchia di Savoia 
Torino 1843, p. 451; Cibrario, Storia della monarchia di Saroia. Torino 
ia41, II, 262; Cantü, Storia universale. Torino 1842 tom. 10. p. 527; Yallauri, 
Storia deUe universitä degli studi del Piemonte. Torino 1845 I, 17 ff.; und 
neuestens noch Coppi, Le uni?ersitä italiane nel medio evo p. 88 f. Die 
irrige Ansicht vertrat bereits Aprati in seiner handschriftl. Memoria intorno 
aU' nniversitä di Vercelli im Arch. civico zu Vercelli. 

^7] Es kann sich davon jeder selbst überzeugen in den Statuti e monu- 
menti storici del Commune di Vercelli. Torino 1877 p. 267. 269. Monnm. 
patriae, tom. 16 leg. municip. II, 1234 f. Die Stelle über das Studium heisst 
p. 1237: Item statuit et ordinat, quod remanente studio generali Vercellis et 
permanentibus conditionibus, que sunt inter Commune Vercellarum et sco- 
lares, quando aliorum doctorum fit electio, prima de theologo uno fiat, qni 
particeps sit salarii sicut et ceteri doctores, nee obstet quod non nominetar 
theologus in conditionibus Ulis. 

^ Sehr gut hat schon Mandelli, II commune di Vercelli nel medio evo, 
YerceUi 1858, III, 8 ff. darauf aufmerksam gemacht. 

^^) Ficker in den Mittheilungen des Instituts f. öst. Geschichtsforschung I, 
808 ist für das Jahr 1233; Mandelli 1. c. p. 24 tritt für das Jahr 1234 bis 1235 ein, 
da sie von Gregor IX. am 30. April 1235 als nuper edita bezeichnet werden. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Vercelli. 291 

Dass vor 1 228 in Vercelli dennoch Schulen existierten, wird sich 
unten zeigen, dies war jedoch auch an anderen Orten der Fall, 
trotzdem erst später das Generalstudium gegründet wurde "°'). Aber 
ob sich auf die Zeit vor 1228 das städtische Statut 'De studio scola- 
rium habendo' in den Mon. Patriae XVI, 1215 so sicher beziehe, 
als dort die Herausgeber behaupten "°), möchte ich sehr bezweifeln. 
Die Ansicht einiger alten Franciscaner-Chroniken, das Studium 
sei von Mailand und Pavia nach Vercelli transferiert worden'^*), 
bedarf keiner Widerlegung, da ja dem Contrakte gemäss das 
Studium von Padua nach Vercelli verlegt werden sollte'"). 

Savigny war im Zweifel, ob der Contrakt ausgeführt worden 
sei'^'). Und in der That liegt ein solcher Zweifel nahe, da, wie 
wir gesehen, in Padua das Studium fortexistierte. Allein er 
wird durch folgende Thatsachen gehoben. Jordan von Sachsen 
nahm 1229 in Vercelli in den Orden auf 'tres theutonicos 
meliores qui erant in civitate, quatuor Provinciales optimos et 
tres Lombardos probos vel quatuor' ^^*). Speciell erwähnt er den 
Magister Valterus theutonicus, regens in logica, peritissimus artis 
suae, qui etiam inter majores magistros Parisius habebatur. 
Ferner den *optimus et probus theutonicus magister Godescalcus, 
canonicus Traiectensis', einen andern theutonicus, Canonicus Spi- 
rensis studens in jure canonico, qui rector erat theutonicorum 
scolarium Vercellis, zwei 'Baccallarii, parati ambo protinus ad 



870j yfiQ schon vorher MandeUi und Balliano. Das Statut soU zwischen 
1205 — 1208 erlassen worden sein. Aber wo ist der Beweis? 

370*) Möglich, dass Ubertus de Bobio vor 1228 in Vercelli lehrte. 

^1) So in der Antiqua legenda ss. Patris Francisco Cod. Vat. 4354 
El. 65b f.; dann in der Chronik der XXIY Generale. Cod. Laurenz. 53 
Leopold. Gadd. Ueber die andern Unzukömmlichkeiten dieser QueUen 8. 
meine Bemerkungen in der Ztsch. f. kath. Theol. VI, 7 12 ff. 

^^) Dieses Document wurde seit Zacharia, Iter litterar. per Italiam, 
Venet. 1762, p. 142 sqq. öfters gedruckt. So von Vallauri a. a. 0. I, 215 ff. 
Savigny III, 666 ff., Duboin, Kaccolta delle leggi e decreti emanati dai &o- 
vnmi deUa r. casa di Savoia, XIY. Torino 1847. p. 1. Zuletzt noch, mit 
dem correctesten Text, von BaUiano, Della universitä degli studi di Vercelli 
p. 88ff. Das Original ist verloren; allein es existieren 2 sehr alte Copien in 
den Codd. dei Biscioni I, 395; IV, 455 (im Archiv zu YerceUi). 

»73j L. c. S. 277. 312. 

^*) Lettres du b. Jonrdain de Saxe p. 102. S. dazu oben S. 138. 

19* 



292 ni* EDtwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

regendum, unus Provincialis, alter Lombardus', zwei andere Pro- 
venQalen, von denen einer in Deeretis, der andere in Legibus, 
^legebat in cathedra pro magistris', im Ganzen zwölf bis dreizehn 
Magistri und Baccalarei*"). Im Jahre 1231 gieng er wider 
mit oeto novitiis bonis et idoneis von Vereelli weg*'*). Für 
die Existenz des Studiums zu Vereelli im J. 1234 zeugen femer 
das Testament des Jacob de Carnario'") sowie die oben citierten 
Statuten des Franciscaners Heinrich von Mailand. Nimmt man 
all diese Documente zusammen, so ergibt sich, dass in Vereelli 
in der That alle Fächer vertreten waren. Hieher gehören auch 
zwei bisher kaum bekannte Schreiben Gregors IX. Aus dem einen, 
vom 25. Februar 1231, erfahren wir von einem Scholaris von 
Vereelli, der für einen Magister und mehrere Scholaren aus 
Frankreich gutstand'^*); in dem andern, vom 13. Februar 1238, 
trägt der Papst dem Bischof von Novara unter anderm auf, nicht 
zu dulden, dass fernerhin noch die Scholaren in Vereelli weilten, 
wenn die Vercelleseu nicht die kirchenfelndlichen Statuten 
zurücknähmen*^'). Da diese Verordnung eine ebenso empfind- 

276j Lettres du b. Jourdftin, p. 114. In den Yitas Fratram p. 4 c. 10 
n. 3. 4. ist ebenfalls vom mag. Galterus Theutonicus, regens in artibns, et 
in medidna ralde peritus, qui conductus erat magno salario ad legendnm', 
von einem *magnns clericns et in jure peritus' und von andern Scholaren die 
Rede, die Jordan in Vereelli aufnahm. 

276) Ibid. p. 146. 

^7) Dieses höchst interessante Testament, worin fflr Scholaren zu Ver- 
eelli ebenfalls gesorgt wird, findet sich bei J. A. Irici, Remm patriae Ubri 
m. Mediolani 1745. p. 81 ff. Ein TheU soll 4n usus pauperum et maxime 
scolarinm andientium sacram paginam' verwendet werden und Jacob de Car- 
nario bestimmt dass wenigstens Hres scolares pauperes audientes theologiam, 
fli doctor in theologia Yercellis fuerit', an Sonntagen ernährt würden (p. 84). 
Der Magister 'qui VerceUis de theologia doceret' soll auch seine den 
Dominicanern vermachten Bücher benützen dürfen. 'Libri autem physice et 
artium distribuantnr pauperibus scolaribus Vercellen.' (p. 85 f.). 

27^) WiUermo de Garnoto clerico Scolari Vercellen. accepimus conque- 
rente, quod cum idem pro magistro G. de Salomonis viUa canonico Rotho- 
magensi et quibusdam aliis clericis de regno Francie tunc in Lombardia 
causa studiicommorantibus apudquosdam creditores Bononien. Senen.et Farmen, 
in quadam fideiusserit pecunie quantitate de ipsa certo termino dictis credi- 
toribns persolvenda etc. Reg. Vat. an. 4. ep. 109 Bl. 51a. 

^^) Der Papst schreibt n&mlich dem Bischof von Novara, er solle, wenn 
die Vercellesen die gegen die kirchliche Freiheit erlassenen Statuten nicht 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Vercelli. 293 

liehe Strafe für die Vercellesen sein sollte wie das Verbot der 
Abhaltung von Märkten und des Verkehrs mit andern Städten, 
60 lässt sich daraus schliessen, dass die Schülerzahl nicht un- 
bedeutend gewesen sein kann. Ungefähr um dieselbe Zeit 
sandte Friedrich IL den Professor des Civilrechts Magister V. 
pro edocendis scolaribus dorthin"*^). Auch noch andere Docu- 
mente sprechen für die Ausführung des Vertrages'"); allein 
die obigen genügen zum Erweise der Thatsache. Zu grosser 
Blüthe kam das Studium niemals, und es scheint, dass man 
bereits im J. 1234 eine Auflösung oder Abnahme desselben be- 
fürchtete, wie es auch nach 1242 unterbrochen wurde"'). Aller- 
dings kam es dann wider in Aufnahme"'), konnte es jedoch 
nicht zu fortdauernder Existenz bringen "'*). Eines ist indessen 
klar, dass es für die Zeit der Existenz keinen Stiftbrief auf- 
weisen kann, und dass trotzdem der Papst niemals die Recht- 
mässigkeit desselbgi bestritt, obgleich die Statuten vom J. 1341 



znrfickzögen, bewirken 'eos tanqaam excommunicatos ab omnibus artins 
eTitari, eisdem comercia aliornm' untersagen, 'et ne quis ipsornm in potestatem 
Tel rectorem assnmeretnr alicnbi nullasqoe ad nundinas accederet Yercellen. 
nere scolares in ciritate ipsa ulterius morarentur'. Reg. Vat. an. 1 1 
ep. 392 Bl. d58b. Vgl. dazu MandeUi I, 193. 

^) S. Huill.-Br6holI. IV, 498 und dazu Böhmer-Ficker n. 2314. Dass 
1240 Ubertus de Bonacurso in Vercelli lehrte, ist gewiss. S. Mandelli III, 27. 

^1) S. Mandelli a. a. 0. p. 23 ff. Balliano 1. c. p. 21 f. ist zu poetisch. 

^ Dies ergibt sich aus der Art und Weise, wie Jacob de Camario 
Tom Magister in theologia (s. oben S. 292. Anm. 277) und die oben S. 290 
Anm. 267. citierten Statuten vom Studium sprechen. Die Vitas Fratnun 
part. 4. c. 10 n. 3 sagen aber um die Mitte des 13. Jhs. (c. 1260): 'Tempore 
quo b. memorie Mag. Jordanus predicabat Vercellis, nam tunc Studium ibi 
erat' etc. Auch Mandelli kann zwischen 1242 und 1266 kein Actenstflck 
nachweisen, was ihm jedoch für die sp&tere Epoche gelingt. S. p. 29 ff. 

^ In den städtischen Statuten vom J. 1341 heisst es unter anderm: 
Statntum est inviolabiliter et perpetuo observandum, quod in civitate Ver- 
cellarum ... in qua etiam ab antiquo Studium esse consnevit, sit et esse 
debeat semper et in perpetuum Studium generale. Statuta Communis Vercell. 
(VerceUis 1541) Bl. 61. Vier Legisten, 2 Ganonisten, 1 Mediciner sollten lesen. 

^ Nach Mandelli III, 44 hörte das Studium c. 1372 zu existieren 
auf, wenngleich sich später noch Collegien von Judices und Medicinem er- 
hielten. Schon früher scheint es 1270 und 1310—1338 unterbrochen gewesen 
zu sein. S. p. 32. 35 f. 



294 in. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

bestimmen: 'quilibet possit doctorari in civitate Verccll.' im 
Rechte und in der Medicin. 

Reggio. 
Das Generalstudiura zu Reggio in der Aemilia war Rechts- 
schule und theilweise blühender als das Studium zu Vercelli. Fulvo 
Azzari, in seinen Chroniche di Reggio Lepido originate secondo 
le vite de' suoi vescovi "*), ist im Unsicheren, wann das Studium 
seinen Anfang genommen habe; er meint jedoch nicht lange 
nach widererlangter Freiheit^**), also nicht vor 1188"^). Aus 
diesem Jahre konnte Tacoli eine Urkunde beibringen, in der 
Jacob da Mandra verspricht, von Michaelis an auf ein Jahr nach 
Reggio zu kommen 'cum scolaribus causa scolam tenendi', und 
innerhalb dieser Zeit nirgends sonst scolam tenere"^« 1215 bis 
1216 erwähnt Innocenz III. einen Canonicus von Cremona, der zu 
Reggio studierte"*). Jordan von Sachsen predigte auch dort 
den Scholaren circa 1232'*^). Allein, etwas ausserordentliches kann 
damals diese Schule nicht gewesen sein, wenngleich nichts beweist, 
dass Innocenz IV. noch im J. 1243 an einen einfachen Magister 
scolarum von Reggio sein Schreiben richtet '®°). Eine grössere Blüthe 
datiert aus den nächsten Jahren. Ein Statut des Jahres 1268 ver- 
ordnete, dass die 'doctores legum et scolares' nicht zum Consilium 
zu kommen brauchten *cum erunt in scolis', es sei denn der Po- 
destä sende ausdrücklich nach ihnen ^^^). Schon vorher las dort 

28*) Handschriftlich (17.-18. Jh.) in der Bibl. muncip. zu Reggio in 
2 Bänden. Tacoli, Memorie storiche della cittä di Beggio di Lombardia 
(1. Reggio 1742; II. Parma 1748; III. Carpi 1769) stützt sich oft auf Azzari. 
Tacolis Werk wurde nur in 100 Exemplaren gedruckt In demselben herrscht 
eine beispiellose Verwirrung. Von einer üebersicht ist keine Bede. 

285) Memorie I, G02. Tacoli III, 223 bringt diese Ansicht zum J. 119a 
Azzaris Compendio deir historia della citta di Beggio (Reggio 1623) bietet nur 
einige Namen im Abschnitt: Dottori famosi in legge (die Schrift ist nicht paginiert). 

286) In diesem Jahre wurde wenigstens der Friede wider hergestellt. 
Tacoli I, 412 f. 

287) Tacoli 1. c. III, 227. 

288) Comp. IV. c. 2 De electione (1, 3) Cod. Vat. 1404. Das Capitel zu 
Cremona rief H. canonicum suum Regii disciplinis scolasticis insistentem zurück. 

289) S. unter Modena. 

290) s. Berger, Begistres d'Innocent IV. n. 77. 

291) Tacoli 1. c. p. 756. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Reggio. 295 

Accurs Reginus^'^), nicht zu verwechseln mit dem früheren be- 
rühmten Rechtslehrer dieses Namens. Im J. 1270 schloss der 
bekannte Rechtslehrer Guido de Suzaria mit der Ck)mmune einen 
Contrakt ab, in Reggio und nirgend anders zu lehren"'). Das 
wichtigste Document ist ein Doctordiplom aus dem J. 1276, in 
dem als Lehrer des Rom. Rechts Guido de Suzaria und Johannes 
de Bondeno, als Decretisten Pangratinus und Guido de Baysio, 
und ausserdem noch multi alii tam juris civilis quam canonici 
Domini et Magistri mit der Universitas scolarium Civitatis Regii 
erscheinen"^). Der Bischof ist es, der dem Petrus Amadeus 
Kiginkolius das Doctorat ertheilt. Dass das Studium zu dieser Zeit 
als Generalstudium betrachtet wurde, ergibt sich aus einer Bitt- 
schrift von 17 Scholaren, die der Commune im J. 1313 vor- 
stellen, dass sie nicht studieren könnten, da kein Professor in 
Reggio lehre, und die Stadt für die Besoldung von Lehrern nicht 
mehr sorge, ^ut antiquitus fieri consuevit et maxime tempore boni 
Status civitatis predicte, imo priusquam generale Studium 
vigere consueverat in civitate predicta'"*). Die Stadt 
erhörte ihre Bitten. Der Professor juris utriusque Franciscus de 
Lafontana las dort im J. 1314"®), und später Peter de Suzara. 
Allein bald darauf verlieren sich die Spuren eines förmlichen 
Studiums. 

Weder dieses Studium noch das weiter zu besprechende in 
Modena scheinen durch eine Auswanderung von Bologna aus ent- 
standen zu sein; es liegt kein Grund vor zu dieser Annahme. 

298) S. Tiraboschi, Biblioteca Modenese I, 79. 

^3) Tacoli J, 373. In Reggio verfasste er auch seine Glossen in Cod. 
wie aus Cod. Paris 4489 widerholt hervorgeht. S. auch Pancirolii Remm 
bist, patriae suae libri octo (Regii 1847) p. 175. 

2W) Ibid. III, 215 f. Auch ediert von Savigny III, 712f. 

295) Tacoli III, 225. 

296) Er wurde vom Podestä und der Commune von TreTiso im ge- 
nannten Jahre gebeten *ad docendum in civitate (Tarvisii) in jure civili'. Er 
antwortete: 'qnia communi Regii, cui me ante repetitionem vestrarum litte- 
rarnm promisi anno presenti ordinarie in jure etiam civili docere scolaribus 
civitatis ejusdem, nobiiitatem vestram humiliter deprecor, quatenus . . . me 
excusatum habere dignemini.^ Verci, Storia della marca Trivigiana VII, 
Documenti, p. 70 n. 709. Nach Lafontanas Abreise im J. 1315 wurde der 
Legist Thomaxius de Cartariis von Padua berufen. Tacoli 1. c. p. 226. 



296 m* EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Die Uebersiedlung des Piliiis nach Modena war persönliche Sache. 
Es mögen ihm Scholaren gefolgt sein, aber aus seinen Worten 
muss man, wie wir sehen werden, schliessen, dass dort bereits 
ein Studium existierte. 

Modena. 

lieber die Schule zu Modena finde ich kein Document, 
in dem dieselbe jemals Generalstudium genannt worden wäre. 
Ob hier Promotionen vorgenommen wurden, ist zweifelhaft. Doch 
glaube ich nicht, dass das Studium jenem von Reggio weit nach- 
gestanden ist. Bereits Ende des 12. Jhs. wird die Stadt als 
Gönnerin der Studierenden des Rechts von Filius gerühmt^' '); 
er nahm einen Antrag derselben, dort zu lehren, an, und 
gieng vor 1182 von Bologna weg"*). Um jene Zeit scheint 
wohl der Glanz jener Schule am grössten gewesen zu sein. 
Filius stellt sie fast auf eine Linie mit Bologna"'). Dessen 
hieher gehöriger Ausspruch wurde nur zu seiner Zeit widerholt '•*), 
später aber nie mehr citiert. Durch das ganze 13. Jh. hindurch 
lehrten jedoch berühmte Rechtslehrer dort"^), um die nicht bloss 

297) So in seiner Summa trium librorum (Cod. Yat. 2313 Bl. 360). De 
municipibns et origin. (10, 38): Mutina, que juris alumnos scmper diligere 
consuevit. Es bestand also bereits ein Studium, wenngleiph es nicht wahr 
ist, dass bereits vor Pilius Placentinus dort gelehrt habe. S. Anm. 301. 

^^) Er erz&hlt selbst a. a. 0. die interessante Veranlassung. 8. auch 
oben S. 194 Anm. 2. Vgl Savigny IV, 319f., wo Sarti berichtigt wird. 

399) S. oben S. 47 Anm. 28. 

300) Wörtlich kommt die Stelle in Rolands Summa in tres posteriores 
libros Cod. vor (Cod. Casin. n. 58 p. 64). Die Notizen über diesen Codex 
und den Verfasser der Summe in der Bibliotheca Casinensis II, 130 sq. sind 
ganz irrig. Der Codex gehört nicht dem 14. sondern der Mitte des 13. 
Jhs. an. Die dort p. 544 geschriebene Jabrzahl 1301 steht in einem viel 
spätem Stücke am Rande. Roland selbst nennt sich judex, und entlehnte sehr 
Vieles dem Pilius, unter anderm obige Stelle (wo, wie auch anderwärts, sogar 
die Sigle Py steht), und z. B. p. 69: nuper bolonie concessit Imperator 
heinricus (s. Pileus 1. c De jure reipubl. 11, 29), so dass alle Conseqaenzen 
und Vermuthungen der BibI Casin. fallen. Der Autor, verschieden Ton 
Rolandus Bandinellus, lebte wohl nicht zu lange nach Placentin und Pilius, 
yielleicht war er deren jüngerer Zeitgenosse. Cfr. die Einleitung zur Summe 
in der Bibl. Casin. 1. c. p. 131. 

301) S. Tiraboscbi, Bibliotheca Modenese I, 48 ff. Savigny ist jedoch 



2. Hochschulen ohne Stift briefe. Modena. 297 

einheimische, sondern auch auswärtige Scholaren sich sammelten *°''). 
Dies letztere kann man auch aus einem Schreiben Honorius III. 
vom J. 1225 an den Bischof von Modena gerichtet, schliessen'"'), 
sowie aus dem Contrakte des Guido de Suzaria, von dem sogleich 
die Rede sein wird. Zwischen 1225 und 1232 scheint das Stu- 
dium auf kurze Zeit unterbrochen gewesen zu sein, denn in einer 
Chronik heisst es zum letztgenannten Jahre: dicto tempore re- 
cnperatum fuit Studium scolarium Mutine per dictam potestatem '®*). 
Jordan von Sachsen predigte dort circa 1232, war aber nicht 
vom Glücke begünstigt, denn nach achttägiger Aussaat ärntete 
er wenig, wie er selbst sich ausdrückt, während er in Reggio 
einen guten Fang gemacht hatte *°*). Um die Mitte des Jhs. 
lehrten dort Martinus de Fano, Wilhelm Durantis, Albertus 
Galeottus. Im Jahre 1260 verpflichtete sich Guido de Suzaria 
gegen Besoldung in Modena über Recht zu lesen und dare 
operam efficacem in studio scolarium augmentando et Mutine 
retinendo ... et quod nullo tempore alibi reget nisi in civitate 
Mutine et quod non prestabit patrocinium in civitate Mutine 
nisi pro suis scolaribus forensibus '°®). Im Jahre 1279 erscheint 
dort Nicolaus Matarellus '°^). Vom Anfange des 14. Jhs. an 
kam das Studium ins Stocken trotz mancher Anstrengungen der 

III, 383 im Irrthume, wenn er auch Placeutin in Modena lehren l&sst. 
Offenbar verwechselt er hier Modena mit Mantua, während er lY, 250 das 
Richtige trifft. 

30«) Nach einer Chronik bei Muratori, Rer. ital. SS. IX, 771 zum J. 
1247 wurden von der Friedrich II. freundlichen Partei zu Modena nebst 
den Soldaten aus Parma auch omnes scolarcs de Parma, qui tunc crant 
Mntinae ad studendum, gefangen genommen. 

303) Sillingardi, Catalogus omnium episcop. Mutin. Mutinae 1606 p. 91. 
Honorius III. gewährte nämlich facultatem absolvendi scholares stadentes 
Mutinae, qui se leviter et sine livore percusserint. Solche Vorkommnisse 
lassen immer auf das Vorhandensein ron Scholaren aus verschiedenen Ge- 
genden schliessen. 

304) Muratori, Her. ital. SS. XV, 560. Doch erscheinen auch zwischen 
1225 und 1232 dort Rechtslehrer, nämlich Albertus Papiensis, und Ubertus 
de Bonacurso. S. Sillingardi I. c. p. 90. Tiraboschi 1. c. p. 49. 

305) Lettres p. 140. 144: De his, qui apud Regium intraverunt, credo 
quod satis audistis etc. 

»0«) Muratori, Ant. Ital. med. aevi III, 905—907. 
»07) 8. Savigny V, 430. 



298 11^* Entwickelang der Hochschulen his zum Ende des 14. Jhs. 

Commune in den Jahren 1306 bis 1328'°^). Nachdem die 
Stadt bereits im J. 1327 bestimmt hatte, dass dort ein 
stationarius ^omnia et singula cxempla in jure civili et canonico 
tam in testu quam in apparatu bona et bene correcta cum addi- 
tionibus omnibus et singulis' besitzen solle ^°'), erliess sie im 
nächstfolgenden Jahre das Statut 'De studio habendo', in welchem 
sie sich zuerst beklagt, dass ihre Söhne unwissend seien, und 
zwar aus Mangel eines eigenen einheimischen Studiums, das 
in der Rechtswissenschaft, Medicin und Notariatskunst zu unter- 
halten die Commune wegen der beständigen Kriege ausser Stand 
gewesen sei. Es wäre ihr auch schwer gefallen, die studierende 
Jugend auf dem Generalstudium zu Bologna unterrichten zu 
lassen. Sie ermächtigt nun den Podestä, die Anzianen u. s. w., 
jedes Jahr einen Legisten, einen Mediciner und einen Magister 
der Notariatskunst zu berufen und zu besolden. Den Scholaren 
stellt sie Befreiung vom Kriegsdienste in Aussicht"®). 

Vicenza. 

Ein Wechsel volles Dasein führte das Generalstudium zu 

Vicenza. Der Chronist Gherardus Maurisius sagt: Sub isto'*') 

venit Studium scholarium in civitate Vicentiae et duravit usque ad 

potestariam D. Drudi^^'), gewiss also von 1204 bis ungefähr 1210. 

308) S. Tirahoschi 1. c. p. 53 ff. 

309) In Monumenti di storia patria delle provincie Modenesi. Sta- 
tut! I (Parma 1864), 162 rubr. 163. 

310) Ibid. p. 163 Anm. Muratori, Antiqu. Ital. III, 908. Auch in spä- 
teren städtischen Statuten trifft sich wider der Paragraph *De studio habende' 
(z. B. in Libri quinquc statutorum inclytae civitatis Mutinae, 1547, üb. 1 
rubr. 93), allein er hat dort einen anderen Inhalt. Campori, Informazione 
della r. universitä di Modena (Modena 1861), Notizie storiche circa FuniTersitä 
di Modena e il suo patrimonio in den Opuscoli religiös!, letterarj e morali 
(Modena 1863, Luglio e Agosto p. 31) und Cenno storico deUa r. uni?ersilä 
di Modena e delle sue dipendenze (Modena 1872) p. 3 bringen ftlr unsere 
Epoche nicht viel Nutzen. Luigi Gerretti, Modenese notizie (5 Bände, 
Reggio 1833 ff.) bietet nur eine Fortsetzung von Tirahoschi und beschäftigt 
sich mit Schriftstellern des jetzigen und vorigen Jahrhunderts. 

311) Nämlich Bernardus Vexillifer Papiensis. 

318) Bei Muratori, Her. ital. SS. VIII, 15. Anton Godi sagt ebenfalls 
zum J. 1204: Succedente . . Domino Bernardo . . Studium generale fuit in 
civitate Vicentiae, doctoresque in contrata s. Viti manebant, nt etiam hodie 
apud Priorem s. Viti apparent privilegia collationis studii. Muratori 1. c. p. 75. 



2. Hochschulen ohne Stiftbriefe. Vicenza. 299 

Es gibt mehrere Documente, welche von der Existenz einer blühenden 
Schule, an der vier Scholarenverbindungen mit eigenen Rectoren be- 
standen, Zeugniss ablegen"^). Besonders aus dem Actenstücke 
vom 25. Juli 1209 erhellt, dass unter den Scholaren alle Nationen 
vertreten waren. Sarti macht es höchst wahrscheinlich, dass das 
Studium durch eine Auswanderung aus Bologna entstanden sei"*). 
Auch nach 1210 taucht wider ein Studium in Vicenza 
auf. Am 14. August 1261 erkennt der Stadtrath 4n sala epis- 
copatus Vicentiae', 'quod si Studium scolarium civitatis Vicentie 
reformetur, multa eidem civitati Vicentie commoda poterunt 
pervenire', und er wirft eine Besoldung von 500 libras dena- 
riorum Venet. für den decretalium doctor magister Arnoldus 
aus ^pro salario unius anni, ita quod dictus magister Arnoldus 
teneatur ad minus habere viginti scolares Vicentie in scolis suis 
et in jure canonico ibidem legere a feste b. Michaelis ad unum 
annum'. Ein paar Monate (14. Oct.) später versprach die Stadt 'dare 
et solvere magistro Johanni Hispano in decretis ducentas libras 
denariorum V. pro legere librum decretorum in scolis in medio 
civitatis Vicentie omnibus volentibus exaudire'. Und mehrere 
Wochen darauf sicherte sie dem Mag. Aldebrandus de Ulciporzis 
von Bergamo zu '120 libras denariorum V. qui hie Vicentie legit 
et lecturus est librum Infortiati legalem'. Am Schluss des Jahres 
setzte sie dem Magister Eaulus Phisicus '150 libras denariorum V. 
pro docere artem phisice omnibus volentibus exaudire' aus'^*). 

^13) Mittarelli, Ann. camaldul. bringt im 4. Bde. vier Documente, welche 
sich auf das Studium in Vicenza beziehen, aus den Jahren 1205. 1206 Append. 
p. 260-263 und eines vom 7. exeuut. Julii 1209 (Text p. 213). Das wichtigste 
ist das letzte, worin Scholaren aus Böhmen, Deutschland, Ungarn, Frankreich, 
Bargund, Polen, Spanien, Italien aufgezählt werden. Dass in Vicenza vier 
Scholarenverbindungen bestanden, haben wir oben S. 138 gesehen. Sa?i, 
Memorie antiche e moderne intorno alle publiche scuole in Vicenza (Vicenza 
1815) p HO f. kannte den ersten und letzten Act; Marzari, La historia di 
Vicenza (Vicenza 1604) p. 87 nur den letzten. Ohne Beweis lässt dieser 
das Studium bis 1224 fortdauern. Allein das letzte Document für ein Stadium 
in Vicenza in dieser Periode ist ein von Innocenz III. 'scolaribus Vicentie 
commorantibus^ am 25. November 1209 adressiertes Schreiben. Bei Savi 
p. 113. Einzelne Bechtslehrer und Grammatiker traten allerdings fortwährend 
auf; eine Liste vom J. 1229 an bei Savi p. 18 f. 

31*) De claris archigymn. Bon. Profess. I, 306. 

316) Storia della Marca Trivigiana e Veronese di Giamb. Verd. Yenesia 
1786. II, Documenti p. 49 n. 112. Savi p 115. 



300 m* EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des U. Jhs. 

Es darf also nicht angenommen werden, als seien die 
Studien in Vicenza nach 1210 gänzlich damiedergelegen. Dies 
war im 13. und 14. Jh. kaum in einer der italienischen Städte 
der Fall, waren sie auch in ihrem Bestreben, ein General- 
studium in Stand zu halten, nicht immer vom Glücke begünstigt. 
Davon abgesehen, dass auch im J. 1264 zu Vicenza wider do- 
cierende Professoren des (Zivilrechts, der Medicin, Grammatik und 
Dialektik erwähnt werden und im J. 1311 die städtischen Gonsuln 
den Auftrag erhalten, auf die Klagen der Scholaren zu hören, 
so liest man in den Statuten vom J. 1339, dass die in Vicenza 
lehrenden Professoren des Givilrechts nicht die Advocatur aus- 
üben sollten, damit eben die Schule keinen Schaden erlitte ***0- 
Wurde auch unter der Herrschaft Venedigs die von den Vicentinem 
an den Dogen im J. 1410 gerichtete Bitte, dass sie sich an 
Johann XXIIL um ein 'generale Privilegium studii' wenden dürften, 
'cum alias fuerit Studium in civitate Vicentie' und in Anbetracht, 
dass 'scientia est illa, qua totus mundus gubernatnr\ am 13. Juli 
genannten Jahres abgeschlagen, so erhielten sie doch bereits 
17. Mai 1404 die Erlaubniss 'conducere et salariare doctores 
legum et graramatice ac medicos physicos et ciroycos' **•**). Und so 
wird in den im J. 1426 redigierten städtischen Statuten bestimmt, 
dass die 'doctores juris sive iudices de coUegio judicum', sowie 
die 'doctores artium et medicinae, sive medici quam chirurgici, et 
professores sive magistri grammaticae docentes in civitate Vin- 
centiae de caetero ab omnibus oneribus personalibus dumtaxat 
communis Vincentiae sint immunes'"*). Behufs höherer Ausbil- 
dung suchten die Vicentiner allerdings auswärtige Lehranstalten 
auf, was die Commune nicht bloss gestattete, sondern auch durch 
Gewährung von Freiheiten förderte'*')- 

31&») S. SaTi p. 17. Im J. 1339 hatte auch die Neubenifang zwei neaer 
Legisten und eines Mediciners statt, und die Scholaren wurden von den 
Abgaben befreit. 

3i5b) s. die Documente bei Savi p. 117—119. 

316) Statuta Vincentina (Venetiis 1499) Bl. 92b. Die Yerordnong datiert 
ohne Zweifel aus einer frühem Zeit als dem J. 1426. 

31") Ibid.: scholares tarn cives quam forenses euntes ad aliena loca ata- 
diorum causa non teneantur ad solutionem alicuius datii sen gabellae com- 
munis Vincent, pro personis, libris, equis et aliis rebus. 



3. Hochschalen mit päpstl. Stiftbriefen. Rom. Curie. 301 

3. Hoolisoliiüen mit nur päpstliohen Erriohtongsbriefen. 

Die Bezeichnung 'Errichtungsbrief nehme ich hier sowie in 
den nächstfolgenden Paragraphen im weitern Sinne. Die genaue 
Praecisierung derselben ergibt sich sowohl aus der folgenden 
Entstehungsgeschichte der einzelnen Hochschulen, als auch aus 
einer daran sich schliessenden Untersuchung. 

Um der Darstellung mehr Uebersichtlichkeit zu geben, werde 
ich hier und in den nächsten Abschnitten wie theilweise schon 
froher die einzelnen Hochschulen nach den Ländern classifizieren. 



Bömiiohe Curie. 

Italien. Obgleich das Studium an der päpstlichen Curie 
nicht stricte zu Italien gehört, so muss ich wegen des General- 
studiums zu Rom und weil sich die päpstliche Curie doch auch 
in Italien aufhielt, dennoch hier von demselben sprechen. Ich 
habe bereits oben'^') bemerkt, dass dieses Studium von Inno- 
cenz IV. zwischen 1244 und 1245 '*•) im zweiten Jahre seines 
Pontificats während seines Aufenthaltes zu Lyon gegründet 
wurde. Dieses Studium ist ganz verschieden vom Generalstudium 
zu Rom, mit dem es häufig verwechselt wird"®). Wenn es 
jedoch heisst, das Studium habe sich an der Curie oder apud 
sedem befunden, so ist damit nicht gemeint, dass es sich noth- 
wendig im päpstlichen Palaste habe befinden müssen, sondern in 
der Stadt und an dem Orte, wo sich die Curie aufhielt"^). 



^8) S. oben S. 3 Anm. 11. 

319) Nicht 1243, wie Garafa, De Gymnasio Romano (Roma 1751) I, 
131 and nach ihm Reumont, Gesch. der Stadt Rom II, 680 behaupten. 

^ So V. Savigny in der 1. Aofl. seiner Gesch. des röm. Rechts; in 
der 2. hatte er sich corrigiert, obwohl er S. 365 wideram das Stadium an der 
Corie mit der ^Römischen Rechtsschule' rerwechselt. Tiraboschis Forschun- 
gen in der Storia della lett. ital. lY, 64; Y, 75 sind sowohl Aber dieses als 
Aber das Romische Studinm mangelhaft, resp. irrig. Räumer hftlt natflrlich 
in allen drei Auflagen seiner Hohenstaufen den Standpunkt der 1. Aufl. 
SaTignys fest. 

^ Aosdrficklich sagt dies Joh. Andreae in YI. De priyil. c. 2. Auch 
erhellt dies aus der Thatsache, dass, wie wir sogleich sehen werden, Hörs&le 



302 ni. EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Dieses Studium war ein wirkliches Generalstudium*") und 
wurde von Innocenz IV. aus dem Grunde errichtet, weil, wie 
er in dem Stiftbriefe sagt, von der ganzen Christenheit Personen 
zum hl. Stuhle kämen, die nun dort auch in Bezug auf ihre 
wissenschaftlichen Bedürfnisse Befriedigung finden sollten "*)• 
Nicht Honorius IIL, sondern lediglich Innocenz IV. ist der Stifter 
dieses Generalstudiums "*). 

Bisher glaubte man, dieses Studium sei ausschliesslich eine 
Rechtsschule gewesen, verführt durch den Text in den Decretalen 
Bonifaz VIII.'"). Allein man hat hier ausser Acht gelassen, 
dass dieser Papst die genannte Bulle Innocenz IV. wie andere 
Bullen seiner Vorgänger, die er in seine Decretalensammlung auf- 
nahm, veränderte und verkürzte. Aus dem unverkürzten Text, der 
noch erhalten ist, ergibt sich aber, dass Innocenz IV. das Studium 
an der Curie nicht bloss für Jus can. und civile, sondern auch 
für die Theologie gegründet hat'"). Eine weitere Bestätigung 



hie und da gemiethet wurden. Vgl. noch Renazzi, Storia dell' nniversiti 
degli studi di Roma J, 30. Oefters, besonders unter Innocenz lY., war du 
Studium, nach dem Wortlaute bei Niccolö de Curbio zu schliessen, alierdiogs 
im Palaste. S. Anm. 326. 

S22j Bereits Niccolö de Curbio nennt es 'generale Studium'. Bainze, 
Miscell. ed. Mansi I, 198. 

3^3) Cum de diversis mundi partibus multi confluant ad sedem aposto- 
licam quasi matrem, nos ad communem tam ipsorum quam aliomm omniam 
apud sedem commorantium commodum et profectum paterna sollicitudine in- 
tendcntes ut sit eis mora huiusmodi fructuosa providimus, quod ibidem 
de cetero regatur Studium litterarum, quatinus inter alia ipsius beneficia 
quibus reficiuntur assidue ipsius scientie sue uberibus spiritualiter satientnr. 
Nach Cod. 72 zu Grenoble. Gekürzt in VI. Decret. 5 De privil. c. 2. 
Schulte hat in seinem Iter galUcum in den Sitz.-Ber. d. kais. Akad. LIX. 
Bd. S. 382 einen an zwei Stellen verderbten Text. 

^^) Renazzi bringt die angebliche Thätigkeit Honorius III. zum 
Generalstudium in eine falsche Beziehung. Die Documenta schweigen. 
S. unten Anm. 391. 

^^^) Dort heisst es nämlich 1. c. providimus, quod ibidem de cetero 
regatur et yigeat Studium iuris divini et humani, canonici videlicet et cifilis. 
Mit Savigny vertritt die falsche Ansicht unter andern Gregoroyius, Gesch. 
der Stadt Rom V, 597 f. 

3^^) In dem Anm. 323 genannten Codex heisst es nach 'satientur': Unde 
cum tam in theologie facultate quam in ntroque jure canonico et ciyili certis 



8. Hochschulen mit pftpstl. Stiftbriefen. Rom. Curie. 303 

bietet ein späteres Schreiben desselben Papstes, worin er sich 
auf das frühere beruff 0. Widerholt nennt er auch den 
Archidiaconus Dunelmen. am 23. November 1252 apud sed. apost. 
in theologica facultate docentem'"), gleichwie er am 9. Februar 
desselben Jahres den Dominicaner Bartholomäus de Breganza 
als regens in curia nostra in theologie facultate bezeichnet"'). 
Dann darf man nicht vergessen, dass auch unter dem Ausdruck 
^Studium juris divini' die Theologie verstanden wurde. Der Nach- 
folger Bonifaz VIII., Benedict XL, gebraucht am 15. Februar 1304 
das Wort der angezogenen Decretale 'Studium juris divini' 
im Sinne von Studium theologice facultatis, das an der Curie 
existiere "°). In ähnlicher Weise erklären den Ausdruck Jo- 
hannes XXII. und Clemens VI."'). Ebenso versteht auch Joh. 
Andreae in seiner Glosse dieselbe Bezeichnung ^proprie de sacra 
pagina'. 



ad hoc statutis scolis ordinarie ibi (apud s. sedem) doceatur, yolumus et 
statuimus, ut studentes in scolis ipsis penes sedem eandem talibus privile- 
giis omnino, libertatibus, et immunitatibus sint muniti, quibus gaadent stu- 
dentes in scolis, ubi generale regitur Studium, percipientes integre profentus 
suos ecclesiasticos sicut aliL Kurz sagt uns dasselbe auch der Begleiter 
des Papstes, Niccolö de Curbio, indem er meint: In sua curia generale Stu- 
dium ordinavit tam de tbeologia, quam in decretis, decretalibus pariter et 
legibus. Baluze, MisceU. ed. Mansi I, 198. Von der Zeit, in der unter Inno- 
cenz lY. die Curie in Neapel war, nämlich 1254, sprechend sagt er: ge- 
nerale Studium theologie, decretalium, decretorum atque legum in palatio 
sno, sicut ubique fecerat, ordinavit. Baluze 1. c. p. 205. 

^^) Cum olim duxerimus statuendum ut omnes apud sedem apost. tam 
in theologica facultate quam in utroque jure can. et civil! studentes bene- 
ficiomm suorum proventus integre percipiant etc. Marino de Ebolo im Arch. 
Vat. Arm. 31 n. 72 ep. 1364. 

«8) Reg. Vat. an. 10 ep. 245 Bl. 220 a. 

329) Reg. Vat an. 9 ep. 111 BL 128 b. 

830) Reg. Vat an. 1 ep. 367 Bl. 86 b. 

^^) So sagt Johann XXII. 1317 von ehiem Canonicus von Urgel, *quod 
ipse studio divini juris, theologice videlicet facultatis, qnod de mandato 
nostro apud apost. sedem regitur, immoratur'. Reg. Vat Commnn. an. 1. p. 
3 ep. 2144. Ebenso 1319 in Bezug auf den Cantor Johannes de Paliano, 
und aasdrfleklieh wird erwähnt, Innocenz IV. habe in dicta facultate stu- 
dentes apud sedem eandem privilegiert Reg. Vat Comm. an. 3 ep. 360. In 



304 ni. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Dazu kommt der Usus in allen Epochen. Wie wir 
nämlich in einem spätem Bande sehen werden, trugen seit 
Innocenz IV. jene Magistri der verschiedenen Orden, die an der 
Curie lasen, am Studium zumeist nur Theologie vor. In den 
Ausgaben der römischen Curie ist ferner fast ausschliesslich nur 
von den ^scholae in theologia' oder dem Magister theologie die 
Rede, nicht von den andern. Bald wird die Reparatur der theo- 
logischen Hörsäle bezahlt'^'), bald wird angeordnet, das Salarium 
'pro hospitio scolarum theologie' auszufolgen"'), bald die Hörsäle 
zu vergrössern^'^). Daselbst wird auch regelmässig die Besoldung 
des Magisters der Theologie erwähnt. Durchschnittlich bekam 
er für 8 Wochen 36, für das Schuljahr circa 252 Goldgulden. 
Ausserdem wurden ihm die Reisekosten, der Transport der 
Bücher vergütet, für Kleider gesorgt u. s. w., wovon sich nicht 
wenige Beispiele erhalten haben'"). 

Nicht weniger eifrig wurde allerdings an dem Studium der 
Curie das Jus gepflegt und zwar vorzüglich das Jus civile"*), 



derselben Weise widerholt er diese Erkl&rungen im J. 1329 in Besag auf 
Johannes Vincentius (Reg. Yat. Gomm. an. 14 p. 1 ep. 150) und Johannes 
Martini (1. c. ep. 239. Vgl. auch ep. 721), im J. 1331 in Bezag auf Geral- 
dus de Galinier. (Reg. Yat. Comm. an. 15. p. 3 ep. 1137). Ganz dieselben 
Phrasen gebrauchte Clemens YI. in seinem Schreiben. Reg. Yat. Comm. an. 
4 IIb. 4 p. 2 ep. 351 und an. 9. lib. 2 p. 2 ep. 1503. 

332) Bonif. YIII. Introitus et exitus n. 5 Bl. 61a; Clem. Y. Intr. et 
exit. n. 10 Bl. 29b. Joann. XXII. n. 13 Bl. 60b; n. 30 Bl. 47a; n. 32 
Bl. 84 b. 

333) Reg. Yat. Avenion. Clem. VI. tom. 18 Bl. 419a; Joann. XXII. 
Intr. et exit. n. 32 Bl. 91. Im J. 1332, von dem hier die Rede ist, musste 
das Salarium für die vergangenen 14 Jahre bezahlt werden. Vgl. noch o. 
53 Bl. 2 b. 

33*) Joann. XXII. Intr. et exit 1. c. BL 61b. 

335) Bonif. Vm. Intr. et exit. n. 5 BL 35b. 39 b. 41. Clem. Y. Intr. 
et exit n. 10 BL 19. 20. 34; n. 8 Bl. 16 b. Joann. XXII. Intr. et exit n. 
18 BL 21; n. 16 BL 58 u. s. w. 

336) joh. Andreae in YI ad L c: et vide mirabile, quod in Romana 
curia ius civile legi potest et non Parisius (im Drucke, aus dem zumeist 
nachgeschrieben wird, unrichtig Terusii') et locis vicinis. 



3. Hochschalen mit pftpstl. StiftbriefeD. Rom. Curie. 805 

über das dort auch berühmte Rechtslehrer, wie z. B. Dinus, 
lasen •"). Dass darin schon frühzeitig promoviert wurde, erhellt 
aus zwei päpstlichen Schreiben Clemens IV, vom 10. Juli 1268 "■), 
worin den Doctoren zu Montpellier und Bologna kundgemacht 
wird, jene in Montpellier möchten den Mag. Wilhelm Seguier de 
Montepessulano als doctor in jure civili aufnehmen, da er vom 
Mag. Berardus de Neapoli regelrecht an der Curie examiniert und 
promoviert worden sei '"). Zu Gunsten von Legisten, die an der 
Böm. Curie lasen, wurden die Priester schon sehr frühe vom 
Verbote Honorius III. dispensiert. Als Bindus von Siena am 
Stadium der Curie über Civilrecht docierte, erlaubte Honorius IV. 
am 18. Oct. 1 285 allen Geistlichen, mit Ausnahme der Bischöfe, Aebte 
und Religiösen, bei ihm zu hören "®). Dasselbe that Nicolaus IV. 
den 25. October 1290 in Hinsicht auf den Legisten Gomes de 



M7) Vgl. Savigny V, 450. 

^) Bei Marino de Ebolo ep. 2337. 2338 im Arch. Vat Wie immer 
fehlt der Name des Papstes. In der Briefsammlung des Berardas da Napoli 
zvL Bordeaux sind uns dieselben Schreiben erhalten (in jener des Arch. Yat. 
fehlen sie) und zwar mit Namen und Datum. Von Delisle ediert in Notices 
et extraits des mss. XXYII, 2 p. 115 f. 

339^ Mag. Guillelmus Seguier de Montepessulano ... ad magisterii gra- 
<dam aspirans, quem idem Bononie propter dissensionem inter d. f. archidia- 
connm Bonon. ex parte una et scolares inibi studentes ex alia super creatione 
Doctorum exortam non poterat obtinere, ad nos recursum habens super hoc 
profisionis nostre remedium . . . postulavit. Nos itaque ipsins yoto favo- 
rabili pia benignitate faventes, d. f. Magistro Berardo de Neapoli subdia- 
eono et notario nostro iuris civilis professori commisimus, ut enm iuxta 
formam in talibus consuetam diiigenter examinans si ad hoc ipsum idoneum 
in?eniret sibi licfntiam in eodem iure ubique docendi auctoritate nostra 
concederet . . . Dictus vero notarius primo pluribns doctoribus postea tam 
Ulis quam aliis jurisperitis de nostra curia convocatis exacte tam private 
quam publice ipsum examinans sibi eorundem conspirante consensu licentiam 
in eadem civili sapientia docendi ubique ac postmodum librum iuxta morem 
in hiis hactenus observatam tradita sibi a nobis auctoritate concessit. Des- 
halb möchten sie ihn nun als juris civilis professor aufnehmen. Ibid. 

3«0) Reg. Yat. an. 1. ep. 164 Bl. 46a. Ygl. dazu auch Lettera deU'Ab. 
Oaet Marini. Roma 1797 p. 85, und Renazzi, 8toria dell' oniversit^ degli 
Bindi di Roma I, 245. 

Denifle, Dm Unircrsitfttan. h 20 



306 ni. EntWickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Urbeveteri"'). Dieselbe Erlaubniss ertheilte Bonifaz VIII. mit 
ähnlichen Worten wie Honorius IV. am 1. März 1297, als Johann 
Meruguliesi von Pistoja an der Curie las"''). Am 18. Februar 
1302, als dort Mag. Gabriel de Patientibus von Mailand über 
Jus civile lehren wollte, sagt der Papst noch überdies, dass die 
Kenntniss des Jus civile ^ecclesiaticis tarn circa curam temporalium 
quam administrationem spiritualium est admodum utilis et eüam 
opportuna', und deshalb wolle er, ^ut persone ipse pro acquirenda 
scientia supradicta eo libentius et ferventius predicto juris studio 
immorentur, quo potioris favoris presidio per eandem sedem (apo- 
stolicam) in hac parte se noverint confoveri' '"). Derselbe Papst 
übersandte 1298 seine Decretalensammlung wie den Profes- 
soren und Scholaren anderer Hochschulen, so auch Doctoribus 
et Scolaribus univcrsis in Romana curia commorantibus*^^). Im 
Jahre 1343 richtete das Collegium doctorum in generali studio 
Romane Curie . . . actu et ordinarie legentium Jus canonicum 
et civile eine Supplik an Clemens VI., aus der hervorgeht, dass 
damals zwei Doctoren über das Decret, zwei über die Decretalen 
und zwei über das Civilrecht lasen'**). 

Dieses Studium wurde mit jenen zu Paris, Bologna, Oxford 
und Salamanca auf dem Concil von Vienne bestimmt, damit dort 
ein Lehrstuhl für arabische, chaldäische und hebräische Sprache er- 



Mi) Reg. Yat. an. 3 ep. 481 BI, 98 b. <Apad sedem eandem tantnm' 
dürfe es geschehen, und nur in Bezug auf dessen Zuhörer oder auf jene 
des Substituten. 

842) Reg. Vat. an. 3 ep. 14 Bl. 198 a. Der Papst dispensiert ihn vom 
geleisteten Eide, 'quod nonnisi in civitate Bonon. in jure regeret'. 

3^) Reg. Yat. an. 8. ep. 16 Bl. 151a. S. dazu Renazzi 1. c. p. 245. 

3^) So im Cod. Burghes. n. 7. Vgl. auch Friedbergs Ausgabe der 
Decretalen. 

^^) Die Supplik beginnt: Suplicant S. Y. humiles et devot! filii ac 
seduli oratores vestri Collegium doctorum in vestro generali studio Romane 
Curie etc. Das Collegium bittet um Qnaden für die einzelnen Mitglieder. 
Es werden genannt : Johannes Schcrlati, der während 7 Jahre die Decretalen las; 
Jacob Gaufridi, conjugatus, legum doctor; Bernardus Rastacii, legum doctor 
und canonicus; Guilhelmus Baralhi, canonicus, Ord. S. Aug., der Über das 
Decret las; Aymerigus Biga, Ord. S. Aug., decretorum doctor, über die De« 
cretalen lesend; Amaldus Terroni, decretorum doctor und darin aach Pro- 
fessor. Arch. Yat. Clem. YI. Reg. Supplic. an. 1 par. 2 Bl. 67a. 



8. Hochschnlen mit p&pstl. Stiftbriefen. R6m. Curie. 307 

richtet werde, und es ist keineswegs eine geringe Ehre, dass 
die Concilsbestimmung wenigstens in Bezug auf die eine oder andere 
der Sprachen zuerst an demselben in Ausführung kam. Das 
Verdienst gebührt Johannes XXII., der sich bemühte, dass das 
Statut auch an den andern genannten Generalstudien Erfolg habe. 
So schrieb er 24. Februar 1319 dem Bischöfe von Paris, er 
möge dem vom Judenthum zum Ghristenthum bekehrten Johannes 
Savalti de Novavilla, der in der hebräischen und chaldäischen 
Sprache unterrichtet sei 'et desideret libros earundem linguarum 
in latinum transferre ac alios Ghristifideles in eisdem Unguis 
Parisius erudire, in studio Parisiensi linguas ipsas seu alteram 
earum docenti in stipendiis competentibus et sumptibus . . . juxta 
tenorem constitutionis fe. re. Glementis Pape V. super hoc edite' 
vorsehen'"). Ob dieser Auftrag ausgeführt wurde, konnte ich 
nicht finden, während dies in Bezug auf das Studium an der 
römischen Curie der Fall ist. Vom 19. November 1317 an wird 
dem Magister linguarum ebenso wie dem Magister theologiae 
und den übrigen Angesteliten das Salarium bezahlt. Am ge- 
nannten Tage wird nämlich fr. Gonradus electus Effesinus magister 
linguarum in Guria genannt'*^), welcher 17. December bereits als 
Archiepiscopus magister linguarum aufgeführt wird"'). Erblieb 
in diesem Amte bis 8. April 1318"*), an welchem Tage fr. 
Bonifacius magister linguarum de novo deputatus per dominum 
nostrum erscheint "°). Dieser blieb nun ziemlich lange. Er 
wird erwähnt 14. November 1321 und widerholt im J. 1322 
und 1323'"), sowie in den Jahren 1324—1327»"). Zu gleicher 
Zeit waren für die Sprachen noch andere angestellt und 
besoldet Im September 1321 bekommen Raynerius de Co- 
stansa Presbyter et Alexander Petiti clericus nuntii regis Er- 



^ Reg. Com. an. 3 ep. 408 Bl. 131b. 

^^) Joannis XXII. Intr. et exit. C. A. n. 16 BI. 136a; n. 17 Bl. 44a. 
»*8) Ibid. n. 16 Bl. 137 a; n. 17 Bl. 45 b. 
3«) Ibid. n. 16 Bl. 138a-140a. 
MO) Ibid. Bl. 141a. 

3&1) Ibid. n. 47 Bl. 118b, 120a; 121a u. s. w. n. 54 Bl. 126a etc. 132a. 
»M) Ibid. n. 57 Bl. llOff. n. 81 Bl. 70b (hier steht irrtbümlich magister 
ligDOrom); n. 84 Bl. 78 b u. 8. w. 

20* 



308 ni. Entwickelang der Hochschalen bis sam Ende des 14. Jhs. 

menie, qui debent docere in curia linguas eorum, eine Besoldung'"), 
und sie sind wenigstens noch bis 28. Mai 1323 im Amte'^^). 

Ich kann hier diesen interessanten bisher kaum beachteten 
Gegenstand nicht weiter verfolgen*"). Das Angeführte genügt, 
um einigen Begriff von der Ausdehnung der Studien an der 
päpstlichen Curie zu erhalten. Dass auch das medicinische Studium 
gepflegt wurde, ergibt sich aus den Besoldungen, die um dieselbe 
Zeit den 'Physikern' an der päpstlichen Curie gewährt wurden. 
Doch erhielt dasselbe erst im 15. Jh. mehr Bedeutung. 

Auf Irrthum beruht aber die Ansicht des Gregorovius, im 
13. Jh. sei am Studium der Curie bereits Aristoteles erklärt 
worden"®). Ich wenigstens finde keinen Anhaltspunkt für diese 
Behauptung. Scheint doch überhaupt das artistische Studium an 
der Rom. Curie spätem Datums zu sein. 

Mit dem Generalstudium an der Curie ist nicht zu ver- 
wechseln das Studium, welches Urban V. zu Trets gründete 
und das ebenfalls Studium D. nostri Pape hiess. Dieser Papst 
unterstützte nämlich fast noch mehr als seine Vorgänger arme 
Studierende. Er unterhielt während seines Pontificates fortwährend 



353) Ibid. n. 47 Bl. 118b; 120a. Die Besoldung des magister lingaarom 
betrug in der Regel 12 Gulden für 8 Wochen. 

854) Ibid. n. 47. Bl. 121b- 124. n. 54 Bl. 126-131 a. 

355) Voigts Bemerkaugen in seiner Wiederbelebung des classischen Alter- 
thums 2. Aufl. IX, 359, die Concilsbestimmung von Yienne sei nirgend ins 
Leben getreten, wird dadurch wohl far immer widerlegt. 

^ Gregorovius meint V, 600f., der hl. Thomas sei 1261 nach Rom berufen 
worden, um an der Palastschale die Schriften des Aristoteles zu erklären, 
dort habe er Philosophie und Moral vorgetragen bis 1269. Alles theils an- 
genau, theils falsch. Der Ausdruck Henere Studium Romae' besieht sich 
nicht auf das Studium an der Curie, sondern auf das im Orden. Im J. 1265 be- 
stimmte z. B. das Provincialcapitel der Rom. Provinz der Dominicaner za 
Anagni: Fratri Thome de Aquino iniungimus in remissionem peccatorum, quod 
teneat Studium Rome, et volumus quod fratribus qui stant secum ad studen- 
dum provideatur in necessariis etc. (Originalcodex der Generalcapitel und 
der Gapitel der Rom. Provinz im Generalarchiv, Bl. 139 a). Im J. 1272 be- 
Bchloss ein anderes Gapitel (zu Florenz): Studium generale theologie quan- 
tum ad lectiones et personas, et numerum studentium comittimus plenarie 
fratri Thome de Aquino (Ibid. Bl. 142 b). Mehr darüber im 3. n. 4. Bande. 
Die Nutzanwendungen des Gregorovius fallen hiemit. 



3. Hochschulen mit papsti. Stiftbriefen. Rom. Curie. 309 

1000 Scholaren an verschiedenen Studienanstalten "^ ; er errichtete 
einColleg in Bologna"'), ein anderes in Montpellier fÜrMediciner*"), 
und ebenso ein Studium, das bereits November 1363 in Trets 
war, und dort bis zum 3. Juni 1365 blieb, wo es nach Manosque 
übertragen wurde. Im J. 1364 waren 180 Schüler an diesem 
Studium, von denen 155 auf Kosten des Papstes erhalten wurden. 
Sie waren aus den Diöcesen Aix, zu der Trets gehörte, Marseille, 
Toulon, Fröjus, Grasse, Vence, Riez, Digne, Apt, Sisteron, Sen6s, 
Carpentras, Nizza, Cavaillon, Glandäve und Avignon. Ausser dem 
Rector studii werden 7 Magistri und das übrige zum Unterhalte 
der Studenten nothwendige Personal aufgeführt unter dem Ge- 
sammttitel: Servitores continui scolarium studii dicti Domini 
nostri. Als das Studium nach Manosque transferiert wurde, be- 
stand das gesammte Personal mit den Studenten aus 110 In- 
dividuen "^). 

Wenn wir bedenken, dass die Päpste ohnehin das General- 
studium an der Curie zum grossen Theil unterhielten, und in 
Folge davon Jahr für Jahr ziemliche Ausgaben machen mussten, 
so staunen wir, dass z. B. Urban V. neben dem Generalstudium 
noch ein anderes Studium der Hauptsache nach versehen, 
und überdies auch andere CoUegien erhalten und unterstützen 
wollte. 

Zur Zeit des grossen Schismas hatten sowohl die Römischen 
Päpste als die Gegenpäpste ein Studium s. Palatii. Doch scheint 
an jenem der letzteren später nur mehr Theologie vorgetragen 
worden zu sein; wenigstens schliesse ich dies aus dem Rotulus, 



3^7) So die Prima vita Urbani V. bei Baluze, Vitae Paparum Avenion. 
(Parisiis 1693) I, 395. 

3M) s. oben S. 215. 

^^) S. Baluze 1. c. Er liess 12 Scholaren in Montpellier 'ad artem 
medicine addiscendam' in einem von ihm erbauten Gollegium ernähren. Arch. 
Vat Reg. litt, camer. apost. 1366 n. 346 El. 36 a. 

^ Obige Notizen, die bisher ganz unbekannt waren, sind den Rationes 
BCholarum de Tritis 1364. 1366 (n. 253) im Yatican. Archi? entnommen. Sie 
hat der Rector des Studiums, Deodatus Jordani, niedergeschrieben. Ehe 
man nach Manosque übersiedelte, untersuchte der Rector studii auf Qeheiss 
des Papstes, ob Pertuis oder St. Remy geeignetere Orte fQr die Anstalt 
w&ren. 



310 in. Entwickelang der Hochschulen his sum Ende des 14. Jhs« 

den die scolares s. palatii an Benedict XIII. im ersten Jahre seines 
Pontificates einsandten, und der sich nur auf die magistri et 
studentes in facultate theologie bezieht'''*), während an jenem 
der Römischen Päpste nebst der Theologie noch immer Jus ca- 
nonicum und civile vorgetragen wurde'*'). 

Das Studium an der Curie war nicht stabil. Gleichwie 
nämlich der päpstliche Hof nicht fix war, so hatte auch die 
Schule an demselben keinen bleibenden Sitz, sondern folgte der 
Curie überall hin'"'). Sie glich hierin vollends der Hofschule 
Karls des Grossen und seiner Nachfolger. Die Könige und Kaiser 
hörten schon seit langem auf eine Palastschule zu unterhalten, 
dafür aber besassen die Päpste eine solche, jedoch in viel 
grösserm Umfange, als jene. 

Rom. 

Die Hochschule zu Rom dankt Bonifaz VHI. ihr Dasein. 
Der Stiftungsbrief ist vom 6. Juni 1303 datiert'"). Zwar be- 
schloss Karl I. von Neapel aus Erkenntlichkeit gegen die Stadt, 
die ihn zum Senator erwählt hatte, am 14. October 1265 in 
Rom ein 'generale Studium tam utriusque juris quam artium* 
zu gründen'"); allein es blieb nur beim guten Willen, so dass 
Bonifaz VUI. diese Stiftung nicht einmal zu erwähnen brauchte, 
und nicht erwähnte. Der Beweggrund bei Stiftung dieser Hoch- 
schule von Seite des Papstes war ähnlich jenem bei Stiftung 
der Schule an der Curie. Nach Rom als dem Sitze des Papste 
thumes kommen von allen Gegenden die Fremden. In ihrem 
Interesse, aber auch im wissenschaftlichen Interesse der Ein- 



361) Ben. XIII. Reg. cxpectationum an. 1. p. 7. Bl. 186 a. 

362) Als Beweis möge hier dienen, dass in Schreiben Bonifaz IX. Scho- 
laren des Can. und Rom. Rechts *in Romana curia stndentes' erwähnt wer- 
den. Z. B. Reg. im Archiv vom Lateran, 1389, an. 1 lib. 6 Bl. 93; lib. 7 
Bl. 246. 

^^) Bonifaz de Vitalinis sagt zur oben genannten Decretale in Clem.: 
Notandam, quod Romana curia ubicunque sit, habet Studium generale. 
Comment. in Clem. Const. ed. Venet 1574. Bl. 181a. 

3W) Renazzi 1. c. p. 258 n. 21. BuU. Rom. ed. Taurin. IV, 166. 

365) Bei Del Qiudice, Cod. diplom. del regne di Carlo I. e IL, I, 
68, n. 24. 



3. Hochschulen mit pftpstl. Stiftbriefen. Rom. 311 

heimischen, wird das Studium errichtet. Der Papst schloss keine 
Wissenschaft aus*"). Johann XXII. beschränkte jedoch am 
1. August 1318 das Recht der Promotionen, die der Vicar zu 
Rom zu leiten hatte, auf das jus canonicum et civile'*'), woraus 
man jedoch nicht mit Renazzi und Savigny*^*) schliessen darf, 
als habe erst jetzt die Hochschule das Recht der Promotionen er- 
balten. Beim Examen müssten wenigstens vier Magistri zugegen 
sein. Der Candidat für das Doctorat in jure civili sollte 
wenigstens sechs Jahre studiert und zwei Jahre (eines davon in 
Rom) gelesen haben. Der Ganonist in jure can. musste fünf 
Jahre gehört und zwei Jahre (von ihnen eines in Rom) gelehrt 
haben. Bereits 26. Februar 1317 ertheilte der Papst Dispens 
von der Residenzpflicht"®'). 

Trotz des Aufenthaltes der Päpste zu Avignon blieb das General- 
stadium zu Rom fortbestehen, und es ist völlig der Wahrheit 
widersprechend mit Voigt zu behaupten, während jener 70 Jahre 
sei das Studium zu Rom fast vergessen gewesen"'). Papst 
Johann XXIL wollte Anfangs des Jahres 1324, dass seine Con- 
stitution über die Armuth Christi Cum inter nonnullos durch 
seinen Vicar in Rom 'in studio urbis' publiciert werde"®). Aus 
einem Actenstücke vom J. 1334 lernen wir den Auftrag kennen, 
^doctoribus Romani studii tam in jure quam in fisica ... de 
florenis aureis quadringentis vel circa anno quolibet juxta solitum 
et sicut fuit opportunum exhiberi' '"). Weitere, meist päpstliche 
Documente aus den Jahren 1325, 1330, 1350, 1354 und 1369, 
welche sich auf die Uuiversitas studii oder das Studium Urbis 



3^) 'Generale vigeret Studium in qualibet facultate'. Ibid. 

s«7) Renaszi 1. c. p. 266. Bull Rom. ed. Taar. IV, 275. 

«») Ibid. p. 60. Savigny III, 321. 

«««•) Renazzi 1. c. p. 260. 

3^) Die Wiederberst. des class. Alterth. II, 44. Savigny ist sich unklar. 

370) Reg. Yat. Secret. au. 8. ep. 4 Bl. 1 b. Der Schluss des Breves mit 
dem Datum fehlt; es gehört aber in den Anfang des Jahres, nicht in die 
spfttern Monate. Am 15. Oct. 1319 wurde der Canonist Matthaeus Romanas 
ad lecturam decretalium erw&hlt. S. das Document bei Renaazi p. 261 n. 25. 

971) Ant. Vitale, Storia diplom. de' Senatori di Roma, Roma 1791 I, 
243 hat das Schreiben König Roberts von Neapel an Peter Rayano und 
Tancred vom 11. März 1334 publiciert, worin oben genannter Auftrag vor- 
kommt. S. p. 245. 



312 m* Entwickelang der Hochschulen bis sam Ende des 14. Jhs. 

beziehen, und in denen dasselbe fortwährend als bestehend voraus- 
gesetzt wird, wurden bereits von Benazzi publiciert '^'). Aus 
ihnen ergibt sich, dass noch bis 1369 fortgesetzt das Doctorat 
in jure civili ertheilt wurde'*'*). Dadurch ist natürlich nicht 
ausgeschlossen, dass in der letzten Zeit das Studium im Verfalle 
war. Es trat theilweise sogar Stillstand ein. Die nicht vor 
1363 reformierten Statuten der Stadt beschliessen in einem 
eigenen Paragraph die Reformatio der Schule und die Berufung 
und Dotierung von Professoren *'*). 

Die Erneuerung hielt nie lange an; das Studium verfiel 
auch gegen Ende des Jhs., um endlich unter Eugen IV. ernstlich 
reorganisiert zu werden"*), nachdem der Plan Innocenz VIL 
im J. 1406 das Generalstudium herzustellen nicht vom Glücke 
begünstigt war"*). 

Es war höchste Zeit, dass der Papst an die Neugründung 
der Hochschule zu Bom dachte, deren Einwohner seit mehr als 
einem Jahrhundert die drangsalvollsten Tage durchlebt hatten. Ein 
erschütterndes Ereigniss löste dort das andere ab: die Verlegung 
des päpstlichen Stuhles nach Avignon, innere Zwietracht, Occu- 
pation durch Ludwig den Baier, Erdbeben, Bevolution Colas de 



373) L. c. p. 263. 268 n. 26. 29~32. Die genannten Docamente be- 
finden sich alle im Vat. Archiv. 

373) Arch. Vat. Regcstum litterarum camer. et thesanrarii Apost. 1364. 
1368. 1369. Bl. 136 a betindet sich der Auftrag, dass Laurentius de Ibstock, 
bacalarius in legibus Mn generali studio alme urbis Rome in facultate juris 
civilis ad doctoratus honorem' promoviert werde (28. Jänner 1369); 151a 
steht derselbe Auftrag hinsichtlich des Johannes Segini (9. Februar); 169b in 
Bezug auf Matthäus Glementis baccallarius in legibus decanns Oscen. (2. März). 
Dabei werden immer die legum doctores erwähnt, welche anwesend waren. 

374) Statuti della cittä di Roma del saec. 14. publ. da Gamillo Re. 
Roma 1883 p. 144. Nach dem Codex im Arch. Vat. Mise. Arm. 6 n. 96 
trägt der Paragraph Bl. 177 b die Aufschrift: De studiis generalibas urbis 
Romae. Nach Cod. Vat. Ottob. 1880 und Vat. 7308: Quod doctores in alma 
urbe sint forenses medici magistri salariati et de eorum salario. Es heisst 
im Beginne, dass das Studium generale privilegiatum . . . per defectam ibi- 
dem legentium iam collapsum per sufficientem doctorum facnndiam subleTetar. 

376) Renazzi 1. c. p. 106. 116. 274. 

376) Reg. Vat Innoc. VII. De curia an. 2. lib. 2 BL 181 a. Cfr. Be- 
nazzi 1. c. p. 109 f. 273. 



3. Hochschalen mit päpsil. Stiftbriefen. Rom. 313 

Bienzi u. s. w. Wurde auch der päpstliche Stuhl wider nach 
Kom zurückverlegt, so schlug doch das sofort eingetretene grosse 
Schisma neue Wunden. War es bei solcher Sachlage kein Wunder, 
dass die römische Universität nicht zu gedeihen vermochte und 
allen Widerbelebungsversuchen spottete, so verstand es sich auch 
von selbst, dass die Unwissenheit immer mehr zunehmen musste. 
Gleichwie es das Verdienst Bonifaz VIII. bleibt die Hoch- 
schule ins Leben gerufen zu haben, so ziert es das Andenken 
Eugens IV. mit bleibendem Ruhme, dass er die Widerhersteilung 
derselben in Angriff genommen hat. Mit seinem Schreiben voifl 
10. October 1431 beginnt eine neue Epoche in der Geschichte 
der Universität. Und darum kommen spätere Päpste auf Eugens 
Verordnungen ebenso zurück, wie auf den Stiftbrief Bonifaz VIII. 
Gab Eugen in seinem Schreiben einerseits Bestimmungen über 
die Taxation der Wohnungen und den Gerichtsstand, und gewährte 
er den Universitätsmitgliedern die gewöhnlichen Freiheiten und 
Immunitäten, so regelte er andererseits die Subsidien zum Unter- 
halte der Universität. In der ersten Zeit ihres Bestandes nahm man 
sie aus den Renten von Tivoli und Rispampano; Eugen erhöhte 
die auf den importierten Wein gelegte Steuer, damit der Ueber- 
schuss zu Zwecken des Studiums verwendet würde'"). Am 
7. Februar 1433 gab er dem Rector ein Consilium von vier 
Reformatoren zur Seite, die aus zwölf der angesehensten Bürger, 
von denen einige in jure can. vel civili doctores sein sollten, gewählt 
werden, ein Jahr lang im Amte bleiben und über ihr Gebahren 
Rechenschaft ablegen müssten. Durch diese Verordnung wollte der 
Papst verhüten, dass die Renten zu einem andern als zu dem 
von ihm bestimmten Zwecke verwendet würden"*). In demselben 



377) ut in gabellam vini forensis, qnod in tabernia venditur, pro qua 
venditores hainsmodi vini sex denarios pro qualibet libra camere dicte urbia 
8oI?ere tenentur, addantup etiam pro libra tres solidi cum dimidio, qne 
additio exigi et conservari debeat. Reg. Vat. De cur. an. 1. 2. lib 12 Bl. 115 b; 
De offic. 1. 1. BI. 67 a. Renazzi 1. c. Auftr&ge hierüber finden sich im Arcb. 
Vat. Div. Camer. t. 17. Bl. 203 b; 244 a. Von den späteren Päpsten, welche 
darauf reflectierten, citiere ich Nicolaus V. De cur. 1. c. t. 22 Bl. 14 b; 
Sixtus IV. Div. Cam. t. 38 Bl. 246a; Innocenz VIII. Ibid. t 46 Bl. 210a. 
Leo X. in der oben anzufahrenden Bulle. 

»7«) Reg. Vat. De cur. an. 2. 3. 1. 13 Bl. 147 a. Im zweiten Bande 
komme ich darauf zurtlck. 



314 m* EntwiekelaDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Schreiben, worin er diese Verfügungen trifft, gibt er auch den 
Auftrag 'collegium pro pauperibus inibi collocandis scolaribus et 
studentibus constitui et edificari possessionesque et domos vel 
alia immobilia bona ad ipsius domus seu collegii opus emere'. 
Sowohl diese als die frühere Bestimmung erneuerte der Papst 
am 1. November desselben Jahres*"). Allein nur die erstere, nicht 
jene hinsichtlich des CoUegs kam zur Ausführung. Am 25. Mai 
1438 veröffentlichte er neuerdings sein Schreiben vom 10. October 
1431 mit Hinzufügung weiterer Aufträge"®). 

In der Zwischenzeit sah man sich auch um geeignete Lehr- 
kräfte um. Für das jus civile werden die legum doctores Gaspar 
de Battarellis"*) und Ludovico Pontano'") genannt; f&r die 
lectura ordinaria decretalium der doctor utriusque Anton de 
Rosellis*"); für jene decretorum Yvo de Coppulis, welcher 
von Perugia kam"*). Am wenigsten Fortschritte machte die 
Theologie "*). Der Grund davon lag wohl darin, dass sie am Stu- 
dium der päpstlichen Curie eine stärkere Vertretung hatte. 

Die Hochschule war zwar auch nach Eugens Tod manchen 
Wechselfällen ausgesetzt, ja unter Sixtus IV. hätte ihr bald 
wider der Untergang gedroht"*), allein sie blieb nunmehr doch 
fortbestehen. Alexander VI. sorgte für neue Schullocalitäten. 
Unter Eugen wurden alle Schulen bei S. Eustachio vereinigt"'); 
Alexander begann in der Nähe den heutigen Bau der Sapienza*"), 

379) Reg. Vat. de Cur. an. 2. 3. 1. 13 Bl. 251b. 
»80) Reg. Vat. de Cur. an. 5-8 1. 15 BI. 272b. 
381) Div. Cam. t. 18 BI. 2 b. Renazzi p. 276 n. 3. 
383) Renazzi p. 129 f. 

383) DiY. Cam. t. 17. Bl. 216a. 

384) Ibid. Bl. 55 b. Renazzi p. 279 n. 5. 

385) Vgl. Renazzi p. 165. Card. Dominicus Capranica, auf den ich als« 
bald zu sprechen komme, sagt in den fOr sein Colleg bestimmten Constitu- 
tionen: quia in Urbe Studium theologiae non multum viget, volumus, quod 
Bit in ipso collegio aliquis notabilis doctus magister theologiae' etc. Almi 
collegii Capranicensis Const. c. 23, ed. Rom. 1879 p. 22. 

386) s. Renazzi p. 195. 

387) Ibid. p. 125 f. Vgl. p. 280 n. 10. 

388) Ibid. p. 281 n. 11. 12. Das erste Actenstück, mit dem der Papst 
1000 Ducaten anweisen Hess, ist vom 17. Dec. 1497, das andere, in dem ein 
gleicher Auftrag erfolgte, vom 16. Not. 1498. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stiftbriefen. Rom. 315 

den Leo X. erweiterte und Alexander VII. vollendete. Scheinbar 
brachte es die Hochschule nunmehr sogar zu grosser Blüthe, 
denn nach dem von Marini herausgegebenen Verzeichniss der 
Lehrer vom J. 1514 waren von den 88 Professoren nicht 
weniger denn vier Theologen, 11 Canonisten, 20 Legisten, 15 Me- 
dianer, die übrigen aber Philosophen, Mathematiker, Rhetoriker 
und Grammatiker"'). Allein es ist nur Schein. Leo X. führt am 
5. November 1513 die Klage seines Vicars und der Reformatoren 
des Studiums an, dass an der Universität, welche 4nter ceteras 
studiorum generalium in Italia universitates frequens et celebris 
esse deberet, a pluribus citra annis adeo scolarium copia defe- 
cit, ut quandoque plures sint qui legant, quam qui audiant\ 
Der Grund davon sei, dass die von Eugen gewährten Privilegien 
nicht beobachtet würden und die Professoren sich in andere 
Geschäfte mengten, und deshalb ihre Vorlesungen unterliessen*'"). 
Die damals enorme Professorenzahl deutet also nichts weniger 
als auf eine grosse Ausdehnung und einen blühenden Zustand 
der Lehranstalt hin. Auch gewährte der römischen Hochschule 
keinen Vortheil, dass ungefähr um jene Zeit das Studium an der 
Curie aufgehoben wurde^'^') Ob Leo X. dies bewerkstelligt habe, 
und ob das Studium mit der Hochschule vereinigt wurde, konnte 
ich aus den Acten nicht ermitteln^**). 

^^) Marini, Lettera nella quäle s'illustra il ruolo de'professori dell 
archiginnasio Romano per Tanne MDXIV. Roma 1797, p. 11 — 16. Ausser 
den 88 Professoren werden noch Grammatiker der verschiedenen Stadttheile, 
der Rector, die Reformatoren und der Bedell aufgeführt. Der Autor der 
unten Anm. 391 anzuführenden Relazione hat den Catalog wohl nie zu Gesicht 
bekommen, und deshalb missverstanden. 

39«) Reg. Vat. Leon. X. Bull. 1. 26 (n. 1016) Bl. 209. Im BuH. Rom. z. B. 
ed. Taurin. Y, 568 fehlt gerade die oben herbeigezogene entscheidende Stelle, 
da die Herausgeber der irrigen Meinung waren, sie gehöre dem Schreiben 
Bonifaz VIII. an, während doch Leo nur das Schreiben Eugens lY. vom 
10. October 1431 widerholt, und darauf obige Klage anführt. 

S90ftj Koch ein Jh. nach Leo X. hört man die Klage, dass die Schüler- 
zahl von Dreissig selten erreicht werde. Cod. Yat. 7400 Bl. 54b. 

^^) Ueber das Studium zu Rom existiert ausser der citierten Lettera 
Marinis, in der p. 90 sqq. mehrere Acten von Eugen lY. an abgedruckt 
sind, und dem oft erwähnten vortrefflichen, wenngleich nicht durchweg 
kritischen Werke Renazzis und jenem Carafas ein nicht zu unterschätzender 
Artikel (zum grossen Theile Auszug aus Renazzi) in Moronis Dizionario 



316 11^ Entwickelong der Hochschulen bis zam Ende des 14. Jhs. 

Die Geschichte der römischen Hochschule macht es begreif- 
lich, warum an derselben erst spät ein Colleg für arme Scholaren 
gegründet wurde. Da das von Eugen IV. geplante nicht zur 
Ausführung kam, so ist das erste der nachher so zahlreichen 
Collegien Roms, die alsbald unvergleichlich mehr Bedeutung ge- 
wannen, als die Hochschule selbst, ja von denen sogar einzelne 
gleichsam eine Universität für sich repräsentierten, das vom 
Cardinal Domenico Capranica im J. 1458 gestiftete Gollegium 
pauperum scholarium sapientiae Firmanae'*") oder kurzweg Col- 

vol. 84 p. 282—323; vol. 85 p. 3—208. Arm ist Relazione e noti«ie intomo 
alla r. nniversitä di Roma. Roma 1873. Moroni fällt allerdings in den all- 
gemeinen Fehler, die angeblich von Honorius III. und dann die von Innocenz lY. 
gestiftete Schule mit der Grandung der Universit&t in Verbindung su bringen. 
Allein die von Innocenz ins Leben gerufene Lehranstalt ist das Studium an 
der Curie, von dem ich im vor. Paragraph gesprochen habe; die Gründang 
einer Schule jedoch durch Honorius III., die auch Renazzi gestützt auf 
etliche Autoren erwähnt, ist sehr problematisch. Man glaubte einen Schrift- 
steller des 13. Jhs. für diese Behauptung eitleren zu können, nftmlich Joh. 
de Golumna, welcher 1255 Erzbischof von Messina wurde und 1280—1290 
starb (s. Qu^tif-Ech. I, 418). Diesem schrieb man ein Werk De viris 
illustribus zu , worin der Autor von einer von Honorius III. gestifteten 
Palastschule spricht. Doch dieses Werk gehört nicht jenem Johann de Go- 
lumna des 13. Jhs., sondern es hat einen Johann de Golumna des 14. Jhs. 
zum Verfasser. Ich kenne nun drei Hss., n. 142 in der Bibl. Barberini; 
n. XX. VI. 34 in der Bibl. Casanat. zu Rom; cod. lat. cl. X. n. 58 in der 
Marciana zu Venedig. Sind auch diese drei Hss. insofern von einander ver- 
schieden, als die zwei letztern die ethnici und christiani getrennt von ein- 
ander aufführen, während in der erstem alle durcheinander gemengt alpha- 
betisch behandelt werden, so stimmen sie doch darin überein, dass im An- 
hang zu Innocenz UI. der Tod des Dominicaners Joannes de Gomite auf 
Gypern im J. 1322, und im Abschnitte Thomas v. Aquin dessen Heilig- 
sprechung durch Johann XXH. (1323) erwähnt werden. Demselben Autor 
wurde auch das Mare historiarum beigelegt Allein Waitz hat in den Mon. 
Germ. SS. XXIV, 266 nachgewiesen, dass es nicht vor 1340 geschrieben 
sein könne. Der Autor beider Werke mag also ein Johann de Golumna 
gewesen sein, aber keineswegs der berühmte des 13. sondern ein anderer 
des 14. Jhs. Dadurch verliert dasjenige, was er über das 13. Jh. besonders 
die ersten Decennien desselben erzählt, wesentlich an Werth. Ich konnte 
mich nicht entschliessen, oben bei Behandlung des Studiums an der Curie 
auf Honorius III. zurückzugehen. 

^ S. Gatalani, De vita et scriptis Dominici Gapranica card. comment»- 
rius (Fenni 1793) p. 130. 155. 



3. Hochschulen mit p&pstL Stiftbriefen. Pisa. 317 

legio Capranica. Es hiess 'Firmanae' nicht als wäre es nur für Scho- 
laren aus Fenno bestimmt gewesen, sondern weil der Stifter Bischof 
von Fenno war. Der Cardinal gründete es für 31 Scholaren, 
wie er selbst in seinen Constitutionen sagt"'). Er bestimmte 
in denselben, von welchen Persönlichkeiten die Alumnen prä- 
sentiert werden, und inwieweit sie ihrer Abkunft nach theils 
von Rom theils von einigen andern Orten Italiens sein sollten "*). 
Sechzehn von ihnen müssten Theologie und die artes studieren, 
die übrigen in jure canonico. Der Stifter baute noch kein be- 
sonderes Haus für sie, sondern nahm sie im J. 1458 in seinen 
eigenen Palaste auf, wo er ihnen eine Bibliothek einrichtete. 
Nachdem er jedoch 14. August desselben Jahres gestorben war 
und dem CoUeg ein reiches Erbe hinterlassen hatte, erbaute 
sein Bruder Card. Angelus Capranica ein Haus neben dem 
Palaste, in welchem die Scholaren 1460 untergebracht wurden"'), 
und in dem auch heute noch das CoUegio Capranica besteht 

Pisa. 

Das Studium generale zu Pisa wurde von Clemens VI. am 
3. September 1343 errichtet"'). Hiemit ist natürlich nicht 
gesagt, dass erst jetzt das dortige Studium begonnen habe. Wie 
es in Italien und theilweise auch in Spanien der Brauch war, 
dass sich die Städte den einen oder andern Bechtslehrer hielten, 
dessen Vorlesungen, in Italien meist über Rom. Recht, auch von 
Auswärtigen besucht waren, so geschah dies auch in Pisa, ehe 
dort ein Generalstudium bestanden hatte. Diese Stadt war schon 



»M) Cap. 14 ed. Rom. 1879 p. 12; c. 16 p. 16. 

8»*) Ibid. 

^^) Gonst. c. 9 p. 8 Piazza, Euseyologio romano (Roma 1698) p. 216. 
Renazzi I, 152. Vgl. auch Yenuti, Accurata e succincta descrizione to- 
pografica e istorica die Roma moderna (Roma 1766) p. 135. Die Idee ein 
Colleg zu grOnden fasste Card. Domenico allerdings nicht erst im J. 1458, 
sie war ziemlich alt, und wahrscheinlich durch eine ähnliche Idee Eugens lY., 
von der ich oben gesprochen habe, yeranlasst. 

^) Reg Yat. Commun. an. 2. tom. 3 ep. 1132. Fabron! Hist. acad. 
Piaanae, I, 404. Nicht 1344, wie Sayigny 111^ 303 und Schulte, Arch. f. 
kith. Kirchenr. XIX, 11 annehmen. 



318 in. Entwickelang der Hochschulen his zum Ende des 14. Jhs. 

seit dem 12. Jh. sehr reich an Rechtskundigen, unter denen 
nicht wenige ßechtslehrer genannt werden*'^). In Pisa war 
auch jene Pandektenhs, welche zu Justinians Zeit von Constantinopel 
nach dem Abendlande gebracht worden sein soll"*). Das wich- 
tigste Document für die Existenz einer Rechtsschule zu Pisa vor 
1343 datiert aus der Zeit circa 1213, als sich ein Mönch von 
Marseille nach Pisa begab ^ad exercendum ibi Studium' und zwar, 
wie aus dem Zusammenhange erhellt, das Rechtsstudium"*). 
Andere Documente sind uns aus den Jahren 1194, 1316, 1319 
aufbewahrt*"®). Dass auch Medicin vorgetragen wurde, ergibt 

9^7) Einen minutiösen Nachweis hat Flam. dal Borge in seiner Disser- 
tazione epistolare suU^origine della universitä di Pisa (Pisa 1765) p. 83 sqq. 
besonders 85—132 geliefert. Der Autor ist hierin viel sorgsamer als der 
frühere Fabrucci (Calogerä, Raccolta d'opusculi scientifici e filologici tom. 
21 — 25) und der sp&tere Fabroni. Savigny hat die 'wenig bedeutende' 
Dissertation (III, 301) wohl nicht gesehen. Dal Borgo ist nur im Irrthume, 
dass er mit jener Arbeit gegen Fabrucci die Gründung der Hochschule vor 
dem 14. Jh. nachweisen will. Konnte er doch nicht die Existenz einer 
andauernden Schule apodiktisch erweisen. S. die Bemerkungen Tiraboschis, 
Storia della lett. ital. lY, 70 f. Nur die Professoren hat im Auge Buonamici, 
Della scuola Pisana del diritto romano in Annali delle uniyersitä Toscane, 
Pisa 1874 p. Iff. Die vom Köm. Rechte beeinflussten Statuti della citti 
di Pisa (ed. Bonaini. Firenze 1854—1870) geben keinen Aufschluss darüber. 

398 j Dies sagt Odofred in Dig. De rei yendic. In rem actio, und Bartolo 
in rubr. Dig. Soluto matrimonio. Nach der Einnahme Pisas durch die Floren- 
tiner im J. 1406 kam die Hs. nach Florenz. 

399) Der Brief des Mönches B. von S. Victor in Marseille an seinen 
Abt R. wurde von Martene- Durand in Coli, ampliss. I, 469 ediert. Sowohl 
das J. 1065 als 1127 und 1213 passen für die Anfangsbuchstaben des Abtes 
und des Beligiosen. S. Grandi , Epistola de Pandectis p. 13. 16. Borgo 1. c. 
p. 18 ff. und Fabroni I, 14. Das Jahr 1213 empfiehlt sich am besten, denn 
in der That waren in der ersten H&lfte des 13. Jhs. yiele Proven^alen in Italien 
Komisches Recht zu studieren — und der Mönch erwähnt, dass ^er totam 
fere Italiam scolares et maxime proyinciales' sich aufhielten um Römisches 
Recht zu hören. In den Jahren 1127 und besonders 1065 war in Italien 
das Rechtsstudium noch nicht in der Weise organisiert, dass es yiele Aus- 
wärtige angezogen hätte. Die Mönche studierten trotz des Verbotes des 
Lateran. Goncils yom J. 1139 häufig Giyilrecht. 

400) Im zuerst genannten Jahr wurde in Pisa ein Dig. noy. durch Vi- 
yianus nuncius Pisanorum scolarium yerkauft. Fabroni I, 401. Im J. 1316 
Jagegen erlaubt ein Bischof einem Canonicus am Studium in Pisa den Fracht« 
genuss seines Ganonicates , als würde er an einem Oeneralstudinm stadieren. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stifthriefen. Pisa. 319 

sieb unter anderm aus einem Documente aus der Zeit unmittelbar 
nach Gregor X., und aus einem Acte vom J. 1340"°*). 

Die nothwendigen Vorbedingungen zu einem Generalstudium 
erhielt Pisa jedoch erst 1338, in welchem Jahre von Bologna 
aus wider eine Auswanderung stattfand. Benedict XII. ver- 
hängte nämlich 2. März bis 21. October dieses Jahres das Inter- 
dict über Bologna*^*). Das Studium wurde unterbrochen, und 
Lehrer und Schüler zogen nach verschiedenen Orten. Einige 
giengen nach Castel S. Pietro bei Imola, darunter Rayner von 
Forli, um dann bald nach Pisa zu wandern *°'), wohin 1339 auch 
Bartolo zog*®'); wider andere suchten Arezzo auf*°*). Im J. 1340 
wird ein Rector Citramontanus studii Pisani erwähnt *°*). Auf 
Bitten der Stadt errichtete Clemens VI. in dem oben genannten 
Jahre ein Studium generale in allen Facultäten*®*). Allem An- 

Ibid. p. 402. Wegen 1319 s. BuoDamici p. 7. Bei Stein, Die innere Yerwaltnng 
L c. 8. 290 liest man folgende Behauptung: *So ward in Pisa eine freie 
römische Bechtsschule ohne eine schola artium schon 1316 gegründet; erst 
1472 tritt eine solche unter dem Namen des Studium generale auf! 

*<^) Berardus da Napoli hat uns ein päpstliches Schreiben 
(Martins lY.) aufbewahrt, worin Magister Toringus losgesprochen wird, 
der ^pridem dum Neapoli medicine yacaret studio et scolas regeret in eadem 
Yocatus per eos ad quos id spectare dinoscitnr ad regimen parochialis 
ecclesie s. Christine Pisan.' und dort 'rector canonice institutus' war, 'scolas 
prosequens docendo ut antea' sein Leben fortführte. Arch. Yat. n. 29 a ep. 
486. Es w&re jedoch möglich, dass er in Neapel zurflckblieb. Wegen des 
Jahres 1340 s. Fabroni p. 54. 

^1) Ghron. di Bologna bei Muratori XYIII, 376. 378. Ohirardacci, 
DeUa hist di Bologna II, 138. 

^^) Dies bezeugt er von sich selbst: Dum ego recessi de studio Bonon. 
per Papam Benedictnm tunc temporis interdicto et transtuli me ad legendum 
in jnre civili ad felicem et triumphalem civitatem Pisan. In dig. Qu. de 
joatitia et jure Omnes populi, Ygl. Sayigny YI, 501. S. auch die cit. Ghron. 
■owie Matth. de Griffonibus bei Muratori 1. c. p. 163. Ghirardaoci 1. c. Sarti 
im 2. Bande De claris archigymn. Profess. (s. oben S. 214. Anm. 595) p. 36. 

«») 8. Fabroni p. 48 f. Savigny, YI, 147. 

i04) Annales Aretini bei Muratori XXIY, 878. 

^ Fabroni p. 60. Buonamici p. X n. 39. 

^ Communis et populi dicte civitatis devotis in hac parte supplica- 
tionibus inclinati auctoritate apostolica presentium tenore statuimus et etiam 
Ardinamas ut in civitate ipsa de cetero sit Studium generale ... in sacra 
pagina, iure canonico et ciyili et in medicina et qualibet alia licita facnl- 
tate. S. die Quelle oben Anm. 396. 



320 ni. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

scheine nach wollte die Stadt, die sich seit 1338 im Besitze von nicht 
wenigen Professoren, besonders des Rechts, sah, einmal die Existenz 
des Studiums für die Zukunft sichern, und erwirkte eben deshalb 
das päpstliche Privileg, das sich auch auf die Theologie bezog. 
Und dann musste das Studium erst das Promotionsrecht erhalten, 
das dasselbe bisher nicht besass. Denn obgleich viele Pro- 
fessoren und Scholaren von Bologna kamen, so brachten sie 
dennoch nicht Bolognas Privilegien mit*°0. Die Promotionen 
hatte der Bischof vorzunehmen, und er musste die Licentia 
docendi ertheilen. 

Am 2. December desselben Jahres gewährte derselbe Papst 
den Magistern und Scholaren des Studiums, dass die Studierenden 
in allen Facultäten, mithin auch im Jus civile, von der Residenz- 
pflicht dispensiert seien *°'). Eine kaiserliche Urkunde kann Pisa 
nicht aufweisen"*). 

Von nun an lasen einige grosse Legisten in Pisa^'®); allein 
die Blüthe dauerte nicht an. Im J. 1359, nachdem Baldus das 
Jahr vorher dort gelesen hatte, beschloss die Stadt sogar die 
Professoren wegen Geldmangel zu entlassen, was sie auch aus- 
führte^'^). Einige Jahre später fieng man jedoch neuerdings an, 
und im J. 1364 wandte sich die Stadt wider an den Papst, auf 
dass er das Generalstudium bestätige. Urban Y. erfüllte die 
Wünsche und vidimierte am 10. November desselben Jahres den 



^^^) Dies sagt Ancharanus inProoem. YI. Decretal. (p. 3 b) in Bezug anf 
die 1321 stattgehabte Auswanderang resp. Uebersiedlung yon Professoren 
aus Bologna nach Siena. 

^) Reg. Yat. Commun. an. 2 tom. 3 ep. 819 Bl. 125b wo die Littera 
uniyersis doctoribus et magistris ac scolaribus studii Pisani steht; dann 
folgt kurz jene Archiepiscopo Pisano, die sich auch bei Fabroni p. 406 findet 

409^ W^as Fabroni p. 60 ff. und Buonamici darüber sagen, ist nichts als 
grundlose Yermuthung. S. dazu Tiraboschi, Storia della letteratura ital. Y, 63. 

^i<>) Die hauptsächlichsten waren Bartolo, Franciscus de Tigrinis und 
Baldus. S. darüber Fabrucci in den genannten Opusc. yoI. 23 p. 20 ff. Fa- 
broni p. 50 ff. Wegen Bartolo s. besonders Buonamici p. 9; wegen De Ti- 
grinis Tgl. Memorie istoriche de piü uomini illustri Pisani (Pisa 1790) I, 205 ff. 
Rossi im Giomale di erudizione artistica Y (Perugia 1876), 188 n. 68; p. 
368 n. 92. 95. V^egen Baldus s. Buonamici p. 10 f. 

^11) S. das Yerzeichniss der 5 Professoren, die damals entiassen wor- 
den, bei Fabrucci 1. c. tom. 25 p. Xlff. Fabroni, p. 71 Anm. 1. 



3. Hochschulen mit päpstl. Stiftbriefen. Pisa. 321 

Stiftbrief Clemens VI.**'). Das Jahr darauf beklagte sich jedoch 
die Stadt beim Papste, dass, obgleich von ihm die ^privilegia 
Btudii generalis concessi per D. dementem papam VI.' erneuert 
worden seien, die Kanzlei die 'littere renovationis super percep- 
tione fructuum beneficiorum insistentium in dicto studio' nicht 
ausfolgen wolle. Der Papst bewilligt in Folge dessen die Supplik 
auf ein Triennium am 11. Mai des genannten Jahres*'^). 

Das Studium fristete nun noch fortwährend sein Dasein. 
Promotionen in der theologischen Facultät fand ich verzeichnet 
für die Jahre 1367*") und 1369***). Ebenso wurden auch Vor- 
lesungen über andere Wissenschaften, namentlich über Jus und 
Medicin, gehalten, wie sich aus Daten bis zum J. 1400 ergibt*'®). 
Das *bekannte traurige Schicksal der Stadt im J. 1406 theilte 
jedoch ebenso das Studium derselben, es gieng ein und wurde erst 
später, vorzüglich auf Veranlassung Lorenzos de' Medici, im 
J. 1473**0 durch Auflassung der Hochschule zu Florenz wider 
hergestellt, wenngleich in der Zwischenzeit noch immer mehrere 
Rechtslehrer auftraten. 

Das Generalstudium zu Pisa des 14. Jhs. rechnet man 
häufig zu den 'berühmten' Universitäten. Allein ich finde nichts, 
was diese Ansicht rechtfertigen würde. Dass dort mitunter 
grosse Rechtslehrer lasen, beweist nichts, denn diese Mengen 
damals meist von der Art und Weise der Besoldung ab. Ungleich 
bedeutender wurde die restaurierte Universität des 15. Jhs., 
wiewohl sie keinen Bartolo oder Baldus mehr besass. 



«1^ Beg. Yat. Indult, an. 3 p. 94. Das Schreiben ist gerichtet an Dil fil. 
nobili viro Johanni de Agnello duci ac . . ancianis, consilio et communi 
dvit. Pisan. . . Sancte devotionis afifectns quem ad nos et Romanam geritis 
ecclesiam nos inducnnt, ut petitionibus Testris quantum cam deo possnmus 
favorabiiiter annuamus etc. 

"3) Kep. Suppl. ürb. V. an. 3 p. 2 BI. 44b. 

*14) Reg. Vat. ürbani V. Avenion. tom. 16 Bl. 429 a. 

««^) Ibid. tom. 20 Bl. 616. 

««) Fabrucci, vol. 25 p. XVII flP. vol. 29 p. 263 ff. Fabroni p. 72. 

^1'') Nicht 1472, wie conseqnent behauptet wird. S. unten im Abschnitt 
Aber Florenz. 

Dtnifle, Dit UniTeraiiAten I. 21 



322 ni. Entwickelung der Hochschalen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Ferrara. 
Auch in Ferrara waren längst vorher, ehe BonifazIX. das 
Generalstudium errichtete, Schulen und zwar für alle Fächer 
mit Ausnahme der Theologie ^^^). Die artistischen Schulen befanden 
sich bis 1297 im Convent der Dominicaner*^'). Die Ansicht ist aber 
irrig, als hätten diese Schulen eine Hochschule gebildet oder als 
sei diese von Friedrich 11. gegründet worden*"), und ich brauche 
mich nicht weiter bei ihr aufzuhalten, da sie bereits gründlich 
widerlegt wurde*'*). Von einem Generalstudium kann man erst 
seit 1391 sprechen. Am 8. Febr. gieng Markgraf Alberto von Este 



*^^) Dies erhellt aus einem von Muratori, Ant. med. aevi III, 910 pa- 
blicierten städtischen Statute vom J. 1264, in welchem die 'docentes in scientia 
legum et medicinae et in artibus grammaticae et dialecticae' vom Ejriegs- 
dienste ausgenommen werden. Vgl. auch Borsetti, Hist gymn. Ferrariens. 
gymnasii (Ferrara 1735) I^ 11. Solche Bestimungen wurden yon italienischen 
Republiken und Gommunen, wie wir im Verlaufe sehen werden, häufig er- 
lassen, und zwar schon ehe sie an die Gründung einer Hochschule dachten, 
-s W^as die Litteratur über die Schule in Ferrara betrifft, so bemerke ich, 
dass Frizzi, Memorie per la storia di Ferrara im vol 3. (Ferrara 1793) auch 
in der Ausgabe Laderchis (Ferrara 1850) kaum über Borsetti hinausgeht. 
Coppi behauptet p. 8. 94 Anm. 2 , ausser Borsetti habe auch Rufe eine 
Hist. Ferrar. gymnasii (1811) geschrieben. Im Laufe seines Buches ci- 
tiert Coppi demgemäss durchgehends Rufo als den neueren, und nicht 
Borsetti. Ich suchte lange Zeit und Überall auch in Ferrara nach Rofos 
Werk, aber natürlich vergebens, denn es existiert nicht. Coppi hat ein- 
fach den Card. Tommaso Rufo, welchem Borsetti seine Geschichte gewidmet 
hat, wie auf dem Titel derselben zu lesen ist, mit dem eigentlichen Autor 
yerwechsclt, und die Herausgabe des Werkes Borsettis aus mir unbekannten 
Gründen in das Jahr 1811 gesetzt. Dafür entgiengen jedoch Coppi mehrere 
seit Borsetti verfasste und in Ferrara erschienene Schriften, aus denen er 
allerdings nicht viel gelernt hätte, z. B. Leati, Sulla uniTersitli degli stndi di 
Ferrara (1860); Cugusi, Notizie storiche sulla universitä libera degli stodidi 
Ferrara (1873); Gennari, La universitä di Ferrara (1879). 

*i9) Borsetti p. 13. 

«0) Vertheidigt von Borsetti p. 9 ff. 

*^^) Theilweise von Hieron. Baruffaldi unter dem Namen Jac. Guarini, 
Ad Ferrar. gymnas. hist. supplem. et animadvers. Bononiae 1740 p. 10 ff. und 
von Tiraboschi, Storia della letteratura ital. IV, 62 f. Y, 79. Guarinus sagt 
p. 17 mit Recht, dass erst vom J. 1391 ab 'epocha rationabilis, firma et in- 
dubitata desumcnda est universitatis Ferraricnsis'. Vgl. auch Frizzi III, 119. 



d. Hochschnlen mit päpstL Stiftbriefen. Ferrara. g23 

nach Born und erwirkte das Privileg eines solchen von Boni- 
faz IX. ^"). Am 4. März erschien die Bulle, und das Studium 
generale wurde in allen Facultäten, auch in der Theologie, mit 
denselben Worten, wie für Pisa, gewährt*"). Nur bestimmte 
der Papst, dass bei Sedis-Vacanz der Archipresbyter und das 
Gapitel die Promotionen leiten sollten. Man gewann gegen Sala- 
rium für das Jus civile Barth, de Saliceto, der sich damals in 
Ferrara aufhielt, und Ziliolus von Cremona, sowie andere Pro- 
fessoren für die übrigen Facultäten, und eröflEhete das Studium 
am Feste des hl. Lucas im nämlichen Jahre 1391/'*). Aber schon 
nach 3 Jahren wurde es als zu kostspielig auf Bitten der 
Stadt, die die Professoren nicht glaubte besolden zu können, 
unterbrochen*"). 

Doch bereits unter Niccolö EI. erstand es im J. 1402 von 
Neuem. Ausser den einheimischen Professoren wurden auch 
fremde berufen: für das Rom. Recht Peter de Ancharano und 
Johann von Imola, für das can. Recht Anton de Butrio*"). 
Erst später las dort über Medicin Hugo Benzi*"). Allerdings 
kam das Studium auch jetzt nicht zur Blüthe, ja es schlummerte 
fast wider ein, wie sich aus Acten vom J. 1429 und 1430 
nicht undeutlich ergibt*"). Zwar hielten etliche Granmiatiker 

^ Im Chronicon Estense bei Muratori, Rey. ital. SS. XY, 524 heisst 
es: Dominus Albertus Estensis volens urbem Ferrariae insigni et nunqnam 
hactenus habito honore magnificare, cum a ss. D. N. Papa Bonifacio IX. de 
studio generali constituendo in civitate ipsa gratiam et Privilegium appor- 
tasset, Studium ipsum in omni facultate seien tiarum . . . inchoari atque per- 
flci decrevit. S. über die näheren Umst&nde Gennari p. 27 ff. 

^) Bei Borsetti 1. c. p. 18. BuU. Rom. ed. Taurin. IV, 610. Voigt, 
Die Wiederbelebung des class. Alterth. I, 549 setzt die Stiftung fälschlich 
ins Jahr 1392. 

^ Chronicon Estense 1. c. p. 524. 

"5) Jacob Delaytü bei Muratori, Rer. ital. SS. XVIIJ, 909. 

«^ Jacob Delayto bei Muratori 1. c. p. 973. Sie blieben nicht Aber 
1406 in Ferrara. 

«7) s. MazzucheUi, Gli scrittori d'Italia II, p. 2 p. 790. Vgl. auch 
Borsetti II, 20. 

**8) Bei Borsetti 1. c. p. 28 ff. Die Stadt spricht unverhohlen aus, Fran- 
cesco de Campanea habe, ihre Noth bemerkend, sich gleichsam ihrer erbarmt 
und beschlossen, in Ferrara gegen massiges Salarium Grammatik zu lehren. 
Giovanni de Finoti versprach von Bologna mit vielen Schülern zu kommen. 

21* 



324 ni. Entwickelang der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

wie Francesco de Gampanea und Giovanni de Finoti Schale, 
auch waren dort die zwei berühmten Humanisten Guarino von 
Verona und Giovanni Aurispa, von denen ersterer nicht bloss 
den Prinzen Lionello unterrichtete, sondern auch gegen Honorar 
über Poesie las^'^). Allein von andern Professoren ist kaum 
mehr die Rede. 

Die Stadtbehörde gestand später offen ein, dass in Ferrara 
keine Hochschule mehr existiere. Im Jahre 1442 bat nämlich der 
Magistrat den Markgraf Lionello, er möge das Generalstudium 
widerherstellen. Dieser überliess die Sache dem Judex Giovanni 
Gualengo und den 12 Savj, d. i. der eigentlichen Stadtobrig- 
keit, welche nach Aufwerfung der Frage, *an generale Studium 
hac in civitate fieri debeat et an civitati conducat', dieselbe 
bejahten, die Vortheile eines Generalstudiums darstellend, welch 
materiellen und geistigen Gewinn Ferrara und dessen Söhne aus 
einem solchen ziehen würden u. s. w. Auf Erfolg sei um so 
mehr zu rechnen, als andere Generalstudien in Folge der vielen 
Kriege darniederlägen ^'^). Es wurde beschlossen 'ut generale 
Studium hac in civitate fiat\ In der That kam es auch zur 
Eröffnung, bei welcher Gelegenheit Guarino die Rede hielt*"). 
Im nächsten Jahre klagte die Obrigkeit nur über den schlinunen 
Zustand der Grammaticalclassen. Den 12 Sayj lag ob, strenge 
über die Lehrer bonarum litterarum zu wachen*"). 

Die Bemühungen der Stadt waren mit grösserm Erfolge 
gekrönt, als sie ahnen konnte. Die Hochschule zu Ferrara 
wurde eine der berühmteren in ganz Italien. War schon um 
die Mitte des 15. Jhs. die Zahl der Professoren eine ansehn- 
liche*"), so noch mehr im J. 1474, in dem nicht weniger denn 
51 Professoren, die Scholares legentes mitgerechnet, dort dodierten, 
für welche 1473—1474 die Summe von 11047 Lire ausgeworfen 
wurde, also keine geringere, als ein Jahrhundert vorher Bologna 
für die Professoren bezahlt hatte. Von den Rechtslehrem lasen 



«9) 8. über beide Voigt 1. c. S. 551flf. 560 flf. 
*3«) Bei Borsetti 1. c. p. 47. 
«1) Ibid. p. 49. 
432) Ibid. p. 50. 
«8) Ibid. p. 56. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stiftbriefen. Toulouse. 325 

9 über das canonische Recht und 14 über das Komische; die 
übrigen waren Artisten, Philosophen, Mediciner, Sprachlehrer 
(zwei der griechischen Sprache)*'*). 

Tonloase. 

Betrachten wir Frankreich (in seiner heutigen Gestalt), so 
bietet sich uns vor allem Toulouse dar*"). Die Idee, dort 
gegenüber der um sich greifenden Häresie ein Studium zu 
gründen datiert schon aus der Zeit Honorius m. Dieser Papst 
bat am 19. Jänner 1217 die Magistri und Scholares von Paris, 
'quatinus illuc aliqui accedant, qui causam dei agentes ex animo 
lectioni, predicationi et exortationi vigilanter insistant' *•*). Um 
dieselbe Zeit, oder ein par Jahre früher, lehrte dort in der 
Theologie nach dem Berichte des Generals Humbert und anderer 
ein mag. Alexander, zu dem der hl. Dominicus mit 6 Genossen 
gieng 'lectiones audire'*'^). Allein erst 1229 kam der Gedanke 
des Honorius vollständig zur Ausführung. Unter den Friedens- 
bedingungen, welche Ludwig IX. dem Grafen Raymund YH. von 
Toulouse am 12. April dieses Jahres vorschrieb*"), und die dann 



*3*) Ibid. p. 93. 

^ Merkwürdigerweise hat diese Universität noch keine Monographie 
erhalten. Kodiere berührt in seinen Recherches snr l'enseignement du droit 
ä Toloase (Recaeil de l'acad^mie de l^gislation ä Toulouse, IX. X. XY.) nur 
die Rechtswissenschaft. Jourdain beschr&nkt sich in der Revue des soci^t^s 
savantes (1862 p. 314. 406) fast ausschliesslich auf eine spätere Epoche. 
Gatien-Amoult gab nur Fragmente einer dürftigen, jedoch verdienstlichen 
Histoire de l'universit^ de Toulouse heraus in M^moires de l'acad^mie des 
Bciences, inscriptions et belles-lettres de Toulouse, 1857 p. 202; 1877 p. 455; 
1878. 1879. 1881, überall p. 1. Im £tude sur l'organisation de l'universit^ de 
Toulouse in der Eist, de Languedoc ed. Privat VII, 1 p. 570 geht der Autor 
(A. Molinier) eben nur auf die Organisation ein. So viel ich in Toulouse hörte, 
soll M. Saint-Charles an einer Geschichte der Universität arbeiten. 

««) Reg. Vat. an. 1. ep. 190 Bl. 47 a. Original im Nat. Archiv fu 
Paris. L 239 n. 20. Siegel fehlt. 

437) Bei Mamachi, Annal. Ord. Praed. I, append. p. 283. Vgl im Werke 
p. 352 Anm. 3. 

«8) 8. Reg. Vat. Greg. EL an. 12. 13. tom. 6. Bl. 81 a. Bei Du Boulay lU, 
126 ist die betreffende Stelle fehlerhaft gedruckt, was auf die Darstellungen 
von Savigny und Schulte von Einfluss war. 



326 ni. Entwickelnng der Hochschulen bis zum Ende des U. Jhs. 

in zwei Schreiben Raymunds von Toulouse, in zwei Ludwigs IX* 
von Frankreich, und in einem der Cardinallegaten selbst wider- 
holt wurden *••), befand sich auch der Artikel, dass der Graf 
für 10 auf einander folgende Jahre ein Salarium von 4000 Mark 
Silber für 14 Professoren auswerfe: nämlich für vier Magister 
der Theologie je 50 jährlich, für zwei Decretisten je 30, für 
sechs Artisten je 30 Mark und je 10 Mark für zwei Grammatiker. 
Die leitende Seele bei diesem Vertrage war aber keineswegs der 
König, sondern der Cardinallegat Roman, wie Gregor IX. aus- 
drücklich betont. Die Universität selbst nannte ihn nächst Gott 
und dem Papste ihren Beschützer und Gründer**®). Der Plan 
kam bald zur Ausführung. Elias Guarin, Abt von Grand-Selve, 
wurde vom Legaten, und auch wohl von Fulco, Bischof zu 
Toulouse, beauftragt die Professoren zu berufen. Er wählte sie 
aus der Pariser Universität, die sich gerade damals in Auflösung 
befand**'). Auch Wilhelm de Pelisso und später Bemard 

^9) Beg. Yat. 1. c. p. 82a und 84 a finden sich die Schreiben Raymnnds, 
das erste mit Actum Parisins X. die April, yid. 1111. Idus ejasdem mensis 
anno dom. 1228; das andere mit XII mens. April, in coena Dom. Die beiden 
Schreiben Ludwigs stehen BI. 86 a (Actum Parisins anno dom. incamat. 1228 
mense April, regni nostri anno 3.) und 88a (1229 mense April, regni nostri 
anno 3. — also nach Ostern). Diese Acte bringen alle Punkte der Carta 
pacis, und unter ihnen auch jenen betreffs des Salarium yon 4000 MarL 
Bei Teulet, Layettes du tr^sor des chartes II, 147 ff. n. 1992. 1993 sind je 
ein Schreiben Baymunds und Ludwigs publiciert, n. 1991 aber das des Oar- 
dinallegaten. Die betreffende Stelle s. p. 149. 

^ So liest man im Schreiben, das nicht lange darauf die üniversitas 
magistromm et scholarium von Toulouse an die Magistri und Scholaren der 
Welt sandte, und das uns Jean de Garlande in seinem Werke De triumphis 
ecclesiae aufbewahrt hat (s. weiter unten). Es heisst darin: erat enim Moyses 
noster dominus cardinalis et legatus in regno Francie duz et protector et 
autor post deum et dominum papam tarn ardue incoationis, qui statuit, quod 
omnes Tholose studentes et magistri et discipuli omnium peccaminum Bucrnm 
plenariam indulgentiam consequantnr. n. 1225 nonv. acquis. lat Paris (IIb. 5) 
p. 75. Man findet es auch ediert von Gatien-Amonlt 1. c. 1857. p. 209 
und bei Wright p. 96, der das ganze Werk De triumphis ecclesiae (London 
1856) herausgegeben hat. 

^1) Wir erfahren diese Umstände von Jean de Garlande, der in dem 
eben citierten Werke (nach Cod. Paris.) p. 78 schreibt: 

Multa noTO studio dedit hie (Fulco) solacia, postquam 
Bomanus Studium sanzit in urbe novum. 



3. Hochschulen mit päpstl. Stiftbriefen. Toulouse. 327 

Guidonis sagen, dass damals von Paris 'multi magistri et scho- 
lares Tolosam venerunt', und dort lehrten*"). Wahrscheinlich 
haben die Vorlesungen noch 1229 begonnen. Jean de Garlande, 
der ebenfalls einen Ruf erhielt, war wohl sicher schon in diesem 
Jahre zu Toulouse. Der Dominicaner Roland von Cremona konnte 
aber höchstens Anfangs des Jahres 1230 seine Vorlesungen 
über Theologie in Toulouse angefangen haben**'), denn vor 1229 
hatte er noch nicht den Lehrstuhl zu Paris erhalten***). 

Bei der Eröffnung sandte die Universität ein Schreiben an die 
anderwärts Studierenden***), worin sie über das zu Toulouse neu 
gegründete Studium aufklärt, und andere einladet dahin zu kommen. 
Es erhellt, dass vor allem andern mit dem philosophischen Studium 



Sed Grandis Silve plus abbas, dictus Helyas 
Sub duce legato proxima frena capit. 
Farisius doctos abbas elegit; at illos 
Duxit legatus munera larga pluens. 

442) Ersterer, ein Zeitgenosse, sagt in seinem Ghron. : Missi etiam fuerant 
tunc Tholosam quam plurimi magistri de Farisius et scolares, ut Studium ge- 
nerale ibi fieret, et fides doceretur ibidem et omnes scientie liberales. Ed. 
Douais p. 84. Bernard Guidonis, der zugleich die Dispersion der Fariser 
Uniyersität erwähnt, und von dem die oben citierten Worte herrtkhren, 
spricht davon Catal. Fontif. Rom. ad an. 1229. Cod. Yat 2043 BL 91b. 

443) Das Ghron. Guill. Felissi berichtet: Legebat ibi tunc temporis 
theologiam magister Rotlandus, qui venerat de Farisius, ubi fuerat factos 
magist er in theologia cathedralis. Ed. F. Molinier. Paris. 1880,* p. 8., ed. 
Douais, Faris 1881 p. 86. Dessen Erwähnung geschieht zum J. 1230. Viel 
später kam er auch nicht nach Toulouse, denn er war mit Jean de Garlande 
daselbst, welcher jedoch nur 3 Jahre dort weilte, und Boland selbst verliess 
schon 1231—1232 wider die Stadt. C£r. Chron. ed. Douais p. 89. 

444) Dies ergibt sich aus der Littera univers. vom J. 1254 bei Du 
Boulay III, 255. Nach Stephan de Salanhaco war Boland primus licentiatus 
Farisius de Ordine Fredicatorum (Hs. des Generalarchivs der Dominicaner). 
Was Qu^tif-Echard I, lOOfif. darüber sagen, entbehrt jeder Begründung, wie 
wir im 4. Bande sehen werden. 

445) S. oben Anm. 440. Es trägt die Ueberschrift: Epistola transmissa a 
magistris Tholosanis ad universalia studia alibi florentia, und beginnt: üni- 
versis Christi fidelibus et precipuis magistris et scolaribus ubicunque terrarum 
stadentibus presentes litteras inspecturis nniversitas magistromm et scolarium 
Tholose Studium in nova radice statuencium, vite bone perseverantiam exitn 
cum beato. L. c. p. 75. 



328 I^- Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des U. Jhs. 

der Anfang gemacht wurde*"). Aus verschiedenen Ursachen, be- 
sonders aber, weil man in Toulouse in Bezug auf die Vorlesungen 
und Disputationen mehr Ordnung halte als dies in Paris der Fall 
wäre, kämen viele Scholaren dahin "0- Toulouse sei die 'terra 
promissionis, fluens lac et meF, dort herrsche Friede, während 
'toto Mars sevit in orbe'. Die Magistri Tholose legentes hätten 
bereits die Schwierigkeiten entfernt. 'Hie enim theologi disci- 
pulos in Pulpitis et populos in compitis Informant, logici libera- 
libus in artibus tyrones Aristotilis erudeant, gramatici balbucien- 
cium linguas in analogiam effigiant, organiste populäres aures 
melliti guthuris organo demulcent, decretiste Justinianum extollunt, 
et a latere medici predicant Galienum. Libros naturales, qui 
fuerant Parisius prohibiti, poterunt illic audiri, qui volunt nature 
sinum meduUitus perscrutari'^**). Es ist höchst interessant zu 
beobachten, welche Fächer vertreten waren, mehr nämlich als wofQr 
sich Graf Raymund verpflichtet hatte. Die Musik war nur in- 
sofeme mit einbegriffen, als sie zum Quadrivium gehörte. Die 
Medicin erscheint nicht in dem Verpflichtungsacte Raymunds. 

Im Schreiben werden dann die Adressaten auf folgende fOr 
das 13. Jh. höchst charakteristische Weise apostrophiert: *Quid 
deerit vobis igitur? Libertas scolastica? Nequaquam, quia 
nullius habenis dediti propria gaudebitis libertate. An timetis 
maliciam populi sevientis? vel tyrannidem principis injuriosi? 
Ne times^tis, quia comitis Tholosani liberalitas nobis sufficientem 
fecit securitatem et de salario nostro et de servientibus nostris 
Tholosam venientibus et redeuntibus. Quodsi detrimentum remm 
suarum paciantur per manus predonum in dominio comitis, ma- 
lefactores nostros ad satisfactionem tamquam pro Tholosanis 



^^^) Stabile fundamentom non invenit operacio, que non est in Christo 
sancte matris ecclesie foDdamento firmiter conocata. Nos igitur hoc atten- 
dentcs summo conamine nostro conati sumus in Christo Tholose studii phi- 
losophici fandamentum durabile coUocare, saper quod edificent nobiscum ceteri 
quorum bona yolantas sit . . . spiritas sancti laminosis radiis illastrata. L. c. 

^7) . . . propter continuitatem legendi disputandique , quam magistri 
diligencias et crebrios exercent quam exercaerunt Parisius, multi scolares 
confluunt Tholosam. L. c. 

<4«) L. c. p. 76. 



3. Hochschalen mit päpstl. Stifthriefen. Touloase. 329 

civibus per vices Tholosani capitolii persequetur'. Wie andere 
Landesftirsten so nahm also auch der Graf von Toulouse die 
Scholaren in seinen Schutz. Im Schreiben heisst es ferner, es sei 
ebenso wenig an der curialitas des Volkes zu zweifeln. 'Videtur 
enim hie facecia curialis cum milicia simul et cum clero federa 
pepegisse'. Einen weitern Ansporn möge ihnen die Hoffnung geben, 
dass der Legat ^ad aucmentationem studii' noch andere Theologen 
und Decretisten berufen werde, 'tempusque determinabit, per quod 
oporteat scolares Tholose propter indulgentiam commorari\ 
Hinsichtlich der Billigkeit der Lebensmittel erinnert das Schreiben 
an den Vers: 

Pro parvo vinum, pro parvo panis habetur, 
Pro parvo carnes, pro parvo piscis emetur**'). 

Jean de Garlande lobt unter den Professoren am meisten 
den Dominicaner Roland, der, wie bereits bemerkt, Theologie 
vortrug*"). 

Allein das Studium stiess bald auf Schwierigkeiten. Theil- 
weise hatten dieselben in den Beibungen zwischen den Consuln 
der Stadt und den Dominicanern, resp. den Inquisitoren ihren 
Grund, theilweise im Betragen der Häretiker gegenüber den 
Professoren*"), theilweise und vorzüglich in dem Umstände, dass 
der Graf sein Versprechen wegen Auszahlung des Salariums nicht 
hielt *^'). Jean de Garlande und mit ihm die ganze Universität 



«9) L. c. 

450j italuB hoc yeniens ad rohora nostra magister 
Rolandus, verhi claruit ense sacri; 
Forti Rolando major, qaia corpora stravit 
Ule, sed hereticum contudit ille nephas. Ibid. lib. 6. p. 78. 

^^^) Wilhelm de Pelisso berichtet I. c, wo er Ton den Professoren und 
Scholaren spricht, die von Paris kamen: Nee hoc yalebat ad heresim extir- 
pandam, immo heriticales homines videntes eos (magistros) ex adverso et in- 
solita andientes ipsos multipliciter deridebant 

^&S) Jean de Garlande sagt in Bezug darauf: 

Doctorum primo sunt certa salaria, donec 
Cuncta negans liyor cepit habere locum. 
Florentis studii paulatim turba recedit; 
Hec ego qni scribo cuncta recedo prius. 
L. c. p. 81. 



330 ni. EntwickeluDg der Hochschulen bis xum Ende des 14. Jhs. 

hatten sich getäuscht. Nach und nach löste sich die Hoch- 
schule auf*"). 

Nun griff der Papst, Gregor IX., unmittelbar ein. Am 
27. April*") 1233 richtete er an die universitas magistrorum 
et scholarium von Toulouse ein Schreiben, worin er zuerst das- 
jenige, was der Cardinallegat in Bezug auf die Gründung des 
Studiums in Toulouse gethan hatte, bestätigt, ihnen die Privilegien 
der Universität Paris ertheilt, für die Wohnungsmiethe sorgt, 
die Studierenden von der Residenzpflicht dispensiert, die Lehrer 
und Schüler von der weltlichen Gerichtsbarkeit eximiert, den 
Grafen und die Einwohner von Toulouse und die Barone des 
Landes beauftragt die Universität zu schützen und deren Privi- 
legien zu achten; speciell solle der Graf das versprochene 
Salarium endlich bezahlen; wer in Toulouse geprüft und ap- 
probiert sei, dürfe überall ohne neues Examen lehren. Am 
30. April schrieb der Papst in demselben Sinne an den Grafen*"). 
Ist nun gleichwohl dieser Brief keine eigentliche Stiftungs- 
urkunde, da das Studium bereits 1229 gegründet wurde, so vertritt 
es doch eine solche, indem erst jetzt das Studium in völlige 
Aufnahme kam, und vor dem Untergang bewahrt wurde. Am 
3. April 1234 nahm Gregor den Pariser Magistern die Befürchtung, 
als habe er durch seine Concessionen an das Tolosaner Studium 
den Statuten desjenigen zu Paris Abbruch thun wollen*"). 

Wir finden in Toulouse nach einander die zwei Magister aus 
dem Dominicanerorden Joh. de S. Aegydio und Laurentius Anglicus 
Theologie vortragen*"), und Percin zufolge nach Laurentius 



*^3) S. vorige Anmerkang. 

*54) Nicht 3. kl. Maii, wie hei Du Boulay III, 149, Percin, Mon. conv. 
Tolos. III, 152, Potthast n. 9173 steht, sondern 5. kal. Maii, wie die Heg. 
Vat an. 7 ep. 72 fiL 15b (s. auch Ball. Rom. ed. Taur. III, 480) bieten. 
In Eist, de Languedoc ed. Privat VII, Notes p. 434 ist das Schreiben, an 
den Erzhischof von Narbonne und die Bischöfe von Tonlonse und Garcassone 
gerichtet, 4. kl. Maii datiert. 

«5) 8. Potthast n. 9176. 

*5«) S. oben S. 20. 

^^7j Joh. a S. Aegydio löste Roland ab und blieb bis 1235, dann kam 
Laurenz. Chron. Quill. Pelissi ed. Douais p. 89. 105. ed. Molinier p. 12. 37. 
Letzterer identificiert gedankenlos diesen Laurentius mit dem GefiUirten des 



3. Hochschulen mit päpstl. Stiftbriefen. Toulouse. 331 

Anglicus den mag. Wilhelm a. s. Gaudentio aus demselben 
Orden*"). 

Allein auch jetzt kam momentane Stockung in das Studium, 
und zwar vorzüglich aus zwei Gründen. Am 3. November 1235 
wurden von den Consuln der Stadt aus Hass gegen die In- 
quisition die Dominicaner, und mit ihnen Laurenz, ver- 
trieben"'). Der Hauptgrund aber war, dass der Graf Raymund 
das Salarium nicht bezahlte. Der Papst beschwerte sich unter 
anderm darüber am 28. April 1236 in mehreren Schreiben*®^). 
Er meint, der Cardinallegat habe in -Toulouse *ad haeresim 
fortius confutandam sacre pagine ac aliarum artium Studium' 
angeordnet; allein nun sei das Studium dissolutum, da der 
Graf den Magistern das Salarium vorenthalte. Er droht dem- 
selben mit dem Banne, wenn er die gegebenen Versprechungen 
nicht erfülle. Dem apostol. Legaten, dem Erzbischof von Vienne, 
schrieb er, ^ut dictum Studium in ipsa civitate reformans con- 
fratemias et coUigationes alias ubique in eadem legatione om- 
nino' auflösen solle. Der Graf gehorchte nicht, und er ver- 
fiel dem Banne. Vom 17.— 19. Mai 1237 beklagte sich wider- 
holt*") der Papst, und in Bezug auf unsem Punkt meint er, 
dass wegen der Nachlässigkeit des Grafen das Studium 4rreparabiliter 



hl. Domiuicus und mit dem Gegner der Bettelmönche. Auch Douais war 
sich 1. c. nicht klar. 

*58) L. c. IV, 196. 

^^^) Ghron. GuiU. Pelissi ed. Donais p. 105 ff. Der Papst machte am 
15. März 1236 dem Grafen darüber Vorwürfe, und befahl ihm die Domini- 
caner zurückzurufen. 

^0) In Reg. Yat. Greg. IX. an. 10 ep. 58 BI. 150b ' findet sich das 
Schreiben an den Grafen, dann sind bemerkt die Briefe an den Legaten, 
an den König von Frankreich, an die Consuln von Toulouse, an P. de GoUe- 
medio. Potthast n. 10150. 10151 macht aus dem einen Schreiben an den 
Grafen zwei. Du Boulay III, 156 excerpierte nur das Document, welches 
bei Raynald ad an. 1236 n. 39 steht, wie bereits Molinier in Hist. de Lan- 
guedoc ed. Privat VI, 694 Anm. richtig vermuthete. 

^1) In Reg. Yat. Greg. IX. an. 11 ep. 101 BI. 292* steht das Schreiben 
Regi Francie. Femer sind angedeutet: Regine Francie, Episcopo Silyanecten., 
Archiepiscopis et episcopis Francie, Archiepiseopo Viennen., Comiti Tolosan., 
Comiti Brittanie, Comiti Marchie, Ciyibus Marsilie. 



332 m* EntwickeluDg der Hochsclialen bis zum Ende des 14. Jhs. 

dissipatur'.' Aber im nächsten Jahre bezahlte der Graf das ver- 
sprochene Salarium, wenigstens theilweise, wie sich aus der 
Petitio nuntii Comitis an den Papst ergibt, in der zugleich 
gebeten wird den Grafen eben deshalb von der Excommunication 
loszusprechen"^). Am 13. Mai 1238 trägt Gregor IX. dem Bischöfe 
von Palestrina auf, den Grafen, fände er es für gut, zu absol- 
vieren**'), am 5. Juni desselben Jahres aber schreibt er ihm, er 
möge den König von Frankreich über die Absolution benach- 
richtigen***)- Eine Umkehr bemerkte man beim Grafen schon 
im vorausgehenden Jahre, wie aus dem päpstlichen Schreiben vom 
20. Juli 1237 hervorgeht*"), wo auch angeführt wird, der Graf 
wolle Gesandte an den päpstlichen Stuhl senden, was, wie aus 
dem Gesagten sich ergibt, in der That 1237 — 1238 geschah *••). 
Das von fünf Magistern an den apostolischen Legaten Guido, 
Bischof von Bora, gerichtete Schreiben vom 4. Februar 1239, wo- 
rin sie mittheilen, sie hätten das Salarium vom Grafen erhalten **'), 



462j £s gind mehrere Suppliken, die im 6. Bande der Regesten Gregors IX. 
Bl. 73* und 77^ stehen. Die auf das Studium sich beziehende heisst: 
Supplicat (Sanctit. Yestr.) ut transactionem super facto salarii factam et 
approbatam cum magistris Tolose commorantibus et procuratoribus absentiom 
in manus ve. patris . . Episcopi Tolosani vestra sanctitas faciat obseryari et 
a 8ententi\s excommunicationis occasione salarii de facto latis contra eom 
faciat eundem absei vi, cum idem comes paratus fuerit et est peconiam ex 
transactione conventam exolyere sine mora, et maxime cum uniyersitas ma- 
gistrorum litteras suas patentes ad dominum Archiepiscopum Narbonen. et 
episcopum Garcassonen. iudices a domino papa delegatos et alias ad domi- 
num legatum destinaverit, ut absolverent dictum comitem a sententiis, quas 
occasione salarii tulerant contra ipsum, quia eis de salario ab eodem comite 
fuerat satisfactum. Dies wird wörtlich Bl. 77^ widerholt Die Suppliken 
folgen am Schlüsse des 12. Jahres des Pontificates. 

463) Reg. Vat. an. 12. ep. 417. Ueber andere spätere p&pstl. Aufträge 
den Grafen von der Excommunication loszusprechen, s. Potthast n. 10598. 
10641. 10644. 

464) Ibid. ep. 431. Bist de Languedoc ed. Privat VI, 708 citiert einen 
Brief desselben Inhaltes an den Bischof von Palestrina vom 9. Juni, was 
wohl ein Irrthum ist. 

465) Reg. Vat an. 11 ep. 169 Bl. 309 b. Potthast n. 10422. 

466) 8. Eist de Languedoc ed. Privat VI, 707. 

467) Bist, de Languedoc ed. Privat YIIl, 1022 f. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stiftbriefen. Toulouse. 333 

kann sich mithin nur auf die Zahlung eines Rückstandes von Seite 
des Grafen beziehen*"). Seiner Verpflichtung war der Graf schon 

1238 zum Theile nachgekommen. 

Es ist gewiss klar, dass ohne Papst Gregor IX. die Universität 
Toulouse ein todtgebornes Kind gewesen wäre. Konnte er sie 
nicht vom Anfange an zur Blüthe bringen, so lag dies in den 
Umständen. Aber was er that, war der Grund für das spätere 
Gedeihen. 

Man darf jedoch nicht vergessen, dass in den letzten Jahren 
Gregors IX. in Bezug auf das Salarium der Professoren eine 
andere Ordnung der Dinge eintrat. Graf Raymund hatte sich nur 
für 10 Jahre verpflichtet ein solches zu zahlen. Der Termin war 

1239 abgelaufen. Wie es in der Zukunft ersetzt wurde, erfahren 
wir nicht. Die Documente hierüber sind verloren gegangen*"). 

Die ersten Schritte, die Innocenz IV. zu Gunsten der Univer- 
sität Toulouse that, waren nur Bestätigungsacte der Bestim- 
mungen Gregors IX. Am 11. September 1245 erneuert er 
Gregors IX. Schreiben vom 27. April 1233 *^°). An diesem Tage 
hatte Gregor IX. dem Grafen und der Stadt auch aufgetragen, dass 
zur Zeit der Theuerung die Lebensmittel nicht aus der Stadt ge- 
führt würden, ne pro ipsorum defectu, quod absit, Studium quod ad 
honorem et utilitatem eiusdem civitatis ibidem plantatum dino- 
scitur, dissolvi contingat*^*). Auch diese Verordnung widerholte 
Innocenz IV. am 11. September des genannten Jahres*^*)- 
Uebrigens hatten sich nun die Verhältnisse günstiger gestaltet 



^^ Dieses Schreiben ist kaum identisch mit demjenigen, von welchem der 
Nuntias des Grafen spricht, denn in diesem bat die üniversitas magistromm 
den Legaten, *nt absoWeret dictum comitem a sententiis' (s. Anm. 462), wäh- 
rend in dem oben citierten davon keine Rede ist. 

^9) S. Gatien - Amoult in den M^moires, 1878 p. 3. Auf die Con- 
jectaren, die er und Gatel, M^moires de l'histoire du Languedoc p. 231 y or- 
bringen, ist es besser nicht einzugehen. 

470) Beg. Vat. an. 3 ep. 155 BL 239 a. Berger, Les registres d'Inno- 
eent lY. n. 1515, der aber wie es scheint die BuUe Gregors IX. nicht kannte, 
denn wie hätte er sonst noch einmal den ganzen Text abdrucken können. 

*7i) Reg. Vat. Greg. IX. an. 7. ep. 67. Bl. 14 b. 

473) Reg. Yat. Innoc. an. 3. ep. 154 Bl. 235 b. Berger n. 1514. Hist. 
de Languedoc ed. Privat YII, Notes p. 435. 



334 in. Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

als früher. Am 19. September desselben Jahres dankt Innocenz 
Gott, der die Gonsuln der Stadt bestimmt habe, das Studium in 
den Magistern und Scholaren zu fördern und zu beschützen ^''). 
Der Hauptact Innocenz IV. war jedoch die Anwendung der Magna 
Charta von Paris, nämlich Gregors Bulle Parena acientiarum^ auf 
die Universität Toulouse. Es geschah dies 22. September 1245^'^). 
Der Scholasticus wurde Universitätskanzler, der zugleich, ähnlich 
wie in Paris, diesen Namen führen musste. Erst das genannte Datum 
bezeichnet den Zeitpunkt, in welchem die Universität Toulouse 
eine bestimmte Organisation erhielt. Hiermit berühren wir aber 
einen neuen Gegenstand, der nicht mehr in diesen Band gehört^^*). 

Kaum für eine andere Universität Frankreichs, jene von 
Paris natürlich ausgenommen, sorgten die Päpste so sehr, als für 
jene von Toulouse. Es wird sich dies zeigen, wenn wir auf die 
Organisation zu sprechen konmien. Nur Orleans lässt sich 
einigermassen damit vergleichen. Fast jeder Papst hat, wie sich 
aus den Regesten ergibt, das Seinige beigetragen^^^). 

Die Gründung geschah, wie wir sahen, dem C!ontrakte gemäss 
ursprünglich nicht für alle Fächer. Er erscheinen weder Legisten, 
noch Mediciner^^^). Die Medicin hatte in Montpellier eine be- 



^73) Hist. de Languedoc ed. PHyat YIII, 1188. unter demselben Datum 
trug er dem Grafen und den Gonsuki auf, die Privilegien des Stadiums su 
respectieren (Ibid. p. 1189), dem Bischöfe aber, dafür zu sorgen, dass die 
nicht einheimischen armen Schüler in Toulouse gute Unterkunft f&nden. 
(Ibid. p. 1188f). 

474) Reg. Vat. an. 3. ep. 156 Bl. 236 a. Hist de Languedoc YIII, 1184. 
Es scheint aber fast jedem entgangen zu sein, dass Gregor IX. Bulle 
Bürens scierUtarum die Grundlage war. Savigny selbst galt (III, 406) der In- 
halt des Schreibens Innocenz IV. als etwas ganz neues. Gatien-AmouIt| 
M^moires 1878 p. 12 hat das Bichtige erkannt 

47^) Bezeichnend ist, dass Hahn, Gesch. der Ketzer im Ifittelalter I, 
355 ff., wo er weitläufig alles zu berichten weiss, was von Seite der Katho* 
liken gegen die Albigenser zu Toulouse während dieser Epoche gethan wurde, 
ausser dem einen Punkte in dem Friedensverträge nichts vom Studium in 
Toulouse j das doch ein Hort gegen die Häresie werden sollte, zu erzählen 
hatte. 

476) Ungenügend ist hier die Publicierung der ActenstUcke in der Hist 
de Languedoc ed. Privat YU. Es fehlen mehr als die Hälfte. 

477) Savigny meint S 407, für das Römische Recht sei nur keine Be* 



3. Hochschulen mit päpstl. Stiftbriefen. Toulouse. 335 

rühmte Vertretung. Doch wird authentisch zum J. 1242 Lupus 
Ispanus als regens apud Tolosam in medicina erwähnt*'*) und 
wir wissen nun auch, dass der in dem von fünf Magistern an 
den Legaten am 4. Februar 1239 gerichteten Schreiben genannte 
magister Lupus Professor der Medicin war und bereits damals 
dieselbe an der Universität lehrte. Dies stimmt zur Littera uni- 
versitatis von J. 1229, in welcher auch die Medicin als Lehrfach 
zu Toulouse erwähnt wird. Da keine Besoldung dafür ausgeworfen 
war, konnte sich dieses Fach nicht halten. Im Anfang des 14. Jhs. 
scheint es aber wider vertreten gewesen zu sein, wenigstens befahl 
Clemens Y., quod nonnisi licenciati in arte medicine practicam 
exerceant in civitate Tolosana*^^), ein Statut, das Johann XXII am 
8. September 1329 erneuerte "°). Später war dies sicher der Fall. 
In dem 1362 an Urban V. eingesendeten Rotulus wird Raimundus 
Bubei, clericus Lodovensis als magister in medicina, qui legit ordi- 
narie in studio Tholosano, erwähnt***). Doch hat die Medicin nie- 
mals geblüht. Das jus civile wurde aber schon seit der Mitte des 
13. Jhs. sicher in Toulouse gelehrt*"), und dort nicht viel 
weniger als das jus canonicum gepflegt, wenngleich für jus 



soldung bestimmt gewesen und Innocenz lY. weise 1245 deutlich genug dar- 
auf hin, dass auch das Römische Recht yom Anfange an vertreten war, in- 
dem er sage: De phisicis autem et artistis et aliis cancellarius bona fide 
promittet etc. Allein Savigny entgieng es, dass diese Worte wie über- 
haupt die Bulle der Magna Charta für Paris, d. i. der BuUe Parens tcientior 
rum entnommen sind, und mithin ein Hinweis auf die Legisten durch 'et alii' 
ausgeschlossen ist. Aber wahr ist, dass anfänglich Ganonisten das Römische 
Recht erklärten, was Jean de Garlande berichtet. S. oben S. 328. 

*78) Hist. de Languedoc ed. Privat VIII, 1085. 

*79) Reg. Vat. an. 1 p.l ep. U5 El. 45. 

«0) Reg. Vat. an. 13. p 4 ep. 2918. 

^^) Reg. Suppl. an. 1. p. 2 Bl. 17b. Manchmal nimmt man an, als 
habe an der Wende des 13. und 14. Jhs. Amaldo de Vilanova dort vorge- 
tragen. Ich finde kein Fundament für diese Behauptung, und auch Menendez 
Pelayo weiss in seiner Historia de los heterodoxos espanoles (I, Madrid 1880 
p. 454 ff.) nichts davon. 

^) S. den Nachweis bei Gatien-Arnoult , M^moires 1878 p. 22 ff. Im 
J. 1274 hatte dort Jacob de Ravanis eine Disputation mit Franciscus Accursii. 
S. Savigny V, 607. 311. 



336 in. EntwickeluDg der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

civile immerhin Orleans und Angers die Hauptstudienanstalten 
Frankreichs blieben. 

Eigenthümlicher Weise war das theologische Studium im 
Rückstande, und doch richtete man auf dasselbe bei Gründung 
der Universität das Hauptaugenmerk. Ja Innocenz IV. pries die 
Theologie 1245 in höchster Weise "')• Zwar hörte die Vertretung der 
theologischen Facultät niemals auf, was man auch für das 14. Jh. 
mit Sicherheit nachweisen kann, da in den Statuten immer 
magistri in theologia erwähnt werden; allein sie war wenig fre- 
quent, was die Universität selbst nicht unklar andeutet. Im J. 1290 
bat sie nämlich den Provinzial der Dominicaner der Provincia 
Provinciae um einen Lector der Theologie für die Hochschule***). 
Die Theologie wurde eben von den Bettelorden gelehrt. Von 
den Weltpriestem las, soviel ich erschliessen kann, überhaupt 
keiner Theologie. Zur Zeit Benedicts XII. und Clemens VL war 
nicht einmal ein Theologus an der Cathedrale***). Von den 
Orden, die dort Studien hatten, nämlich den Minoriten, Gister- 
ciensern, Augustinern und Garmeliten, werden aber Anfangs des 
14. Jhs. fast immer nur die Minoriten nebst den Dominicanern 
genannt. Sicher ist, dass bis zur Zeit Innocenz VI. selten in 
der Theologie die Grade ertheilt wurden*"), man gieng zu 



*83) Hist. de Languedoc ed. Privat VIII, 1185. 

^ Dies geht hervor aus dem Antwortschreiben, das die Definitorra 
des zu Pamiers im J. 1290 versammelten Provincialcapitels 'Viris venerabilibus 
ac dominis providis et discretis D. Tsamo de S. Paulo, venerabili cancellario, 
rectoribus quoque dominis doctoribus ac magistris, ac universitati scolariom 
studii Tholosani' sandten. Dieses Schreiben enthalten die Hss. mit den Acten 
der Capitel der Tolosanerprovinz , z. B. Cod. 780 zu Bordeaux (BL 219 a); 
Cod. Paris. 4348 Bl. 158a. S. auch Hist. de Languedoc ed. Privat YH, 
1. p. 593, und oben S. 130 Anm. 308. 

^ Dies erheUt aus dem Schreiben Benedicts XII. vom 28. November 1837 
an den Erzbischof, worin er sagt, quod plurimum decere conspicitur, nt in 
ecclesia vestra, que est nobilis et famosa, in habendo et tenendo ibidem 
magistrum theologum, qui personas docibiles in paginadoceatsupradicta(8acra), 
statutum ejusdem Concilii (Lateran.) inviolabiliter observetur. Er trägt ihm auf 
'unum magistrum theologum ydoneum qui sacerdotes et alios ad hoc habOei 
in predicta pagina doceat' zu bestellen. Bened. XII. Reg. (n. 123) ep» 384. 
Vgl. Reg. Avenion. Clem. YL t. 26 (an. 3) Bl. 106; t. 30 (an. 4) Bl. 206. 

486j Dagegen spricht nicht der Beschluss des Gapitels der Franciacaner 



3. Hochschulen mit päpstl. Stifthriefen. Toolonse. 337 

diesem Zwecke nach Paris, wie Rector et universitas studii 
ac capitularii civitatis Tolos. in ihrer 1360 an den Papst ge- 
sandten Supplik berichten. Stadt und Studium seien in lingua 
Occitana sollempniora, und zu den in der Stadt sowie in der 
ganzen Provinz bestehenden conventus soUennes ströme eine solche 
Menge zusammen von 4n theologica facultate provecti', wie kaum 
anderswo in Frankreich. Es sei aber misslich nach Paris zu gehen, 
um promoviert zu werden, da dies nur selten *propter preroga- 
tivam quandam, quam inibi obtinet provincia Francie', gelinge. 
Viele Fähige würden deshalb vom Studium der Theologie ab- 
gehalten, trotzdem ein Generalstudium in derselben *in reformatione 
pacis inter Romanam ecciesiam et comitem Tholosanum ordinante 
legato sedis apostolice' erlaubt worden sei, wie dies hinsichtlich an- 
derer Facultäten bisher der Fall gewesen sei. Der Papst möge also 
ein Generalstudium in der Theologie gewähren, 'et quod Cancellarius 
ecclesie Tholosane cum consilio magistrorum potestatem habeat 
dandi licentiam et magisterii diguitatem'. Zuletzt führen sie 
noch den interessanten Grund an, dass 4n regno Anglie, quod 
modica insula respectu regni Francorum existit, duo sunt generalia 
studia in facultate predicta' "^). Am l.October genannten Jahres 
gestand der Papst in der That in einem Schreiben, das die 
Supplik zum grossen Theil widerholt, ein Generalstudium und 
die Promotionen in der Theologie zu***). Es ist mithin falsch, wenn 
die Quarta vita Urbani V. berichtet, dass erst Urban V. dem Stu- 
dium die theologischen Grade zu ertheilen bewilligt habe***). 
Im J. 1366 gaben sich die Theologen die ersten Statuten. 

za Barcelona 1313, 'ut supposito priyilegio concesso uniyersitati Tolosae de 
conferendis in omni facultate gradibus magisterii . . . propter u^am et con- 
correntiam aliarum religionum constituerentur per ministrum generalem in 
conyentu Tholosano baccalarei presentandi et promoyendi ad magisteriam' 
(De Qubematis, Orbis seraphicus III, 22). Denn einmal wurde dieses Statut 
erst 1365 ausgeführt (ibid. p. 74 und Panfilo de Magliano, Storia di S. Fran- 
cesco 11, 542). Und dann kamen Fälle yon Promotionen wirklich yor, z. B. 
im J. 1346, als der Augustiner Galhardus de Acutis am 4. Juli die Erlaubniss 
erhalten hatte, *quod magistrari yaleat'. Reg. Clem. VI. Ayen. t. 34 Bl. 50 b. 

*«7) Reg. Suppl. Innocent. VI. an. 8 Bl. 301 a. 

«8) S. die Bulle in Eist, de Languedoc ed. Priyat VIT. Notes p. 551. 

^ Bei Baluze, Yitae paparum Ayenionen. (Paris. 1693) I, 420. 
Baloze selbst hat p. 1058 und 1442 das Richtige getroffen. 

D«nifU, IM« UniT6raiMt«n L 22 



338 in* Entwickelung der Hochschulen bis zmn Ende des 14. Jhs. 

In dem 1362 an Urban V. eingesendeten Rotulus suppli- 
cationum universitatis studii Tholosani erscheinen je ein Doctor 
resp. magister legum, decretorum, artium und medicine, und 
2 magistri in grammatica, 2 licentiati in decretis, 7 baccalarei 
in decretis, 8 in legibus und 3 in artibus*'^). Ein viel voll- 
ständigeres Bild gewährt uns der im J. 1378 an den Gegen- 
papst Clemens VII. eingesendete Rotulus"'). Es finden sich darin 
5 Magistri der Theologie, aus den verschiedenen Orden, 7 Doc- 
tores in decretis und 3 in legibus**"), 3 magistri in artibus 
und 3 in grammatica, die zugleich Scholares oder Baccalarei in 
decretis und einer in der Medicin waren. Dann werden 20 licentiati in 
decretis, 8 in legibus und 3 in artibus genannt. Darauf kommen 
die Baccalarei in decretis und legibus nach der Anzahl Jahre, 
welche sie bereits im betreffenden Fache gelesen hatten. Von den 
baccalarei juris can. im 6. Jahre 13, ebensoviele im 5., 11 im 
4., 26 im 3., 35 im 2., 56 im 1. Jahre. Von den Baccalarei im 
Jus civile erscheinen 5 im 7. Jahre, 7 im 6. und 5., 9 im 4., 
8 im 3., 15 im 2., und 11 im 1. Jahre. Von den Baccalarei 
in artibus, die zugleich Scholaren im jus civile oder can. 
waren, werden 47 genannt. Nun folgen die Scholaren im Jus 
canonicum. Im 8. Jahre 6, 9 im 6., 29 im 5., 50 im 4., 56 im 
8., 88 im 2. und 163 im 1. Jahre. Von den Scholares in legibus 
werden für das 8. Jahr 2, 11 für das 7., 12 für das 6., 17 für 
das 5., 10 für das 4., 15 für das 3., 33 für das 2. und 30 für 

^^) Reg. Suppl. ürbani V. an. 1 p 2 Bl. 17 a. 

*9i) Clem. VII. Reg. Suppl. an. 1. p. 7 Bl. 1 — 100. Interessante Rotuli 
befinden sich auch Reg. Suppl. Clem. YII. an. 16. Bl. 161a. 247 a, besonders 
aber Reg. Suppl. Bened. XIII. an. 1. Bl. 121—194. 

^91*) Die Theologen waren : Bernaldus Tholosani, Peter Aldeberti, Amaldus 
Bernardi (aUe drei Ord. Praed.), Guill. Chathalani, 0. M., Amaldus Ray- 
mundi, 0. Gist.; die Decretisten: Paul de Garrigia, Guill. Pelicerii, Peter 
Mercerii, Peter Ranati, Pelegrin de Fabo, Chatardus Aycardi, 0. S. A., 
Peter Yitalis; die Legisten: Arnaldus Auriola, Job. de Paluas (?), Guill. de 
Podio. Ueber die Rechtslehrer des 13. Jhs. s. Rodi^re L c. und Gatien- 
Arnoult, M^moires 1879. Der berOhmteste jener, die aufgezählt werden, ist 
Peter de Bellapertica. Allein w&hrend es sicher ist, dass er in Orleans, ehe 
far dort das Corporationsrecht im J. 1306 gewährt wurde, seine Lectura in 
Cod. verfasst hatte, wie sich aus vielen Stellen derselben ergibt, ist es nicht 
so gewiss, dass er auch in Toulouse gelehrt habe. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stiftbriefen. Touloase. 339 

das 1. Jahr erwähnt. Als Scholaren in artibus erscheinen 244, 
in grammatica 296. In Summa 1385. Und doch fehlen die 
Schüler der Theologie und Medicin, sowie ja auch die Mitglieder 
der angeführten Facultäten , wie überhaupt in jedem Rotulus 
jener Zeit, unvollständig erwähnt werden. Das wird jedoch 
klar, dass die Universität Toulouse nicht unbedeutend war. 
Collegien für arme Schüler erhielt Toulouse nicht spät 
Zu den ältesten gehören das Collegiura de Verdala, testamentarisch 
5. December 1337 von Arnaldus de Verdala, dem spätem Bischöfe 
von Maguelone, für 12 Scholaren errichtet, und bestätigt von 
Clemens VI. am 25. August 1343; und das Colleg des Bürgers 
Peter Berengarii, approbiert 29. Jänner 1344*"). Wichtiger wurde 
das von Innocenz VI., der einst in Toulouse studiert und den Doctor- 
grad in jure civili erhalten hatte, am 1. September 1359 gegründete 
Colleg. Er gab dazu sein eigenes Haus in Toulouse mit allem Zuge- 
hör und sämmtlichen Einkünften; darin haben 20 pauperes clerici 
coUegialiter zu leben; den Gottesdienst müssten vier Priester leiten. 
Von den Scholaren sollen 10 Jus can. und 10 jus civile studieren; 
zu ihrem fernem Unterhalte wies ihnen der Papst unter anderm 
25000 Goldgulden 'manualiter' an und schrieb ihnen die Lebens- 
ordnung vor*^^). Das Collegium, nach dem hl. Martialis benannt, 
erfreute sich der besondern Gunst dieses Papstes*'*), wie ja von 
den Päpsten schon frühe für arme Schüler in Toulouse gesorgt wurde. 
Bereits Innocenz IV. trug 1245 dem Erzbischof von Toulouse 
auf, die armen Scholaren, 'qui desiderio discipline a propriis 
domibus longius recedentes, vigiliis et laboribus plurimis mace- 

*^) Reg. Vat. Avenion. tom. 21 Bl. 257—267. Cod. Paris. 4223 Bl. 1. 
Mittels (des inserierten) Testamentes vermacht Arnald seine aus 144 Bänden 
bestellende Bibliothek dem Colleg. Wegen des Fetri Berengarii s. Reg. 
Clem. VL Avenion. 1. c. Bl. 92. Beide Collegien, sowie jene S. Riy- 
mundi de Narbona, de Lamayvaderia, de Monte Lauduno befanden sich zu 
Urbans V. Zeit in ungeordneten Verhältnissen. Reg. Aven. t. 10 Bl. 427. 

*W) Reg. Vat. Avenion. tom. 21 Bl. 30ff. Reg. Clemens VII. an. 1 Bl. 207 b. 

*9*) S. die Bullen in Reg. Vat. Avenion. 1. cit. Bl. 28—30. 33. 34. t. 20 
Bl 70; t. 22 Bl. 27-30; t. 24 Bl. 317. 516; t. 26 Bl. 586; t. 27 Bl. 111. 523. 
Cod. Paris. 4223 Bl. 25—107 enthält eine von Baluze veranstaltete Sammlung von 
ActenstOcken, welche sich auf das genannte Colleg beziehen. Nicht unin- 
teressant sind die Notizen bei Jourdain Ober dieses und andere Collegien 

in der Revue des soci^t^s savantes, 1862, p. 406 ff. 

22* 



340 ^11« Entwickelung der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

rantur, in hospitalibus de Tholosa' aufzunehmen und dort für sie 
zu sorgen ^^'), ein Gebot, das Johann XXn. am 3. September 
1329 erneuerte*^*). Rasch folgten auf die genannten Collegien 
die Gründung des CoUegiums Petragoricense durch Card. Talay- 
rand (1360 resp. 1363)*"), des Collegs de Maguelone durch 
Audoyn Card, von Ostia (1363)*"), jenes des Jobann card. 
(S. Marci) von Nimes (1367)*"), des CoUegiums s. Catharinae 
(1382)*°°) u. s. w. 

Montpellier. 
Montpellier, in jener Zeit, um die es sich hier bandelt, 
noch nicht zur französischen Krone gehörig, bereitet dem Forscher 
mehr Schwierigkeit als andere Hochschulen. Um so grössere Ge- 
nauigkeit erfordert die Untersuchung"*). Zwei Wissenszweige 
kommen hier vor Allem in Betracht, die Medicin und das Jus. Die 
Artes waren, scheint es, nur anfanglich in BlQthe, und die Theologie 
wurde erst von Martin V, am 17. December 1421 erlaubt. 



*95) Hist. de Languedoc ed. Privat VIII, 1188. 

*9€) Reg. Vat. an. 13. p. 4. ep. 2917. 

^97) Cod. Paris. 4223 Bl. 108 ff. Die Angabe Joardains 1. c. p. 412 
Anm. 1 über einen V^Tidcrsprach zwischen dem Todesjahr des Cardinais und 
dem Datum der Stiftung entbehrt der Begründung. 

^9») Ibid. Bl. 135. Bei Jourdain p. 414 falsches Datum. 

499) Ibid. Bl. 146. 

^0) Ibid. Bl. 151 ff. Es wurde durch Peter de Monteruc, Bischof von 
Pampelona gegründet. 

^1) Was Haeser, Lehrb. der Gesch. der Medicin, I, 654 ff. über die 
Universität Montpellier sagt, ist wie aUes im Buche höchst unkritisch. Hätte 
Häser Germain's Hist. de la commune de Montpellier (Montpellier 1851) 
III, 1 ff. gekannt, würde die Darstellung anders ausgefallen sein. Auf weitere 
seither erschienene Schriften Germains komme ich noch zu sprechen. Aus älterer 
Zeit bieten nunmehr nur Astruc, M^moires pour servir ä l'histoire de 
la facult^ de medecine de MontpeUier, Paris 1767 und Aigrefeuille, Eüst 
eccl^siastique de la ville de Montpellier (Montpellier 1739; die zweite Aas- 
gabe, ni, 509 ff. bringt nichts Neues) H, 339 ff. Interesse und manche Quellen. 
Völlig enttäuscht wird man durch die Schrift Dubouchet's, Les anciens 
diplomes de Tecole de medecine de Montpellier (Montpellier 1884), denn 
während man dem Titel nach wirklich alte Diplome erwartet, findet man 
darin nur solche aus dem 18. Jh. Jegliche Quellenangabe und zumeist die 
Kritik fehlt bei Alexis Monteil, La medecine en France par Pilenr (Paris 1^73), 
ein wtlrdiges Seitenstück zu Häsers Geschichte. 



3. Hochschulen mit p&pstl. Stiftbriefen. Montpellier. 341 

Wie weit das Studium der Medicin in Montpellier zurück- 
reicht ist nicht bekannt. Die älteste Nachricht von demselben 
ist uns in der Vita Adelberti II von Mainz erhalten, der circa 
1137 vor seiner Rückkehr nach Mainz die gelehrten Aerzte in 
Montpellier hörte *°^), nachdem er früher in Reims und in Paris 
sich den Studien gewidmet hatte. Von dieser Zeit an werden 
die Nachrichten über die medicinische Schule in Montpellier 
häufiger *°^). Ein wichtiges Document bildet die Erklärung 
Wilhelms VIII., Herrn von Montpellier, vom Jänner 1181****). 
Er sprach sich gegen jede Monopolisierung der medicinischen 
Wissenschaft durch Einzelne aus; alle, wer immer sie seien und 
woher sie kämen, könnten die scolas de fisica in Montepessulano 
leiten, sie hätten dazu volle Freiheit. 

In grosser Blüthe traf diese Schule der Cardinal Conrad, 
als er ihr am 17. August 1220 die ersten Statuten *°*) gab, 
d. i. um jene Zeit, in der Caesar v. Heisterbach Montpellier 
'fons artis physice' nannte *°'). Wir finden dort bereits eine 
*üniversitas medicorum, tam doctorum quam discipulorum', einen 
*Cancellarius universitatis scolarium', der vom Bischof von Mague- 

^) S. Jaflf6, Bibl. rer. germ. III, 592. 

«>3) S. Germain, Histoire etc. p. 73 f. und I, LXXVf., L'6cole de m6- 
decine de MontpeUier, Montpellier 1880 p. 7 f. Kürzere Notizen finden sich 
auch in dessen La mMecine arabe et la medecine grecque k Montpellier 
(1879) p. 1 f. Uebersehen wird in der Regel Alexander Neckam, De naturis 
remm ed. Wright, p. 311, wo Montpellier auf eine Linie mit Salerno ge- 
stellt ist. 

^^) Es heisst : anno ab incamatione . . . MCLXXX mense Januarii. Es 
war also 1181 (nach unserer Rechnung), und nicht, wie man fast fort- 
wihrend widerholt, 1180. S. den oft reproducierten Text bei Gariel, Series 
praesulum Magalonensium. Tolosae 1665, I, 229. Aigrefeuille 1. c. p. 342. 
Qermain, Hist. de la commune etc. I, LXXVII und L'^cole de mMecine 
etc. p. 8. 

-- 505) Im Eingange desselben steht: Sane cum dudum medicinalis 
scientie professio sub gloriosis profectuum titulis in Montepessulano claraerit, 
flomerit et fructuum fecerit ubertatem multipliciter in diversis mundi par- 
tibus salnbrem, tanto ad conservationem medicinalis studii duximus statuen- 
dum etc. Aigrefeuille 1. c. p. 343. Germain, Hist de la commune etc. III, 
418. L. y. Stein hält die Bestimmung des Cardinais, die er nattlrlich nie 
tu Gesicht bekam, für eine päpstliche Bulle. L. c. 8. 284. 

60«) Dial. mirac. ed. Strange 1. 7. c. 25. Verfasst 1221—1222. 



342 m* Entwickelung der Hochschalen bis zum Ende des 14. Jbs. 

lone und von drei von ihm beigezogenen Magistern gewählt und 
eingesetzt wird; die Promotionen, die vor dem Bischöfe von Mague- 
lone im Vereine mit den Regentes vorgenommen werden müssten, 
und die Gerichtsbarkeit, die der Kanzler haben soll, werden 
hier ebenfalls geordnet, u. s. w.*°^). Der apostolische Legat 
Guido, Bischof von Sora, bestätigte am 15. Juni 1239 diese Sta- 
tuten unter Beifügung der neuen Verordnung, Niemand dürfe 
zur ärztlichen Praxis übergehen, ausser wenn er durch zwei, vom 
Bischöfe von Maguelone de coUegio magistrorum gewählten Ma- 
gistern geprüft und approbiert ist und sich mit einem darüber 
vom Bischöfe und den Examinanten ausgestellten Zeugniss aus- 
weisen kann; nur die Chirurgen brauchten keine Prüfung abzu- 
legen'"®). Es unterliegt keinem Zweifel, dass für diese Be- 
stimmung das betreffende Statut des Gesetzbuches Friedrichs II 
für Salerno vom J. 1231 das Vorbild war*"*), nur mit dem 
Unterschiede, dass sich in Montpellier vollends der geistliche 
Charakter der Schule offenbart""), während in Salerno im 13. Jh. 
sich keine Spur mehr davon zeigt. Auch Alexander IV. bestätigte 
am 28. Februar 1258 die Statuten vom J. 1220'*'), Jacob I. 
von Aragon aber im J. 1272 und Jacob II. im J. 1281 kamen 



^^) Bei Aigrefeaüle und Germain 1. c. 

5<J8) Astruc 1. c. p. 40. Germain 1. c. p. 422. 

&09) S. oben S. 235. 

^^0) Es ist merkwürdig, dass Häser die frische und freie Richtung 
der medicinischen Schule zu Montpellier und die grosse Bedeutung der- 
selben für die Geschichte des geistigen Lebens im Mittelalter, ja ihre Prae- 
ponderanz über jene von Salerno im 13. Jh. der Unabhängigkeit von Rom 
und den wahrscheinlich eben deshalb zu Montpellier in nicht geringer Zahl 
studierenden jüdischen Gelehrten zuschreibt (I, 655). Nachdem man sich 
jetzt überzeugt hat, dass die Seele der medicinischen Schule zu Montpellier 
kirchliche Organe waren, wird man sich wohl der entgegengesetzten Be- 
hauptung zuneigen, die Schule zu Montpellier sei in Fesseln geschlagen ge- 
wesen, die Frische Salernos habe in Folge des Einflusses des geistlichen 
Princips gemangelt und deshalb die Schule selbst tief unter jener von Salerno 
gestanden. Denn das ist ja ein Dogma der Gegenwart, dass wo 'die Leiter der 
Christi. Gemeinde im Spiele sind', sich 'keine freiere Menschlichkeit' ent- 
falten könne (S. Grimm, Ueber Schule, Universität, Academie, in Kleinere 
Schriften I, 218) 

511) Die Bulle bei Astruc 1. c. p. 41. 



3. Hochschulen mit päpstl. Stifthriefen. Montpellier. 343 

im Grunde auf die Verfügung des Bischofs von Sora, ohne ihn 
jedoch zu nennen, zurück**'). 

Im J. 1240***) entstand unter den Doctoren in Bezug auf 
die Statuten vom J. 1220 eine Entzweiung, und sie bestellten 
'consentiente Magalonensi episcopo' den Rector der Kirche Saint- 
Firmin, Peter de Conchis, und den Franciscaner Hugo Mancii 
als Schiedsrichter; was diese in Bezug auf jene Statuten fest- 
setzten, corrigierten , änderten u. s. w., würden sie durchaus 
annehmen. In Folge davon entwarfen die beiden Schiedsrichter 
neue Bestimmungen die theils als Erklärung, theils als Er- 
gänzung der alten Statuten anzusehen sind*"). Diese Sta- 
tuten sind um so interessanter, als sie uns die Universitas der 
Mediciner vollständig organisiert, mit den verschiedenen Gra- 
den, den lectiones ordinarie und cursorie, den Disputationen 
u. s. w. zeigen. Nicht weniger Interesse bieten sie auch dadurch, 
dass sie den geistlichen Charakter der Schule darlegen. 

Wie steht es nun um die juristische Schule zu Montpellier? 
Die erste Notiz über dieselbe reicht in die Zeit des Placentinus, 
der Ende des 12. Jhs. dort zu widerholten Malen lehrte***), 
und daselbst auch im J. 1192 starb***). Als einen seiner Nach- 
folger bezeichnete man Azo**^), was jedoch von Sarti***) und 
Savigny**'') bestritten wurde. Beide meinten, es sei dies eine 

*i2) s. Astruc 1. c. p. 35. 36. und Germain 1. c. p. 91 Anm. 1. 

M3^ Am 14. und 21. Jänner 1239, d. i. nach unserer Rechnung 1240. 

*^*) Vollständig abgedruckt bei Germain 1. c. p. 424 flf. 

515) S. Savigny, Gesch. des Rom. Rechts IV, 251 f. Die eine seiner 
Summen trägt schon in den ältesten Hss. die Ueberschrift : Incipiunt summe 
iDBtitutionum a Placentino composite apud Montempessulanum. Hs. aus der 
ersten Hälfte des 13. Jhs. n. 82 im Capitelsarchiv zu Vieh in Spanien. Die 
andere, zum Codex, hat eine ähnliche Ueberschrift a. a. 0. und im Cod. Paris. 
4539. 14612. S. auch Savigny 1. c. S. 270 f. 273. Placentin selbst kommt 
auf seinen Aufenthalt und sein Lehramt zu Montpellier in der von ihm an- 
gefangenen und von Pilius fortgesetzten Summa trium librorum zu sprechen. 
Cod. Vat. 2313. 

516) s. Germain 1. c. I, LXXIII Anm. 1. und fitude historique sur 
l'^cole de droit de Montpellier (Montpellier 1877) p. 6. 

517) s. darüber Germain, Histoire etc. III, 9. £tudc etc. p. 8. 

518) De claris Archigymn. Bonon. profess. I, 93, wo sich auch der Nach- 
weis findet, wie man auf die Verwechslung des Placentin mit Azo kam. 

519) V, 4 Anm. 6. 



344 UI. Entwickelong der Hochschulen bis zum Ende des 14. Jhs. 

Verwechslung mit Placentinus. Schulte glaubte dagegen aus 
einer Hs. den sichern Beweis gegen Savigny erbracht zu haben, 
dass Azo wirklich in Montpellier gelehrt habe. Abbas antiquus 
sage nämlich in seiner Lectura ad Decrctales Gregorii*"): Do- 
minus az. (Azo) aliquo tempore füit in opinione Ja. bal(duini), 
postmodum dum regeret in provincia contrarium tenuit"*). 
Allein Schulte ist seiner Ansicht wie immer zu gewiss. Er hat nur 
die jüngere Hs. I. B. 4 des Böhm. Museums in Prag für sich. 
Dagegen stehen aber elf alte Hss., die Schulte hiefür nicht ein- 
gesehen hat, in denen sich nicht 'az.', sondern 'baz.' oder 'baci- 
anus' findet, d. i. also, der Legist Johannes Bassianus"'), eine 
Leseart, die auch sonst bestätigt wird"'). Allerdings ist die 
Stelle nicht so aufzufassen, als habe Johann Bassianus die An- 
sicht dem Jacob Balduini entlehnt, denn dieser lebte später als 
jener. Sie besagt vielmehr, dass Johann Bassianus, ehe er in 
provincia las, dieselbe Ansicht vertrat wie nach ihm Jacob Balduini 



^^^) Zu c. Raynutius (nicht Raynaldus, wie Schulte sagt) 16. X de test 
et ult. volunt. (3, 26). 

Ö21) Sitz. Ber. d. kais. Aead. d. Wiss. phil. hist. Cl. LXVIII, 91 Anm. 
Die Gesch. d. Quellen d. can. Rechts II, 130 Anm. 1. 

^^) lu I. B. 3 des Böhm. Museums, und in I. 15 des Metropolitan- 
kapitels zu Prag steht *baz' (Schulte gibt die falsche Signatar I. 14 an). Im 
Cod. Burghes. 231 (13—14. Jh ) steht ausgeschrieben: dominus Bacianus, 
im Cod. Yat. 2542 BI. 62b, Codd. P. II. 8 u. 9 zu Bamberg: dominus baz. Im Cl. 
monac. 6349 BI. 149: dominus bazian. (n. 6350 enthält nicht, wie Schulte irrthüm- 
lich behauptet, den Abbas antiquus, sondern wie der Catalog richtig angibt Inno- 
cenz IV. Im Cataloge wurde nur durch Versehen das Initium des Abbas antiquus 
angegeben). Diplovatacius hatte ebenfalls dieselbe Leseart, wie die eben er- 
wähnte, worauf Schulte selbst I, 154 Anm. 1 hinweist, was er aber im 
2. Bande vergessen zu haben scheint. In den Codd. Paris. 4011 (BI. 64*)i 
4011b (BI. 73^), 4010 (BI. 95*), Cod. 61 BI. 170a in Admont steht durch- 
gehends 'dorn. Bacianus.' Schulte hat sich auch in Betreff der Hs. zu Leipzig 
n. 1024 getäuscht. Nur der Beginn des Apparatus ist vom Abbas antiquos» 
die Fortsetzung (incomplet) rOhrt meist von Petrus de Sampsone her. 

523) Peter Jacob d'Aurilac, Professor des röm. Rechts zu Montpellier, 
nennt 1311 als seine predecessores: Rotgerus, Placentinus et Johannes 
(Pari?, Nationalbibl. n. 2260 nouv. acquis. lat. BI. 1). Es wäre jedoch mög- 
lich, dass Peter unter predecessores nicht die Vorgänger im Lehramte zu 
Montpellier (denn dann wäre auch Roger dort gewesen), sondern die Vor- 
gänger in Abfassung yon Summen gemeint hat. 



3. Hochschalen mit p&pstl. Stiftbriefen. Montpellier. 345 

Eines ist sicher, dass nämlich nach Placentin noch ein 
anderer grosser Rechtslehrer zu Montpellier las, denn unter 
'provincia' ist Montpellier gemeint, zu der damals selbst noch 
Beziers gerechnet wurde"*); in der ganzen Provincia kann aber 
nur Montpellier als Rechtsstudium in Betracht kommen "*•). Wir 
hören nun nichts mehr tlber die Rechtsschule bis 1230, in 
welchem Jahre Ludwig IX. dem Bischof von Maguelone die 
Vollmacht ertheilte, den Eid der Treue und des Gehorsams *a 
licentiandis et doctorandis in facultate canonica seu civili in 
studio ville Montispessulani' abzunehmen*"). Dann herrscht wider 
langes Schweigen bis zum J. 1268. König Jacob I. von Ara- 
gon gab in diesem Jahre dem Rechtslehrer G. Seguerii"*) 
licentiam in Montepessulano iura docendi civilia. Der Bischof 
von Maguelone excommunicierte letztern sowie jeden, der bei ihm 
hören würde, worüber sich der König beim Papste Clemens IV. 
beklagte*"). Dieser nahm jedoch am 31. Mai desselben Jahres 
den Bischof in Schutz mit der Bemerkung, a longissimis retro 
temporibus habe der Bischof in andern Facultäten die Licenz ver- 
liehen ; obgleich er es nun in dieser (nämlich im Ci vilrechte) nicht 
zu thun gewohnt wäre, da die Licenz nicht verlangt worden sei, 
indem sich dazu keine Gelegenheit geboten hätte, 'ubi nee studentium 
vel docentium numerus exigebat', so müsse doch auch hier der Usus 
der andern Facultäten eingehalten werden. Er selbst habe dem 
besondern Auftrage Urbans IV. gemäss 'in aula episcopi doc- 
torum et scolarium multitudine convocata' die Licenz ertheilt 
und das Buch übergeben, *solita solemnitate conservata' *")• 

^2^) Nach Abbas antiquus war aach noch ein anderer Rechtslehrer in 
Montpellier *per triennium\ Zu 2, 2 c. Dileeti. Cod. Vat. 2542 Bl. 34. 

^^) So sagt Wilh. Durantis, der in der Gegend Ton Beziers gebürtig 
war: N08 aotem provinciales etc. Speculum 1. 4 tit. de feudis n. 2. 

5») S. Hist. de Languedoc ed. Privat, VIII, 927. Vgl. dazu VI, 661. 
Baluze, Vitae paparum Avenion. (Parisiis 1693) I, 976. Call. Christ. VI, 764. 

^^) In einem Schreiben des Erzbischofs Gasbert von Arles vom 12. Oct. 
1339 wird ein Mag. Celestinus Sequerii clericus conjugatus de Montepessu- 
lano excommuniciert (Arch. Vat. Instr. misc. an. 1339 n. 53), der wenngleich 
verschieden vom obigen, doch aaf dessen Namen hinweist. 

&27) Die Geschichte steht confus bei G